DIE GEISTIGE SONNE
Band 1 (GS)
Mitteilungen
über die geistigen Lebensverhältnisse des Jenseits.
Durch das Innere
Wort empfangen von Jakob Lorber.
Nach der 5.
Auflage.
Lorber-Verlag –
Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte
vorbehalten
Copyright © 2000
by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Das Reich Gottes
[GS.01_000,01]
Des Weltgewühles laute Stimme schweigt. – – / Wir schau'n empor zu stillen
Geisterhöhen, / und des Gemüts verklärte Blicke sehen, / wie sich der Wahrheit
Reich zur Erde neigt. / Um unsre Seele spielt sein Himmelslicht, / durch unser
Wesen strömt sein heilig Feuer. / Und aus des Herzens tiefsten Quellen bricht /
das ew'ge Leben zu des Bundes Feier.
[GS.01_000,02]
Wie wundergroß ist Gottes Reichsgebiet! / Es dehnt sich aus in aller Zeiten
Ferne, / umschlingt die Erd und zahllos viele Sterne / und ist, wo nur ein Herz
fürs Gute glüht! / Wer hat in ihm die Bürgerzahl erspäht? / Wer kennet seiner
Kräfte Füll' und Regen, / die Saaten all, unendlich hier gesät, / und des
Gedeihns und Reifens goldnen Segen?
[GS.01_000,03]
Hier weht der Geist des Vaters, still und rein! / Hier ist in vollster Kraft
der Freiheit Walten! / Die Hoffnung blüht, und Glaubens Lichtgestalten / ergehn
sich in der Liebe Frühlingsschein. / Das Hochvertrau'n blickt zur Vollendung
hin, / die Demut in ihr eignes Licht, errötend. / In tiefstem Frieden ruht
versöhnter Sinn. / Es kniet die Andacht, hochbegeistert betend.
[GS.01_000,04]
Des Reiches Sonne ist des Vaters Geist! / Wie sich die ew'gen Geister um Ihn
schwingen, / sich stets Ihm nah'n in engern Ringen, / bis ganz ihr Leben in das
Seine fleußt! / Wer wird nicht seiner Kindschaft sich bewußt? / Wer fühlt nicht
schmerzlich, was im Staub ihm fehle? / Ein tiefes Heimweh glüht in unsrer
Brust, / nach ihrem Urquell lechzt die durst'ge Seele.
Jakob Lorber
DIE GEISTIGE
SONNE
Ich bin das
Licht der Welt; wer Mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis,
sondern wird das Licht des Lebens haben.
Johannes 8,12.
1. Kapitel – Die
geistige Sonne – ein Gnadenfunke aus dem Herrn.
[GS.01_001,01]
Bevor wir uns in die eigentliche geistige Sonne begeben können, müssen wir
zuvor wissen, wo diese ist, wie sie mit der naturmäßigen Sonne zusammenhängt
und wie sie beschaffen ist.
[GS.01_001,02]
Um von der ganzen Sache sich einen möglichst vollkommenen Begriff machen zu
können, muß zuerst bemerkt werden, daß das Geistige alles dasjenige ist,
welches das Allerinnerste und zugleich wieder das Allerdurchdringendste,
demnach das Alleinwirkende und Bedingende ist.
[GS.01_001,03]
Nehmet z.B. irgendeine Frucht; was ist wohl deren Innerstes? Nichts als die
geistige Kraft im Keime. Was ist denn die Frucht selbst, die mit all ihren
Bestandteilen für die Deckung und Erhaltung des innersten Keimes da ist? Sie
ist im Grunde wieder nichts anderes als das von der Kraft des Keimes
durchdrungene äußere Organ, welches sich in allen seinen Teilen notwendig
wohltätig wirkend zum vorhandenen Keime verhält.
[GS.01_001,04]
Daß die äußere Frucht ein von der geistigen Kraft des Keimes bedingtes Organ
ist, geht ja auch schon aus dem hervor, daß nicht nur die Frucht, sondern der
ganze Baum oder die ganze Pflanze aus dem geistigen Keime hervorgeht.
[GS.01_001,05]
Was ist demnach das Geistige? Das Geistige ist fürs erste die innerste Kraft im
Keime, durch die der ganze Baum samt Wurzeln, Stamm, Ästen, Zweigen, Blättern,
Blüten und Früchten bedingt ist. Und wieder ist es das Geistige, das all diese
genannten Teile des Baumes wie für sich selbst oder für die eigene Wohltat durchdringt.
[GS.01_001,06]
Das Geistige ist sonach das Inwendigste, das Durchdringende und somit auch das
Allumfassende. Denn was da ist das Durchdringende, das ist auch das Umfassende.
[GS.01_001,07]
Daß solches richtig ist, könnt ihr an so manchen Erscheinungen in der Natur
beobachten. Nehmet fürs erste eine Glocke. Wo ist wohl der Sitz des Tones in
ihr? Werdet ihr sagen: mehr am äußeren Rande oder mehr in der Mitte des
Metalles oder mehr am inneren Rande? Es ist alles falsch. Der Ton ist das
inwendigste in den materiellen Hülschen verschlossene geistige Fluidum.
[GS.01_001,08]
Wenn nun die Glocke angeschlagen wird, so wird der Schlag von dem inwendigsten
Fluidum, welches als ein geistiges Substrat höchst elastisch und dehnbar ist,
als ein seine Ruhe störendes Etwas wahrgenommen. Dadurch wird das ganze
geistige Fluidum in ein freiwerdenwollendes Bestreben versetzt, was sich dann
in anhaltenden Schwingungen zu erkennen gibt. Wird die äußere Materie mit einer
andern Materie bedeckt, welche von nicht so leicht erregbaren geistigen
Potenzen durchdrungen ist, so wird diese Vibration der erregbaren geistigen
Potenzen, vielmehr ihr freiwerdenwollendes Bestreben, bald gedämpft. Eine
solche Glocke wird bald ausgetönt haben. Ist aber die Glocke frei, so dauert
die tönende Schwingung noch lange fort. Umgibt sie noch dazu von außen ein sehr
erregbarer Körper, etwa eine reine, mit Elektrizität gefüllte Luft, so wird
dadurch das Tönen noch potenzierter und breitet sich weit in einem solchen
miterregbaren Körper aus.
[GS.01_001,09]
Wenn ihr nun dieses Bild ein wenig betrachtet, so wird euch daraus notwendig
klar werden müssen, daß hier wieder ein Geistiges das Inwendigste, das
Durchdringende und das Umfassende ist. Wir wollen aber noch ein Beispiel
nehmen.
[GS.01_001,10]
Nehmet ein magnetisiertes Stahleisen. Wo ist in dem Eisen die anziehende oder
abstoßende Kraft? – Sie ist im Inwendigsten, d.h. in den Hülschen, welche
eigentlich die beschauliche Materie des Eisens darstellen. Als solche
inwendigste Kraft durchdringt sie die ganze Materie, die für sie kein Hindernis
ist, und umfaßt dieselbe allenthalben. Daß dieses magnetische Fluidum die
Materie, der es innewohnt, auch äußerlich umfaßt, kann ein jeder leicht aus dem
Umstande erkennen, wenn er sieht, wie ein solches magnetisches Eisen ein ferne
gelegenes Stückchen ähnlichen Metalles anzieht. – Wäre es nicht ein umfassendes
und somit auch ein über die Sphäre der Materie wirkendes Wesen, wie könnte es
einen ferne liegenden Gegenstand ergreifen und denselben an sich ziehen?
[GS.01_001,11]
Wir wollen zum Überfluß noch ein paar kurze Beispiele anführen. Betrachtet
einen elektrischen Konduktor oder eine elektrische Flasche. Wenn ein solcher
Konduktor oder eine solche Flasche mit elektrischem Feuer von einer geriebenen
Glastafel aus angefüllt wird, so durchdringt dieses Feuer die ganze Materie und
ist sodann zugleich ihr Inwendigstes und ihr Durchdringendes. Wenn ihr euch
aber einer solchen Flasche oder einem Konduktor nur ein wenig zu nahen
anfanget, so werdet ihr alsbald durch ein leises Wehen und Ziehen gewahr, daß
dieses Fluidum die ganze Materie der Flasche und des Konduktors umfaßt.
[GS.01_001,12]
Und noch ein sprechenderes Beispiel gibt sich euch in matten Umrissen wohl bei
jedem Menschen wie auch bei anderen Wesenheiten kund; am augenscheinlichsten
aber wird es bei den Somnambulen. Wie weit nämlich ein Magnetiseur und eine von
ihm behandelte Somnambule sich gegenseitig rapportieren können, werden schon so
manche von euch die lebendigsten Erfahrungen gemacht haben. Wäre nun der Geist
ein bloß inwendigstes und nicht zugleich auch ein durchdringendes Wesen, so
wäre fürs erste schon keine sogenannte Magnetisierung möglich; und wäre der
Geist nicht auch zugleich das Umfassende und das alles Ergreifende, saget, wie
wäre da wohl ein ferner Rapport zwischen einem Magnetiseur und einer Somnambule
möglich? – Ich meine, wir haben der Beispiele genug, um aus denselben zu
entnehmen, wo, wie und wiegestaltet das Geistige sich überall, somit auch
sicher in, durch und bei der Sonne ausspricht.
[GS.01_001,13]
Die geistige Sonne ist somit das Inwendigste der Sonne und ist ein Gnadenfunke
aus Mir. – Dann durchdringt das Geistige mächtig wirkend die ganze Materie der
Sonne, und endlich ist es auch das die ganze Wesenheit der Sonne Umfassende.
Solches demnach zusammengenommen ist die geistige Sonne. Diese Sonne ist die
eigentliche Sonne, denn die sichtbare materielle Sonne ist nichts als nur ein
von der geistigen Sonne bedingtes, ihr selbst wohltätiges Organ, welches in all
seinen Teilen so beschaffen ist, daß sich in und durch dieselben das Geistige
äußern und sich eben dadurch selbst wieder in seiner Gesamtheit völlig
ergreifen kann.
[GS.01_001,14]
Wer demnach die geistige Sonne schauen will, der sehe zuvor ihre äußere
Erscheinlichkeit an und bedenke dabei, daß alles dieses von der geistigen Sonne
in allem einzelnen wie im gesamten durchdrungen und umfaßt ist, so wird er
dadurch schon zu einer schwachen Vorstellung der geistigen Sonne gelangen.
[GS.01_001,15]
Denke er sich aber noch hinzu, daß alles Geistige ein vollkommen Konkretes ist
oder ein sich allenthalben völlig Ergreifendes, während das Naturmäßige nur ein
Teilweises, Getrenntes, sich selbst gar nicht Ergreifendes ist. Wenn es als
zusammenhängend erscheint, so ist es das nur durch das innewohnende Geistige.
Dadurch wird die Anschauung einer geistigen Sonne schon heller werden, und es
wird sich der Unterschied zwischen der naturmäßigen und der geistigen Sonne
immer deutlicher aussprechen.
[GS.01_001,16]
Damit ihr jedoch solches stets klarer einsehen möget, so will Ich euch wieder
durch einige Beispiele zu einer klaren Anschauung verhelfen. – Nehmet
allenfalls eine kleine Stange edlen Metalles. Wenn ihr sie im rohen Zustande
betrachtet, so ist sie dunkel und rauh. So ihr aber dieselbe Stange schleifet
und sie dann fein polieret, wie sehr wird sie sich jetzt in einem ganz anderen
Lichte denn zuvor zeigen und ist doch noch immer dieselbe Stange. Was ist wohl
der eigentliche Grund der Verschönerung dieser Stange? Ich sage euch, ein ganz
einfacher. Durch das Schleifen und Polieren sind die Teile an der Oberfläche
der Stange näher aneinandergerückt und gewisserart miteinander verbunden
worden. Dadurch wurden sie ebenfalls mehr konkret und sich gegenseitig mehr
ergreifend und auch gewisserart, wenn ihr es so nehmen wollet, wie völlig
gleich gesinnt. Im ehemaligen rohen Zustande, der da noch ein getrennter war,
standen sie sich wie feindselig gegenüber. Ein jedes also getrennte Teilchen
wucherte für sich selbst mit den nährenden Strahlen des Lichtes, verzehrte
dieselben nach seiner möglichen Begierde und ließ dem Nachbar nichts übrig. Im
polierten Zustand, der ein geläuterter oder gereinigter genannt werden kann,
haben sich diese Teile ergriffen. Durch dieses Ergreifen werden die
auffallenden Strahlen des Lichtes zu einem Gemeingut, indem nun kein einzelnes
Teilchen dieselben mehr für sich behalten will, sondern schon den kleinsten
Teil allen seinen Nachbarn mitteilt. Was geschieht dadurch? – Alle haben des
Lichtes in übergroßer Menge, so daß sie den Reichtum bei weitem nicht
aufzuzehren imstande sind; und der Überfluß dieses nun allgemeinen
Strahlenreichtums strahlt dann als ein herrlicher harmonischer Glanz von der
ganzen Oberfläche der polierten Goldstange zurück.
[GS.01_001,17]
Verspürt ihr schon etwas, woher diese Herrlichkeit rührt? Von der Einigkeit
oder von der Einswerdung. Wenn demnach das Geistige ein Vollkommenes, in sich
Einiges ist, um wie viel größer muß da die Herrlichkeit des Geistigen sein, als
die seines Organes, welches nur ein Teil – oder Stückweises ist, und eben
dadurch auch ein Selbstsüchtiges, Eigennütziges und somit Totes!
[GS.01_001,18]
Betrachten wir ein anderes Beispiel. Ihr werdet sicher schon den rohen
Kiesstein gesehen haben, woraus das Glas verfertigt wird. Läßt solcher rohe Kies
die Strahlen so wie sein Kind, das Glas, ungehindert durchpassieren? O nein;
solches wißt ihr recht gut. Warum aber läßt ein solch roher Kiesstein die
Strahlen nicht durchpassieren? Weil er in seinen Teilen noch zu getrennt ist
und viel zu wenig einig in sich. Wenn die Strahlen auf ihn fallen, verzehrt
jedes seiner Teilchen die Strahlen für sich und läßt entweder garnichts oder
nur höchstens gewisserart den Unrat der aufgenommenen Strahlen seinem
allfälligen Nachbar übrig. Wie ist es demnach aber, daß sein Kind, das Glas,
also freigebig wird? Sehet, der Kiesstein wird fürs erste klein zerstoßen und
zermalmt. Dadurch hat gewisserart ein jedes Teilchen dem andern absterben
müssen oder es hat müssen von ihm völlig getrennt werden. Darauf wird solcher
Kiesstaub gewaschen. Ist er gewaschen, dann wird er getrocknet, mit Salz
vermengt, kommt in den Schmelztiegel, wo die einzelnen getrennten Stäubchen
durch das Salz und den gerechten Grad der Feuerhitze gegenseitig völlig
vereinigt werden.
[GS.01_001,19]
Was will diese Arbeit mit anderen Worten sagen? – Die selbstsüchtigen Geister
werden durch die Materie gewisserart zermalmt, so daß sie voneinander völlig
getrennt sind. In dieser Trennung werden sie dann gewaschen oder gereinigt.
Sind sie gereinigt, kommen sie erst ins Trockene, welcher Zustand da entspricht
der Sicherheit. In solchem Zustande werden sie erst mit dem Salze der Weisheit
gesalzen und endlich also vorbereitet im Feuer Meiner Liebe vereinigt.
Verstehet ihr dieses Beispiel? – Ihr versteht es noch nicht ganz; aber sehet,
Ich will es euch noch näher beleuchten.
[GS.01_001,20]
Die äußere materielle Welt in allen ihren Teilen ist (entsprechend) der rohe
Kies; die Trennung desselben ist das Ausformen in die verschiedenen Wesen. Das
Waschen dieses Staubes ist das Reinigen oder stufenweise Aufsteigen zu höheren
Potenzen der Geister in der Materie. Das Trocknen besagt das freie Darstellen
oder das Sichern der Geister in einer Einheit, die sich schon im Menschen
ausspricht. Das Salzen ist die Erteilung des Gnadenlichtes an den Geist im
Menschen. Das endliche Zusammenschmelzen durch die Hitze des Feuers im Tiegel
ist die Einung der Geister sowohl unter sich als auch mit dem Feuer Meiner
Liebe. Denn wie sich die Materie in dem Schmelztiegel nicht eher ergreifen kann,
bis ihr nicht derselbe Grad der Hitze innewohnt, den das Feuer selbst besitzt,
so können auch die Geister untereinander nicht eher einig und somit für ewig
verträglich werden, als bis sie von Meiner Liebe gleich Mir Selbst völlig
durchdrungen werden. Also heißt es ja auch im Worte: „Seid vollkommen, wie euer
Vater im Himmel vollkommen ist!“ (Matth.5,48.) Und wieder heißt es: „Auf daß
sie eins werden, wie Ich und Du eins sind.“ (Johs.17.) Sehet, aus diesem wird
das Beispiel doch sicher klarwerden.
[GS.01_001,21]
Wodurch aber spricht sich hernach bei dem Glase das Einswerden aus? – Dadurch,
daß alle Teile nun auf eine und dieselbe Weise den Strahl aus der Sonne
aufnehmen, durch und durch völlig erleuchtet, also überaus lichtgesättigt
werden. Dennoch können sie das aufgenommene Licht ganz ungehindert durch sich
gehen lassen. Sehet, also lehren euch schon eure Fensterscheiben, wie die
himmlischen Verhältnisse geartet sind, und zugleich lehren sie euch auch wieder
um eine bedeutende Stufe näher die geistige Sonne beschauen. – Wir wollen uns
aber mit diesem Beispiel noch nicht begnügen, sondern wollen bei einer nächsten
Gelegenheit noch einige anführen und durch sie dann ganz auf die leichteste
Weise uns völlig auf die geistige Sonne selbst schwingen und allda beschauen
die unaussprechlichen Herrlichkeiten!
2. Kapitel – Die
ganze Natur – ein Evangelium der Ordnung Gottes.
[GS.01_002,01]
Wie Ich euch schon so manchesmal gesagt habe, also sage Ich es euch zum
wiederholten Male wieder: Die ganze Natur und auch jede mögliche Verrichtung
sowohl von Tieren als ganz besonders von Menschen kann ein Evangelium sein und
durch seine Verhältnisse die wunderbarsten Dinge Meiner ewigen Ordnung zeigen
und erschließen. Ja, es braucht da ein oder das andere Ding für ein vergleichendes
Beispiel durchaus nicht gesucht zu werden. Ihr könnt nach was immer für einem
zunächstliegenden, noch so unscheinbaren Dinge greifen, es wird sicher
dasjenige Evangelium in sich tragen, das zur Beleuchtung eines was immer für
geistigen Verhältnisses also vollkommen taugt, als wäre es von Ewigkeit her
lediglich für diesen Zweck erschaffen worden. – Also habe Ich gesagt, daß wir
noch mehrere Beispiele vonnöten haben, um durch sie uns völlig auf die geistige
Sonne schwingen zu können. Darum wollen wir auch gar nicht heiklig sein,
sondern ein nächstes bestes hernehmen.
[GS.01_002,02]
Nehmet ein Wohnhaus an. Woraus wird dieses wohl gebaut? Wie ihr wisset,
gewöhnlich aus ganz roher, unförmlicher, klumpenhafter Materie. Diese Materie
findet sich wie selbstsüchtig geteilt allenthalben vor. Sie ist der Ton, aus
dem die Ziegel bereitet werden, dann eine gewisse Gattung Steine, aus denen da
gebrannt wird der Kalk, dann der Sand und unförmliches Holz. Wir bringen nun
ein solch rohes Material auf irgendeinem Felde zusammen. Da liegt ein kleiner
Berg von aufgeworfener Tonerde, wieder ein anderer Haufen von Kalksteinen,
wieder ein chaotischer Haufen von Bäumen, welche aber noch nicht behauen sind,
und wieder ein tüchtiger Sandhaufen. In einiger Entfernung davon befindet sich
ein kleinerer Haufen rohen Eisenerzes; wieder etwas von diesem Haufen weg ein
Haufen von Kiessteinen und nicht ferne davon eine tüchtige Wasserlache. Sehet,
da haben wir das rohe Material zu einem Hause haufenweise beisammen. Saget Mir
aber, wer aus euch wohl so scharfsichtig ist und erschaut sich aus all diesen
rohen Materiehaufen ein wohlgeordnetes stattliches Haus heraus? Alles dieses
sieht doch so wenig einem Hause ähnlich als etwa eine Fliege einem Elefanten
oder wie eine Faust dem menschlichen Auge, und dennoch hat dieses alles die
Bestimmung zur Erbauung eines stattlichen Hauses.
[GS.01_002,03]
Was muß aber nun geschehen? Über den Tonhaufen kommen Ziegelmacher. Der lose
Ton wird angefeuchtet, dann tüchtig durchgeknetet. Hat er sich gehörig ergriffen
und ist hinreichend zähe geworden, so wird er zu den euch wohlbekannten Ziegeln
geschlagen. Damit sich die Tonteile in den Ziegeln noch inniger und haltbarer
ergreifen, wird ein jeder solcher Ziegel noch im Feuer gebacken, bei welcher
Gelegenheit er mit dem Erhalt der größeren Festigkeit auch gewöhnlich die euch
wohlbekannte Farbe bekommt. – Was geschieht mit den Kalksteinen? Sehet, alldort
in einiger Ferne werden schon mehrere Öfen errichtet, wo diese Kalksteine
gebrannt werden. Was mit dem gebrannten Kalk geschieht, wisset ihr doch sicher.
Sehen wir weiter! Auch über den Holzstamm-Haufen haben sich Zimmerleute
hergemacht und behauen die Bäume für den baulichen Bedarf, und bei dem
Erzhaufen haben sich Schmiede eingefunden, schmelzen das Erz, ziehen das brauchbare
Eisen heraus und bearbeiten dasselbe zu allerlei baulichen Erfordernissen.
Weiter sehet ihr andere die Kiessteine zerstampfen und zermalmen und auf die
euch schon bekannte Weise zu reinem Glase umstalten.
[GS.01_002,04]
Nun haben wir das rohe Material in der Umgebung schon kultiviert. Daher kommt
auch schon der Baumeister und steckt seinen Bauplan aus. Der Grund wird
gegraben, die Maurer und ihre Helfer tummeln sich nun emsig, und wir sehen die
rohe Materie sich unter den Händen der Bauleute zu einem geregelten Bau
gestalten. Allmählich wächst das stattliche Haus über dem Boden empor und
erreicht die vorbestimmte Höhe. Nun legen die Zimmerleute die Hand ans Werk,
und in kurzer Zeit ist das Gebäude mit vollkommener Dachung versehen. Bei
dieser Gelegenheit haben sich auch unsere früheren rohmateriellen Haufen völlig
verloren; nur einen Teil des Sandhaufens sehen wir noch und einen Teil
gelöschten Kalkes, aber es geht soeben an das sogenannte Verputzen und
Verzieren des Hauses. Bei dieser Gelegenheit schwinden auch noch die zwei
letzten materiellen Reste. Sehet, das Haus ist nun völlig verputzt von außen
wie von innen. Aber jetzt kommen noch eine Menge kleinerer Handwerksleute. Da
haben wir einen Schreiner, dort einen Schlosser, wieder da einen Zimmermaler,
allda einen Hafner und wieder dort einen Fußbodenlackierer. Diese
Kleinhandwerker tummeln sich noch eine Zeit, und das Haus steht förmlich
Ehrfurcht einflößend da.
[GS.01_002,05]
Wenn ihr nun eure Gefühle vergleichen könnt, vom Anblick der rohesten Materie
angefangen bis zur gänzlichen Vollendung dieses stattlichen Gebäudes, so werdet
ihr darin doch sicher einen ganz gewaltigen Unterschied finden. Wodurch aber
wurde denn dieser Unterschied hervorgebracht? Ich sage euch: Durch nichts
anderes als durch die zweckmäßige und gerechte Ordnung und Einung der
getrennten rohen Materie zu einem Ganzen. Wenn ihr früher unter den rohen
Materienhaufen herumgewandelt seid, war es euch unbehaglich zumute, und eure
Gefühle wälzten sich chaotisch durcheinander. Als ihr wieder die ganze rohe
Materie durch das Feuer und durch die Handwerkszeuge der Zimmerleute mehr
ordnen und tauglich machen sahet, da ward es euch schon heimlicher; denn ihr
sahet jetzt schon mehr Möglichkeit voraus, daß aus solch einer geordneten
Materie ein Haus werden kann. Aber noch immer konntet ihr zu keiner völligen
Vorstellung des Hauses gelangen.
[GS.01_002,06]
Als ihr aber vom Baumeister den Bauplan habt ausstecken sehen, waret ihr
gewisserart schon mehr befriedigend überrascht in eurem Gefühle, denn ihr
konntet da schon sagen: Ei, siehe da! Das wird ein ganz großartiges Gebäude!
Als ihr aber dann das Gebäude schon im Rohen völlig ausgebaut erblicktet, da
sehntet ihr euch nach der Vollendung des Gebäudes. Als das Gebäude vollendet
dastand, betrachtetet ihr dasselbe mit großem Wohlgefallen, und als ihr erst in
die schönen und zierlichen Gemächer des Hauses eingeführt wurdet, da
verwundertet ihr euch hoch und sagtet: Wer hätte solches der vor kurzem noch
ganz roh daliegenden Materie angesehen?!
[GS.01_002,07]
Nun sehet, also verhält es sich auch mit allem dem, was wir bis jetzt in der
naturmäßigen Sonne gesehen haben. Es sind rohe Materialklumpen, welche in
diesem Zustande ohne Zusammenhang und ohne Einung erschienen. So jemand die
Bewohner der Sonne und alle ihre Einrichtungen nacheinander betrachtet, kann er
daraus keinen Zusammenhang und kein Aufeinanderbeziehen herausfinden. Also erst
in dem Geistigen werden diese noch ganz rohen Klumpen mehr und mehr geordnet.
Und aus dieser Ordnung kann dann schon ersehen werden, zu welch einer höheren
Bestimmung sie demzufolge da sind, da sie in ihrem Inneren alle auf ein Wesen
hindeuten, in welchem erst ihre endliche und völlige Ordnung zu einem
vollkommenen Ganzen bewerkstelligt werden kann.
[GS.01_002,08]
Wir werden daher das vollends fertige Gebäude erst in der geistigen Sonne
erschauen, in welcher sich alles dieses ergreifen und in übergroßer
Herrlichkeit als ein Ganzes dartun wird.
[GS.01_002,09]
Sehet nun, wie dieses alltägliche Beispiel ein herrliches Evangelium in sich
faßt und dem inneren Betrachter eine Ordnung erschließt, von welcher sich kein
Sterblicher noch etwas hat träumen lassen. Aus diesem Beispiel will Ich euch
auf etwas dem Geistigen sich mehr Annäherndes aufmerksam machen, und das zwar
namentlich an der Sonne selbst.
[GS.01_002,10]
Ihr habt die verschiedene Einrichtung der ganzen Sonne nun beschaut und auch
alles, was auf ihr und in ihr ist. Es ist sicher von zahlloser und beinahe
unaussprechlicher Mannigfaltigkeit. Wie spricht sich aber am Ende alle diese
sicher denkwürdige Einrichtung der Sonne aus?
[GS.01_002,11]
Die Antwort erteilt euch ein jeder Blick, den ihr nach der Sonne sendet,
nämlich in einem allgemeinen überaus intensiven Licht- und Strahlenkranze.
[GS.01_002,12]
Sehet, wie das beinahe endlos Mannigfaltige sich allda vereinigt und als so
Vereinigtes in nahe endlose Raumfernen hinauswirkt. Es wird nicht nötig sein,
alle die zahllos wohltätigen Wirkungen des Sonnenlichtes darzustellen, denn ein
jeder Tag beschreibt und besingt dieselben auf eurem kleinen Erdkörper schon
zahllosfältig. Würde die Sonne ohne diese Lichteinung über sich mit all ihren
zahllosen Teilen auch solche wunderbare Wirkungen hervorbringen? O sicher
nicht! Fraget nur eine recht derbe Nacht, und sie wird euch buchstäblich sagen
und zeigen, wozu eine lichtlose Sonne tauglich wäre. Doch wir brauchen uns
nicht nur mit diesem noch immer etwas harten Beispiel zu begnügen, denn es gibt
noch eine Menge bessere.
[GS.01_002,13]
Damit ihr aber dabei auch desto überzeugender ersehet, wie uns ein jedes Ding
unserem Zwecke näherführen kann, wenn wir es nur vom rechten Standpunkte aus
betrachten, so sollet ihr für ein nächstes Beispiel selbst einen allernächsten
und somit auch allerbesten Stoff wählen, und wir wollen dann sehen, inwieweit
er sich für unsere Sache wird brauchen lassen oder nicht. Ich meine aber, es
dürfte euch ziemlich schwerfallen, in dieser Hinsicht einen unbrauchbaren Stoff
zu wählen, denn was liegt an der Klumpenform eines vorgefundenen Erzbrockens?
Nur in den Schmelzofen damit, und der gerechte Hitzegrad wird ihm schon seine
sichere Bestimmung geben! Daher suchet auch ihr nicht mühsam einen Stoff, denn
wie Ich euch sage, Ich kann gleich einem Packeljuden alles recht gut brauchen!
Und so lassen wir die Sache für heute bei dem bewendet sein!
3. Kapitel – Die
Uhr – ein Entsprechungsbild der Sonne.
[GS.01_003,01]
Ihr habt eine Uhr gewählt. Dieses Beispiel ist besser, als ihr es zu denken
vermöget, denn auch Ich hätte einen Zeitmesser genommen. Daher wollen wir nun
dieses Beispiel sogleich etwas kritisch durchnehmen, und es wird sich dann
alsbald zeigen, ob es uns um eine Stufe höher denn das vorige bringen wird.
[GS.01_003,02]
Wenn ihr also eine Uhr betrachtet, so erblicket ihr auf diesem kleinen
zeitmessenden Werkzeug lauter kultivierte Materie. Ihr sehet einen
wohlberechneten Mechanismus, der also beschaffen ist, daß ein Triebrad mit
seinen Zähnen in die Zähne eines anderen Rades greift. Ihr sehet, wie das ganze
Rädertriebwerk mittels einer verhältnismäßig starken Kette mit der elastischen
Feder verbunden ist, die das ganze Werk durch ihre innewohnende Kraft in die
zweckmäßige Bewegung setzt. Wenn wir dieses ganze Werkchen noch näher in
Augenschein nehmen, so entdecken wir noch eine Menge Ristchen und Häkchen im
selben. Alles ist berechnet und hat seine Bestimmung.
[GS.01_003,03]
Haben wir das innere Werk recht beschaut, so können wir uns zur Besichtigung
der äußeren Gestalt verfügen. Was erblicken wir da? Ein flaches Zifferblatt und
ein paar ganz einfache Zeiger darüber. – Was verrichten diese Zeiger auf dem
ganz einfachen Zifferblatt? – Sie zeigen, wie ihr wißt, die Stunden des Tages
und der Nacht an und messen somit die Zeit. Die Zeit, die von diesen Zeigern
gemessen wird, ist doch sicher etwas Allumfassendes und ist auch etwas alles
Durchdringendes und ist auch das Zentrum allenthalben, wo ihr nur immer
hinblicken wollet. Denn es kann niemand sagen: Ich bin am Ende der Zeit, oder:
Die Zeit hat mit mir nichts zu schaffen, oder: Die Zeit umgibt mich nicht. Denn
sooft jemand etwas tut, so tut er es in der Mitte der Zeit. Warum denn? Weil er
von der Zeit allezeit durchdrungen und allenthalben gleich umfaßt wird. Solches
zeigt uns auch die Uhr. Im Zentrum des Zifferblattes sind die Zeiger angebracht
und beschreiben mit ihren Enden einen genauen Kreis. Da sie aber vom Zentrum
aus bis zu dem beschriebenen Außenkreise ununterbrochen als eine konkrete
Materie fortlaufen, so beschreiben sie vom Zentrum aus eine zahllose Menge von
stets größer werdenden Kreisen. Also ist es ja klar und ersichtlich, daß solche
Kreisbeschreibung vom Zentrum des Stiftes, daran die Zeiger befestigt sind,
ausgeht, sonach die ganze Zifferblattfläche durchdringt und am Ende von
derjenigen Zeit, die sie mißt, wie von einem endlos großen Kreise umfaßt wird.
[GS.01_003,04]
Gehen wir aber wieder zurück auf unser inneres Uhrwerk. Da werden wir eine
unbewegliche Ober- und Unterplatte und unbewegliche Säulchen entdecken, durch
welche die Ober- und Unterplatte miteinander befestigt sind. So werden wir auch
eine Menge unbeweglicher Stiftchen, Häkchen und Stellschräubchen entdecken.
Liegt wohl in diesen unbeweglichen Dingen auch schon etwas von der endlichen Bestimmung
des Werkzeuges, welche sich über dem Zifferblatte ausspricht? Ja, auch in
diesen unbeweglichen Teilen liegt die endliche Bestimmung wie stumm
ausgesprochen zugrunde.
[GS.01_003,05]
Wenn wir aber ferner in das Uhrwerk blicken, so sehen wir ein verschiedenartiges
Bewegen der Räder; fürs erste ein munteres Perpendikelchen, sodann sein
nächstes Rad. Das Perpendikelchen ist noch sehr ferne von der Hauptbestimmung,
denn es mag noch keinen vollständigen Kreis beschreiben, sondern es wird stets
hin- und hergetrieben und kommt trotz seiner im ganzen Werke schnellsten
Bewegung dennoch nicht weiter. Das nächste Rad, welches offenbar von dem sich
viel zu schaffen machen wollenden Perpendikel beherrscht wird, lauert die
lustigen Sprünge des Perpendikels ab und schlüpft bei jedem Sprunge eine Stufe
weiter in seinem Kreise, und macht darum schon eine wenn auch noch ziemlich
schnelle, aber dennoch fortwährende Kreisbewegung. Man merkt dieser Bewegung
wohl noch das Hüpfen des Perpendikels an, aber dieses schadet der Sache nichts.
Die kreisförmige Bewegung ist dennoch gewonnen. Das nächste Rad nach dem
Perpendikelrade bewegt sich schon viel gleichartiger, beschreibt einen ruhigen
Kreis und ist der Hauptbestimmung um vieles näher. Das diesem nächste Rad
bewegt sich noch viel langsamer, gleichartiger und ruhiger und ist der
Hauptbestimmung darum auch schon um vieles näher, ja es greift schon völlig in
dieselbe. Das letzte Rad ist an der Bestimmung selbst, drückt dieselbe in
seiner mechanischen Bestimmung schon aus; nur kann diese in dem Mechanismus
noch nicht erkannt werden.
[GS.01_003,06]
Aber eben hier, wo sich gewisserart verborgenermaßen die Hauptbestimmung schon
im materiellen Mechanismus ausspricht, dringt aus dem Zentrum des Mechanismus
eine Spindel hinaus über das Zifferblatt. Auf dieser Spindel sind die Zeiger
angebracht, die in ihrer größten Einfachheit endlich die einige Bestimmung des
ganzen künstlich zusammengesetzten mechanischen Werkes ausdrücken.
[GS.01_003,07]
Sehet ihr nicht schon recht klar, wohinaus sich die ganze Sache drehen will?
Alles noch so Mannigfaltige und Zusammengesetzte zeigt in sich ja die endliche
Einung zu einem Hauptzwecke; und ein unansehnliches Stiftchen darf nicht
fehlen, wenn der letzte Zweck vollends erreicht werden soll. –
[GS.01_003,08]
Nun gehen wir wieder auf unsere Sonne über. Sehet an diese große goldene Uhr
als Messer von für euch undenklichen Zeiten. Wir haben den verschiedenartigen
Mechanismus dieser riesigen Uhr gesehen, wir sahen, daß auch hier Meine Liebe
die allmächtige lebendige Triebfeder ist, welche innerhalb der zwei großen
Platten, die da Ewigkeit und Unendlichkeit heißen, dieses große Werk in
Bewegung setzt. Wir haben alle die zahllosen Triebräder gesehen und alle die
Stiftchen und Säulchen, wir kennen nun das mechanische Werk. Aber aus der
Verschiedenartigkeit von dessen Teilen läßt sich die endliche Hauptbestimmung
ebensoschwer erkennen, als so jemand wollte ohne Beachtung des Zifferblattes
bloß nur durch die Betrachtung der verschiedenartigen Bewegung des Räderwerkes
die stundenweisen Abschnitte der Zeit genau bestimmen. Solches wäre richtig und
läßt sich nichts dagegen einwenden, möchte so mancher sagen, aber die Frage
geht nun dahin: Wie kommen wir denn bei diesem großen Mechanismus auf die
Zentralspindel, die sich aus dem Materiellen erhebt und hinausragt über das
große Zifferblatt der endlichen einigen großen Bestimmung? Ich sage euch: Des
sei uns nicht bange, denn nichts ist leichter zu bewerkstelligen als gerade
das, wenn man schon ein Werk zuvor also durchblickt hat, daß einem alle
Bestandteile im wesentlichen bekannt sind. Da wir aber schon einmal die Uhr als
ein gutes Beispiel gewählt haben, so wollen wir eben auch mit diesem Beispiel
uns zur großen Oberfläche erheben.
[GS.01_003,09]
Wer je eine Uhr betrachtet hat, der wird zumeist gefunden haben, daß drei Dinge
in derselben eine nahe ganz gleiche Bewegung haben. Das erste Ding ist das
Kapselrad, in dem die Triebfeder verschlossen ist, das zweite ist dann das
Haupttriebrad, welches mittels der Kette mit dem Federkapselrad verbunden ist,
und das dritte ist das Zentralspindelrad, welches die Zeiger über dem
Zifferblatte in Bewegung setzt.
[GS.01_003,10]
Wollen wir aufs große Zifferblatt hinausgelangen, so müssen wir sehen, wem
diese drei Räder entsprechen. Wem entspricht denn das Federkapselrad? Das ist
ja mit den Händen zu greifen, daß solches der Liebe entspricht, daß die Feder
die Liebe vorstellt, indem sie verschlossen ist und gewisserart von innen aus
das Leben des ganzen Werkes bewirkt. Also liegt demnach in der Liebe schon die
ganze Hauptbestimmung des Werkes ganz einig und vollkommen zugrunde.
[GS.01_003,11]
Wem entspricht denn das zweite Rad von gleicher Bewegung, das mit dem Federrad
mittels einer Kette verbunden ist? Dieses Rad entspricht der Weisheit, die aus
der Liebe ihr Leben empfängt und somit auch mit derselben in engster Verbindung
steht. Wem entspricht das Hauptzentralspindelrad? Der ewigen Ordnung, die aus
den erstbenannten zwei Rädern lebendig hervorgeht und das ganze Werk in all
seinen Teilen also einrichten läßt, daß endlich alles sich zur Erreichung
desjenigen Hauptzweckes fügen muß, der sich aus der Liebe und Weisheit eben in
dieser Ordnung ausspricht. Sehet, jetzt haben wir schon das Ganze. Das
Spindelrad ist gefunden, es heißt die Ordnung. Auf dieser Spindel wollen wir
demnach auch aufwärtsklettern und erschauen die große endliche Bestimmung der
Dinge, wie sich dieselbe genau entsprechend der ewigen Liebe, Weisheit und der
aus diesen zweien hervorgehenden Ordnung gemäß ausspricht.
[GS.01_003,12]
Nun hätten wir ja mit dem Beispiel vollkommen unseren Zweck erreicht. Wir
befinden uns darum auch schon auf der geistigen Sonne, ohne daß ihr es noch
ahnt und einsehet wie und auf welche Art. Ich aber sage euch: Gehet nur einmal
flüchtig die gegebenen Beispiele durch, und ihr werdet es vom Anbohren der
Bäume angefangen bis endlich zur Uhr leicht finden, daß wir uns gewisserart
inkognito eben mit diesen Beispielen auf der geistigen Sonne recht munter
herumbewegen, während ihr noch immer harret, auf dieselbe zu gelangen. Wir sind
schon am Zifferblatt und brauchen somit nicht mehr an der Spindel
heraufzuklimmen.
[GS.01_003,13]
Aber ihr fraget: Wie denn? Die Sache klingt wie ein Rätsel. Ich aber sage: Wo
die Bedeutung der Dinge, wenn auch noch mehr im Allgemeinen denn im
Sonderheitlichen, gezeigt wird, wo gezeigt wird, wie endlich alles auf die
Einung ankommt, wo sogar diese Einung durch allerlei anschauliche Beispiele
dargestellt wird, da scheint nicht mehr die naturmäßige, sondern die geistige
Sonne. Die Folge aber wird es in das klarste Licht stellen und wir werden
daraus ganz klar ersehen, daß wir uns schon auf der geistigen Sonne befinden.
[GS.01_003,14]
So jemand eine Fackel in der Hand hält, so wird er doch auch wissen, wozu die
Fackel gemacht ist. Wenn er noch in der Dunkelheit wandelt, was ist wohl
leichter, als sich im Besitze einer Fackel zu helfen? Man zünde nur die Fackel
an, und sobald wird die Dunkelheit in Blitzesschnelle verschwinden. Wir aber
haben ja die Fackel in der Hand. Die gegebenen Beispiele sind die Fackel; was
braucht es hernach mehr, als diese hell leuchtende Fackel mit einem kleinen
Funken der Liebe anzuzünden, und das große bedeutungsvolle Zifferblatt der
geistigen Sonne wird sobald erhellt sein. Darum werden wir auch für die nächste
Gelegenheit nichts anderes tun, als unsere gute Fackel mit der scintilla amoris
anzünden und bei diesem herrlichen Lichte beschauen die große Bedeutung der
Dinge auf der geistigen Sonne. Und so denn lassen wir es wieder heute bei dem
bewendet sein! –
4. Kapitel – Die
natürliche und die geistige Sonne – Unterschied ihrer Erscheinlichkeit.
[GS.01_004,01]
Ihr fraget und saget: Es wäre ja gut, die Fackel mit dem Liebesfünklein
anzuzünden, aber wo werden wir dieses wohl hernehmen? Ich kann euch darauf
wahrlich nichts anderes sagen, als daß wir es gerade daher nehmen werden, woher
es eigentlich zu nehmen ist. Wäre es nicht gerade lächerlich zu nennen, wenn
wir mit der ganzen, sehr stark feurigen Sonne nicht imstande wären, das bißchen
Fackeldocht anzuzünden?! Denn unter dem Liebesfünklein verstehe Ich ja eben die
Sonne, die wir nun nach der Länge, Dicke und Breite in unseren Händen haben.
Und wenn ihr imstande seid, durch ein talergroßes Brennglas ein Stück Schwamm
an den Sonnenstrahlen anzuzünden, während diese in naturmäßiger Hinsicht doch
über zweiundzwanzig Millionen Meilen entfernt ist, so wird die nun ganz nahe
Sonne wohl auch imstande sein, unseren Fackeldocht brennen zu machen.
[GS.01_004,02]
Und so denn wollen wir diesen kinderleichten Versuch wagen, unseren Fackeldocht
mit dem Feuer der Sonne in Berührung zu bringen. Seht doch, wie leicht die
Sache war!
[GS.01_004,03]
Der Fackel Licht brennt nun, und sehet, für den Geist unübersehbare Gefilde
erstrahlen vom Lichte einer ewigen Morgenröte, das diesem Fackellichte
entstammt.
[GS.01_004,04]
Ich Selbst bin die Fackel und leuchte ein gerechtes Licht; wer in diesem Lichte
schauet, der sieht allenthalben die Wahrheit und kein Trug darf seinen Augen
begegnen!
[GS.01_004,05]
Was Wunder, saget ihr; in der naturmäßigen Sonne haben wir Riesen geschaut und
große Verschiedenheiten in allen Dingen; hier auf der lichten Sphäre ist alles
gleich. Nicht eines sehen wir das andere überragen. Es ist ein Licht, es ist
eine Größe, und die Liebe spricht sich allenthalben in unnennbarer Anmut aus.
Wir sehen fast lauter ebenes Land; wo sind die naturmäßigen Berge der Sonne?
[GS.01_004,06]
Die endlos zufriedenen Geisterengelwesen wandeln auf den Lichtgefilden umher
und machen keinen Unterschied, ob da ist ein Land oder ein Wasser. Leicht
erheben sie sich in den lichten Äther empor und schweben, wonnetrunken eine
Seligkeit um die andere atmend, im selben herum. Wir sehen nur ganz niedliche
Bäumchen; wo sind die Riesenbäume des Naturbodens? Auch sehen wir in all den
niedlichen Gewächsen eine wunderbare Übereinstimmung. Aus einem jeden haucht
ein unaussprechliches Wonnegefühl, hoch entzückend jeden Geist, der sich
demselben naht. Ja, aus jedem Bäumchen, aus jeder zarten Grasspitze strömt ein
anders geartetes Wonnegefühl; und doch sehen wir in den Bäumchen, in all den
anderen Gewächsen wie an dem Grase nur eine Form und eine gänzliche Einheit im
Unzähligen.
[GS.01_004,07]
Wir wandeln über die endlosen Gefilde. Uns begegnen zahllose Heere von
seligsten Engelsgeistern, doch entdecken wir nirgends eine Wohnung. Keiner sagt
uns: Dieser Grund ist mein und dieser meines Nachbars, sondern wie überaus
fröhlich Reisende auf einer Landstraße ziehen sie allenthalben einher,
frohlocken und lobsingen. Wohin wir uns auch nur immer wenden, sehen wir nichts
als Leben durch das Leben wallen. Lichte Gestalten begegnen sich, und von allen
Seiten her ertönt ein großer Freudenruf!
[GS.01_004,08]
Doch wir sind da wie gänzlich Laien und wissen nicht, wo aus und wo ein. Wo ist
diese lichte Welt, die wir jetzt schauen? Ist dies die geistige Sonne? Also
fragt ihr erstaunten Blickes und erstaunten Herzens.
[GS.01_004,09]
Allein Ich sagte euch ja, daß die geistige Sonne an und für sich betrachtet dem
Zifferblatte einer Uhr vollkommen gleicht, allda sich der ganze Zweck des
kunstvollen mechanischen Werkes ausspricht. Ihr saget etwas verdutzt: Ist das
alles von der geistigen Sonne? Es ist wohl sehr wunderbar erhaben schön,
überaus lebendig, aber dabei dennoch sehr einfach. Auf der eigentlichen Sonne
haben wir so unnennbar verschiedenartiges Große, ja Wunderbare geschaut. Hier
aber kommt es uns vor, als wäre diese ganze unendlich scheinende Fläche eine
ebensogroße Landstraße für Geister, auf welcher zwar kein Staub zu entdecken
ist. Aber in allem Ernste gesprochen, was die Einförmigkeit, das gewisserart
ewig scheinende Einerlei dieser überaus lichten Welt betrifft, in diesem Punkte
hätten wir im voraus zufolge der großartigen Vorerscheinungen auf der
naturgemäßen Sonne etwas ganz Außerordentliches erwartet.
[GS.01_004,10]
Ihr habt ja die Uhr zum Muster. Wenn ihr in dem ineinandergreifenden Räderwerk
herumwandelt, was müßtet ihr euch denken, welche Effekte dieser Verwunderung
erregende Mechanismus bewirken wird, so ihr noch nie ein Zifferblatt einer Uhr
gesehen hättet! Werdet ihr da nicht sagen, so ihr das Räderwerk besehet: Wenn
das Mittel schon so wunderbar aussieht, von welch unbeschreiblich wunderbarer
Art muß da erst der Zweck sein! Und ihr werdet zum Meister des Uhrwerkes sagen:
Herr! Unnennbar kunstvoll und überaus wohlberechnet ist dieses Räderwerk; wie
groß und überaus kunstvoll muß da erst der Zweck dieses wunderbaren Mechanismus
sein! Laß uns daher doch auch dahin sehen, wo sich der sicher große Zweck
dieses wunderbaren Mechanismus ausspricht. Und der Uhrmacher vergehäuset das
Werk und zeigt euch nun – das Zifferblatt!
[GS.01_004,11]
Ihr machet schon wieder große und verdutzte Augen und saget: Was?! Ist dies das
Ganze, wofür das innere Kunstwerk geschaffen ist? Nichts als ein weißlackiertes
rundes Blatt mit zwölf Ziffern; und ein Paar zugespitzte Zeiger schleichen in
unmerklicher Bewegung immerwährend auf dieselbe Art die zwölf Ziffern durch.
Nein, da hätten wir uns ganz etwas anderes vorgestellt! Ich sage: Etwa ein
künstliches Marionettentheater oder etwa sonst eine großartige Kinderspielerei?
[GS.01_004,12] O
Meine Lieben! Da sind eure Vorstellungen von aller geistigen Welt noch sehr
mager. Habt ihr denn aus den gegebenen Beispielen nicht ersehen, wie das ganze
Äußere in all seiner Zerstreutheit sich endlich in der Einung aussprechen muß?
Ihr habt solches bei der Darstellung eines Baumes gesehen, bei der Polierung
einer edlen Metallstange, bei der Verfertigung des Glases, bei der Erbauung
eines Hauses und endlich handgreiflich bei der Betrachtung einer Uhr.
[GS.01_004,13]
Wenn es sich, in das Geistige übergehend, darum handeln würde, dasselbe noch
mehr zu zerstreuen, als es zerstreut ist in der äußeren Naturmäßigkeit, wie
ließe sich da wohl eine ewige Dauer und ein ewiges Leben denken?! So aber muß
ja der wahren innern lebendigen Ordnung gemäß in dem Geistigen sich alles
einen, um dadurch kräftig, mächtig und lebendig dauerhaft zu werden für ewig.
Ihr saget hier: Solches ist ersichtlich, vollkommen richtig und wahr, dessen
ungeachtet aber haben wir bei so manchen Gelegenheiten von den großen
Herrlichkeiten der himmlischen Geisterwelt gehört; darum wissen wir nun nicht,
wie wir so ganz eigentlich daran sind. Wir können zwar gegen die einfach
geschaute Herrlichkeit der geistigen Sonne im Grunde nichts einwenden, aber sie
kommt uns auf unsere früheren Begriffe von einer himmlischen Welt gerade so vor
wie ein schöner Sommertag, an dem wir in der Luft eine zahllose Menge von den
sogenannten Ephemeriden in den Sonnenstrahlen bunt durcheinanderschwärmen
sehen, und keine kann uns Bescheid geben, woher sie kam, wohin sie geht und
warum sie so ganz eigentlich die strahlenerfüllte Luft in allen erdenklichen
Richtungen durchkreist.
[GS.01_004,14]
Euer Einwurf ist zwar in einer Hinsicht richtig; allein wie diese Einfachheit
der von euch geschauten geistigen Sonne mit den von euch schon zu öfteren Malen
vernommenen wundervollsten Herrlichkeiten des Himmels zusammenhängt, solches
kundzutun ist noch nicht an der Zeit, da wir erst die Grundlage kennen lernen
müssen. Wenn ihr bisher nur Ephemeriden geschaut habet, so tut das der
Hauptsache keinen Eintrag, denn der Erfolg wird es schon zeigen, was es mit der
Einfachheit dieser von uns nun geschauten geistigen Sonne für eine Bewandtnis
hat. Solches also beachtet und denket bei euch selbst ein wenig nach. In der
nächsten Fortsetzung wollen wir diese Einfachheit mit ganz anderen Augen
betrachten und somit gut für heute!
5. Kapitel – Vom
Reiche Gottes im Menschen.
[GS.01_005,01]
Wenn ihr je auf einem hohen Berge eine Zeitlang verweilen würdet, und das an
einem vollkommen schönen und reinen Tage, was würdet ihr da wohl bemerken?
Mancher aus euch würde wohl eine Zeitlang ganz entzückt sein, denn das
großartige romantische Naturgemälde würde durch seine vielfach abwechselnden
Formen einen hinreichenden Stoff zur erheiternden Betrachtung bieten. Ein
anderer würde aber dabei ganz anders denken und würde aus diesen seinen
Gedanken sagen: Was, ist denn das so etwas Außerordentliches? Man sieht weit
und breit, was denn? Nichts als einen Berg um den anderen; mancher ist höher,
mancher wieder niederer; hier und da sind die höchsten Spitzen überschneit, auf
einigen anderen Punkten ragen wieder einige plumpe Felsspitzen empor, und
diejenigen Berge, die am weitesten davon entfernt sind, nehmen sich darum auch
am passabelsten aus, während die näheren nichts als Spuren über Spuren der
stetigen Zerstörung aufzuweisen haben. Das ist das immerwährende Einerlei
dieser berühmten Gebirgsaussicht. Ein Dritter befindet sich auch in der
Gesellschaft auf der hohen Bergesspitze. Dieser, wie ihr zu sagen pfleget, ein
Hasenfuß, bereut schon nahe weinend, daß er sich solch eine Mühe genommen hat,
die Gebirgshöhe zu besteigen. Fürs erste, sagt er, sieht er hier nichts anderes
als auf einem gesunden ebenen Boden in der Niederung, fürs zweite friere es ihn
noch obendrauf für solche Strapaze, und fürs dritte möchte er vor Hunger in die
Steine beißen, und wenn er gar noch bedenkt, daß er den schauerlichen Rückweg
wird machen müssen, so fangen ihm alle Sinne zu schwinden an.
[GS.01_005,02]
Hier hätten wir also drei Gebirgsbesteiger. Warum findet der erste für sein
Gemüt so viel Erhebendes, der zweite nichts als abstrakte plumpe Formen, und
der dritte ärgert sich sogar, für solchen Spottpreis sich eine solche Mühe
gemacht zu haben? Der Grund liegt einem jeden sehr nahe, weil er in ihm selbst
liegt. Wie denn also? Der erste ist mehr lebendigen und geweckten Geistes;
nicht die Formen und der Berge hohe Zinnen sind es, die ihn selig stimmen,
sondern diese Stimmung ist ein Rapport des höheren Lebens in entsprechender
Form über solchen hohen Bergen. Denn wir haben schon bei anderen Gelegenheiten
zur Genüge vernommen, welch ein Leben sich auf den Bergen kündet. Und eben von
diesem Leben hängt ja das Wonnegefühl desjenigen Besuchers der Höhen ab,
welcher selbst mit geweckterem und lebendigerem Geiste dieselben betritt. Der
Geist des anderen ist noch in tiefem Schlafe, darum gewahrt er auch nichts
anderes, als was seine fleischlichen Augen sehen und sonach sein irdisch
trockener Verstand bemißt. Wenn ihr ihn zahlet und gebet ihm dann seinen
Kenntnissen als Geometer angemessen mathematische Meßwerkzeuge in die Hand, so
wird er euch auf alle Gebirgsspitzen hinaufklettern und ihre Höhen recht
wohlgemut bemessen. Ohne diesen Hebel aber dürfte es euch kaum gelingen, ihn
wieder auf eine Gebirgsspitze hinaufzubringen. Was den Geist des dritten
betrifft, so läßt sich davon nahe gar nichts reden, denn bei ihm lebt nur der
Tiermensch, der alle seine Seligkeit im Bauche findet. Wollet ihr ihn wieder
einmal auf eine Gebirgshöhe bringen, müßt ihr fürs erste dafür sorgen, daß er
ohne alle Beschwerde hinaufkommt, und fürs zweite, daß er in der Höhe etwas
Gutes zu essen und zu trinken bekommt. So wird er auch noch einmal eine
Gebirgshöhe besteigen, wenn schon nicht mit eigenen, so doch mit den Füßen
eines wohlabgerichteten Saumtieres. Da wird er sagen: Bei solchen Gelegenheiten
bin ich schon dabei, denn die Gebirgsluft ist vermöge ihrer Reinheit der
Verdauung ja viel günstiger als die dumpfe Luft der Täler.
[GS.01_005,03]
Sehet, aus diesem Beispiel können wir die große und wichtige Lehre ziehen,
welche genau auf unsere einfache geistige Sonne paßt. Und diese Lehre stimmt
auf ein Haar genau mit dem Text des Evangeliums überein, welcher also lautet:
wer da hat, dem wird es gegeben, daß er in der Fülle besitze, wer aber nicht
hat, der wird noch das verlieren, was er hat. (Matth.13,5.) In diesem
Schrifttext steckt noch ein anderer, der mit dem obigen Beispiele noch mehr
übereinstimmt, und dieser Text lautet also: Das Reich Gottes kommt nicht mit
äußerem Schaugepränge; denn siehe, es ist in euch! (Luk.17,21.) Merket ihr
jetzt, was es mit der einstweiligen Einfachheit der geistigen Sonne für eine
Bewandtnis hat? Ihr saget: Wir merken zwar etwas, aber noch nicht völlig klar,
was damit gesagt und angezeigt sein soll. Ich aber sage euch: Nur eine kleine
Geduld, und die Sache wird sogleich mit wenig Worten so klar wie die Sonne am
hellen Mittage leuchtend auftreten. Warum sahet ihr die geistige Sonne also
einfach? Weil ihr nur die eigentliche Außenseite gesehen habet. Ich aber sage
euch: Es gibt auf derselben eine unendlich großartige und wunderbare
Mannigfaltigkeit, von der ihr euch bis jetzt durchaus noch keinen Begriff
machen könnet. Diese Mannigfaltigkeit liegt aber nicht auf der geistigen Sonne,
sondern sie liegt im Inwendigen der Geister. Wenn ihr somit dieselben erblicken
wollet, da müsset ihr mit reingeistigen Augen in die Sphäre eines oder des andern
seligen Geistes blicken, und ihr werdet die sonst einförmige geistige
Sonnenwelt alsbald in zahllose Wunder übergehen sehen. Denn solches müßt ihr
wissen, daß wohl jedem Geiste eine und dieselbe Unterlage gegeben wird, welche
da ist pur Meine Gnade und Erbarmung, und diese spricht sich gleichmäßig in der
von euch geschauten geistigen Sonne aus. Was aber dann die Ausstaffierung
dieser gegebenen Unterlage betrifft oder die eigentliche bewohnbare Welt für
den Geist, so hängt diese lediglich von dem Inwendigen eines Geistes ab,
welches da ist die Liebe zu Mir und die aus dieser Liebe hervorgehende
Weisheit. Damit ihr solches noch klarer ersehen möget, will Ich euch noch ein
recht anschauliches Beispiel hinzufügen. Einer oder der andere aus euch befände
sich auf irgendeinem weiten ebenen Felde; auf diesem Felde trifft er nichts als
in der Mitte einen Baum, unter dessen Schatten ein üppiges Gras wächst. Auf
dieses Gras legt sich der Wanderer nieder, schläft ruhig ein und stärkt sich
dadurch. Aber in diesem süßen und stärkenden Ruhezustande hat sich ein
wunderbarer Traum seiner bemächtigt. In diesem Traume ist der einsame und
einfache Wanderer in den herrlichsten Palästen mit lauter Fürsten beschäftigt,
verkehrt mit ihnen und genießt dadurch eine überaus große Seligkeit. Ich frage
euch nun: Wie kommt denn dieser Mensch auf diesem öden leeren Felde zu solch
einer innern Gesellschaft?
[GS.01_005,04]
Sehet, alles dieses ist ein Angehör seines Geistes und ist im Geiste selbst
vorhanden. Es ist eine Schöpfung durch die Kraft der Liebe seines Geistes und
ist geordnet nach der Weisheit, die hervorgeht aus solcher Liebe. Wenn ihr nun
dieses Beispiel ein wenig durchdenket, so wird es euch sicher klar, wie
dereinst im Geiste ein jeder nach seiner Liebe und der daraus hervorgehenden
Weisheit der Schöpfer seiner eigenen für ihn bewohnbaren Welt sein wird und
diese Welt ist das eigentliche Reich Gottes im Menschen. –
[GS.01_005,05]
Wer daher die Liebe Gottes in sich hat, dem wird auch die Weisheit in demselben
Grade zukommen, in welchem er die Liebe hat. Und also wird es dem gegeben, der
da hat, nämlich die Liebe. Wer aber diese nicht hat, sondern allein seinen
trockenen Weltverstand, den er als die Weisheit ansieht, dem wird alsdann auch
dieser benommen werden, und das zwar auf die allernatürlichste Weise von der
Welt, wenn ihm das Weltliche oder sein Leibesleben genommen wird.
[GS.01_005,06]
Sehet, also verhalten sich die Sachen. Der eine Gebirgsbesteiger geht mit Liebe
auf die Berge, und die Liebe ist auf den Höhen die Schöpferin seiner Seligkeit.
Wer aber mit seinem Verstande nur auf die Berge geht, der wird sicher keine
beseligende Zahlung finden, sondern er wird durch seine Mühe noch in seinem
Verstande gewaltig beeinträchtigt werden, indem ihm dieser da oben spottwenig oder
gar nichts abwerfen wird. Und der dritte, der gar nichts hat, der wird in der
Höhe von allem ledig werden, denn der Tote kann am Leben doch kein Vergnügen
finden, indem er stumm für dasselbe ist. Also ist auch ein Stein schwer auf
eine Höhe zu bringen; aber wenn er in der Höhe losgemacht wird, stürzt er mit
desto größerer Heftigkeit in die Tiefe des Todes hinab. Wenn ihr alles dieses
nun genau zusammenhaltet, so wird euch die geistige Sonne sicher nicht mehr so
einfach vorkommen wie ehedem. Was alles aber auf derselben sich noch kündet,
werden wir durch die nächsten Fortsetzungen klärlichst erfahren. Daher gut für
heute.
6. Kapitel – Das
geistige Kosmo-Diorama – die Sphäre des ersten Geistes.
[GS.01_006,01]
Wie werden wir es denn anstellen, damit wir auf unserer bisher noch immer
einfachen geistigen Sonne etwas mehr zu sehen bekommen? Werden wir uns daselbst
bequemen, etwa große und weitgedehnte Untersuchungsreisen anzustellen, oder
werden wir uns auf irgendeinem Punkte aufstellen, den Mund und die Augen recht
weit aufsperren, damit wir sehen, wie uns etwa die gebratenen Vögel in den Mund
fliegen werden? Ich sage: Wir werden weder das eine noch das andere tun,
sondern wir werden uns in ein geistiges Kosmorama und Diorama begeben und
wollen uns daselbst, so gut es nur immer sein kann, an den wunderbaren
Anschauungen im Herzen vergnügen. Damit ihr euch aber davon eine etwas bessere
Vorstellung machen könnet, so will Ich euch wieder durch ein sehr anschauliches
Beispiel der Sache näherführen. Ihr habt doch sicher schon ein sogenanntes
„optisches Diorama“ gesehen, welches darin besteht, daß mittels eines etwa
einen halben Schuh im Durchmesser habenden Vergrößerungsglases gut gemalte
Bilder, die hinter einer schwarzen Wand aufgestellt sind, angeschaut werden. Wenn
ihr so ein recht gutes Stück ansehet, könnet ihr tun, was ihr wollet, eure
Phantasie und Einbildung mäßigen und modulieren nach Möglichkeit, und ihr
werdet es mit aller Anstrengung nicht dahin bringen, daß ihr das gemalte Bild
als ein bloß gemaltes ansehet, sondern immer wird es vollkommen plastisch
erscheinen und die Gegenstände so darstellen, daß ihr sie wie in der Natur
selbst erblicket, vorausgesetzt, daß das Bild und das Glas selbst vollkommen
tadellos sind.
[GS.01_006,02]
Wenn ihr euch nun in einer solchen Hütte befindet, wo etwa einige zwanzig
solcher Vergrößerungsfensterchen angebracht sind, so werdet ihr dem Außen nach
ein jedes Fensterchen doch sicher völlig gleich finden. Wenn ihr aber
hinzutretet, so werdet ihr in dem kleinen Raume über die zwanzig Fensterchen
hin in wenig Schritten eine Reise machen, die ihr sonst vielleicht in einigen
Jahren nicht gemacht hättet. Ähnlich ist zwar jedes Fensterchen dem andern;
aber durch das Fensterchen geschaut, repräsentiert sich eine ganze Weltgegend.
Ihr gehet zum zweiten Fensterchen und sehet da hinein: wie himmelhoch
verschieden von dem vorigen und so fort bis zum letzten Fensterchen. Hat euch
nicht ein jeder neue Durchblick auf das Außerordentlichste ergötzt? Ihr müßt
solches offenbar bejahen, denn in einem Fensterchen sahet ihr eine vortrefflich
dargestellte große Stadt nebst einem weiten Landbezirk ihrer Umgebung und in
dem nächsten Fensterchen eine überaus romantische Gebirgsgegend so vortrefflich
dargestellt, daß ihr glaubtet, ihr brauchtet nur die schwarze Wand zu
durchbrechen, um euch in dieser Gegend ganz natürlich zu befinden. Ihr mochtet
euch nicht trennen, aber der Führer sagte euch: Beim nächsten Fensterchen
werden Sie noch etwas Großartigeres sehen, und ihr begebt euch zum dritten
Fensterchen. Der erste Anblick schlägt euch schon völlig nieder, denn ihr
erblicket eine endlos weitgedehnte Meeresfläche. Längs dem Meere eine sich in
bläulichen Dunst verlierende Ufergegend mit all ihren Seeherrlichkeiten. Auf
der weitgedehnten Meeresfläche erblickt ihr hier und da Inseln und eine
zahllose Menge von großen und besonders von kleinen Seefahrzeugen. Dieses alles
ist so vortrefflich dargestellt, daß ihr nicht umhin könnet auszurufen und zu
sagen: Da hört die Kunst auf Kunst zu sein und tritt völlig in das Gebiet der
reinsten, natürlichen Wirklichkeit! Und so geleitet euch der Führer zu einem
nächsten Fensterchen; da werdet ihr wieder noch mehr überrascht und so fort bis
zum letzten.
[GS.01_006,03]
Wenn ihr also alles genau durchgeschaut habt, so möchtet ihr dann wohl gehen;
aber der Führer hält euch auf und sagt: Meine lieben Freunde! Wollen Sie denn
nicht noch einmal zum ersten Fensterchen hingehen? Ihr sagt ihm: Das haben wir
ja ohnedies schon betrachtet. Doch der Führer sagt zu euch: Das Fensterchen ist
wohl dasselbe, aber die Ansichten sind ganz verändert. Ihr geht darauf hin und
seht zu eurem größten Erstaunen wieder ganz Neues und völlig Unerwartetes und
so durch die ganze Reihe der etlichen zwanzig Fensterchen hindurch. Hoch
erstaunt verlasset ihr wieder das letzte, und der Führer sagt wieder zu euch:
Meine Freunde! Die Fensterchen sind zwar noch dieselben, aber es ist schon
wieder überall eine neue Welt dahinter zu sehen. Und ihr gehet, von hohem
Interesse ergriffen, wieder an die Betrachtung und rufet schon beim ersten
Fensterchen: Wunder, Wunder, Wunder!!! Sie, schätzbarer Freund, sind ja
unerschöpflich in Ihrem Kunstgebiete! Und er spricht zu euch: Ja, meine lieben
Freunde, also könnte ich euch wohl noch tagelang mit stets neuen und
großartigeren Abwechslungen unterhalten.
[GS.01_006,04]
Sehet, in diesem einförmigen, ganz kleinen Raume habt ihr eine Weltanschauung
genossen, wie sie manche große Erdumsegler in der Natürlichkeit nicht genossen
haben. Eure Augen haben Entfernungen von hundert Meilen und darüber geschaut,
und das alles auf einem Raume von wenigen Klaftern und Schuhen.
[GS.01_006,05]
Nun sehet, dieses anschauliche Beispiel gibt uns einen recht guten Vorgeschmack
zu der wundervollsten geistigen Anschauung auf unserer geistigen Sonne. Es sagt
uns, wie wir allda auf einem kleinen Raume so überschwenglich vieles können zu
Gesichte unseres Geistes bekommen, wie wir eben in unserem optischen Kämmerchen
mit der leichtesten Mühe zum wenigsten die halbe Oberfläche der Erde geschaut
haben. Wie aber werden wir solches anstellen? Davon ist schon ein kleiner Wink
gegeben worden, und diesem Winke zufolge wollen wir denn auch einen kleinen
anfänglichen Versuch machen.
[GS.01_006,06]
Sehet, wir befinden uns noch immer auf unserer einfachen geistigen Sonne, sehen
noch immer nichts als selige Geister in vollkommener Menschengestalt
durcheinander, miteinander und übereinander wandeln und auf dem Boden unsere
Bäumchen, edle Gesträuche und das schöne Gras. Aber sehet, da kommt soeben ein
Geistmann auf uns zu. Mich sieht er nicht, daher redet ihr ihn nur an, damit er
vor euch stehenbleibe. Wenn er stehenbleiben wird, sodann tretet näher zu ihm,
daß ihr seine Sphäre erreichet, und ihr werdet sogleich die geistige Sonne in
einem andern Kleide erblicken.
[GS.01_006,07]
Nun, ihr seid in seiner Sphäre und schlaget eure Hände über dem Kopfe zusammen.
Was aber seht ihr denn? Ihr könnet ja vor lauter Verwunderung nahe zu keinem
Worte kommen! Es hat auch nicht Not, denn mit Mir ist in dieser Hinsicht leicht
reden, weil Ich dasselbe, was ihr schauet, eben also wie ihr und daneben aber
auch noch ums Unendliche vollkommener schaue.
[GS.01_006,08]
Ihr seht die wunderherrlichsten Gegenden, hohe glänzende Berge, weite
fruchtbarste Ebenen, wie Diamanten in der Sonne schimmernde Flüsse, Bäche und
Meere. Das hellichtblaue Firmament erblicket ihr übersät mit den herrlichsten
und allerreinst glänzenden Sterngruppen. Eine herrliche Sonne schaut ihr im
Aufgange. Sie leuchtet überhell, mild und sanft, und dennoch mag sie mit ihrem
Lichte die schönen Sterne des Himmels nicht ermatten. Ihr sehet große glänzende
Tempel und Paläste in einer Unzahl, große Städte, an den weiten Ufern großer
Meere erbaut. Zahllose seligste Wesen wandeln über die herrlichen, alle
Seligkeit atmenden Gefilde. Ihr höret sogar ihre Sprache, und ihre himmlischen
Lobgesänge dringen an euer Ohr. Ihr sehet euch nach allen Seiten in der früher
einfachen geistigen Sonne um; aber nirgends zeigt sich mehr etwas von ihrer
früheren Einfachheit, sondern alles ist in zahllose Wunder aufgelöst!
[GS.01_006,09]
Aber tretet jetzt wieder aus der Sphäre unseres Geistmannes! Sehet, nun ist
alles wieder verschwunden, wir befinden uns wieder auf unserer einfachen Sonne.
Ihr saget nun: Ja, was war denn das? Wie ist solches möglich? Trägt ein solcher
Geist denn alles dieses in solchem engen Zirkel, eine unendliche Welt voll der
wunderbarsten Herrlichkeiten, in solch engem Kreise ein so weitgedehntes
vielfaches Leben? Ist das Wirklichkeit oder ist es nur eine leere
Erscheinlichkeit?
[GS.01_006,10]
Meine lieben Freunde! Ich sage euch jetzt noch garnichts darüber, sondern wir
wollen noch eher von mehreren Fensterchen unseres geistigen Dioramas
profitieren und sodann erst uns auf ein inwendigstes Beleuchten einlassen. Denn
solches ist nur ein leiser Anfang von dem, was sich noch alles unseren Blicken
darstellen wird.
7. Kapitel – Die
Sphäre des zweiten Geistes. – Der Grund des Lebens ist die Liebe des Vaters.
[GS.01_007,01]
Sehet, da naht sich uns schon wieder ein anderer Geist. Auch dieser soll hier
verweilen, auf daß ihr in seine Sphäre treten könnet. Nun blicket hin, er
harret eurer schon und weiß durch einen innern Wink, was ihr wollet. Also
nähert euch ihm und tretet in seine Sphäre! Ihr befindet euch nun schon in
derselben. Saget Mir, was sehet ihr da? – Ich sehe aber schon wieder, ihr
vermöget ob der Größe des Geschauten nichts hervorzubringen; darum werde schon
Ich wieder müssen den guten Dolmetsch machen. – Ihr stehet vor lauter
Verwunderung und Erstaunen wie völlig starr in der Sphäre dieses Geistes.
[GS.01_007,02]
Ja, ein solcher Anblick mag euch wohl die Sinne ein wenig schwinden machen,
denn ihr sehet Wundergegenden über Wundergegenden; weltenweit gestreckte
herrlichste Flurenreihen sind vor euren Blicken ausgebreitet. Allenthalben
sehet ihr liebreichste Menschen glänzende friedliche Hütten bewohnen. Ihre
unaussprechlich schönen und liebfreundlichen Gestalten hemmen eure Blicke, so
daß es euch kaum möglich ist, ein ins Auge gefaßtes Wesen zu verlassen und auf
ein anderes überzugehen.
[GS.01_007,03]
Ihr befasset euch mit einem allerliebreichsten Antlitze wie ganz in dasselbe
verloren, und Tausende und Tausende ziehen an euch vorüber, und ihr merket sie
kaum ob des Einen!
[GS.01_007,04]
Auf den sanften, lichtgrünen Erhöhungen bemerket ihr überaus stark leuchtende
Tempel, in den Tempeln selbst, daß sie von seligst lebenden Geistern besucht
und durchwandert werden. Ihr erhebet eure Blicke zum Firmamente empor, und ihr
erschauet wieder ganz neue und noch viel herrlichere Sterngruppen; ja durch die
reinen Lüfte sehet ihr mit großer Leichtigkeit und Schnelligkeit stark
leuchtende Scharen seliger Geister ziehen, welche zum Teil frei schweben, zum
Teil wie auf leuchtenden Wölkchen einherziehen. Ihr blicket hin gegen den
Aufgang, und eine große Sonne steht hoch über demselben. Ihr Licht ist gleich
dem einer herrlichsten Morgenröte, und alles, was ihr anblicket, widerstrahlt
aus dem Lichte dieser Sonne!
[GS.01_007,05]
Unweit vor euch erschauet ihr einen ziemlich hohen, aber sanft abgerundeten
Berg, auf diesem steht ein großartiger Tempel. Die Säulen glänzen wie Diamanten
in der Sonne, und anstatt des Daches sehet ihr ein leuchtend Gewölk, über
welchem wieder selige Geister schweben.
[GS.01_007,06]
Ihr saget nun: Endlos wunderbar und unbeschreiblich herrlich ist alles, was wir
sehen, nur ist uns dieses alles noch etwas ferne gestellt, und wir mögen in
dieser geschauten herrlichen Welt keinen Schritt vorwärts tun; denn tun wir
das, so treten wir offenbar aus der Sphäre unseres Geistes, und mit unserer
Anschauung hat es dann ein Ende! – Ich aber sage euch: Mitnichten; gehen wir
nur auf eben diesen Berg und beschauen da die Dinge näher. Sehet, wir sind
schon auf dem Berge; was sehet ihr hier?
[GS.01_007,07]
Ihr werdet noch mehr stumm und könnet euch vor lauter Verwunderung nicht
helfen, denn ihr waret der Meinung, ihr werdet in dem Tempel also herumgehen
können wie etwa in einem großen Gebäude auf eurer Erde. Allein, als ihr in den
Tempel eingetreten seid, hat sich das Inwendige des Tempels zu einer neuen,
noch viel herrlicheren unübersehbaren Himmelswelt gestaltet, darob ihr nun
nicht wisset, wie ihr daran seid! Jedoch solches tut einstweilen nichts zur
Sache. Das rechte Licht wird alles ins klare bringen. Ihr fraget mich zwar, ob
ihr auch in der Sphäre der Geister dieser zweiten Art andere Dinge erschauen
würdet.
[GS.01_007,08] O
ja, sage Ich euch. Die Veränderung dieses Tempels in eine neue wunderbare
Himmelswelt ist eben eine Folge dessen, daß ihr in die Sphäre der Geister
getreten seid, die sich in diesem Tempel vorgefunden haben. Aber ihr saget und
fraget: Warum sehen wir denn diese Geister nun nicht, in deren Sphäre wir uns
befinden? Weil ihr aus ihrem Zentrum durch Meine Vermittlung heraus schauet.
Rücken wir aber etwas zurück; und sehet nun, da steht schon wieder unser
voriger Tempel, und wir sehen ihn erfüllt von überseligen Geistern, welche sich
untereinander über allerlei auf Mich Beziehung habende Dinge besprechen.
[GS.01_007,09]
Nun habt ihr euch überzeugt, daß man auch in einer solchen Geistersphärenwelt
wie auf der Erde freien Fußes nach Belieben umher wandeln kann. – Und so denn
können wir uns wieder auf unseren früheren Standpunkt zurückziehen. Sehet, wir
sind schon da.
[GS.01_007,10]
Tretet nun wieder aus der Sphäre unseres gastlichen Geistes, und wir werden uns
wieder auf unserer ganz einfachen geistigen Sonne befinden. – Da ihr nun aus
der Sphäre seid und unser guter Geist sich auch noch in unserer Gesellschaft
befindet, so könnet ihr euch mit ihm sogar besprechen. Er kennt euch recht gut,
da er ebenfalls von eurer Erde, und zwar aus eurer Blutsverwandtschaft,
abstammt. Ich will ihn euch zwar vorderhand noch nicht näher bezeichnen, denn
es werden noch bessere Gelegenheiten kommen, wo wir alle uns bei dieser
Gelegenheit dienenden Geister werden näher kennenlernen.
[GS.01_007,11]
Höret aber, was der Geist zu euch spricht, indem er sagt: O Freunde, die ihr
noch in euren Leibern wandelt auf der harten Erde, fasset, fasset das Leben in
seinem Grunde! Es ist unendlich, und seine Fülle ist unermeßlich! Der Grund des
Lebens ist die Liebe des Vaters in Christo in uns! Diesen unendlichen Grund
fasset allertiefst in euren Herzen, so werdet ihr in euch dasselbe finden, was
ihr in meiner Sphäre gefunden habt. Was ihr geschaut habt, war einfach nur;
aber in dem Grunde des Lebens liegt Unendliches über Unendliches!
[GS.01_007,12]
Es sind noch kaum fünfzig Erdjahre verflossen, da ich gleich euch als ein
Bürger des harten Lebens auf der Erde herumwandelte. Oft hat mich der Gedanke
an den einstigen Tod des Leibes erschüttert! Doch glaubt es mir, meine Furcht
war eitel und leer, denn da der Tod über meinen Leib kam, und ich der Meinung
war, für ewig zugrunde zu gehen und zunichte zu werden, da erst erwachte ich
wie aus einem tiefen Traume und ging alsogleich erst in dieses wahre und
vollkommene Leben über.
[GS.01_007,13]
Habe ich bis jetzt auch des eigentlichsten Lebens Vollendung bei weitem noch
nicht erreicht, so bin ich aber doch der stets klarer und klarer werdenden
Vollendung desselben näher. Wie groß und wie herrlich diese sein muß, kann ich
euch noch nicht zeigen; nur kann ich aus der Fülle meiner inneren Anschauung
wohl schließen, daß des Lebens Vollendung im Vater durch die reine Liebe zu Ihm
etwas sein muß, was kein Geist in dieser meiner Sphäre nur im unendlich
kleinsten Teile zu fassen vermag!
[GS.01_007,14]
Wohl demjenigen, ja unendlichmal wohl, der auf der Erde sich die Liebe zum
Herrn zum einzigen Bedürfnisse gemacht hat; denn der hat zu solcher Vollendung
des Lebens den kürzesten Weg eingeschlagen! Denn, glaubet es mir, meine lieben
irdischen Brüder und Freunde! Wer in sich auf der Erde die Liebe zum Herrn
trägt, der trägt auch die Vollendung des Lebens in sich; denn er hat dasjenige
allerheiligste und allerwundergrößt-vollkommenste Ziel in sich und bei sich, zu
dem ich erst langen und weiten Weges bin.
[GS.01_007,15]
Mein Lebenszustand ist zwar schon mit einer unaussprechlichen Wonne erfüllt;
allein alles dieses, was ihr in meiner Sphäre geschaut und noch endlos
mehreres, was ihr noch nicht geschaut habt und ich allezeit überseligst
durchschauen kann in stets erneuter Wunderfülle, ist nichts gegen einen
einzigen Blick nur, der da gerichtet ist auf den Vater! – Darum schauet ihr in
eurem irdischen Leben vor allem unverwandt auf Ihn, so werdet ihr dereinst gar
leicht und sicher alsbald dahin geführt werden, wo der Vater wohnt unter
denjenigen, die Ihn lieben! –
[GS.01_007,16]
Wie gefällt euch die Sprache des Geistes? – Wahrlich, sage Ich euch, wenn es
diesem Geiste nun gegeben wäre, Mich zu erblicken als Führer unter euch, so
würde er von zu großer Wonne wie vernichtet werden! Daher fasset und bedenket
doch ihr, in welcher Seligkeit ihr euch unbewußt befindet, indem Ich tagtäglich
unter euch Mich befinde, euch ziehe und lehre und euch mit Meinem eigenen
Finger zeige den allergeradesten und kürzesten Weg zu Mir!
[GS.01_007,17]
Lasset euch darum doch von der Welt nicht berücken, denn diese ist voll Todes,
Schlammes und höllischen Feuers! – Wie aber solche nach dem Abfalle des Leibes
sich artet, werden wir noch bei so manchem Geiste unserer geistigen Sonne als
eine gute Zugabe vorübergehend zu Gesichte bekommen. Ich sage euch: Wehe der
Welt ihres Argen willen, denn ihr Gewinn wird heißen: Schrecklich und überaus
elend ist es zu sein im Zorne Gottes! – Doch nun nichts mehr weiter von dem. Es
naht sich für ein nächstes Mal schon wieder ein anderer geistiger Gastfreund,
und wir wollen bei seiner Gegenwart wieder etwas Neues aus seiner Lebenssphäre
gewinnen.
[GS.01_007,18]
Die zwei früheren Geister aber wollen wir einstweilen in unserer Gesellschaft
behalten; denn der Anselm H. W. wird doch die Nähe seines Großvaters ertragen
können! Und somit lassen wir die Sache für heute wieder gut sein! –
8. Kapitel – Die
Sphäre des dritten Geistes. – Ein Bild der Unendlichkeit.
[GS.01_008,01]
Sehet, der dritte Geist ist auch schon hier, und wir wollen darum gleich von
seiner Gastfreundschaft etwas profitieren. Tretet somit nur in seine Sphäre,
und wir werden erfahren, was sich in derselben alles erschauen läßt. Da ihr
euch schon in seiner Sphäre befindet, so gebet Mir auch einmal kund durch euren
Mund, was alles sich euren Geistesblicken zur Anschauung darstellt! Ihr staunet
schon wieder und blicket wie ganz verwirrt um euch her. – Was ist es denn, das
eure Blicke so gewaltig in Anspruch nimmt? Ich sehe Mich schon wieder genötigt,
für euch den Dolmetsch zu machen, denn ihr habt ja nicht Zeit und Rast, um
Worte zu finden, die das Geschaute bezeichnen möchten!
[GS.01_008,02]
Ihr stehet auf einer glänzenden Wolke. Erstaunten Blickes sehet ihr ganze Heere
überirdischer Welten in endlos großen Kreisen vorüberziehen. Ihr sehet sie
allenthalben mit den großartigsten Wunderwerken umgeben; sie sind unzählig auf
einer jeglichen Welt. Jede dieser Welten scheint endlos groß zu sein, und
dennoch möget ihr sie von Pol zu Pol mit einem Blicke überschauen. Zahllose
Scharen von glücklichen Wesen seht ihr auf diesen vorüberziehenden Welten hin
und wieder frohlockend wandeln. Jede neue Welt, die sich euch nähert, ist von
andern unnennbaren Wundern übersät. Aber ihr saget: Wenn sie nur nicht so
schnell vorüberzögen, diese großen, überherrlichen Wohnplätze für zahllose
Heere von seligen Geistern! O wartet, auch diesem können wir sogleich abhelfen!
– Sehet, dort zieht eben eine überaus große, strahlende, einer
Hauptmittelzentralsonne ähnliche Welt! Wir wollen sie aufhalten, damit ihr sie
näher betrachten könnet. Nun ist sie da.
[GS.01_008,03]
Der große Glanz blendet freilich euer Auge, und ihr könnet wegen ihres zu
starken Leuchtens ihre Wunderfülle wohl nicht erschauen; auch dem soll
abgeholfen sein! Sehet, schon ist ihr starkes Leuchten gemildert und ihr sehet,
daß diese große Welt aussieht wie ein endlos großer, unaussprechlich schöner
Garten. In den Gärten erblicket ihr viele gar zierliche Wohnungen, und um die
Wohnungen wandeln wonneerfüllte selige Geister und genießen in großer Freude
die überaus wohlschmeckenden Früchte dieses großen Gartens.
[GS.01_008,04]
Dort sehet ihr lobsingende Geister sich in den leuchtenden Äther erheben. Auf
einem andern Platze wieder seht ihr Liebende allerfreundschaftlichst und wonniglichst
Arm in Arm miteinander wandeln. Dort wieder seht ihr eine Gesellschaft Weiser,
die mit leuchtenden Angesichtern Meine große Liebe, Gnade und Erbarmung
besingen. Auf den Ästen der zahllosartig herrlichsten Fruchtbäume seht ihr es
wie leuchtende Sterne funkeln.
[GS.01_008,05]
Ihr fraget wohl: Was ist das? Und Ich sage euch: Betrachtet die Sache näher,
und ihr werdet sobald gewahr werden, was hinter diesen Sternen steckt. Aber ihr
verwundert euch schon wieder von neuem, denn nun saget ihr: Großer, heiliger
Vater! was ist doch solches? Als wir einen solchen Stern genauer betrachteten,
da dehnte er sich samt dem Baume zu einer endlosen Größe aus. Die vorige große
Welt wie auch die Größe des einzelnen Baumes mögen wir ob der zu endlosen Größe
nicht mehr erschauen, aber dieses Sternlein ist zu einer neuen großen Welt
herangewachsen, und wir sehen diese Welt wieder voll neuer Wunder! O Vater,
saget ihr weiter, wo hat denn die endlose Größe deiner Wunderschöpfungen ein
Ende?!
[GS.01_008,06]
Ich aber sage euch: Ihr habet recht, daß ihr also fraget. Ich sage euch: die
endlose Fülle und Größe Meiner Schöpfungen hat weder einen Anfang noch ein
Ende; denn überall, wo ihr eins erblicket, glaubet es, ist Unendliches
verborgen! – Also hat nichts, das ihr schauet nun im Geiste, ein Endliches in
sich, sondern alles ist unendlich. Wäre es nicht also, so wäre es nicht aus
Mir, es wäre darum nicht geistig, und das ewige Leben wäre eine barste Lüge! So
euch aber schon die Teilung naturmäßiger Körper sagt, daß ihre Teile ins Unendliche
gehen, und daß in einem Samenkorne endlos viele Samenkörner verborgen sind, wie
sollte demnach denn das Geistige irgend einer Beendung unterliegen?
[GS.01_008,07]
Überzeuget euch an dieser neuen Welt. Sehet, dort wandelt ein Geist in unserer
Nähe, tretet in seine Sphäre, und ihr werdet euch sogleich überzeugen, von
welcher endlosen neuen Fülle von Wundern dieselbe strotzet, und glaubet es Mir,
solches geht ins Unendliche! Ihr könnt dies auch in einem naturmäßigen Bilde
erschauen. Ich habe ein solches zwar schon einmal angedeutet; dessen ungeachtet
könnt ihr es euch nun wieder in die Erinnerung zurückrufen.
[GS.01_008,08]
Das Bild aber besteht in dem: Stellet zwei überaus wohlgeschliffene Spiegel
einander gegenüber und saget Mir, wann diese gegenseitige Widerspiegelung ein
Ende hat?
[GS.01_008,09]
Sehet, also ist es auch hier. Ein jeder Geist hat Unendliches in sich, und das
in endloser Mannigfaltigkeit. Ein Geist aber ist dem andern gegenseitig wie ein
Spiegel durch seine innere Liebe zu Mir und aus dieser zu seinem Bruder. Also
ist da auch ein endloses und ewiges Hin- und Widerstrahlen. Und eben dieses
Hin- und Widerstrahlen ist das große, heilige, allmächtige Band Meiner Liebe,
durch welches alle diese Wesen mit Mir und unter sich allerseligst verbunden
sind!
[GS.01_008,10]
Aber ihr fraget nun wieder: Sind diejenigen Geister, die wir da geschaut haben
und noch schauen aus der Sphäre unseres gastlich dienstbaren Geistes, auch
wirklich selbständige Geister, oder sind sie bloß nur Erscheinlichkeiten, die
in solchen Aus- und Widerstrahlungen der wirklichen Geister ihren Grund haben?
Ich sage euch: Sie sind beides zugleich. Ihr verwundert euch über diese
Antwort; allein in dem Reiche der Geister ist es einmal nicht anders, weil in
selbem alles lebendig wesenhaft bedingt ist.
[GS.01_008,11]
Wenn ihr hinauf in Meine unendliche Sphäre treten könntet, so würdet ihr das
ganze unendliche Reich der Himmel nur als einen Geistmenschen erblicken. So ihr
aber dann in seine Sphäre treten möchtet, da würde sich dieser einige Mensch
bald auflösen in zahllose Geisterwelten, welche da aussehen würden wie zahllose
einzelne Sterne, ausgestreut durch die ganze Unendlichkeit.
[GS.01_008,12]
Möchtet ihr euch einem solchen Sterne nahen, so würde er gar bald aussehen wie
ein einzelner vollkommener Mensch. Wenn ihr aber dann wieder in die Sphäre
dieses Menschen treten möchtet, so würdet ihr an seiner Stelle alsobald wieder
einen neuen, von unzähligen Sternen überfüllten Himmel nach allen Seiten
erschauen. Und so ihr euch wieder einem solchen Sterne nähern würdet, so möchte
er zwar aussehen in der mittleren Entfernung wie ein Mensch. Würdet ihr euch
diesem Menschen mehr und mehr nahen, so möchtet ihr beinahe also ausrufen wie
einst der Seefahrer Christoph Kolumbus, als er sich dem Festlande Amerika
nahte; denn da werdet ihr ebenfalls eine große himmlische Pracht- und
Wunderwelt zu schauen anfangen! So ihr euch aber vollends auf diese Welt
begeben möchtet, da würde es euch gewaltig zu wundern anfangen, dieselbe von
zahllosen Geisterheeren bewohnt zu finden. Und möchtet ihr euch dann in die
Sphäre eines oder des andern dort wohnenden Geistes begeben, so würdet ihr
wieder neue Herrlichkeiten entdecken. Zugleich aber könntet ihr auch – mit
freilich wohl mehr geläutertem Blicke – die erste Grundwelt als eigentlichen
Wohnplatz dieser Geister erschauen.
[GS.01_008,13]
Also geht das fort und fort, und ist demnach ein jeder einzelne Geist wieder
ein vollkommener Himmel in freilich wohl für sich selbst kleinster Gestalt.
[GS.01_008,14]
So möget ihr solches fassen, daß der ganze Himmel ist ein Himmel der Himmel.
Und wie der ganze Himmel in sich unendlich ist, ist auch ein jeder einzelne
Engelsgeisthimmel unendlich in sich. Daraus ist zu verstehen, wie es lautet in
der Schrift: Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerem Schaugepränge, sondern es
ist in euch!
[GS.01_008,15]
Aus diesem Grunde wird auch ein jeder Geist dasjenige Reich bewohnen, schauen
und nützen, das er sich in sich erworben hat durch die Liebe zu Mir.
[GS.01_008,16]
Also steht es auch geschrieben: Das Reich der Himmel ist gleich einem
Senfkörnlein. Dieses ist ein kleinstes unter den Samenkörnern. So es aber in
das Erdreich, d.h. in ein liebeerfülltes Herz gesät wird, so wird es zu einem
Baume, unter dessen Ästen die Vögel des Himmels ihre Wohnung nehmen werden.
[GS.01_008,17]
Sehet ihr nun das Senfkörnlein? Ein jeder einzelne Geist, der da ist ein
seliger, ist ein solches Senfkörnlein, was soviel besagt als: Er ist ein
Geschöpf Meiner Liebe und ist somit ein lebendiges Wort derselben. Wenn dieses
Wort in dem Erdreiche der Liebe, die aus Mir frei hinausgestellt ward,
aufgehet, so wird es durch und durch ein lebendiger Baum voll der Liebe und
alles Lebens aus Mir.
[GS.01_008,18]
Wenn ihr in die Sphäre eines solchen Baumes tretet, so mag euch dann freilich
wohl wundernehmen, daß ihr in derselben eine endlose Wunderfülle der Himmel
erschauet, die da ist gleich Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung in einem jeden
einzelnen Geiste unendlich.
[GS.01_008,19]
Solches müßt auch ihr ganz der Ordnung gemäß finden, so werdet ihr erst den
wahren inneren Nutzen davon haben und werdet endlich im hellen Lichte in euch
erschauen, daß Mein geschriebenes Wort in sich ist gleich Mir und ist zugleich
das lebendige unendliche Reich der Himmel bei euch, unter euch und, so ihr es
werktätig in eure Herzen aufnehmen wollet, lebendig in euch.
[GS.01_008,20]
Was sich jedoch aus demselben noch alles Neues und Wunderbares künden wird,
werden wir in den Sphären anderer gastfreundlicher Geister hinreichend zur
Anschauung bekommen. Und somit tretet ihr wieder aus der Sphäre dieses dritten
Geistes, der ebenfalls einer eurer Anverwandten ist. Wir wollen uns bei einer
nächsten Gelegenheit sogleich in die Sphäre eines vierten Geistes begeben. Und
so denn lassen wir die Sache für heute wieder gut sein!
9. Kapitel – Die
Sphäre des vierten Geistes. – Das Geheimnis des Menschensohnes.
[GS.01_009,01]
Sehet, da steht er schon und winkt euch von selbst gar freundlich, sich ihm zu
nahen und in seine Sphäre zu treten. Also tretet hin und habet wohl acht auf
das, was ihr in seiner Sphäre werdet zu sehen bekommen. Diesen Geist werdet ihr
auch in seiner Sphäre sehen, und er wird euch in seiner Welt ein wenig
herumführen. Und so denn, wie gesagt, habet auf alles acht, was ihr da sehen
werdet, denn solches wird schon von großer Bedeutung sein.
[GS.01_009,02]
Nun denn, ihr seid in seiner Sphäre und seid überaus fröhlichen Herzens, denn
ihr sehet den Geist, in dessen Sphäre ihr euch befindet, nur mit dem
Unterschiede, daß ihr denselben außerhalb seiner Sphäre nicht erkennen mochtet.
In seiner Sphäre aber erkennet ihr ihn sogar, da er einst auf Erden ein
leiblicher Bruder zu euch war. – Mein wortemsiger Anselm wird seinen Bruder
Heinrich gar wohl erkennen, wenn er ihn erst wird sprechen hören. Ich will auch
aus diesem Grunde, daß er euch ein wenig herumführe und über so manches
eigenmündlich Aufschluß gebe.
[GS.01_009,03]
Nun, was seht ihr denn? Ihr könnet zwar solches aus zu großer Überraschung
eures Geistes nicht kundgeben; doch diesmal will nicht Ich den Dolmetsch
machen, sondern euer Führer wird solches tun. Und also spricht er (Heinrich)
denn:
[GS.01_009,04]
Sehet dahin, meine lieben Brüder, diesen großen erhabenen Tempel vor mir,
sehet, welche unbeschreiblich herrliche Säulenpracht ihn ziert. Siehst du, mein
Bruder, eine Säule reicht so weit hinauf, daß es dir vor ihrer Höhe schwindelt;
und siehe nur hin in der geraden Linie, wie nahe zahllos viele solche Säulen
diesen herrlichen Tempel umfangen. Sieh, über den Säulen erhebt sich ein
rundes, mehr wie tausend Sonnen stark leuchtendes Dach, und über dem Dache
erhebt sich ein großes feuriges Kreuz, welches so rot strahlt wie die
herrlichste Morgenröte! Wie gefällt dir dieser Tempel?
[GS.01_009,05]
Du sprichst: Mein Bruder! Seine großartige, unaussprechliche Pracht läßt mich
zu keinem Worte kommen, um dir darüber meine Empfindung mitteilen zu können.
Aber was gibt es denn in diesem Tempel? Lieber Bruder, kannst du uns da nicht
hineinführen? – O ja, meine geliebten Brüder und Freunde; machet euch aber auf
das Außerordentlichste gefaßt, denn die innere Herrlichkeit, ja, ich will sagen
Heiligkeit dieses Tempels ist so undenkbar erhaben und wunderbar groß, daß ihr
dieselbe kaum ertragen werdet. Ihr wißt es ja, daß ich bei meinem Leibesleben
ein großer Freund des Wortes Gottes war. Und da der Apostel Paulus vorzugsweise
unser Apostel war, durch welchen das Heidentum bekehrt wurde, so war er mir
nach dem Evangelisten Johannes auch der liebste. Solches habt ihr ja zu öfteren
Malen von mir vernommen; und dieser Tempel ist gegründet aus solcher meiner
innersten Hochachtung des göttlichen Wortes.
[GS.01_009,06]
Bevor wir noch hineintreten wollen, will ich ihn euch ein wenig erläutern:
Diese fast unzählig vielen hohen Säulen bezeichnen die einzelnen Schrifttexte
des göttlichen Wortes und stellen das Alte Testament vor. Wenn ihr nun mit mir
durch die Säulen tretet, so stellt sich euch ein lichter Gang dar; den Gang
innerhalb der Säulen aber beschließt eine rot leuchtende Wand. Wie ihr sehet,
ist sie so hoch wie die Säulen und ist innerhalb mit strahlenden, festen Bögen
mit der äußeren Säulenreihe zuoberst mächtig verbunden. Dieser geräumige Gang
zwischen den Säulen und der Wand ist der eigentliche Vorhof zum Tempel. Das
Dach, das ihr so stark leuchtend über den Säulen und dem Tempel in gerundeter Form
geschaut habt, bedeutet das Gnadenlicht aus der Höhe. Das Kreuz über dem Dache
aber besagt den Grund solches Gnadenlichtes, welches da an und für sich ist das
Allerheiligste, nämlich die Liebe des Vaters im Sohne!
[GS.01_009,07]
Da ihr nun, meine lieben Brüder und Freunde, solches wisset, so gehet denn mit
mir längs diesem Gange vorwärts bis dahin, wo ihr ein großes Licht der Wand
entströmen sehet, welches so rötlich leuchtet, wie das Rot einer
allerherrlichsten Frühlingsrose. Da ist der Eingang in den Tempel. – Wißt ihr,
was dieses Licht bedeutet? – Dieses Licht bedeutet und besagt die Liebe zu
Christo; und es ist sonst nicht möglich, in diesen Tempel zu kommen, denn
allein durch die enge Pforte der Liebe zu Christo. – Nun sehet, meine lieben
Brüder und Freunde, wir sind an Ort und Stelle. Sehet, da ist die Türe. Ihr
verwundert euch wohl, daß in diesen übergroßen Tempel nur ein so schmales
Pförtlein führt. Aber ihr wißt auch, daß es heißt: Wer nicht durch die schmale
Pforte gehen wird, der wird nicht zum Vater kommen, somit auch nicht in das
Reich Gottes und eben also nicht in das Engelreich der Himmel. Bücket euch
daher nur, so gut und soviel ihr könnet, und folget mir nach, gleich werden wir
das Innere dieses Tempels zu Gesichte bekommen.
[GS.01_009,08]
Nun, liebe Brüder und Freunde, sind wir in dem großen Heiligtum! Was saget ihr
zu dieser Herrlichkeit? – Wie ich sehe, seid ihr völlig ohnmächtig und
sprachlos. Ich habe euch darum auch schon zuvor gesagt: Machet euch auf das
Außerordentlichste gefaßt. Wie ihr nun selbst mit den erstauntesten Blicken
sehet, so ist das Innere dieses Tempels zu endlos groß und wundervoll und
selbst für mich zu unaussprechlich erhaben, um euch davon nur eine matte Skizze
mitteilen zu können. Das Wunderbarste ist einmal schon fürs erste die ungeahnte
endlose Größe des Inwendigen.
[GS.01_009,09]
Ihr habt geglaubt, wenn ihr in den Tempel gelangen werdet, so werdet ihr da
etwa wie auf der Erde eine inwendige Zieratenherrlichkeit schauen. Aber ihr
schauet hier im buchstäblichen Sinne der Wahrheit getreu eine endlose
Geisterweltenfülle; und diese Welten, die da nahe keinen Anfang und kein Ende
haben, sind zu einem Reiche vereint. – Ihr blicket mit erstauntem Auge über die
endlosen Fernen hin, welche übersät sind mit zahllosen ungeahnten
Herrlichkeiten. Ihr sehet himmelanragende Bäume, auf denen reichliche Früchte
voll des herrlichsten Saftes und voll strahlenden Lichtes hängen. Ihr schauet
die zahllos vielen herrlichen Tempelgebäude und sehet sie bewohnt von großen
Scharen seliger Geister.
[GS.01_009,10]
Solches alles wundert euch hoch. Aber sehet, meine lieben Freunde und Brüder,
dort auf einem sanfthohen Berge gegen Morgen hin steht ein ganz einfacher,
schlichter Tempel, aber umso außerordentlicher ist sein Glanz. Dorthin folget
mir, und ihr sollet etwas zu sehen bekommen, das euch mehr als all dieses
Geschaute entzücken soll! Und so gehen wir. – Ihr sehet wohl, wie ferne dieser
Tempel ist; nach irdischem Maßstabe dürftet ihr wohl eher euren Mond erreichen
als diesen Tempel. Aber wir Geistmenschen haben es in dieser Hinsicht viel
bequemer, denn wir dürfen es nur wollen, und wir sind schon dort, wo wir sein
wollen. So wollet denn nun auch mit mir dort sein; und sehet, wir sind schon an
Ort und Stelle.
[GS.01_009,11]
Ihr schlaget die Hände über eurem Kopfe zusammen über die ungeheure Größe
dieses Tempels und getrauet euch kaum, euch ihm mehr und mehr zu nahen. Gehet
aber nur mutig mit mir auch in diesen Tempel, und ihr werdet vom überaus
freundlichen Bewohner desselben sicher gut aufgenommen sein. Also folget mir
nur! – Dieser Tempel wird auch innerlich als solcher zu beschauen sein, und ihr
werdet in denselben einkehren wie in ein überaus gastfreundliches Haus. – Also
sind wir in den Vorhof eingetreten und gehen denn durch diese leuchtende Pforte
auch in das vollkommen Innere dieses Tempels. So, meine lieben Brüder und
Freunde; wir sind an Ort und Stelle.
[GS.01_009,12]
Kennet ihr dort in ziemlich weitem Vordergrunde den freundlichen Mann, umgeben
von einer Menge großer und kleiner Menschengeister? Sehet, wie er sie
allerfreundlichst und liebreichst das große Geheimnis des Menschensohnes lehrt
und wie ein jegliches Wort aus seinem Munde gleich einem hellsten Sterne
hervorgeht! Aber sehet, unser guter Gastfreund hat uns schon bemerkt. Er erhebt
sich von seinem strahlenden Sitze und eilt uns mit offenen Armen entgegen.
Kennt ihr ihn noch nicht? Sehet, er ist schon ganz in unserer Nähe. Betrachtet
ihn nur recht genau, ihr müßt ihn erkennen. Wenn ihr ihn aber schon nicht
erkennet aus seiner sprechenden Gestalt, so werdet ihr ihn doch sicher erkennen
aus seinem alten, allezeit gleichen und getreuen Gruße!
[GS.01_009,13]
So höret, er spricht: O liebe Brüder! Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei
mit euch und die Liebe des Vaters im Sohne und in der Gemeinschaft des heiligen
Geistes! Was hat euch bewogen, hierher zu kommen? Wer war euer Führer? Ihr
getraut euch mit der Stimme nicht heraus; aber ich ahne es wohl in mir, Wessen
Liebe so groß ist, daß sie Dessen Erlöste zu der heiligen Quelle des ewigen
Lebens leitet! – O liebe Brüder! Ich sage euch im Namen meines über alles
geliebten Herrn Jesus Christus, haltet euch an Ihn, haltet an Seiner Liebe, und
ihr werdet nicht, ja ewig nicht zugrunde gehen. Selig sind zwar diejenigen, die
da glauben, daß Er ist Christus als der wahrhaftige ewige Sohn des lebendigen
Gottes. Aber diejenigen nur, die Ihn lieben über alles, werden in Ihm den
heiligen Vater schauen; denn durch die Liebe erst werden wir zu wahrhaftigen
Kindern Gottes! – Und so denn sage ich, der alte Paulus, zu euch: Haltet euch
an die Liebe, und ihr habt das ewige Leben in euch! Meinen Gruß; und die Gnade
unseres Herrn Jesu Christi im Vater und im Geiste sei mit euch! – –
[GS.01_009,14]
Nun, meine lieben Freunde und Brüder, habt ihr gesehen, wie gastlich und wie
liebfreundlich uns der alte Freund und Apostel des Herrn aufgenommen hat? Seht,
wie er sich schon wieder in der Mitte seiner Schüler befindet und sie in der
Liebe zum Herrn unterrichtet. – Ihr möchtet wohl wissen, was das für Kinder und
Geistermenschen sind? – Sehet, das sind lauter Heiden und heidnische Kinder.
Aber das sind bei weitem nicht alle, die ihr sehet, sondern gehet nur mit mir
wieder hinaus ins Freie des großen Tempels, und, da wir uns schon wieder
allhier im Freien befinden, sehet die nahe zahllose Menge der Tempel
allenthalben in den weiten Gebieten hervorglänzen. Sie sind lauter
Lehranstalten für allerlei Heiden, und viele Apostel und Jünger dieses Apostels
Paulus sind ihre Lehrer.
[GS.01_009,15]
Es gäbe wohl noch unendlich vieles euch zu zeigen in diesem großen Tempel, in
dem wir uns befinden; allein da ihr noch mit dem Irdischen in Verbindung
stehet, so würden dazu wohl Millionen und Millionen Jahre erforderlich sein, um
mit euch nur den kleinsten Teil oberflächlich durchzugehen! – Einst im Geiste
aber werdet ihr solches gleich mir durch die endlose Gnade des Herrn in aller
Fülle der Klarheit erschauen. Und so denn bewegen wir uns wieder aus dem
Tempel. Sehet, wir sind schon am Pförtlein im Vorhof. Die große Säulenreihe und
das leuchtende Dach mit dem großen Kreuze steht wieder frei vor unseren
Blicken.
[GS.01_009,16]
Nun aber noch eines. Solches könnt ihr mir wohl sagen, denn es gibt auch hier
so manches, was wir Geister entweder nur schwer und manchmal wohl gar nicht
begreifen. Eure Besuchsweise, oder für euch deutlicher zu sprechen, daß ich
euch nun sehe, und mit euch sprechen kann, ist mir wohl begreiflich; denn ihr
waret schon öfter bei mir in eurem Geiste, und habt mit mir gesprochen wie
jetzt, nur durfte euch keine Erinnerung an solch eine Zusammenkunft bleiben.
Also ist mir demnach auch euer gegenwärtiger Besuch gar wohl begreiflich.
Unbegreiflich aber ist mir, und ich kann es mir nicht erhellen, warum ich
diesmal ein so namenloses Wonnegefühl in eurer Nähe empfinde. Ihr könnt es mir
als eurem aufrichtigen Bruder glauben, daß ich eine solche Wonne noch nie
empfunden habe, solange ich dieses überseligen Ortes seliger Bewohner bin! –
Saget es mir doch, saget es, wenn euch überhaupt solches zu sagen möglich ist!
[GS.01_009,17]
Nun aber sage wieder Ich euch: Solches müßt ihr ihm nicht künden, denn er muß
auf einen Blick, in dem er Mich erschauen wird, vorbereitet werden, sonst würde
er solche Seligkeit nicht ertragen. Es gibt hier Geister, die Mich so mächtig
lieben, daß Ich Mich ihrer Liebe zufolge nur nach und nach erschaulich nähern
kann. Und so denn saget ihm, er solle nur noch ein wenig verharren in seinem
Wunsche, nach einer kurzen Zeit wird ihm der Grund seiner Wonne schon enthüllt
werden. Also saget ihm solches in eurem Geiste! – Sehet, er hat es schon
vernommen aus euch und ist damit hochbegierlich zufrieden. – Solcher Zustand
heißt die Geduld der Liebe!
[GS.01_009,18]
Wir sind auch schon wieder auf unserem Gesellschaftsplätzchen; und daher tretet
wieder aus der Sphäre eures Brudergeistes und sehet ein wenig zu, Ich will Mich
ihm auf einen Augenblick nur zeigen! – Sehet, jetzt erblickt er Mich! Er fällt
nieder auf sein Angesicht und liebt, betet und weint, und es ist gut! Einen
Augenblick nur für diese Zeit! – Wir aber wollen uns für ein nächstes Mal
wieder der Sphäre eines fünften Geistes bedienen. Auch dieser euer Brudergeist
soll euch führen wie der hier noch weinende und betende, welcher aber auch in
unserer Gesellschaft verbleiben soll. Und so lassen wir es für heute wieder gut
sein. –
10. Kapitel –
Die Sphäre des fünften Geistes. – Das größte Wunder – das Herz des Menschen.
[GS.01_010,01]
Kennet ihr nicht diesen Fünften, der sich schon vor uns befindet? Sehet nur
hin, wie er euch freundlich anlächelt und einladet, in seine Sphäre zu kommen!
Also gehet nur hin und besehet seinen Reichtum. Auch dieser Geist wird euch in
seiner eigenen Sphäre erkenntlich und sichtbar bleiben und wird euch ein wenig
herumführen in dem Bereiche der Schätze seines inneren Lebens. Und so denn
begebet euch in seine Sphäre.
[GS.01_010,02]
Ihr seid nun in seiner Sphäre, schlaget schon wieder von neuem eure Hände über
dem Kopfe zusammen und seid nahe von Sinnen ob der wunderbaren, erhabenen
Großartigkeit dessen, was ihr nun oberflächlichhin schauet. – Folget aber nun
nur dem freundlichen Brudergeiste, und ihr werdet an seiner Seite Unerwartetes
erfahren. Wie der vorige, so wird auch dieser euch ein Dolmetsch sein in Meinem
Namen, und so denn höret, was euer Führer spricht.
[GS.01_010,03] O
liebe Brüder und Freunde! Welch eine Wonne und welche Lust und Freude mir, daß
ich euch hier wieder erschaue! Ihr kennet mich doch, daher folget mir in dieser
meiner überseligen Sphäre. Ich will euch zeigen, welche Schätze der Liebe zum
Herrn entstammen! Sehet, meine lieben Brüder, und du auch ganz vorzugsweise,
mein geliebter Anselm, dorthin auf jene herrlichen Gebirge vor uns; da erst
werdet ihr die Schätze meiner Seligkeit schauen!
[GS.01_010,04]
Wir haben die Höhe des Gebirges erreicht. Sehet nun hin in die endlosen Fernen.
So weit nur eures Geistes Blicke zu reichen vermögen, ja so weithin sich eure
kühnsten und schnellsten Gedanken stürzen können, sehet alles dieses ist wie
ein großes Fürstentum mir gegeben.
[GS.01_010,05]
Ihr fraget mich zwar und saget: Aber lieber, seliger Bruder, bist denn du auch
der Eigentümer von all den zahllosen prächtigen Palästen, die gleich
aufgehenden Sonnen auf den runden Bergen strahlend prangen und auch der
Eigentümer all der zahllosen Myriaden und Myriaden der seligen Geister, die wir
allenthalben freundlich gegeneinander ziehen sehen? Gehören wohl all die
zahllosen Prachtgärten mit den glänzenden Säulentürmen dir zu, die da unsere
erstaunten Augen mit ihrem starken Lichte blenden?
[GS.01_010,06]
Wie ist es denn mit jenen fernen Welten dort, die wir gleich aufgehenden Sonnen
erblicken? Das helle Firmament mit den zahllosen herrlichsten Gestirnen, ist es
auch dein? Und diese herrliche Sonne über unserem Haupte, deren Strahlen so
mild und sanft die ganze Unendlichkeit zu erfüllen scheinen, wie steht es mit
dieser? Zählst du sie auch zu deinem Eigentume?
[GS.01_010,07]
Ja, meine geliebten Brüder, ich sage euch: Nicht nur dieses, was ihr sehet,
sondern noch endlos mehreres, was ihr nicht zu sehen vermöget, ist ein Eigentum
meiner Liebe! Liebe Brüder, ihr verwundert euch und saget: Aber lieber, seliger
Bruder! Deine Erklärung lautet ja nahe also, als hätten sich Selbstsucht und
Eigenliebe dir beigesellt, denn du sagst: Alles dieses und noch endlos mehreres
ist ein Eigentum meiner Liebe. Die Liebe aber ist ja dein eigenes Ich und somit
auch dein eigentliches Leben. Solltest du denn nicht wissen, daß da alles nur
ein Eigentum des Herrn ist? – Wie kannst du denn demnach sagen, alles dieses
sei ein Eigentum deiner Liebe?
[GS.01_010,08]
Ja, meine lieben Brüder, eure Rede ist mir angenehm und euer Einwurf wohl
begründet. Nur ist er hier nicht am rechten Platze angebracht. Denn so ihr
urteilet von außen nach innen, so hat euer Urteil guten Grund. Hier aber muß
jedes Urteil nur von innen nach außen allzeit treffend gehen, und sehet, da ist
euer Urteil nicht am rechten Platze. Denn wenn ich sage: Alles dieses und noch
endlos mehreres ist ein Eigentum meiner Liebe, so müßt ihr dabei von innen aus
also urteilen, daß meine Liebe der Herr Selbst ist und ich keine andere Liebe
habe und somit auch kein anderes Leben als nur das des Herrn!
[GS.01_010,09]
Damit ihr aber, meine lieben Brüder und Freunde, recht gründlich einsehet, daß
euer Urteil gegen mich ein äußeres war, so sage ich eurer eigenen notwendigen
Beleuchtung halber, daß, so ihr saget: Alles dieses ist ein Eigentum des Herrn,
ihr dadurch nur ein äußeres Bekenntnis ableget, daß ihr all solches nur dem
Herrn zugestehet; aber bei solch einem Zugeständnisse ist der Herr wie das
Geständnis noch außer euch. Wenn ihr aber saget: Solches alles ist ein Eigentum
meiner Liebe, so gebet ihr dadurch aus euch kund, daß euer alles der Herr ist
und wohne mit Seiner Liebe und Gnade als das ewige Leben in euch. Denn so ihr
saget in der Liebe eures Herzens zum Herrn: Solches alles ist ein Eigentum
meiner Liebe, so saget ihr damit ebensoviel, als da einst mein lieber, guter
Freund, der alte Apostel Paulus, gesagt hatte, da er noch in seinem Fleische
auf der Erde gewandelt hat: Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in
mir! – Solches sagte ich euch nun darum, damit ihr daraus wisset, in welcher
Weise alle unsere Rede geartet ist, denn auf der Erde ist nur eine äußere Rede,
und muß da erst dringen in das Inwendige von außen her. Daher ist sie auch eine
unsichere und selten treffende Rede, wenn sie nicht also gestaltet ist wie das
Wort des Herrn, welches den Menschen von allen Seiten erfasset und ihn also
durchdringet. Unsere Rede aber ist eine inwendige und hat kein Äußeres, daher
ist sie auch allzeit treffend und ihr Ziel erreichend.
[GS.01_010,10]
Gehet aber nun mit mir auf jenen Hügel dort vor uns, allda ihr einen herrlichen
Palast erblicket. Sehet, wir haben kaum das Wort ausgesprochen, und wir sind
auch schon da, wo wir sein wollten. Ihr saget nun: Der Palast ist herrlich und
großartig, aber jener Tempel, den wir in der Sphäre unseres früheren Bruders
geschaut haben, war großartiger. Ich aber sage euch: Urteilet nicht zu
vorschnell, erst tretet in das Innere und dann vergleichet. Sehet, auch hier
ist ein enges Pförtlein nur, durch welches man in diesen Palast gelangt. Also
bücket euch, so gut ihr könnt, und folget mir. – Nun, wir haben das Pförtlein
passiert und befinden uns im Palaste.
[GS.01_010,11]
Was ist euch wohl, daß ihr wie erstarrt hin und wider blicket? Sehet, liebe
Brüder, ich habe es euch ja vorausgesagt, daß ihr nicht vorschnell urteilen
sollet. Hier liegt der Wert eines Dinges allzeit nur im Inwendigen und nie im
Auswendigen. Darum ist auch das Inwendige allzeit erhabener und wunderbar
großartiger als das Äußere, denn es verhält sich hier alles also wie das Wort
Gottes auf der Erde. Schlicht und prunklos steht dasselbe durch den Buchstaben
im Buche. So aber jemand in das schlichte Wort durch die enge Pforte der
demütigen Liebe dringet, zu welch einer Wunderfülle gelangt er in einem
einzigen Worte Gottes, das einfach und prunklos steht im Buche, aus Buchstaben
zusammengesetzt. Ebenso, wie gesagt, verhält es sich auch hier.
[GS.01_010,12]
Ihr habt es nicht geahnt, daß ihr in diesem einfachen Palaste eine
Unendlichkeit, erfüllt von den Wundern Gottes, schauen werdet. Da ihr sie aber
nun sehet, die zahllosen Weltenheere in geistig verklärtem Sein und seht
Myriaden Herrlichkeiten und zahllose selige Bewohner auf denselben, so erstaunt
ihr euch, wie solches möglich in einem von außen her so engen Palaste!
[GS.01_010,13]
Ich sage euch aber: Dieses ist bei weitem kein so großes Wunder, als daß da das
Herz eines Menschen werden kann zur Wohnstätte des heiligen Geistes aus der
Liebe des ewigen Vaters, des unendlichen, überheiligen, allmächtigen Gottes! –
[GS.01_010,14]
Wollt ihr mit mir dorthin wandeln, wo sich auf einem ebenen Grunde voll des
herrlichsten Glanzes ein wunderbarer runder Tempel erhebt, der umgeben ist mit
drei Reihen der schönsten glänzenden Säulen und kein Dach hat, sondern statt
desselben über sich ein leuchtendes Regenbogengefüge, das sich stets zu bewegen
scheint? Ihr seid willens, und sehet, wir sind auch schon wieder an Ort und
Stelle. – Habt ihr Lust, mit mir auch in diesen Tempel zu gehen? Ihr bejahet
solches mit freudigen Herzen. So folget mir denn alsbald auch in diesen Tempel!
[GS.01_010,15]
Nun sehet, wir sind schon darinnen. Ihr schlaget auch schon wieder eure Hände
über dem Kopfe zusammen. Ja sehet, also ist es hier bei uns; im Inwendigen sind
wir zu Hause. Darum lasset euch nicht beirren ob der noch größeren
Wunderherrlichkeiten, die ihr da sehet; denn je tiefer wir dringen, desto
herrlicher und wundervoller wird alles. Die allergrößte Liebe, Gnade und
Wunderfülle aber ist in dem Allerinwendigsten, nämlich im Herrn! – Dahin zu
gelangen wird keinem Geiste ewig je möglich sein, obschon er sich Ihm stets
mehr und mehr nahen kann.
[GS.01_010,16]
Ihr fraget mich, was wohl das Meer dort bedeute, das so herrlich strahlt, und
unferne vom Ufer die herrliche Insel mit mehreren schönen Tempeln, vorzugsweise
einem gar schönen auf einer schroffen Höhe? So ihr euch auch dahin mit mir
begeben wollet, könnt ihr euch selbst überzeugen, was alles dieses ist. – Ihr
wollt es, und seht, wir sind auch schon wieder am Ziele, denn über die Meere
hier brauchen wir keine Schiffe; durch unseren Willen können wir überallhin
gelangen, dahin wir nur immer wollen. Wollt ihr auch in diesen Tempel mit mir
eingehen, so folget mir. Dieser Tempel aber soll seinem Inwendigen nach euch
nicht enthüllt werden, sondern ihr werdet euch in selbem befinden wie in einem
inwendigen Gebäude.
[GS.01_010,17]
Nun sehet, wir sind schon darin. Euch gefällt diese wunderherrliche Bauart wohl
recht gut. Aber sehet! Dort gegen das große Fenster hin, da ein rotes Licht
hereindringt, wen erblicket ihr wohl dort? – Ihr saget, einen gar lieben,
freundlichen Mann und eine ebenso liebenswürdige, freundliche Dame. Gehet nur mit
mir und scheuet euch nicht im geringsten, denn diese Bewohner sind überaus
freundlich und zuvorkommend. Sehet, beide erheben sich und eilen uns mit
offenen Armen entgegen. Erkennet ihr sie noch nicht? So werdet ihr sie sicher
erkennen, wenn sie vollends bei uns sein werden. Sehet, sie sind da. Lasset
euch segnen von ihnen, denn er ist der Liebling des Herrn, der Apostel
Johannes, und sie, o Brüder und Freunde, sie ist die Mutter des Fleisches des
ewigen Wortes aus Gott! – Sie haben euch nun gesegnet; doch daß wir mit ihnen
Worte wechseln möchten, solches ist noch nicht an der Zeit! Es wird sich aber
im Verlaufe eures Hierseins wohl sicher fügen, daß ihr sowohl dem Johannes als
der Maria näher kommen werdet denn jetzt. Mein Inneres sagt es mir: Bis hierher
und nicht weiter soll ich euch führen. Also möget ihr wieder mit mir
zurückkehren an die Stelle, da wir ausgegangen sind.
[GS.01_010,18]
Nur eines möchte ich von euch erfahren. Ihr habt es zwar nicht bemerkt; meinem
Blicke aber ist es nicht entgangen, daß diese beiden hohen Lieblinge des Herrn
bei eurer Annäherung wie von einer wonnigen Ehrfurcht ergriffen wurden, der
zufolge sie auch völlig sprachunfähig waren. Solches habe ich noch nie gesehen
und war zu öfteren Malen schon an diesem Orte; ja er ist sogar der
ausgezeichnetste Lieblingsaufenthalt für mich. Ihr schweiget und wollet mir
nichts sagen. O Brüder! Eben diese eure Sprachlosigkeit läßt mich Großes, ja
Allergrößtes ahnen; darum will ich auch nicht näher in euch dringen, und es
geschehe darum wie allezeit des Herrn allerheiligster Wille!
[GS.01_010,19]
Ihr fraget mich und saget: Aber lieber Bruder, wie werden wir wohl nun den
Rückweg finden? Sehet, wo ihr euch befindet; dann erst fraget. Ihr saget nun:
Wie war solches denn möglich? Wir sind ja schon an der Stelle, von wo wir
ausgegangen sind! Ja sehet, da geht es wohl besser als mit euren Eisenbahnen
auf der Erde. Wir haben nämlich unsere Stelle eigentlich gar nie verlassen,
sondern es ward euch nur gestattet, in eben dieser meiner Sphäre, welche da ist
die Gnade des Herrn, stets tiefere und tiefere Blicke in meine innere Liebe zu
tun. Ihr brauchet daher nichts anderes als eure Blicke zurückzuziehen, um
dadurch zu gewahren, daß ihr euch ganz wohlbehalten noch an der vorigen Stelle
befindet. Und so habe ich euch nun nichts mehr zu sagen, als daß ich derjenige
bin, der als euer Bruder auf der Erde den Namen Franz hatte. Somit habe ich an
euch meinen innern Auftrag erfüllt, und so möget ihr auch wieder aus meiner
Sphäre treten. – –
[GS.01_010,20]
Nun, wie hat euch dieses alles gefallen? Ihr seid ganz wonneentzückt. Ja,
solches ist wohl gut; aber es ist noch nicht alles. Sehet, da kommt schon ein
sechster Geist in unsere Gesellschaft. Dieser ist nicht mehr heimisch auf
dieser geistigen Sonne, sondern er ist ein Einwohner Meiner heiligen Stadt. In
seiner Sphäre werdet ihr zwar auch nur Dinge der geistigen Sonne schauen; aber
ihr werdet sie in einem ganz anderen Lichte, als es bis jetzt der Fall war,
erblicken. Daher bereitet euch wohl vor, denn Ich sage es euch: Es wird alles
gar stark ein anderes Gesicht bekommen.
[GS.01_010,21]
Dieser zweite Bruder von euch hat auch gewünscht, euren Grund zu sehen. Ich
sage aber: Er ist noch nicht reif dazu. Ein Augenblick wäre zuviel für ihn;
doch aber wollen wir ihn Meine Nähe empfinden lassen. – Sehet hin, wie er
verklärt wird, und wie er aus seiner innersten Tiefe wonneseufzend ausruft: O
heiliger Vater, Du kannst nicht mehr ferne sein; denn die nie geahnte Seligkeit
meiner Liebe sagt es mir, daß Du uns nahe bist! Wann doch werden wir einmal
aller Seligkeiten höchste genießen, Dich, o heiliger Vater, zu schauen in der
allergrößten Liebe unseres Herzens? – Ich sage euch: Diesen Geistern wird bald,
ja gar bald solche Gnade gewährt werden! Wir aber wollen uns vorbereiten für die
fernere Anschauung bis zur nächsten Gelegenheit; und somit gut für heute.
11. Kapitel –
Die Sphäre des sechsten Geistes. – Der Fels Petri.
[GS.01_011,01]
Da unser liebreicher geistiger Gastfreund schon hier ist, braucht ihr nicht
viel Umstände zu machen, sondern euch alsbald in seine Sphäre zu begeben und da
zu schauen Dinge anderen Lichtes.
[GS.01_011,02]
Nun, ihr seid schon in seiner Sphäre! Warum blicket ihr denn nun auf einmal gar
so furchtsam um euch her? – Ihr saget: Weil wir uns auf einer hohen Klippe
befinden, und rings um uns erschauen wir nichts als ein endloses wogendes Meer.
Dräuend und erschrecklich brausend flutet dasselbe um die einsame Klippe, auf
der wir uns befinden, und allenthalben scheint es grundlos tief zu sein. Was
soll aus uns werden, wenn dieses Meer unsere schwache Klippe mit seinen starken
Wogen überflutet? Wir sehen nichts als den sicheren Untergang vor uns! Wohin
sollen wir uns retten, wenn alle die Wogen sich erheben sollten über uns?
[GS.01_011,03]
Ich aber sage euch: Ihr habt euch mit euren Augen schlecht beraten. Blicket nur
ein wenig ruhiger dort gegen Morgen hin, wo sich die große Wasserfläche zu
röten beginnt, und ihr werdet sogleich eines anderen belehrt werden. – Ihr habt
eure Augen schon hingewendet; nun, was sehet ihr?
[GS.01_011,04]
Wie Ich sehe, so bemächtigt sich eures Herzens eine noch größere Furcht, und
ihr saget mit bebender Stimme: O Herr und Vater, rette uns, sonst sind wir
doppelt verloren! Denn so groß und so hoch wie der Berge Scheitel erheben
furchtbare Ungetüme ihre Häupter über die endlos weiten Fluten dieses Meeres
und scheinen mit großer Hast gerade auf uns zuzusteuern. – O ihr Kleingläubigen
und noch Kleinmächtigen, warum fürchtet ihr wohl, so Ich bei euch bin, Dinge,
die nichts sind? Ich sage euch: Gebrauchet euer Gesicht nur emsig, denn die
Dinge, die ihr jetzt schauet, sind von großer Wichtigkeit. Strenget daher eure
Blicke noch tüchtiger an und blicket hin gegen Mitternacht und saget Mir, was
ihr allda erschauet.
[GS.01_011,05]
Ihr erschrecket euch ja noch ärger denn zuvor und möget nun vor lauter
törichter Angst nicht einmal mehr Worte von euch geben; was ist es denn? Ihr
seht alldort die Wasserflut sich spalten und erschauet den feuchten Wänden
entlang in der Tiefe ein dräuend Feuer, das sich mehr und mehr erhebt und die
Fluten der Meere dampfend verzehrt. Inmitten dieses Feuers erblicket ihr einen
großen, feurigen Drachen. Sieben Köpfe hat er, und an jedem Kopfe hat er zehn
Hörner. Mit seinem mächtigen Schwanze teilt er die Fluten, und aus vier Köpfen,
die er schon über die Oberfläche des Meeres erhoben hat, speit er heftig große
Feuerkugeln nach allen Seiten über die Meeresfläche hin. – Ihr sehet nun auch,
wie da eine zahllose Menge Fledermäuse und anderes nächtliches Geschmeiß in
seine vier weit aufgesperrten Rachen fliehen, und wie er sie hurtig in seinen
flammenden Schlund hinunterläßt. Auf den Häuptern seht ihr dräuende
Wolkenbündel sitzen, und diese drehen sich emsig um die Hörner herum und füllen
sich mit Blitzen, die sie hinausschleudern auf das Getümmel der Wogen. Solches
sehet ihr und seid so voll Angst. – Ich sage euch aber: Verdoppelt noch einmal
euren Blick; ihr werdet noch anderes hinter dem Drachen erschauen! Sehet, um
seinen Schwanz ist eine starke Kette geworfen, und hinter demselben ist diese
Kette in zahllose kleinere Ketten auslaufend. Sehet, wie da am Ende einer
solchen Kette zahllose Scharen zusammengebunden sind, welche alle dieser
mächtige Drache nach sich zieht auf seinem Feuerwege.
[GS.01_011,06]
Ihr fraget nun ängstlich: Vater! Was soll denn mit den armseligen Sklaven
dieses Drachen geschehen? – Ich sage euch aber: Sehet nur noch einmal recht
scharf hin, und ihr werdet bald entdecken, wie diese Sklaven hinter ihrem
Drachen mit feurigen Schwertern in der Hand jauchzen und sagen: Ehre dir, du
mächtiger Fürst, daß du besiegt hast die Völker der Erde und hast dir zinsbar
gemacht die Himmel; denn also bist du ein mächtiger Richter geworden zwischen
Gott und aller Kreatur! Himmel, Erde und aller Abgrund müssen sich vor dir beugen;
und die Verdienste und Werke des Sohnes aus Gott hast du überwunden und hast
sie dir zinsbar gemacht auf der Erde, über der Erde und unter der Erde. – Nun,
da ihr solches vernommen habt, was sagt ihr denn jetzt zu diesem Anhange des
Drachen? Ihr erschaudert bis in euren tiefsten Grund. Ich aber sage euch:
Verharret nur auf eurem engen Standpunkte und sehet festen Blickes gegen den
Abend hin, und ihr sollet gleich eine andere Szene vor eure Augen bekommen.
[GS.01_011,07]
Nun, ihr sehet hin, was gibt es denn da schon wieder Zagenerregendes? Ihr saget
mit halb verzweifelter Stimme: Herr, wenn das also fortgeht, so sind wir ohne
Rettung verloren, denn der Drache hat sich als eine mächtige, unübersehbar
große Schlange über den weiten Kreis der Meeresflut gelegt. Wie von einem
unübersehbar großen feurigen Ringwalle sind wir von ihm umfangen. Hier sehen
wir nirgends mehr einen freien Ausweg möglich, also sind wir ja unrettbar seine
Beute. Über unseren Standpunkt können wir uns nicht erheben; was wird mit uns
werden? Schon sehen wir von allen Seiten her die weitgedehnte Meeresfläche
mächtig erglühen. Zahllose Wirbel zeigen sich auf der glühenden und gewaltig
dampfenden Meeresfläche. Feurige Orkane werfen glühende Wogen himmelanstrebend
durcheinander. O Vater, hilf uns, bevor all diese Drangsale uns näher und näher
kommen, sonst gehen wir offenbar zugrunde! Und so uns die glühenden Wogen
verschlingen werden, die da sind voll Pestilenz und Übelgeruch, voll des
Fluches und voll des verheerendsten Feuers, wirst Du uns dann wohl herausziehen
aus dem endlosen Abgrunde solch ewigen Verderbens?
[GS.01_011,08] O
ihr Kleinmütigen, was erhebt ihr für ein erbärmliches Angstgeschrei? Blicket
nur gegen Mittag hin, und ihr sollet sogleich eine andere Szene erschauen. –
Sehet ihr dort, wie hinter dem weiten und mächtig glühenden Schlangenringe
riesige Engelsgeister mit mächtigen Schwertern bewaffnet eines Zeichens nur,
eines kleinen Winkes von Mir harren, um der Schlange ein Ende zu machen? Sehet
euch nun nach allen Seiten um und zählet die richtenden Engelsgeister! Sind
ihrer nicht zwölf? Ja, also ist es! – Aber nun sehet euch um: Die Engel haben
den Wink; und sehet, die Schlange liegt zerhauen und getötet da. Ihre Teile
sinken hinab in die Tiefe der glühenden Wogen; die Wogen stürzen ihnen von
allen Seiten her donnertobend nach und nun sehet, wo ist die Flut, wo das Meer?
[GS.01_011,09]
Ein friedliches Land erhebt sich anstatt der grausen Flut; und sehet, von allen
Seiten her tragen liebliche Boten in ihren Händen Mein lebendiges Wort und
streuen dasselbe gleich dem Weizenkorne allenthalben aus. – Und sehet dort
gegen Morgen hin: Eine neue, herrliche Sonne geht auf! Aus den Himmeln fällt
ein reichlicher Tau auf den neuen Boden Meiner Gnade und Erbarmung und neue,
herrliche Früchte entkeimen demselben allenthalben. – Verstehet ihr dieses
geschaute Bild? – Ich sage euch: Dieses Bild liegt euch sehr nahe; sein
Geschehen liegt vor euren Augen. Daher solltet ihr auch nicht ängstlich sein,
denn ihr habt im Bilde höherer geistiger Wahrheit geschaut das Ende der
schändlichen Hurerei. – Und nun sehet euch noch einmal um und betrachtet den
Geist, in dessen Sphäre ihr solches gesehen habt. – Kennet ihr ihn?
[GS.01_011,10]
Ihr saget: O Herr und Vater! Er kommt uns sehr bekannt vor, aber dennoch mögen
wir uns nicht so recht finden in ihm; daher möchtest wohl Du uns anzeigen, wer
da steckt hinter diesem unserm Gastfreunde, der uns in seiner Sphäre ein solch
schauerlich erfreuliches Gastmahl bereitet hat. – Ich aber sage euch: Diesen
Gastfreund solltet ihr gar leicht erkennen, so ihr nur auf den Standpunkt, auf
dem ihr euch noch befindet, ein wenig Rücksicht nehmet. Zu wem habe Ich denn
dereinst gesagt, daß er sei ein Fels, auf den Ich Meine Kirche bauen will, die
da von den Pforten oder Mächten der Hölle nicht solle überwältigt werden? – Ihr
saget: Zu Simon, der darum Petrus genannt wurde. – Nun sehet, das ist auch
unser geistiger Gastfreund. Dieser sieht Mich und sieht auch euch. Jedoch, so
Ich mit euch rede, da ist er voll des Schweigens, indem er ist voll der Liebe
zu Mir.
[GS.01_011,11]
Und so denn tretet wieder aus seiner Sphäre, denn es naht sich uns schon wieder
ein anderer, der siebente Geist, in dessen Sphäre wir wieder ganz andere Dinge
erschauen werden. Diesen sechsten Geist aber wollen wir ebenfalls in unserer
Gesellschaft behalten. Und so denn betrachtet das heute Geschaute wohl und
erwartet in dem nächsten eine tüchtige Löse des Geschauten. – Und somit gut für
heute.
12. Kapitel –
Die Sphäre des siebenten Geistes. – Rätselhafte Bilder für geistige Zustände.
[GS.01_012,01]
Sehet, der siebente Geist steht hier und harret euer, daher verfüget euch
sobald in seine Sphäre, damit ihr allda schauet die Löse und des Heiles und der
ewigen Ordnung untrügliche Wege. – Ihr seid nun in seiner Sphäre und schauet
ganz verblüfft und verdutzt um euch her. Was erblicket ihr denn wohl, das euch
so sonderbar stimmt, als wüßtet ihr nicht, ob ihr vom Scherze oder Ernste umfangen
seid? Ich sehe aber gar genau, was da vorgeht in euch, und euere inneren Worte,
um die ihr selber kaum wisset, liegen klar vor Mir.
[GS.01_012,02]
Demnach saget ihr: Wie aus dieser Anschauung die Löse so sonderbarer Dinge, wie
wir ehedem geschaut haben, herauskommen wird, das mag begreifen, wer es will.
Wir aber sehen statt der Löse nur einen, wenn schon nicht schauerlichen, so
doch viel verworreneren Knoten. Also begreife das, wer es wolle, wie da die
Löse herauskommen wird, wir vermögen solches nicht. Denn was soll denn das
heißen: Hier und da ragt ein kegelförmiger Berg hervor; die Menschen steigen
auf der einen Seite bis zur Spitze hinauf und rutschen auf der andern Seite
wieder hinunter. Und die da hinabgerutscht sind, stellen sich auf und lachen über
diejenigen, die ihnen nachfolgen und sagen dabei: Also ist es doch wahr, daß
ein Narr zehne macht. – Auf einer anderen Seite sehen wir eine Menge Schaukeln,
jede zwischen zwei ziemlich starken und hohen Bäumen hängend, und in einer
jeden wird über die Maßen geschaukelt. Auch da steht eine Menge Zuschauer,
verlacht die Schaukelnden und ruft ihnen zu: Ihr Dummköpfe, warum seid ihr so
heiter in solch einer Schaukel, in welcher ihr zwar recht heftig
hinundherflieget, aber dabei doch immer auf derselben Stelle bleibet? Der
Schwungbereich eurer Schaukel ist die ganze Reise, die ihr stets wieder von
vorne beginnend machet. – Dieses ist das zweite Bild, das wir sehen, so
sprechet ihr in euch. Und wieder sagt ihr weiter: Auf einer andern Seite
erblicken wir einen Ringwall. Innerhalb dieses Ringwalles sind kreisförmige
Bahnen, die schneckenförmig gegen ein im Zentrum gestelltes Zelt zulaufen. Auf
diesen Bahnen rennen die Menschen dem Zelte zu. Haben sie dasselbe erreicht, so
kehren sie wieder um und rennen nach auswärts gegen den Ringwall zu. Auf dem
Ringwalle herum stehen hier und da zerstreute Menschengruppen, welche diese
Ringbahnrenner unterschiedlich verlachen und sie fragen, was sie damit
erreichen wollen. Manche werden dieses Rennens überdrüssig, steigen auf den
Ringwall hinauf und sagen dann: Aber wie habe ich denn so dumm sein können und
habe mich da für nichts und wieder nichts fast zu Tode gerannt?
[GS.01_012,03]
Auf einer vierten Stelle erblicken wir ein etwa tausend Klafter im Durchmesser
und etwa eine Klafter in der Tiefe habendes rundes Wasserbassin. In der Mitte
des Wasserbassins ist ein großes Schaufelrad angebracht, welches etwa zehn
Klafter im Durchmesser hat. Dieses Schaufelrad wird an einem über demselben
angebrachten Gebälk in stets gleichen Umschwung gebracht. Dadurch wird die
ganze Wassermasse im Bassin genötigt, eine gleiche Wirbeldrehung zu machen, die
in der Gegend des Rades am geschwindesten und je weiter weg von selbem stets
langsamer wird.
[GS.01_012,04]
Auf der Oberfläche des Wassers ist eine Menge Kähne vorhanden. In den Kähnen
sitzen Menschen und bemühen sich, von den Ufern dem Schaufelrade näherzukommen.
Wenn sie aber in dessen Nähe gekommen sind, ermatten sie bald und werden dann
von der nach außen gehenden Wirbeldrehung des Wassers wieder ans Ufer gespült.
Am Ufer gibt es wieder eine Menge Zuschauer, welche solche törichte Seefahrer
recht weidlich verlachen.
[GS.01_012,05]
Die Seefahrer scheinen sich hier und da nicht viel daraus zu machen. Einige aus
ihnen aber, wenn sie schon zu öfteren Malen ans Ufer gespült worden sind,
steigen endlich mit langweiligen und verdrießlichen Gesichtern aus ihrem Kahne
ans Ufer und können sich da nicht genug verwundern, wie sie sich so lange für
nichts und wieder nichts haben können von dem Wasserrade auf der Oberfläche des
Wassers herumfoppen lassen. Einige von ihnen schauen dem tollen Treiben noch
eine Zeitlang zu und verlachen mit den übrigen Zuschauern die noch sehr
beschäftigten Seefahrer. Andere aber entfernen sich kopfschüttelnd und suchen
sich irgendein ruhiges Plätzchen, um da von ihrer tollen und nichtigen Strapaze
auszuruhen. – Das ist aber auch alles, was wir in der vielversprechenden Sphäre
dieses siebenten Geistes erblicken. Daß sich solche Erscheinungen sehr vielfach
vorfinden, das sehen wir wohl, aber sie sind immer dieselben. Wer demnach aus
diesen Erscheinungen eine Löse und noch mehr die untrüglichen Wege der
göttlichen Ordnung ersehen mag, der muß mehr Licht in seinen Augen haben als
eine ganze Legion von Hauptzentralsonnen auf einem Punkte zusammengenommen.
Alles, was wir aus der ganzen Geschichte herausbringen können, ist das, was
schon einst die alten Weisen gesagt haben: Unter der Sonne gibt es nichts
Neues, sondern es geht alles seinen stetigen alten Kreislauf durch, denselben
allezeit wieder auf dieselbe Art von vorne beginnend.
[GS.01_012,06]
Nun aber sage Ich euch dagegen ein anderes, auch altes Sprichwort, welches sehr
aus der Natur der Dinge genommen ist und also lautet: Wer blind ist, der sieht
nichts! – Sehet, gegen dieses Sprichwort läßt sich nichts einwenden, denn also
verhält es sich allgemein in der Welt und ganz besonders, was die innere
Anschauung des Geistes anbelangt. Die ganze Welt gleicht einem Thomas, der da
sagte: Solange ich nicht meine Hände in Seine Wundenmale und in Seine Seite
lege, so lange glaube ich nichts; was mit anderen Worten gesagt gerade soviel
heißt: Was ich nicht mit meinen Händen greifen und beim hellen Sonnenschein mit
meinen Augen sehen kann, das ist für mich so gut wie nichts, heißt nichts und sagt
nichts.
[GS.01_012,07]
Ich möchte aber fürs erste einen jeden solchen Einwender fragen: Kannst du die
Sterne des Himmels mit deinen Händen greifen und kannst du sie schauen beim
hellen Sonnenscheine? Siehe, du kannst weder das eine noch das andere. Sind darum
die Sterne nichts, weil du weder das eine noch das andere kannst? – Du sagst
Mir: Die Sterne sehe ich wenigstens bei der Nacht und kann da ihren Lauf
bemessen. Ich aber sage dir: Solches Zeugnis von deiner Seite gereicht dir für
deinen Scharfsinn eben nicht zur größten Ehre, indem du dadurch offenbar
kundgibst, daß du Meine Ordnung nur von deiner Nachtseite aus berechnest, aber
die Ordnung des Tages bleibt dir fremd. Und hättest du keine Nacht, so ständest
du am hellen Tage wie ein Blinder da und möchtest nicht einmal träumen von der
Ordnung Meiner Dinge. Es ist traurig, wenn ihr eure Weisheit in der Ordnung
Meiner Dinge nur der Nacht, nicht aber dem Tage verdanket. Und sehet, solches
geben auch die von euch geschauten Dinge gar treulich kund.
[GS.01_012,08]
Dort steigen Wißbegierige und Erfahrungslustige auf einen Berg und glauben, da
werden sie die Geheimnisse der Himmel beim gerechten Zipfel fassen und daran
alles heraussaugen bis auf den letzten Tropfen, was alles sich in demselben
vorfindet. Daher bemühen sie sich auch, über all die Steilen des kegelförmigen
Berges hinaufzuklettern. Je weiter sie kommen, desto weniger Standpunkt haben
sie. Und wenn sie vollends die Spitze erreicht haben, da haben sie endlich gar
keinen Stand mehr, werden bald schwindelig, und da sie in der Höhe keinen
himmlisch zipfelhaften Anhaltspunkt treffen, so lassen sie sich auf der anderen
Seite des Berges schnell rutschend wieder hinab in dieselbe Ebene, von der sie
ausgegangen sind. Am Ende wissen sie nicht, wozu ihr Bergklettern gut war, und
können auch nicht umhin, sich fürs erste selbst zu belachen und dann zu sich zu
sagen: Jetzt wissen wir so viel wie früher, all unser Bemühen war töricht und
lächerlich. Wir haben im Aufklimmen einer dem andern zuvorzukommen gestrebt; warum?
Damit wir dann allesamt gleich schnell wieder auf der andern Seite abfahren
mußten. Was haben wir nun denen voraus, die ihre Füße nicht versucht haben auf
den Berg hinaufzubewegen? Nichts, als daß wir fürs erste nun mit ihnen ganz
gleich stehen, und fürs zweite, daß wir von ihnen noch als Törichte belacht
werden, darum wir zur Erreichung eines und desselben Zieles uns so viel
beschwerliche Mühe gemacht haben, das wir auf eine viel bequemere Art hätten
erreichen können.
[GS.01_012,09]
Merket ihr aus dieser Darstellung noch nichts? Ich werde euch nur etwas sagen,
und ihr werdet der Sache leicht näher auf die Spur kommen Wie versteht ihr den
Text: „Mein Joch ist sanft und Meine Bürde leicht?“ Wenn ich solches
kundgegeben habe, wer nötigt hernach diejenigen, die zu Mir kommen wollen, auf
Berge zu klimmen, um zu Mir zu gelangen, während Ich auf dem ebenen Lande und
auf dem kerzengeradesten Wege ihrer harre? – Sehet nun ferner, warum geschieht
sonach unter der Sonne nichts Neues? Ich sage euch: Aus dem sehr weisen Grunde,
damit die menschliche Weltweisheit sich endlich dadurch nach und nach von
selbst abstumpfen muß, weil sie es am Ende mit den Händen greift, daß sie
nichts anderes erreichen kann, als was auf gleichem Wege schon lange vorher ist
erreicht worden.
[GS.01_012,10]
Weiter könnet ihr aus diesem ersten Bilde auch eine tüchtige Löse des in der
Sphäre des sechsten Geistes Geschauten finden. Wenn ihr die Geschichte der
Bemühungen des Drachen nach der Offenbarung Johannis durchgehet, da werdet ihr
doch auch mit den Händen greifen können, wie oft sich derselbe schon die Mühe
gemacht hat, von neuem wieder aus seinem Abgrunde emporzutauchen, oder, nach
dem heutigen ersten Bilde, die Spitze eines oder des anderen Berges zu
erklimmen. Was aber war noch allzeit die Folge solch seiner Bemühung? –
[GS.01_012,11]
Je höher er es trieb, desto weniger hatte er einen Grundstand, und wenn er die
Spitze erreicht hatte, was war da die Folge? Daß er gar schnell wieder in die
Tiefe hinabfuhr, von der er aufgestiegen war, denn auf der Spitze kann sich
nichts halten. Will sich etwas auf derselben festmachen, da hört doch sicher
aller Wirkungskreis auf und kann unmöglich größer sein als der spitze
Standpunkt selbst ist, auf dem sich der wirken Wollende befindet. Solches aber
wird auf der Spitze einem jeden wirken Wollenden klar, daher ist auch für
keinen eines Bleibens auf der Spitze. Ein jeder wird ganz sicher auf derselben
vom Schwindel ergriffen. Die Folge des Schwindels ist, daß er die Spitze wieder
verläßt und im Gegenteile schnell wieder in die Tiefe hinabgleitet. Solches ist
eine gar weise Schule der ewigen Ordnung! Ihr Name heißt Abödung, welches so
viel besagt als eine Abtötung aller selbstsüchtigen Begierlichkeit.
[GS.01_012,12]
Es nützt da nichts, wenn auch einer vor der Besteigung des Berges sagt: Höret,
Brüder, steiget mit mir, ich weiß den rechten Weg. Kommet nur mit mir, nur auf
diesem Wege werden wir einen rechten und haltbaren Standpunkt finden auf der
Höhe. Wir haben schon anfangs diese Geister ausrufen gehört in der Tiefe: Ein
Narr macht zehn; – und sehet, nicht nur zehn, sondern eine ganze Menge klettert
einem solchen Wegekundigen nach. Da aber der Berg als ein Kegel guterdings nur
eine Spitze hat, so wird auf allen Wegen dieselbe richtig erreicht; aber allda
heißt es dann auch allwegs: Bis hierher und nicht um ein Haar weiter! Das Los
aber ist – auf der anderen Seite wieder gar schnell hinabzugleiten zur
Erreichung des Zustandes, von dem man ausgegangen ist. – Sehet, in diesem Bilde
liegt schon eine Hauptlöse des vorhin Geschauten in der Sphäre des sechsten
Geistes. Die nächsten Bilder werden uns solche Löse noch viel klarer vor die
Augen stellen; daher verweilet nur noch in der Sphäre dieses siebenten Geistes
so lange, bis wir alle Bilder werden gelöst haben. – Nächstens kommt somit die
Schaukel an die Reihe, dann der Ringwall mit seinen Schneckenringbahnen und
endlich das Wasserbassin. Und somit gut für heute!
13. Kapitel –
Die Schaukel in der Entsprechung. Zeremonieller Religionskult und Weltleben.
[GS.01_013,01]
Ihr habt sicher nicht nur einmal, sondern schon zu öfteren Malen ein monotones
Gartenluftschiff gesehen, welches euch unter dem Namen Hutsche oder Schaukel
gar wohl bekannt ist; auch werdet ihr schon manchmal eine solche sich stets
wiederholende Luftfahrt mitgemacht haben. Wie kam es euch denn vor, wenn dieses
Luftschiff von einem verständigen Direktor so recht gewaltig hinundhergetrieben
wurde? – Ihr saget: Unsere Empfindung war dabei nichts weniger als behaglich;
und als wir dieses Fahrzeug verließen, da mußten wir uns nahe erbrechen auf
solch eine gewaltige Hin – und Herfahrt. Aus dem Grunde haben wir auch die Lust
verloren, je wieder eine solche Luftreise mitzumachen.
[GS.01_013,02]
Ich sage: Diese Kundgabe ist recht gut, und wir werden sie auch zu unserem
Zwecke überaus gut verwenden können. Habet ihr aber noch nicht bemerkt, was
eine solche Schaukel für ein Experiment macht, wenn sie von dem
enthusiastischen Direktor in einen etwas zu heftigen Schwung versetzt wird? –
Ihr saget: O ja, sie schlägt um, und ein solcher Umschlag kommt dann den hin
und her Luftsegelnden ganz übel zustatten. – Gut, sage ich, auch dieses können
wir überaus gut brauchen. Noch eine dritte Frage bleibt uns in dieser Hinsicht
übrig, und diese lautet: Wie weit kommen die Reisenden in einem solchen
Luftschiffe? – Antwort: Sie kommen bei einer stundenlangen Bewegung gerade so
weit, daß sie dann nach zurückgelegter Hin- und Herreise auf dem nämlichen
Punkte wieder aus dem Schiffe steigen, von dem sie in das Schiff eingestiegen
sind. Was ist das somit für eine Reise? – Antwort: Eine Blindreise, da man zwar
heftig bewegt wird, aber trotz der heftigen Bewegung dennoch nicht außer den
Schwungbereich eines solchen Luftschiffes gelangt und sich am Ende muß gefallen
lassen, sogar von einer Schnecke verlacht zu werden, welche mit einer
unvergleichbar langsameren Bewegung in einem Zeitraum von ein paar Stunden
schon lange den Schwungbereich unserer Schaukel überkrochen hat. – Also sehen
wir auch aus der Sphäre unseres geistigen Gastfreundes, wie auf den bedeutend
großen Schaukeln eine Menge Menschen sich toll hinundherschwingen läßt. Sehet
nur hin: solange die Schaukel noch einen mäßigen Schwung hat, schreien die
Schaukelnden dem Schwinger zu: Nur stärker, nur stärker schwingen! Wenn die
Schaukel aber einmal schon einen förmlichen Halbkreis zu beschreiben anfängt,
so schreien sie wieder alle: Aufgehalten, aufgehalten!, sonst schlägt die
Schaukel um und wir sind verloren!
[GS.01_013,03]
Merket ihr diesem sonderbaren Bilde noch nichts ab? Oh, es liegt klarer wie die
Sonne vor den Augen! Wenn ihr nur einen Blick auf den zeremoniellen
Religionskultus werfet, so werdet ihr unser Bild gleich zu begreifen und zu
fassen anfangen.
[GS.01_013,04]
Ein Kind, in einer solchen zeremonienvollen Kirche geboren und getauft, wird in
geistiger Hinsicht schon in eine solche Schaukel gelegt; und wenn es darin ist,
wird die Schaukel auch sobald nach und nach in eine immer größere Bewegung
gesetzt. Bei solcher Bewegung meint dann der Mensch, weiß der Himmel welch
große Fortschritte er macht und wie er vorwärts geht! Allein ein jeder sieht es
auf den ersten Blick leicht ein, wie weit eine solche Reise gehen wird!
Zwischen zwei Pfeilern hängt unser Luftschiff. Der eine Pfeiler bedeutet den
sogenannten Religionsfelsen, der andere Pfeiler aber die staatlich politische
Notwendigkeit. Diese beiden sind so fest als möglich gestellt und durch
Querbalken miteinander verbunden. So geht denn hernach die Reise zwischen
diesen zwei Pfeilern hindurch, und man kann sich nicht um ein Haar weiter
bewegen als der Strick reicht, an dem die vielsagende Schaukel hängt. Manchen
Schaukelnden wird bald übel, und wenn sie den ersten Ruhepunkt der Schaukel
erhaschen können, springen sie hinaus. Einige kehren für allzeit solchem
Fahrzeuge den Rücken. Nur die Schaukelinteressenten bleiben pro forma darinnen
sitzen, lassen sich nur ganz gemächlich zum Scheine hinundherziehen und
lobpreisen über die Maßen solche Bewegung, wie zuträglich sie der Gesundheit
ist. Dadurch locken sie die Fremden und sagen auch denjenigen, die so töricht
sind, dieses Fahrzeug wieder zu besteigen: Wollt ihr den wahren Hochgenuß und
somit die vollkommene Befriedigung solcher Fahrt empfinden, so müsset ihr euch
die Augen verbinden lassen. Da solches dann viele Toren anlockt, in der
Schaukel mit verbundenen Augen zu sitzen, so geschieht es denn, daß diese
enthusiastisch auszurufen anfangen und sagen: Ja, jetzt begreifen wir erst, was
für große Geheimnisse hinter dieser Einförmigkeit stecken, denn jetzt hat das
Hinundherbewegen aufgehört, und wir fliegen mit Blitzesschnelle endlose Räume
hindurch! Das heißt doch ein Wunder sein! Wer hätte sich das je träumen lassen,
daß hinter solcher Einförmigkeit solch Großes verborgen liegt?
[GS.01_013,05]
Wenn solche geblendete Luftfahrer schon eine hinreichend weite Reise gemacht zu
haben glauben, dann ersuchen sie die Schaukelinteressenten, sie möchten ihnen
doch die Augen wieder freimachen. Die Interessenten aber, wohl wissend, welchen
Erfolg für ihre geblendeten Luftfahrer die Augenentblendung haben wird,
widerraten ihnen solches auf das Allerdringendste und sagen ihnen: Wehe euch,
wenn ihr solches nun zu tun waget, denn in der Sphäre, in der ihr euch jetzt
befindet, würdet ihr für ewig erblinden, so ihr euch die Binde von den Augen
wegnehmen ließet. Erst wenn wir an das große Ziel des Lebens gelangen werden,
möget ihr die Binde wegtun, damit ihr dann erschauen werdet, wie sicher wir
euch für den geringen Lohn, den ihr uns für die ganze große Fahrt bezahlet, an
das Ziel gebracht haben.
[GS.01_013,06]
Nun sehet, einige lassen sich betören und behalten fleißig ihre Binde. Andere
aber, überdrüssig solcher sonderbaren Blindfahrt, nicht wissend wohin, reißen
die Binde weg und bemerken zu ihrem großen Ärger, daß sie sich noch zwischen
den zwei Pfeilern befinden. Sie möchten nun gern aus diesem Fahrzeuge springen.
Dasselbe ist aber noch in einer zu starken Bewegung, und so sind sie genötigt,
trotz alles Sträubens diese monotone Fahrt mitzumachen. Und wenn sie sich zu
beschweren anfangen gegen die Schaukelinteressenten, so wird ihnen aus allerlei
Gründen das Schweigen anbefohlen, widrigenfalles sie aus der Schaukel gewaltsam
hinausgestoßen werden, welcher Akt ihnen nicht am besten zustatten kommen
möchte. Und sehet hin, damit solche Protestierende sich in den Ausspruch der
Schaukelinteressenten gewaltsam fügen müssen, so ist auf der einen Schwungseite
der Schaukel ein Feuer angemacht, auf der entgegengesetzten Seite aber ist eine
Menge Spieße aufgestellt! Was bleibt nun den Protestierenden übrig? Nichts als sich
noch länger hinundherschaukeln zu lassen und für jeden Schaukler wider ihren
Willen den Zins zu entrichten. Wie sehnlich erwarten nun die Sehenden den
Zeitpunkt des Schaukelstillstandes! Wann aber wird dieser erfolgen?
[GS.01_013,07]
Wir werden die Sache auf eine ganz leichte Art berechnen. Sehet, die uns
zunächst liegende Schaukel schwingt nun sehr stark, erreicht beinahe links und
rechts die volle Halbkreishöhe. Aber sehet, durch dieses starke Schaukeln
wackeln die Pfeiler schon überaus stark mit der Schaukel, und die starke
Reibung hat schon sehr viele Fäden des Schwungstrickes durchgefressen. Sehet,
solchen Leibschaden und solchen Leck unseres Luftschiffes bemerken sogar die
Interessenten. Sie getrauen sich daher nicht mehr, demselben einen zu starken
Schwung zu geben, denn sie sagen: Wenn wir die Sache zu hoch treiben, so reißen
die Stricke, und wir liegen samt unseren Passagieren entweder im Feuer oder auf
den Spießen. Daher lenken wir die Sache unvermerkt dem Ruhepunkte zu und fügen
uns, mehr gemeine Sache machend, ebenfalls unvermerkt den Protestierenden und
lassen die Sache gehen, solange es geht; denn wir sehen gar wohl ein, daß da
mit Gewaltstreichen nicht mehr viel zu erreichen ist.
[GS.01_013,08]
Und nun sehet wieder hin. Die Schaukel bewegt sich in einem viel kürzeren
Distrikte ganz nachlässig hin und her, und die Entblendeten springen einer nach
dem andern aus. Wir erblicken nun schon beinahe niemanden außer den
Interessenten und einigen wenigen Geblendeten darinnen. Ihr seht auch, daß die
Direktoren der Schaukel eifrig bemüht sind, die beiden wackelnden Pfeiler mit
allerlei Spreizen soviel als möglich festzuhalten. An den Leitern steigen
bezahlte Knechte hinauf und suchen mit schwachen Schnüren den sehr beschädigten
Strick soviel als möglich an die beiden Pfeiler anzufestigen. Aber da der
Strick keine Ruhe hat und sich stets noch hinundherbewegt, so können sie
nirgends einen sicheren und festen Knopf machen; bald ist er zu lang, bald zu
kurz gelassen und mag darum zur ferneren Haltbarkeit des Hauptstrickes gar
wenig beitragen. Das ist doch ein sicheres Kennzeichen, wie nun die Dinge
stehen.
[GS.01_013,09]
Wer etwa solches bloß nur als ein Bild einer leeren Phantasie ansehen möchte,
der werfe einen flüchtigen Blick über das Tun und Treiben der gegenwärtigen
Welt; und er wird dieses gegenseitige Anbindeln und allerlei Knöpfemachen
zwischen Ländern, Völkern und Religionskonfessionen auf das Augenscheinlichste
sehen. – Ich will euch nur auf allerlei gegenseitige Staatsunterhandlungen
aufmerksam machen, die da bestehen in allerlei Übereinkommnissen. Wer solches
nur mit einem Auge betrachtet, der wird obbesagtes Strickbefestigen mit
allerlei Schnür- und Bändelwerk auf das Augenscheinlichste ersehen. – Aber es
wird Mir ein oder der andere einwenden und sagen: Wenn sich solches also
verhält, warum sind denn die hellsehenderen Protestierenden dann mit diesen
Anbändlungen und Strickbefestigungen einverstanden? – Die Antwort liegt
offenkundig vor den Augen: Weil die Schaukel nun noch ziemlich stark geht und
sie sich auch in dieser fatalen Schaukel befinden, so befürchten sie den
vorzeitigen Strickbruch nahe ebensostark wie die Schaukelinteressenten selbst.
Sie lassen sich daher das Anknüpfen gefallen, um nicht durch den zu
frühzeitigen Strickbruch einen grellen Mitfall zu machen, d.h. mit den
Schaukelinteressenten. – Daß demnach solches Anbändeln und Anknöpfeln ein
sicheres Zeichen von der Unhaltbarkeit des Hauptstrickes ist, könnet ihr wohl
gar leicht nun mit den Händen greifen. Würde sich ein Land oder ein Volk dem
andern gegenüber hinreichend stark finden, so würde es diktieren nach seiner
ihm wohlbewußten Macht und würde sich sicher nicht aufs Anbindeln und
Anknöpfeln verlegen. Da es aber seine innere Schwäche wohl merkt, so nimmt es
seine Zuflucht zu den Afterbefestigungen, welche aber alles dessen ungeachtet
dem Stricke nicht um eine Sekunde längere Haltbarkeit geben werden, als er
zufolge seiner starken Abnützung noch in sich schwächlich birgt.
[GS.01_013,10]
Wenn der Hauptstrick reißen wird, werden alle die Bändel und Schnürchen auch
sogleich mit zum Bruche kommen. Sehet, solches bietet uns das zweite Bild. –
[GS.01_013,11]
Fasset alle eure kirchlichen und politischen Dinge zusammen oder vergleichet
jede mögliche Einzelheit derselben mit unserem Bilde, und ihr werdet finden,
daß es dem Allgemeinen ebenso richtig als jeder Einzelheit entspricht. Damit
ihr aber solches noch erschaulicher findet, will Ich euch nur beispielsweise
sowohl aus der kirchlichen als staatlichen Sphäre einiges anführen. – Aus der kirchlichen
nehmen wir z.B. die Ohrenbeichte. Derjenige Zustand der Schaukel, welcher bei
jedem Hinundherschwingen dem Boden der Erde am nächsten kommt, ist der sündige
Zustand. Man beichtet und schwingt sich dadurch auf der einen Seite gegen den
Himmel, rutscht aber ebensogeschwind wieder zurück. Auf dem untersten
Standpunkt beichtet man wieder und schwingt sich dann andererseits gegen den
Himmel. So wiederholt der Mensch in seinem Schaukelzustande diesen Akt so lange
fort, als er lebt, und beschließt sein Leben beim Ruhezustande der Schaukel
gewöhnlich wieder mit der Beichte. Aber die Schaukel schwingt sich da nicht
mehr höher, sondern der Mensch verläßt dieses Leben auf demselben Punkte, wo er
dasselbe angefangen hat. Welche Fortschritte aber dadurch der geistige Mensch
gemacht hat, das ersehet ihr eben aus unserem Bilde in der Sphäre unseres
Geistes auf der geistigen Sonne, nämlich daß er sich noch gar lange
fortschaukeln wird, bis entweder der Strick reißen, oder bis er seiner förmlich
angewachsenen Augenbinde los wird. Nach diesem gegebenen Maßstabe möget ihr
alles Zeremoniell – Kirchliche bemessen, und ihr werdet darin nichts anderes
entdecken als „das Schaukeln“. Den kompletten inneren Sinn all des gegenwärtig
Kirchlichen besingt auch ganz treffend eine jede Turmglocke, die bei jedem
Hinundherschwunge stets einen und denselben Ton ganz gewaltig lärmend von sich
gibt. Das harmonische Ohr kann da lauschen, wie es will und sich alle möglichen
Plätze zu solchem Geschäfte wählen, so wird es aber dennoch nichts anderes
erlauschen und gewinnen als eben dieselbe stetige Toneinförmigkeit, welche
schon der erste Glockenschlag auf das Allergenügendste bezeichnet hat. Alles,
was ein solcher Lauscher am Ende herausbringen wird, wird also lauten: In der
Entfernung ist der Ton noch anzuhören, in der Nähe aber ist er unausstehlich;
was ebensoviel sagen will als: Weit weg ist gut vor dem Schusse! Also hätten
wir ein kirchliches Beispiel; nun noch ein staatliches.
[GS.01_013,12]
Sehet einmal eure Industrie an und alle die Geldgeschäfte, welche eigentlich
der Zentralpunkt alles staatlichen Lebens sind. Wer da das Handwerk des
beständigen Schaukelns nicht ersieht, der muß mit siebenfacher Blindheit
behaftet sein. Ihr werdet überall sowohl im allgemeinen wie im sonderheitlichen
ein Sichaufschwingen und wieder baldiges Zurücksinken bemerken. Ein Reich
schwingt sich empor, das andere schwingt sich zurück und kommt wieder auf den
niedersten Punkt seiner Schwungschaukel. Bald fällt wieder das vormals sich
aufgeschwungene Reich und ein anderes schwingt sich empor. Sooft ihr noch immer
bemerkt habet, daß sich ein Reich zum höchsten Gipfel emporgeschwungen hat, so
war das auch das sicherste Signal seines noch viel geschwinderen Falles, als
wie geschwind da war sein Aufschwung!
[GS.01_013,13]
Wenn ihr einzelne reich gewordene Privatmenschen betrachtet, die sich ihre
Privatschaukel zunutze gemacht, sehet, in ihrer eigenen Schaukel aber, da sie
sich befinden, haben sie bei dem vermeinten höchsten Standpunkte ihrer
Wohlhabenheit sich auch soeben rückwärts zu schwingen angefangen. Es kommt bei
allen nur auf die Länge der Schwungstricke an; sind die Schwungstricke sehr
lang, so ist die Schwingung eine viel langsamere und weiter hinausreichende.
Aber möchte ein Schwungstrick auch von der Sonne bis zur Erde reichen, so wird
die an ihm befestigte Schaukel, wenn sie den höchsten Punkt erreicht hat, sich
dennoch sobald wieder in ihre nichtige Tiefe zurück begeben. Und so ist das
ganze Leben der Welt nichts als ein pures Schaukelwerk! – Ihr möget es
betrachten, wie ihr wollet; wer aus euch mir aus demselben irgendeinen
Fortschritt zeigen kann, dem gebe Ich ein zehnfach ewiges Leben zum Geschenke!
Allein ihr werdet auch hier den Wahlspruch der alten Weisen bemerken, der da
lautet: Nichts Neues unter der Sonne! Ich bin auch der Meinung; denn bei
solchen allgemein selbstsüchtigen Scheinbewegungen und Fortschritten wird sich
unter der Sonne ganz entsetzlich wenig Neues vorfinden lassen.
[GS.01_013,14]
Wohl dem, der sich der Schaukel entwinden kann; denn am freien Platze wird er
mit wenig Schritten mehr tun in einigen Minuten als durch all das Schaukelwerk
in vielen tausend Jahren. – Wer demnach vollkommen werden will, wie der Vater
im Himmel vollkommen ist, der fliehe nichts so sehr als das schaukelnde Treiben
aller Welt. Besser ist es, ein schweres Kreuz vorwärts zu schleppen für den
Geist und für dessen ewiges Leben, als sich noch so sanft in den ewigen Tod
hineinzuschaukeln.
[GS.01_013,15]
Nun, ihr werdet hoffentlich dieses Bild verstehen. Und so wollen wir denn das
nächste in den helleren Augenschein nehmen. Für heute aber lassen wir die Sache
bei dem bewendet sein!
14. Kapitel –
Der Ringwall in der Entsprechung. Gestalten der verschiedenen christlichen
Kirchen.
[GS.01_014,01]
Wenn ihr unserem Ringwall eine bedeutendere Aufmerksamkeit schenket, so werdet
ihr sehen, daß innerhalb desselben nicht nur eine, sondern mehrere Bahnen am
inwendigen Flächenrande den Anfang nehmen und schnecken- oder spiralförmig sich
gegen das verschlossene Gezelt drehend hinaufziehen. Wenn ihr noch aufmerksamer
hinsehet, so werdet ihr dazu noch entdecken, daß alle diese Bahnen auf eine
wohlberechnete Weise gegen das Gezelt also angelegt sind, daß man auf gar
keiner zur Eingangstür in das Zelt gelangen kann. Dennoch heißt es am Rande der
bedeutenden Fläche: Wer da die schmalste Bahn ersehen kann und dann, ohne sich
auf eine Seitenbahn zu verirren, fortwandelt, der gelangt sicher und unfehlbar
in das Gezelt, allda ein großer Lohn seiner harret.
[GS.01_014,02]
Was etwa doch diese sonderbare Schneckenbahn – Durchlauferei besagt? Ich will
darauf keine absolute Antwort geben; ihr werdet sie ohnehin finden, so ihr die
Sache näher betrachtet haben werdet. Sehet somit nur recht aufmerksam hin auf
diesen zwar törichten, aber eben in diesem Törichten vielsagenden Tummelplatz!
[GS.01_014,03]
Sehet, wo immer eine solche Bahn von außen nach einwärts beginnt, da auch
befinden sich ein sogenannter Bahnchef, ein Bahndirektor und noch eine ziemliche
Menge anderer Helfershelfer. Sehet, wie sie alle außerordentlich ernste und
ganz wichtige Mienen machen. Auf dem breiten Walle sehet ihr eine große Menge
Menschen beiderlei Geschlechtes. – Sehet, wie dort bei einem Bahnanfange die
sämtlichen Bahninteressenten und hauptsächlich der Bahnchef ihre Bahn als die
allein richtige anpreisen und sagen: daher kommet alle! Diese Bahn ist die
allein richtige, auf welcher ihr ganz sicher zu der Türe des Gezeltes und somit
auch in das Gezelt selbst gelangen könnet wo ein unermeßlicher Preis euer
harret! – Aber sehet, gleich der nächste nachbarliche Bahnchef schreit und sagt
den Gästen: Lasset euch nicht anführen! Zahlet uns das viel billigere Bahngeld,
denn unsere Bahn ist die älteste, somit auch approbierteste; auf ihr sind schon
so viele Tausende und Tausende in das Gezelt gelangt und haben sich dort ihren
hohen Preis abgeholt. Doch der erste Bahnchef erhebt sich sogleich, ganz
gewaltig protestierend, und warnt auf das Allerdringendste die Gäste, den
betrügerischen Lockungen des zweiten Bahnchefs zu folgen. Der zweite Bahnchef
steht ganz erregt auf gegen solche Verunglimpfung und schreit mit gewaltiger
Stimme: Ich sage nicht, daß ihr hierher gehen sollt; ich stelle es nicht eurem
freien Willen anheim, ob ihr auf dieser meiner Bahn gehen wollt oder nicht,
sondern weil ich wohl weiß, daß meine Bahn die älteste und alleinrichtige ist,
so will ich euch bei den Haaren dazuziehen. Es ist traurig genug, daß man
solchen Dummköpfen, wie ihr seid, solch ein namenloses Glück ordentlich mit
Gewalt auf den Rücken nachwerfen muß! Wieder erhebt sich der erste Bahnchef und
schreit über die Maßen: Folget nur diesem meinem Nachbar. Ihr wisset aber
nicht, daß seine Bahn in der Nähe des Zeltes einen verborgenen und überdeckten
Abgrund hat, in welchem ein jeder unwiederbringlich zugrunde geht, der diese
Bahn wandelt. Bei solcher Äußerung erhebt sich der zweite Bahnchef noch
gewaltiger, sendet, ohne ein weiteres Wort zu reden, seine Adjunkten hinauf auf
den Wall, läßt von ihnen eine Menge gewaltsam zusammenfangen und sie auf seine
Bahn hinziehen. Wenn sie den Bahnzins entrichten wollen, da tut er prahlerisch
großmütig und sagt: Ich nehme von euch nichts an, sondern ich will nur euer
Glück; und so wandelt denn diese meine Bahn. Ihr könnt laufen und langsam
gehen, wie ihr wollt, und ich hafte euch mit allem dafür, daß ihr auf dieser
meiner Bahn nirgends einen verderblichen Abgrund treffen, sondern alle
wohlbehalten in das Zelt gelangen werdet. Nur mache ich euch das zur Bedingung,
daß ihr ja nicht aus meiner Bahn tretet. Tretet ihr unvorsichtiger oder
eigenmächtiger Weise aus derselben, dann stehe ich für nichts gut, denn auf
jeder andern Bahn gelanget ihr statt in das Gezelt auf irgendeinen verdeckten
Abgrund. – Und so sehet ihr denn die Menge fortwandeln.
[GS.01_014,04]
Aber sehet, gleich daneben ist schon wieder ein dritter Bahnchef. Der schlägt
zwar keinen Lärm, macht dabei ein ganz gutmütiges und mitleidiges Gesicht und
die Gäste fragen ihn, warum er solches tut, was ihm denn so sehr am Herzen
liegt? Und dieser ruft ihnen ganz bescheiden mit stilleren Worten zu und sagt:
Wer sollte da nicht traurig sein?! Diese Armen gehen ja alle den falschen Weg,
während doch nur dieser der allein richtige ist und beinahe schnurgerade zur
Türe des Gezeltes hinlenkt. Ich sage euch nicht: Kommet hierher; sondern wenn
ihr es allenthalben werdet erfahren haben, daß ihr nichts erreicht habt als
eine vergeblich leere Plackerei, so werdet ihr euch schon selbst zu meiner Bahn
verfügen. Ich sage euch: Mir ist es sogar nicht einmal recht, so jemand zu
meiner Bahn läuft und macht dadurch meine ränkesüchtigen nachbarlichen
Bahnchefs eifersüchtig. Wenn er sich überall überzeugen wird, daß er geprellt
worden ist, wird er ohnehin zu mir kommen und wird mir noch gern einen hohen
Bahnpreis bezahlen, so ich ihm nur meine Bahn eröffnen will.
[GS.01_014,05]
Aber sehet da einen vierten Bahnchef, wie er heimlich verschmitzt auf seinen
Nachbar herübersieht, seinen Kopf schüttelt und endlich spricht: Nur zu! Wer
zuletzt lacht, lacht am besten. Ich sage euch, meine Adjunkten, lasset alle
diese Wallgäste unangefochten. Sollen die Narren machen, was sie wollen; wir
laden ja keinen ein, sondern übersteiget den Wall hinaus ins Freie. Dort
draußen fischet und bringet sie daher. Wenn diese auswendigen Dummköpfe sobald
hierher gebracht werden, da sind wir wohl sicher, daß sie keine andere Bahn
suchen werden und keine andere betreten als die unsrige. Wir pflanzen nur eine
Fahne auf mit der Inschrift: Einzig richtige Bahn zum Ziele!, machen dabei aber
so wenig Spektakel als möglich, und die fetten Fische gehören alle uns!
[GS.01_014,06]
Sehet aber weiter! Daneben ist schon wieder eine andere, ganz schmale und
dürftig ausgestattete Bahn. Der Bahnchef sitzt gar kümmerlich am Eingang und
scheint sich um niemanden zu kümmern; seine wenigen Adjunkten folgen seinem
Beispiele. Sehet, wie sich mehrere Gäste zu diesem Bahnchef hinunterziehen und
ihn ganz verstohlen fragen: Wie steht es mit deiner Bahn? Er sagt darauf gar
nichts als nur die wenigen Worte: Meine Bahn spricht für sich selbst; wer sie
wandeln will, der wird sich überzeugen, ob sie ihn zum Ziele bringen wird oder
nicht. Diese sonderbaren und geheimnisvollen Worte machen viele stutzen, und
bei ihm fangen bedeutend viel Bahngäste an, sich einzufinden.
[GS.01_014,07]
So sie um den Preis fragen, da sagt er: Hier ist kein Preis, sondern wer diese
Bahn betreten will, der gebe alles, was er hat, denn er wird auch alles
wiederfinden; ich für mich aber brauche nichts! Diese Bedingung macht dann die
Bahnlustigen wieder stutzen, und es zieht sich einer um den andern wieder auf
den Wall zurück.
[GS.01_014,08]
Aber sehet, daneben ist gleich wieder eine andere Bahn. Sie hat einen ganz
griesgrämigen alten Bahnchef. Dieser hat eine förmliche Einnahmskasse vor der
Bahn aufgerichtet. Er ladet zwar niemanden ein, aber wer dahin kommt und fragt
ihn: Was ist das für eine Bahn, und führt sie wohl in das Gezelt? zu dem
spricht der Bahnchef ganz leise und geheimnisvoll: Freund, es war noch keine
Bahn als diese, und diese allein ist die älteste und verbindet sich mit der
Pforte des Gezeltes. Willst du sie wandeln, so wird es dein Schade nicht sein;
nur mußt du das Bahngeld, welches so und so viel beträgt, in feiner, klingender
Münze bezahlen. Dafür aber bekommst du einen Wechsel gleichlautenden Wertes.
Wenn du die Bahn richtig wandelst und dich am Wege nicht von einer andern
verlocken läßt, so kommst du ohne weiteres ins Gezelt und machst somit den
Haupttreffer. Solltest du dich aber doch verirren, so hast du dabei noch gute
Hoffnung, denn mit diesem Wechsel in der Hand wirst du dennoch für deine hier
eingelegte klingende Münze allzeit so und so viel an Interessen zu beziehen
haben. Dieser Bahnchef, wie ihr sehet, hat einen sehr bedeutenden Zulauf von
groß und klein, aber nicht etwa der Bahn wegen, sondern allein des reinen
Geldgeschäftes wegen; daher strotzt er von Gold und Silber und allerlei
Edelgestein. Was aber das Gezelt betrifft, um das bekümmert er, der Chef, sich
sozusagen nicht im geringsten mehr, denn seine Sache sind nur Geldgeschäfte.
Und so denn machen sich auch seine Bahnwandler eben nicht viel daraus, ob sie
das Gezelt günstig erreichen oder nicht, denn sie haben ja die Wechsel in ihren
Händen.
[GS.01_014,09]
Aber sehet ferner hin; da gibt es noch mehrere wenig betretene Bahnen. Ihre
Bahnchefs werden von den Hauptbahnchefs gewisserart nur geduldet; daher sitzen
diese auch ganz still bei ihren Bahnen. Kommt ein Wallfahrer zu einem oder dem
andern, so ist es wohl und gut; kommt aber niemand, so lassen sie sich darum
auch kein graues Haar wachsen. Sie stehen im Grunde nicht auf den Bahnertrag
an, sondern sie unterhalten sich so ganz gemächlich mit ihren allerlei
Krambuden, die sie bei ihren Bahnen aufgestellt haben. Werden sie von jemandem
heimlich gefragt: Ist diese deine Bahn die richtige? so sagen sie ganz
gleichgültig: Wenn diese nicht die richtige ist, welche soll es denn sein? –
Und sehet, so ist diese Kreisbahnebene umlagert von lauter Bahnchefs, Großen,
Schreienden, Beklagenden, Schweigenden, Heimlichtuenden; mit Ausnahme einer
einzigen Bahn, welche nämlich die schmalste ist, findet ihr überall Wandler und
Zielsucher. Da aber zu Ende alle Bahnen eingezäunt sind, so geschieht es, daß
alle diese Bahnwandler am Ende an die Wand des Gezeltes anstoßen. Zur Türe gelangt
keiner. Und so viele ihr eilig dahinwandeln sehet, ebenso viele werden an der
schroffen Wand abgestumpft und suchen umkehrend wieder die Freiheit, indem sie
durch ihr Bemühen nichts erreicht haben. Alles drängt sich hin zu jenem
Bahnchef, der gegen klingende Münzen Wechsel ausstellt. Und sehet, sogar alle
die übrigen Bahnchefs senden unvermerkt ihre Adjunkten mit Beuteln voll Silbers
und Goldes hin und lassen sich von ihm dafür Wechsel ausstellen.
[GS.01_014,10]
Aber nur zu unserm armseligen Bahnchef, der am Eingang der engsten Bahn ruht,
begibt sich niemand hin. Dieser allein hat somit auch wenig zu tun, und so noch
jemand hingehen will, so wird er entweder verlacht oder aber von den ersteren
Bahnchefs gewaltsam davon abgezogen.
[GS.01_014,11]
Nun aber sehet noch einmal hin, wie auf dem Wall eine bedeutende Menge
tüchtiger Späher sich aufgestellt hat, und verfolgen mit ihren Augen die
schmale, völlig unbetretene Bahn. Einige darunter sagen: Sehet hin, eine Bahn
führt richtig zur Türe. So aber alle die Bahnen rings umher an die blanke Wand
nur führen, wer weiß, ob nicht gerade diese schmale Bahn zur Türe führt?
[GS.01_014,12]
Sehet, eine Menge zieht sich schon um den Wall herum und verfolgt mit ihren
Augen die Bahn. Die Bahnchefs begreifen nicht, was dieses Herumwandeln
bedeutet. Aber wehe allen, wenn diese glücklichen Spione den richtigen Gang der
schmalen Bahn werden ausgekundschaftet haben. Dann wird es arg mit ihnen sein,
denn sie werden zur Rechenschaft gezogen werden. Alle ihre Bahnen werden zerstört
und gleichgemacht werden der engen Bahn; und der unansehnlichste Bahnchef wird
alles Geschäft an sich ziehen. –
[GS.01_014,13]
Daher wundert euch nicht, daß man auf dem Ringwalle schon häufig ein Gelächter
vernimmt, besonders über die am meisten schreienden Bahninhaber. Solches
Gelächter hat seinen guten Grund, und ihr könnet es glauben: Alle diese
gegenwärtigen Hauptbahnen müssen mit Hohn und Gelächter belegt werden; alle
ihre Bahnlehren und großen Verheißungen müssen zuschanden werden, wenn die
Hauptlinie gefunden wird! Glaubet es aber, wie euch diese geistige
Erscheinlichkeit lehrt, also verhält es sich auch in der Tat.
[GS.01_014,14]
Es gibt schon gar viele scharf sehende Bahnforscher auf dem Walle, und sie
haben nurmehr die letzte halbe Schneckenbahnwende zu erforschen. Wenige Blicke
und Schritte mehr, und ihr werdet die schmale Bahn ganz reichlich betreten
erblicken! – Ihre Wandler werden unfehlbar zur Türe und ins Gezelt gelangen,
werden da die großen Schätze nehmen und sie zeigen allen Gästen.
[GS.01_014,15]
Wenn solches geschehen wird, dann wird es auch geschehen sein um alle anderen
Bahnen. Die Gäste werden über alle die Bahnen hereinbrechen, alle Zäune
niederreißen und sich so von allen Seiten der Türe des Gezeltes nahen!
[GS.01_014,16]
Es braucht kaum näher bestimmt zu werden, daß die erstbesprochene Bahn das
Hierarchentum, die zweite die griechische Kirche, die dritte die
protestantische, die vierte die englische Kirche bezeichnet; und daß die
anderen kleineren Bahnen noch verschiedene andere Sekten bezeichnen. Wenn ihr
nun solches wisset, so wißt ihr somit auch alles, was da dieses Bild
bezeichnet. Und so ihr es recht beachtet, wird euch wieder noch eine
bedeutendere und größere Löse dessen werden, was ihr geschaut habt in der
Sphäre des sechsten Geistes. – Nächstens das vierte Bild; und somit gut für
heute!
15. Kapitel –
Das Bassin mit dem liegenden Schaufelrad. Die prophetische Sphäre des Daniel.
[GS.01_015,01]
So ihr das vierte Bild recht wohl beachtet habt von der ersten Ansicht an, so
muß euch doch die Frage aufgefallen sein, welche sich ganz von selbst aufwirft
und also lautet: Warum wird denn in diesem runden Wasserbassin das Wasser
mittels eines in der Mitte des Bassins angebrachten Schaufelrades in eine stete
Rundbewegung gebracht? In dieser Frage liegt eine sehr bedeutende Antwort fürs
erste darin, damit sich kein Seefahrer mit seinem Kahn dem Radwerke nahen kann,
fürs zweite, daß durch diese gezwungene Bewegung der Wasseroberfläche alles,
was sich nur immer dem Zentrum des Wasserbassins nahen will, durch die vom
Zentrum ausgehende Wirbeldrehung des Wassers trotz allen Mühens wieder nach
außen getrieben wird.
[GS.01_015,02]
Es mag da ein Kahnfahrer sich so viele Mühe nehmen als er will, so kann er
dennoch das Radwerk nicht erreichen, um es aufzuhalten und dadurch eine Ruhe
des Wassers zu bewerkstelligen, wodurch es einem jeden solchen Seefahrer
möglich würde, sich dem Zentrum zu nahen und all das Radwerk anzugreifen, es
mit vereinigter Kraft aus dem Bassin zu schaffen und somit die ganze schöne,
ruhige Wasseroberfläche der allgemeinen Wohlfahrt freizugeben.
[GS.01_015,03]
Es läßt sich aber wieder eine andere Frage aufwerfen, und diese lautet also:
Was liegt denn gar so Außerordentliches an dem Zentrum dieses Wasserbassins? Da
mag das Rad ja immer bestehen; es gibt dessen ungeachtet des
Wasserflächenraumes um dasselbe in großer Menge. Wer Lust hat, auf dem Wasser
mit seinem Kahne herumzufahren, der kann solches ja noch immer nach seiner Lust
zur Übergenüge tun und braucht dazu des Mittelpunktes nicht. –
[GS.01_015,04]
Solches wäre alles richtig, solange man nicht weiß, was der Mittelpunkt, über
dem gerade das Wasserrad angebracht ist, in sich birgt. Erst wenn man solches
weiß, dann auch kann man in sich selbst den dringenden Wunsch aussprechen und
sagen: Hinweg mit dem vielschaufeligen Rade! Es ist uns zu nichts nütze. Die
Angabe, daß durch die stete Bewegung desselben das Wasser gerührt wird, damit
es nicht faule, ist eine arg blinde, so man den Schaden, ja den großen Schaden
dagegenhält, was diejenige Stelle, über welcher das Wasserrad angebracht ist,
ausbeuten würde. Was denn würde diese Stelle ausbeuten? – Solches wird erst
dann vollends begriffen, wenn dargetan wird, was das für eine Stelle ist, über
welcher das Schaufelrad angebracht ist. Damit ihr euch aber darüber nicht gar
zu lange die Köpfe zerbrechet, so sage Ich es sogleich rund heraus.
[GS.01_015,05]
Diese Stelle ist eine Quelle, voll des lebendigen Wassers. Diese Quelle aber
ist gut verstopft und förmlich mit Blei vergossen, und es kann auch nicht ein
Tropfen herausquellen. Dennoch aber sagen alle die großtuenden
Wasserradinteressenten: Das sämtliche Wasser in dem Bassin ist ein pur
lebendiges Wasser, und das Leben dieses Wassers hängt bloß von ihnen ab; sie
haben die Macht, das Wasser zu beleben und zu töten. Das Rad sei ihnen von Gott
eingeräumt und habe die Macht, das Wasser zu beleben, solange es von ihnen
getrieben wird; wird es aber nicht von ihnen getrieben, so wird dadurch das
Wasser tot werden und niemandem mehr zum Leben gereichen. Sie sagen auch: Nur
dieses einzige Wasserbassin unter den vielen andern, die sich noch um dieses
herum auf eine ähnliche Weise befinden, ist dasjenige, welches das wahre
lebendige Wasser hat. In allen anderen ist dasselbe tot, und die Bewegung desselben
nach der Art dieses lebendigen Wassers ist nichts als eine pure Nachäffung,
somit ein purer Betrug. Wer immer sich verleiten läßt, seinen Kahn auf ein
solches andere Wasserbassin zu setzen, der geht offenbar zugrunde.
[GS.01_015,06]
Daß aber dies das alleinig wahre und rechte, vom lebendigen Wasser volle Bassin
ist, das beweiset fürs erste sein Alter, fürs zweite die außerordentliche
Pracht und Erhabenheit des aufgestellten Gerüstes, das dem mächtigen,
lebendigen Rade dient. Fürs dritte beweiset die überragende Größe des Bassins
seine alleinige Echtheit, fürs vierte seine Allgemeinheit, welche daraus zu
ersehen ist, daß auf der Oberfläche des lebendigen Wassers sich stets die
allergrößte Anzahl Kahnfahrer eingefunden hat, und fürs fünfte, daß alle
anderen Wasserbecken aus diesem hervorgegangen sind; was da beweist ihre diesem
alleinig wahren, lebendigen Wasserbassin ziemlich ähnliche Gestalt.
[GS.01_015,07]
Nun sehet aber wieder hin. Die stets ans Ufer getriebenen Kahnfahrer sind schon
fast mehr denn zu zwei Dritteilen ihrer einförmigen und nichts erreichenden
Wasserfahrt überdrüssig geworden und entsteigen daher ihren Kähnen. Sie
betreten ganz verdutzt und überdrüssig das Ufer, kehren demselben sobald den
Rücken und sagen: Was hätten wir denn tun können, was da besser gewesen wäre,
denn diese langandauernde lebendige Wasser-Fopperei? Man hat uns gesagt: Nur
ausharren und soundso oftmal den Kreis herum machen, sich dabei aber hüten und
ja nicht nachlassen an der gerechten Kraft, daß man in erster Hinsicht nicht zu
nahe ans Rad kommt, in zweiter Hinsicht aber auch nicht an das Ufer, sondern
fortwährend den Zwischenraum des Wassers benützt, der zwischen dem Rade und
zwischen dem Ufer ist. Eine zu große Annäherung an das Radwerk würde den
Menschen bald an seiner Kraft erlahmen. Diesem Zustande zufolge würde er dann
unvermeidlich aus dem Bereiche des Lebens hinaus an den Bereich des Todes
geführt werden.
[GS.01_015,08]
Nun aber sind wir wohlweiser Maßen ans Ufer herausgeführt worden; und was
wunder, daß wir noch leben! – Und weiter sprechen die aus ihren Wasserkähnen
Entstiegenen: Wenn es doch nur auch den anderen beifallen möchte, ans Ufer
herauszublicken, damit sie ersehen möchten, daß es da um vieles lebendiger
zugeht, denn auf der dummen Wasseroberfläche. Sie würden sicher gar bald all
ihre Kähne an dieses viel glücklichere Ufer lenken und sich aus den mächtigen
Großsprechereien derjenigen, die sich auf den Wasserradgesimsen befinden, ganz
entsetzlich wenig machen.
[GS.01_015,09]
Und sie reden weiter und sagen: Dem Herrn alles Lob und alle Ehre, daß Er uns
solches eingegeben hat! Aber es fragt sich: Woher werden wir nun ein anderes,
besseres Wasser nehmen? –
[GS.01_015,10]
Und mancher aus ihnen sagt: Sehet, dort gegen Morgen hin, eben nicht gar zu
ferne von hier, sind Berge; wer weiß es nicht aus uns, daß Berge stets gute
Quellen haben? Ziehen wir daher nur schnurgerade darauf zu, wir werden sicher
ein reineres und lebendigeres Wasser antreffen, als diese alte, durch das
Wasserrad ab- und durchgepeitschte lebendige Suppe ist. Und sehet, wie da eine
ganze Menge sich vom großen Bassin heimlich aus dem Staube macht und sich
hinzieht gegen die Berge. Dieses ist schon ein günstiges Zeichen. – Aber wir
wollen uns dessenungeachtet noch bei unserem Wasserbassin aufhalten und noch
ein wenig zusehen, was da alles noch vor sich geht. –
[GS.01_015,11]
Bemerket ihr nicht unter den Ufergästen eine ziemliche Menge solcher, die mit
tüchtigen Fernrohren versehen sind, von allen Seiten das Rad beobachten und
erblicken, daß dessen Schaufeln schon sehr morsch und schadhaft geworden sind.
Über die Hälfte derselben fehlt schon gänzlich. Was folgt wohl aus dem? – Wir
wollen unsere Betrachter ein wenig behorchen, was sie untereinander sprechen. –
[GS.01_015,12]
Sehet, da sind eben ein paar recht Scharfsinnige; sie reden mit heiterer Miene.
Der erste spricht: Sieh, was hab ich denn gesagt? Der Zeitpunkt ist
eingetreten, diesen Hauptschreiern geht nun der Faden aus. Das Rad können sie
nicht stillhalten, um demselben neue Schaufeln einzusetzen, denn würden sie
solches tun, so würde das Wasser im Bassin auch stehen bleiben, und ein jeder
törichte Wasserfahrer würde dann ja bald die Nichtlebendigkeit des Wassers mit
den Händen greifen. Stark treiben dürfen sie das Rad auch nicht mehr, sonst
brechen demselben noch die wenigen lecken Schaufeln ab. Wenn aber solches gar
sicher geschieht, dann sage mir, lieber Freund, wie wird es hernach mit der
Lebendigkeit des Wassers aussehen? Denn das schaufellose Rad wird dasselbe bei
einer noch so schnellen Umdrehung so wenig mehr zu einer Rundbewegung nötigen
und ihm eine scheinbare Lebendigkeit verleihen als diejenigen unserer Gedanken,
die wir noch nicht gedacht haben.
[GS.01_015,13]
Und der zweite spricht: Bruder, ich merke ganz fein, wo die Sache hinauswill.
Wenn die Kahnfahrer merken werden, wie es jetzt schon, meiner Betrachtung nach,
sehr häufig der Fall ist, daß das Wasser in seiner Bewegung immer träger und
träger wird, so werden sie sich zum Teil überzeugen, daß es mit der
Lebendigkeit dieses Wassers seine geweisten Wege hat, nämlich ans Ufer heraus.
Teils aber werden sie sich zufolge des geringen Widerstandes dem sogenannten
Heiligtume des Radwerkes mit wenig Mühe nähern und werden dort wenigstens mit
ihrer Nase erfahren, was wir hier vom Ufer aus deutlich ausnehmen, nämlich was
es für eine Bewandtnis hat mit dem so überaus angepriesenen mächtigen Rade. Du
weißt es, die hochtrabenden Interessenten sagen von selbem, es ist für alle
Zeiten der Zeiten völlig unschadhaft und hat daher immer die gleiche Gewalt,
das Wasser lebendig zu machen. Was werden diese dann wohl sagen, wenn sie die
Schaufeln nachzählen und werden zu ihrem Erstaunen einen solchen Mangel
entdecken und noch hinzu gewahr werden die bedenkliche und sehr bedeutende
Schadhaftigkeit der noch vorhandenen Schaufeln am blinden Rade? Bist du nicht
mit mir einverstanden? – Sie werden ihre Kähne schnell von dem Radgerüste
wegwenden und ans Ufer steuern.
[GS.01_015,14]
Und der andere spricht: Das wird etwa doch so klar sein wie die Sonne am hellen
Mittage; besonders wenn das gegen die Ufer heraus zu wenig bewegte Wasser ihren
Nasen etwas sagen wird, was ungefähr so lautet: Höret, ihr Schiffleute! Machet
euch hurtig über meine Fläche hinweg, sonst laufet ihr Gefahr, am Ende statt
über ein lebendiges Gewässer über eine stark übelriechende Pfütze zu fahren!
[GS.01_015,15]
Wie gefällt euch dieses Zwiegespräch? Ich meine, daß es nicht übel sei. Aber es
gibt noch eine andere Partie am Ufer, diese untersucht mit kleinen Stangen die
Tiefe des Bassins; fährt mit leeren Kähnen nach allen Richtungen und tut dabei,
als wäre sie ein rechtmäßiger lebendiger Wasser-Fahrer. Aber sehet, dort
steigen soeben einige solche Bassingrund-Visitierer aus und fangen an, ein
wichtiges Gespräch miteinander zu führen. Begebet euch hin und höret, was alles
sie miteinander sprechen.
[GS.01_015,16]
Höret, was der erste spricht: Ich habe es ja immer gesagt, diese ganze
Rundlacke ist ein seichtes Zeug, das Wasser ist nur künstlich dunkel gemacht,
hat aber in sich selbst durchaus keine Tiefe. Weil dieses Wasser eine leicht in
Fäulnis übergehende Beimischung hat, so mußte es freilich wohl fleißig gerührt
werden, um seinen äußeren lebendigen Anstrich so gut als möglich zu erhalten. –
Nun wissen wir aber, wie es mit der Sache steht; daher sind wir auch über alles
im klaren. Was meinet ihr denn, auf welche Weise wäre denn dieser lange
andauernden Torheit zu steuern?
[GS.01_015,17]
Höret, ein anderer spricht: Auf zweifache Art; sehet, die
Wasserradinteressenten sind ohnehin von tausend Ängsten befangen und wissen
sich nicht mehr Rat zu verschaffen, auf welche Weise sie das alte, morsche Rad
wieder ausbessern könnten. Was ist da nun leichter zu tun, als eine heimliche
Mine zu machen und ihnen auf die schönste Weise gegen die Niederung hinab ihr
tolles Wasser abzuzapfen. Wenn sie in ihrem Bassin kein Wasser mehr haben
werden, dann können sie ihr Rad herumtreiben wie sie wollen, und ihr könnet
versichert sein, alle die gegenwärtig sich noch auf der Oberfläche des Wassers
herumtreibenden Kahnfahrer werden mit großer Hast dem sicheren Ufer zu steuern
und sich da überzeugen, daß allenthalben des Lebens in großer Menge vorhanden
ist.
[GS.01_015,18]
Und höret, ein dritter spricht: Habt ihr aber nie gehört, an der Stelle, wo das
Rad sich befindet, soll im Ernste eine lebendige Wasserquelle vorhanden sein? –
Wenn man sich derselben bemächtigen könnte, so wäre das wohl der größte Gewinn.
Und höret weiter, ein vierter spricht: Ich bin soeben auf einen sehr guten
Einfall gekommen. Wie wäre es denn, wenn wir das Wasserabzapfen stehenließen
und führten unsere Mine mit leichter Mühe bis unter das Rad? Wenn da die
lebendige Quelle sich vorfindet, so werden wir sie dadurch unfehlbar an das
Tageslicht fördern, wo sie sich gar bald zufolge ihrer lebendigen
Reichhaltigkeit über alle diese weit ausgedehnten Täler und Ebenen gleich einem
Meere ausbreiten wird. Wird solches geschehen, dann sollen diese Radtreiber ihr
Rad herumschleudern, wie sie wollen, und wir sind sicher, daß wir die Narren an
den Fingern werden abzählen können, die sich noch auf das dunkle Gewässer in
den morschen Kähnen werden hineinlullen lassen.
[GS.01_015,19]
Und der erste spricht: Bravo! Bruder, das heißt einen gescheiten Einfall haben!
Nur sogleich die Hand ans Werk gelegt, denn umsonst haben sie nicht gerade auf
jener Stelle das Rad hingestellt; unter demselben steckt sicher etwas, das sie
ganz gewaltig fürchten, daß es ans Tageslicht käme. Sie ahnen dadurch gar wohl
ihren Untergang und haben es daher sorglich vermieden und fleißig zugestopft. –
Aber wir haben den Entschluß gefaßt; also ist es in dem Himmel beschlossen, und
es wird begonnen die Mine anzulegen.
[GS.01_015,20]
Und sehet noch weiter: Diese begeben sich mit noch vielen anderen hinab in die
Niederung und entdecken da schon auf den ersten Blick, gleich guten
Bergkundigen, Spuren vom Dasein des lebendigen Wassers. Schon stechen sie
hinein, und beim ersten Stiche entdecken sie eine reichliche Quelle, welche
sich gleich dem Lichte der Sonne gewaltig strahlend hinaus ergießt. Sie graben
weiter, legen die Mine größer an und da sie auf kein Gestein stoßen, geht die
Arbeit hurtig vor sich.
[GS.01_015,21]
Sehet, wie schon aus den vielen aufgefundenen Quellen ein ganzer strahlender
Bach sich über die Täler hinab ergießt! Viele, die nicht ferne davon sind,
eilen nach Möglichkeit zu diesem Bache, der sich dort in ziemlicher Entfernung
bereits zu einem bedeutenden See ansammelt. Sein Wohlgeruch erfüllt weit und
breit die Gegend, und seine Ufer werden schon immer bevölkerter und
bevölkerter. – Nun sind unsere Mineure nur noch ein paar Klafter von der
Hauptquelle entfernt. Sehet hinein in die stark erleuchtete Mine, wie sie sich
stets mehr und mehr der Hauptquelle nähern.
[GS.01_015,22]
Und sehet, jetzt tut einer einen Hauptschlag; die Quelle ist eröffnet! Die
Arbeiter trägt sie, mit dem ewigen Leben lohnend, hinaus in die ewig unendliche
Freiheit. Mit großer Gewalt und überreicher Fülle stürzt sie sich über alle die
Täler und Ebenen hin, Berge reißt sie mit sich fort, und alles, was tot war,
macht ihr Gewässer lebendig!
[GS.01_015,23]
Aber sehet, nun merken es die Wasserradinteressenten und schreien Zeter auf
ihren Wasserradgerüstbühnen! Doch es nützt nichts. Sie treiben das alte
Wasserrad kräftig herum, aber es fliegt eine morsche Schaufel um die andere
hinweg. Die Oberfläche des Wassers an den Ufern ist voll leerer Kähne. Alles,
was nur Füße hat, drängt sich hinaus zum großen, lebendigen Gewässer. Nur die
Wasserradinteressenten sitzen jetzt, wie ihr zu sagen pflegt, im Pfeffer und im
eigenen Schlamme. Einige ergreifen die schlechten, abgebrochenen Schaufeln vom
Rad und schwimmen selbst, so gut es nur immer gehen kann, hinaus ans
glückselige Ufer. Nur für die Hauptinteressenten wird am Ende schier kein
Rettungsmittel übrig bleiben, denn die Kähne haben sie alle ans Ufer getrieben,
und niemand will ihnen einen zusteuern, auf daß sie sich auf demselben ans Ufer
retten möchten. Ihr Gewässer wird gewaltig stinkend, und das lebende Gewässer
will sich nicht hineinergießen.
[GS.01_015,24]
Sehet, also stehen die Dinge; und das ist auch die vollkommene Löse des ganzen
geschauten schauerlichen Bildes aus der Sphäre unseres sechsten geistigen
Gastfreundes!
[GS.01_015,25]
Ihr versteht nun diese Bilder, und das ist genug; denn auch solches bietet uns
der Anblick der geistigen Sonne. Wie ihr in der Sonne alle materiellen
Verhältnisse mit jeglichem Erdkörper entsprechend angetroffen habt, also steht
es auch ganz besonders mit den geistigen Verhältnissen.
[GS.01_015,26]
Wer aber ist dieser siebente Geist, aus dessen Sphäre ihr nun solches geschaut
habt? Sehet, es ist ein alter Geist, vorbehalten für diese Zeit; – es ist der
Geist des Propheten Daniel. – Da wir nun solches wissen, so möget ihr wieder
aus seiner Sphäre treten und auch fürs nächste Mal in die Sphäre eines achten
Geistes begeben, der uns soeben naht. – Und so lassen wir die Sache für heute
wieder gut sein!
16. Kapitel –
Die Sphäre des achten Geistes. – Die Weltenuhr und „die letzte Zeit“. „Das neue
Jerusalem“ aus der Sphäre Swedenborgs.
[GS.01_016,01]
Unser gastlicher Freund ist schon hier; daher tretet nur sogleich in seine
Sphäre. Diesen Geist sollet ihr auch wieder in seiner Sphäre sehen und von ihm
ein wenig herumgeführt werden. Habt aber wohl acht auf das, was er euch zeigen
und was er euch sagen wird, denn aus dem wird euch so manches bis jetzt noch
unrichtig Aufgefaßte klar werden. – Ihr befindet euch schon in seiner Sphäre,
so denn haltet euch auch an ihn; denn er ist ein tüchtiger Wegweiser und ist
viel Weisheit in ihm aus Mir. Unterwegs werdet ihr schon noch erfahren, wer
eigentlich dieser Geist ist. Und so denn höret ihn nun und folget ihm auch!
[GS.01_016,02]
Der Geist spricht soeben zu euch: Kommet, kommet liebe Brüder, nach dem Willen
des Herrn; ich will euch führen in das Reich der Wahrheit und in das Reich der
Liebe!
[GS.01_016,03]
Sehet dort gegen Morgen hin ein überaus majestätisch schönes Gebirge. Sehet,
wie die göttliche Sonne, in welcher der Herr ist, schon hoch über dem Gebirge
steht, und wie herrlich ihre Strahlen gleich denen einer lieblichen Morgenröte
hereinfallen in die Täler und andere Vertiefungen der Welt!
[GS.01_016,04]
Sehet auch bei dieser Gelegenheit ein wenig zurück; da erblicket ihr ein großes
Meer, welches gar viele und große Wogen auf seiner Oberfläche bewegt. Über den
Wogen erblicket ihr viele Schiffe, da sind etliche groß und etliche klein. Ihr
sehet, wie die Wogen sich dem Ufer zudrängen, um diese herrlichen
Sonnenstrahlen in sich zu saugen. Die Schiffe auf dem großen Meere haben auch
ihre Segel also gerichtet, daß sie gleich den Wogen dem erleuchteten Ufer
zusegeln. Dadurch möget ihr die heimliche Kraft der Strahlen aus jener
göttlichen Sonne erkennen, in welcher der Herr wohnt.
[GS.01_016,05]
Aber nun begeben wir uns auf jenes Gebirge dort. Da wollen wir Dinge von ganz
anderer Art schauen und sehen, wie sich dort die göttliche Wahrheit artet. Ihr
fraget und saget: Aber unser lieber geistiger Freund und Bruder! Jenes
glänzende Gebirge scheint noch gar ferne zu sein; wie werden wir es sobald
erreichen? O liebe Freunde und Brüder! Sorget euch dessen nicht, denn unser
eigener Wille wird uns alsobald dahin bringen. Ihr wollet mit mir, und sehet,
wir sind schon an Ort und Stelle!
[GS.01_016,06]
Ihr saget: O lieber geistiger Freund und Bruder, hier ist es unendlich
herrlich, hier möchten wir wohl bleiben; denn so etwas Herrliches, wie die
Aussicht von diesem hohen Gebirge ist, ist noch nie in unsere Sinne auch nur
ahnungsweise gekommen.
[GS.01_016,07]
Ihr erblickt dort gegen Mittag etwas Sonderbares und wißt euch nicht zu raten,
was es ist. Ihr sehet an einer vom hohen Firmamente herabhängenden Goldstange
eine Sonne hängen, und diese bewegt sich ernst langsam gleich einem
Uhrperpendikel hin und her. Da möchtet ihr wohl wissen, was das sei? – Ich sage
euch: Bewegen wir uns nur näher hin, und ihr sollet der Sache alsbald auf die
Spur kommen.
[GS.01_016,08]
Sehet ihr dort hinter diesem großartigen Sonnenperpendikel ein überaus großes
viereckiges Gebäude, welches sich staffelartig und pyramidenförmig auch bis
unter das hohe scheinbare Himmelsfirmament mit seiner Spitze erhebt? Dorthin
wollen wir gehen und dieses Gebäude ein wenig näher beschauen. Die Inschrift
auf der einen Seite wird uns vorerst sagen, was es damit für eine Bewandtnis
hat. Ihr wollet, und sehet, wir sind auch schon an Ort und Stelle!
[GS.01_016,09]
Da sehet einmal hinauf. Auf der zehnten Staffel sehet ihr zwei große leuchtende
Pyramiden stehen; leset, was auf einer jeden geschrieben steht. Ihr saget: Die
Schrift ist uns unbekannt. Nun wohl denn, so will ich es euch vorlesen. Auf der
Pyramide zu unserer linken Seite steht geschrieben: Das ist der große
Zeitmesser für die geschaffenen Dinge. Und auf der anderen Pyramide steht: Einzig
richtige Bewegung aller Dinge und Ereignisse nach der göttlichen Ordnung! Aus
diesen beiden Inschriften werdet ihr schon leicht erraten können, was diese
Erscheinung besagt.
[GS.01_016,10]
Nun aber erhebet euch mit mir wenigstens bis zur halben Höhe dieses Gebäudes,
da werden wir das Zifferblatt dieser großen Weltenuhr erschauen, und ihr werdet
daraus sehr leicht ersehen, um welche Zeit es nun ist!
[GS.01_016,11]
Sehet, wir sind schon wieder an Ort und Stelle. Ihr wundert euch, daß dieses
Zifferblatt nur auf der einen Seite, auf der linken nämlich, mit Ziffern, und
zwar ebenso wie eure Uhren von eins bis zwölf bezeichnet ist. Die Seite rechts,
welche dem Morgen zugewendet ist, ist aber gänzlich zifferleer. Dies kommt
daher, weil hier die abendliche Seite nur das Zeitliche besagt, die gegen
Morgen aber das Ewige und somit Geistige.
[GS.01_016,12]
Als alle materielle Schöpfung gegründet ward, da stand dieser große leuchtende
Zeiger abwärts auf der Zahl eins, welche ihr noch stark leuchtend erblicket.
[GS.01_016,13]
Wo steht aber dieser Zeiger jetzt? – Ihr saget: Er steht ja schnurgerade
aufwärts, und zwar schon nahe am Ende der letzten Zahl. Zwei kleine Punkte hat
er noch zu überschreiten, und seine Spitze ist draußen am zifferlosen
leuchtenden Felde. Wißt ihr wohl, was solches bedeutet? – Sehet, das bedeutet
„die letzte Zeit“!
[GS.01_016,14]
Aber ihr fraget: Werden denn hernach alle Dinge aufhören zu sein, wenn der
Zeiger in das freie, weiße Feld hinaustreten wird? – Solches wird uns ein
nächstes, höherstehendes Zifferblatt kundgeben. Gehet daher mit mir um einige
Stufen höher!
[GS.01_016,15]
Sehet, da ist schon ein anderes Zifferblatt. Was erblicket ihr auf diesem? –
Ihr saget: da erblicken wir ja gerade ein umgekehrtes Verhältnis; die Seite
gegen Abend gewendet ist dunkel und zifferlos, die Seite gegen Morgen aber ist
hier mit neuen helleuchtenden Ziffern bezeichnet. Da aber steht die Einheit
zuoberst und die Zahl zwölf zuunterst. Der große Zeiger berührt ja schon die
erste Spitze der Einheit, welche leuchtet wie ein heller Morgenstern. Jede
Ziffer, die von der Einheit fort nach abwärts den großen Kreis steigt, leuchtet
stets mehr und mehr, und der Glanz der letzten Zahl ist gleich dem der Sonne,
die dort im Morgen so überaus herrlich strahlt! Ihr habt die Sache richtig
befunden; aber was besagt sie?
[GS.01_016,16]
Solches sollet ihr sogleich erfahren. Sehet, so greift eine alte, finstere Zeit
in eine neue, lichte. Darum also werden die Dinge nicht vergehen, sondern es
wird ihnen nur „eine neue Zeit“ gegeben werden. – Und wie die erste Zeit war
eine Zeit des Unterganges, eine Zeit der Nacht, so wird diese kommende Zeit
eine Zeit des Aufganges sein und eine Zeit des Tages! – Nun begreifet ihr
dieses große Uhrwerk. Lasset uns darum unsere Blicke wieder von da hinweg
wenden, und die Dinge näher betrachten, die noch um uns in einer endlosen Fülle
wunderbarst zu schauen sind.
[GS.01_016,17]
Ihr sehet dort gegen Mittag hin ein außerordentlich großes viereckiges Gebäude,
das einem überaus großen Würfel gleicht und eine Länge von nahezu zwölftausend
Klaftern hat. Es ist so hoch und so breit, wie es lang ist. In der Höhe auf den
vier Ecken erblicket ihr vier riesige Menschengestalten, und zu ihren Füßen
seht ihr vier verschiedene Tiere. Wir wollen uns sogleich hinbegeben und sehen,
was die ganze Sache ist. Ihr wollet, und so denn sind wir auch schon, wie ihr
sehet, auf der glänzenden Fläche dieses großen Würfels. Da sehet hin, in der
Mitte dieser glänzenden Fläche ist noch ein kleiner, überstark leuchtender
Würfel, auf dem Würfel liegt ein vollends entsiegeltes Buch.
[GS.01_016,18]
Das siebente Siegel seht ihr ebenfalls schon entsiegelt; und aus diesem Siegel
sehet ihr entsteigen allerlei riesenhaftes Gebilde. Viele Geister, mit weißen
Kleidern angetan und mit großen Posaunen in ihrer Hand, fliehen nach allen
Seiten hin. Sehet, dort stößt einer in die Posaune, und der Posaune entstürzen
allerlei, als: Krieg, Teuerung, Hungersnot, Pest; – sehet, dort stößt ein
anderer in seine Posaune, und dieser entstürzt ein verheerend Feuer; wo es
hinfällt, verzehrt es alles, und die härtesten Steine macht es zerfließen wie
Wassertropfen auf glühendem Eisen. Sehet wieder dort, ein anderer stößt in
seine Posaune, und eine große Wasserflut, welche angefüllt ist mit allerlei
Geschmeiß, entstürzt derselben; – und sehet, dort in der Tiefe unten die alte
Erde, wie sie ersäuft in dieser Flut. – Und sehet dort, ein vierter stößt in
seine Posaune, und ein großer feuriger Drache stürzt gebunden und geknebelt
dort hinab, wo ihr sehet in endloser Tiefe ein unermeßliches Feuermeer wallen.
[GS.01_016,19]
Aber nun sehet die vier großen, riesigen Gestalten an den Ecken; auch sie sind
mit großen Posaunen versehen. – Sehet, der gegen Mitternacht stößt gewaltig in
dieselbe; und ein Geist entstürzt der Posaune, mit einer großen Geißel zu
züchtigen die Erde; – und sehet, der gegen Abend stößt ebenfalls in seine
Posaune, und derselben entstürzt ein anderer Geist, einen glühenden und
feurigen Besen in seiner Hand tragend, zu fegen das Erdreich vom Unrate. – Und
sehet, dort gegen Mittag stößt der große Geist ebenfalls in seine Posaune, und
eine Menge Geister entstürzt derselben mit allerlei Samenkörben versehen, um zu
legen eine neue Frucht in das gefegte Erdreich. – Und nun sehet, der Geist
gegen Morgen hin stößt ebenfalls in seine Posaune; derselben entstürzt ein
leuchtendes Gewölk. Zahllose Scharen erblicket ihr auf demselben. Zuoberst
dieses Gewölkes erblicket ihr ein leuchtendes Kreuz, und auf dem Kreuze steht
ein Mensch so sanft, so mild wie ein Lamm!
[GS.01_016,20]
Sehet, dieses ist das Zeichen des Menschensohnes. Und somit haben wir auch auf
diesem Platze alles gesehen, was euch hier zu sehen und zu schauen zugelassen
werden kann; – und das alles ist das Licht der Wahrheit, aus dem ihr diese
Dinge schauet. –
[GS.01_016,21]
Aber ihr richtet soeben eure Blicke gegen Morgen hin und erschauet zu eurer
größten Verwunderung eine überaus herrliche, große Stadt, welche leuchtet wie
die herrliche Sonne über ihr! – Ihr möchtet wohl wissen, was diese Stadt ist
und möchtet sie auch näher beschauen? Ihr wollet! – und sehet, die Stadt ist
vor unseren Augen!
[GS.01_016,22]
Wie gefällt es euch hier? – Ihr saget: Unendlich, unaussprechlich wohl und gut,
denn hier atmen wir ja lauter Liebe; und alles, was wir ansehen, hat einen überaus
sanften, milden und liebeatmenden Charakter. Ihr sprechet weiter: Wie herrlich
erglänzen die Mauern dieser Stadt; wie überaus erhaben und prachtvoll sind die
Tore, und welch ein unbeschreiblich herrliches Licht strahlt uns aus jeglichem
Tore entgegen! Welche zahllosen überseligen Engelsgeisterscharen wandeln da aus
und ein! – Oh, da muß es sich wohl gut wohnen lassen!
[GS.01_016,23]
Ihr saget, daß ihr wohl auch das Innere dieser Stadt beschauen möchtet. Auch
solches könnt ihr nun tun. Aber ich sage euch voraus: Diese Stadt ist so endlos
groß, daß wir sie wohl in alle Ewigkeit der Ewigkeiten mit der größten
Gedankenschnelligkeit nicht umfassend durchwandern können. Denn diese Stadt
wird erst groß, ja stets unendlich größer und größer, je tiefer jemand in ihr
Inneres dringt. Daher werden wir uns auch nur einem Tore nahen und durch
dasselbe einen Blick in das Innere der Stadt tun.
[GS.01_016,24]
Ihr saget nun: Um des allmächtigen Herrn willen! Welch eine endlose Pracht und
welch unübersehbare Häuserreihe! Diese Gasse, die wir hier erblicken, scheint
ja nimmer ein Ende zu haben. Ja, ich sage es euch auch: Ihr dürftet durch diese
Gasse ewig fortwandeln, und nimmer würdet ihr zu einem entgegengesetzten Ende
gelangen; und solche Gassen und Plätze gibt es unzählbar viele in dieser Stadt.
– Wollt ihr aber wissen, wie diese Stadt heißt, da leset nur die Inschrift über
diesem Tore; sie lautet: Die heilige Stadt Gottes, oder das neue Jerusalem. –
[GS.01_016,25]
Ich aber, der euch hierhergeführt hat, bin der Geist Swedenborgs; und somit
habt ihr auch alles das gesehen, was zu sehen euch vom Herrn aus in meiner
Sphäre vergönnt war. – Und so kehren wir wieder zurück. Sehet, hier sind wir
schon, von wo wir ausgegangen sind. Tretet nun aus meiner Sphäre zu Dem hin,
der euer harret und dessen Name ist: Heilig, heilig, heilig!!! – Nun, ihr seid
wieder hier; habt ihr euch alles wohl gemerkt?
[GS.01_016,26]
Ihr bejahet es. Ich aber sage euch: Was ihr noch nicht verstehet daran, das
wird euch zu seiner Zeit, und zwar in der Sphäre des nächsten Geistes
leuchtender werden. Und somit gut für heute!
17. Kapitel –
Die Sphäre des neunten Geistes (Ev. Markus). – Führung in die eigentliche
Geisterwelt. Jenseitige Gestaltung des Lasters der Fleischesliebe.
[GS.01_017,01]
Auch diesen neunten Geist sollet ihr in seiner Sphäre sehen und sprechen. Er
wird euch in verschiedene Orte führen, wo ihr so manches erschauen und erkennen
werdet, was euch bis jetzt noch fremd geblieben ist. Aus dem werdet ihr auch so
manches bisher Geschaute in einem helleren Lichte erblicken.
[GS.01_017,02]
Sehet, da unser neuer gastlicher Freund schon dasteht, so begebet euch nur
sogleich in seine Sphäre und folget ihm nach seiner Weisung.
[GS.01_017,03]
Ihr befindet euch nun schon in seiner Sphäre. So beachtet denn, was dieser neue
Führer zu euch spricht, indem er sagt: Liebe Freunde und Brüder, kommet, kommet
mit mir zu schauen, was alles die unendlich große Vaterliebe bewirket und wie
lieblich sie ist allenthalben! Freuet euch über die Maßen, daß es dem Herrn
gefallen hat, eurem Geiste solches zu zeigen; denn ihr werdet es mit eigenen
Augen erschauen, wie unergründlich die Wege des Herrn sind und wie
unerforschlich die Ratschlüsse Seiner unendlichen ewigen Weisheit!
[GS.01_017,04]
Schauet links um euch her, so weit nur eure geistigen Augen reichen, und saget
mir dann, was alles sich euren Augen zeigt. Ich sehe wohl, daß ihr ob der Größe
des Anblickes verlegen seid und nicht wisset wo aus und wo ein, wo anfangen und
wo enden! – Also will denn ich nach guter Ordnung euch die Dinge, die ihr
schauet, wörtlich darstellen.
[GS.01_017,05]
Gegen Mitternacht hin erblicket ihr eine ziemlich kahle Gegend; hohe, schroffe
Gebirge türmen sich hintereinander auf und blicken wie drohende Richter in die
herrlichen Ebenen hinab. Hier und da zwischen den Bergen und auf den kleineren
Hügeln entdecket ihr Gebäude nach der Art eurer Wohnungen auf dem Erdkörper;
hier und da, mehr gegen die Niederung herab, steht auch ein kleines Kirchlein.
In der höheren Sphäre dieser Berge entdecket ihr halbdunkle Wolken ziehen, und
über denselben scheinen die Berge aus lauter Schnee und Eis zu bestehen, etwa
wie die hohen Gletscher bei euch auf der Erde. – Ferner erblicket ihr diese
ganze nördliche Gegend durch einen großen und breiten Strom abgeschnitten von
dieser Gegend, in der wir uns soeben befinden.
[GS.01_017,06]
Wenn ihr die Richtung dieses Stromes verfolget, so kommt er aus der Gegend
zwischen Morgen und Mitternacht hervor und richtet seinen Lauf nahe
halbkreisförmig zwischen Abend und Mitternacht hin. Seine Fluten sind gewaltig
wogend und stürmend, darum nur eine einzige fliegende Brücke oder vielmehr ein
freies Schiff den Übergang für die Bewohner möglich macht, die jenseits des
Stromes hausen.
[GS.01_017,07]
Ihr möchtet wohl wissen, was das für Bewohner sind? Solches können wir ja bald
erfahren. Gehet nur mit mir, der Kahn ist soeben diesseits und wir werden den
Strom mit leichter Mühe überfahren. Ihr wollt solches, und sehet, wir sind
schon am Ufer des Stromes. Steiget nur recht beherzt in den Nachen ein, und
scheuet weder die schäumenden Wogen noch die schwarze Tiefe dieses Stromes. Wir
werden den Nachen so geschickt leiten, daß auch nicht ein Tropfen in denselben
hereinkommen soll.
[GS.01_017,08]
Nun denn, ihr seid herinnen. Sehet, die Fahrt geht besser, als ihr es euch
gedacht habt, denn wir sind schon in der Mitte des Stromes. Erschrecket euch
aber nicht vor den Ungeheuern, welche ihre Häupter über die Wogen erheben, ihre
Rachen gar gewaltig aufsperren, als wollten sie ganze Welten verschlucken; denn
sehet, wir sind nahe dem jenseitigen Ufer, und nun haben wir es auch völlig
erreicht. Steiget nun ans Land vor mir, und ich will euch folgen und zugleich
den Nachen am Ufer befestigen.
[GS.01_017,09]
Sehet, wir sind nun auf dem Lande. Dort, ziemlich tief in einem Tale erblicket
ihr ein schmutziges Dorf, dorthin lasset uns gehen und beschauen, was es allda
gibt. Wir sind schon da; wie gefällt es euch hier? Ihr bekommt ein förmliches
Fieber. Ich aber sage euch, da sieht es noch gut aus; es wird aber schon noch
besser kommen!
[GS.01_017,10]
Ihr saget: Lieber Freund und Bruder! Wir sind schon mit dem zufrieden, denn die
überaus schmutzigen Häuser des Dorfes sehen ja aus wie bei uns auf der Erde
eine Brandstätte, allda ein Dorf in irgendeinem schlechtesten Winkel der Erde
abgebrannt wäre. Und die Menschen, die wir hier erblicken, sehen ja so lumpig
aus, daß man sich auf der Erde nicht leicht etwas Lumpigeres vorzustellen
imstande ist. – Da kommt eben ein Paar auf uns zu; der Mann ist halb nackt. Die
nackten Teile seines Leibes sind abgemagert und schmutzig, und über der Brust
scheint er eine Brandwunde zu haben. Die Haare sind über die Hälfte wie vom
Feuer versengt; auch das halbe Gesicht scheint verbrannt zu sein. – Sein
Begleiter scheint ein Weib zu sein. Herr! welch eine klägliche weibliche
Gestalt! Sie sieht ja doch aus, als wenn sie im Ernste schon drei Jahre lang
eingegraben gewesen wäre. Nur über die Schultern hängen noch einige schmutzige
Lumpen herab und haben das Ansehen, als wenn sie soeben aus einer Kloake
gezogen worden wären. Ihre nackten Füße scheinen fleischlose Knochen zu sein;
und ihre Arme! Der eine ist ein halbverbrannter Skelettarm und der andere ist
voll Eiter und Geschwüre; und ihr Kopf, welch eine Physiognomie! Wahrlich, wer
aus dieser irgendeinen Charakterzug außer dem des barsten Todes zu entnehmen
imstande ist, der muß sich in einem hohen Grade der Weisheit befinden.
[GS.01_017,11]
Ja, meine geliebten Freunde und Brüder! Laßt euch diesen Anblick nicht gereuen;
denn so sehen hier die Bewohner dieser Gegend noch am vorteilhaftesten aus, und
dies ist somit nur ein erster Anfang des großen Elends, welches diese Gegend in
sich birgt. – Bewegen wir uns aber jetzt in das Dorf selbst hinein, und ihr
sollet wahrhafte Wunderdinge schauen.
[GS.01_017,12]
Da ist eben das erste Haus. Seht einmal bei diesem niederen Fenster hinein, was
erblicket ihr? Oh, ihr schaudert zurück; was ist denn? – Ich weiß es wohl, hier
gibt es keine Parfümeriegewölbe. Ihr sehet auf dem Boden dieses Zimmers
halbverweste menschliche Wesen durcheinander kauern und in ihrem stinkenden,
von den Knochen halb abgelösten und abgefaulten Fleische herumwühlen. Das ist
freilich wohl kein löblicher Anblick. Aber es ist einmal nicht anders, denn so
artet hier die Liebe des Fleisches.
[GS.01_017,13]
Ihr fraget, ob diese Wesen denn gänzlich verloren sind? Ihr wisset ja, wie groß
die Liebe und Erbarmung des Herrn ist! Sehet, von allen diesen muß ihr Fleisch
oder vielmehr ihre fleischliche Lust gänzlich auf die ekelhafteste Weise
aufgezehrt sein, bevor sie in einen solchen Zustand kommen können, in welchem
für sie eine Hilfe möglich ist.
[GS.01_017,14]
Meinet ihr, diese von eurem Blicke aus betrachtet höchst elenden Wesen fühlen
sich etwa unglücklich in diesem Zustande? O mitnichten! Würden sie das fühlen,
so möchten sie auch bald fliehen; denn so viel Kraft hat noch ein jeder, daß er
erstehen und sich weiter gegen den Strom hin bewegen kann, dessen Wasser für
sie eine reinigende und heilende Kraft hat. – Allein die Fleischeslust ist ihr
Element; und so nagen sie so lange an ihrem Fleische herum, bis es gänzlich
verzehrt wird.
[GS.01_017,15]
Ihr fraget: Haben diese Menschen wohl auch etwas zu essen, und vermögen sie
noch irgendeine Speise zu sich zu nehmen? Da kommt nur her zum zweiten Hause
und schauet beim Fenster hinein, und ihr sollet sogleich einer Mahlzeit
ansichtig werden.
[GS.01_017,16]
Nun, was seht ihr da? Aber ihr könnt doch nichts standhaft ansehen! Warum seid
ihr denn gar so plötzlich vom Fenster zurückgesprungen? Ja sehet, solches
bringt auch die Fleischeslust mit sich. Ihr habt ein Sprichwort auf eurer Erde:
Aber dieser und jener und diese und jene haben sich ja zum Fressen gern! Also
könnt ihr euch ja hier nicht gar so entsetzen, so ihr gesehen habt, daß die
Einwohner dieses Hauses gegenseitig ihre abgefaulten Fleischteile, welche voll
Maden und Würmer waren, aufzehrten. So muß sich das Fleisch verzehren, wenn je
noch das Fünklein besseren Geistes in ihnen frei werden soll.
[GS.01_017,17]
Ihr fraget nun wieder, ob denn diese unglückseligen Wesen keine Beschäftigung
haben? Auch solches werden wir erblicken. Da ist schon wieder ein anderes Haus.
Sehet nur bei diesem halbzerfallenen Fenster hinein, und ihr werdet sogleich
eine Beschäftigung der Bewohner dieses Hauses erblicken. Aber ihr fliehet schon
wieder vom Fenster hinweg. Was gibt es denn da, das euch gar so schnell vom
Fenster hinweg getrieben hat? Ist es denn etwas gar so Außerordentliches, wenn
man im wahren Lichte erschaut, wie die Bewohner dieses Hauses aus der
stinkenden Bodenkloake abgelöste und halbverweste Fleischfetzen herausziehen,
dieselben um die kahlen Knochen wickeln, und wenn sie irgendein Knochengestell
mit solchen vereiterten Fleischfetzen umwickelt haben, alsbald wieder der
sinnlichen Begattung gedenken, und alle ihre Kräfte anstrengen, um sich noch
einen wollüstig fleischlichen Genuß zu verschaffen.
[GS.01_017,18]
Warum wundert ihr euch denn gar so sehr über diesen Anblick? Geht es denn auf
der Erde besser zu? Ihr solltet nur so manches zarte Fleisch, das auf der Erde
so viel Aufsehen macht, mit den geistigen Augen betrachten können, und ihr
würdet noch bei weitem größere Wunder erblicken denn hier!
[GS.01_017,19]
Ihr fraget: Haben denn diese armen Wesen gar keinen Begriff vom Herrn und auch
gar keine Sehnsucht nach Ihm? Da gehet nur ein wenig vorwärts; sehet, allda
steht etwas auf einem Hügel wie die schmutzige Ruine eines Bethauses. Wir
wollen uns ihr nähern; wer weiß, was an Merkwürdigem wir darin entdecken
werden! Sehet, hier rückwärts gegen den Berg ist eine schon etwas verfallene
Eingangspforte. Wir brauchen nur hineinzuschauen, und wir werden über eure
Frage sogleich die gehörige Antwort bekommen. – Nun, ihr fallet ja hier gar
zurück. Was habt ihr denn Wunderliches erblickt?
[GS.01_017,20]
Ihr könnet ja kaum atmen, geschweige reden. Also müßt ihrs nicht immer machen,
sonst werden wir in dieser unserer Wanderung nicht so bald ans Ende gelangen;
denn was ihr hier gesehen habt, ist nichts mehr und nichts weniger als ganz
natürlich. Denket nur einmal nach; der fleischlich sinnliche und begierliche
Mensch trägt solches ja allenthalben mit sich herum. Auch wenn er in ein
Bethaus geht, so mag er ansehen, was er will, und seine Fleischliebe wird dabei
fortwährend tätig sein. Jeder Gegenstand wird von ihr nach ihrer Art bemalt;
und so wird sich auch an jedem Gegenstande solch ekelhafte Liebe geistig
erschauen lassen, den ein sinnlich begierlicher Mensch angeblickt hat. Aus
diesem Grunde habt ihr auch in dieser Art Bethaus an der Stelle des Altars
nichts als lauter beiderseitige Geschlechtsteile erblickt; ja ein überaus mager
gestelltes kleinwinziges Kruzifixlein war von allen Seiten her mit solchen
Lustteilen behangen und verziert. Ihr habt sogar auch einige Menschen darin
erschaut, welche wie in einem Kunstmuseum in diesem Bethause sich
herumschleppten und ihre Augen an den obgesagten Kunstgegenständen wie ganz in
dieselben versunken und vertieft weideten.
[GS.01_017,21]
Findet ihr etwa solches übertrieben? – Ich sage euch: Da ist nicht die
geringste Übertreibung, sondern die allerprunkloseste und buchstäbliche
Wahrheit; denn so gibt es ja eine übergroße Menge Menschen bei euch auf der
Erde, die wohl dann und wann des Herrn gedenken, besonders so sie irgendein
geschnitztes Bild sehen, das Ihn freilich wohl nur grob außenmateriell
darstellt; wie lange aber dauert solche Erinnerung? – Nur ein Blick auf ein auf
irgendeiner Seite befindliches reizendes Weiberfleischchen, und sobald wird die
Erinnerung an den Herrn wie dessen Bildnis mit allerlei reizenden Fleischteilen
behangen und durchwebt sein! – Auf der Erde verbirgt solches die Haut; aber für
den Geist steht dies alles in der nackten Beschaulichkeit offen da. –
[GS.01_017,22]
Ihr fraget: Lieber Freund! Da tiefer in diesen schmutzigen Graben hinein gibt
es ja noch eine Menge also verzweifelt zierlich aussehender Kneipen; ist da
etwa eine Fortsetzung von diesen fleischlichen Löblichkeiten?
[GS.01_017,23]
Habt ihr noch Lust, das nächste Haus zu beschauen? Ihr schüttelt mit eurem
Kopfe, und so will ich euch denn auch nicht weiterführen, sondern sage euch nur
kurz, daß ihr nichts Besseres, sondern stets nur Schlimmeres erschauen würdet.
So würdet ihr z.B. schon in dem nächsten Hause alle möglichen Arten von
sogenannten Knabenschändungen erblicken. Wenn ihr weiterdringen würdet, da
würdet ihr erschauen, wie junge Mägde von den Fleischsüchtigen zur Unzucht
verleitet und verlockt werden. Da aber jedoch der Anblick der ferneren
fleischlichen Greuel euch mehr schaden als nützen könnte, so ist es besser, daß
ihr solches nicht schauet.
[GS.01_017,24]
Solches aber muß ich euch dennoch berichten, daß, je weiter man da
hineindringt, man die Menschen dem außen nach gewisserart noch stets
fleischiger und vollkommener erblickt als dort weiter gegen den Strom zu. Der
Grund liegt darin, weil diejenigen gegen den Strom zu schon mehr enthüllt und
ihres Fleisches lediger sind denn diese, die da tiefer hinein wohnen.
[GS.01_017,25]
Sehet nur dahin, recht weit in diesen schmutzigen Graben hinein, da werdet ihr
sogar mehrere Häuser in Flammen erblicken. Ihr fraget: Was bedeutet denn
solches? Das bedeutet, daß dort diese fleischliche Lust in Böses ausartet,
welches da ähnlich ist der Eifersucht bei euch auf der Erde. In ein solches
Haus dürftet ihr nicht hineinblicken; denn ein solcher Anblick würde euch in
unvorbereitetem Zustande das Leben kosten! – Somit haben wir in dieser Schlucht
auch nichts mehr zu tun, und wir wollen uns daher fürs nächstemal einem andern
Dorfe nähern; wir werden sehen, wie es dort etwa zugeht. Ich sage euch: Machet
euch ja keine gute Hoffnung; denn da werden wir noch ganz andere Dinge zu
schauen bekommen! Und so lasset es gut sein!
18. Kapitel –
Die jenseitige Gestaltung des Wuchers.
[GS.01_018,01]
Bevor wir uns diesem anderen Tale nähern, will ich euch noch eine Frage, die
ihr an mich gestellt habt, kurz beantworten. Ihr möchtet wissen, ob solches
etwa gar die Hölle ist, was ihr vordem gesehen habt. Ich kann euch darauf weder
ja noch nein zur Antwort geben, sondern euch nur sagen; daß solches, was ihr da
gesehen habt, wohl höllischer Art ist, aber die Hölle an und für sich ist es
nicht; denn was sich da zeigt, ist nichts anderes, als eine für sich
abgeschlossene Anschauung des Lasters, vorzugsweise in Hinsicht auf die Begierlichkeit
des Menschen. Wo ihr die verzehrtesten Wesen gesehen habt, da ist auch das
Laster schon in ähnlichem Zustande; wo ihr aber noch vollkommenere
Erscheinungen fleischlich tätig gesehen habt, da ist die Lastertatkraft aus der
argen Begierde heraus auch noch mit der Lastertätigkeitsfähigkeit mehr und mehr
verbunden. Solches gibt sich ja auf eurer Erde klar und deutlich kund; denn ihr
werdet doch schon sicher auf Menschen gestoßen sein, die durch ihr vielfaches
Sündigen ihre fleischliche Natur so ganz und gar verwüstend herabgestimmt
haben, daß sie dieselbe durch alle künstlichen Reizmittel nicht wieder für
einen völligen Fleischeslustgenuß zu erwecken imstande sind. Sehet, solche
erscheinen hier im Vordergrunde, weil sie dann und wann doch einen Gedanken in
sich aufkommen lassen, der ihnen die Nichtigkeit und Vergänglichkeit alles
solchen Genusses zeigt. Im Hintergrunde aber habt ihr diejenigen erschaut, bei
denen die Kraft der Begierde auch mit der Lastertatkraft noch mehr im Einklange
steht. Da sehet nur ähnliche Menschen auf der Erde; so lange sie noch bei
solchen Kräften sind, wie sie förmlich hazardieren und, wie ihr zu sagen
pfleget, Schindluder treiben mit ihrem Leibe.
[GS.01_018,02]
Aus diesem könnt ihr nun ersehen, daß das von euch Geschaute weder die Hölle
noch die Nichthölle, sondern nur das Höllischgeartete des Lasters erscheinlich
ist. – Und da wir nun solches wissen, so verfügen wir uns eben mit dieser
Kenntnis zum nächsten vorbesagten Tale. –
[GS.01_018,03]
Sehet, dieses Tal ist von dem uns bekannten nur durch einen niederen und
ziemlich schmutzigen Gebirgsrücken getrennt. Wir dürfen somit nur diesen
übersteigen, und wir werden sobald das Wesen des anderen Tales erschauen. – Ihr
wollt es, und wir sind schon auf der Höhe des Bergrückens. Sehet da unten das
neue Dorf; wie gefällt es euch? Ihr saget: In der Entfernung nimmt es sich
beinahe besser aus, als das vorige; nur der Umstand, daß es sich mehr abendlich
befindet, läßt uns nicht viel Gutes erwarten vom selben. – Ja, ihr habt recht;
also wird es auch sein.
[GS.01_018,04]
Ihr fragt mich, warum diese Gebäude viel größer sind und im ganzen viel
respektabler denn die des früheren Dorfes. Ich sage euch: Bewegen wir uns nur
gleich hinab ins Dorf, und zwar zu seinem Anfange, und ihr werdet sobald die
Antwort auf eure Frage finden. – Nun, da wären wir schon vor dem ersten Hause.
Es hat eine nach vornehin abgerundete, schmutzigweiß übertünchte Wand, hat aber
kein Fenster wie auch keinen Eingang von dieser vorderen Seite. Ihr fraget:
Warum denn solches? Weil diese Seite dem Morgen zugekehrt ist, und dieser ist
ein Greuel für die Bewohner dieses Dorfes. Sonach müssen wir uns schon hinter
das Gebäude begeben, das freilich wohl etwas bergan steht, um das Innere eines
solchen Wohnhauses zu erspähen. Da ist schon ein geräumiges Fenster; seht
einmal hinein und saget mir, was ihr da erblickt.
[GS.01_018,05]
Oh, ihr fallet gleich beim ersten Hause schon zurück. Was wird es dann erst
beim nächsten Hause mit euch für eine Bewandtnis haben? Ihr saget ganz erstaunt:
Um Gotteswillen, das ist unerhört, unmenschlich, undenkbar! Im Hintergrunde saß
auf einer breiten Bank ein menschliches Ungeheuer. Es hatte eine
übermenschliche Dicke, einen mehr als das halbe Zimmer einnehmenden,
abscheulich herabhängenden Bauch. Am Halse saß eine schmutzige Fettwulst auf
der andern. Vor ihm standen eine Menge abgemagerter Skelettmenschen, drängten
sich zu diesem allergrauslichsten Fettwanste hin und sie baten ihn, daß er sie
auffressen möchte! – Und wirklich hatte dieses Ungeheuer auf einem starken
Tisch vor sich mehrere schon ganz abgenagte Menschengerippe. Einige im
Hintergrunde aber fluchten diesem Ungeheuer und wollten wütend auf dasselbe
losstürzen. Doch sie wurden abgehalten von denjenigen, welchen das Ungeheuer
versprach, von ihrem Fleische auch etwas zu verzehren und dasselbe in sein Fett
zu verwandeln.
[GS.01_018,06]
Ihr fraget nun freilich: Was soll es denn mit diesem sonderbaren greuelhaften
Bilde für eine Bewandtnis haben? Solches mag begreifen, wer es will; wir
begreifen es einmal nicht. Ich aber sage euch, meine lieben Brüder und Freunde,
wenn ihr solches nicht auf den ersten Augenblick begreifet und fasset, so
müsset ihr ja völlig blind auf eurer Erde herumwandeln.
[GS.01_018,07]
Ist das nicht ein vortreffliches Bild eines Wucherers, und ganz besonders eines
selbstsüchtigen Hauptindustrieritters, der sich zu seiner Lebensaufgabe gemacht
hat, alles aufzuspeisen, was ihn nur immer zinserträglich umgibt? Bestimmet
einmal die sättigende Grenze eines solchen Wucherers; geht seine Begierlichkeit
nicht ins Unendliche? Würde er sich wohl nur das geringste Gewissen machen, so
er die Schätze und Reichtümer der ganzen Welt an sich zu reißen vermöchte? Wird
er wohl eine Träne vergießen, wenn er das Leben aller Witwen und Waisen der Erde
an sich reißend aufzehren könnte?
[GS.01_018,08]
Ich sage euch: Die Armen laufen noch haufenweise zu ihm hin und opfern ihm all
ihre Habe und Kräfte: für den schnödesten Sold lassen sie sich von ihm nahe
gänzlich aufreiben und aufzehren. Andere tragen ihre wenigen Schätze zu ihm hin
und preisen sich glücklich, so er dieselben nur gegen einen elenden Zins
angenommen hat. Ja viele Betrogene gehen so weit, daß sie es förmlich für eine
Notwendigkeit ansehen, daß sie von ihm nach Gestalt der Dinge ohne sein Verschulden
haben geprellt werden müssen.
[GS.01_018,09]
Einige ebenfalls Habsüchtige, aber dabei doch weltlich unkluge arme Teufel, die
Lumperei dieses Reichen einsehend, drohen ihm mit der Vernichtung und mit dem
Tode. Allein die Interessenten unseres Wucherers, erkennend, daß sie mit dem
Tode desselben noch eher zugrunde gingen denn bei der vollkommenen Sättigung
desselben, verhindern soviel als möglich einen solchen Gewaltstreich.
[GS.01_018,10]
Nun, was sagt ihr denn zu diesem Bilde? Ist es nicht vortrefflich und zeigt
dieses Laster im enthüllten Zustande, wie es ist? – Solches aber ist nur ein
gutmütiger Anfang. Gehen wir daher zum nächsten, etwas größeren Hause und
betrachten dessen Inneres.
[GS.01_018,11]
Sehet, wir sind schon am richtigen Fenster. Ihr müßt recht scharf hineinsehen;
denn weil das Haus größer ist, und, wie ihr sehet, von rückwärts nur zwei
verhältnismäßig kleine, schmutzige Fenster hat, darum ist es inwendig recht
finster. Habt ihr schon gesehen, was sich da drinnen alles vorfindet? Ihr bebet
zurück; das gilt mir schon für ein sicheres Zeichen, daß ihr das Innere gehörig
gesehen habt. Aber ihr könnt nicht reden. Ich will es euch auch recht gerne
glauben, denn derlei Anblicke machen selbst uns starke Geister gewaltig stutzen
und das besonders aus dem Grunde, weil sie eben jetzt stets vielfältiger und
merkwürdiger werdcn. Ich sehe aber hier, daß es notwendig sein wird, euch das
Geschaute vorzusagen, weil ihr für ein solches Bild nicht leicht die rechten
Worte finden dürftet.
[GS.01_018,12]
Ihr sahet hier ebenfalls im Hintergrunde ein scheußlich fett gemästetes Wesen.
Dieses Wesen hatte einen entsetzlich aufgetriebenen Bauch, sein Kopf einen
großen Rachen gleich dem einer Hyäne, seine Arme waren gestaltet wie ein Paar
kräftigste Riesenschlangen, seine Füße waren gleich denen eines Bären. Auf
seinem überaus großen Bauche war eine Art Altar aufgerichtet. In der Mitte
dieses Altars ging ein zweischneidiger Spieß in die Höhe. Auf diesem Spieße
erblicktet ihr eine Menge abgemagerter Menschenwesen aufgesteckt. Ein
Schlangenarm war stets beschäftigt, die Gespießten vom Spieße herabzunehmen und
sie dem Rachen des Vielfraßes zuzuführen. Ein anderer Schlangenarm griff nach
allen Seiten umher nach den armseligen, in dieses schauerliche Gemach
unglücklich verbannten Menschen, und den nächsten besten, den er ergriff,
erdrückte er und schleuderte ihn dann auf den Spieß seines Bauchaltars. Das
große Jammern der Unglücklichen machte seinen Arm nur um so tätiger. Sehet, das
ist das Bild, das ihr geschaut habt.
[GS.01_018,13]
Wie gefällt es euch? Ihr saget: Ganz entsetzlich schlecht! und ferner: Das ist
denn doch etwas zu stark. Auf der Erde geht es zwar arg zu; aber was dieses
Bild betrifft, so scheint es doch offenbar eine bedeutende Übertreibung zu
sein!
[GS.01_018,14]
Ich sage euch aber: Hier ist weder zuviel noch zuwenig, sondern allezeit die
nackte Wahrheit. Blicket nur auf eurer Erde gewisse Handelsindustriehelden an.
Nehmet einen Maßstab und bemesset den Rachen der Habsucht an demselben. Dann
prüfet seine Arme, wie dieselben beschaffen sind, und ihr werdet finden, ob sie
nicht völlig diesen gleichen. Der eine ist beschäftigt, stets einzuscharren,
der andere, auf allen Wegen durch Schlauheit, List oder Gewalt Beute zu machen.
Wenn er gar einen Fang gemacht hat, so wird dieser sogleich als ein Opfer der
Habsucht auf den euch schon bekannten Altar gesteckt.
[GS.01_018,15]
Ihr fraget: Warum befindet sich denn dieser Altar gerade auf dem Bauche dieses
Ungeheuers? Weil unter dem Bauche zu verstehen ist die allerschmutzigste Art
der Habsucht, Selbstsucht und Eigenliebe. Der große Bauch bezeichnet die
übermäßige Art solcher Liebe, und der Altar auf dem Bauche bezeichnet das
weltlich Ehrsame und Erhabene und somit die stolze und hochmütige Art derlei
großartiger Industrieritter.
[GS.01_018,16]
Was bedeutet denn das aufgestellte zweischneidige Schwert oder der Spieß am
Altare? Solches solltet ihr wohl auf den ersten Augenblick erraten; habt ihr
denn noch nie etwas vom Handels- oder Wechselrecht gehört? – Sehet, da ist es
auf dem Altare! Daher darf sich nur irgendein armseliges Wesen fangen lassen,
so wird es ergriffen, ohne alle Gnade, Schonung und Pardon auf das Recht
hinaufgesteckt und somit mit solchem Rechte sogleich zu Tode gespießt.
[GS.01_018,17]
Ihr fraget noch: Wer sind denn dann die vielen Armseligen, die da fleißig
abgefangen werden, und warum ist der Spieß zweischneidig? Die vielen Armseligen
sind allerlei Menschen. Ein Teil, die dem Fange zunächst ausgeliefert sind,
sind die Kleinhändler, ein Teil die, welche ihre Produkte notgedrungen an einen
solchen Großspekulanten abliefern müssen, ein dritter Teil sind allerlei arme
auswärtige Völker, die mit solch einem Hause in Handelsverbindungen stehen, ein
vierter Teil sind andere kauflustige Menschen, ein fünfter Teil anderweitige
Handelskompagnons, ein sechster Teil die dem Hause dienende Klasse und noch ein
siebenter Teil sind solche, die unter allerlei Rücksichten und Beziehungen von
einem solchen Hause abhängen. Für alle diese Klassen ist der zweischneidige
Spieß in steter Bereitschaft. Aber wir hätten bald vergessen, was die doppelte
Schneide des Spießes bedeutet.
[GS.01_018,18]
Solches ist ja doch auch leicht mit den Händen zu greifen. Die eine Seite
bedeutet die kaufmännische Handelspolitik. Was bedeutet dann die zweite
Schneide? Dasjenige, worauf sich die Handelspolitik stützt. Worauf stützt sie
sich aber? Auf das ihr eingeräumte Recht, jeden Zweig ihrer Handlung so zu
ergreifen, daß es ihr die sicheren Wucherprozente abwirft. Versteht ihr
solches? Solltet ihr solches nicht genau verstehen, so schlaget irgend nach und
sagt es mir, wo dem Handelsstande der Gewinn gesetzlich vorgeschrieben ist?
Also schneidet der Spieß auf beiden Seiten; fürs erste durch die euch
wohlbekannte kaufmännische Politik und auf der anderen Seite durch die
unbeschränkte Gewinnsucht; und diese beiden Schneiden sind mit dem
Handelsrechte so eng verbunden wie die zwei Schneiden mit einem Schwerte. Ist
das Bild nicht treffend und zeigt, wie ich gesagt habe, nicht mehr und nicht
weniger als die nackte Wahrheit?
[GS.01_018,19]
Ihr saget nun: Das Bild ist richtig; aber hier bleibt uns auch kein Zweifel
mehr übrig, daß es in die unterste Hölle gehört! – Im Grunde habt ihr nicht
ganz unrecht, allein, es bleibt beim früheren Ausspruche. Denn dieses alles
bezeichnet nur das Laster an sich, ohne auf diejenigen Personen abzusehen,
welche solch ein Laster wirklich verüben. Daher ist es höllischer Art, aber
nicht die Hölle selbst; denn würdet ihr solches in der wirklichen Hölle zu
schauen bekommen, da erginge es euch ganz anders schon bei einem fernen
Anblicke, als es euch hier ergeht in der vollen Nähe eines solchen
Lasterbildes.
[GS.01_018,20]
Sehet, es gibt noch eine Menge solcher Häuser in dieser schmutzigen Schlucht.
Aber da in denselben das Laster der Habsucht stets innerlicher und daher ums
Unaussprechliche greuelhafter dargestellt wird, und ihr schon den nächsten
Anblick nicht mehr ertragen würdet, so lassen wir die Sache mit diesen zwei
geschauten Häusern beschlossen sein. Denn wenn dieses Laster erst in die Sphäre
der brennend habsüchtigen Eifersucht übergeht, da wird es dann auch schon rein
höllisch und ist somit nicht geeignet für eure schwachen Augen. – Daher wollen
wir uns fürs nächste Mal lieber in ein drittes Tal begeben; da werden wir
wieder ganz neue Erscheinungen zu Gesichte bekommen, und so lassen wir es für
heute bei dem bewendet sein!
19. Kapitel –
Die jenseitige Gestaltung der Herrschsucht.
[GS.01_019,01]
Um dieses dritte Tal zu erreichen, werden wir wieder nichts zu tun haben, als
uns über diesen freilich wohl etwas höheren Gebirgsrücken zu begeben. Ihr
wollet, und sehet, wir sind schon auf der Höhe. Da sehet nur hinab, noch mehr
gegen Abend, und das besagte nächste Dorf kann euren Blicken nicht entgehen.
[GS.01_019,02]
Ihr saget: Lieber Freund und Bruder! Außer einigen plumpen Erdaufwürfen können
wir nichts entdecken, das da einem Dorfe gliche. Ich sage euch aber: Ihr sehet
schon recht; denn sehet nur hinein, so weit ihr es vermöget, in den stets enger
und finsterer werdenden Graben, und ihr werdet dergleichen Erdaufwürfe in
großer Menge entdecken. Ihr saget: Da kann doch niemand darin wohnen unter was
immer für einer Lastergestalt. Ich aber sage euch: Lasset die Sache nur gut
sein! Bis wir diese Erdaufwürfe erst vollends werden erreicht haben, wird sich
die Sache sogleich anders gestalten. Und so ihr denn wollet, da begeben wir uns
hinab.
[GS.01_019,03]
Nun sehet, wir wären da, und zwar vor dem ersten Erdaufwurfe; was saget ihr
dazu? Ihr zucket mit den Achseln; ich aber sage euch: Tretet nur ein wenig
näher, aber nicht gar zu nahe, so werdet ihr sobald mit dem Achselzucken
aufhören. Ihr fraget, warum ihr denn zu solch einem ganz unschuldig scheinenden
Erdaufwurfe nicht zu nahe hinzutreten dürfet? Auch darüber werdet ihr bei der
gerechten Annäherung sogleich den gehörigen Aufschluß bekommen; und so denn
tretet ein wenig näher!
[GS.01_019,04]
Warum springt ihr denn so heftig zurück? Ich habe es euch ja gesagt, daß diese
Erdaufwürfe nicht so leer sind, als sie dem Auge aus einer Entfernung
erscheinen. Ihr saget jetzt: Aber um Gottes willen! Was ist solches? Wie wir
uns nur um ein paar Schritte diesem Erdhaufen genaht haben, da steckte sobald
eine Anzahl der uns bekannten giftigsten Schlangen ihre Köpfe aus den kleinen
unsichtbaren Löchern heraus und sperrten ihren giftigen Rachen auf. Wahrhaftig,
wenn wir nicht so schnell davongesprungen wären, wären sie sicher auf uns
losgestürzt und hätten uns Schaden zufügen können. Sind denn diese Erdhaufen
lauter Schlangenwohnungen? Gibt es da nirgends etwas dem Menschen Ähnliches?
[GS.01_019,05]
Ich sage euch: Um solches zu erfahren, müssen wir den Erdhaufen von der
nördlichen Seite betrachten, wo er freilich am gefährlichsten zugänglich ist.
Daher müsset ihr hinter mir einhergehen und ganz verstohlen hinter meinem
Rücken hervorblicken, und ihr werdet dann schon das Rechte erschauen. Also
kommet! Seht, wir sind schon an der rechten Stelle. Nun merket wohl, da
zuunterst des Erdhaufens geht ein Loch in denselben, nach der Art eines
Fuchsbaues bei euch; da sehet recht genau hinein, und ihr werdet sobald etwas
anderes erblicken. Wenn ihr aber etwas erschaut habt, und möge es von noch so
entsetzlicher Art sein, da müßt ihr euch aber dennoch ganz still und ruhig
verhalten, denn eine zu heftige Bewegung oder ein unzeitiges Angstgeschrei
könnte die Folge haben, daß wir alle eiligst die Flucht ergreifen müßten.
[GS.01_019,06]
Nun, habt ihr schon hineingesehen? Ihr bejaht es dumpf; – nun ist's gut. Bevor
wir die Sache ausmachen wollen, begeben wir uns so schnell als möglich hübsch
fern von dem Haufen. In der Nähe ist nicht gut reden darüber, denn dieser
Erdhaufen hat viele tausend Ohren ausgesteckt und ist auf der Lauer; daher kann
man nur in einer gerechten Entfernung über sein Verhältnis sprechen. Erzählet
mir nun, was ihr gesehen habt.
[GS.01_019,07]
Ihr saget: O lieber Freund und Bruder! Schrecklich, überschrecklich, ja
entsetzlich war der Anblick! Im Hintergrunde sahen wir ein Wesen kauern, dieses
hatte das Aussehen eines allerscheußlichsten und schrecklichsten Drachens.
Dieser Drache hatte wohl einen menschenähnlichen Kopf, aber anstatt der Haare
war eine unzählige Menge der giftigsten Schlangen zu sehen, welche sich nach
allen Seiten krümmten und herumschauten mit ihren feurigen Augen, ob sich kein
Raub oder keine Beute dieser schauerlichen Wohnung nahe.
[GS.01_019,08]
Mehr gegen den Vordergrund an den Wänden herum sahen wir dann wieder eine Menge
elender menschlicher Gestalten, welche an Händen und Füßen mit Ketten geknebelt
waren. Eine Menge freier Schlangen kroch um dieselben herum, biß ihnen die
Adern auf und saugte ihnen das Blut aus. Das scheußliche Wesen im Hintergrunde
aber hatte in seiner rechten, mit einer Schlange umwundenen Hand ein glühendes
Schwert und in der andern Hand wie eine zusammengewundene Schriftrolle. Diese
Rolle entblätterte nicht selten eine Schlange, die um seinen linken Arm
gewunden war, und züngelte in der entblätterten Schriftrolle herum, als wollte
sie das im Hintergrund sitzende Ungeheuer auf etwas ganz besonders aufmerksam
machen. Nach solchem Akte sahen wir, daß aus einem finsteren Hintergrunde bald
mehrere höchst unglücklich scheinende menschliche Wesen von einer Menge
Schlangen hervorgezogen wurden. Über diese schwang das im Hintergrunde sitzende
Ungeheuer alsbald sein glühendes Schwert, zerfleischte einige, andere ließ es
durch die Schlangen, die Menschenarme hatten, wieder mit Ketten belegen und den
andern beigesellen. – Solches haben wir gesehen, und nicht mehr und nicht
weniger.
[GS.01_019,09]
Ich sage euch: Ihr habt recht gut geschaut und alles gehörig entdeckt, aber ihr
saget nun: Lieber Freund und Bruder! Ein Laster unter diesem Schauerbilde kann
es auf der Erde ja doch wohl nicht geben! Ich aber sage euch: Noch ums
Unbegreifliche viel Ärgeres, als dieses Bild es bezeichnet, gibt es in eben
dieser Hinsicht auf der Erde. Ratet aber nun einmal, was unter diesem Bilde für
ein Laster steckt? Sehet, dieses Bild entspricht der weltlich tyrannischen
Herrschsuchtspolitik. Alles, was sich der Herrschsucht nähert, nähert sich auch
dem Inwendigen nach ganz charakteristisch diesem Bilde. Ihr dürfet aber
darunter nicht etwa die weise Staatsklugheit gerechter, von Gott gesalbter
Könige und Regenten verstehen, welche natürlicherweise ihre Völker überwachen
müssen, damit die Völker durch ihre gegenseitige große Bosheit sich nicht
allzusehr verderben oder gänzlich zugrunde richten. Unter dem Bilde wird nur
diejenige höllische Verschmitztheit verstanden, wenn Menschen, was immer für
eines Standes oder Ranges, sich auf dem Wege der schändlichsten Kriecherei
suchen irgendeinen Herrschposten zu verschaffen. Haben sie sich irgendeinen
solchen verschafft, so verschanzen sie sich sogleich mit einer nach außen
scheinenden Demut, Unansehnlichkeit und Anspruchslosigkeit. Aber diese ihre
Wohnung ist voll lauschender Schlangen, die gleich sind den kriechenden,
verschmitztesten geheimen Spionen, welche auf das Sorgfältigste nach außen
blicken, ob sich nichts Gefährliches einer solchen scheinbaren
Anspruchslosigkeit verderblich nahen möchte. Hat sich etwas genaht, so wird
dasselbe gleich ergriffen und durch ein verdecktes, geheimes Geschleif vor den
anspruchslosen Inhaber dieser Wohnung gebracht. Daß es der Beute in solch einer
anspruchslosen Wohnung nicht am besten ergeht, solches habt ihr an dem Bilde
gesehen. Die Schlangen auf dem Kopfe statt der Haare bezeichnen das rastlose
Streben nach noch stets größerer Gewalt. Das glühende Schwert in der Hand, die
mit einer Schlange umwunden ist, bezeichnet eine erschlichene Herrscherstelle,
d.h. irgendein Amt oder Fach, welches solch einen Herrschsüchtigen berechtigt,
die ihm anvertraute Macht auszuüben. Daß das Schwert glühend ist, bezeichnet
die unerbittliche Strenge oder das tyrannische Wesen. Daß die Hand mit einer
Schlange umwunden ist, bezeichnet, daß solch ein Schwert mit großer Schlauheit
gehandhabt wird. Die Rolle in der linken Hand, welche Hand ebenfalls mit einer
Schlange umwunden ist, bedeutet die Verschmitztheit solch eines Herrschsüchtlers,
in dessen Pläne niemand hineinblicken darf als nur seine große Schlauheit.
[GS.01_019,10]
Daß ihr die Menschen habt von Schlangen aus einem Hintergrunde hervorschleppen
gesehen, besagt, daß des Tyrannen vielfache Schlauheit sie gefangengenommen
hat. Die großen Schlangen mit den Menschenarmen, welche den Gefangenen die
Ketten anlegen, sind die gedungenen Helfershelfer des Tyrannen. Die Ketten aber
bezeugen den vollkommenen Sklavenzustand derjenigen, die unter dem Schwerte
eines solchen stehen.
[GS.01_019,11]
Nun hätten wir alles entziffert. Ihr saget: Das Bild ist zwar richtig, aber es
scheint bei allem dem dennoch etwas stark aufgetragen zu sein. Doch ich will
euch nur auf einzelne Beispiele aufmerksam machen, deren die Erde besonders in
eurer jetzigen Zeit in großer Fülle besitzt, und ihr werdet daraus gar leicht
ersehen, ob dieses Bild zuviel sagt.
[GS.01_019,12]
Damit ihr nicht zu lange zu denken braucht, mache ich euch fürs erste auf alle
die bösartigen Meuterer aufmerksam, die, zumeist von höherem Standpunkte
ausgehend, sich nach der Durchführung ihrer bösen Pläne zu den größten
Scheusalen der Menschheit aufgeworfen haben. Robespierre ist noch bei weitem
nicht der Ärgste unter den zahllos vielen, welche die arme Menschheit der Erde
vielfach leiblich und geistig ins namenlose Unglück gestürzt haben. Und eben
solche wahrhaft höllischsatanische Politik von derlei Menschen wird unter
diesem Bilde nur oberflächlich gezeigt.
[GS.01_019,13]
Wenn es rätlich wäre, euch diese in den tiefer liegenden Erdaufwürfen zu
zeigen, wahrlich, ihr könnt es mir glauben, schon bei dem nächsten Haufen wäre
auch der Beherzteste aus euch nicht imstande, nur einen Buchstaben mehr auf das
Papier zu bringen. Solches alles gehört der alleruntersten und somit auch
bösartigsten Hölle an. – Ihr habt von der Höhe hinabgesehen, welch eine große
Menge solcher Erdaufwürfe diese schaudererregende Talschlucht in sich enthält.
Darüber kann ich euch nur das sagen, daß es in einem jeden solchen Erdaufwurfe
ums Zehntausendfache ärger zugeht als in einem vorhergehenden.
[GS.01_019,14]
Und solches ist genug. Ich muß es euch offen gestehen: nur die allermächtigsten
Engelsgeister, welche mit aller möglichen Kraft vom Herrn eigens dazu
ausgerüstet werden, können unbeschädigt dieses Tal passieren; ich aber möchte
mit euch nicht einmal bis zum dritten Erdaufwurfe dringen. Solange solche
Herrschsucht nur Weltliches im Auge führt, wie ihr es in diesem ersten
Erdaufwurfe gesehen habt, so lange ist es dem Geistigen bei gehöriger Vorsicht
auch nicht schädlich. Wenn aber, was schon beim zweiten Erdaufwurfe ziemlich
stark der Fall ist, diese Herrschsucht auch ins Geistige ihre Schlangenarme
streckt, da muß sich auch schon ein jeder Geist streng in acht nehmen, sich
einem solchen Erdaufwurfe zu nahen! – Und so denn wollen wir uns mit der
Aussicht dieses Tales zufriedenstellen. Für das nächstemal aber will ich euch
in dieser nördlichen Gegend auf eine sichere und günstige Anhöhe führen, von
welcher aus wir einen allgemeinen Überblick über die mannigfachen Verhältnisse
eben dieser nördlichen Gegend gewinnen wollen. – Und somit gut für heute!
20. Kapitel –
Gang zur Hölle.
[GS.01_020,01]
Um auf diese günstige Anhöhe zu gelangen, werden wir uns gegen die morgendliche
Seite dieser allgemeinen Nordgegend ziehen und von dort aus erst unsere Höhe
besteigen. Die Gegend mehr nordwärts ist zu schaurig, um in selbiger irgendeine
Reise weiter fortsetzen zu können, und zudem werden wir sie von der Höhe
ohnedies überblicken können. – Und so denn gehet mit mir, wir wollen nach
geistiger Art sobald als möglich an Ort und Stelle sein.
[GS.01_020,02]
Wir sind schon da beim ersten Tale, und da sehet hin zu dem Flusse, da werdet
ihr das uns zuvor begegnete Paar erschauen, wie sich dasselbe in dem Wasser des
Flusses reinigt und zum Teil auch schon ein merklich besseres Aussehen gewinnt.
Ihr fraget, was solches bezeichne?
[GS.01_020,03]
Solches bezeichnet denjenigen Zustand des Menschen, wenn er des fleischlichen
Lasters satt und müde geworden ist und bekommt dann eine reuige Sehnsucht, sich
zu bessern, solcher Sünde völlig zu entsagen und sich darum nach aller
Möglichkeit zu reinigen von allem Übel der Sünde. Ihr sehet, wie schwer solche
Reinigung ist. Nur wenige Buchten hat dieser Strom, welche für solche, wie ihr
zu sagen pflegt, abgelebte Sünder zugänglich sind. Und da darf er sich ja nicht
zu weit hineinwagen. Fürs erste sind die Fluten des Stromes zu reißend und
zugleich voll solcher Erscheinlichkeiten, die solche Büßer zu verschlingen
drohen.
[GS.01_020,04]
Wenn sie aber mutig in ihrer Bucht beharren, so werden sie immer stärker und
gesünder, bekommen stets mehr Mut, und wenn sie zur vollen Kraft gelangt sind,
so können sie sich gegen den Strom aufwärts bewegen nach der Richtung hin
zwischen Morgen und Mitternacht, von wannen der Strom herkommt. Wenn sie sich
bis dahin gebracht haben, wo ihr vor uns in ziemlicher Ferne zu beiden Seiten
des Flusses einen Hügel erblicket, so haben sie die einzige Brücke über den
Fluß erreicht, über welche sie an das jenseitige Ufer und sodann in die
abendliche Gegend gelangen können.
[GS.01_020,05]
Was es da mit der abendlichen Gegend für eine nähere Bewandtnis hat, werden wir
gar wohl erkennen, wenn wir dieselbe nach dieser nördlichen Gegend bereisen
werden. Da ihr nun solches wisset, so lasset uns sogleich auf unsere bedingte
Höhe uns erheben, um von da diese Nordgegend näher zu beschauen.
[GS.01_020,06]
Ihr fragt schon wieder, ob man von da diese Höhe nicht erblicken kann? O ja,
sehet nur da hinauf in ziemlicher Ferne jene höchste weißlich-graue
Gebirgskuppe; das ist unser bestimmter Standpunkt. Es graut euch wohl ein wenig
vor solch einer steilen und schwindelnd hohen Gebirgsspitze. Allein solches tut
nichts zum Schaden der Sache, denn wir werden sie ebenso leicht ersteigen wie
diesen Punkt, auf dem wir gegenwärtig stehen, und so ihr wollet, machen wir uns
auf den Weg. – Ihr wollet, und wir sind schon an Ort und Stelle. Sehet, es ist
ziemlich viel Raum auf dieser Spitze; nur müßt ihr euch nicht allzusehr einem
oder dem andern Rande nahen und besonders demjenigen am allerwenigsten, der da
nach dem tieferen, wie ihr seht, ganz stockfinsteren Norden zugewendet ist.
[GS.01_020,07]
Und so tretet denn hierher zu mir und sehet da hinab. Sehet die drei Gräben in
ziemlicher Ferne von uns dort gegen Abend hin; es sind die uns schon bekannten.
Aber nach diesen dreien erblicket ihr noch sieben; und wenn ihr recht genau
schauet, so werdet ihr sie voll Löcher erblicken, aus welchen sich ein
graudunkler Rauch erhebt. – Ihr fraget, was solches bezeichne?
[GS.01_020,08]
Solches bezeichnet jenen Zustand des Menschen in seinem Leibesleben, da er das
Wahre kennt, dasselbe absichtlich ins Falsche verkehrt, und dann aus seiner
inneren Bosheit dagegen handelt. Die Löcher, die gegen das einfallende Licht
vom Mittag her offenstehen, bezeichnen die Erkenntnis der wirklichen Wahrheit;
der entsteigende Rauch aus diesen Löchern aber bezeichnet die freiwillkürliche
Verkehrung göttlicher Wahrheit in eitel Falsches. Das verborgene Feuer aber,
dem dieser Rauch entsteigt, ist das verborgene Grundböse, das dem höchsten
Grade der Eigenliebe folgt und der daraus hervorgehenden Herrschsucht. Aus
diesem Grundbösen heraus wird aller gute Same des Lichtes in den Samen des
Unkrautes verwandelt. Dieses Unkraut wird dann von diesem Feuer entzündet,
verbrannt und löset sich in diesen euch sichtbaren Rauch auf.
[GS.01_020,09]
Diese sieben Täler erblickt ihr durch Gebirgsrücken voneinander abgesondert,
und einen jeden Gebirgsrücken seht ihr bestehen aus zehn Hügeln. Ein jeder
Hügel ist wie mit einer Kapelle geziert. – Was bedeutet wohl dieses? Diese zehn
Hügel bezeichnen allenthalben das erhabene mosaische Gesetz. Die Kapellen auf
den Hügeln bezeichnen die Weisheit dieses Gesetzes, die sieben Täler, durch
welche diese Hügelreihen abgesondert sind, aber bezeichnen das Siebengesetz der
Nächstenliebe.
[GS.01_020,10]
Nun aber seht ihr in eben diesen Tälern unter einem jeden solchen Hügel ein
dampfendes Loch gehen. Solches besagt die Untergrabung des göttlichen Gesetzes
und die gänzliche Verfinsterung und Zugrunderichtung der Nächstenliebe, welches
alles zusammengenommen die große Hurerei zu Babel benamset wird. Dieser Rauch
aber ist ärger denn alle Pestilenz. Wer ihn einmal eingesogen hat, der wird
sobald also sehr betäubt und blind gemacht, daß er nicht nur im Tale selbst
keine freie Stelle finden kann, sondern er kann sich drehen wie er will, und er
mag nicht diejenige Stelle verlassen, auf welcher er von dem Rauche verpestet
wurde.
[GS.01_020,11]
Ihr fraget: Was dann mit einem solchen? – Blicket nur genauer hinab, und ihr
werdet leichtlich erschauen, wie aus den freilich wohl verschlossenen Kapellen
rettende Wesen in die Tiefe eilen, sich solchen Bedampften nahen und sie von
der Stelle hinwegziehen auf freiere Plätze. Aber, wie ihr auch sehet, nur
wenige lassen sich weiterbringen, die meisten beharren ganz eigensinnig auf
ihrem Standpunkte und lassen sich eher von den schwarzen Boten, die diesen
Löchern entsteigen, in diese Löcher geleiten, als daß sie möchten dem rettenden
Zuge der stets wachenden Bewohner dieser Kapellen folgen.
[GS.01_020,12]
Sehet, das ist das eigentliche Bild eurer gegenwärtigen Welt und bezeichnet das
Wesen aller Lasterhaftigkeit bei Leibesleben der Menschen auf der Erde.
[GS.01_020,13]
Ihr sehet aber diesen hohen Gebirgszug endlos weit diese mitternächtliche
Vorgegend trennen von der wahren finsteren Mitternacht, welche ihr hinter
unserem Rücken allerschauerlichst und schrecklichst erschauen möget.
[GS.01_020,14]
Bevor wir aber noch in diesen Hintergrund einen Blick senden wollen, werden wir
noch unsere Blicke gegen die morgendliche Seite hinabsenden.
[GS.01_020,15]
Sehet, da erblicket ihr nach unseren schon bekannten drei Mitteltälern, d.h.
denjenigen, die wir persönlich besucht haben, ebenfalls sieben Täler. Diese
stehen im Verhältnis zu den von uns soeben beschauten abendlichen, wie ihr
sehet, ums Bedeutende höher und sind allenthalben mit zahlreichen Dörfern
bevölkert. Aber ihr sehet auch mit nur ein wenig angestrengten Augen gar
leicht, wie da nirgends eine rechte Ordnung anzutreffen ist. Nirgends zeigt
sich viel Lebendiges. Die Äcker seht ihr zumeist brach liegen, und wo noch ein
Weizen- und Kornfeld ist, ragt allenthalben mehr denn drei Viertel Unkraut über
das edle Getreide empor. In dem letzten Tale gegen Morgen hin nur sieht es ein
wenig besser aus; aber selbst da ist noch mehr Unordnung als Ordnung zu
erschauen.
[GS.01_020,16]
Zugleich erschaut ihr auch auf den ähnlichen Hügeln zwischen den Tälern wie
gegen den Abend hin Kapellen; aber nur sehr wenige, wenn ihr recht genau
schauet, sehet ihr zu denselben hinaufwandeln. Die wohlwollenden Kapellwächter
haben zwar allenthalben soviel als möglich die bequemsten Wege angelegt; aber
selbst diese sind den Bewohnern dieser Dörfer viel zu unbequem und viel zu
beschwerlich. Und wie ihr sehet, die schönen Gärten um die Kapellchen herum,
vollbesetzt mit guten Fruchtbäumen, und die schöne Aussicht von diesen Hügeln
hinüber über den Strom in die glücklichen Gefilde des ewigen Morgens vermögen
diese langweiligen Siebenschläfer nicht dahin zu bringen, daß sie sich aus
ihren Schlafwinkeln erheben möchten und wandeln hinauf zu diesen Kapellchen.
[GS.01_020,17]
Ihr saget: Dies ist alles richtig, und wir sehen es mit unseren Augen. Aber was
besagt denn solches?
[GS.01_020,18]
Liebe Brüder und Freunde! Hier bin ich der Meinung, daß ihr solches wohl auf
den ersten Augenblick erkennen sollet. Darum will ich euch darüber nichts
anderes sagen, als was der Herr zu Johannes gesprochen hat bezüglich der
Gemeinde von Sardes, wo Er sagte: „Weil du weder kalt noch warm bist, sondern
lau, so will ich dich aus Meinem Munde speien.“ Mehr brauche ich wahrlich nicht
zu sagen; vergleichet nur eure sogenannte gute oder bessere Welt mit diesem
Bilde, und ihr werdet es buchstäblich bestätigt und wahr finden.
[GS.01_020,19]
Heißt es nicht auf der Welt: Ich tue ja ohnehin nichts Schlechtes; was gehen
mich demnach die sogenannten göttlichen Gebote an? Wenn ich ruhig bin und
niemandem schade, was will man denn noch mehr von mir? Sehet, unter diesem
Grundsatze liegt die ganze Bevölkerung dieser Gegend in ihren Kneipen drinnen
und kümmert sich nicht einer um den andern. Wenn da jemand geht und um Hilfe
ruft, so kommt ihm entweder niemand zu Hilfe, oder es raunt ihm jemand aus
irgendeinem solchen Schlafwinkel zu: Helfe dir selbst, so gut du kannst, ich
werde mir auch selbst helfen, so mir was fehlt. Du gehst mich nichts an und ich
dich nichts, ein jeder kümmere sich für sich.
[GS.01_020,20]
Sehet, aus diesem könnt ihr eure Welt sicher gar leicht erkennen, aber wo
befindet sie sich? Ihr sehet, daß sie fürs erste durch diesen verhängnisvollen
Strom so gut von allen glücklichen Gefilden abgeschnitten ist wie die anderen
gar argen Gegenden, und fürs zweite stößt diese Gegend ebenso allernächst an
dieses Grenzgebirge zwischen Dies- und Jenseits wie diejenige Gegend, die wir
gegen Abend hin betrachtet haben. Und alle diese Täler, wie ihr sie sehet, mündet
am Ende ein jedes an dieser hohen Gebirgswand in einen finsteren sogenannten
Tunnel oder unterirdischen Gang, welcher geradewegs in dieses überaus finstere
Jenseits führt, das sich nun hinter unserem Rücken befindet.
[GS.01_020,21]
Ihr fraget: Was ist dieses? Ich aber sage euch: Nachdem wir die Vorgegend
betrachtet haben, wenden wir uns ein wenig um und blicken in diese jenseitige
Gegend. Drei kurze Blicke werden euch mehr sagen, als ihr wissen möchtet.
[GS.01_020,22]
Nun, ihr habt euch umgedreht; was habt ihr da erblickt? Ihr saget: Vor der Hand
noch nichts als eine stets dichter und dichter werdende Nacht. Blicket noch
einmal; was sehet ihr jetzt?
[GS.01_020,23]
Oh, jetzt schreiet ihr: Schrecklich, schrecklich, und Elend über Elend! Wir
sehen nichts als ein Feuer um das andere und glühende Schlangen sich krümmen in
den Flammen. Gut, jetzt blicket aber noch einmal; was sehet ihr jetzt? Dieser
Anblick läßt euch, wie ich sehe, kein Wort mehr finden; und jetzt sage ich
euch: Was sich auf euren dritten Blick eurem Auge gezeigt hat, das ist der
erste Grad der wirklichen Hölle! – Es gibt noch einen zweiten und einen
dritten. Solchen aber möget ihr nicht erschauen; denn schon ein kürzester Blick
würde euch das Leben kosten, denn dort wohnt schon der allerintensivste Tod.
Solches aber habe ich euch darum gezeigt, damit ihr entnehmen möget, wohin die
unterirdischen Gänge aus all diesen Tälern unwiderruflich führen!
[GS.01_020,24]
Wie schwer dem Geiste, ja dem materiell bösartig schweren Geiste der Rückweg
wird, solches möget ihr aus der unermeßlichen Tiefe gar leicht ersehen, die
sich von diesem Gebirgsrücken allersteilst hinabzieht in einen ewig finsteren
Abgrund. Mehr brauchet ihr vor der Hand davon nicht zu wissen.
[GS.01_020,25]
Dieser Standpunkt aber, auf dem wir uns befinden, ist jene freie Höhe des
Menschen bei seinem Leibesleben, von welcher aus er gleichermaßen das Wahre und
das Falsche, das Gute und das Böse vom Grunde aus in sich erkennt.
[GS.01_020,26]
Wer auf dieser Höhe ist, der hat des Lebens wahre Bedeutung gefunden und kann
nimmerdar verloren gehen, außer er müßte gleich einem Wahnsinnigen sich
hinabstürzen aus dieser Höhe in den Abgrund. Solches wird er aber doch bleiben
lassen. Und so denn begeben wir uns wieder von dieser Höhe hinab, allda der
Nachen unser harret. Ihr wollet, und sehet, wir sind schon wieder an Ort und
Stelle.
[GS.01_020,27]
Steiget nur sobald hinein, ich werde ihn loslösen und euch wieder an das
jenseitige glückliche Ufer führen. Ihr seid darinnen, der Nachen ist gelöst und
die Fahrt beginnt.
[GS.01_020,28]
Seht, diesmal tauchen noch mehr Ungeheuer auf denn bei der früheren Überfahrt
und drohen uns zu verschlingen. Allein, da ist schon das glückliche Ufer, jetzt
mögen sie ihre Zähne in den Nachen schlagen, wir sind im Trockenen! – Und so
denn wollen wir von hier aus uns gegen Abend wenden und denselben besichtigen.
Doch werden wir unsere Tritte in diese bessere Gegend erst das nächste Mal
fortsetzen, – und somit gut für heute!
21. Kapitel –
Besuch in der abendlichen Gegend.
[GS.01_021,01]
Sehet, da ist schon ein recht guter Weg, diesen wollen wir ganz gemächlich
fortwandeln. So ihr da hinüberblicket über die linke Hand, so erschauet ihr als
Begrenzung einer weitgedehnten Ebene ziemlich hohe, aber dabei doch sanft
abgerundete Gebirgszüge, welche gar schön bewachsen sind mit Zedern und
allerlei anderen herrlichen Bäumen. Die Scheitel sind überall frei und
jeglicher ist mit einer Pyramide geziert, über deren Spitze allenthalben ein
heller Stern leuchtet. Wenn ihr aber hier gerade voraus schauet, so erblicket
ihr ein breites Tal, welches sich ganz gerade fortzieht und überall, so weit
eure Augen reichen, recht fruchtbar aussieht. An verschiedenen Stellen dieses
Tales erblicket ihr auch niedlich schöne Gebäude und sehet recht emsig Menschen
aus- und eingehen und sehet auch, wie gar viele recht emsig tätig sind mit der
Kultur der Felder. Nicht wahr, da kommt es euch beinahe vor, als wenn ihr auf
der Erde in einem schönen Tale fortwandeln möchtet, in welchem ebenfalls
friedliche Landleute ihre Felder recht emsig bebauen und bearbeiten.
[GS.01_021,02]
Wenn ihr eure Blicke auf die rechte Seite hinüberwendet, so erschauet ihr
ebenfalls eine weit, ja unabsehbar weit gedehnte Gebirgskette, deren
Niederungen ebenfalls mit guten Bäumen überwachsen sind, und hier und da
zwischen den Wäldern zeigt sich eine ländliche Wohnung. Aber über den Waldungen
erhebt sich ein außerordentlich schroffes Steingebirge, dessen oberste Scheitel
mit ewigem Schnee und Eise bedeckt sind.
[GS.01_021,03]
Ihr saget: die Gegend ist wunderherrlich und schön, nur fehlt hier und da ein
See oder irgendein schöner, breiter Strom. Wäre solches auch noch in dieser
Gegend vorhanden, so könnte man sich nicht leichtlich eine anmutigere und
zugleich auch romantisch schönere Gegend vorstellen, als diese da ist.
[GS.01_021,04]
Ich aber sage euch, meine lieben Brüder und Freunde! Habt nur eine kleine
Geduld, wir werden bald auch dergleichen in der reichlichsten Menge antreffen,
denn wir gehen sehr geschwind und sind in dieser abendlichen Gegend über alle
eure Begriffe weit vorgedrungen. Sehet euch nur einmal um und bemesset die
linke Seite nach dem sanften, mit Pyramiden gezierten Gebirgszuge, und ihr
werdet sogleich gewahr werden, wie weit wir schon vorgedrungen sind.
[GS.01_021,05]
Ihr saget: Aber wie ist denn das möglich? Wir können ja kein Ende dieses
Gebirgszuges mehr erblicken, und es kommt uns vor, als ziehe sich dasselbe
endlos weit hinter uns fort. In weitester Ferne erblicken wir kaum noch die
schönen Sterne über den Pyramiden gleich beleuchteten Sonnenstäubchen
schimmern. Ja, liebe Brüder und Freunde, hierzulande reist man außerordentlich
schnell, ohne daß der Reisende die Schnelligkeit seiner Bewegung merkt.
Obgleich wir nun, wie ihr wohl sehet, ganz gemächlich Schritt für Schritt
wandeln, ist aber unsere Bewegung dennoch so außerordentlich schnell, daß sich
von dieser Schnelligkeit auf der Erde niemand einen Begriff machen kann. Ihr
könnt es glauben: Wenn es euch möglich wäre, leiblicher Weise diese
Schnelligkeit auszuüben, so würdet ihr dadurch in einem Augenblicke viele
Milliarden Sonnenweltgebiete durchzucken. Wie aber solches möglich ist, darüber
werden wir schon noch ein Wort wechseln.
[GS.01_021,06]
Nun kehren wir unsere Blicke wieder nach vorne und setzen unsere Reise ganz
ruhig wieder fort. Ihr fraget mich: Was ist denn dort im tiefen Hintergrunde
für eine schimmernde Fläche, über welcher sich im noch tieferen Hintergrunde am
etwas abendlich dunklen Firmamente eine Menge recht hell leuchtender Sterne
zeigt? – Geduldet euch nur; wir werden schon noch dahin kommen. Seht euch aber
etwas nach rechts um und saget mir, wie euch solches behagt? Ich lese Beifall
aus euren Augen. Ist das nicht ein See, wie sich's gebührt?
[GS.01_021,07]
Sehet die Menge der schönen Inseln, welche sich über die ruhige und reine
Wasseroberfläche erheben, wie sie alle bebaut sind und eine jede Insel noch
dazu mit einem niedlichen Hause geziert ist. Sehet die vielen schönen Fahrzeuge
auf dem Wasser, wie dieselben recht gut besetzt sind und sich von einer Insel
zur anderen bewegen. Ihr wundert euch, ihr sehet noch nicht den hundertsten
Teil; je weiter wir vorwärts dringen werden, desto ausgedehnter wird der See.
[GS.01_021,08]
Aber wie ihr sehet, das linke Ufer bildet noch immer eine breite Talgegend bis zur
linken Gebirgskette hin, und wir haben noch eine gute Weile zu wandeln, bis wir
dieses Tal mehr eingeengt, dafür aber den See mehr ausgebreitet vor uns
erschauen werden. Da auf einem schönen grünen Hügel zu unserer linken Seite
befindet sich ein recht schöner Tempel mit einem goldenen Dache. Und wie ihr
sehet, befindet sich auch eine Menge Menschen in diesem offenen Tempel, die mit
weißen Kleidern angetan sind. Ihr möchtet wohl wissen, was sie da tun?
[GS.01_021,09]
Sehet aber nur an das nahe Seeufer, da entsteigt soeben einem niedlichen
Wasserfahrzeuge eine Gesellschaft, die sich ebenfalls zu diesem Tempel
hinbegeben wird. Fraget sie nur, und wir werden sogleich erfahren, was sie zu
diesem Tempel hinzieht. So ihr euch aber nicht getrauet, da will ich solches
auch wohl tun; und so habet denn acht! Ich will einen anreden.
[GS.01_021,10]
Höre, guter Freund und Bruder im Herrn! Was zieht euch hin in den Tempel, der
da erbauet ist auf der Höhe des grünen Hügels? Er antwortet: Freund und Bruder
in dem Herrn, wie du sagst, woher bist du, daß du solches nicht wissest? Ich
entgegne: Was siehst du dahin, woher ich komme? Er antwortet: Ich sehe dahin
gegen Morgen. Ich entgegne: Gut, so du gegen Morgen siehst, daher ich komme,
wie magst du mich fragen, woher ich käme? Ich aber will es derer wegen, die mit
mir sind, daß du mir gegenüber offener Sprache sein sollst.
[GS.01_021,11]
Der Gefragte verneigt sich und spricht: Mächtiger Bote des Herrn! Ein Weiser
von Morgen her, sicherlich ein dir wohlbekannter Bruder, lehrt hier die Liebe
des Herrn; darum gehen wir hin, um zu hören solche hohe Weisheit. Ich sage zu
ihm: Wie lange seid ihr schon unsterbliche Bewohner dieser Inseln? Er spricht:
Mächtiger Bote des Herrn! Wir bewohnen diese Gegend nach entsprechender
Weltrechnung schon über hundert Jahre. Ich entgegne: Möget ihr denn nicht dem
Morgen näherrücken?
[GS.01_021,12]
Er spricht: Wir sind des Weges unkundig. Diese Insel aber ward uns beschieden
zur Wohnung und zu unserem Unterhalte. Es kam niemand, der uns weiterbrächte, und
uns gebrach es allzeit am Mute, daß wir aus eigenem Antriebe solch eine uns
endlos weit vorkommende Reise hätten unternehmen können. Die Weiseren unter uns
sagen, daß der Morgen, dessen Licht wir von hier aus wohl erblicken, endlos
weit entfernt ist. Darum gedenken wir, daß solcher für unsere Kräfte nimmerdar
zu erreichen ist, und es bleibt uns daher nichts übrig, als unsere große
Sehnsucht dahin soviel als möglich zu beschwichtigen. Zudem aber denken wir
noch, daß dieses, was wir hier besitzen, schon viel zu viel für uns ist, und
ist alles pure Gnade und Erbarmung des Herrn; und darum sind wir auch dankbarst
zufrieden mit dem. Nur eines möchten wir einmal genießen, und wir wären für
ewige Zeiten ums Unendliche glücklicher, und dieses eine wäre, daß wir nur
einmal den Herrn zu sehen bekämen!
[GS.01_021,13]
Ich entgegne: Also ziehet nur hin in den Tempel, da die Liebe zum Herrn gelehrt
wird; diese ist der Weg, auf welchem sich euch der Herr nahen wird. Sehet, die
Gesellschaft zieht nun schon eilend hin über die schönen Felder zum Tempel.
[GS.01_021,14]
Ihr fraget mich: Welcher Klasse Menschen haben denn diese bei ihrem Leibesleben
auf der Erde angehört? Ich sage euch: das sind die sogenannten gläubigen
Christen, welche in dem alleinigen Glauben die Rechtfertigung suchten und die
Liebe nicht wohl anerkennen wollten, als tauge sie nichts fürs ewige Leben,
sondern allein der Glaube. Und solche Begründung hält sie hier. Der See
bezeichnet die Unzugänglichkeit derjenigen, die sich in irgend etwas begründet
haben. Die Inseln aber bezeichnen, daß die Begründung aus dem Worte des Herrn
hervorgegangen ist. Weil aber die Wahrheit nicht in Verbindung mit der Liebe
ist, oder das Glaubenswahre nicht in der wahren himmlischen Ehe steht mit dem
Liebeguten, so ist das bewohnbare Ländertum dieser Völker allenthalben durch
das dazwischenstehende Wasser getrennt. Die Fahrzeuge, die ihr auf dem See
erblicket, bezeichnen die freundlich gute Handlungsweise solcher Menschen auf
der Erde. Diese Handlungsweise bringt, wie ihr seht, diese Inselbewohner in
wechselseitige Verbindung.
[GS.01_021,15]
Diese Gegend hier zur linken Seite aber bezeichnet diejenigen, welche aus den
Glaubenswahrheiten nach und nach in einiges Liebtätigkeitsgute übergegangen
sind und glauben darum auch an die Liebe des Herrn; aber es bleibt mehr beim
Glauben als bei der Liebe. Solches bezeichnen allenthalben die hohen und
starken Bäume, welche aber dennoch keine genießbare Frucht tragen; daher die
Lebensmittel, wie ihr sehet, nur kleinwüchsig auf dem Boden in gehörig
reichlicher Menge vorkommen. So bezeichnen auch die Pyramiden auf den runden
Gebirgshöhen zur linken Seite mit den leuchtenden Sternen über den Spitzen, daß
das oberste Prinzip dieser Menschen „der Glaube“ ist, und ebenfalls das
alleinige Licht. Die mit Zedern wohlbewachsenen übrigen Teile dieser Berge
bezeichnen die Macht des Glaubens.
[GS.01_021,16]
Daß sie aber keine genießbare Frucht haben, solches besagt, daß der Glaube
allein das Leben nicht bewirkt. Und wenn schon in dem Glauben allein für sich
ein geistiges Leben waltet, so hat es aber doch nur wenig Früchte, durch deren
Genuß sich das Leben zu einer höheren Potenz kräftigen könnte.
[GS.01_021,17]
Die Gegend zu unserer rechten Seite mit dem schroffen Gebirge grenzt zunächst
an den Norden. Daher ist dieses Gebirge auch so schroff und hoch und bezeichnet
die Grenzlinie zwischen dem Abend und Norden.
[GS.01_021,18]
Ihr fraget, ob diese Gegend auch bewohnt ist. O ja; aber zumeist von gutmütigen
Heiden, wie auch von solchen, die durch den Bilderdienst ihre Herzen bewahrt
haben vor Bosheit und dabei übrigens rechtschaffene Weltbürger waren. Die
Tempel, die ihr jenseits hier und da über den Waldungen hervorragen sehet, sind
ebenfalls Lehrplätze, in denen solche Wesen von ihren Irrtümern befreit werden
können, so sie ernstlich wollen!
[GS.01_021,19]
Solange aber solches nicht der Fall ist, werden sie belassen wie sie sind, und
es wird ihnen kein Zwang angetan. Da wir solches nun wissen, so können wir
füglichermaßen wieder unsere Füße weiter vorwärts setzen.
[GS.01_021,20]
Ihr fraget schon wieder: Was ist denn dort zur linken Seite, wo der See breiter
wird und das Land zur linken Seite sich zuenget, für eine überaus hohe Säule? –
Gehen wir nur fleißig darauf zu; wir werden sie bald erreichen. Sehet, sie kommt
uns näher und näher zu stehen, und wie ihr sehet, sind wir bereits bei ihr.
Leset, was da oben steht! Ihr leset richtig, denn es heißt: „Grenzmarke
zwischen dem Reiche der Kinder und dem Vorreiche“ welches ist ein Wohnort
derer, die eines Überganges noch unfähig sind.
[GS.01_021,21]
Und nun sehet weiter vorwärts, wie sich da ein unübersehbares großes Meer
ausbreitet, und ihr nicht möget irgendein Land erschauen. Das ist die nämliche
schimmernde Fläche, die wir ehedem von weiter Ferne her erschauten. Sehet nur
hin, dort vorwärts, ganz im Hintergrunde werdet ihr auch die Sterne erblicken.
Für heute jedoch wollen wir bei dieser Säule ausruhen, und fürs nächste Mal
erst unsere Seereise gegen den tiefen, besternten Hintergrund beginnen. Und
somit gut für heute!
22. Kapitel –
Vorgrenze des Kinderreiches.
[GS.01_022,01]
Ihr fraget: Lieber Freund und Bruder! Wie werden wir denn über diese ungeheure
Meeresfläche kommen, da nirgends ein Boot oder Schiff zu entdecken ist, dessen
wir uns bedienen könnten oder das uns aufnähme? – Ich aber sage euch: Dessen
werden wir auch nicht vonnöten haben. Es kommt nun auf euch an, ob ihr über
dieses Gewässer also wandeln wollet wie dereinst das israelitische Volk durch
das Rote Meer oder also, wie dereinst Petrus gewandelt ist mit dem Herrn auf
der Oberfläche des Wassers. Beides kann stattfinden, und es wird geschehen, wie
ihr wollet. Ihr saget, daß ich solches bestimmen möchte, und anzeigen, welches
wohl das Beste ist?
[GS.01_022,02]
Wenn es auf mich ankommt, so will ich lieber dem Herrn als dem Moses folgen.
Also versuchet mit mir die Oberfläche des Wassers zu betreten und habet nicht
die geringste Angst, denn wir werden über dessen Oberfläche leicht wandeln wie
auf dem Lande. Nun sehet, wir stehen schon auf dem Wasser; wie kommt euch
dieser Boden vor? Ihr saget: Es ist überaus gut gehen darauf. Der Boden ist
allenthalben, wo wir hintreten, zwar sehr subtil, aber dabei dennoch wie
federhart und läßt sich nicht eindrücken. Das Wasser ist sehr klar und scheint
auch überaus tief zu sein. Aber es wandelt uns dennoch keine Furcht an, nachdem
wir uns überzeugen, daß es, um uns zu tragen, von einer hinreichenden
Festigkeit ist.
[GS.01_022,03]
Solches ist richtig, meine lieben Freunde und Brüder, solang man noch knapp am
Ufer steht, noch eine große Menge Gegenstände und festes Land um sich erblickt
und des Wassers Oberfläche ganz spiegelruhig daliegt. Aber wenn man so recht in
die weite Ferne hinausgekommen ist und die Oberfläche dieses Gewässers stets
wogender wird, da muß man sich wohl zusammennehmen, um nicht wasserscheu zu
werden und dabei das Gleichgewicht zu verlieren. Jedoch so fest, wie das Wasser
hier ist, so fest bleibt es allenthalben; und so denn versuchen wir, unsere
Reise fortzusetzen. Haltet euch aber nur so recht fest an mich und machet keine
furchtsamen, sondern recht feste Tritte, denn mit zarten Tritten würdet ihr da
nicht viel ausrichten. Wie ihr sehet, ist die Oberfläche des Wassers überaus
glatt; und so man da die Füße nicht feststellt, kann man leicht ausgleiten und
fallen, wo es einem dann auf diesem glatten Boden recht viele Mühe macht, sich
wieder emporzurichten. Nun, wir sind fest bei Fuß, und wie ich sehe, so macht
ihr recht gute Fortschritte.
[GS.01_022,04]
Also nur gerade vorwärts, bis wir diejenige Stelle erreichen werden, die dort
am fernen Horizonte ziemlich stark wogend erscheint. Und sehet, es geht recht
gut vorwärts; hie und da schwankt der Boden wohl zufolge der allgemeinen
Bewegung des Meeres, allein wie ihr sehet, so hindert solches unsere Tritte
nicht im geringsten.
[GS.01_022,05]
Aber was sehet ihr so emsig hinab ins Wasser? – Ist euch vielleicht etwas
hineingefallen und hinabgesunken in die Tiefe? Ihr saget: Lieber Freund,
mitnichten; wir sehen nur hinab, ob sich unter uns im Wasser nirgends Fische
oder andere Wassertiere befinden. Ich sage euch: Seid dessen unbesorgt, von
Ungeheuern des Gewässers ist hier gar keine Rede, aber kleine edle Fischlein
gibt es in zahlloser Menge. Ihr möchtet wohl gerne einige sehen? Wenn ihr
solches wollet, da müßt ihr euch ein wenig umkehren, da werdet ihr sie gleich
erblicken, wie sie vom Morgen her dem Abende zuziehen. – Nun, ihr habt euch
umgekehrt. Seht, welch eine ungeheure Menge schön glänzender Fische da aus der
morgendlichen Gegend her dieses ganze unübersehbare Gewässer belebt! Haben sie
nicht eine Ähnlichkeit mit den Goldfischlein bei euch auf der Erde? – Ihr
saget: O ja, nur ist der Glanz bei weitem stärker.
[GS.01_022,06]
Ihr möchtet wohl gern erfahren, was diese Fischlein hier besagen? – Diese
Fischlein besagen das ausgehende Leben vom ewigen Morgen, welches dieses
Element durch und durch belebt und sodann hinaustritt als ein freies Leben in
alle die unendlichen Räume der ewigen Schöpfungen Gottes.
[GS.01_022,07]
Da wir aber jetzt schon einen kleinen Halt gemacht haben, so sehet euch ein
wenig auf der Oberfläche dieses großen Gewässers um. – Nun, ihr erschrecket ja
und saget: Um Gotteswillen, es scheint die ganze Unendlichkeit von diesem
Gewässer erfüllt zu sein, denn nirgends ist ja von einem Lande mehr etwas zu
entdecken. Wie weit auch immer das Auge seine Sehkraft in die Ferne der Fernen
hin anstrengt, erblickt es nichts als die wogende und weißlich schimmernde
Oberfläche eines unendlichen Meeres. Ich aber sage euch: Machet euch nichts
daraus und denket euch, daß es uns bei dieser ungeheuren Wasseroberfläche um
uns her dennoch nicht so schlecht geht, als es dem Christoph Kolumbus gegangen
ist mit seinen schlechten Fahrzeugen in der Mitte des Atlantischen Meeres,
allda er gar ängstliche Blicke tat, um irgendein Land zu entdecken.
[GS.01_022,08]
Setzen wir aber unsere Reise nur fort. Sehet, wir sind den Wogen schon ziemlich
nahegerückt. Wenn wir dahin gelangen werden, müßt ihr euch recht fest an mich
halten, denn wir werden daselbst gar tiefe Wassertäler und Wasserberge zu
passieren bekommen.
[GS.01_022,09]
Nun sehet, immer deutlicher und deutlicher werden die Wogen. Jetzt haltet euch
fest, denn ein paar Schritte noch nach unserer geistigen Bewegung und wir sind
bei den Wogen. – Nun, da ist schon der erste Wogenrand; sehet, welch ein tiefes
Wassertal, und wie sich da das Gewässer in dieses Tal hinab ergießt, und sehet,
wie dort ein Wasserberg in schäumender Wogenflut sich nahe bis an das Firmament
hinauf zu erheben scheint.
[GS.01_022,10]
Ihr saget: O lieber Freund und Bruder, da hinüber zu kommen, wird wohl keine
Möglichkeit sein! Denn hier sieht es ja erschrecklich aus. Dort schlagen ein
paar himmelhohe Wogen übereinander zusammen. Da bildet sich eine Wasserkluft so
tief, als wenn man von einem höchsten Berge hinabschauen möchte in die
schauerlichste Tiefe!
[GS.01_022,11]
Ich sage euch aber: Hier wird es uns recht gut gehen, denn wie ihr sehet,
fließt die Wasserschlucht schon wieder zusammen, da können wir jetzt unseren
Weg gar leicht fortsetzen. Bis wir diesen vor uns schwebenden Wasserberg
erreichen werden, wird auch er sich ebnen; und sehet, er hat sich schon
erniedrigt, nun haben wir wieder ebenen Weg. Aber da ist schon wieder eine
große Wasserschlucht; wildschäumend stürzen die feuchten Wände hinab in die
Tiefe. Allein, gedulden wir uns nur ein wenig. Diese Schlucht soll sobald
wieder zu ebenem Boden werden. Sehet, die Wände haben sich schon wieder
ergriffen, und wir können unseren Weg weiter fortsetzen. Aber dort wogt schon
wieder ein ungeheurer Wasserberg gegen uns her, und hinter uns hat sich soeben
wieder eine neue Wasserschlucht gebildet. – Ihr saget: Dieser ungeheure
Wasserberg wird uns wohl auch in die Schlucht hinabtreiben. – Sorget euch
nicht; der Berg wird die Schlucht nur ausfüllen, und wir werden wieder ebenen
Weg bekommen.
[GS.01_022,12]
Nun sehet, nach Ungewitter und Regen kommt Sonnenschein. Mit diesem Wogenberge
haben wir auch die ganze Wogenpartie dieses Meeres überschritten, und wir haben
schon wieder ruhiges Gewässer vor uns. Aber dort in weitester Ferne, wo ihr
eine Menge Sterne erblicket über dem Wasser, kommt noch eine gefährliche
Stelle, nämlich große Meereswirbel. Allein, sorget euch auch dieser Wirbel
wegen nicht, sie werden uns so wenig schaden wie diese Wogen. Nun sehet, nach
unserer vermehrten Schnellreise sind wir auch schon bei diesen Wirbeln. Hier
müssen wir immer auf dem Rande der Wirbel vorwärtsgehen, so werden sie uns
nichts anhaben. Erschreckt euch nicht vor dem donnerartigen Getöse dieser
Wirbel und sehet empor zum Firmament, wie wir uns schon unter den Sternen
befinden, die wir vor kurzem noch so fernestehend erblickten. Und nun strenget
eure Augen abermals an und blicket nach vorwärts. Was seht ihr?
[GS.01_022,13]
Ihr schreiet: Land, Land! – Nun ja, also war dieses Meer denn doch nicht so
unendlich, als ihr es euch noch vor kurzem vorgestellt habt. Sehet, dort an
einer Landzunge, die ziemlich weit in das Meer hereinreicht, abermals eine
Säule. – Ihr fraget, was sie bedeute? – Wir werden sogleich dort sein, und ihr
könnet die Inschrift selbst lesen. Nur noch ein paar Schritte, und wir sind
schon wieder auf trockenem Lande! – Und sehet, da ist auch schon die Säule!
[GS.01_022,14] Was
steht auf ihr geschrieben? – „Vorgrenze des Kinderreiches.“ – Nun wisset ihr,
wo wir uns befinden. Ihr saget: Aber um des Herrn willen, das ist ja eine
entsetzlich gebirgige Gegend! Sollten wir uns etwa auch noch tiefer hinein in
dieses Gebirgsland begeben? – O ja, das ist eben die Hauptsache, darum wir
hierher die weite Reise gemacht haben. Das müsset ihr sehen, denn hier erst
wird sich des Abends wahre Bedeutung kundgeben. – Fürs nächstemal werden wir
uns sonach in diese Gebirgsgegenden wagen. Und somit ruhen wir heute bei dieser
Säule wieder aus! –
23. Kapitel –
Wer sparsam sät, wird mager ernten.
[GS.01_023,01]
Da wir uns hier gehörig von unserer Reise ausgeruht und bei dieser Gelegenheit
haben so manchen weitgedehnten Rückblick dahin senden können, von wannen wir
hergekommen sind, so wird uns die Weiterreise ja eben keine so großen
Beschwerden mehr machen. – Sehet, da zieht sich gleich ein ziemlich breites
Tal, mit einer kleinen Meereseinbuchtung versehen, landeinwärts. Gehen wir
unseren Weg zur rechten Seite der Bucht vorwärts. Hier möget ihr schon wieder
freier wandeln, denn nun haben wir festen Boden. – Da sehet einmal in die Tiefe
des Tales hinein nach vorwärts, wo es sich ganz zusammenengt. Dorthin müssen
wir sobald gelangen und unsere erste kleine Station machen. Also nur munter
darauf losgeschritten, und wir werden bald an Ort und Stelle sein. – Sehet, wie
das Tal immer enger und enger wird und von allen Seiten her die
furchterregendsten Hochgebirgsfelsen also herabhängen, als wollten sie jeden
Augenblick herabstürzen. Allein, lasset euch alles dessen nicht bange werden;
es wird niemandem dabei auch nur ein Haar gekrümmt.
[GS.01_023,02]
Nun sehet, da sind wir schon bei unserer engen Kluft; wie gefällt es euch hier?
Ihr saget: Eben gerade nicht am besten. Das tut aber nichts zur Sache, wenn wir
erst einen schärferen Blick in diese Gegend tun werden, so wird sie euch schon
ein wenig besser zu munden anfangen, als es soeben der Fall ist. Sehet, da
neben der Kluft geht zur linken Hand ebenfalls ein enger Graben, sich gegen
Mittag hinziehend, hinein. Was erblickt ihr da? Ihr sagt, wie ihr sehet: Wir
sehen abhängende Gebirgstriften, hier und da sparsame Äcker über denselben;
hier und da, mehr in der Niederung, ist ein kleines Häuschen wie gegen den Berg
hinzugedrückt erbaut. Hier und da wieder sehen wir große und überaus hoch
herabstürzende Wasserquellen; Bäume und Gesträuche gibt es auch hier und da.
Dieses Tal hat also das Aussehen einer höchst eingeengten Gebirgsgegend in der
Schweiz auf dem Erdkörper.
[GS.01_023,03]
Sehet ihr keine Menschen? – Ihr saget: Bis jetzt hat sich noch nichts Ähnliches
unseren Blicken dargestellt; aber, wie es uns vorkommt, da nicht ferne bei der
ersten Bauernhütte erblicken wir soeben einige ganz armselige Landleute der
Hütte entsteigen. Sie sind ebenso mit graulodenem Kleide angetan wie auf der
Erde. Auch dort, weiter vorne, erblicken wir ganz ähnliche Landleute, die auf
dem Acker damit beschäftigt zu sein scheinen, einiges Unkraut aus dem besseren
Getreide zu jäten und, wenn wir uns nicht täuschen, so erblicken wir dort auf
einer mehr im Hintergrunde befindlichen Gebirgstrift eine etwas mager
aussehende Kuhherde. Das, lieber Freund und Bruder, wie du dich selbst
überzeugen kannst, ist aber auch alles, was wir von lebenden Wesen hier
erschauen. – Geht dieses Tal noch tiefer hinein oder hat es mit der letzten
Ansicht schon ein Ende?
[GS.01_023,04]
Liebe Freunde und Brüder, dieses Tal geht noch gar tief hinein, wird nach und
nach stets breiter und freundlicher, jedoch nicht zu vergleichen mit denjenigen
Gegenden, die wir vor der ersten Säule erschaut haben. Ihr fraget: Was bedeutet
denn dieses Tal? Ich sage euch: dieses Tal und noch gar viele seinesgleichen
ist nichts als eine vollgültige Enthüllung desjenigen Textes in der Schrift,
der also lautet: „Wer sparsam säet, der wird auch sparsam ernten.“ – Ihr fraget
mich abermals: Wer waren denn diese Leute auf der Erde? Ich sage euch: Das
waren auf der Erde sehr angesehene und wohlhabende Menschen und taten der armen
dürftigen Menschheit manches Gute. Die größten Wohltäter aber waren sie dennoch
ihrer selbst.
[GS.01_023,05]
So war der Besitzer der ersten Hütte, die ihr da im Vordergrunde erschauet, ein
überaus reicher Mann. Dieser Mann hat bei jeder Gelegenheit den Armen mitunter
ganz ansehnliche Stipendien gegeben. Aber alle diese Stipendien
zusammengenommen machten nicht den zehntausendsten Teil seines Vermögens aus.
Nun sehet, dieser Mann hatte wohl Nächstenliebe; wäget aber die Nächstenliebe
ab mit seiner stark vorherrschenden Eigenliebe, so werdet ihr sobald den Grund
einsehen, warum er nun hier ein gar so dürftiger Landmann ist. Ihr saget:
Beiläufig sehen wir ihn wohl ein; aber so ganz gründlich noch nicht. – Gut, ich
will euch den Grund sogleich ganz klar darstellen. Solches müßt ihr aber zuvor
wissen, daß man hier im Reiche des Geistes sich auch ganz außerordentlich wohl
auf die Kapital- und Zinsenrechnung versteht, und zwar mit einer solchen
Genauigkeit, daß sogar auf die Atome der kleinsten Zinsmünze Rücksicht genommen
wird.
[GS.01_023,06]
Und so denn merket wohl auf: Dieser hier dürftige ,Landmann‘ besaß auf der Erde
ein Vermögen in runder Zahl von zwei Millionen Silbergulden. Nach eurem
gesetzlichen Zinsfuße warf ihm dieses ansehnliche Kapital jährlich
einmalhunderttausend Silbergulden an Zinsen ab. Die Früchte dieses Kapitals
hatte dieser Mann auf der Erde volle dreißig Jahre hindurch genossen. Dadurch
hat er sich sein ursprüngliches Vermögen noch um drei Millionen Silbergulden
vergrößert. Sein Hauswesen bestritt er mit den Zinseszinsen. Von diesen
Zinseszinsen, welche ebenfalls sehr ansehnlich waren, machte er auch allerlei
wohltätige Spenden, welche am Ende seines Lebens zusammengenommen bei
fünfzigtausend Gulden ausmachten. – Wie verhält sich diese Summe zu seinem
Hauptkapitale und zu den alljährlichen Zinsen, welche dasselbe abwirft? – Es
ist ein Fünftel seines jährlichen Haupteinkommens. Er bekommt aber das
Fünffache als Hauptzinsenertrag seines Kapitals nach den erworbenen fünf
Millionen alljährlich, während diese Summe von fünfzigtausend Gulden, für
wohltätige Zwecke verwendet, sich auf seine ganze Lebenszeit erstreckt. Diese
Summe wird bei uns genau auf die dreißig Jahre ausgemessen, und was da entfällt
auf ein Jahr, wird als Kapital angenommen. Von diesem Kapitale kommen ihm nun
die Zinsen zugute. Das Kapital stellt seine ganze Wirtschaft dar, und der
Ertrag dieser Wirtschaft steht mit den gesetzlichen Zinsen stets in der genauen
Übereinstimmung. Die zwei Personen, die noch an seiner Seite sind, das sind
sein Weib und ein verstorbener Sohn. Diese haben gewisserart mit dem Geiste des
Vaters mitgearbeitet, daher haben sie gar kein eigenes Kapital, sondern müssen
alle drei von dem Zinsertrage leben, welchen diese Bauernwirtschaft abwirft.
[GS.01_023,07]
Ihr fraget: Können diese Menschen nie zu einem größeren Gute gelangen? Die
Möglichkeit ist wohl vorhanden; aber es geht solches hier noch ums Bedeutende
schwerer als bei euch auf der Erde. Ihr wißt aber, wie schwer es einem ist, auf
dem gesetzlichen Zinswege sich mit einem Kapitale von etwas über tausend Gulden
zu einer Million zu erheben. Sehet, noch schwerer ist es hier, zu einem
größeren Besitztume sich emporzuarbeiten, denn was dieser magere Grund trägt,
reicht mit der genauesten Not kaum hin, um diesen drei Personen die allernötigste
Subsistenz zu geben. Daher ist da mit der Ersparnis nicht wohl weiterzukommen.
[GS.01_023,08]
Es bietet sich nur ein Fall dar, durch welchen sich die armseligen Bewohner
dieser Gegend nach und nach emporhelfen können, und dieser Fall besteht darin:
Es kommen von Zeit zu Zeit ganz entsetzlich arme Pilger durch diese enge Kluft
herein. Diese sind gewöhnlich nackt und voll des drückendsten Hungers. Wenn
diese Pilger solche Häuser erblicken, so verlegen sie sich alsbald aufs
Betteln. Wenn dann einem solchen Bettler ein solcher Landmann bei aller seiner
Dürftigkeit dennoch mit offenen Armen entgegengeht, ihn führt in seine ärmliche
Hütte, ihn daselbst mit der nötigen Kleidung versieht und sein kärgliches Mahl
brüderlich mit ihm teilt, so wird durch eine solche Unterstützung sein Kapital
um die Hälfte vergrößert, jedoch ihm unbewußtermaßen. – Tut er solches öfter
oder behält sogar einen gar Armseligen in seiner Pflege, indem er zu ihm
spricht: Lieber Bruder! Siehe, ich bin arm und habe wenig; bleibe darum aber
dennoch hier, und ich will dieses wenige allzeit brüderlich mit dir teilen
solange ich etwas haben werde, und habe ich mit dir alles verzehrt, was ich
habe, so will ich dann auch mit dir gern den Bettelstab ergreifen.
[GS.01_023,09]
Wenn solches der Fall ist, so wird sobald das Kapital eines solchen Landmannes
heimlich verhundertfacht. Und wenn bei einer solchen Gelegenheit noch mehrere
Dürftige zu ihm kommen, und er nimmt sie liebfreundlich auf und bietet alles
Mögliche auf, sie zu versorgen, so daß er z.B. mit den Pilgern im Falle seiner
gänzlichen Versorgungsunfähigkeit zu den andern Nachbarn geht und für sie um
Unterkunft und mögliche Versorgung bittet, so wird dadurch sein Kapital
vertausendfacht; jedoch ohne sein Wissen.
[GS.01_023,10]
Wenn es dann geschieht, daß er zufolge seiner Nächstenliebe sich aller seiner
Habseligkeit also entblößt hat, daß er dann im Ernste mit seinem Pilger den
Bettelstab ergreift, so wird er einige Zeit belassen, auf daß er bettele um den
Unterhalt vorerst seines armen Aufgenommenen und so nebenbei erst auch für
sich; – für sich aber dennoch also, daß er stets den größeren Teil seinem armen
Bruder zuwendet. Da geschieht es denn, daß ihm unbekanntermaßen vom Herrn ein
Engelsgeist entgegenkommt, sich nach seinen Umständen erkundiget und er dann
spricht: Lieber Freund, du siehst, daß ich arm bin, jedoch solche Armut drückt
mich nicht; aber daß ich diesem meinem Bruder nicht mehr helfen kann, solche
Armut drückt mich. – Was glaubet ihr, was da geschieht? – Hier kehrt sich der arme
Bruder um und spricht zu ihm: Ich kam nackt zu dir, du hast mich bekleidet,
hast mich, den Hungrigen und Durstigen, gespeiset und getränket und achtetest
nicht auf deine Gabe, auf daß du sogar mit mir den Bettelstab ergriffest und
suchtest allenthalben Brot für mich. Siehe, also bin Ich aber nun auch dein
großer Lohn, denn Ich, dein armer Bruder, bin der alleinige Herr Himmels und
aller Welten und kam zu dir, auf daß Ich dir helfe.
[GS.01_023,11]
Dieweil du auf der Erde warst, hast du zwar sparsam gesät, und eine sparsame
Ernte mußte daher notwendig dein Anteil sein. Mit deiner sparsamen Ernte aber
hast du keinen Wucher mehr getrieben, sondern hast erweichen lassen dein Herz
und mochtest keinen Armen vor deiner Hütte vorüberziehen sehen, ohne mit ihm zu
teilen deine sparsame Ernte. Siehe, solches hat dir geholfen und dich zu einem
reichen Einwohner des Himmels gemacht. Siehe, dieser Bruder, der dir hier
entgegenkam, wird dich führen in dein neues Besitztum.
[GS.01_023,12]
Hier verschwindet der Herr, und der abgesandte Bote führt den liebtätigen armen
Bewohner dieser Gegend hinüber in den goldenen Mittag, allda für ihn ein dem
Kapitale seiner Liebtätigkeit wohl angemessenes neues Besitztum harrt. –
[GS.01_023,13]
Wenn der also Beglückte zum Boten spricht: Lieber Freund und Bruder, siehe, ich
bin unendlich glücklich, darum mir die unendliche Gnade und Erbarmung des Herrn
solches beschert hat; ich weiß, daß dieses neue Besitztum sicher von gar
herrlicher und reichlicher Art sein wird. Allein siehe, hier sind andere arme
Brüder; an diese trete ich dieses mir bestimmte Gut ab, mich aber lasse wieder
zurückziehen in meine ärmliche Hütte; denn es könnte ja geschehen, daß sich
unter den vielen Armen, die vielleicht noch meine ärmliche Hütte besuchen
werden, wieder einmal der Herr einfinden könnte. Und so will ich zurückziehen
und in meiner armen Hütte noch jeglichem armen Bruder mit hundertfach größerer
Liebe entgegenkommen, als solches bis jetzt der Fall war. Wahrlich, ich kann
dir sagen, wenn ich solch eines Glückes noch einmal in meiner ärmlichen Hütte
möchte gewürdigt werden, so werde ich in dieser meiner ärmlichen Hütte in alle
Ewigkeit glücklicher sein, als gäbest du mir die größten und herrlichsten Güter
in einem allerschönsten Teile des Himmels! Und so denn lasse mich wieder
zurückziehen.
[GS.01_023,14]
Alsdann geschieht es auch, daß der Geist den armen Landmann mit seiner kleinen
Familie zurückziehen läßt. Wenn dieser aber dann in seine ärmliche Hütte kommt,
so harrt seiner auch schon der Herr mit offenen Armen und macht ihn sogar zu
einem Bürger des ewigen Morgens!
[GS.01_023,15]
Sehet, solche Szenen gehen da wohl öfter vor sich, aber ihr möchtet es kaum
glauben, welch ein hoher Grad der Selbstverleugnung dazu erfordert wird. Denn
die Armut hat nur gar zu häufig die fast notwendige Eigenliebe unzertrennlich
bei sich; darum da auch ein Armer nur für sich um Unterstützung bittet. Hat er
sich dann ein kleines Stipendium zusammengebettelt, so reicht dieses kaum für
seinen Bedarf hin, und die eigene Not und Armseligkeit läßt es ihm beinahe gar
nicht zu, seine höchst sparsame Gabe mit einem andern armen Bruder zu teilen;
aus welchem Grunde ihr schon auf der Erde unter der armen Klasse der Menschen
nicht selten einen verheerenden Neid antreffet. – Aus dem geht aber hervor, daß
solche armbestellte Einwohner dieses Tales vor den Bettelnden sich soviel als
möglich verbergen. Aus dem Grunde sehet ihr auch wenige außer den Häusern, die
ihr aber außerhalb erblicket, sind schon von solch guter Art.
[GS.01_023,16]
Nächstens wollen wir das sehr schroffe Tal zu unsrer rechten Hand gegen den
Norden zu beschauen. Und somit gut für heute.
24. Kapitel –
Jenseitiger Ort und Zustand der Stoiker.
[GS.01_024,01]
Also wendet euch nur um und sehet über eure rechte Hand in das vorbesagte Tal
und gebet mir kund, wie ihr dasselbe findet. Ihr saget: Lieber Freund und
Bruder, hier sieht es ganz entsetzlich öde aus. Wir sehen wohl hier und da auf
den Gebirgsabhängen eine Art Krummholz wachsen, und mehr in der Tiefe dieses
überaus engen Tales erblicken wir hier und da Dornhecken, welche einige uns
bekannte Beeren tragen. Noch mehr in der Niederung des Tales erschauen wir
mancherlei distelartiges Unkraut ziemlich häufig vorkommen. – Der nördlich
abendliche Abhang sieht überaus kahl aus; fast nichts als Felswände über
Felswände türmen sich übereinander auf, und zwischen den Felsenklüften stürzt
hier und da ein mächtiger Bach in die Tiefe herab. Nur die gegen Morgen
gelegene Gebirgserhöhung ist etwas sanfter und hier und da mit einer
unansehnlichen Hochalpenhütte geziert. Aber Einwohner sind da keine zu
erblicken. Vielleicht befinden sie sich tiefer im Tale; da im Vordergrunde ist
nichts Lebendiges zu erschauen.
[GS.01_024,02]
Ja, ihr habt recht. Von diesem Standpunkte aus, wo wir uns gegenwärtig
befinden, ist solches wohl nicht leicht möglich. Daher wollen wir uns ein wenig
taleinwärts begeben, und wir werden sobald auf etwas Lebendiges stoßen. Sehet
nur da hinauf, wo auf einem bemoosten Felsenvorsprunge die erste uns
erreichbare Wohnhütte steht; dahin wollen wir uns begeben. Wir sind bereits in
ihrer Nähe, schärfet daher eure Blicke und habt wohl acht, was sich denselben
darstellen wird. – Nun, ihr habt meinen Rat befolgt. Saget mir denn auch, was
ihr gesehen habt.
[GS.01_024,03]
Ihr sagt schon wieder: Aber um Gottes willen, das sind ja doch keine Menschen,
denn sie sehen aus wie belebte Skelette und sind dabei so klein wie Zwerge. Wir
möchten sie eher zu den Affen zählen als zu irgendeinem menschlichen
Geschlechte. Was hat es denn mit diesen armen Wesen wohl für eine Bewandtnis?
So armselig, ausgehungert und völlig nackt; nein, mit diesen Wesen scheint es
durchaus keine vorteilhafte Bewandtnis zu haben.
[GS.01_024,04]
Einesteils habt ihr wohl recht, aber andernteils wieder nicht. Denn diese
Wesen, so armselig sie euch auch erscheinen, sind aber dennoch in ihrer Art,
d.h. von ihnen selbst aus betrachtet, es mitnichten. Denn da sind die
sogenannten Stoiker zu Hause, oder mit anderen Worten gesagt: Menschen, die
sich selbst vollkommen genügen. Sie handelten bei ihrem Leibesleben auf der
Erde rechtschaffen, aber nicht etwa aus Liebe zu dem Nächsten und noch weniger
aus irgendeiner Liebe zu Gott, sondern lediglich darum, weil sie darin den Sieg
ihrer Vernunft erkannten. Sie sagten: Der Mensch braucht nichts, weder Himmel
noch Hölle noch einen Gott, sondern allein sich selbst und die ihn leitende
Vernunft als oberstes Handlungsprinzip, und er wird also handeln, daß er mit seiner
Handlungsweise niemand anderen beeinträchtigt, aus welchem Grunde er solches
auch von seinem Nebenmenschen erwarten kann.
[GS.01_024,05]
Denn, sagen sie ferner noch, wenn ich mich zufolge des höchsten Prinzipes
meiner Vernunft über alle weltlichen Nichtigkeiten hinaussetze und von der Welt
nichts verlange als eine kärgliche Sättigung meines Magens und eine einfachste
Decke über meinen Leib, so bin ich dafür niemandem eine Steuer schuldig. Was
mein Magen verzehrt, das gebe ich wieder der Erde zurück, und die Decke meines
Leibes mag das Erdreich mit der Zeit düngen. Ich aber bin zwischen diesen zwei
Bedürfnissen ein mich selbst leitender und vollkommen beherrschender Gott und
bin somit ein unumschränkter Herr meiner eigenen Wesenheit!
[GS.01_024,06]
Sie sagen ferner noch: So es irgendeinen Gott gibt oder geben soll, was kann
der mir geben und was nehmen, wenn ich in mir selbst groß bin, mit Verachtung
auf alles hinzublicken, was er mir geben oder nehmen will? Was aber sollte auch
mir ein Gott geben oder nehmen? Das Höchste wäre dieses matte Leben, das ich
schon lange mit meiner Vernunft tief zu verachten gelernt habe. Oder steht es
nicht bei mir, so lange zu leben, als ich will? Wenn ich es mit dem obersten
Prinzip meiner Vernunft vereinbart finden würde, mir das Leben zu nehmen, so
würde ich es auch tun. Allein die von mir aus selbst erkannte Rechtschaffenheit
lehrt mich, daß solches wider das Recht der obersten Vernunft wäre; wer mir das
Leben gegeben hat, der soll auch das Recht haben, es mir wieder zu nehmen. Es
hat ja die Natur das Recht, diejenige Nahrung, die ich von ihr entlehnt habe,
auf dem natürlichen Wege zurückzufordern, und die Decke meines Leibes ist ein
Eigentum der Zeit, und sie nimmt dieses Pfand ebenfalls wieder zurück. Solches
muß die reine Vernunft billigen, muß sagen und sagt es auch: Jedem das Seinige!
Aber eben dadurch, daß der Mensch in seiner Vernunft auch nicht ein
Sonnenstäubchen ihm zu eigen anspricht, ist er das erhabenste Wesen, ja erhaben
über jeden Gott, über jeden Himmel und steht mächtig über aller Hölle. Wenn
jeder Mensch so dächte, so hätte ein jeder genug, und keiner würde dem andern
je zur Last fallen. Fern wären da alle Habsucht, aller Neid, aller Geiz, aller
Hochmut, alle Herrschsucht, aller Fraß und alle Völlerei, alle Unzucht, alle
Lüge und aller Betrug. Wo aber lebt ein Gott, so er ist der Vernunft
alleroberstes Prinzip, der da gegen solche Grundsätze des Lebens etwas
einzuwenden hätte? Hat er aber etwas einzuwenden, dann ist er kein Gott und
steht tief unter der Erhabenheit der menschlichen Vernunft.
[GS.01_024,07]
Nun sehet, diese Menschen haben auf der Welt so gelebt, daß sie sogar einer
Fliege nie etwas entzogen haben; sind nie jemandem zur Last gefallen, haben
auch nie jemanden nur im geringsten beleidigt. Über Leidenschaften von was
immer für einer Art waren sie hoch erhaben. Hat sie jemand um irgendeine
Gefälligkeit oder um einen Dienst ersucht, so versagten sie ihm denselben nie,
wenn er mit ihren Vernunftsrechtsprinzipien nicht im Widerspruche war und
verlangten nie ein Entgeld dafür. Hat man sie zu Ämtern und Ehrenstellen
erheben wollen, so nahmen sie solche nie an, zeigten einem solchen Mäzen mit
zwei Fingern an die Stirne und sagten zu ihm: Freund, dahier wohnt des Menschen
höchstes Amt und seine größte Ehrenstelle.
[GS.01_024,08]
Wenn ihr nun diese Menschen betrachtet, so urteilet selbst, ob sie sich einer
Züchtigung teilhaftig gemacht haben. Ihr müsset sagen: Solches sicher
mitnichten. Weitere Frage: Haben sie sich eines Lohnes fähig gemacht? Hier
fragt es sich, mit welchem Lohne sollen sie belohnt werden? Den Himmel
verachten sie, und Gott wollen sie auch nicht über ihre Vernunft anerkennen.
Somit ist ja doch das Billigste, daß sie belassen werden in dem Lohne, den
ihnen ihre eigene Vernunft beschert.
[GS.01_024,09]
Aber ihr saget und fraget: Fällt diesen armseligen Wesen ihr kläglicher Zustand
nicht auf? – O nein, das ist eben ihr größter Triumph, denn schon auf der Erde
haben sie die Glückseligkeit einer Mücke für höchst beneidenswert gefunden und
sagten: Sehet, eine überaus herrliche Mahlzeit für dieses Tierchen ist ein kaum
sichtbarer Tautropfen auf einem Blatte. Dieses Tierchens ganzer Bau scheint ein
sehr geringes Bedürfnis zu haben. Wenn wir dagegen unseren überaus
verschwenderischen Körperbau betrachten, so kann da die Vernunft denselben nur
mit allem Rechte tadeln. Also muß ich einen großen Bauch haben, um viel zu
fressen und darauf viel Kot zu lassen. Einen sonstigen Zweck findet hier die
Vernunft nicht, und zwar aus dem Grunde, weil sie sich gern mit dem Kleinsten
begnügen möchte, wenn es ihr der höchst unökonomisch eingerichtete Bau ihres
nutzlosen Leibes gestattete.
[GS.01_024,10]
Sie bekritteln ferner das viele Fleisch an den Füßen, am Gesäß, auf den Händen
und allenthalben, wo es sich vorfindet, und sagen: Die Mücke entbehrt alles
dessen, und sie ist schon darum um vieles glücklicher als der plump und
unökonomisch gestaltete Mensch.
[GS.01_024,11]
Wenn ihr nun dieses wisset, so wird euch auch die kleine Skelettgestalt dieser
Menschen nicht mehr so kläglich und armselig vorkommen wie gleich beim ersten
Anblicke, denn sie entspricht so viel als möglich vollkommen ihren
Vernunftprinzipen. – Ihr saget nun: Solches ist alles richtig, und wir sehen es
jetzt klar ein, daß es hier nun also nicht anders sein kann, und daß sich diese
Menschen in einer anderen Gestalt und unter anderen Verhältnissen unglücklicher
fühlen würden, als gerade in diesen, die sie als die ihnen am meisten
zusagenden erkennen. – Aber eine andere Frage steckt hier im Hintergrunde, lieber
Freund!
[GS.01_024,12]
Ist diesen Menschen denn auf keine Weise beizukommen, um sie auf einen besseren
Weg zu bringen?
[GS.01_024,13]
Liebe Freunde und Brüder! Es ist nicht leichtlich etwas Schwereres als dieses.
Sie haben nur eine einzige zugängliche Seite, und dieses ist der
wissenschaftliche Weg. Es gehört aber eine grenzenlose Geduld und Ausharrung
dazu, um diesen Vernunftkrämern auf diesem Wege etwas so darzustellen, daß sie
es für richtig und ihrer Vernunft nicht widersprechend erkennen. Sie sagen: Es
kann gar vieles wissenschaftlich vollkommen richtig sein, ob es aber auch mit
den Prinzipien der Vernunft vollkommen übereinstimmt, das ist eine andere
Frage. Um diesen Ausspruch als vollgültig zu bekräftigen, zählen sie eine Menge
wissenschaftlicher Fälle auf, welche an und für sich vollkommen richtig sind,
aber dennoch mit den obersten Grundsätzen der Vernunft im größten Widerspruche
stehen. Ich will euch beispielsweise nur einige solcher Einwürfe kundgeben.
[GS.01_024,14]
Sie sagen z.B.: Die Berechnung einer Finsternis ist wissenschaftlich vollkommen
richtig; fraget aber die Vernunft und ihren Handlanger, den Verstand, wozu die
zufällige Finsternis gut ist, und was hat durch die Wissenschaft die ganze
Menschheit dabei Erhebliches gewonnen? – Also ist es auch wissenschaftlich
richtig, daß der Mensch in der zu sich genommenen Nahrung so und so viel zur
Unterhaltung seiner Leibesteile aufnimmt und so und so viel von der zu sich
genommenen Nahrung als Unrat wieder von sich wegschafft. Wenn ihr aber die Vernunft
fraget, so kann diese nur lachen über solch einen übel und unzweckmäßig
berechneten Verhältnisstand. – Ferner ist es wissenschaftlich richtig, daß das
Wasser und auch andere bewegliche Teile der Tiefe zugetrieben werden durch ihre
eigene ihnen innewohnende Schwere. Was sagt aber die Vernunft dazu, wenn sie
ihre Augen an den kahlen Gebirgswänden weiden muß, auf denen nicht einmal ein
Moospflänzchen fortkommen kann, weil solche erhabenen Weltteile einer
gerechten, stetig nährenden Feuchtigkeit entbehren müssen. – Sehet, aus diesen
wenigen Beispielen könnet ihr zur Genüge erschauen, wie schwer es ist, für
diese kritischen Vernunftköpfe ein wissenschaftliches Beispiel aufzustellen,
welches von ihnen als vollkommen mit der Vernunft im Einklang stehend erkannt
wird. Damit ihr aber die Art und Weise einer solchen Bekehrung völlig erschauen
und begreifen möget, so wollen wir fürs nächste Mal einer solchen beiwohnen. –
Und somit gut für heute!
25. Kapitel –
Ein Bekehrungsgang zu den besseren Stoikern.
[GS.01_025,01]
Sehet, da unten im Tale gehen soeben drei abgesandte Boten auf einen solchen
Fang aus. Wir wollen ihnen folgen und ihrer Operation ein gutes Gehör leihen.
Sie ziehen sich mehr taleinwärts, und von hier aus bei der dritten Hütte, die
ihr ebenfalls auf einem abgerundeten bemoosten Felsen erblicket, werden sie
zusprechen. Sehet nur, wie sie sich ganz behutsam der Hütte nähern und sich
dabei so klein als möglich machen. Und so denn eilen wir nur sobald hinzu,
damit uns auch der erste Empfang nicht entgeht. Wir wären an Ort und Stelle,
also nur aufgepaßt!
[GS.01_025,02]
Der Anführer begrüßt das scheinbare Oberhaupt dieses Häuschens, d.h. den
Allervernünftigsten, und zugleich den Vorsteher und Lehrer der andern zehn
Personen, die ihr in seiner Gesellschaft erschauet. – Wie lautet der Gruß?
Höret ihn: Überaus weiser Mann, der du die Dinge vom rechten Standpunkt aus
betrachtest und wohl erkennest mit der scharfen Spitze deiner Vernunft, was da
recht und unrecht, billig und unbillig und wohlgeordnet und unwohlgeordnet ist.
Wir haben in eine weite Ferne hin vernommen, welch ein weiser Mann du bist,
daher sind wir hierher gezogen, uns bei dir über so manches besseren Rat zu
holen!
[GS.01_025,03]
Der Vernunftpräses spricht dagegen: In dieser Hinsicht seid ihr mir völlig
willkommen; was in meinen Kräften steht, will ich euch gerne helfen, jedoch
nicht über die Kräfte hinaus. Ihr wisset und werdet es erfahren haben, daß
meine Schätze nicht etwa in Gold und Silber und aller Art edlem Gesteine
bestehen; auch werden bei mir keine Mahlzeiten und mit wohlschmeckenden Speisen
besetzte Tafeln geboten. Was ich aber habe, nämlich den Sieg der reinen
Vernunft, davon sollet ihr schöpfen, soviel ihr wollt. Ihr könnt versichert
sein, daß euch diese Schätze glücklicher machen werden, als so ihr im
Vollbesitze wäret von allen geträumten sogenannten himmlischen Herrlichkeiten,
die da an und für sich nichts sind als heimlich ausgesprochene Bedürfnisse
eines mit dem Gegebenen unzufriedenen Geistes. Ihr wisset, daß der Raum
unendlich ist und der Mensch in diesem Raume denkt. Wer seine Gedanken ins
Unendliche trägt, der vergißt fürs erste, daß er selbst nur ein endliches Wesen
ist, und fürs zweite beachtet er nicht und wird nicht gewahr, daß für ihn aus
solchen Gedanken am Ende nichts als eine beständige Unzufriedenheit, daher eine
stets größere Forderung von unerreichbaren Gütern und aus dieser endlich auch
ein immerwährend unglückseliger Zustand erwächst, welchen die menschliche
Torheit nur durch weit gedehnte und groß gemachte leere Hoffnungen blindlings
sättiget. Sonach ist denn auch der Himmel nichts anderes als solch ein
geträumtes Gut und dient bloß zur Sättigung der Einbildungskraft der mit dem
Gegebenen unzufriedenen Geister.
[GS.01_025,04]
Nur die reine Vernunft bemißt die wahren Grenzen der Bedürfnisse ihres
subjektiven Wesens und verlangt dann von aller Objektivität nur das richtige
Maß ihrer eigenen Beschränktheit, und dieses Maß heißt die volle Zufriedenheit.
Wer mit dem zufrieden ist, was er nach dem richtigsten Maßstabe seiner eigenen
Beschränktheit am Wege der reinen Vernunft erkennt, der hat den wahren Himmel
gefunden und wird sich sicher ewig nie einen andern wünschen, weil er klar
einsehen wird, daß für das Maß seiner eigenen Beschränktheit nichts anderes
taugt als das, was eben diesem Maße als völlig ebenmäßig entspricht.
[GS.01_025,05]
Auf diese weise Rede spricht wieder der Anführer (Bote): Wir erkennen schon aus
dieser deiner kurzen Vorbemerkung, daß du dir den Sieg der reinen Vernunft
vollkommen zu eigen gemacht hast; daher wagen wir auch, mit großer Zuversicht
auf deine Weisheit, dir unser Anliegen vorzutragen. Der Vernunftrepräsentant
spricht: Willkommen sei mir alles, worin ich euch immer dienen kann, daher
sprechet ganz frei und ungehalten euer Anliegen aus! Der Anführer (Bote)
spricht: So höre denn! In der Gesellschaft, von der wir abgesandt worden sind,
um uns bei dir besseren Rat zu holen, hat sich ein großer Streit über die
Notwendigkeit und Nichtnotwendigkeit des Lichtes erhoben. Die Gründe für das
Licht sind so triftig als die gegen das Licht, und wir können durchaus nicht
entscheiden, welche Partei da recht hat. – Der Vernunftrepräsentant spricht:
Lasset einige solche Gründe und Gegengründe hören, und ihr könnet versichert
sein, daß mein Urteil den Nagel auf den Kopf treffen wird.
[GS.01_025,06]
Der Anführer spricht: So höre denn! Ein Grund für das Licht lautet: Was wären
alle Dinge ohne Licht? Sie wären so gut, als wenn sie nicht wären. Ferner sei
das Licht das Grundprinzip aller Wirkung und somit auch alles Denkens; denn
ohne das Licht als die alles bewegende und erregende Kraft wäre nie etwas
entstanden und somit auch kein vernünftig denkendes Wesen; denn das Licht sei
ja auch das Grundprinzip der Vernunft und ist im geistig reinsten Zustande die
reine Vernunft selbst. – Siehe, das ist der Grund für das Licht.
[GS.01_025,07]
Der Gegengrund aber lautet: Nachdem das Licht offenbar aus der Finsternis
hervorgegangen ist, und somit vor dem Lichte nur ein gänzlich lichtloser
Zustand die ganze Unendlichkeit durchdrang, so läßt sich fragen, ob die
Unendlichkeit im lichtlosen Zustande weniger Unendlichkeit war als nun im
lichtvollen. – Ferner lautet der Gegensatz: Es ist jedermann bekannt, daß das
Inwendige der Weltkörper zuallermeist vollkommen lichtlos ist; und dennoch findet
sich die Materie in solchem lichtlosen Zustande ebenso und noch intensiver als
auf der Oberfläche eines Weltkörpers, der im Lichte schwimmt. So aber der ganze
Weltkörper seinem Inwendigen nach ohne Licht gar wohl bestehen kann, so
erscheine das Licht als eine pure Luxussache unter den Dingen der Natur. Ferner
lautet dieser Gegensatz: Solches wisse jedermann, daß er in der Nacht des
Mutterleibes gezeugt worden ist und hat in eben dieser Nacht das Leben
empfangen. Aus welchem Grunde muß denn dann das in der Nacht lebendig Gewordene
ans Licht hervorgehen? Wer solches nur ein wenig beachten möchte, der müßte auf
den ersten Augenblick einsehen, daß das Licht nicht nur gänzlich entbehrlich,
sondern auch den Dingen schädlich ist, weil sie sich an dasselbe gewöhnen und
dann offenbar unglücklich werden, so sie durch irgend einen Zufall dasselbe
verlieren. Sie sagen ferner noch hinzu: Wenn die Menschen durchaus blind
geboren wären, so hätten sie auch nie etwas wegen dem Verlust des Lichtes zu
sorgen, sei es doch für ein lichtgewohntes Auge das größte Unglück, blind zu
werden. Dagegen wenden freilich wieder die Gegner ein und sagen: In solch einem
blindglücklichen Zustande wäre dann ja zwischen einem Menschen und einem
Polypen im tiefen Meeresgrunde gar kein Unterschied; denn wenn ein Mensch keine
Dinge sehen würde, so könnte er sich auch nie irgend einen oder den andern
Begriff machen. In Ermangelung der Begriffe aber ließe sich dann eine große
Frage stellen, nämlich, wie es mit dem Denken aussehen möchte in Ermangelung
aller Begriffe und Formen desselben? Bezüglich des Unglückes zufolge einer
allfälligen Erblindung sprechen sich die Lichtverteidiger also aus: Wenn man
sie als ein Unglück betrachten will und dies als einen Mitgrund gegen das Licht
aufstellt, so kann man solches ja auch bezüglich der andern Sinne tun, welche
nicht vom Lichte abhängen. Um aber demnach jedem Unglücke zu begegnen, müßte
der Mensch vollkommen sinnenlos in die Nacht hineingeboren werden. Wie sich
aber das Denken eines sinnenlosen Menschen gestalten möchte, solches könnte man
am besten von einem Steine erfahren. – Siehe nun, hochweiser Mann, in solchem
Wirrwarr schwebt unsere große Gesellschaft. Wir hoffen mit großer Zuversicht,
daß du diesen Knoten lösen wirst.
[GS.01_025,08]
Der Vernunftrepräsentant spricht: Höret, meine schätzenswertesten Freunde! Das
ist ein überaus kritischer Fall, denn da hat eine jede Partei für sich recht.
Da aber zufolge der Erkenntnis der reinen Vernunft es nur ein Recht und nicht
zwei Rechte gibt, so wird es hier ziemlich schwer sein, zwischen diesen zwei
unrechten Rechten das rechte Recht zu bestimmen. Wir werden dieses nur dann
finden, wenn wir unsere eigene Wesenheit als ein individuelles Dasein in die
gerechten Schranken ziehen, und so höret denn! Wir wollen hier Grundsätze
aufstellen und aus diesen Grundsätzen dann ein rechtes Resultat folgern. Um
aber solches tun zu können, müssen wir zuerst ein Nichtdasein, ein
konsumierendes Dasein und ein freies, denkendes Dasein voraussetzen. Ein
Nichtdasein bedarf auch nichts; also keine Konsumtion. Ein bloß
natürlich-konsumierendes Dasein setzt schon durch sein Dasein notwendig voraus,
daß es nur da ist durch eine ihm entsprechende Konsumtion. Ein solches Dasein
hat die ganze Materie, welche sowohl in der Nacht als im Lichte bestehen kann.
Da aber der Mensch ein denkendes und sich selbst frei bestimmendes Wesen ist,
so setzt ein solch höheres Dasein auch eine solche Konsumtion voraus, welche
diesem Dasein entspricht, und der zu konsumierende Stoff kann da kein anderer
sein als – das Licht. Und so bedarf das Nichtdasein vollkommen nichts; ein bloß
konsumierendes Dasein als ein Produkt der Nacht braucht auch nichts als seine
seinem Dasein vollends entsprechende Kost; und ein helles, freidenkendes Dasein
bedarf dann auch notwendig derjenigen Kost, welche das Prinzip seines Daseins
ist. So genügt jedes Prinzip seinem Produkte und muß notwendig für dasselbe da
sein, und geht demnach aus dem Nichtdasein ein Nichtdasein, aus dem Dasein der
Nacht ein Dasein des Nächtlichen und aus dem Dasein des Lichtes ein Dasein des
dem Lichte Verwandten hervor. Insofern dann der Mensch zufolge seiner reinen
Vernunft erkennt, daß er notwendigerweise dem Lichte entstammt, so muß er auch
erkennen, daß das Licht in dieser Hinsicht ein ihm notwendiges Substrat ist;
inwieweit er sich aber bloß als einen tierischen Konsumenten erschaut und sich
selbst ein höheres, freidenkendes Leben streitig machen kann und kann sich
wieder bilden zu einem Embryo im Mutterleibe, bedarf er des Lichtes nicht. Ein
Nichtdasein aber bedarf weder des einen noch des andern. Und sehet nun, meine
lieben Freunde, da ist der unumstößliche Grund fürs Licht so klar als möglich
vor euere Augen und Ohren gestellt.
[GS.01_025,09]
Der Anführer spricht: Höre, weiser Mann! Wir haben deine überragende Vernunft
aus deiner Äußerung wohl erkannt und wissen nun genau, wie wir daran sind, aber
nur ein einziger Punkt ist noch im Hintergrunde, und da wissen wir uns noch
nicht einen vollgültigen Bescheid zu geben. Dieser Punkt besteht darin,
nämlich: Warum benötigen auf den Erdkörpern all die zahllosen vegetativen
Produkte samt dem zahllosen Tiergattungsreiche zuallermeist des Lichtes zu
ihrer Vegetation und zu ihrem tierischen Gedeihen? Es ist allen Naturgelehrten
nur zu bekannt, daß in einem gänzlich lichtlosen Raume beinahe keine Vegetation
vonstatten geht, und die Tiere in gänzlich lichtlosen Räumen gar bald erkranken
und gänzlich zugrunde gehen. Und dennoch scheinen sie nach deinem Ausspruche
keine notwendigen Konsumenten des Lichtes zu sein, indem sie durchaus keine
denkenden Wesen sind, und auch zur gründlichen Folge ihrer scharf beurteilten
Wesenheit nicht sein können. Diesen Einwurf machen wir ja nicht, als wollten
wir dadurch deine reine Ansicht bemängeln, sondern um uns selbst aus jeder uns
erwartenden Schlinge zu ziehen.
[GS.01_025,10]
Der Vernunftpräses spricht: Mir ganz willkommen dieser Einwurf; wir wollen ihn
sobald vor das helle Richteramt der reinen Vernunft ziehen, und so höret denn!
Vermöge der notwendigen Stummheit in Hinsicht der eigenen Existenz würden diese
Dinge sowenig des Lichtes bedürfen, als dessen bedarf der finstere Mittelpunkt
eines Weltkörpers. Da aber neben ihnen auch wir als Produkte des Lichtes
existieren, so können wir doch unmöglich den umgekehrten Schluß annehmen, daß wir
ihretwegen da sind, sowenig, als irgendein Mensch sagen kann: Ich bin da, damit
dieses Haus von mir bewohnt wird und ich demselben diene, sondern daß das Haus
des Menschen wegen da ist, aber nicht der Mensch für das Haus. Wenn uns demnach
aber das Licht gezeugt hat, so mußte es ja doch notwendig voraus diejenigen
Bedingungen aus sich aufstellen, welche zu unserer lichtverwandten Existenz
notwendig sind. Und so bedürfen die von euch ausgesprochenen Dinge auch
notwendig des Lichtes, damit sie unserem lichtverwandten Bedürfnisse zur
Konsumtion dienen können. Ich meine aber hier etwa nicht die Konsumtion des
tierischen Magens, der auch in einer finsteren Kammer gesättigt werden kann,
sondern die höhere Konsumtion des Geistes, der sich nur an den Begriffen und
Formen, die gleich ihm dem Lichte entstammen, sättigen kann. Ein Baum im
Mittelpunkte der Erde wird dem Geiste mit all seinen Früchten so lange zu
keiner Sättigung dienen bevor er nicht selbst ans Licht gebracht und dem Lichte
verwandt wird. Seht, meine lieben Freunde, da habt ihr euren zweifelhaften
Punkt gelöst. Sollte euch noch etwas dunkel sein, so wollet es nur ganz
offenherzig kundgeben!
[GS.01_025,11]
Der Anführer spricht: Geschätzter, hochweiser Mann! Nachdem du allerrichtigst
dein Urteil für das Licht ausgesprochen hast, so wirst du mir auch eine Frage
in bezug auf dich selbst gütigst gestatten wollen. Diese Frage lautet: Worin
liegt denn wohl der Grund, demzufolge du als weisester Licht-Rechtsprecher dir
deine Wohnung in diesem ganz lichtabseitigen Winkel errichtet hast?
[GS.01_025,12]
Der Vernunftrepräsentant spricht: Der Grund ist weiser, als du ihn zu fassen
vermagst. Wenn wir die Dinge im Lichte schauen wollen und sie rein beleuchtet
voneinander unterscheiden, so müssen wir den mathematisch richtigen Grundsätzen
der Optik zufolge uns selbst nicht ins Licht stellen, sondern auf einen Punkt,
der hinreichend beschattet ist. Dadurch wird unser Sehvermögen gestärkt und die
uns gegenüberstehenden Objekte werden wir also in den schärfsten Umrissen erblicken!
So du aber deine Augen gegen das Licht wendest, so werden sie von selbem
geblendet, und du wirst die Gegenstände dunstig, unrichtig erblicken, und wirst
dich stets mit deren Schattenseite begnügen müssen. Und so ist meine Wohnung
nur dem leuchtenden Körper, nicht aber dem praktischen Lichte abgewandt. Aus
diesem kannst du ersehen, daß meine Wohnung nicht lichtabseitig, sondern nur
dem dienstbaren Lichte allerwohlberechnetst zugewandt ist. – Wenn du noch
andere Anstände findest, so sollst du an mir allzeit den unermüdet
bereitwilligsten Mann finden, der dich in allem, was nur immer in seinem
Vermögen steht, zufriedenstellen wird.
[GS.01_025,13]
Und der Anführer fragt den Vernunftpräses und sagt: Ich habe nun wieder
ersehen, wie du alles nach den wohlberechnetsten Grundsätzen denkst, sprichst
und handelst; und so habe ich noch eine große Lust, von dir zu erfahren, warum
du dich als Lichtkostverteidiger in solch einer unwirtlichsten Gegend
angesiedelt hast, die für den tierischen Magen ebensowenig wie für den
geistigen darbietet. Ist es nicht jammerschade für dich, daß du dich nicht zum
wahren Segen vieler gar schwach vernünftiger Menschen in einer reicheren Gegend
niedergelassen hast, wo du selbst mehr Nahrung für deinen Geist finden würdest
und könntest dadurch auch für die schwachen Geister eine kräftige Kost aus den
vielfachen, deinem Geiste begegnenden Lichtstrahlen bereiten?
[GS.01_025,14]
Meine lieben Freunde! Über diesen Punkt eurer Frage soll euch sogleich ein
hinreichendes Licht gegeben werden. –
26. Kapitel –
Fortsetzung des Besuchs bei Stoikern.
[GS.01_026,01]
Der Vernunftpräses: Wie findet ihr euch hinsichtlich des Unendlichen? – Ihr
saget: Nicht anders als endlich und begrenzt. Sehet, ihr gebet in dieser
Antwort schon selbst den allgemeinen Grund an, warum ich mir diese Gegend zum
Aufenthalt erwählt habe. Ich sage euch darum: Wahrhaft weise ist nur derjenige,
der die Grenzen seiner Vernunft gefunden hat und erkennt dann mit dieser seiner
Vernunft, wieviel da not tut zu der Sättigung seines Geistes. Diese Gegend hier
entspricht den wohlerkannten Grenzen meiner Vernunft ganz genau, und ihr
Wahlspruch daraus lautet: Begnüge dich allezeit mit dem, was deiner
Beschränktheit entspricht; überschreite nie den Kreis deiner Erkenntnisse und
erkenne und finde dich selbst in diesem deinem Kreise, so hast du das Glück
deines Lebens im vollkommensten, dir am meisten zusagenden Grade gefunden.
Sehet, aus dem Grunde ist diese Gegend, die ihr für sehr unwirtlich findet, für
mich vollkommen passend, weil sie nicht mehr bietet, wie gerade nur so viel,
als den Grenzen meiner Vernunft entspricht. Wenn ich demnach irgend jemandem
nützlich sein kann, so kann ich solches ja nur innerhalb des Horizontes meiner
Erkenntnisse; außerhalb desselben müßte ich ein Laie sein und wäre außerstande
gesetzt, jemandem auch nur im geringsten nützlich sein zu können. – Aus diesem
nun könnt ihr ersehen, warum ich mir gerade diese Gegend und keine andere zum
Aufenthalt erwählt habe. So ihr aber etwa meinen würdet, mich könnte allenfalls
eine Weisheitseitelkeit bestechen, um vor anderen als ein Licht zu glänzen, da
würdet ihr euch an mir sehr gewaltig irren. Denn mein unerschütterlicher
Grundsatz lautet also: So du jemandem nützen willst, da erkenne wohl die ganze
Sphäre, da du ihm nützen möchtest; kennst du aber die Sphäre nicht, da bleibe
mit deiner Philanthropie hübsch zu Hause, denn wer mehr geben will, als er hat,
der ist entweder ein Narr oder ein Betrüger.
[GS.01_026,02]
Der Anführer spricht: Unser allerschätzbarster Freund! Du hast schon wieder
überaus weise gesprochen, und wir können dir durchaus keine Einsprache tun; nur
ein Punkt kommt uns etwas dunkel vor. Und da du bisher schon so gefällig warst,
uns zu berichtigen und unsere Anliegen vollgültig aufzuklären, so wirst du
schon auch so gütig sein und uns gestatten, daß wir uns auch über diesen Punkt
bei dir Rat holen.
[GS.01_026,03]
Und der Vernunftpräses spricht: Liebe Freunde, solange ihr auf diesem meinem
Territorium euch befindet, könnt ihr mir jede Frage stellen und könnt versichert
sein, daß ich euch über jeden Punkt eine für diesen meinen Bezirk vollgültige
Aufklärung zu geben imstande bin. Und so gebet mir denn euren zweifelhaften
Punkt kund.
[GS.01_026,04]
Der Anführer spricht: Du hast in deiner weisen Erörterung über eine bestimmte
Begrenzung deines Erkenntnishorizontes gesprochen, und es sei durchaus unweise,
sich über diesen Horizont hinauszuschwingen. Das letzte ist uns begreiflich,
denn wahrlich, niemand kann über seine Kräfte etwas tun, und will er solches,
so ist er schon sicher insoweit ein Tor, insoweit er solche seine Grenzen
überschreiten will. Aber siehe, als du geboren wardst, da hatte deine Vernunft
sicher nicht einen so weit ausgedehnten Horizont, als sie ihn eben jetzt hat.
Du mußtest also den kleinen Horizont deiner Erkenntnisse offenbar stets mehr
und mehr erweitert haben, auf daß du durch solches Erweitern deinen
Erkenntnishorizont bis zum gegenwärtigen erstaunenswürdigsten Umfang getrieben
hast, und es läßt sich demnach fragen, ob solch ein Horizont schon als ein
vollends fixierter oder als ein einer noch größeren Erweiterung fähiger
anzusehen ist. Ich meinesteils bin der Meinung: wenn das Begrenzte seinen
Horizont noch so weit hinaustreibt, so wird es deswegen noch immer ein
Begrenztes bleiben und wird nie Gefahr laufen, die Unendlichkeit zu erfüllen.
[GS.01_026,05]
Der Vernunftpräses spricht: Liebe Freunde! Ihr habt hier einesteils recht,
einesteils wieder unrecht. Wenn der Mensch sich selbst gegeben hätte, so könnte
er sich auch so viel geben, als er wollte; denn er hätte im Unendlichen keinen
Mangel gefunden, und somit stünde es auch bei ihm, seinen Erkenntnishorizont
nach seinem Belieben unablässig zu vergrößern. Da aber der Mensch nicht ein
sich selbst Gebendes, sondern ein Gegebenes ist, so ist auch sein Horizont ein
gegebener. Wenn ihr auf einem Erdkörper beispielsweise nur einen Apfel
betrachtet, so werdet ihr sehen, daß er von seinem Ursprunge an gleich nach dem
Abfalle der Blüte seinen Horizont stets mehr und mehr vergrößert. Hat er aber
einmal seine Vollreife erlangt, da könnet ihr dem Apfel vorpredigen wie ihr
wollt, und er wird euch durch seinen Stand nichts anderes sagen können als: Bis
hierher und nicht weiter! Denn mein Maß ist erfüllt. Warum aber würde euch der
Apfel eine solche Antwort geben? Weil er ebenfalls ein Gegebenes, aber nicht
ein sich selbst Gebendes ist. Möchtet ihr nun den Apfel weiter
auseinandertreiben, so würdet ihr ihn offenbar zerstören müssen. – Und sehet,
ganz derselbe Fall ist es mit dem Menschen. Er ist ein Gegebenes und kein sich
selbst Gebendes; somit ist auch sein Reifebezirk ein gegebener. Der, welcher
diesen Bezirk erreicht und dann in sich erkennt, daß dies sein gegebener Bezirk
ist, der ist in sich selbst als das, was er ist, so vollkommen als möglich.
Bleibt er innerhalb dieses Bezirkes, denselben nicht ausfüllend, so ist er ein
verkrüppelter Sklave seiner selbst und wird nicht einmal für sich selbst eine
hinreichende Tüchtigkeit haben. Wer sich aber über seinen gegebenen Bezirk
aufblähen will, der ist ein hochmütiger Tor und richtet sich selbst zugrunde,
und es wird mit ihm nichts anderes sein als mit einer hohlen Kugel, die mit
Pulver gefüllt und angezündet würde, wodurch dann wohl die Oberfläche der Kugel
auseinandergerissen wird und die Teile ihrer Oberfläche in einen weiten
Horizont hingehoben werden. Aber fraget euch selbst, wie es nach solch einem
Akte mit der Totalität der Kugel steht?
[GS.01_026,06]
Der Anführer spricht: Wir haben gegen deine Äußerung im Grunde abermals nichts
einzuwenden, denn sie ist an und für sich vollkommen richtig. Aber du, lieber
Freund, stellst deine Antworten immer sicherlich absichtlich weise also, daß
wir darin stets einen neuen Anhaltspunkt finden, über den wir uns bei dir
ferneren Rat zu holen für notwendig finden. So hast du dich in dieser deiner
weisen Erörterung darüber ausgesprochen, daß der Mensch wie auch alles andere
Begrenzte ein Gegebenes und nicht ein sich selbst Gebendes ist. Wenn es aber
sicher also der Fall ist, so fragt es sich ja offenbar, wer da der Geber ist;
denn das Gegebene setzt einen Geber so sicher voraus, als was immer für eine
Erscheinung ihren entsprechenden Grund. Und so möchten wir denn wohl von dir
uns über den Geber einen näheren Aufschluß erbitten.
[GS.01_026,07]
Der Vernunftpräses spricht: Liebe Freunde! Was da den Geber betrifft, so steht
derselbe über dem Horizont unserer Erkenntnisse, und wir haben alles getan, so
wir uns als gegeben erkannt haben. Wollen wir aber den Geber erforschen, so tun
wir nichts anderes, als so wir mit einem Zirkel in der Hand möchten den Kreis
der Unendlichkeit bemessen. Solches ist sicher wahr, weil sich über einen
bestimmten Kreis ins Unendliche fort größere Kreise denken lassen, mit denen
der engste Kreis Ähnlichkeit hat. Wenn aber dieser engste Kreis solle einem
größeren über sich vollends gleich werden, so wird er zuvor zerrissen werden
müssen, seine viel kürzere Linie nach der Rundung des größeren Kreises
ausgestreckt und mit derselben gleichlaufend gemacht. Solches läßt sich wohl
tun; aber die Erfahrung wird es zeigen, daß die also ausgestreckte Linie des
engsten Kreises vielleicht kaum den tausendsten Teil einer bedeutend größeren
Kreislinie berühren wird; und so wird ihr auch nur dieser Teil gleichlaufend
werden, alle anderen Tausendteile aber werden für diese viel kürzere Linie
dennoch für ewig unerreichbar bleiben. – Und sehet, in diesem Beispiele haben
nur zwei begrenzte Kreise miteinander zu tun. Nun nehmet aber diesen engsten
Kreis und messet mit seiner ausgestreckten Kreislinie den unendlichen,
unbegrenzten Kreis und fraget euch darnach selbst, als was eine solche Arbeit
oder ein solches Unternehmen von seiten unserer Vernunft betrachtet werden
müßte. Ich meine, eine größere Torheit kann im menschlichen Gehirne nicht
gedacht werden; – und also ist es auch, so wir den unendlichen Geber erforschen
wollten, wer Er ist. Und so ist es, wie ich ehedem gesagt habe, für jeden
Menschen genug, wenn er sich als ein bestimmt Gegebenes erkennt und somit auch
sein Erkenntnis-Grenzgebiet. Was aber den Geber betrifft, so geht dieser den
Gegebenen nicht im geringsten an, indem er offenbar endlos erhaben sein muß
über alles Gegebene. Was sollte aus einem Apfel wohl noch werden, wenn er seine
Reife erlangt hat, was aus einem Kreise, wenn die von einem Punkte ausgehende
Linie sich selbst wieder erreicht hat? – Er bleibe das, was er ist, so wird er
vollkommen sein als das, als was er gegeben wurde.
[GS.01_026,08]
Der Anführer spricht: Du hast uns jetzt über alles den richtigen Bescheid
gegeben; aber wir hätten dessen ungeachtet noch eine Frage an dich und diese
lautet also: In der Gegend, da wir her sind, wird von dem sogenannten besseren
Teile fortwährend die Liebe zu Gott gepredigt, und wir wissen nicht, was man
damit sagen will auf dem Wege deiner weisen Art; denn wir verstehen unter Liebe
ein Ergreifen und Ansichziehen. Wie kann aber ein begrenztes Wesen oder eine
begrenzte Kraft eine unbegrenzte Kraft ergreifen und an sich ziehen?
27. Kapitel –
Überwindung und Erlösung eines weisen Stoikers.
[GS.01_027,01]
Der Vernunftpräses spricht: Liebe Freunde, bei dieser Frage ist eine gehörige
Unterscheidung als vorangehend notwendig, um darauf eine gültige Antwort geben
zu können. Vorerst muß der Begriff ,Liebe‘ vollkommen der Vernunft gemäß
erörtert sein, dann erst wird man daraus ersehen können, wie sich solcher
verhält zu sich selbst und zu alledem, was ihn umgibt. Der Begriff ,Liebe‘ ist
nichts anderes und kann unmöglich etwas anderes sein als ein sich
aussprechendes Bedürfnis, dessen Grund offenbar nichts anderes sein kann als
der Mangel an dem, wonach sich das Bedürfnis ausspricht. Das Bedürfnis gleicht
einem Hunger. Wenn ein Mensch einen starken Hunger hat, so hat er einen so
ungeheuren Appetit, daß er in sich gewisserart eine Überzeugung trägt, er müsse
wenigstens eine Welt verzehren, bis er sich seinen Hunger gestillt haben wird.
Was aber sagt die wirkliche Erfahrung zu dieser phantastischen Vorstellung?
Nichts anderes als: Du hungriger Mensch, verzehre nur ein einziges Pfund Brot,
und du wirst hinreichend gesättiget sein! – Sehet, ein ganz ähnlicher Fall ist
es mit dem mehr geistigen Bedürfnisse unter dem Begriffe ,Liebe‘. Der
liebehungrige Mensch ist der Meinung, er müsse den Magen seines Herzens mit der
ganzen Unendlichkeit anfüllen, bis er gehörig gesättiget wird. Worin aber liegt
der Grund dieses irrwähnigen Verlangens? Der Grund liegt in nichts anderem als
in der Nichtsättigung des eigenen Erkenntnishorizontes, wodurch dann
notwendigerweise eine Leere die andere nach sich zieht, ein Mangel den anderen,
und somit ein Bedürfnis das andere. Die Liebe begehrt Sättigung. Da sie aber
ein pur mechanisches Begehrungsvermögen des Geistes ist, so wohnt in ihr auch
nicht die Fähigkeit, zu beurteilen, was es zur Sättigung begehren soll. Da sich
aber eben durch dieses Begehrungsvermögen eine Leere in der Erkenntnis
ausspricht, so kann da ja auch diese Erkenntnisleere, was ebensoviel als gar
keine Erkenntnis heißt, den zu seiner Sättigung notwendigen Stoff nicht
beurteilen. Bei solcher Gelegenheit wenden sich dann solche Hohlköpfe mit ihrem
blinden Begehrungsvermögen freilich wohl an das Gebiet des Unendlichen und sind
der Meinung, aus diesem ewigen Füllhorne werde ihnen das Mangelnde gleich den
sogenannten gebratenen Vögeln in den Mund fliegen. – Wie leer aber solch eine
wahrhafte Wahnmeinung ist, ist ja daraus mit den Händen zu greifen, daß solche
,Unendlichkeitsliebhaber‘ anstatt irgendeiner vollkommenen Sättigung nur einen
stets größeren Hunger bekommen, was auch ganz natürlich ist, und zwar durch ein
naturmäßiges Beispiel ersichtlich klar. – Nehmet ihr nur einen naturmäßig
hungrigen Menschen, der voll Hungers neben einem Brotkorbe sitzt, dabei aber
seinen Mund in den unendlichen Raum hin stets weiter und weiter aufsperrt und
tut, als wollte er die ganze Erde, die Sonne und den Mond und das ganze gestirnte
Firmament verschlingen, des Brotes aber an seiner Seite achtet er nicht. Da ist
es ja dann offenbar, daß er mit solch einem Unendlichkeitsappetite von Stunde
zu Stunde hungriger wird, und wenn er nicht bald nach dem Korbe greift, am Ende
gar dem Verhungern preisgegeben ist. Aus diesem aber könnt ihr, meine geehrten
Freunde, ja nun ohne weitere Erörterung gar leicht entnehmen, welch eine
Bewandtnis es mit der sogenannten ,Gottesliebe‘ hat. Die wahre Gottesliebe kann
demnach ja nichts anderes sein und in nichts anderem bestehen, als daß ein
jeder gegebene Mensch den ihm gegebenen Horizont seiner Erkenntnisse erfüllen
soll. – Diese Erfüllung aber kann unmöglich eher vor sich gehen, als dann nur,
so der Mensch sich selbst und somit seinen ihm gegebenen Kreis erkannt hat. Um
aber solches zu können, muß der Mensch sorgfältigst alle Hindernisse aus dem
Wege räumen, sich von allen äußeren, kleinlichen Bedürfnissen lossprechen und
dann sich in seinen eigenen Mittelpunkt begeben, von welchem aus es ihm dann erst
möglich wird, seinen ganzen Horizont zu überblicken und diesen dann auszufüllen
mit dem, was ihm gegeben ist. – Hat er das ausharrend, und in allem Albernen
sich selbst verleugnend, zuwege gebracht, dann hat er auch seine Liebe oder
sein begehrendes Bedürfnis vollkommen gesättigt. – Was er von alledem verdauen
wird, das wird er leichtlich sobald mit der eigenen, ihm gegebenen Fülle
ersetzen; und solches ist dann – vom Standpunkte der reinen Vernunft aus
betrachtet – eine vollkommene und gesättigte Liebe, die sich nicht mehr als ein
Hunger, sondern stets als eine erfreuliche Sättigung ausspricht. Sehet nun, das
ist meine für meinen Horizont möglichst klarste Ansicht; könnt ihr jedoch
derselben etwas einwenden, so könnt ihr, wie gesagt, solches ebenso frei tun,
als wie frei ich jedem Einwurfe zu begegnen imstande bin.
[GS.01_027,02]
Der Anführer spricht: Lieber Freund! Du hast deine Antwort gut bemessen, und
wir können ihr im Grunde nichts entgegen stellen. Da du uns aber ferner zu
reden gestattet hast, so wollen wir uns noch in einer gar außerordentlichen
Hauptsache mit dir beraten; und so wolle uns denn anhören!
[GS.01_027,03]
Siehe, bei uns wird noch etwas anderes hauptsächlich gelehrt, und gegen diese
Lehre will sich niemand stemmen; dessen ungeachtet aber wissen wir nach deiner
Art dennoch nicht, was wir daraus machen sollen. Diese Lehre aber besteht
darin:
[GS.01_027,04]
Gott oder das allumfassende Kraft- und Machtprinzip habe Sich Selbst in Seinem
Zentrum ergriffen, habe im selben einen Kulminationspunkt aller Seiner
unendlichen Kraft und Macht gebildet, und sei dann als eben solcher
Kulminationspunkt aller göttlichen Wesenheit in menschlicher Form, und zwar in
der Person eines gewissen Jesus Christus, auf dem Planeten Erde aufgetreten,
habe da Selbst gelehrt, sei unter den Menschen als Seinen Geschöpfen wie ein
Bruder zu ihnen gewandelt und habe Sich am Ende gar – aus übergroßer Liebe zu
Seinen Geschöpfen – von ihnen dem angenommenen Leibe nach töten lassen!
[GS.01_027,05]
Zum Beweise Seiner Göttlichkeit wirkte Er Dinge und Taten, welche keinem
Menschen möglich sind, erweckte Sich nach drei Tagen Selbst vom Leibestode und
fuhr dann im Angesichte vieler wieder in Sein göttliches Zentrum zurück!
[GS.01_027,06]
Er lehrte auf der Welt oder vielmehr auf dem Planeten Erde die Menschen nichts
anderes, als daß sie Ihn über alles lieben sollten und verhieß denen, die
solches tun, Sein Reich, welches da bestehen soll in der stets tieferen
Erkenntnis Gottes, in der stets wachsenden Liebe zu Ihm und in der aus der Erkenntnis
und Liebe entspringenden unaussprechlich wonnigsten Seligkeit, welche das ewige
Leben in Gott genannt wird. –
[GS.01_027,07]
Und siehe, diese Sache ist nicht so leer als du glaubst. In der Gegend, da wir
her sind, wohnt derselbe Christus; und wie wir uns noch allzeit auf das Klarste
und Lebendigste überzeugt haben, gehorcht Ihm alle Kreatur in der ganzen
Unendlichkeit. Es bedarf von Seiner Seite nur eines Winkes, und zahllose
Weltenheere sind aus dem Dasein verschwunden, und wieder eines Winkes, und zahllose
Heere erfüllen wieder die endlosen Tiefen des ewig unendlichen Raumes. Was
sagst du nun zu diesem unserem Anstande, den wir dir in dieser deiner Sphäre
eröffnet haben?
[GS.01_027,08]
Der Vernunftpräses spricht: Wenn eure ganze Erzählung kein Hirngespinst ist, so
liegt bezüglich des sich Ergreifens der unendlichen Macht und Kraft in
irgendeinem Zentrum gerade nichts Unmögliches, da von einem jeden gegebenen
Punkte ausgehend unendliche Linien denkbar sind. Aber bezüglich der
Menschwerdung dieses göttlichen Kraft- und Machtzentrums ließe sich wohl so
manches einwenden, obschon die reine Vernunft solches eben nicht als einen
völligen Widerspruch aufnehmen kann. Daß aber dieses Wesen dann hauptsächlich
die Liebe zu Ihm gelehrt hat, dieses erscheint dem reinen Denker von seiten des
göttlichen Wesens wie ein barster Egoismus. Nehmen wir aber bei dem göttlichen
Wesen oder bei der sich selbst konzentrierten Urkraft das egoistische Bedürfnis
an, so hört sie fürs erste auf, absolut zu sein; und ließe sich solches
bestreiten, so steht aller Wesenheit die gänzliche Vernichtung bevor.
[GS.01_027,09]
Es muß demnach mit dieser Liebe eine andere Bewandtnis haben, und das göttliche
Zentrum kann sich dann gar wohl in der menschlichen Form äußern. Wenn es aber
mit dieser von euch dargestellten Liebe nur die hungernde Bewandtnis hat, so
müßt ihr es ja doch mit den Händen greifen, in welchen Händen sich da die ganze
Wesenheit aller Dinge befinden dürfte, wenn die unendliche Macht und Kraft
gleichsam notgedrungen sich an ihnen sättigen sollte.
[GS.01_027,10]
Da ihr mir aber von diesem Christus ferner ausgesagt habt, daß Er gewisserart
zufolge Seiner Verheißung Sich als die allzeit aussprechende Allmacht und
Allkraft unter euch wirkend befinde, so müßt ihr solches doch offenbar
einsehen, daß ich aus diesem meinem gegebenen Kreise weder dafür noch dagegen
etwas sagen kann. Es kommt bei dergleichen Sachen allzeit auf die eigene
Erfahrung an.
[GS.01_027,11]
Könnte ich diesen Christus oder das vermenschlichte göttliche Zentrum selbst
schauen, so wüßte ich dann auch ganz sicher, wieviel daran gelegen ist; so aber
müßt ihr euch, meine geehrten Freunde, mit dem Gesagten begnügen. – Könnet ihr
aber diesen Christus hierher zu mir bringen, so könnt ihr versichert sein, daß
ich Seine Wesenheit, soviel es in meiner Sphäre steht, nicht unklug beurteilen
werde; nur über meine Sphäre soll nichts gestellt sein!
[GS.01_027,12]
Der Anführer spricht: Setzen wir den Fall, dieser Christus als das liebevollste
Wesen würde hierherkommen und hieße dich Ihm folgen; was würdest du dann tun?
[GS.01_027,13]
Der Vernunftpräses spricht: So Er das ist, und ich Ihn als das erkenne, was ihr
von Ihm ausgesagt habt, so läßt sich ja nichts Klareres denken, als daß die
endlos geringere Potenz der endlos größeren notwendig durch sich selbst
getrieben folgen muß, weil da kein Ausweg möglich und denkbar ist. – Verhält
sich aber die Sache nicht also, da ist es dann ja auch klar, daß ich aus meiner
Sphäre nicht eigenmächtig treten kann, weil ich samt meiner Sphäre, wie schon
hinreichend erklärt, ein Gegebenes, aber nicht ein sich selbst Gebendes bin.
[GS.01_027,14]
Der Anführer spricht: So sehe denn her! – Ich bin der Christus! Was willst du
nun von Mir?
[GS.01_027,15]
Der Vernunftpräses spricht: So Du der Christus bist, so zeige mir solches, und
ich will Dir folgen. –
[GS.01_027,16]
Und Christus als der Anführer spricht: Es werde Licht in dieser Sphäre und du
öde Gegend werde zu einem Paradiese! –
[GS.01_027,17]
Nun sehet der Vernunftpräses fällt vor dem Herrn nieder und betet Ihn an und
spricht: Also ist es, daß Gott alle Dinge möglich sind! – – Herr! Da Du mir,
einem armseligen, durch sich selbst Verbannten also gnädig warst, so nehme mich
denn auf in Deinen Kreis!
[GS.01_027,18]
Aber lasse mich in Deinem Gnadenkreise der Allergeringste sein! Ich weiß, daß
Du meinen Horizont so erweitern kannst, wie Du mich selbst also, wie ich bin,
aus Dir gegeben hast; ich aber habe mich dieses Kreises angewöhnt als des
engsten einer lebendigen Sphäre, und so belasse mich denn auch in diesem Kreise
als den Allergeringsten unter all denen, die Du Deiner Gnade gewürdiget hast!
Glaube es mir, o Herr, und sehe es in meinem ganzen aus Dir gegangenen Wesen,
mein Geist war allzeit unfähig des Gedankens, Dich unendlichen Geber je in
Seiner Urwesenheit zu erschauen; da ich Dich nun aber also erschaut habe, so
sind auch durch diesen Anblick alle die größten Lebensbedingungen meines
Geistes erfüllt.
[GS.01_027,19]
Und der Herr spricht: Also folge Mir, und du sollst mitnichten der Geringste
allda sein, wo Ich bin unter Meinen Kindern! Doch nicht hier, sondern dort erst
sollst du in Mir den liebevollsten heiligen Vater erkennen! –
[GS.01_027,20]
Sehet nun, meine lieben Freunde, das ist noch eine der allerbesten Arten der
Erlösung eines solchen reinen Vernunftgeistes aus seiner Sphäre. Es gibt aber
deren eine gar große Menge in dieser euch beschaulichen Gegend, mit denen es
nicht so leicht geht wie mit diesem. Solches ist besonders dann der Fall, wenn
solche stoische Vernunftgeister auch noch, was eben nicht selten der Fall ist,
einen bedeutenden Grad gelehrten Hochmutes in sich vereinigen. Einer solchen
Bekehrung wäre es auch für euch nicht gut beizuwohnen; denn ihr könnt es gläubig
annehmen, daß da nicht selten mehrere hundert Versuche scheitern. – Und so
wollen wir auch diese Gegend wieder verlassen und uns in die Mittelschlucht
tiefer einwärts begeben. Und somit gut für heute! –
28. Kapitel –
Die Täler der Reichen, Gelehrten, Vernunft- und Verstandesmenschen.
[GS.01_028,01]
Sehet! da sind wir schon wieder auf dem ersten Standpunkte. Es graut euch wohl
ein wenig, euch da hineinzubegeben; allein so viel Raum hat die Schlucht noch
immerwährend zwischen schroffen Felswänden, daß wir recht bequem über den etwas
riffigen Weg werden ziehen können. Auf dem Wege dorthin werdet ihr viele enge
Talschluchten links und rechts entdecken. Zur linken oder mittägigen Seite
haben diese Täler ganz dieselbe Bedeutung, wie wir sie gesehen haben im ersten
Tale links, allda die Reichen der Erde wohnen. Der Unterschied besteht nur
darin, daß die Bewohner dieser tiefer liegenden Täler an Wohltaten stets ärmer
sind, obschon sie desto reicher waren auf der Erde an irdischem Vermögen.
[GS.01_028,02]
In den Tälern rechts ist die Wohnung für allerlei Gelehrte, Vernunft- und
Verstandesmenschen. In einem je tieferen und mehr im Hintergrunde gelegenen
Tale solche wohnen, desto mehr waren ihre Wißtümlichkeiten auf der Erde vom
Herrn entfernt. Und da ihr solches wisset, so können wir unsern Weg auch mit
gutem Erfolge beginnen und uns in jene Gegend begeben, allda ihr überaus
Wichtiges sollt kennen lernen. Und so denn gehen wir!
[GS.01_028,03]
Ihr fraget, woher wohl diese Wasser kommen, die aus diesen Tälern von beiden
Seiten her in diese enge Schlucht schießen und sich durch diese als ein
reißender Gebirgsbach hinaus ergießen in des großen Meeres Bucht? Diese Wasser
bedeuten die Wißtümlichkeiten und daraus entsprungenen Nutzwirkungen, welche
solche Menschen vermöge ihres Verstandes und Vernunftlichtes auf dem Wege der
Erfahrungen von der Naturmäßigkeit der Dinge entnommen haben. Die von der
rechten Hand herkommenden sind, wie ihr sehet, viel trüber. Solches bezeichnet
das viele Falsche, welches in all den gelehrten Wißtümlichkeiten vorhanden ist,
und die etwas weniger trüben von der linken Seite her bezeichnen, daß die
Reichen der Welt bei ihrem geringen wissenschaftlichen Reichtume aber dennoch
besser zu rechnen verstanden denn die eigentlichen nackten Gelehrten. Daß die
Wasser hier in dieser Schlucht zusammenstoßen, bedeutet, daß das Vermögen der
Wissenschaft und das Vermögen an den Schätzen der Welt sich allzeit vereinigen
und am Ende auf eins hinausgehen. Denn der Gelehrte sucht die Wissenschaft, um
durch sie weltschatzreich zu werden, der Weltschatzreiche aber sucht die
Wissenschaft, um mittels derselben sein Vermögen noch mehr zu erhöhen. Aus
diesem Grunde erschaut ihr auch, daß die Wasser von der Linken her bei weitem
nicht so stark brausen als die von der Rechten. Solches besagt auch noch, daß
der Weltschatzreiche sich stets auf eine politische Weise unter den Gelehrten
zu stecken weiß, um von dessen Gelehrsamkeit eines oder das andere für seinen
spekulativen Bedarf zu gewinnen. – Solches wüßten wir jetzt auch, und so können
wir wieder unsere Reise fortsetzen.
[GS.01_028,04]
Sehet, dort noch ziemlich weit im Hintergrunde steigt eine gerade, hohe
Steinwand auf. Da hat unser Talwerk links und rechts auch ein Ende. Zuweilen
öffnet sich diese Wand und bildet einen geräumigen Sprung. Wenn man zu der Zeit
hinzukommt, so kann man da weiterdringen; wenn man aber einen solchen Zeitpunkt
nicht trifft, so ist da kein Durchgang möglich. – Ihr fraget: Auch nicht auf
diese Weise, wie wir uns in der nördlichen Gegend auf die Berge gehoben haben?
– Ich sage euch: Hier auch auf diese Weise nicht, und zwar aus dem Grunde, weil
ihr noch Irdisches an euch habt. Wir werden aber ohnehin den Zeitpunkt
antreffen, wenn sich die Wand öffnen wird. Und da hinter der Wand sich sogleich
eine überaus große Ebene ausbreitet, so werden wir bis zur Zeit des
Sichwiederschließens der Wand leichtlich durch die ziemlich weite Spalte
kommen. – Und sehet, hier sind wir schon bei der Wand. Geduldet euch nur ein
wenig, und alsbald soll sie sich öffnen. Ich sage nun: Tue dich auf! – Und
schon trennt sich die mächtige Wand; nun ist die Spalte groß genug, also nur
hurtig durchgesetzt! Wir haben die Spalte glücklich passiert, und nun sehet
euch um, wie die Wand schon wieder fest geschlossen ist.
[GS.01_028,05]
Aber jetzt seht vorwärts in die Gegend, in der wir uns befinden; wie gefällt
sie euch? Ihr saget: Was ist das für eine Frage? Wie soll uns diese Gegend
gefallen, in der es so finster ist, daß wir offenbar weiter greifen als sehen.
Wir müssen uns bloß an dich anhalten, sonst wären wir offenbar verloren, denn
wir sehen ja nicht einmal den Boden, den wir betreten, und wissen daher nicht,
auf was wir gehen, sind es Steine, Sand, Unflat oder Gewässer. Denn, wie
gesagt, wir sehen hier nichts, nicht einmal dich und uns selbst.
[GS.01_028,06]
Ja, meine lieben Freunde, hier ist es denn einmal so. Ihr fraget mich, ob auch
in dieser Gegend allenfalls lebende Wesen existieren? Ich aber sage euch: Es
ist nicht leichtlich irgendeine Gegend so bevölkert wie diese; denn hier kann
man im Ernste sagen: In diesem Markte der Finsternis wimmelt es von Menschen.
[GS.01_028,07]
Ihr möchtet wohl ein wenig Licht haben, damit wir doch örtlicher Weise etwas
auszunehmen vermöchten? Ich aber sage euch: Es würde uns nicht gut zustatten
kommen, so wir uns hier eines Lichtes bedienten, denn wir würden sodann alsbald
von den Bewohnern dieser Gegend nahe also umringt sein wie ein Würmchen, wenn
es auf einen Ameisenhaufen fällt. Allein geduldet euch nur ein wenig; es wird
sich unser Auge gar bald so erweitern, daß wir, einer Nachteule gleich, auch in
dieser Finsternis etwas zu schauen bekommen werden; und so denn bewegen wir uns
noch ein wenig vorwärts. Nun, seht ihr schon etwas? Ihr saget: Ganz schwach
fangen wir wohl an, wahrzunehmen, daß der Boden, auf dem wir stehen, zumeist
lauter Sand ist; und da vor uns scheint sich etwas zu bewegen.
[GS.01_028,08]
Ja, ihr habt recht; gehen wir daher nur darauf zu und ihr sollt sobald mehr ins
Klare kommen, was sich da bewegt. – Nun sehet, das sich Bewegende bewegt sich
auf uns zu. Sehet, es ist eine zuammengebückte, armseligst aussehende
Menschengestalt. Wollt ihr sie fragen, wer sie ist? Ihr getrauet euch nicht, so
will ich solches tun. Und so höret denn; ich will die Gestalt anreden.
[GS.01_028,09]
Was machst du hier, armseliges Wesen? Woher bist du? Die Gestalt spricht: Ich
bin schon bei drei Erdjahren in dieser Gegend und laufe umher als ein wildes
Tier und finde nichts, damit ich meinen großen Hunger stillen könnte. Warum ich
nach meinem Ableben auf der Erde in solch eine miserable Gegend habe kommen
müssen, weiß ich durchaus nicht. Ich war auf der Erde ein großer Herr und hatte
ein großes Amt inne. Dieses Amt habe ich stets als ein rechtlicher und treuer
Beamter verwaltet; ich ließ mich durch gar nichts bestechen, sondern handelte
strenge nach dem Gesetze und erfüllte somit meine Pflicht zur allseitigen
Achtung, wurde sogar von meinem Monarchen geachtet und ausgezeichnet. Ich tat
aus meinem amtlich verdienten Einkommen freiwillig so manches Gute und lebte in
jeder Hinsicht als ein nachahmungswürdiges Beispiel. Als ich aber dann das
Zeitliche verließ, da kam ich in diese schauerliche Gegend, in der ich schon,
wie gesagt, bei drei Jahre lang umherirre, und nirgends ist ein Ausweg zu
finden.
[GS.01_028,10]
Und ich, euer Führer, frage ihn weiter: Mein guter Freund, solches mag ja alles
sein; hast du aber auch bei all deiner Amtierung je an Christum, den Herrn,
gedacht und geglaubt? Hast du je aus Liebe zu Ihm etwas getan? Und hast du wohl
alle noch so gemeinen Menschen als deine Brüder betrachtet? Sage mir, wie steht
es da? – Der Armselige spricht: Wie kann ein gebildeter Mann an so einen
Alten-Weiber-Christus glauben? Dessen ungeachtet aber habe ich, um niemandem
ein politisches Ärgernis zu geben, alle christlichen Torheiten mitgemacht. Wer
könnte wohl so töricht sein und von einem Manne, der ein hohes Staatsamt
bekleidet, verlangen, daß er die rohen Gassenschlingel für seine Brüder
betrachten sollte? Und aus Liebe zum Alten-Weiber-Christus etwas zu tun, da müßte
man doch erst im Ernste also närrisch werden, an einen solchen Christus zu
glauben, dann erst sehen, ob man aus einer gewissen Liebe zu Ihm etwas tun
könnte. Ich glaubte aber dessen ungeachtet an einen Gott und dachte oft bei mir
selbst: Wenn dieser Gott gerecht ist, was er doch offenbar sein muß, so muß er
einem gerechten Manne, wie ich einer bin, falls es nach dem Tode ein Leben
gibt, auch die volle Gerechtigkeit widerfahren lassen. – Daß es nach dem Tode
ein Leben gibt, solches erfahre ich drei schauerliche Jahre schon; denn so
lange dürfte es wohl sein, daß ich hier gleich einem wilden Tiere umherirre.
Aber leider muß ich in diesem Zustande erfahren, daß es keinen Gott gibt; denn
wäre irgendein Gott, so müßte er mich so gut ansehen, wie mich mein Monarch
angesehen hat. Da aber sicher alles nur ein Werk des blinden Zufalls ist, so
bin ich auch wieder in diesen blinden Zufall zurückgekommen und muß nun
erwarten, was dieser wieder aus mir machen wird. Habt ihr aber etwas für den
Magen, so gebt mir etwas zu essen; denn ich bin übermäßig hungrig und habe
keine Nahrung außer ein zufällig angetroffenes Moospflänzchen.
[GS.01_028,11]
Und ich, euer Führer, spreche zu ihm: Höre, Freund! Es gibt einen Gott, der
gerecht ist, und dieser Gott ist kein anderer als dein Alter-Weiber-Christus!
Solches sei dir ein Gnadenstrahl, auf daß du wissest, an wen du dich zu wenden
hast, wenn es dir noch schlechter gehen sollte denn jetzt.
[GS.01_028,12]
Siehe, was du getan hast, wenn es auch an und für sich noch so gerecht war, so
hast du solches alles lediglich aus deiner Eigenliebe getan; denn deine Liebe
war dein rechtliches Ansehen und darnach das allseitige Wohlgefallen und die
hohe Schätzung der Welt. Daher hast du auch nichts mitgebracht als deine eigene
Liebe, welche seit der Zeit kein Licht hat, da ihr das Licht der Welt genommen
ward. Das Licht des Geistes und seine Gerechtigkeit aber ist Christus! Wende
dich in deinem Herzen an Ihn, so wird dir – nach dem gerechten Maße deiner
Wendung – Licht und Brot werden; und nun verlasse uns!
[GS.01_028,13]
Sehet, wie er nun nachdenkend dahinschleicht; und merket ihr, wie über ihm das
schwarze Gewölk eine leichte Grauhelle bekommt? Das rührt daher, weil er nun
angefangen hat, über Christum nachzudenken. Doch gehen wir weiter, und es werden
sich uns noch bei weitem interessantere Fälle darbieten.
29. Kapitel – Im
Reiche der Finsternis des Unglaubens.
[GS.01_029,01]
Sehet, in geringer Ferne von uns rührt sich schon wieder etwas, merket ihr es?
Ihr saget: O ja! Wenn uns unser Auge nicht täuscht, so sind es diesmal zwei
überaus hagere und völlig bis auf die Knochen abgezehrte männliche Wesen. – Ihr
habt recht; daher machen wir nur eine Bewegung, und wir werden sie alsbald
eingeholt haben. Seht, hier sind sie schon. Noch merken sie nichts von unserer
Gegenwart, und das ist vor der Hand gut; denn so können wir sie belauschen, was
sie miteinander für Worte führen. Diesen Zweien werden wir uns auch nicht
zeigen, sondern am Ende bloß auf ihr Gefühl eine Einflüsterung ergehen lassen,
welche so gestellt sein soll, daß sie einen oder den andern möglicherweise auf
einen andern Gedanken bringt. Und so denn öffnet euer Ohr und höret, denn
soeben werden sie von der Hauptsache miteinander Worte zu wechseln beginnen.
[GS.01_029,02]
Der A spricht: Also geht's dir, mein schätzbarer Freund, nun auch nicht besser
denn mir; wie lange verweilst du schon an diesem Orte? Der B spricht: Mein
geachteter Freund, nach meinem Gefühle dürften es noch kaum einige Wochen sein;
wie lange aber bist denn du schon hier? Der A spricht: Mein schätzbarer Freund!
Es dürften nach meinem Gefühle wohl schon etliche zwanzig Jahre sein. Der B
spricht: Mir ist es rein unbegreiflich, wie ich hierher gekommen bin; denn du
kannst mir glauben, da du als ein greiser Mann mich noch als einen tätigen
Jüngling von etlichen zwanzig Jahren gar wohl gekannt hast, ich habe stets also
gelebt, wie ich es meiner Erkenntnis zufolge für rechtlich und billig gefunden
habe. Ich verrichtete mein geistliches Amt mit großer Treue, hatte nie, was die
Satzungen der Kirche betrifft, nur einen Buchstaben unerfüllt gelassen. Ich
predigte allzeit vollkommen im Geiste der alleinseligmachenden Kirche; ich
unterstützte, soviel es nur immer tunlich war, nach Möglichkeit diejenigen, die
ich wahrhaft als dürftig erkannte, d. h. mit andern Worten, die ohne ihr
Verschulden in die Armut versunken sind. Ich gab doch tagtäglich in dem
heiligen Meßopfer Gott die Ehre und weiß mich keines Tages zu erinnern bis zu
meiner letzten Stunde, daß ich das Brevierbeten hintangesetzt hätte. Ich fügte
mich allen Anordnungen der kirchlichen Oberhäupter und wäre imstande gewesen,
auf Leben und Tod zu kämpfen für die Rechte der heiligen Kirche. Ich war streng
im Beichtstuhle und glaube auch, gar viele Seelen für den Himmel gewonnen zu
haben; und ich habe im Sinne der Lehre Christi die Dürftigen beteilt, die
Hungrigen gespeist, die Durstigen getränkt, die Nackten bekleidet, die
Gefangenen erlöst, und erwartete dadurch nach dem Ableben, besonders da ich
mich noch obendrauf eines vollkommenen Ablasses von seiten seiner Heiligkeit
des Papstes versichert habe, ganz sicher in den Himmel zu kommen.
[GS.01_029,03]
Allein was für eine Bewandtnis es mit dem von mir sicher erhofften Himmel hat,
das siehst du hier so gut wie ich. Ich habe es, weißt du, lieber Freund, bei
mir so ganz heimlich wohl oft gedacht, aber freilich nie öffentlich
ausgesprochen, daß das Christentum samt Christus nichts anderes ist als ein
kultiviertes Heidentum und habe daher auch auf Christum samt der Dreieinigkeit
wenig Vertrauen gesetzt; und da ist es jetzt klar genug vor mir, wie sehr ich
in diesem meinem heimlichen Mißtrauen recht hatte. – Nun, was sagst denn du
dazu?
[GS.01_029,04]
Der A spricht: Ja, mein lieber, schätzbarer Freund, was sollte ich dazu sagen?
Ich war kein Priester, lebte aber dessen ungeachtet, man kann sagen, beinahe
strenge also, wie mich, versteht sich von selbst, die besseren Priester belehrt
haben. Ich hatte wohl auch gewisserart so manchen Zweifel; aber ich dachte mir
dabei, es sei dem, wie es wolle, ich lebe ganz ruhig also, wie ich zu leben von
den Priestern gelehrt wurde; es kann für mich ja unmöglich gefehlt sein. Denn
ich dachte mir: ist ihre Lehre falsch und ein Unsinn, so haben sie es zu
verantworten; ich selbst aber wasche mir die Hände. Und wenn Gott im Ernste ein
so gerechter Richter ist, wie alle die Priester auf den Kanzeln von Ihm
geprediget haben, so muß Er mich belohnen, vorausgesetzt, daß Er wirklich ist;
gibt es aber keinen Gott, dann ist ja ohnehin alles eins, wie man lebt. Gibt es
ein Leben jenseits, so muß dieses doch sicher entsprechend sein dem allzeit
ehrlichen Charakter eines Menschen; und gibt es kein Leben nach dem Leibestode,
so wird es auch sicher wenig daran gelegen sein, wie jemand auf der Erde gelebt
hat. Du kannst nun daraus ersehen, daß ich auf der Welt als ein vollkommen
ehrlicher, kluger und treuegehorsamer Mann gelebt habe; nun bin ich schon so
lange hier, und das ist der Lohn!
[GS.01_029,05]
Nichts als eine beinahe undurchdringliche, überaus frostige Nacht, von keinem
noch so trüben Tage mehr abgewechselt außer einigem besandeten Moose keine
Nahrung, und dieses alles sollte etwa mit der von euch Priestern oft
gepredigten Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit Gottes übereinstimmen?! Ich
denke jetzt schon über zwanzig Jahre nach, ob es einen Gott gibt oder keinen;
und wo ich immer jemandem begegne und mich mit ihm über diesen Punkt bespreche,
so weiß er am Ende um kein Haar mehr denn ich. Es nimmt mich daher auch um so
mehr wunder, daß du, ein gewesener Priester, der doch immer für das sogenannte
Reich Gottes gearbeitet hat, eben mit demselben Lose beteiligt bist wie ich.
Ich meine, wir sind alle zusammen mit Christus angeschmiert; denn es ist mir
gar oft rätselhaft vorgekommen, wie sich ein Gott habe können töten lassen! Die
alten, weisen Hebräer kannten Christum sicher besser als wir und wußten daher
Ihn als einen jüdischpietistischen Schwärmer gehörig aus dem Wege zu räumen und
haben Ihn dann schön sauber den früher glücklichen Römern als eine pfiffige
Prämie darum in die Arme gespielt, weil ihnen diese ihre Königsstadt zerstört
haben. Sie blieben für sich bei ihrem alten Gott, der doch offenbar ein viel
göttlicheres Aussehen hat, denn unser Gekreuzigter. Nur wir mußten hernach
zufolge des jüdischen Geniestreiches den Gott annehmen, der bei ihnen das
schimpflichste Wesen war. – Ich meine, solches ist bereits mit den Händen zu
greifen; denn wäre an dem Christus etwas, so müßte hier in dieser, ich kann dir
sagen, endlos großen Weltsphäre doch einer etwas Reelles von Ihm wissen. Aber
da kannst du Tausenden begegnen, die du alle als lauter nüchterne und
bescheidene Menschen erkennen mußt, und nicht einer weiß eine Silbe von Ihm.
Ich kann dir sagen: Ich bin schon mit Menschen zusammengekommen, die ein- bis
zweitausend Jahre schon sich in dieser Gegend befinden und sich das Moosfressen
auch schon vollkommen angewöhnt haben. Diese waren doch gleichzeitig mit dem
Christus auf der Erde, falls es, unter uns gesagt, je einen Christus gegeben
hat, und diese wissen von Ihm geradesoviel wie wir; manche darunter geben vor,
diesen Namen nie gehört zu haben. Siehe, das sind so meine Ideen, die ich im
Verlaufe meines Hierseins und mitunter auch wohl schon in meinem Leibesleben
ganz heimlichermaßen zuwegegebracht habe; wie gefallen sie dir?
[GS.01_029,06]
Der B spricht: Mein schätzbarer Freund, ich muß dir offen gestehen, daß deine
Ideen sehr viel für sich haben. Anderseits kann ich jedoch das wieder von den
weisen Juden, die die Kenntnis von dem rechten Gotte hatten, nicht als völlig
wahr annehmen, daß es ihnen darum sollte zu tun gewesen sein, aus Rache gegen
eine große Nation, wie die Römer waren, einen quasi Galgenschlingel denselben
als einen Gott an den Hals zu werfen. Es hat gerade um dieselbe Zeit unter den
Römern auch die weisesten Männer gegeben, und darnach wäre es eben nicht zu
vernunftgemäß, diese große und weise Nation für so dumm zu halten, daß sie
statt ihrer gepriesenen und viel besungenen bedeutungsvollen Götter einen so
erbärmlichen Austausch hätten machen sollen.
[GS.01_029,07]
Da du mir aber schon deine Meinung in dieser Hinsicht kundgetan hast, so will
ich dir mich auch näher aufschließen und will dir kundgeben, was ich bei mir in
meinem Leibesleben eben nicht selten gedacht habe, und dieses Gedachte lautet
also: Die Römer, namentlich der römische Priesterstand, haben es heimlich
gemerkt, daß es für die Länge mit all ihren Gottheiten sich nicht mehr tun
wird. So suchten sie nach und nach für das stets mehr sinnlich gewordene Volk
eine sinnlichere Mythe, machten es dabei so, daß sie vorgaben, als habe sich
der oberste Gott Jupiter der Menschheit überaus erbarmt. Und da unter allen
Völkerstämmen die jüdische Nation dem wahren Göttertume am entferntesten war,
so habe sich Jupiter selbst herabgelassen und habe sich in die Gestalt eines Juden
begeben und das Volk die Wahrheit der rechten Gotteslehre Roms gelehrt. Solche
Lehre war den Juden ein Greuel, besonders weil sie die Römer zu der Zeit gar
übel im Magen hatten. Sie boten daher alles auf, um diesen wahren Gott Jupiter
in der menschlichen Gestalt zu verdächtigen. Pilatus habe gar wohl gewußt, was
hinter Christus steckte; darum habe er Ihn auch soviel als möglich verteidigt.
Da aber die Juden sich durchaus nicht besänftigen ließen und den Pilatus selbst
als einen Mitrebellen bei dem Kaiser zu verklagen drohten, so dachte Pilatus
bei sich: Ich übergebe euch den Allmächtigen; Er wird es sicher besser wissen
als ich, was Er mit Sich wird machen lassen. Dieser hatte Sich dann pro forma
auf die römische Art von den Juden kreuzigen lassen, stand aber dann als
Jupiter gar leichtlich wieder vom Tode auf und ließ dann den Hohenpriestern zu
Rom melden, was sie nun zu tun hätten. Diesen Priestern war das ein gewünschtes
Wasser auf ihre Mühle, und sie lehrten dann das Volk also, wie sie sich diese
Mythe im Einverständnisse mit den Römern im Judenlande ausgedacht hatten. Sie
erdichteten mit der Zeit noch eine Menge Blutzeugen hinzu, mochten wohl auch im
Einverständnisse mit den Kaisern entweder einige wirkliche oder blinde
Grausamkeiten verübt haben und schwatzten hernach dem dummen Volke eine Menge
Wundererscheinungen bei solchen Gelegenheiten vor. So ging das alte, schon
morsch gewordene Heidentum unter immer demselben Pontifikate auf uns über, und
wir sind notgedrungen Tölpel genug gewesen, solch einen wahren Philisterstreich
als bare Münze anzunehmen. Dafür aber repräsentiert sich meines Erachtens hier
auch vollkommen der Lohn unseres neukreierten Heidentums.
[GS.01_029,08]
Der A spricht: Mein schätzbarer Freund! Ich muß dir offenherzig bekennen, deine
Meinung hat offenbar mehr für sich als die meinige, nur verstehe ich dann
nicht, wie man bei solch einem pfiffigen Unternehmen dann das neukreierte
Heidentum auf das Judentum hat basieren können. Meines Wissens, soviel ich aus
den sogenannten Evangelien weiß, bezieht sich der Christus ausschließend auf
die sogenannten Propheten der Juden, und es läßt sich dann wohl nicht
leichtlich annehmen, daß die stolzen, weisen Römer zur Kreierung einer
einträglichen Religion sich der Religion der ihnen über die Maßen verächtlichen
Juden bedient hätten. Ferner muß ich dir ganz offen bekennen, daß die absolute
Lehre Christi, bis auf manche unbedeutende Wunderalbernheiten, an und für sich
eine ganz menschlich kluge Lehre ist und taugt meines Erachtens am
allerwenigsten für die nur allzubekannte römische Habsucht. Aus dem Grunde läßt
sich eben nicht gar zu leicht erweisen, daß sie ein Werk des römischen
Priestertumes ist, wohl aber ist sie sicher ein Werk der Juden; denn man weiß
es aus der Geschichte nur zu bestimmt, wie sehr sich die Römer gegen den
Eingang dieser Lehre gesträubt haben!
[GS.01_029,09]
Der B spricht: Mein geschätzter Freund! In dieser Hinsicht bist du viel zu
wenig eingeweiht in die geheimen Schleichwege des Priestertums. Du hast in der
Geschichte wohl gelesen, daß sich verschiedene römische Kaiser tätigst gegen
die Einführung dieser Religion gesetzt haben; nenne mir aber auch einen
römischen Pontifex, der sich namentlich dawider gesträubt hätte. Siehe, also
war die Sache fein abgekartet, und diese neukreierte Religion hätte nie einen
besseren Eingang gefunden als eben durch die notwendig scheinbar grausame
Widersträubung der römischen Kaiser. – Daß diese neukreierte Religion auch auf
das Judentum basiert wurde, hat ja den mit Händen zu greifenden Grund, weil die
römischen Weisen bei der Gelegenheit ihrer vielseitigen Eroberungen eine
hinreichende Gelegenheit hatten, mit vielen Religionen Bekanntschaft zu machen
und konnten dadurch sehr leicht finden, daß eine neu zu kreierende Religion auf
keine besser zu basieren ist denn gerade auf diese jüdische. Darum haben sie
auch ihren menschgewordenen Zeus aus sehr weisen Gründen im Judenlande
auftreten lassen; denn sie wußten es genau, daß es mit allen anderen Religionen
ein noch morscheres Verhältnis habe denn mit der ihrigen.
[GS.01_029,10]
Der A spricht: Ja, geachteter Freund, jetzt bekommt deine Sache freilich ein
ganz anderes Gesicht, und ich kann nun nicht umhin, ganz deiner Meinung
beizupflichten. Ja, ja, wäre es nicht also, woher käme sonst diese Gold- und
Silbergier des noch gegenwärtigen römischen Pontifikats? Dessen ungeachtet aber
muß ich dir doch auch hinzu bekennen, daß die eigentliche reine Sittenlehre
Christi, rühre sie, woher sie wolle, über alle Kritik erhaben gut ist. Solches
hat mich auch noch zuallermeist an das Christentum gehalten. Daß sich mit der
Zeit manche eigennützige Schmarotzerpflanzen auf diesen reinen Baum angeklebt
haben, solches, erlaube mir, ist auch unverkennbar, und so muß ich dir sagen,
und es kommt mir eben dazu gerade jetzt eine Idee: Wenn ich möglicherweise je
irgend einem solchen reinen Christus begegnen würde, wahrlich, ich könnte Ihm
unmöglich feind sein!
[GS.01_029,11]
Und der B bemerkt: Ja, wenn es einen gäbe, da wäre ich auch dabei; aber darin
liegt ja eben der Hund begraben! Und der A bemerkt: Weißt du was, nehmen wir
uns vor, das Grab dieses deines Hundes zu suchen; und haben wir es gefunden, so
haben wir doch wenigstens ein Sinnbild der Treue gefunden! – Sehet, über dem A
wird es schon etwas heller, aber über dem B noch lange nicht; und da wir hier
nichts mehr zu tun haben, so begeben wir uns wieder weiter!
30. Kapitel –
Ein geistlicher Philosoph und eine Betschwester.
[GS.01_030,01]
Sehet, wenn ihr bestimmen könnt, etwa fünfzig gewöhnliche Schritte vor uns
könnt ihr schon wieder ein anderes Pärchen erschauen. Gehen wir nur gerade
darauf zu, und wir wollen sie sogleich erreicht haben. Auch dieses Pärchen soll
unser nicht ansichtig werden. Es hat schon ein Ständchen in der Absicht; also
gehen wir nur munter darauf zu, damit wir wieder etwas Neues erfahren. – Nun,
wir sind schon bei ihm, und wie ihr sehet, so ist diesmal an diesem Paare ein
geschlechtlicher Unterschied zu bemerken. Ein überaus hageres, mühselig
aussehendes Weib und ein nahe bis auf den letzten Blutstropfen abgezehrter
Mann, der noch kaum so viel Kraft zu haben scheint, um sich mühseligst mit der
genauesten Not fortzuschleppen. Sehet, sie reicht ihm ihre Hand und heißt diese
Begegnung willkommen.
[GS.01_030,02]
Horchet nun, was diese zwei miteinander alles abmachen werden. Sie spricht:
Grüß' euch der liebe Himmel! Mich freut es recht von ganzem Herzen, daß uns der
liebe Zufall endlich einmal zusammengeführt hat! Aber ich muß Ihnen gestehen,
ich hätte nicht geglaubt, an solch einem Orte Sie zu treffen; denn ich habe
immer geglaubt, Sie sind schon Gott weiß wie selig im Himmel, weil Sie, soviel
ich mich erinnern kann, auf der Welt ein gar so frommer und rechtschaffener
Mann waren. Sie waren ja ein hochgelehrter Herr Professor für die
Geistlichkeit, und es sind von Ihnen so viele brave und würdige Geistliche in
die Seelsorge übergegangen. Und nun, du mein lieber Himmel – muß ich Sie so
elend hier in diesem miserablen Orte antreffen, in welchen ich, weiß der liebe
Gott warum, auch vor zwei Monaten gekommen bin.
[GS.01_030,03]
Und er spricht: Ja, meine schätzenswerte Freundin, es tut mir recht leid, daß
Sie sich auch hier befinden; aber es ist denn einmal also. Sie sind hier als
eine Betrogene und ich ebenfalls als ein Betrogener. Wir haben uns auf der Welt
(der Himmel wird es wissen, wenn es irgend einen gibt) was alles für goldene Hoffnungen
von einem jenseitigen glücklichen Leben gemacht. Allein wie glücklich dieses
Leben und was der Lohn für alle guten Handlungen auf der Welt ist, solches
erfahre ich nun schon mehrere Jahre und Sie, meine schätzenswerte Freundin,
nach Ihrer Aussage auch schon zwei Monate lang.
[GS.01_030,04]
Sie spricht: Nein, aber du mein lieber Himmel! Wenn ich zurückdenke, was für
ein strenges Leben Sie geführt haben und haben auf der Welt nichts Gutes
gehabt. Wenn Sie gepredigt haben, so haben ja doch alle in der Kirche
geschluchzt und geweint, und was für schöne Lehren und Ermahnungen Sie einem in
der Beichte gegeben, und wie andächtig Sie das heilige Meßopfer verrichtet
haben, so kann ich wirklich nicht begreifen, wie Sie da hergekommen sind. Für
unsereins ist das schon begreiflicher, denn man hat so manche Sünden vielleicht
in der Beichte verschwiegen, weil man sich derselben trotz aller
Gewissenerforschungsmühe nicht hat erinnern können. Aber wie Sie, der das doch
alles gekonnt und sicher sein Leben und all sein Tun und Lassen bis auf ein
Haar durchforscht hat, da hergekommen sind, das, wie ich schon einmal gesagt
habe, wird der liebe Himmel wissen, wenn es einen gibt, wie Sie gerade gesagt
haben. Haben Sie denn gar keine Mutmaßung, warum Sie da hergekommen sind?
[GS.01_030,05]
Er spricht: O meine schätzbare Freundin! Ich habe nur zuviel Mutmaßung; aber
diese meine Mutmaßung werden Sie nicht leichtlich verstehen. Sie spricht: Oh,
ich bitte Sie, sagen Sie mir nur keckweg etwas davon; wer weiß, ob mir solches
nicht frommen kann. Er spricht: Nun wohl, ich will Ihnen ja so manches
mitteilen, will aber übrigens nicht schuld sein, wenn es Ihnen nichts nutzen
sollte; und so sage ich es Ihnen denn rund heraus, was meine Mutmaßung ist.
[GS.01_030,06]
Ich mutmaße, daß es weder einen Gott noch irgendeinen Himmel gibt, und mutmaße
aus gar guten Gründen, daß wir Menschen nichts als Werke der Natur sind. Wenn
das Grobmaterielle von der naturmäßigen Lebenskraft gleich einer Hülse
hinwegfällt, so erhält sich die naturmäßige Lebenskraft noch eine Zeitlang
fort. Nach und nach aber stirbt sie auch ab; die Kraft zerstreut sich im Raume
so wie die Kraft des Pulvers außer der Mündung einer Kanone, und mit den sich
viel erhoffenden und erwartenden Menschen ist es dann auf ewige Zeiten aus.
Wenn Sie mich so recht ansehen und betrachten, wie ich mich schon der endlichen
gänzlichen Auflösung und Vernichtung nahe, so wird Ihnen meine Mutmaßung selbst
in dieser stockfinsteren Nacht noch klarer werden als auf der Welt die Sonne am
hellen Mittage.
[GS.01_030,07]
Sie spricht: Ach du mein lieber Himmel, wenn es einen gibt, was Sie da sagen!
Das ist ja schrecklich; ja, ja, Sie müssen's denn doch besser wissen als ich.
Ich habe mir wohl auch auf der Welt so manchmal gedacht, wie es mir einmal ein
recht gescheiter und vornehmer Herr gesagt hat, daß nämlich nach dem Tode
nichts mehr ist. Jetzt sehe ich es erst ein, daß dieser Herr die Wahrheit
geredet hat; und so wird es mir mit der Zeit auch so gehen, wie es jetzt Ihnen
geht. Auf der Welt habe ich doch, wenn's mir recht übel ergangen ist, sagen
können: Mein Gott und mein Herr! Verlaß mich nicht! – Aber was kann ich jetzt
tun, so es keinen Gott gibt? Möchten Sie, mein schätzbarer Freund, denn nicht
auch noch sagen, was es denn hernach mit Christus und Seiner allerseligst sein
sollenden Jungfrau und Mutter Maria für eine Bewandtnis hat? Und warum haben
wir denn müssen auf der Welt zu diesen beiden so viele Rosenkränze beten, und
warum haben Sie so viele und andächtige Messen gelesen, wenn das alles sich so
verhält, wie Sie mir gesagt haben?
[GS.01_030,08]
Er spricht: Ja, meine liebe Freundin, darüber bin ich auch erst hier so recht
ins klare gekommen. Die großen Herrn auf der Welt könnten das gemeine Volk ja
nicht bändigen, wenn sie nicht irgendeinen Gott und sonach irgendeine Religion
für dasselbe erfunden hätten. Durch die Religion aber haben sie ein leichtes
Spiel, den dummen Pöbel im Zaume zu halten. Dieser arbeitet dann recht fleißig
für sie, damit sie sich, unbekümmert um irgendeine Arbeit, in ihren Palästen
und Schlössern auf weichen Betten und Stühlen recht mästen können. Darum werden
auch allenthalben Geistliche und Lehrer aufgestellt, die selbst in der
gehörigen Dummheit erhalten werden, um mit dieser Dummheit dann auch den
gemeinen Pöbel zu verdummen. Wenn aber irgend solche Geistliche recht gescheite
Leute werden, so werden sie auch bald befördert, damit sie dann auch recht gut
leben können, um durch ihren Verstand den Großen nicht gefährlich zu werden. Um
aber einer solchen Religion, die an und für sich nicht ist, irgendeinen
bedeutungsvollen Anstrich zu geben, muß sie mit allerlei mystischer, d.h.
nichtssagender Zeremonie geschmückt sein; sonst würde sie bei dem gemeinen
Pöbel nicht die erforderliche Wirkung hervorbringen. – Sehen Sie, meine schätzbarste
Freundin, also war es ja auch mit mir der Fall.
[GS.01_030,09]
Ich habe auf der Welt bei mir selbst recht gut eingesehen, daß es mit dem
jenseitigen Leben eine ganz andere Bewandtnis hat, als ich es selbst von der
Kanzel gepredigt habe. Ich habe mich darüber, versteht sich, nur ganz
vertraulich bei den großen, machthabenden Herren geäußert und habe darüber um
Aufklärung gebeten. Allein was die Aufklärung betrifft, da ist mir keine zuteil
geworden, aber dafür kam mir bald, ich weiß selbst nicht wie und warum, eine
bedeutende Beförderung zu; ich ward ein gut besoldeter Professor und endlich
gar ein Direktor des Seminariums. Ich meine aber, die Herren haben eingesehen,
daß ich für einen unteren Posten zu gescheit war, daher gaben sie mir einen
besseren, damit ich, durch das eigene Interesse genötigt, mit meiner
Gescheitheit nur nützen, aber nicht schaden möchte. Ich habe zwar allezeit als
ein grundehrlicher Mann gelebt; aber was von mir dumm war und ich noch jetzt
bedaure, war das, daß ich fürs erste dennoch nicht vollkommen eingesehen habe,
daß ich mit solch einer Beförderung betrogen war; und fürs zweite, daß ich in
meiner gut einträglichen Stellung ein, wenn auch nur scheinbar, so dennoch für
mein eigenes Wohl zu töricht geistlich strenges Leben geführt habe. Ich habe
mir dabei freilich gedacht, solch ein sich verleugnendes Leben wird mir sicher
in kurzer Zeit eine bischöfliche Würde zuschanzen. Allein ich habe mich
gewaltig verrechnet, denn die großen Herren haben es genau berechnet, daß ich
für den mir erteilten Posten den gehörigen Grad der Dummheit besitze, von wo
ich ihnen nicht mehr gefährlich sein kann; daher beließen sie mich auch sorglos
in meiner Stellung. Sehen Sie, meine geschätzte Freundin, so steht es mit allem
auf der Welt, was die Religion betrifft; darum sagte ich auch gleich anfangs,
daß wir beide betrogen sind.
[GS.01_030,10]
Sie spricht: Nein, jetzt gehen mir auf einmal alle Lichter auf! Hätte ich das
doch nur auf der Welt gewußt, wie hätte ich da lustig leben können! Denn ich
war, wie man gesagt hat, ein schönes und dabei auch recht wohlhabendes Mädchen.
Wieviel saubere junge Männer haben sich um meine Gunst beworben; aber ich
getraute mich aus lauter Religion beinahe keinen anzuschauen, bin unserem
Herrgott und der seligsten Jungfrau Maria zulieb eine alte Jungfrau geblieben
und habe obendrauf noch fast mein ganzes Vermögen schon bei meinen Lebzeiten
der Kirche vermacht. –
[GS.01_030,11] O
wie dumm war ich! Wäre ich lieber eine lustige Hure geworden, so hätte ich doch
einmal etwas genossen! So aber hat sich an mir das gemeine Sprichwort
bestätigt, daß nämlich eine langsame und dumme Sau nie zu einem warmen Bissen
kommt. Na, mein bester Freund, wenn es wirklich so ist, wie Sie sich da
ausgesprochen haben, da möchte ich doch alles zu verwünschen und zu verfluchen
anfangen, aber nein! Ich will es nicht tun. Wenn es mir recht schlecht gehen
wird, so will ich mir, wenn auch gewohnheitshalber, dennoch mit der Anrufung
Gottes und der seligsten Jungfrau Maria helfen. Auf der Welt, kann ich mich denn
doch erinnern, hat mir einige Male die Anrufung Christi und der lieben Frau
offenbar geholfen, und ich meine, ist daran nichts gelegen, so habe ich durch
diese Anrufung, wenn schon nichts gewonnen, so doch auch nichts verloren. – Ich
kann mir freilich wohl gerade keinen Vorwurf machen, als hätte ich durch meinen
Lebenswandel mir etwa solch eine Strafe verdient, nun in diesem finstern Orte
zu sein, außer daß ich's mit den Geistlichen vielleicht manches Mal zuviel
gehalten habe, d.h. Ehre und Sittlichkeit ausgenommen, denn in diesen Stücken
habe ich mir nie etwas vergeben. Aber so manches Mal habe ich mir schlecht
vorkommende Menschen verunglimpft, habe über sie losgezogen und sie manchmal
auch, freilich allzeit nur bei der Geistlichkeit, recht ausgerichtet. Ich habe
mit ihnen auch alle Lutheraner, Juden, Türken und Heiden im Namen Gottes des
Vaters, des Sohnes und des hl. Geistes verdammt; aber das haben die geistlichen
Herren gesagt, daß man als eine rechtgläubige Christin solches gar tun müsse.
Sie sagten wohl freilich auch, daß man dabei auch für sie beten solle, damit
sie zur rechten Religion übertreten könnten; und so habe ich auch das getan und
habe sie zuerst, wie sich's gehört, verdammt, und dann habe ich für sie
gebetet. Es müßte also nur das etwa gefehlt gewesen sein, sonsten wüßte ich
wirklich nichts. Den Armen habe ich auch gegeben, freilich eben nicht zuviel,
habe lieber mein Vermögen der Kirche vermacht, weil ich mir gedacht habe, daß
die Geistlichen es besser werden verteilen können als ich. – Und so bin ich, je
mehr ich über mich nachdenke, richtig „ganz unschuldig“ da hergekommen; aber
natürlicherweise, wenn es also ist, wie Sie es früher gesagt haben, da hätte
mir das eine so wenig als das andere geschadet oder genützt.
[GS.01_030,12]
Aber, wie gesagt, ich bleibe bei der Anrufung Gottes und der lieben Frau und
will mich denn auch auf diesem Orte so lange fortschleppen, wie es sich tun
wird. Vielleicht komme ich mit der Zeit wieder zu jemand anderem, der mir etwas
Besseres wird sagen können als Sie, mein übrigens ganz schätzbarer Freund. –
Und so leben Sie denn wohl; denn das sehe ich schon ein, daß ich in Ihrer
Gesellschaft nicht glücklicher werde. Mir wäre es auch viel lieber gewesen, wie
ich's jetzt empfinde, daß ich mit Ihnen gar nicht zusammengekommen wäre! Denn
jetzt sehe ich es recht klar ein, daß die Dummheit glücklicher ist als aller
noch so scharfe Verstand.
[GS.01_030,13]
Ich bin nur froh, daß ich nicht in das von mir so oft gefürchtete „Fegefeuer“
gekommen bin, oder gar in die Hölle; denn mir geht's im Grunde doch nicht gar
so schlecht, da ich keinen Schmerz empfinde, außer den Hunger. Den muß ich
freilich wohl mit Gras stillen, was sich hier noch reichlich vorfindet; wenn's
aber nur sonst nicht ärger wird, an diese Kost will ich mich schon noch recht
gewöhnen. Und so leben Sie denn wohl!
[GS.01_030,14]
Er spricht: Ja, ja, leben auch Sie wohl und sehen Sie zu, daß sie mit ihrem
Grasfressen recht zunehmen; ich wünsche Ihnen allzeit einen guten Appetit. –
Übrigens war ich noch nicht so glücklich, auf reichliche Grasplätze zu kommen,
sondern Moos, und das sehr sparsam, war bisher meine einzige Nahrung.
[GS.01_030,15]
Sehet, die beiden entfernen sich; er zieht sich gegen die mehr nördliche, sie
aber gegen die mehr mittägige Seite hin
[GS.01_030,16]
Ihr fraget und saget: Wie sich diese in dieser Gegend befindet, sehen wir
selbst so ganz eigentlich nicht ein; was ihn betrifft, so scheint solches nach
seiner Äußerung seinen guten Grund zu haben.
[GS.01_030,17]
Meine lieben Freunde! Solches solltet ihr wohl auf den ersten Blick einsehen.
Wie ist wohl die Liebe desjenigen beschaffen, der ein allfälliges von ihm
erkanntes Gutes entweder eines gleich erfolgbaren oder eines künftigen Lohnes
wegen tut? Ist das nicht Eigenliebe? – Denn wer das Gute und Rechte tut was
immer für eines eigenen Nutzens wegen, der liebt sich selbst über die Maßen und
bietet alles auf, um sich selbst möglichst wohl zu versorgen. So war es auch
dieser lediglich um den Himmel zu tun, für den sie ihr ganzes Hab und Gut also
hergegeben hat, wie sich ein anderer um sein Vermögen irgendein weltliches Gut
kauft. Von der wahren Liebe zu Christo, welche allzeit höchst uneigennützig
sein muß, aber hatte sie nie eine Ahnung! Aus dem Grunde muß auch hier ihr
Lohnappetit ganz aus ihr getrieben werden und sie Gott Seiner Selbst wegen zu
suchen und zu begehren genötiget werden, dann erst ist es für sie möglich, sich
der wahren Liebe und Gnade des Herrn zu nähern. – Also muß auch er sich seinem
Gefühle nach völlig vernichtet erschauen, bis er einer höheren Gnadenaufnahme
fähig wird.
[GS.01_030,18]
Doch müsset ihr euch niemanden für gänzlich verloren vorstellen; wohl aber, daß
für manchen hundert, tausend und noch tausend Jahre nach eurer Zeitrechnung
vergehen dürften, bis er zur Aufnahme einer höheren Gnade fähig wird.
[GS.01_030,19]
Damit ihr aber noch fernere Erfahrungen machet, aus welch verschiedenen Gründen
gar viele Menschen hierhergelangen, so wollen wir uns noch weiter
vorwärtsbegeben. Wenn wir erst an ganze Gesellschaften stoßen werden, wird euch
noch ein bei weitem größeres Licht aufgehen, und ihr werdet daraus ersehen, von
welch zahllosen Torheiten die gegenwärtig auf der Welt lebende sogenannte
„bessere Menschheit“ im Grunde behaftet ist, und wie sie ihre besten Handlungen
zuallermeist aus eigenliebigem Interesse tut. – Und somit lassen wir es für
heute gut sein!
31. Kapitel –
Ort der Finsternis „allda ist Heulen und Zähneklappern“.
[GS.01_031,01]
Sehet dort, ziemlich fern von uns, wo sich eine rötlichgraue ganz matte Helle
zeigt, befindet sich schon eine Gesellschaft von etlichen dreißig Menschen
beiderlei Geschlechts. Gehen wir munter darauf zu, und wir wollen sie sogleich
eingeholt haben. Nun, könnt ihr schon etwas ausnehmen? – Ihr saget: O ja, da
scheint es recht bunt unter- und durcheinanderzugehen; es kommt uns vor, als
wenn diese Gesellschaft untereinander in einem Handgemenge wäre. Ich sage euch:
Ihr bemerket nicht unrichtig; aber solches ist nur eine „Erscheinlichkeit“. In
einiger Ferne nimmt sich ein geistiger Disput aus wie ein Handgemenge. Darum
schreiten wir nur noch ein wenig vorwärts, und das Bild wird gleich unter einer
anderen Situation vor uns stehen. Merket es nur, je näher wir dieser
Gesellschaft kommen, desto ruhiger werden die Hände dieser Gesellschaft; aber
dafür vernehmen wir ein vielseitiges Gekläffe, etwa dem einer Getreidemühle bei
euch ähnlich. Mitunter vernehmet ihr auch Stimmen, nicht unähnlich einem
Geheule.
[GS.01_031,02]
Ihr saget: Das klingt ja fast also, wie der Herr zu den Kindern des Lichts von
jenen gesprochen hat, die da in die äußerste Finsternis hinausgestoßen werden
sollen, allda „Heulen und Zähneklappern“ ihr Los sein wird?! – Ja, ja, meine
lieben Freunde, es hat schon denselben Sinn und ganz dieselbe Bedeutung. Was
aber unter dem Heulen und Zähneklappern und unter dem Hinausgestoßenwerden in
die äußerste Finsternis, geistig beleuchtet, verstanden wird, das sollet ihr in
der Nähe mit eigenen Ohren und Augen erfahren. Also nur noch wenige Schritte;
und sehet, wir sind schon da, wo wir sein wollten.
[GS.01_031,03]
Was erblicket ihr hier? Ihr saget: Der Anblick ist gerade so übel nicht;
abgerechnet die sehr abgezehrten Gesichter, die wir hier schon gewöhnt sind,
sieht die Gesellschaft ganz erträglich aus. Sie umringt einen Redner, der
gerade Miene macht, einen Vortrag zu halten.
[GS.01_031,04]
Meine lieben Freunde, ihr habt recht; eben dieser Rede wegen habe ich euch auch
hierhergeführt. Ihr fraget aber: Nachdem wir hier noch nirgends einen erhabenen
Punkt gefunden haben, sondern dieses ganze Reich der Nacht nur ein ewig flacher
Sandboden zu sein scheint, so möchten wir wohl auch wissen, wie sich dieser
Redner so bedeutend höher über seine Zuhörer gestellt hat? – Ihr habt recht,
daß ihr so fraget; denn hier hat das Allerunbedeutendste eine große Bedeutung.
Dieser Redner hat sich aus Sand einen Hügel zusammengestampft; so aber, wie
seine Rednerbühne beschaffen ist, wird auch seine Rede sein. Solange der Redner
sich auf seiner Sandtribüne ruhig verhält, wird sie ihn wohl tragen; wenn er
sich aber nur ein wenig fest darauf fußen will, wird er den Sandhügel
auseinanderrollen, und wird aus seiner Höhe hinabsinken bis auf denselben
Grund, auf welchem sich alle seine Zuhörer befinden. – Nun aber hat er das
Zeichen gegeben, daß er reden werde; also wollen wir ihm auch mit gespannter
Aufmerksamkeit verborgener Weise zuhören.
[GS.01_031,05]
Sehet, er fängt an; also hören wir! – Meine wertgeschätzten Freunde und
Freundinnen! Ich habe von euch allen sonderheitlich vernommen, wie ihr auf der
Erde samt und sämtlich – der eine in dem und der andere in anderem – als
vollkommen rechtliche und redliche Bürger gelebt und gehandelt habet. (Beifall
von allen Seiten.) Ihr waret auch als „gute Christen“ im gerechten Maße
wohltätig gegen die notleidende Menschheit. Eure Namen standen bei allen
Unglücksfällen mit den bedeutendsten Opfern mit großen Buchstaben in allen
Zeitungen gedruckt, was nicht mehr als billig war; denn solches muß der Blinde
und der Taube erkennen, daß es hinsichtlich der Unterstützung nichts
Löblicheres und Ersprießlicheres geben kann, als die Bekanntmachung derjenigen
Menschen, welche allzeit Wohltätigkeit ausgeübt haben. Fürs erste weiß durch
solche öffentliche Bekanntmachung die arme Menschheit, wohin sie sich in der
Not zu wenden hat, und fürs zweite werden dadurch ja offenbar noch andere
aufgemuntert, in die schönen menschenfreundlichen Stufen der bekannt gemachten
großen Wohltäter der Menschheit zu treten. (Lauter Beifall von allen Seiten.)
[GS.01_031,06]
Ja, ihr waret überall dabei, wo es sich nur immer um die Gründung wohltätiger
Zwecke handelte, und ich kann es mit großer Rührung meines Herzens sagen, daß
ihr im allervollkommensten Sinne des Wortes und der Bedeutung wahrhaftige Edel-
und Ehrenbürger der Welt waret. (Außerordentlicher Beifall von allen Seiten,
und von den Zuhörern vernimmt man mit großer Rührung ausgesprochen: Herrlicher,
göttlicher Redner, göttlicher Mann!)
[GS.01_031,07]
Ihr habt allzeit Künste und Wissenschaften unterstützt, ihr habt dem Staate als
musterhafte Staatsbürger treulich gedient, ja man kann von euch sagen, daß ihr
im vollkommensten Sinne des Evangeliums gelebt habt, denn ihr habt, was ein
jeder mit Händen greifen kann, allzeit Gott gegeben, was Gottes ist und dem
Kaiser, was des Kaisers ist. Nie waren Ehr- und Ruhmsucht der Beweggrund eurer
edlen Taten, sondern allenthalben war die gerechte Notwendigkeit die Triebfeder
für all das Große und Herrliche, das ihr getan habt. (Wieder außerordentlicher
Beifall, gemengt mit Tränen, Schluchzen und Weinen.) Also war euer Leben
makellos wie die Sonne am reinsten Himmel, das heißt, meine allergeehrtesten
Zuhörer, auf der Welt genommen, da wir gelebt haben; denn hier ist von einer
Sonne keine Spur. – Nun aber erlaubet mir, meine allergeehrtesten Zuhörer, eine
große und wichtige Frage:
[GS.01_031,08]
Was ist nun all euer Lohn für solche allerausgezeichnetste und ehrenvollste
Handlungen? – Wo ist der vielgepriesene Himmel, der denjenigen verheißen ward,
die sich allzeit als die reinsten und allernachahmungswürdigsten Christen
bewährt haben? (Überaus großer Beifall von allen Seiten, und von mehreren
vernimmt man einen kläglichen Nachhall: Ja, wo ist der trügliche Himmel,
welchen zu gewinnen wir so viele Opfer darbrachten?)
[GS.01_031,09]
Meine geehrtesten Zuhörer! Dahier dieser Sandboden, diese mehr denn „ägyptische
Finsternis“ und unsere löblich sparsame „Mooskost“ sind der Lohn und der
Himmel, den uns die Pfaffen so ungemein zierlich ausgeschmückt haben ! –
(Wieder außerordentlicher Beifall.)
[GS.01_031,10]
Wo ist der gerechte Gott, dem zuliebe ihr so viele edle Taten geübt habt? Denn
es heißt ja in den Evangelien: Was ihr immer den Armen tun werdet, das habt ihr
Mir getan, und ihr werdet dafür in dem Himmel einen großen Schatz finden.
Ferner heißt es: Mit welchem Maße ihr ausmesset, dasselbe Maß werdet ihr im
besten Vollbestande wieder erhalten. – Nun, meine geehrtesten Zuhörer, ihr habt
solches alles getan; ihr habt tausend Arme unterstützt und waret allzeit
reichlich gerecht im Maß und Gewichte.
[GS.01_031,11]
Wo aber ist nun der Schatz im Himmel und wo das reichlich zurückgegebene Maß
all der Wohltaten, die ihr als wahre Christen ausgeübt habt? (Ein Nachhall
lautet: Ja, wo ist dieses alles?)
[GS.01_031,12]
Hier haben wir es; der himmlische Schatz ist diese Finsternis, und das
wohlgerüttelte Rückmaß, das uns in den Himmeln werden sollte, besteht in dem
sparsamen Moose, welches auf der Erde höchstens das Elentier gefressen hätte,
hier aber können wir uns damit als einem hochgepriesenen himmlischen Lohne
sättigen.
[GS.01_031,13]
Wie oft haben wir auf der Erde bei verschiedenen großedlen Gelegenheiten das
„Te Deum laudamus“ angestimmt, und die Pfaffen haben uns von allen
Kirchenkanzeln in die Ohren geschrien: Dort im lichten Reiche der Himmel werdet
ihr erst das große und ewig lebendige Te Deum laudamus anstimmen. Meine geehrtesten
Zuhörer, erlaubet mir hier eine Frage, und diese Frage soll also lauten:
[GS.01_031,14]
Wie sieht es nun hier in diesem herrlichen Himmelreiche mit dem so
hochgepriesenen Te Deum laudamus aus? Ihr zucket mit den Achseln; wahrlich, ich
möchte nicht nur mit den Achseln, sondern mit dem ganzen Leibe zucken, wenn ich
nicht befürchten müßte, daß darob meine sehr lockere Rednerbühne mich von
meinem wichtigen Posten absetzen würde. Ich meine, ohne jemandem in seiner
allfälligen guten Meinung vorzugreifen, für diese erhabene Hymne werden unsere
Kehlen bei dieser überaus fetten Kost schwerlich je eine klangvolle Stimme
bekommen, weil sich in diesem lichtvollen Himmel überhaupt noch eine sehr große
Frage aufwerfen läßt, nämlich:
[GS.01_031,15]
Ob es irgendeinen Gott gibt? – Und mit dem „Sich setzen mit Abraham und Isaak
zu einem wohlbesetzten Tische himmlischer Speisen“ wird es hier auch seine
geweisten Wege haben. Wenn ich jetzt auf der Erde wäre, so könnte ich mir
schmeicheln, eine der allertriftigsten Exegesen solcher vielverheißenden
Schrifttexte zu bewerkstelligen. So würde ich unter „Abraham und Isaak“
Finsternis und Sand darstellen und unter dem wohlbesetzten Tische das schönste
isländische Moos, eine wahrhaft ehrenwerte Kost für Renn- und Elentiere. Und wer
uns sagen kann, daß wir besser daran sind, denn diese armseligen Tiere des
beeisten Nordens, dem will ich augenblicklich meine lockere Bühne einräumen.
Ich meine aber, um solches einzusehen, bedürfen wir nicht mehr und nicht
weniger, als nur auf unseren Bauch zu greifen und zu vernehmen, wie diese
schwerverdauliche Kost noch gleich einem dürren Stroh in selbem herumrauscht,
und nur einen Blick auf diesen wohlbeleuchteten Boden, und der Beweis für
unsere Elen- und Renntierschaft ist mehr wie handgreiflich dargestellt.
[GS.01_031,16]
Der gute Welterlöser Christus hat wahrscheinlich auch nicht ganz klar gewußt,
was für ein Gesicht Sein gepredigtes Himmelreich hat; denn hätte Er das gewußt,
da hätte Er Sich sicher nicht ans Kreuz schlagen lassen. – Wenn Ihn Sein
gepriesener Gott-Vater nach der Kreuzigung, gleich uns, hat sitzen lassen, so
wird dieser an und für sich wirklich verehrungswürdigste Mann ganz kuriose
Augen gemacht haben, wenn Er am Ende Sein eingesetztes heiliges Abendmahl in
diese schönen Moosfluren verwandelt erblickte, welche zu erschauen uns keine
geringere Mühe macht als das Erschauen der Perlen im Grunde des Meeres von
seiten der Perlenfischer. Daß sich solches alles richtig so verhält, braucht
durchaus keines weiteren Beweises mehr. Aber nun, meine geehrtesten Zuhörer,
stelle ich euch eine andere, überaus wichtige Frage, und diese soll also
lauten:
[GS.01_031,17]
Hier sind wir einmal, das ist außer Zweifel; wie lange aber werden wir Bewohner
dieses frugalen Reiches bleiben? Wird es mit unserem Dasein noch einmal ein
erwünschtes Ende nehmen? Oder werden wir das allerseligste Vergnügen haben,
etwa gar ewig auf diesen von Segen triefenden Gefilden uns herumzutreiben?
Sehet, das ist eine überaus wichtige Frage; aber eben diese wichtige Frage
sucht einen, der sie beantworten möchte. Meine geehrtesten Zuhörer, wenn es auf
mich ankommt, so könnt ihr versichert sein, in dieser Hinsicht eher aus einem
Steine eine Antwort zu bekommen als aus mir. Ich will aber darum niemandem
vorgreifen; denn in verschiedenen Köpfen können auch verschiedene Ansichten
walten. Aber ich meine, in dieser Hinsicht wird aus uns bei dieser
außerordentlichen Beleuchtung unseres großen Schauplatzes schwerlich jemand
etwas Ersprießliches ans Tageslicht fördern können; denn zur Darstellung von
etwas Klarem muß auch ein Licht vorhanden sein, und zum Tageslicht gehört eine
Sonne.
[GS.01_031,18]
Hier aber etwas Klares ans Licht stellen heißt mit anderen Worten nichts
anderes als sich selbst und alle anderen für einen allerbarsten Narren halten.
Das ist wieder wahr: Die großen Gelehrten der Erde werden hier sehr viel Zeit
zum Nachdenken gewinnen. Wohl ihnen, wenn sie recht viel Stoff mitgebracht
haben; denn mit diesen drei Elementen: Finsternis, Sand und Moos werden sie gar
bald fertig werden. Mikroskope und andere Sehwerkzeuge mögen sie füglicherweise
auf der Erde zurücklassen, denn sie werden froh sein können, wenn sie mit den
eigenen Augen auf dem sandigen Boden eine Moostrift antreffen und erschauen
werden; und für die Astronomen wird hier spottschlecht gesorgt sein. Auch
Gelehrte und vielwissende Bibliothekare werden sich sicher entsetzlich
langweilen; denn dergleichen werden sie hier nicht antreffen. Auch große
Künstler und Virtuosen werden hier schlechte Geschäfte machen; denn sie werden
alle müssen im buchstäblichen Sinne nicht nur ins Gras, sondern ins Moos
beißen. Ich verstehe dieses Sprichwort: „ins Gras beißen“ auch hier erst ganz
radikal, und sehe es ein, daß es sicher älteren Ursprunges ist, als es mancher
Schriftsteller und Geschichtsschreiber sich möchte träumen lassen. Dieses
Sprichwort muß von den uralten ägyptischen Weisen herrühren, welche sicher eine
kleine Kenntnis davon hatten, was die Sterblichen hier für ein erfreuliches Los
erwartet.
[GS.01_031,19]
Meine geehrtesten Zuhörer, wenn überhaupt alle auf der Erde lebenden Menschen
solch ein Los, wie wir es nun haben, erwartet, was ich eben nicht bezweifeln
will, so bin ich der Meinung, der ehrliche Moses und der kreuzehrliche Christus
haben in dieser Hinsicht mit ihrer Gesetzgebung einen sehr schwankenden und
effektlosen Weg eingeschlagen. Hätten sie dafür und ganz besonders der Moses
mit seinem Wunderstabe die Erde geschlagen und dabei gesagt: Sonne, verfinstere
dich, wir haben für unsere Dummheit am Sternenlichte genug, und du Erde werde
zu einer Sandsteppe, auf welcher nichts als nur hie und da echtes isländisches
Moos wachsen soll, so hätte die ganze scharfe Gesetzgebung unter Donner und
Blitz schön zu Hause bleiben können. Denn unter diesen Verhältnissen müßte das
Sündigen von selbst ja zu einer größeren Rarität geworden sein, als echte
Diamanten in Grönland, Spitzbergen und Nowaja Semlja. Ich möchte den kennen,
der hier einen Raub oder Diebstahl begehen könnte und einen Wollüstling bei
dieser fetten Kost und bei unserer totengerippeartigen sinnlichen Reizbarkeit;
auch einen Lügner möchte ich hier mit Gold bezahlen, wenn ich überhaupt eines
hätte, – und was hier in jemandem eine Mordlust erregen könnte? Das aufzufinden
bei unsern Schätzen und Reichtümern, wäre sicher noch eine bei weitem
schwierigere Aufgabe, als für die Astronomen diejenige, mit ihren optischen
Werkzeugen Planeten anderer Sonnen zu entdecken. Kurz und gut, wir können tun,
was wir wollen, und reden, was wir wollen, so bin ich überzeugt, daß wir unser
Los nicht um ein Haar verbessern werden. Ich habe hier schon über einen
„Christoph Kolumbus“ weite Reisen unternommen und dieses Sand- und
Finsternismeer nach allen Richtungen durchsegelt, aber mir ist das Glück nicht
zuteil geworden: Land, Land! auszurufen, sondern überall: Nacht, Moos und Sand!
Daher ist meine Meinung zum Schluß meiner Rede diese:
[GS.01_031,20]
Nachdem ich unter allen Menschen, die je die Erde betraten, Christum für den
allerehrlichsten befunden habe, der das ausgedehnte Mosaische Gesetz, welches
einen sehr tyrannischen Anstrich hat, gewisserart aufhob und dafür das
alleinige Gesetz der Nächstenliebe gepredigt hat, so erkläre ich mich dafür –
weil unter diesem Gesetze, man kann es drehen, wie man will, intelligente Wesen
unter was immer für Verhältnissen doch am glücklichsten leben können –, daß
auch wir des Guten selbst willen hier diesem Gesetze treu verbleiben, Christum
als einen wahren Ehrenmann in unserem Gedächtnisse behalten und unter diesen
Verhältnissen dann mit unserem freilich sauren Lose so viel als möglich
zufrieden sein möchten. Ich glaube, dadurch werden wir unser Los, solange es
überhaupt währen will, am erträglichsten machen.
[GS.01_031,21]
Doch bitte ich, meine geehrtesten Zuhörer wollen diesen meinen Wunsch nicht
etwa als ein positives Gesetz ansehen; denn wie ich gesagt habe, soll meine
Schlußrede nur als ein wohlmeinender Wunsch betrachtet sein. Wenn wir uns aber
stets mehr gesellschaftlich verhalten, so glaube ich, daß wir eben dadurch mit
vereinter Kraft unser Los um vieles leichter tragen werden, als ein jeder,
egoistisch, für sich allein. Ich meinerseits will allzeit bereit sein, euch
durch meinen Mund, soviel es nur in meinen Kräften steht, angelegentlich zu
unterhalten. Mit diesem Wunsche und mit dieser Versicherung schließe ich meine
Rede. (Allgemeiner lauter Beifall von allen Seiten.)
[GS.01_031,22]
Der Redner, wie ihr sehet, steigt ganz behutsam von seiner lockeren Rednerbühne
und wird von der ganzen Gesellschaft sehr freundlich aufgenommen. Viele drücken
ihm die Hände und sagen: In der Gesellschaft eines solchen Mannes, der Kopf und
Herz am rechten Flecke hat, ist's überall gut sein; daher sind wir überaus
froh, dich lieben, teuren Freund gefunden zu haben und wollen dir recht gern in
allem folgen, gehe es, wohin es will!
[GS.01_031,23]
Nun sehet, wie es über dieser Gesellschaft etwas heller wird, wie sich der
Redner und die ganze Gesellschaft darüber zu erstaunen anfangen, und wie der
Redner noch einmal sich in der Gesellschaft vernehmen läßt und spricht: Ja, ja,
wie ich mir's gedacht habe, wenn uns der kreuzehrliche Christus mit Seiner
menschenfreundlichen Lehre kein Licht bringt, so bleiben wir ewige Gäste der
Nacht!
[GS.01_031,24]
Nun sehet, es wird schon wieder bedeutend heller; und da seht euch um, wie
schon von der morgendlichen Seite her zwei vom Herrn gesandte Boten eilen, um
noch viel mehr Licht unter diese Gesellschaft zu bringen. Wir wollen daher noch
ein wenig abwarten und sehen, was hier weiter geschehen wird.
32. Kapitel –
Geburt aus der Finsternis in einen ersten Grad des Lebenslichtes.
[GS.01_032,01]
Sehet, die Gesellschaft wird dieser zwei Boten auch schon ansichtig. Unser
Hauptredner geht ihnen freundlich entgegen, um sie ebenso freundlich
aufzunehmen. Wie ihr es beinahe selbst hören könnt, spricht er zu ihnen:
[GS.01_032,02]
Seid mir und uns allen tausendmal willkommen! Ich kenne euch zwar nicht; so
viel aber sehe ich, daß ihr, uns gleich Menschen, entweder soeben erst von der
Erde hier angekommen seid, oder ihr müßt irgendwo einen bessern Weideplatz
gefunden haben als wir, indem ihr ums Unvergleichliche besser ausschauet als
ich mit dieser meiner lieben Gesellschaft zusammengenommen. Seid ihr erst von
der Erde angekommen, so mache ich euch sogleich darauf aufmerksam, daß auf der
Erde die sogenannten Robinsone ums Unvergleichliche besser daran sind als wir;
denn für diese Behauptung braucht ihr keinen andern Beweis, als uns bloß vom
Kopf bis zum Fuß anzublicken, und unser unmenschlich gutes Aussehen wird euch
auf den ersten Blick selbst in dieser noch sehr bedeutenden Finsternis überaus
hell und klar dartun, um welche Zeit es hier mit dem Wohlleben ist. Dabei aber
kann ich euch doch versichern, daß es hier durchaus keine Krankheiten gibt;
denn was sollte bei unsereinem auch krank werden? Wir können höchstens nur
jenen Krankheiten unterliegen, denen allenfalls die Steine unterliegen. Denn
wenn man beinahe gänzlich aller Lebenssäfte flott wird, bin ich der Meinung,
wird man auch aller Krankheiten flott. Das einzige Übel, welches einen
wenigstens im Anfange heimzusuchen anfängt, ist der Hunger, also ein Magenübel.
Wie aber gewöhnlich der Hunger der beste Koch ist, so gibt es dann für ihn auch
bald eine Kost, bei welcher er seine Kochkunst auf eine außerordentliche Probe
stellen kann. Sehet, da zu unsern Füßen über dem Sande ist so ein kleiner
Probierstein für unseren Magen zu erblicken. Es ist Moos; man könnte sagen,
echtes isländisches und sibirisches Moos. Die sparsamen Tautropfen, welche
zwischen den Blättchen sitzen, sind dazu auch das einzige durstlöschende Mittel,
das sich in dieser ungeheuren Sandwüste ausfindig machen läßt. Machet euch
daher nichts daraus, wenn dieses Verhältnis auch etwa ewig dauern sollte, denn
Geduld und Gewohnheit macht einem am Ende alles erträglich. Uns alle wird es
sehr freuen, wenn ihr mit euren etwas phosphoreszierenden Gewändern bei uns
verbleiben wollet; denn ich kann euch versichern, an alles kann man sich eher
gewöhnen als an diese Finsternis. Somit könnt ihr es euch wohl vorstellen, daß
uns allen euer phosphorischer Schimmer wie eine Sonne vorkommt! – Nun aber,
meine lieben Freunde, möchtet ihr mir denn nicht auch gefälligst einen Grund
kundgeben, der euch von der Erde hierher versetzt hat, oder, so ihr von einer
bessern Trift kommet, mir kundgeben, was euch veranlaßt hat, diese zu verlassen
und euch hierher zu begeben?
[GS.01_032,03]
Der eine spricht: Armer Freund, du irrst dich an uns sehr; denn wir sind weder
von der Erde noch von irgend einer bessern Trift dieser Gegend zu euch
gekommen, sondern wir kommen vom Herrn, der da Christus heißet, und den du nur
als einen kreuzehrlichen Mann betrachtest, da Er doch der alleinige Herr
Himmels und der Erde ist, – zu euch gesandt, um euch zu zeigen, was der Grund
ist, demzufolge ihr schon so lange gänzlich unbehilflich in dieser Gegend umherirret.
[GS.01_032,04]
Wenn ihr euch fraget: Wie haben wir auf der Erde gelebt, so wird euch eure
helle und klare Erinnerung sagen: Wir alle haben allezeit ehrlich und redlich
gehandelt und gelebt. Fraget ihr euch aber hinzu: Warum haben wir also gelebt
und gehandelt? so werdet ihr ebenfalls nichts anderes herausbringen können als:
wir haben hauptsächlich nur zu unserm Besten gelebt. Weltliche Ehre, weltliches
Lob und das darauf begründete Ansehen vor anderen Menschen waren der
Hauptbeweggrund aller unserer Edeltaten. Wir waren stets getreue Staats- und
Kirchenbürger; warum denn? Etwa aus Liebe zu Gott? Wie könnte solches sein, da
wir Gott doch nicht im geringsten kannten und somit auch nicht wußten, was da
wäre Sein heiliger Wille, sondern unsere getreue Staats- und
Kirchenbürgerschaft gründete sich vorerst nur darauf, daß wir uns eben dadurch
gar leichtlich vieler Vorteile vor anderen bemächtigen konnten, die von seiten
des Staates und der Kirche nicht in so günstigem Ansehen standen als wir. Und
ferner hatte diese getreue Staats- und Kirchenbürgerschaft in gewisserart
blindgeistiger Hinsicht den Grund, daß wir uns dachten: gibt es jenseits nach
der Lehre der Pfaffen und noch anderer Unsterblichkeitsritter irgendein Leben
nach dem Tode, so können wir bei einer solchen Handlungsweise offenbar nicht
zugrunde gehen. Gibt es kein solches Leben, so wird sich unser Tatenruhm
wenigstens auf der Erde in unseren Kindern und Kindeskindern gleichsam
unsterblich fortpflanzen, und man wird vielleicht noch in hundert und hundert
Jahren von uns sprechen und sagen: Das waren Männer und das waren Zeiten, in
denen solche Männer gelebt haben!
[GS.01_032,05]
Sehet, solches muß euch auch, wie gesagt, euer Inneres sagen; sonach seid ihr
ja offenbar ohne alle innere Vorstellung aus dem Leibesleben in dieses geistige
Leben übergegangen und wußtet nicht im geringsten, was zum geistigen Leben
erforderlich, noch weniger, wie dieses beschaffen ist und worin es besteht. Was
war demnach natürlicher, als daß ihr in diesem geistigen Leben nichts anderes
antreffen konntet als das nur, was ihr vom Leibesleben hierher mitgebracht
habt, nämlich eine höchst klägliche, magere Gestalt eurer Wesenheit und die
vollkommene Finsternis in den Begriffen über das Leben des Geistes. Mit anderen
Worten gesagt: Ihr kamet nahe gerade also hierher, als bei der naturmäßigen
Zeugung des Menschen ein Embryo kommt in den Mutterleib, wo auch allenthalben
vollkommene Finsternis herrscht. Der Embryo ernähret sich gewisserart nur vom
Unrate des Blutes der Mutter, bis er bei solcher freilich wohl äußerst mageren
und unschmackhaften Kost zu jener Naturkraft gelangt, sich aus diesem finsteren
Werdungsorte zu entfernen. Also habt auch ihr euch hier gewisserart in einem
„Mutterleibe“ befunden und habt euch müssen von dem stets gleichmäßigen Unflate
desselben nähren.
[GS.01_032,06]
Da aber in euch sich noch ein lebendiger Funke zum ewigen Leben vorfand,
nämlich die kleine Liebe und Hochachtung Christi, so hat dieser Funke euch
geistige Embryonen ausgezeitigt zu einer Ausgeburt aus dieser eurer eigenen
finsteren Sphäre. Es soll euch werden, was du am Schlusse deiner Rede zu deiner
Gesellschaft gesprochen hast, da du sagtest: Wenn uns mit Christus nirgends ein
Licht wird, so können wir versichert sein, daß diese Finsternis uns zum ewigen
Eigentume verbleiben wird.
[GS.01_032,07]
Also ist euch in Christo Licht geworden; und so sollet ihr denn auch das
erfahren, was der Herr zu einem Seiner Jünger gesagt hat, daß niemand das ewige
Leben und somit das Reich Gottes überkommen könne, der da nicht wiedergeboren
wird. Zur Nachtzeit sprach solches der Herr zu Seinem Jünger, um ihm dadurch
anzuzeigen, daß sich ein jeder unwiedergeborene Geist in der Nacht befindet
gleich dem Embryo im Mutterleibe und daß der Herr auch in der Nacht zu dem
unwiedergeborenen Geiste kommt, um ihn wiederzugebären aus dieser Nacht in das
Licht des ewigen Lebens.
[GS.01_032,08]
Da nun für euch zufolge eurer erwachten, wenn schon geringen Liebe zum Herrn
diese Zeit der neuen Ausgeburt herangekommen ist, so sind wir hierhergesandt
worden, um euch aus dieser eurer geistigen Geburtsstätte zu führen und euch an
eine solche Stelle zu bringen, wo ihr unter eine Wartung gleich den Kindern
kommen werdet. Ihr werdet euch dadurch wieder neue Lebenskräfte sammeln können,
um mit diesen Kräften, je nachdem sie mehr oder weniger ausgebildet sein
werden, in eine solche Sphäre zu gelangen, die vom Herrn aus euren Kräften
bestens angemessen sein wird.
[GS.01_032,09]
Denket aber ja nie an einen Himmel als einen Belohnungsort für die guten Werke,
die der Mensch auf der Erde vollbracht hat; sondern denket, daß der Himmel in
nichts anderem besteht als in eurer eigenen Liebe zum Herrn!
[GS.01_032,10]
Je mehr ihr den Herrn mit Liebe erfassen werdet, und je demütiger ihr sein
werdet vor Ihm und vor all euren Brüdern, desto mehr des wahren Himmels werdet
ihr auch in euch tragen; und so denn sammelt euch und folget uns!
[GS.01_032,11]
Nun sehet, wie die ganze Gesellschaft sich freut und diesen zwei Boten folgt.
[GS.01_032,12]
Ihr fraget, wohin sie diese Gesellschaft etwa führen werden? Kehrt euch nur um
und sehet dort, freilich wohl in schon bedeutender Ferne hinter uns, die euch
bekannte geöffnete hohe Wand; merket ihr nichts? Hat das nicht beinahe das
Aussehen, als wenn sich bei der Geburt eines Kindes die Mutterscheide öffnet?
[GS.01_032,13]
Ihr saget: Solches verstehen wir nun wahrhaftig wie durch einen Zauberschlag
wunderbar entsprechend! Wenn aber die Gesellschaft über diese Kluft hinaus
gelangen wird, wohin kommt sie dann? – Wohin kommt das Kind gleich nach der
Geburt? Ihr saget: In leichte Windeln und dann in eine Wiege; also in noch
immer sehr beschränkte Lebensverhältnisse. Ihr habt doch die vielen Täler links
und rechts gesehen, als wir uns auf der anderen Seite vom Morgen her dieser
Wand näherten. Sehet, das sind die Windeln und das ist die Wiege. Also in diese
Täler werden diese Menschen gestellt. In diesen Tälern geht es ungefähr so zu,
wie ihr es gleich anfangs links und rechts in ein paar solcher Täler habt
kennengelernt.
[GS.01_032,14]
Wie es bei einem neugeborenen Kinde ist, daß es nicht von heute auf morgen zu
einem Manne wird, so geht es auch bei einem neuausgeborenen Geiste, besonders
im Reiche der Geister, nur langsam vorwärts. – Nun wißt ihr, in welcher Gegend
ihr euch befindet; daher darf es euch auch nicht wundernehmen, wenn ihr hier
wenig oder beinahe keine höheren Lehrer unter den vielen hier Wandelnden
erschauet; denn solche wären hier ebenso unnütz, als so auf der Erde jemand
möchte einem Kinde schon im Mutterleibe irgendeinen Unterricht erteilen.
[GS.01_032,15]
Wann bei einem Kinde die Zeit des Unterrichtes als tauglich kommt, wisset ihr
ohnehin; darum sind diese Boten hier auch nicht als Lehrer, sondern als
wahrhafte geistige „Geburtshelfer“ zu betrachten. Da wir nun solches wissen,
können wir uns wieder ein wenig vorwärtsbewegen, allda sich uns eine ganz neue
Szene darbieten wird; und somit gut für heute!
33. Kapitel –
Über geistige Erscheinlichkeiten.
[GS.01_033,01]
Wenn ihr eure Augen recht anstrengen wollet, so werdet ihr mehr zur rechten
Hand etwas wahrnehmen, das sich artet wie etwa eine Staubwolke. Ihr bejahet,
solches zu erschauen; es ist gut. Bewegen wir uns daher nur recht schnell gegen
diese Staubwolke hin, und wir werden ihr bald näherkommen und sie beschauen in
ihrer entfalteteren Gestalt. Ihr fraget: Was besagt denn hier eine solche
Staubwolke? Ich sage euch: Eben nicht gar zuviel; ihr werdet auf der Erde oft
von den sogenannten „Dunstmachern“ etwas gehört haben und sehet, das ist ein
entsprechendes Bild davon. Wie und auf welche Art werdet ihr euch in der Nähe
dieses Phänomens bald überzeugen; daher nur noch einige Schritte, und wir sind
bei dem Phänomen.
[GS.01_033,02]
Nun sehet, hier sind wir schon; was erblicket ihr? Ihr saget: Wir erblicken nun
keine Staubwolke mehr, aber dafür eine reichzählige Gesellschaft zwerghaft
verkümmerter Menschen beiderlei Geschlechts. Diese Zwergmenschen blähen sich
gegeneinander auf, stellen sich auf die Zehenspitzen, es will ein jeder größer
sein denn der andere. Die Kleinsten nehmen sogar Sand in die Hand, werfen ihn
über sich in die Höhe und scheinen dadurch den anderen anzudeuten, was für
Riesen sie sind. Ihr habt recht bemerkt, denn also kommt ihre Sinnesart zur
Erscheinlichkeit.
[GS.01_033,03]
Jetzt treten wir völlig zu ihnen hin, und es wird sich diese ganze Gesellschaft
gleich wieder anders gestalten. Nun sehet, wir sind ihnen vollkommen auf der
Ferse; was bemerket ihr jetzt? Ihr saget: Jetzt kommen sie uns etwas größer
vor, blicken sich gegenseitig überaus zuvorkommend und freundlich an, tun
gegenseitig also, wie da tun die koketten Frauenspersonen in einer
Gesellschaft. Ihr habt wieder recht bemerkt; aber ihr fraget nun, worin das
liege, daß man eine solche Gesellschaft von den verschiedenen Standpunkten auch
allzeit verschieden erschaut. Dies kommt daher, weil es auf der Welt auch also
ist. In der vollkommenen Nähe getraut sich einem Mächtigen niemand die Wahrheit
ins Gesicht zu sagen, selbst die Mächtigen untereinander scheuen solches; daher
macht sich alles gegenseitig den Hof.
[GS.01_033,04]
Wenn eine solche Gesellschaft auseinandergeht, so erhebt sich ein jeder bei
sich selbst über den andern und weiß eine Menge zu bemängeln, und so will
demnach ein jeder sich über den andern erheben; aber gar zu laut getraut sich
noch niemand etwas Bestimmtes auszusprechen, sondern stellt nur ganz bescheiden
Vergleichungen an. Nur bei sich selbst weiß er alles gewisserart vom höchsten
Standpunkte aus zu beurteilen: Solches bezeichnet das „Sand über sich werfen“,
oder, mit andern Worten, seinen Verstand über alle andern erheben. In weiter
Entfernung von solcher Gesellschaft wird alles mit den schärfsten Augen
betrachtet; die ganze Gesellschaft wird als ein Unsinn erklärt und all ihre
Gespräche und all ihr Tun und Lassen für nichts als ein leerer Dunst oder für
eine leere Prahlerei angesehen.
[GS.01_033,05]
Wenn ihr nun diese zwei gegebenen Verhältnisse einander gegenüberhaltet, so
werdet ihr daraus folgenden Schluß ziehen können: In der Ferne stellt sich der
wahre Prospekt einer Sache dar; in der größeren Nähe geht der Totalprospekt
schon mehr und mehr verloren, dafür aber stellt sich mehr die Sonderlichkeit
dar. In der vollen Nähe ist von dem Hauptprospekte nicht das geringste mehr zu
entdecken; dafür aber tritt die Einzelheit desto bestimmter vor die Augen.
[GS.01_033,06]
Wer solches nicht wohl fassen möchte, den mache ich auf eine naturmäßige
Erscheinung in der materiellen Welt aufmerksam. Wenn er sich beispielsweise
ungefähr zehn Stunden von einem namhaften Gebirge entfernt befindet, so
überschaut er dasselbe, und es liegt dann als ein bestimmtes Bild vor ihm.
Nähert er sich dem Gebirge dann auf eine Stunde, so wird dasselbe gewisserart
in seinen Verzweigungen auseinandergehen, und er wird nun eine Menge Vorberge
und Gräben entdecken, welche in der Ferne mit dem Hauptberge nur eine Fläche
auszumachen schienen. Steigt er aber nun völlig auf den Berg selbst, so geht es
ihm wie einem, der den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht; denn da ist von der
ersten Ansicht nahe keine Spur mehr zu entdecken. Ich meine, durch eine nur einigermaßen
aufmerksame Betrachtung dieses Beispieles werden uns die drei verschiedenen
Ansichten unserer Gesellschaft vollkommen klar werden. Aber nun fragt ihr und
saget: Solches alles ist ja richtig; aber was hat es denn mit dieser
Gesellschaft noch für eine oder die andere Bewandtnis? Wessen Geistes Kind ist
sie? Wir können solches nicht aus dem Benehmen dieser Wesen herausbringen; denn
ihr ganzes Tun und ihre Sprache gleichen mehr einer Pantomime als irgendeiner
Konversation, aus verständlichen Worten bestehend.
[GS.01_033,07]
Ich sage euch: Das ist ja eben klar. Ihr müßtet wirklich noch sehr blind sein,
wenn ihr solches nicht erraten solltet, wie das ist, woher und wohin. Sehet,
das ist eine Gesellschaft aus lauter großen, weltsüchtigen und eigennützigen
sogenannten Staatsbeamten, die ihr Amt nur zum eigenen Besten, aber nicht zum
Besten des ganzen Staates und dessen Bürger verwalteten.
[GS.01_033,08]
Diese Menschen taten auf der Welt überaus höflich und freundschaftlich
miteinander; es wußte aber dessen ungeachtet ein jeder auf eine ganz feine
Weise sich vor dem andern geltend zu machen. Keiner aber traute dem andern und
fand daher notwendig, ihn durch allerlei Schleichwege so zu halten, daß der
andere nicht viel Geheimnis haben konnte vor seinem Nachbar. Was ist aber solch
eine eigennützige Freundschaft und ein solch fein beabsichtigtes Hofmachen
anderes als eine freche Koketterie, welche an und für sich nichts anderes als
eine Wurzel oder ein Same zur eigentlichen Hurerei ist. Denn also wirft auch
eine habsüchtige und wollüstige Hure einem Manne freundliche und viel
versprechende Blicke zu, um ihn in ihr Netz zu locken und dann von ihm etwas zu
bekommen. So trägt auch ein Geier eine Schildkröte in die Höhe, um dann durch
ihren Fall eine gute Freßbeute zu gewinnen.
[GS.01_033,09]
Solche Menschen nützen dann dem Allgemeinen gar wenig, und sie selbst sind
dabei durch eine überwiegende List der andern auch eben nicht am
vorteilhaftesten daran. Ja, solche Menschen gleichen noch den Spielern, die
sich abends freundlich und brüderlich besuchen und gegeneinander voll Artigkeit
sind. So sie sich aber zum Spieltische setzen, da möchte sich keiner auch nur
das Allergeringste daraus machen, wenn sein Mitspieler Haus und Hof an ihn
verspielen würde.
[GS.01_033,10]
Ihr saget hier: Aber liebster Freund, das sind ja doch offenbar böse Menschen;
wie kommen denn diese daher, da sie nicht verloren sind? Ich sage euch: Ihr
urteilet hier zu grell; möchtet ihr denn nicht einen Unterschied machen
zwischen den gewalttätigen Dieben und den sogenannten armen Gelegenheitsdieben?
Sehet, das ist auch unsere Gesellschaft. Ihre Stellung in der Welt hat ihnen
gewisserart ein staatlich politisches Recht eingeräumt, also zu handeln, und
sie sind auch überzeugt, daß sie vollkommen ihrem Berufe gemäß gehandelt haben.
[GS.01_033,11]
Hier im Reiche der Geister aber wird dem Menschen niemals eine Handlung als
verdammlich angerechnet, so er dieselbe mit einem sein Gewissen nicht
beunruhigenden Rechtsgefühle vollzogen hat, und dieses war auch bei diesen
Menschen der Fall. Bei ihnen ist nichts eine volle Wirklichkeit, weder das Gute
noch das Arge, sondern alles ist gewisserart nur eine politische, mehr oder
weniger pfiffige Komödie. Aus diesem Grunde sind sie auch hier, damit in ihnen
all das Nichtige und Falsche verzehrt werde. Wenn solches, freilich wohl mit
äußerst langsamem Fortschritte, bewerkstelligt wird, dann erst werden sie aus
dieser Gegend ausgeboren und kommen in die Täler rechts im Hintergrunde, wo wir
unseren Stoiker haben kennengelernt.
34. Kapitel –
Gegenseitiger Einfluß von Eheleuten im Jenseits.
[GS.01_034,01]
Ihr saget: Solches alles ist richtig und wir begreifen es. Da wir aber in der
Gesellschaft auch Weiber gesehen haben, denen doch kein öffentliches Amt zur
Verwaltung anvertraut ward, so fragt sich's hier, was diese wohl da machen, und
warum sie mit dieser Gesellschaft gewisserart amalgamiert sind.
[GS.01_034,02]
Meine lieben Freunde, das sollte euch selbst wundern, wenn ihr solches nicht
auf den ersten Blick begreifet.
[GS.01_034,03]
Ist es denn nicht schon etwas Altes, daß das in allem bei weitem schwächere
Weib nichts sehnlicher will und wünscht, als gerade das, dem sie am wenigsten
gewachsen ist, und das ist Herrschen und Regieren. Wenn Männer irgendein Amt
bekleiden und nehmen oder haben schon Weiber, so ist es allezeit nur zu sicher
der Fall, daß das Weib am Ende mehr regiert, denn der eigentlich zur Regierung
berufene Mann.
[GS.01_034,04]
Damit sie ihre Pläne durchsetzen, gebrauchen sie zu dem Behufe die ganze Fülle
der weiblichen List; und es gehört außerordentlich viel Festigkeit von seiten
des Mannes dazu, so er nicht von seiner „Eva“ übertölpelt werden will.
[GS.01_034,05]
Ihr fraget wieder: Ja, worin liegt denn aber der Grund, daß das Weib durch
seine List gewöhnlich den Sieg davonträgt? Ich sage euch: Der Grund ist ganz
natürlich und daher auch sehr leicht begreiflich. Wenn ihr bedenket, daß das
Weib so ganz eigentlich die Wurzel des Mannes ist, so wird euch dadurch alles
andere leicht erklärbar werden.
[GS.01_034,06]
Der Stamm eines Baumes steht zwar mit seinen Ästen unter dem Lichte des Himmels
und schlürft eine ätherische Kost aus den Strahlen der Sonne und niemand merkt,
daß er dessen ungeachtet zuallermeist von der Wurzel seine Hauptnahrung bekommt.
Wenn nun die Wurzeln sich gegen den Baum verschwören möchten und zufolge dieser
Verschwörung sich von ihm lossagen, was würde da wohl gar bald mit dem Baume
werden? Er würde verdorren und endlich keine Früchte mehr tragen.
[GS.01_034,07]
Nun sehet, solches weiß das Weib in seinem Gemüte und empfindet es genau, welch
ein Bedürfnis sie dem Manne ist. Wenn sie aber eine schlechte Bildung hat und
daher ein verdorbenes Gemüt, so tut sie dasselbe, was da nicht selten die
Wurzeln eines Baumes tun, nämlich sie schlagen aus der Erde neue Triebe empor,
nähren dieselben, und dem Baume wird dadurch die ihm gebührende Nahrung
entzogen. Es wird aus solchen Wurzelausschlägen wohl nie ein kräftiger und
Früchte tragender Baum, aber dafür ein dem Baume ähnliches Gesträuch. Wenn der
Baum nicht kräftig mit der höheren Kost des Himmels solchem Unfuge der Wurzel
dadurch entgegenarbeitet, daß er seine Äste und Zweige mächtig ausbreitet und
die argen Wurzeltriebe mit seinem starken Schatten abwelken macht und endlich
bei einer günstigen Jahreszeit, etwa durch Beihilfe des Winters, erstickt, so
ist er offenbar dadurch in großem Nachteil für seine eigene Existenz und für
seinen Wirkungskreis.
[GS.01_034,08]
Also geht es auch dem Manne, der da hat ein herrschsüchtiges und somit in allem
imponieren wollendes Weib. Wenn er ihr nicht vollkräftig mit seiner
Männlichkeit entgegenzuwirken vermag, wird das Weib ihn bald ganz umzingelt
haben mit den Afteraustrieben, und er wird schwächer und schwächer werden, am
Ende abdorren und alle seine Kraft in den männlich sein wollenden
Wurzelauswüchsen des Weibes unbesiegbar erschauen. Und das ist der weibliche
Herrsch- und Regierungstrieb.
[GS.01_034,09]
Ein anderes Beispiel bieten euch die Kinder, die in ihrer Schwäche nicht selten
stärker sind denn ein allergrößter Held, vor dem Tausende und Tausende zittern.
Nehmen wir an, der Held ist ein Vater und hat ein kleines Kind, das noch kaum
verständig zu lallen imstande ist. Es dürften Tausende zu diesem Helden kommen,
um ihn von einer Idee abzuhalten, so würden sie sicher nichts ausrichten.
Dieses Kind aber darf ihn nur ansehen, anlächeln und dann zu ihm sagen: Vater,
bleib bei mir, geh diesmal nicht aus, denn ich fürchte mich gar sehr, daß du
unglücklich wirst; und der Held wird weich und folgt seinem Kinde.
[GS.01_034,10]
Von diesem Beispiele wenden wir uns wieder an die Weiber. Der Mann, wie ihr
wißt, ändert schon in seinen Jünglingsjahren die Stimme des Kindes und bricht
dieselbe in einen männlichen Kraftton; das Weib behält die Skala des Kindes
bei. Sehet, wie das Weib diese Skala beibehält, so behält es auch fortwährend
in einem gewissen Grade mehr oder weniger sämtliches kindliche Wesen in sich.
Zufolge dieses Vermögens besitzt es dann auch die kindliche Macht, welche, wie
schon gesagt, nicht selten größer ist denn die Willensmacht eines noch so
großen, weltbezwingenden Feldherrn.
[GS.01_034,11]
Zufolge dieses Vermögens aber kann dann das Weib ja eben auch von der Wurzel
aus auf den Mann wirken. Sieht sie, daß mit dem Manne auf dem Wege der
gewöhnlichen „weiblichen Politik“ nichts auszurichten ist, so ergreift das Weib
gar bald die ihr eigentümliche schwach scheinende Kindlichkeit, mit welcher sie
dann auch zuallermeist den Sieg über den kräftigen Mann davonträgt.
[GS.01_034,12]
Ich meine, aus diesem Beispiele wird euch die Sache noch klarer, und ihr werdet
daraus mit der leichtesten Mühe von der Welt entnehmen können, aus welchem
Grunde dieser Gesellschaft auch weibliche Wesen einverleibt sind. Solches aber
müßtet ihr noch wissen, daß das Weib in der geistigen Welt einem Manne so lange
anhangen bleibt, solange der Mann sich nicht völlig gereinigt hat von all
seinen Schlacken der Welt.
[GS.01_034,13]
Es würde so mancher Mann eher, ja um gar vieles eher zur geistigen Reinheit
gelangen, wenn ihn sein allzeit unter gleichen Verhältnissen sinnlicheres Weib
nicht daran hindern würde. Also ginge es auch unserer Gesellschaft
männlicherseits schon lange um vieles besser, wenn sie nicht mit Weibern
unterspickt wäre.
[GS.01_034,14]
Sooft irgendein Mann einen bessern Entschluß faßt und will in seinem Gemüte
einen besseren Weg einschlagen, so weiß ihn das Weib infolge der ihr
innewohnenden Herrschsucht allzeit davon abzuhalten und ihm einen anderen Weg
zu zeigen. Mit anderen Worten gesagt: ein Mann, der ein solches Weib besitzt,
wird in der geistigen Welt noch um vieles schwerer los von ihr denn auf der
Welt. Will er sich auch von ihr entfernen, so weiß sie ihn wieder durch ihr
Bitten und durch allerlei kindlich-schwach geartete Vorstellungen zu bewegen,
daß er wieder bei ihr verbleibt und ihr alle erdenklichen Versicherungen gibt,
daß er sie ewig nie verlassen wolle.
[GS.01_034,15]
Ja, es ist gar oft der Fall, daß Männer von gutem Herzen an diesem Orte mit
Weibern anlangen, welche sich an und für sich offenbar für die Hölle ganz reif
gemacht haben. Solche Weiber sind die gefährlichsten und zugleich auch die
hartnäckigsten; denn ihr Herz hängt an dem, was der Hölle angehört, dessen
ungeachtet aber dennoch auch aus verschiedenen gewinn- und herrschsüchtigen
Rücksichten an ihrem Manne.
[GS.01_034,16]
Da aber ihr Sinn offenbar zur Hölle zieht und der bessere Mann nicht eine
hinreichende Kraft besitzt, sich von ihr zu trennen und sich somit der
scheinbaren Schwäche seines Weibes hingibt, so zieht ihn nach und nach das Weib
über die Grenzen dieses Gebietes über den euch schon bekannten Strom mit sich,
wie ihr zu sagen pflegt, auf die allerunschuldigste Art in die Hölle. Es
braucht da selbst für die kräftigsten Engel eine überaus große Geduld und
mühevolle Arbeit, solch einen Mann seinem höllischen Weibe zu entwinden. Nach
eurer Zeitrechnung dürfte eine solche Arbeit nicht selten mehrere hundert Jahre
betragen; und sehet, auch in dieser Gesellschaft sind einige solche Weiber
vorhanden.
[GS.01_034,17]
Ihr saget freilich wohl: Aber hier könnte ja doch der Herr einschreiten und
einen gewaltigen Strich durch die Rechnung solcher Weiber machen. – Eine solche
Intervention läßt sich freilich wohl hören, solange jemand mit den höheren
Wegen der göttlichen Ordnung nicht bekannt ist; wer aber diese kennt, der weiß
es auch nur zu gut, daß solches unter der Bedingnis der Erhaltung des Lebens
des Geistes so gut wie rein unmöglich ist.
[GS.01_034,18]
Solches müßt ihr wissen, daß die Liebe des Menschen sein Leben ist, und dieses
trägt er in sich. Wodurch aber hat ein Mann einem Weibe über sich den Sieg
eingeräumt? Dadurch, daß er sie zu sehr in seine Liebe aufgenommen hat. Nun
sollte sich aber dann der Mann prüfen und die Liebe zu seinem Weibe und die
Liebe zum Herrn auf eine überaus fühlbare Waage legen und diese beiden
Liebarten dann mit der ängstlichsten Sorgfältigkeit abwägen und wohl achthaben,
wo sich das Übergewicht herausstellt. Er sollte sich dabei allertiefst in sich
genau erforschen, welcher Verlust für ihn erträglicher wäre, ob er sein geliebtes
Weib verlieren möchte und alle ihm von selbem entspringenden Vorteile oder die
Liebe des Herrn.
[GS.01_034,19]
Solches aber muß, wie gesagt, nicht etwa bei einer oberflächlichen Äußerung
verbleiben, indem etwa jemand sagen möchte: Ich opfere der Liebe des Herrn
nicht nur ein, sondern zehn Weiber; sondern diese Frage des Lebens muß allzeit
mit der Wurzel desselben beantwortet sein.
[GS.01_034,20]
Nehmen wir den Fall, wenn der Herr einem solchen Manne, der mit dem Worte
vorgibt, daß er den Herrn ums Zehnfache mehr liebt denn sein Weib, dasselbe
nähme, d.h. durch den Tod des Leibes.
[GS.01_034,21]
Wenn da der Mann in sich selbst im Ernste ganz lebendig fühlend sagen kann:
Herr! Ich danke Dir, daß Du solches an mir getan hast; denn ich weiß ja zufolge
meiner Liebe zu Dir, daß alles, was Du tust, am allerbesten getan ist. Wenn
dazu noch ein solcher Mann bei dem möglichen Verluste seines Weibes wirklich in
der Liebe zum Herrn den allergenügendsten Ersatz findet, so ist wirklich die
Liebe zum Herrn in ihm größer denn die zu seinem Weibe.
[GS.01_034,22]
Wird er aber traurig über solch ein Werk des Herrn und spricht: Herr! Siehe,
ich habe Dich so lieb; warum hast Du mir solche Traurigkeit und solchen Schmerz
bereitet? – Wahrlich, ihr könnt es glauben, ein solcher Mann liebte sein Weib
mehr als den Herrn!
[GS.01_034,23]
Wenn ein solcher Mann auch noch um mehrere Jahre sein Weib überlebt, mit der
Zeit ihrer vergessen und sich ganz zum Herrn gewendet hat, so hat er aber
dessen ungeachtet solche Liebe nicht völlig aus seinem Herzen verbannt. Denn es
dürfte nach zehn Jahren sein Weib nur wieder zurückkehren, so wäre er wie
bezaubert und würde sein Weib mit der größten Liebe aufnehmen, besonders wenn
sie ihm dazu noch gewisserart geistig verjüngt entgegenkäme.
[GS.01_034,24]
Ihr fraget hier freilich wieder: Wie ist solches wohl möglich, wenn sogestalt
ein Witwer sich ganz dem Herrn hingegeben hatte? Ich aber frage euch: War diese
Hingebung eine freiwillige oder vielmehr nur eine notgedrungene? – Hätte er
solches getan, wenn ihm der Herr das Weib nicht genommen hätte? – Bei dem Herrn
aber gilt nur allein der freie Wille, und demzufolge die gänzliche
Selbstverleugnung in allem.
[GS.01_034,25]
Dieser Mann ward traurig um den Verlust seines Weibes; daher wandte er sich an
den Herrn, um bei Ihm den gebührenden Trost und die Beruhigung und völlige
Wiederheilung seines gebrochenen Gemütes zu finden.
[GS.01_034,26]
Was war ihm in dieser Hinsicht wohl der Herr? War Er wohl die Zentralliebe im
Herzen eines solchen Mannes, oder war Er nicht vielmehr nur ein beruhigendes
Mittel und ein Deckmantel über den erlittenen Schmerz und somit auch ein
denselben heilendes Pflaster? Hier könnt ihr sicher nichts anderes sagen, als
daß der Herr hier nur das Zweite war, nämlich Mittel, Deckmantel und Pflaster.
Wer aber kann sagen, daß eine Liebe aus Dankbarkeit der Grundliebe des Herzens
gleichkomme?
[GS.01_034,27]
Oder ist da nicht ein solcher Unterschied, als wie ein Mensch einen Wohltäter
liebt, so ihn dieser glücklich gemacht hat, und zwischen der Liebe, wie dieser
glücklich gemachte Mensch das ihm zuteil gewordene Glück liebt? – Ich meine,
zwischen diesen beiden Liebarten liegt ein gar großer Unterschied; denn die
Liebe zum Wohltäter ist ja nur die Folge der Grundliebe, welche in der
empfangenen Glückseligkeit wohnt, und ist somit keine Grund-, sondern nur eine
Afterliebe.
[GS.01_034,28]
Wie stellt sich aber solche dem Herrn gegenüber dar, wo der Mensch das
allergrößte Glück allein in den Herrn setzen solle, von welchem aus betrachtet
ihm alles andere null und nichtig und somit für ewig entbehrlich sein soll? –
Denn er soll ja in sich selbst lebendig sagen können: Wenn ich nur den Herrn
habe, so frage ich weder nach einem Himmel noch nach einer Erde und somit noch
viel weniger nach einem Weibe. –
[GS.01_034,29]
Aus diesem könnt ihr gar wohl begreifen, warum ich euch darauf inwendigst
aufmerksam gemacht habe, wie außerordentlich lebendig tief der Mann seine Liebe
zwischen dem Herrn und seinem Weibe prüfen solle; denn es spricht ja der Herr
Selbst: Wer seinen Vater, seine Mutter, sein Weib, seinen Bruder und seine
Kinder mehr liebt denn Mich, der ist Meiner nicht wert!
[GS.01_034,30]
Ihr fraget hier freilich wieder: Ist denn hernach ein solcher Mann zufolge
einer solchen Afterliebe zum Herrn verloren? – Das ist er mitnichten; aber er
kann nicht eher zum Herrn gelangen, als bis er dem eigentlichen Grund seiner
Liebe den gänzlichen Abschied gegeben und seine Afterliebe zur Hauptliebe
gemacht hat.
[GS.01_034,31]
Welche Schwierigkeiten aber das nicht selten in diesem geistigen Reiche mit
sich führt, haben wir zum Teil bei dieser Gesellschaft dargetan; wir werden
aber diesen überaus wichtigen Punkt bei einer nächsten Szene noch um vieles
klarer und gründlicher praktisch erschauen. Da werdet ihr sehen, wie oft eine
solche scheinbar gänzlich erloschene, falsche Ehegattenliebe wieder neu aus dem
Grunde erwacht, so solche Gatten in der Geisterwelt wieder zusammenkommen. –
Somit lassen wir diese Gesellschaft ungestört ihren Weg verfolgen und begeben
uns wieder etwas vorwärts!
35. Kapitel –
Ein Ehepaar im Jenseits.
[GS.01_035,01]
Sehet, nicht ferne von uns werdet ihr ein Paar menschliche Wesen erschauen. Es
sind ein Mann und ein Weib, und das gerade in einer solchen Situation, die wir
zu unserem Zwecke recht gut verwenden können. Also gehen wir nur schnell darauf
zu, damit wir sie gleich einholen. – Ihr fraget, wie das Verhältnis beschaffen
sei zwischen diesen beiden. – Ich sage euch: Für unseren Zweck könnte es nicht
besser beschaffen sein als es ist. Es ist ein Verhältnis, wo das Weib nur sechs
Jahre vor dem Manne gestorben ist. Der Mann hat viel getrauert um sie, hat aber
im Verlaufe von ein paar Jahren sich so recht der Religion in die Arme
geworfen, und so treu gelebt seiner Erkenntnis zufolge. Nun aber ist auch er
von der Erde abberufen worden und kam vor kurzer Zeit erst hier an. – Diese
Einleitung ist vorderhand hinreichend; das Nähere sollet ihr im Geiste
praktisch erfahren.
[GS.01_035,02]
Da wir bei dieser Gelegenheit, wie ihr sehet, auch glücklich unser Pärchen
eingeholt haben, so braucht ihr nichts als auf das Zwiegespräch, welches soeben
beginnen wird, acht zu haben und ihr werdet daraus alles Notwendige entnehmen
können. Nun höret! Sie beginnt soeben eine Frage an ihren Mann zu stellen und
spricht:
[GS.01_035,03]
Mich freut es außerordentlich, dich nach längerer Zeit endlich einmal wieder zu
erschauen, und glaube auch, daß uns hinfort kein Tod mehr trennen wird. Aber
nun sage mir nur auch, soviel du mir sagen kannst, ob meine letzte
Willensanordnung genau befolgt worden ist. Denn solches liegt mir
außerordentlich am Herzen.
[GS.01_035,04]
Der Mann spricht: Mein über alles geliebtes Weib! Damit du ersehest, wie
pünktlich deine letzte Willensanordnung beachtet ward, so sage ich dir nur so
viel, daß ich selbst in meiner letzten Willensanordnung nichts anderes tat als
das nur, daß ich deine Willensanordnung wieder von neuem bestätigte und somit
in meiner letzten Willensanordnung mich genau an die deinige hielt bis auf
einige unbedeutende Legate. Sonst aber ist unser gesamtes, von mir noch um
mehrere Tausende vermehrtes Vermögen unseren Kindern eingeantwortet. Bist du
damit zufrieden?
[GS.01_035,05]
Das Weib spricht: Mein stets geliebter Gemahl, bis auf die Legate ganz
vollkommen! Sage mir daher: wieviel möchten diese betragen? Und wem sind sie
vermacht worden? – Mein geliebtes Weib, spricht er, die gesamten Legate
betragen nicht mehr als zweitausend Gulden, und diese sind in fünf Teile
geteilt, und bis auf eins habe ich diese Legate vieren deiner Anverwandten
vermacht; nur einen Teil mußte ich ehrenhalber der Armenkasse vermachen. Ich
hätte auch solches nicht getan, so du nicht manchmal bei deinen Lebzeiten schon
dich geäußert hättest, solcher deiner Anverwandten zu gedenken. Was aber die
Armen betrifft, da weißt du ja ohnehin, daß man schon fürs erste der Welt wegen
etwas tun muß, und dann aber auch um Gottes Willen etwas, da man doch ein
Christ und kein Heide ist. Übrigens macht dieser Bettel von zweitausend Gulden
gegen unser hinterlassenes großes Vermögen ja ohnedies nichts aus; denn wie ich
es am Ende berechnet habe, bekommt jedes unserer hinterlassenen sieben Kinder
eine runde Summe von einmalhundertfünfzigtausend Gulden. Dazu sind alle Kinder
gehörig wirtschaftlich erzogen, und so kannst du also ganz ruhig sein über dein
hinterlassenes Vermögen, wie ich es bin, und kannst nun an meiner Seite dich
samt mir um ein anderes Vermögen umsehen, welches uns hier wenigstens in eine
entsprechend glückliche Lage bringen kann, in welcher wir so bestehen möchten,
wie wir zum wenigsten auf der Erde bestanden sind.
[GS.01_035,06]
Sie spricht: Ich will damit wohl zufrieden sein, wenn nur die Kinder versorgt
sind. Freilich, wohl hätte mit den zweitausend Gulden ein jedes Kind gleich ein
kleines Geld in den Händen gehabt und hätte mit demselben vorderhand einen
Anfang machen können, um nicht gleich die Interessen des Hauptkapitals
angreifen zu müssen. Doch da es nun einmal also ist und wir an der Sache nichts
mehr ändern können, so muß ich mich ja gleichwohl zufriedenstellen.
[GS.01_035,07]
Was du aber sagst von einem anderen, hier brauchbaren Kapitale, da bitte ich
dich als deine dich stets treu liebende Gattin, daß du dich in dieser Beziehung
ja aller albernen Gedanken entschlägst; denn sechs Jahre sind bereits
verflossen, daß ich unter großer Angst und Bekümmernis in dieser finstersten
und allerödesten Wüste herumirre, und alles, was ich hier, durch die
entsetzlichste Hungersnot getrieben, Eßbares finden konnte, ist eine Art Moos.
Nicht selten ist auch wie ganz dürres Gras hier und da zu finden, mit welchem
man sich am Ende den Magen anstopfen kann. Wärest du nicht gerade auf diesem
Punkte zufälligerweise, von der Welt noch etwas schimmernd, angekommen, so
hätten wir uns wohl in alle Ewigkeit schwerlich je getroffen.
[GS.01_035,08]
Er spricht: Aber mein geliebtes Weib, hast du denn gar keine Ahnung, aus
welchem Grunde du an diesen finstern Ort gekommen bist? – Ich meine, daß dich
denn doch dein zu weltlicher Sinn hierhergebracht hat. Du warst wohl eine sehr
sparsame und in allen unseren weltlichen Verhältnissen sehr ehrsame Frau und
warst sonst auch ein überaus gescheites Weib; nur die Lehren des wahren
Christentums waren dir nicht selten ein Dorn im Auge. Du hattest dich manchmal
eben nicht zu vorteilhaft darüber ausgesprochen und hieltest dich mehr an die
Weltklugheit und Weltphilosophie. Ich habe es dir aber oft gesagt, mein liebes
Weib, wenn es jenseits ein Leben gibt, so glaube ich, wird man im selben mit
aller Weltklugheit nicht auslangen; daher wäre es besser, sich an das Wort
Gottes zu halten! Denn das Zeitliche währet nur kurz; so es aber ein Ewiges
gibt, da werden wir mit unserer zeitlichen Klugheit, wie gesagt, gar übel
fortkommen. Sieh, mein geliebtes Weib, das sind buchstäblich die Worte, welche
ich gar oft zu dir im Vertrauen geredet habe, und wie ich mich jetzt zu meinem
größten und bedauernswürdigsten Erstaunen überzeuge, ist es leider nur zu gewiß
auf meine Worte gekommen. Daher meine ich nun, mein geliebtes Weib, daß es für
uns die allerdringendste und allerletzte Zeit, wenn man sich hier so
aussprechen kann, ist, daß wir uns aller weltlichen Rückgedanken gänzlich
entschlagen und uns um Gnade und Erbarmen an unsern Herrn Jesus Christus
wenden. Denn wenn uns Der nicht hilft, so sind wir für ewig verloren, da ich
solches in mir ganz gewiß weiß und empfinde, daß es außer Christum in der
ganzen Unendlichkeit für uns keinen Gott und keinen Helfer mehr gibt. Hilft uns
Der, so ist uns geholfen; hilft uns der aber nicht, so sind wir für ewig
rettungslos verloren! Jetzt wünschte ich, daß ich unser gesamtes Vermögen den
Bettlern vermacht hätte, und daß dafür unsere Kinder zu Bettlern geworden
wären; das hätte uns sicher hier mehr Segen gebracht als alle unsere weltkluge
Sorge für die weltliche Versorgung unserer Kinder. Daher, mein geliebtes Weib,
bleibt uns, wie gesagt, nun nichts mehr übrig, da wir unsere weltliche Torheit
nicht mehr zu ändern vermögen, als daß wir uns allerernstlichst mit Ausschluß
aller anderen Gedanken und Wünsche allein zu Christum hinwenden, damit Er
unserer großen Torheit möchte gnädig und barmherzig sein und eben diese Torheit
durch Seine unendliche Gnade und Erbarmung an unsern Kindern gutmachen!
[GS.01_035,09]
Das Weib spricht: Ich habe es mir ja immer gedacht, daß du deine religiös
schwärmende Torheit auch auf diese Welt mitbringen wirst; was haben denn ich
und du je Arges auf der Welt getan? Waren wir nicht allezeit gerecht gegen
jedermann? Sind wir je jemandem etwas schuldig geblieben, oder haben wir je
einem Dienstboten das Bedungene nicht gegeben? Wenn es irgendeinen Gott gäbe,
oder nach deinem Sinne irgendeinen „Christus“, da wäre es ja doch die höchste
Ungerechtigkeit, daß Er Menschen, wie wir sind, also belohnen sollte, wie wir
die Belohnung vor uns erblicken. Oder welcher Gott könnte denn wohl einem
Menschen nur im geringsten verargen, so er einer „alten Sage“, welche voll
Unsinn und voll Lächerlichkeiten ist, keinen Glauben hat schenken können? Denn
solches, glaube ich, kann doch ein Blinder begreifen, daß, so einem Gott am
menschlichen Geschlechte etwas gelegen wäre, vorausgesetzt, daß es einen Gott
gibt, sich der Mensch ja doch nichts Unbilligeres träumen könnte, als daß
dieser Gott sich nur einmal persönlich mit aller Wunderkraft ausgerüstet den
Menschen genähert habe, und das nur den Menschen eines sehr kleinen Bezirks,
während doch die ganze Erde bevölkert war.
[GS.01_035,10]
Sage mir darum, kann es Gott dann unbedingt verlangen, daß diejenigen Menschen
und Völker, welche nicht auf demselben Bezirke und besonders nicht gleichzeitig
mit ihm gelebt haben, es unbedingt annehmen sollen, daß Er es war, der diese
Lehre gestiftet hat? Kann ihnen Gott verargen, wenn Er irgend ist und gerecht
ist, daß sie solches nicht tun können? Oder können nicht die Menschen und
Völker gegen Gott, so Er irgend ist, auftreten und sagen: Wie willst Du ernten,
wo Du nicht gesät hast? Willst Du über uns Gericht halten, so bist Du ein
ungerechter Gott; willst Du aber ein gerechtes Gericht halten, da richte
diejenigen, die Dich gesehen haben und denen Du gepredigt hast. Uns aber laß
ungeschoren, denn wir haben Dich nie gesehen und haben uns von Deiner Wesenheit
niemals überzeugen können. Das auf uns überkommene, Dein sein sollende Wort
aber kann uns nie zu einem Richter werden, da es ebensogut erdichtet wie wahr
sein kann, und noch viel leichter erdichtet als wahr. Solange wir auf der Welt
gelebt haben, haben wir nur die alte Natur gesehen, von Dir aber nie eine Spur.
Wir sind auf die Welt gekommen als reine Kinder der Naturkräfte. Die Menschen
und Weltlehrer haben uns erst verständig gemacht. Durch unser ganzes Leben war
von Dir keine Spur zu erspähen. Wie willst Du hernach mit uns rechten, indem Du
uns nimmer einen Beweis zum Zeugnisse Deines Daseins und Deiner Wesenheit geben
wolltest?
[GS.01_035,11]
Siehe, mein lieber Mann, das ist doch so klar wie auf der Welt die Sonne am
hellen Mittage. Du siehst solches nur noch nicht ein, weil du noch viel zu
kurze Zeit hier bist. Wenn du aber so lange hier sein wirst wie ich, da wird
dir solches selbst in dieser dichtesten Finsternis vollkommen klar werden. Zum
Beweise meiner Liebe und Treue zu dir sage ich noch hinzu, daß du allhier an
meiner, deiner dich stets über alles liebenden Gattin Seite, so lange und so
stark, als du nur immer willst, deinen sein sollenden Gott-Christus anrufen
kannst, und ich stehe dir mit meiner Liebe und Treue gut, daß du nach
mehrjährigem Rufen sicher zu der klaren Einsicht kommen wirst, daß ich, dein
dich allzeit treu liebendes Weib, in meinem natürlichen Verstande heller sehe
denn du mit all deiner sein sollenden Gottesgelehrtheit.
[GS.01_035,12]
Siehe, ein altes Sprichwort hat von der Bibel ausgesagt: O Bibel, o Bibel! du
bist den Menschen ein Übel! Und sieh, das Sprichwort hat recht. Besäßen die
Menschen auf der Erde so viel Herz und Mut, diesen alten jüdischen Unsinn bei
Butz und Stengel auszumerzen und an seine Stelle die reine menschliche Vernunft
zu setzen, so wäre die Welt in aller Kultur schon um viele hundert Jahre voraus.
So aber muß noch immer, wer weiß aus was für Rücksichten, dieser alte Unsinn
beibehalten werden, durch welchen nicht selten den allerbiedersten und
rechtschaffensten Menschen die Hände zu einem feineren Wirken gebunden werden.
Was ist die Folge? Denke in deiner sonstigen Klugheit nach; wo gibt es die
größte Anzahl liederlicher, schlechter und armer Menschen? Sicher nirgend
anderswo als gerade nur da, wo die Bibel und besonders die neue christliche
Lehre oberhauptlich zu Hause ist. Gehe nach Rom, gehe nach Spanien, gehe nach
England, und du wirst meine Aussage bestätigt finden.
[GS.01_035,13]
Die Menschen verlassen sich auf einen Gott, fangen an, in der guten Hoffnung
auf Seine Hilfe zu faulenzen. Die Hilfe aber kommt nicht, so ist die natürliche
Folge, daß dergleichen Menschen verarmen, und wenn sie schon nicht gerade durch
die Bank zu schlechten Kerlen werden, so fallen sie aber doch den fleißigen und
betriebsamen Menschen am Ende zur Last. Man schreit allenthalben und sagt: Gott
ist allgütig, höchst liebevoll und überaus barmherzig, ließe aber dabei doch
sicher einen jeden Bettler verhungern, wenn dieser nicht von seinen arbeitsamen
Nebenmenschen versorgt würde.
[GS.01_035,14] O
sieh, mein lieber Gemahl, auf Rechnung ehrlich gesinnter, arbeitsamer und daher
wohlhabender Menschen hat das müßige Pfaffentum leicht von einem allgütigen und
barmherzigen Gott zu predigen. Streichen wir aber diese Menschen weg, so werden
wir gar bald sehen, welch ein trauriges Ende solche Predigten nehmen werden.
Wüßten diese schwarzen oder weißen Schreier auf der Welt, welch eine Bewandtnis
es mit dem jenseitigen Leben hat, so würden sie sicher anders predigen, oder
sie würden statt der leeren Predigten den erträglichen Pflug ergreifen. Es mag
ja einen Gott geben als die Grundkraft, welche das ganze Universum leitet; aber
sicher gibt es keinen Gott, wie ihn die jüdische Bibel lehrt.
[GS.01_035,15]
Er spricht: O mein geliebtes Weib, du bist auf einem ganz entsetzlichen Irrwege
in deinen Gedanken; denn ich habe gerade also in berühmten gottesgelehrten
Schriftstellern gelesen, daß rein höllische Geister eine dir ganz gleiche
Sprache führen. Ich kann dir versichern, solches ist auch der vollgültige
Grund, daß du dich hier in dieser ewigen Nacht befindest. Wahrlich wahr, mir
wird ganz entsetzlich angst und bange um dich! Denn mit solchen Grundsätzen
sehe ich dich unwiederbringlich für ewig verloren. Wenn du durchaus keine
anderen Grundsätze in dir aufnehmen willst, so fühle ich mich notwendig
gedrungen, dich für allezeit zu verlassen.
[GS.01_035,16]
Sie spricht: Solches wärest du imstande, mir, deinem getreuen, dich ewig
liebenden Weibe zu tun? Ich sage dir, daß ich solches nicht vermöchte, und wenn
du wirklich in die Hölle solltest verdammt sein! Ich möchte dich im Feuer nicht
verlassen, und du willst mich wegen einer vernünftigen Rede verlassen? Es steht
auch dir frei, mir deine Ansichten vernünftig darzustellen, nur ein Unsinn darf
es nicht sein; denn in diesem Falle liebe ich dich zu sehr, als daß ich dich
auf Irrwege sollte geraten lassen. Folge mir aber, ich will dich auf einen
andern Ort führen, allda wir uns besser befinden werden als hier und du in
einer größeren Gesellschaft erst füglich erfahren wirst, wie man hier daran
ist.
[GS.01_035,17]
Er spricht: Mein geliebtes Weib! Ich will dich ja nicht verlassen, denn dazu
habe ich dich zu lieb, und will dir darum auch folgen, dahin du mich führen
willst, weil ich sehe, daß du bei all deiner Unkenntnis in der wahren Religion
dennoch stets gleichen redlichen Herzens bist. Und du bist noch immer mein
gutes Weib, gegen das ich sonst nichts einzuwenden habe, als daß es nicht
meiner Ansicht werden kann. Wenn du hernach irgendeine bessere Stelle dieses
Reiches aller Finsternis kennst, so führe mich nur hin, und wir wollen sehen,
was sich da alles wird machen lassen. Sehet, sie ergreift seinen Arm und führt
ihn weiter. Wir aber wollen diesem interessanten Paare folgen, um fernere
Zeugen des Erfolges solch eines Verhältnisses zu sein. Sie gehen; also gehen
auch wir ihnen nach!
36. Kapitel – Das
Ehepaar und ein Lügengeist.
[GS.01_036,01]
Ihr müsset euch nichts daraus machen, wenn eure Augen diesmal auf eine etwas
stärkere Probe gestellt werden, denn der Weg zieht sich mehr gegen Norden, und
da wird es immer finsterer; dessen ungeachtet werden wir für uns immer noch so
viel Licht haben, daß uns bei dieser Gelegenheit nichts entgehen soll.
[GS.01_036,02]
Vernehmet ihr noch nichts aus einer Ferne? Ihr saget: Wir vernehmen wohl etwas;
aber es ist ganz verschieden von einer menschlichen Stimme, es artet sich mehr
so, als vernähme man von einer ziemlichen Ferne das Gerassel vieler Wagen, auch
tönt es mitunter wie das Toben eines fernen großen Wasserfalles. Ihr fraget,
was solches zu bedeuten habe. – Verfolgen wir nur unser Paar, und wir werden
der Sache bald näher auf die Spur kommen.
[GS.01_036,03]
Könnt ihr dort noch nicht etwas dumpf Rötliches ausnehmen, einen Schimmer,
ähnlich einem Stück matt glühenden Eisens? Dorthin wendet eure Blicke, denn
dort wird uns ein Hauptspektakel erwarten.
[GS.01_036,04]
Sehet, es kommt uns immer näher und näher, und das sonderbare Donnergerassel
artet immer mehr in naturmäßige rauhe Menschenstimmen aus. Jetzt aber bleiben
wir stehen, denn die Masse bewegt sich geradewegs hierher, und wie ihr sehet,
hat auch unsere sich überaus liebende Avantgarde eine stillstehende Position
eingenommen.
[GS.01_036,05]
Sehet, wie er voll ängstlicher Erwartung der Dinge ist, die sich daherziehen,
und will aus großer Angst und Furcht eine rückgängige Bewegung machen. Sie aber
ergreift seinen Arm und bittet ihn um alles, was ihrem Herzen teuer ist, daß er
nur diesmal sie erhören und bleiben solle; denn das sei ja eben das von ihr ihm
vorhergesagte Glück, das er kennenlernen und sich dann überzeugen solle,
inwieweit sie recht oder unrecht hatte.
[GS.01_036,06]
Er fragt sie, was denn das ist, das sich, ihm also schauerlich vorkommend,
ihnen nahe? Und sie spricht zu ihm: Was es ist, was es ist?! Lauter tief
denkende Menschen sind es, was du bald mit deinen eigenen Augen klar erschauen
und mit deinen eigenen Ohren deutlich vernehmen wirst.
[GS.01_036,07]
Und nun sehet, er stellt sich zufrieden und erwartet die herannahende
tiefdenkende Truppe. Sehet, die ziemlich bedeutende Gesellschaft ist schon nahe
da. Unser Paar geht ihr höflichkeitshalber entgegen. Auch wir müssen, wenn
schon nicht aus Höflichkeit, so doch aus einem anderen Zwecke eine gleiche
Bewegung machen.
[GS.01_036,08]
Sehet, jetzt sind sie beisammen und empfangen sich gegenseitig mit der
ausgezeichnetsten Höflichkeit. Also rücken auch wir ein wenig näher, damit uns
nichts entgeht.
[GS.01_036,09]
Wie ihr sehet, so naht sich aus der Mitte der Gesellschaft eine hagere und
abgezehrte männliche Gestalt unserem Paare. Das Weib empfängt dieselbe mit
ausnehmender Zärtlichkeit und großem Wohlwollen. Auch der Mann des Weibes
verbeugt sich tief vor dieser männlichen Gestalt.
[GS.01_036,10]
Die männliche Gestalt spricht: Meine hochschätzbarste Dame! Es gewährt mir ein
außerordentliches Vergnügen, daß mir wieder das schöne Glück zuteil geworden
ist, Sie die unsrige nennen zu können; denn Ihr Verstand und Ihr sonstiges
überaus vorteilhaftes Benehmen macht unserer Gesellschaft eine sehr große Ehre
und fürwahr die schönste Zierde. Nun, meine liebe Dame, haben Sie etwas auf
Ihrem allerzärtlichsten Herzen, so wird es mir zur größten Glückseligkeit
gereichen, wenn Sie mich mit einem so süßen Anliegen wollen vertraut machen.
[GS.01_036,11]
Sie spricht: Mein allerhochgeschätztester und über alles hochzuverehrender
Freund! Sehen Sie, der Mann hier an meiner Seite ist mein zärtlichst geliebter
irdischer Gemahl. Dieser hat sich auf der Erde in allen seinen Handlungen
überaus gerecht, ausgezeichnet und vorteilhaft benommen, so daß ich in allem
Ernste bekennen muß, unsere Ehe war eine der glücklichsten. Denn was kann wohl
ein Weib sich für eine glücklichere Ehe wünschen, als so sie einen Mann hat,
der den Wünschen des weiblichen Herzens nachzukommen versteht. In diesem Punkte
hätte ich bis auf kleine Unbedeutendheiten fürwahr nichts einzuwenden.
[GS.01_036,12]
Jetzt aber kommt ein Hauptpunkt, in welchem wir uns nie haben vereinen können,
welcher darum auch ein stetiger kleiner Anstoß zwischen uns beiden war. Und so
will ich Ihnen denn diesen Anstoß so gründlich, als es einem Weibe nur immer
möglich ist, darstellen, und Sie, mein allerhochverehrtester Freund, werden
dann allerwohlgefälligst die Güte haben, meinem Manne darüber ein paar Wörtlein
zuzuflüstern, welche ihn sicher vom Grunde aus heilen werden.
[GS.01_036,13]
Die Gestalt spricht: Oh, ich bitte, bitte, meine allerschätzenswerteste Dame
sind viel zu gütig! Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß es mir zur größten
Ehre und zu einer ganz besonderen Glückseligkeit gereichen wird, wenn ich mir
werde sagen können, einer so holdseligen Dame mit meiner Wenigkeit gedient zu
haben! Ich bitte daher, mich mit diesem Punkte ihres Herzens vertraut zu
machen. Sie spricht: Ach, mein allerschätzbarster Freund, Sie sind gar zu gütig
und bescheiden; und eben diese Ihre große Güte und Bescheidenheit flößen meinem
Herzen Mut ein, vor Ihnen nichts im Hinterhalte zu behalten, und so wollen Sie
mich allergütigst vernehmen!
[GS.01_036,14]
Sehen Sie, was da diesen fatalen Punkt betrifft, so besteht dieser in nichts
anderem, als daß, gerade herausgesagt, mein sonst braver, guter und
liebenswürdigster Mann ein Bibelianer und somit auch ein Christianer ist. Der
Grund aber, daß er sich dieser lächerlichen Sekte in die Arme geworfen hat,
liegt darin, weil er von armer Herkunft ist. In Rücksicht dessen wurde ihm, wie
es allgemein bei der armen Klasse der Fall ist, schon in der Wiege diese alte
Bettelphilosophie eingelullt. Wie schwer es aber hernach ist, solch einen von
den Kinderammen eingesogenen und somit eingefleischten Unsinn hinauszubringen,
wissen Sie, allergeehrtester Freund, sicher besser als ich. Mit dieser
Bettelphilosophie ist dieser mein sonst überaus schätzenswertester Mann nun
auch hier angelangt im Reiche der urwaltenden Naturkräfte, wie sie es uns schon
zu öfteren Malen zu erklären die Güte hatten. Solches aber geht ihm durchaus
nicht ein. Er hängt noch nagelfest an seinem Christus und will sich sogar von
mir losreißen, um diesen sicher nirgends vorhandenen Christus aufzusuchen. Nun,
mein gelehrtester und hochverehrtester Freund, habe ich Ihnen in aller Kürze mein
Anliegen und meine Not dargetan und bitte Sie darum, sich meines in dieser
Hinsicht armen Mannes allergütigst anzunehmen!
[GS.01_036,15]
Die Gestalt spricht: Oh, wenn es nichts anderes ist, mit dem werden wir hier im
Reiche der allernacktesten Wahrheit wohl bald, und zwar leicht, fertig werden.
– Hier wendet sich die Gestalt zum Manne, bietet ihm freundlich die Hand und
spricht zu ihm: Aber lieber Freund, soll das wohl Ihr Ernst sein, worüber sich
gerade Ihre liebenswürdigste Gattin bei mir beschwert hat? –
[GS.01_036,16]
Der Mann spricht: Mein schätzbarster Freund, ich muß es Ihnen offen gestehen:
so überaus lieb, wert und teuer mir sonst meine Gemahlin ist, so glaube ich
doch fest, daß wir in diesem Punkte nie einig werden. Denn gehe es, wie es
wolle, so habe ich in mir den festen Entschluß gefaßt, bei meinem Glauben an
Christus ewig zu verbleiben! Und ich bin überzeugt, daß mir dieser Name allzeit
einen großen Trost bereitet hat und auch stets mein unfehlbar glücklichster
Leitstern war. Bin ich je auf Abwege geraten, so gewiß nur dadurch, daß ich
nicht fest an Christus gehalten habe. Habe ich mich aber wieder an Christus
gewendet, so war mir nicht selten wieder wie durch einen allmächtigen
Zauberschlag geholfen!
[GS.01_036,17]
Sie als denkender und weiser Mann werden demnach selbst einsehen, daß es von
meiner Seite höchst unbillig wäre, mich von solch einem Wohltäter besonders
jetzt zu entfernen, da ich, wie es mir vorkommt, Seiner am allernötigsten habe.
Daher, mein schätzbarster Freund, geben Sie sich in dieser Hinsicht mit mir gar
keine Mühe; denn ich gebe Ihnen die alleroffenherzigste Versicherung, daß Sie
mit mir nichts ausrichten werden. Ich war lange genug ein törichter Sklave der
Reize meines Weibes; ich habe sie nach ihrem Dahinscheiden in Christo, meinem
Herrn, entbehren gelernt und hoffe, daß sie mich hier nicht mehr anfechten
werden, und das um so sicherer, da ich durch den Tod des Leibes aufgehört habe,
diesem meinem ehemaligen Weibe ein ehepflichtiger Gemahl zu sein. Will sie mir
aber folgen, so soll sie mir auch allzeit wert und teuer sein; aber meinen
Christus um sie eintauschen, das tue ich nimmer, und zöge sie mich auch mit
aller Gewalt in den Mittelpunkt irgendeiner Hölle! Ist sie mit dem zufrieden,
daß ich wenigstens mit meinem Christus ungehindert um sie sein kann, so will
ich meine alte Liebe mit ihr nicht brechen; ist sie aber damit nicht zufrieden,
so habe ich hiermit das letzte Wort in ihrer Gegenwart gesprochen.
[GS.01_036,18]
Die Gestalt spricht zum Manne: Lieber Freund, ich habe Sie von Anfang bis zu
Ende geduldig angehört und kann Ihnen über Ihre Äußerung nichts anderes als in
allem Ernste mein lebendigstes Bedauern entgegenstellen. Damit Sie jedoch
wissen, mit wem Sie es zu tun haben (hier nimmt diese Gestalt zu einer Lüge
ihre Zuflucht), so sollen Sie wissen, daß ich der große Lehrer Melanchthon bin,
von dem Sie auf der Erde sicher etwas vernommen haben. Der Mann spricht: O ja;
aber was wollen Sie damit sagen? Die Gestalt spricht: Mein schätzbarster
Freund, nichts anderes, als daß ich sicher besser weiß, was Christus ist als
Sie; denn ich habe mit ganz sonderlich großem Fleiße in dem sogenannten
christlichen Weinberge gearbeitet bis zur letzten Stunde meines irdischen Seins
und wäre fürwahr, wenn es sich darum gehandelt hätte, für Christus auch in den
Tod gegangen. Ich habe nicht nur die römische, sondern die reinere Lehre
Luthers von allen Schlacken gereinigt; ich lebte buchstäblich nach dem Sinne
dieser Lehre, und was war der Erfolg? Ich brauche Ihnen, mein schätzbarster
Freund, solchen nicht mit vielen Worten zu erörtern, denn ein Blick von Ihnen,
an meine ganze Wesenheit gerichtet, wird Ihnen den Erfolg meines gewisserart
quintessentiellen Christentums zeigen. Mehr brauche ich Ihnen nicht zu sagen.
Lassen Sie es somit auf das alte „Experientia docet“ ankommen, und ich bin
überzeugt, wir werden uns im Verlaufe von hundert Jahren ganz also, wie wir uns
jetzt gegenüberstehen, wenn es gut geht, wieder treffen. Sie, mein Freund, sind
hier noch ein vollkommener Neuling und wissen nicht, wie es sich lebt in dem
Reiche der Zentral-Grundkräfte. Wenn Sie aber einige Jahrzehnte von dieser
ewigen Nacht herumgehetzt und sich dabei gehörig aushungern werden, so werden
sicher auch solidere und gründlichere Erkenntnisse in Ihrem, aller weltlichen Torheit
flott gewordenen Kopfe bessern Raum finden denn jetzt.
[GS.01_036,19]
Der Mann spricht zur Gestalt: Schätzbarster Freund! Wenn Sie in dieser Hinsicht
so wohlgegründete Kenntnisse besitzen, so lassen Sie mich dieselben vernehmen.
Ich will ja gerade nicht abgeneigt sein, Sie anzuhören und werde dessen
ungeachtet von dem meinigen nichts vergeben, so mir das Ihrige nicht
überzeugend konveniert.
[GS.01_036,20]
Die Gestalt spricht: Gut, mein Freund, ich will Sie pro primo nur darauf
aufmerksam machen, welche eigentlichen Früchte das Christentum auf der Erde
getragen hat. Die Römer waren ein großes Volk, solange sie bei ihrer göttlichen
Vernunftlehre geblieben sind. Alle ihre Werke waren groß und voll weiser
Bedeutung; ihre Rechtsgrundsätze sind noch bis jetzt die Grundfesten aller
staats- und völkerrechtlichen Gesetze. Als sich aber das Christentum
eingeschlichen hatte, da hat sich auch der Tod für das große römische Volk
eingeschlichen. Und so sitzen jetzt an der Stelle, wo einst das größte und
heldenmütigste Volk residierte, faule, müßige Pfaffen, eine Anzahl lumpigsten
Gesindels, und mit dem Rosenkranze in der Hand geht eine Unzahl Diebe und
Räuber lauernd auf die Wege, und kein Wanderer ist seines Lebens sicher. Sehen
Sie, das ist eine Frucht aus dem Garten des Christentums. Reisen Sie in das
herrliche Spanien; betrachten Sie diese Nation aus der alten Zeit, und gehen
Sie dann in das christliche Mittelalter über, so wird es Ihren Blicken nicht
entgehen, wie aus lauter christlichem Segen Tausende und Tausende bluten, und
Tausende und Tausende über lodernden Scheiterhaufen, zur Asche verbrannt, ihr
Leben nicht aushauchen, sondern ausverzweifeln! Sehen Sie die rührende
Einführung des Christentums unter Karl dem Großen, wie er mit diesem Segen
Tausende und Tausende über die scharfe Klinge hat springen lassen. Reisen Sie
von da weg nach Amerika, schlagen Sie die Geschichte auf, und sie wird Ihnen
die kläglichsten und jämmerlichsten Beispiele in einer Unzahl aufführen, wie
allda die christlichen Segensfrüchte ausgesehen haben. Von da kehren Sie in
meine Zeit und betrachten Sie die segensvollen Greuel des dreißigjährigen
Religionskrieges, und ich bin überzeugt, Sie dürfen die Urgeschichte aller
Völker mit kritischen Augen durchgehen, und ich verpflichte mich, Sie ewig auf
meinen Armen herumzutragen, wenn Sie imstande sind, mir ähnliche Greuelszenen
ausfindig zu machen.
[GS.01_036,21]
Ich will Sie auf die vielfachen anderortigen und anderzeitlichen Segnungen des
Christentums nicht weiter aufmerksam machen, sondern zeige Ihnen dafür nur den
Zustand der jetztzeitigen, des Christentums noch ledigen Völker, als da z.B.
sind die beinahe ewig friedlichen Chinesen und noch andere bedeutende
Völkerschaften in Asien, wie auch die noch unentdeckter Inseln. Sie müßten mehr
als dreifach blind sein, wenn Sie hier nicht auf den ersten Blick den
Unterschied zwischen dem Christentum und der wahren Weisheit noch alter,
erfahrener, friedlicher Völker erschauen möchten. Doch sage ich Ihnen, alle
diese großen, unvorteilhaften Mängel des Christianismus oder vielmehr
Neujudäismus ließen sich dadurch bemänteln, so jemand sagen möchte: Diese
geschichtlichen Tatsachen sind wohl alle wahr; nur hat sie Christus nie
gelehrt, und so kann er auch unmöglich die Schuld dessen tragen, was alles
Unheilvolles die Verbreitung Seiner Lehre mit sich gebracht hat; denn Seine
Lehre war ja rein und überaus menschenfreundlich. Lieber Freund, das läßt sich
alles recht gut anhören, und ich selbst war zeit meines ganzen Lebens auf der
Erde darum ein eifrigster Verteidiger des Christentums. Aber erst hier ersah
ich das eigentliche Völkergift in dieser Lehre, und dieses ist die offenbare
Hinweisung zur Trägheit und zum Nichtstun. Der Mensch, der ohnehin einen
angeborenen Trieb zur Faulheit hat, findet in dieser Lehre den besten
Verteidiger für seinen Trieb, da er offenbar dahin angewiesen ist, nichts zu
tun außer ein gewisses geistiges Reich zu suchen, und die gebratenen Vögel
werden ihm schon ohnehin in den Mund fliegen. Sehen Sie, nach nicht gar zu
langer Zeit haben sich mehrere weise Männer nur zu bald überzeugt, daß es mit
den gebratenen Vögeln ein gewaltiges Nihil hat; daher ergriffen sie andere
Mittel, nämlich das alte Schwert, beließen das einmal christianisierte Volk in
seiner Blindheit, und verschafften sich dann die gebratenen Vögel eben mit dem
Schwerte in der Hand. Mein Freund, betrachten Sie, wie Sie wollen, diesen
Erfolg, und Sie werden unmöglich etwas anderes herausbringen, und zwar
unbeachtet all der höheren, geistigeren Erfahrungen, die man hier im geläuterten
Zustande wie ich im Verlaufe von mehreren hundert Jahren über das Christentum
macht. Mein schätzbarster Freund! Ich habe für diesmal ausgeredet, und Sie
können tun, was Sie wollen. Seien Sie übrigens meiner steten Achtung und
Freundschaft versichert, und mir wird es ein großes Vergnügen sein, wenn wir
uns etwa nach einigen Jahrhunderten wieder treffen werden. – Sehet, der andere
empfiehlt sich dem Manne und zieht mit seiner ganzen Gesellschaft wieder
weiter, unser Paar allein dastehenlassend. Über den Effekt dieser „herrlichen
Rede“ und überaus menschenfreundlichen Belehrung wollen wir erst fürs nächste
Mal weitere Erfahrungen machen. Und somit gut für heute!
37. Kapitel –
Des Mannes Schwäche. – Zug des Weibes zur Hölle.
[GS.01_037,01]
Sehet, die Gesellschaft hat sich schon ganz verloren; aber unser Pärchen steht
noch, nachsinnend, auf dem alten Platze. Sie fragt ihn soeben, sagend: Nun,
mein vielgeliebter Gemahl, was sagst du jetzt dazu? – Er, sich ein wenig
besinnend, spricht: Mein vielgeliebtes Weib, da ist auf keinen Fall viel zu
sagen; entweder hat dieser Redner recht, so ist es dann ja entschieden, und es
braucht da niemand mehr etwas darüber zu sprechen, – hat er aber unrecht, so
bleibt es bei meinem Grundsatze, da ist also auch nicht viel zu sprechen. Ob er
aber recht oder unrecht hat, das läßt sich so geschwind nicht entscheiden,
sondern solches muß erst meine eigene Erfahrung nach längerer Zeit entscheiden.
[GS.01_037,02]
Sie spricht: Aber lieber Mann, hältst du denn mich, dein getreues Weib, und
diesen würdigen Mann für einen Lügner, wenn du seinen überzeugenden Worten
nicht sogleich vollen Glauben leihen magst? Siehe, Menschen sind nur dort
aufgelegt, zu lügen und einander zu täuschen, wo sie durch die Lüge einander
Vorteile abjagen können. Sage mir aber, welchen Vorteil sollte denn hier
jemandem eine Lüge oder ein Betrug bringen? Denn hier gibt es weder etwas zu
gewinnen, noch zu verlieren; nur das ist gewiß, daß eine Gesellschaft bezüglich
der Sättigung des Magens allzeit schlechter daran ist, als ein einzelner in
dieser endlosen Gegend herumirrender Mensch. Einer findet bald noch so viel
genießbares Moos oder Gras, um sich nötigenfalls damit den Magen zu stopfen,
wenn aber mehrere beisammen sind, so geht es ihnen sicher bei einem aufgefundenen
Moosplätzchen schlechter denn einem einzelnen.
[GS.01_037,03]
Du sprichst zu mir, was ich dir damit sagen wolle? Mein allergeliebtester
Gemahl! Nichts anderes, als das, daß weder ich noch dieser einsichtsvolle Mann
dich auf dem vorteilhafteren Wege sicher nicht bereden würden, daß du von
deinem alten Bibelglauben weichen sollest; denn wenn ich für mich, wie du für
dich, wandle, so gewinnt ja jeder dadurch, weil er sich selbst auf diesem
überaus kargen Boden allzeit leichter fortbringt, als so zwei oder mehrere
beisammen sind. Wenn wir dich demnach hätten belügen oder betrügen wollen, da
hätten wir dich ja offenbar bei deinem Grundsatze belassen, und du wärest als
ein Konsument deinem Grundsatze zufolge von uns gewichen. Wir aber haben dich
durchaus nicht belügen und betrügen wollen, sondern haben dir die allerreinste
Wahrheit gezeigt, von welcher sich auf der Erde freilich kein Sterblicher etwas
träumen läßt, und schon am allerwenigsten ein solch Stockbiblianer und
Stockchristianer, wie du bist. Was willst denn du dich demnach bedenken? Nehme
daher doch Räson an und folge mir, deinem dich ewig liebenden Weibe, wenigstens
hier im Reiche der nackten Wahrheit, wo ich nun sechs Jahre Erfahrung dir
voraus habe, wenn du mich schon auf der Welt nicht hast hören wollen. Siehe,
auf der Welt ist alles voll Betrug, weil ein jeder durch den Betrug etwas
gewinnt oder wenigstens etwas zu gewinnen wähnt. Hier aber ist alles Gewinnens
ewiges Ende, somit fallen auch alle Lüge und Betrug von selbst hinweg. Glaube
es mir, mich fesselt nichts an dich als meine Liebe; diese ist noch der einzige
Gewinn, den ich mit dir habe. Wenn aber du stets törichterweise deinen alten,
nichtigen Grundsätzen treu verbleibst, so hebt solches auch diesen Gewinn für
mich auf. Wir können sonach nur glücklich sein in der vollen Übereinstimmung
unserer Erkenntnisse und unseres Gemütes. Läßt sich diese Harmonie nicht
herstellen, so muß ich dir offen gestehen, daß ich ohne dich ganz allein
herumirrend glücklicher sein werde, denn an deiner hohlen Seite. Mehr zu deinem
eigenen Vorteile vermag ich nun nicht hervorzubringen, außer daß ich dir noch
hinzusage: Weil ich dich aufrichtig liebe und allezeit geliebt habe, so habe
ich auch hier alles aufgeboten, um dir meine ewig angelobte Liebe und Treue zu
beweisen. Du aber, der mich nie geliebt hat, bist bereit, aus Liebe zu deiner
Torheit mich allzeit zu verlassen. – Urteile nun, was du tun willst.
[GS.01_037,04]
Sehet, der Mann fängt an, sich hinter den Ohren zu kratzen und spricht nach
einer Weile zu seinem Weibe: Mein geliebtes Weib! Siehe, ich habe aus deinen
Worten entnommen, daß du mich wirklich liebst. Solches kann ich unmöglich in
Abrede stellen; aber nur sehe ich nicht ein, wenn auf dieser finsteren
Geisterwelt weder durch die Wahrheit noch durch die Lüge und den Betrug etwas
zu gewinnen oder zu verlieren ist, warum du denn somit für nichts und wieder
nichts mir eine gewisse Wahrheit aufbürden willst, mit der am Ende ebensowenig
zu gewinnen ist als mit meinem von dir und dem anderen gelehrten Manne bewiesenen
Irrgrunde. Ich meine darum, wenn deine Liebe zu mir fürwahr also intensiv ist,
wie du sie mir soeben darstelltest, so kannst du mir ja ebensogut folgen wie
ich dir; – außer du hast schon irgendetwas Besseres auf deinem Wahrheitswege
gefunden, da will ich dir ja folgen, um mich dadurch von der besseren Realität
deiner Wahrheit zu überzeugen. Ist aber solches nicht der Fall, so ist es ja
einerlei, wohin wir gehen.
[GS.01_037,05]
Ich denke aber immer, wir haben auf der Welt wohl als Namenchristen gelebt, haben
auch das Evangelium gelesen, aber im Grunde des Grundes nie darnach gelebt,
sondern wir lebten und handelten nach unserer Einsicht und nach unserem
Vorteile; aber von einer werktätigen Ausübung der Lehre Christi war weder bei
mir und noch viel weniger bei dir je die Rede.
[GS.01_037,06]
Siehe, in der Lehre heißt es: „Liebe Gott über alles und deinen Nächsten wie
dich selbst!“ – Haben wir solches je getan? Wenn ich mein Herz frage, so sagt
es mir jetzt geistig wahr, daß ihm die Liebe zu Gott völlig fremd geblieben
ist. Du aber glaubtest nie an einen Gott; somit muß dein Herz von dieser
wichtigen Liebe noch lediger sein denn das meinige.
[GS.01_037,07]
Ferner heißt es in dem Worte des Evangeliums: „Wer mit Mir zum Leben eingehen
will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach!“ Sage mir, mein liebes
Weib, wann haben wir solches je getan auf der Welt? Ich habe nie ein Kreuz
getragen und du noch viel weniger; unser ganzes Kreuz bestand in nichts als in
lauter weltlichen Geldsorgen.
[GS.01_037,08]
Ferner heißt es im Evangelium, da der Herr zum reichen Jünglinge spricht:
„Verkaufe alle deine Weltgüter, teile sie unter die Armen; du aber folge Mir
nach, so wirst du das ewige Leben haben.“ – Was spricht aber der große Lehrer
zum Jünglinge oder vielmehr zu Seinen Aposteln, als sich dieser ob solcher
Verkündigung weinend von dem Herrn entfernte? Siehe, die Worte waren überaus
bedeutungsvoll, und wie es mir vorkommt, so genießen wir soeben den traurigen
Sinn dieser Worte, welcher also lautete: „Es ist leichter, daß ein Kamel gehe
durch ein Nadelloch, denn ein Reicher in das Reich der Himmel!“
[GS.01_037,09]
Wieder heißt es noch im Worte, daß der Herr viele Gäste zu einem Gastmahle
laden ließ und die Geladenen nicht Zeit hatten, zu erscheinen vor lauter
Weltgeschäften. – Siehe, sind wir nicht geladen worden wie oft und wie vielmal,
und sind wir dieser Einladung gefolgt? Nun, mein geliebtes Weib, wenn wir uns
nun an diesem Orte der äußersten Finsternis befinden, allda Heulen und
Zähneklappern wohnt, von dem der Herr ebenfalls gesprochen hat, daß nämlich
dergleichen Menschen wie wir in die äußerste Finsternis hinausgestoßen werden;
– da können wir es uns nur selbst zuschreiben, daß es uns hier also ergeht, wie
wir uns befinden.
[GS.01_037,10]
Daß hier kein Glaube an den Herrn anzutreffen ist, und deine venerable
Gesellschaft ebenso wie du verneinend von Ihm gesprochen hat, da bin ich der
Meinung, sie befindet sich aus demselben Grunde hier wie wir beide, und wenn
uns allen die große Liebe und Erbarmung Christi nicht hilft, da bin ich
überzeugt, daß uns alle Ewigkeiten, überfüllt von den melanchthonisch sein
sollenden Wahrheiten, ganz entsetzlich wenig helfen werden.
[GS.01_037,11]
Übrigens aber, wenn du zufolge deiner gründlich gemeinten Wahrheit irgendetwas
Besseres schon gefunden hast, so will ich dir, wie gesagt, dahin folgen, um dir
dadurch zu zeigen, daß auch ich dich liebe und will dir nichts von meinen
Grundsätzen aufbürden, wie du mir deine vermeinte Wahrheit aufgebürdet hast.
[GS.01_037,12]
Das Weib spricht: Rede, was du willst, ich habe einmal recht. Ich kann dir zwar
keine Versicherung geben, jetzt schon etwas Besseres gefunden zu haben; dessen
ungeachtet aber bin ich der Meinung, wenn du mir folgen willst, daß wir in
nicht gar zu langer Zeit einen Ort treffen möchten, da es Licht in großer Menge
geben dürfte. Denn siehe, hier zu unserer rechten Seite bin ich einmal im
Gefühle meiner innern Wahrheit lange geradeaus gegangen und kam da endlich an
einen breiten Strom. Über dem Strome bemerkte ich ein mächtiges Gebirge und
hinter dem Gebirge ging ein Licht herauf wie etwa das einer frühen Morgenröte.
Könnte man nur irgendwie über den Strom gelangen, so bin ich überzeugt, daß man
in eine lichtere Gegend kommen müßte, denn diese da ist.
[GS.01_037,13]
Der Mann spricht: Nun gut, ich will dir folgen; und so führe mich dahin. – Nun
aber gehen auch wir; denn das müßt ihr bis zur Löse mit ansehen!
38. Kapitel – Im
ersten Grad der Hölle.
[GS.01_038,01]
Ihr saget: Lieber Freund! Wie dieses Paar vor uns geht, so folgen auch wir ihm
schon eine geraume Zeit so blind und stumm wie diese Nacht selbst; und siehe,
es will sich noch nirgends die von dem Weibe vorbesprochene Hinterbergsröte
zeigen; wo ist denn diese? Sollte das Weib den Mann im Ernste angelogen haben?
Ich sage euch: Habt nur noch eine kleine Geduld, und ihr werdet diese löbliche
Röte noch frühzeitig genug zu Gesichte bekommen. Sehet aber auf unser Paar, wie
das Weib immer fröhlicher, der Mann aber dagegen immer trauriger und düsterer
wird.
[GS.01_038,02]
Ihr fraget: Warum solches? Die Antwort liegt offen am Tage; sie nähert sich
ihrem Elemente, dahin ihre Liebe gerichtet ist, somit wird sie auch heiterer.
Bei ihm ist es aber der entgegengesetzte Fall; er nähert sich einem ihm nicht
verwandten Elemente, wird nicht von seiner Liebe gezogen, sondern vielmehr von
der Liebe des Weibes in ihm mitgerissen.
[GS.01_038,03]
Es geht ihm beinahe also, wie da die Alten von einer Liebe der Sirenen
fabelten. Solange der Liebhaber aus seiner Sphäre seine ihn bezaubernde Sirene
betrachtete, da war er voll Entzückung; und eine Umarmung von solch einer
Geliebten schien ihm über alle seine Begriffe reizend zu sein. Wenn er sich
aber seiner Geliebten nahte und diese ihn, mit ihren weichen Armen umfassend,
hinabzuziehen anfing in ihr Element, da ging der ganze früher phantastische
Liebreiz verloren, und großer Schreck und Todesangst traten an seine Stelle.
[GS.01_038,04]
Sehet, geradeso ist es auch hier der Fall. Der Mann merkt es, daß es des Weges
entlang immer finsterer und finsterer wird. Solch eine stets dichter werdende
Nacht ist nicht sein Element; sie aber befindet sich desto behaglicher, je
finsterer es wird, weil die totalste Finsternis das Element ihrer Liebe und
somit auch ihres Lebens ist. – Nun aber möget ihr schon von Ferne ein dumpfes
Getöse vernehmen, etwa wie von einem fernen großen Wasserfalle. –
[GS.01_038,05]
Ihr fraget, was wohl solches bedeute? Ich sage euch: Solches bedeutet nichts
anderes, als daß wir demjenigen Scheidestrome ziemlich nahe gekommen sind, den
wir schon beim Besuche der Nordgegend haben kennengelernt; daher also nur mutig
darauf zugegangen, und wir werden bald sein Ufer erreichen. Ihr fraget nun
schon wieder nach der vorbesagten Hinterbergsröte, die sich noch immer nicht
zeigen will. Geduldet euch nur noch ein wenig. Wenn wir das Ufer des Stromes
werden erreicht haben, dem wir jetzt schon sehr nahe sind, was ihr aus dem
stets stärker werdenden Getöse merken könnet, so wird sich auch die
Hinterbergsröte im tiefen Hintergrunde sicherlich erschauen lassen. Jetzt aber
gebet nur acht und schauet gut auf den Boden, denn wir haben nur wenige Schritte
mehr und das Ufer ist erreicht.
[GS.01_038,06]
Nun haltet ein; seht, wir sind schon am Ziele, und da sehet längs dem Strome,
wie sich dort im tiefen Hintergrunde eine bedeutende Röte zeigt gleich
derjenigen, welche einem fernen, großen Brande entstammt. Nun aber gebet auch
wieder auf das Gespräch unseres Paares acht; sie spricht: Nun, mein geliebter
Gemahl, was sagst du jetzt, hatte ich recht oder nicht? Sieh dort ein
herrliches Morgenrot und hier sieh den breiten Strom; was sollen wir nun tun,
um in jene lichte Gegend zu gelangen? Siehe, über den Strom können wir nicht,
aber nach dem Zuge des Wassers längs dem Strome an diesem Ufer können wir
wandeln. Er wird stets lichter, wie du es mit deinen eigenen Augen ersehen
kannst, und mit der Zeit werden wir auch sicher die ganze lichte Gegend
erreichen.
[GS.01_038,07]
Der Mann spricht: Mein liebes, schätzbarstes Weib! Dieses Licht kommt mir eben
nicht ganz geheuer vor. Was die Morgenröte betrifft, so scheint diese Röte mit
derselben auch nicht die entfernteste Verwandtschaft zu haben; sie gleicht für
mein Auge vielmehr derjenigen, deren Grund nicht die Sonne, sondern eine hinter
den Bergen brennende Stadt sein möchte. Ob hier eine Stadt brennt, möchte ich
schier bezweifeln; daß es aber sicher ein Feuer gibt, solches scheint außer
Zweifel zu sein. Ich will daher auch so weit mit dir gehen, bis wir von seiten
dieses Feuers ein ziemlich starkes Licht haben, weiter aber werde ich mich
nicht verfügen: denn man kann doch nicht wissen, wessen Ursprungs es ist, – und
so ist es immer klüger, weit von selbem entfernt zu sein. Denn der Mensch soll
sich dem nicht nahen, das er nicht kennt und das seiner Natur überhaupt nicht
verwandt ist.
[GS.01_038,08]
Sie spricht: Aber was du doch für ein albernes Zeug zusammenschwätzest! Da
sieht man wohl, wie dumm du bist; worin aber liegt der Grund? Ich sage dir,
lediglich in nichts anderem, als daß du dich fürs erste auf der Welt wenig um
das bekümmert hast, was die eigentlichen Wirkungen der Naturgrundkräfte
betrifft, aus welchem Grunde du dir denn auch jetzt um so weniger eine solche
Erscheinung zu erklären im Stande bist. Fürs zweite bist du noch viel zu kurz
hier und hast noch viel zu wenig die Gelegenheit gehabt, solche Erscheinungen
zu beobachten und dich darüber von den Weisen dieser Gegend belehren zu lassen.
Sieh aber, da längs dem Ufer kommen soeben zwei Männer daher geschritten. Gehen
wir ihnen entgegen, und ich bin überzeugt, wenn du dich mit ihnen in ein
Gespräch einlassen willst, daß du von ihnen sehr viel profitieren wirst. – Der
Mann spricht: O ja, mein liebes Weib, ich war ja noch allzeit ein bedeutender
Freund von Männern, die viele Kenntnisse besaßen, warum sollte ich es denn
jetzt nicht sein?
[GS.01_038,09]
Nun aber sage ich euch: Jetzt gebet besonders acht. Der Mann begrüßt sehr
höflich den Größeren und Ansehnlicheren. Dieser macht ebenfalls eine kalte
Verbeugung und fragt den Mann des Weibes: Was hat euch, ihr Nachtgesindel, da
heraus in die Gefilde des Lichtes den Weg gezeigt?
[GS.01_038,10]
Der Mann spricht: Aller hochzuverehrendster Freund! Ich bin erst vor ein paar
Tagen hier in der tiefen Nacht angelangt; mein Weib hier aber befindet sich
schon bei sechs Jahren in dieser Gegend. Sie wußte von diesem Lichtgefilde; ich
wußte nichts, sondern hatte nur einen großen Drang nach Licht, und es blieb mir
demnach nichts übrig, als daß ich als gänzlich Unerfahrener mich von meinem
erfahreneren Weibe habe hierherführen lassen. Daher werden Sie,
allerhochzuverehrendster Freund, mir solches nicht zu einem Fehler rechnen
wollen. Hat jemand bei diesem Schritte gefehlt, so war es offenbar nur mein
Weib.
[GS.01_038,11]
Der Fremde spricht: Und so etwas getraust du dich als ein Mann hier zu
bekennen? Wahrlich, du scheinst eben nicht gar weit her zu sein; denn Männer,
die der Leitung ihrer Weiber vonnöten haben, die stehen bei uns in einem gerade
solchen Ansehen wie Affen. – Hier wendet sich der Fremde zum Weibe und spricht
zu ihr: Ist das im Ernste Ihr Werk gewesen, meine allerliebenswürdigste,
holdeste Dame? – Sie spricht: O mein allerverehrungswürdigster Freund, ich muß
es leider zu meiner eigenen Schande bekennen, daß dieser mein sonst recht
lieber Mann sicherlich hundert und wieder hundert Jahre lieber in der
dichtesten Finsternis Moos und dürres Gras gefressen hätte, und das aus lauter
allerdümmster und nichtigster Liebe zu dem Ihnen wohlbekannten jüdischen
Philosophen, als daß er die Wege des Lichtes ergriffen hätte, nicht nur nach
meinem, sondern auch nach dem überaus weisen Rate des großen, Ihnen
wohlbekannten Gelehrten, der sich Melanchthon nennt.
[GS.01_038,12]
Der Fremde spricht: O meine schätzenswerteste und allerliebenswürdigste Dame,
da muß ich Sie wahrlich von ganzem Herzen bedauern und dagegen aber doch wieder
Ihre Herzensstärke bewundern, die so unermüdlich tätig ist, um einen
wahrhaftigen Tölpel von einem Manne auf den rechten Weg zu bringen.
Allerliebste, schätzenswerteste Dame! Sie müssen mir in dieser Hinsicht schon
etwas zugute halten; denn wenn ich in dieser aufgeklärten und stets heller
werdenden Epoche noch von der alten christianisch-jüdischen Philosophie etwas
höre, so möchte ich vor lauter Ärger aus der Haut springen. Ja, es kommt mir
solches noch viel dümmer und alberner vor, als so jemand sich vornehmen würde,
einer höchst dummen, mehrere tausend Jahre alten Kleidertracht getreu zu
verbleiben, während rings um ihn her die ganze Welt schon gar lange die
größeren Vorteile einer neuen Bekleidung eingesehen und sonach füglichermaßen
auch angenommen hat.
[GS.01_038,13]
Nun wendet sich der Fremde an den Mann und sagt zu ihm: Sollte das wirklich
wahr sein, was dein im Ernste sehr vernünftiges Weib von dir ausgesagt hat?
[GS.01_038,14]
Sehet, der Mann wird etwas verdutzt und weiß für den Augenblick nicht, was er
diesem, ihm übergelehrt scheinenden Manne für eine Antwort geben soll. Von
Christo will er sich nicht trennen, und von Ihm eine Erwähnung zu machen, das
scheint ihm eben nicht rätlich zu sein vor diesem ihm überaus mächtig
vorkommenden Gelehrten; daher schweigt er.
[GS.01_038,15]
Aber der gelehrte Fremde wendet sich abermals zu ihm und spricht: Ja, mein
lieber Freund, wenn es mit dir um die Zeit ist, wie es mir vorkommt, da bist du
ein taxfreier Mann; verstehst du solches? Der Mann spricht: Nein, der Sinn
dieser Rede ist mir fremd; und der Fremde spricht: Solches nimmt mich nun nicht
mehr wunder. Was aber das „taxfrei“ betrifft, so war das ja schon bei den
alten, weisen Römern und Griechen gebräuchlich, daß man die Narren und Tölpel
überall kostfrei hielt. Und daß man selbst in der jetzigen Epoche Männern
deinesgleichen das ehrenvolle Narrendiplom taxfrei verleiht, behufs dessen sie
dann leichtlich in irgendein gut bestelltes Narrenhaus aufgenommen werden
können, wird dir, der du mir bekannterweise auf der Welt mit der Amtsführung
über staatliche Dinge vertraut warst, sicher nicht unbekannt sein. Verstehst du
nun diese Redensart?
[GS.01_038,16]
Der Mann spricht: Leider muß ich sie wohl verstehen; aber nun erlaube auch du
mir eine Frage: Wer gibt denn dir bei deiner Gelehrsamkeit, nachdem ich dir
doch überaus höflich entgegenkam, das Recht, mit mir vice versa gröber zu sein,
als da auf der Welt einer der größten Pedanten mit einem allerdümmsten
Gratisschüler? Der Fremde spricht: Höre, mein lieber Freund, daß ich dir etwas
barsch entgegenkam, war nur eine besondere Auszeichnung von meiner Seite,
welche du lediglich deinem soliden Weibe zu verdanken hast. Sonst wäre ich
einem solch dummen Christuslümmel ganz anders geartet entgegengekommen, welche
Begegnung ihm sicher für alle ewigen Zeiten den Appetit nach einer lichten Gegend
benommen hätte. Wenn du aber an der Seite deines Weibes Räson annehmen willst
und kannst mir die Versicherung geben, daß dich deine alte weltliche Dummheit
gereut, der zufolge du eigentlich in diese Finsternis gekommen bist, so will
ich dich, (verstehe, aber nur in Rücksicht deines Weibes), nahe dem lichten
Orte dort in eine Unterrichtsanstalt bringen, in welcher du, wenn du nicht zu
sehr vernagelt bist, zu einer besseren Ansicht gelangen kannst.
[GS.01_038,17]
Der Mann spricht ganz demütig verdutzt: Lieber, hochgeschätzter Freund, wenn es
also ist, da bitte ich dich, führe mich dahin; ich war doch als Studierender
auf der Welt immer einer der Ausgezeichnetsten und werde sicher auch in deiner
Schule nicht einer der Letzten sein.
[GS.01_038,18]
Der Fremde spricht: Gut, ich will dich annehmen; aber mache dich darauf gefaßt:
bei einem schlechten Fortgange wirst du sobald wieder das hohe Collegium
verlassen müssen und wieder zurückbeschieden werden in deine ursprüngliche
Nacht. Bist du aber ein ausgezeichneter Studierender, so wird dir auch eine
allgerechteste Auszeichnung nicht entgehen. Was aber dein altes
christianisch-jüdisches Philosophentum betrifft, da rate ich dir gleich im
voraus, auf der hohen Schule nicht viel davon zu erwähnen, sonst läufst du Gefahr,
weidlichst ausgelacht zu werden. Es ist solches ein ungünstiges Zeichen, denn
Schwärmer taugen nicht zum Studium hoher ernster Wissenschaften, indem diese
nur nüchterne und mehr leidenschaftslose Denker vonnöten haben.
[GS.01_038,19]
Hier wirft sich auch das Weib zu dem Gelehrten hin und dankt ihm schon zum
voraus mit den schmeichelhaftesten Worten für solch eine außerordentliche
Begünstigung. Und der Gelehrte erwidert ihr: Ja, ja, meine schätzbarste,
liebenswürdigste Dame, solches hat er aus vielen Tausenden, ja vielen Millionen
dieser Nachtgegendbewohner nur Ihnen zu danken; und so folgen Sie mir!
[GS.01_038,20]
Sehet, das Weib ergreift den Arm ihres Mannes, folgt dem Gelehrten und spricht
noch im Gehen zu ihm: Nun, was sagst du jetzt? Ich hoffe, du wirst jetzt doch
einsehen, daß es hier ganz andere Verhältnisse gibt, als wie du dir dieselben
auf der Erde geträumt hast. – Der Mann spricht: Mein liebes Weib! Solches ist
offenbar und klar; ob diese Verhältnisse aber von guter und ersprießlicher Art
sind, das wird erst die Folge zeigen. Unter uns gesagt, mir kommt die ganze
Geschichte noch immer sehr bedenklich vor; aber, wie gesagt, die Folge wird es
zeigen, was aus dieser Unternehmung wird.
[GS.01_038,21]
Es heißt wohl in einem Texte des würdigen Apostels Paulus: „Prüfet alles und
behaltet das Gute.“ – Also will ich es auch hier tun; nur bin ich der geheimen
Meinung, daß bei dieser sonderbaren Prüfung entweder gar nichts oder doch nur
spottwenig Gutes zu behalten sein wird. Denn dieses stets greller werdende
Licht, welches mir geradeso vorkommt, als wenn man sich einer lichterloh
brennenden Stadt mehr und mehr nähern würde, scheint zur Beleuchtung des Guten
durchaus nicht geeignet zu sein. Aber, wie gesagt, es kommt alles nur auf eine
Probe an. Da sieh einmal nur diesem Strome tiefer nach, wie er dort im fernen
Hintergrunde beinahe glühend wird, und die Wogen scheinen sich in glühenden
Dunst aufzulösen. Mir kommt es geradeso vor, als näherten wir uns einem
Feuermeere, welches diesen Strom verzehrt.
[GS.01_038,22]
Das Weib spricht: Ja, mein lieber Gemahl, hier heißt es die wirkenden Kräfte in
ihrem Grunde kennenzulernen, und da sieht's freilich wohl etwas großartiger
aus, als wenn ein armseliger Studierender bei dem traurigen Schimmer einer
matten Nachtlampe auf der Erde einen römischen Autor studiert.
[GS.01_038,23]
Sehet, hier ist ein Schiff am Ufer befestigt. Der Anführer spricht: Wenn ihr
mir folgen wollt zu eurem größten Glücke, so steiget in dieses Schiff, damit
wir den Strom abwärtsfahren in die hehren Gefilde des Lichtes.
[GS.01_038,24]
Das Weib geht gar hurtig in das Schiff; der Mann aber kratzt sich bedenklich
hinter den Ohren und weiß nicht, was er da tun soll. Nur um nicht allein
zurückzubleiben, steigt er gewisserart schandenhalber in das Schiff. Nun wird
das Schiff losgemacht und sehet, wie es gleich einem Pfeile stromabwärts
flieht. Nun aber fliehen auch wir; denn so schnell als dieses Fahrzeug ist,
und, wenn es not ist, auch um etwas schneller, können auch wir sein. –
[GS.01_038,25]
Nun, wir haben das Schiff schon erreicht. Sehet, wie die Fluten unter demselben
stets glühender werden bis dahin, da der Strom in eine Gebirgsenge mündet.
Machen wir daher einen schnellen Vorsprung über dieses Gebirge und erwarten
unser Schiff bei der Ausmündung des Stromes. Erschrecket aber nicht, denn hier
sind auch wir taxfrei, denn uns werden alle diese Schrecken, die ihr da schauen
werdet, nichts anhaben.
[GS.01_038,26]
Seht, da sind wir schon; ihr erschrecket hier, weil ihr den Strom gleich einem
weitgedehnten, glühenden Wasserfalle donnernd hinabstürzen sehet in eine
schreckliche, unübersehbare Flammentiefe und fraget, was solches bezeichne?
[GS.01_038,27]
Ich sage euch: Das ist die vorbesagte „hohe Schule“, in welcher unser armer
Mann die Grundkräfte in ihrem Fundamentalwirken wird kennen lernen; richtig
gesagt ist aber das der erste Grad der Hölle!
[GS.01_038,28]
Aber nun sehet hinab auf den Strom; soeben langt unser Schiff an. Der Mann
ringt mit den Händen nach aufwärts und will aus dem Kahne springen; aber das Weib
umfaßt ihn, hält ihn fest und sehet, nun stürzt der Kahn samt seiner
Quartettgesellschaft hinab in die hohe Schule!
[GS.01_038,29]
Ihr fraget: Sollten wir etwa auch noch da hineinsteigen? – Ich sage und sagte
es ja im voraus, ihr müsset die vollkommene Löse mit ansehen, sonst wisset ihr
nur die Hälfte von dem, was eine solche Bindung der Doppelliebe in einem Herzen
besagt. – Fürchtet aber diese Flammen nicht, denn sie sind nur eine
Erscheinlichkeit des Höllischen. An Ort und Stelle aber wird die ganze Sache
ein anderes Gesicht bekommen. Und so denn folget mir furchtlos!
39. Kapitel – Wo
sind Himmel und Hölle?
[GS.01_039,01]
Ihr saget: Aber da geht es steil abwärts, und über so viele Klippen und steile
Abhänge führt der Weg! – Ja, ja, meine Lieben! Also kommt es aber nur euch vor;
diejenigen, deren Gemüt mit diesem Orte korrespondiert, haben da eine breite
und wohlbetretene Bahn. Gehen wir daher nur mutig weiter; es wird nicht so
lange währen, bis wir die erscheinliche Flammenebene werden erreicht haben.
[GS.01_039,02]
Nun sehet hinab, wie sich die Flammen nach und nach zu verlieren anfangen, und
ihr erschauet eine Menge gluterfüllter Stellen ohne Flammen darüber; aber ihr
fraget: Werden wir da etwa müssen auf solcher Glut einhergehen? Ich sage euch:
Kümmert euch alles dessen nicht, denn alles dieses sind nur Erscheinlichkeiten
und besagen den Gemütszustand derer, die da unten wohnen – „Flamme“ bedeutet
die Tätigkeit des Bösen; der über den Flammen emporsteigende „Qualm“ bezeichnet
das Grundfalsche, und die „Glut“ bedeutet die völlige Eigenliebe und derzufolge
den argen Eifer und den böse gewordenen Willen derjenigen, welche in solcher
Eigenliebe sind. Doch wie dieses alles sonderheitlich an Ort und Stelle artet,
werdet ihr sobald mit den eigenen Augen erschauen.
[GS.01_039,03]
Nun sehet abermals hinab; was erblicket ihr jetzt? Ihr saget: Die Flammen sind
gänzlich vergangen und die Glut hat sich in Haufen gesammelt; zwischen den
Haufen aber erschauen wir die allerdichteste Nacht. Ihr fraget noch einmal: Wo
ist denn der Strom, den wir zuvor ganz glühend da hinabstürzen sahen? Dieser
Strom ist ebenfalls nur eine Erscheinlichkeit und bezeichnet den Zug des
Falschen, wie dasselbe mündet in das Böse. So bezeichnet auch dieser Abgrund
die Tiefe des Bösen, wie dieses ebenfalls schlaue und feindurchdachte Pläne
faßt, um sein arges Vorhaben durchzusetzen.
[GS.01_039,04]
Da ihr nun solches wisset, so wollen wir nur mutig darauf losgehen, um sobald
als möglich an unser Ziel und somit auch zu unserer Gesellschaft zu gelangen.
Nur einige Schritte noch, und sehet, wir sind schon in der Ebene und somit auch
in der vollkommenen Tiefe. Ihr sehet nun hier gar nichts, denn die Finsternis
ist so groß, daß ihr mit dem Lichte eurer Augen ewig nichts auszunehmen
imstande wäret. Daher wird es hier nötig sein, daß wir uns so viel Licht
schaffen, das uns genügt, um hier etwas auszunehmen, jedoch darf niemand von
den hier Seienden von unserem Lichte etwas verspüren, und ihr müsset euch da
fest an mich halten und keiner Sphäre eines Geistes zu nahe treten, außer
insoweit, als es euch durch mich gestattet wird.
[GS.01_039,05]
Und so denn sehet, wir haben nun schon so viel Licht, als es not tut, um diesen
Ort näher zu betrachten. Was bemerket ihr hier? – Ihr saget aus einem kleinen
Fieberzustande heraus: Um des allmächtigen, allbarmherzigen Gottes willen, was
ist das doch für ein schauderhafter Ort! Nichts stellt sich unseren Blicken
dar, als schwarzer Sand und schwarzes Steingerölle, welches den Boden dieser
Gegend ausmacht; und zwischen dem Sande und diesem Steingerölle dampft es hie
und da so heraus, wie wir öfter gesehen haben auf der Erde, wenn die Kohle
gebrannt wird. Ferner fragt ihr und saget: Wo sind denn hier Wesen zu sehen?
Denn diese Gegend scheint ja wie gänzlich ausgestorben zu sein. Ja, meine
lieben Freunde, solches ist auch nur eine Erscheinlichkeit und bezeichnet den
„Tod!“ – Doch sorget euch nicht über die Wesenleere dieses Ortes; denn ihr
werdet sobald derselben gar reichlichst innewerden.
[GS.01_039,06]
Sehet, da unfern von uns ist etwas zu sehen, ungefähr so wie bei euch auf der
Erde ein ziemlich großer Scheiterhaufen. Diesem Stoße wollen wir uns nahen, und
ihr werdet euch sobald überzeugen, was für ein Material das ist. Nun sehet, wir
sind dem Stoße gerechtermaßen nahe; betrachtet ihn nun ein wenig näher. Was
seht ihr? Ihr saget schon wieder: Aber um des allmächtigen, gerechten Gottes
willen! Was ist doch solches? Da sind ja lauter Menschen gleich den
Pickelheringen übereinander geschichtet und sind dazu noch mit überstarken
Ketten an den Boden also befestiget, daß es wohl keinem möglich ist, sich in
dieser Lage auch nur im geringsten rühren zu können. Wenn das durchaus hier der
Fall ist, da sieht es mit der sein sollenden, ewig fortbestehenden Freiheit des
Geistes ganz sonderbar schiefrig aus.
[GS.01_039,07]
Ja, ja, meine lieben Freunde, also sieht es auf den ersten Augenblick wohl aus,
wenn wir die Sache von unserem himmlischen Lichte aus betrachten. Darum aber
ist es auch nur eine „Erscheinlichkeit“, die der Wahrheit der Sache entspricht.
Im Grunde der Tiefe aber bedeutet eben diese Erscheinlichkeit, wie eine
Gesellschaft von ihrem eigenen Grundfalschen und daraus hervorgehenden Bösen
gefangen ist. Gehen wir aber nur weiter und verlassen wir diesen Stoß! Sehet,
da vorne ist schon wieder ein noch größerer Haufen. Da wir uns schon in seiner
Nähe befinden, so saget mir wieder, was ihr da sehet. – Ihr saget: Lieber
Freund, wir sehen hier nichts anderes als früher; nur ist der Haufen
kegelförmig, und über diesen Kegel ist eine Menge Ketten geworfen, mit denen
diese Wesen stark zusammengedrückt zu sein scheinen, daß ihre Leiber förmlich
glattgedrückt sind. Nur können wir nirgends ein Gesicht entdecken, wie es etwa
aussieht, weil diese Wesen mit ihren Gesichtern alle abwärts auf den Boden
gerichtet sind. Ihr fraget: Lieber Freund, befindet sich etwa auch unser
früheres Quartett in diesem Haufen? Nein, meine lieben Freunde; wir werden zu
demselben schon noch kommen. – Da wir hier alles gesehen haben, so bewegen wir
uns wieder etwas vorwärts.
[GS.01_039,08]
Sehet, in nicht geringer Entfernung vor uns stellt sich ein förmlicher Berg
dar; da wir schon wieder in der gerechten Nähe sind, so betrachtet ihn nur ein
wenig. Was seht ihr? – Ihr sagt schon wieder: Aber um des allmächtigen,
gerechten Gottes willen, was ist denn das?! Das sind zwar ebenfalls lauter
menschliche Wesen unter Ketten und eisernen Gittern geschichtet; und zwischen
ihnen gibt es auch eine Menge Schlangen und Nattern, die da nach allen Seiten
mit ihren abscheulichen Augen herausblicken und hurtig darauf loszüngeln. Was
besagt wohl solches? – Das besagt eine Gesellschaft, die schon mehr und mehr
aus ihrem Falschen in das Böse übergegangen ist. – Gehen wir aber nur wieder
von da weiter vor. Sehet, nicht ferne vor uns ist ein ganzes Gebirge, welches
ihr mit einem Blicke nicht leichtlich überschauen werdet. Solches ist auch
nicht not; denn eine Stelle spricht für das Ganze. Hier ist schon der Fuß eines
Ausläufers von diesem Gebirge; betrachtet ihn näher und saget mir, was ihr
sehet. – Ihr saget: Da sehen wir ja nichts denn fast lauter niedergeknebelte
Ungetüme aller Art; nur hier und da sieht noch ein zerquetschtes Gerippe eines
menschlichen Kadavers heraus. Was bedeutet denn solches? – Solches bedeutet die
purste Eigenliebe und ist die Erscheinlichkeit weltlicher Macht, Größe und
Reichtums, wenn solche Attribute auf der Welt zu eigennützigen, bösen Zwecken
gebraucht wurden.
[GS.01_039,09]
Aber ihr fraget schon wieder und saget: Aber lieber Freund, nachdem wir noch
gar wohl wissen, daß wir uns in deiner Sphäre und im Grunde auf der geistigen
Sonne befinden, wo wir nichts als nur Himmlisches wähnten; wie kommt es denn,
daß wir da auch die Hölle im vollkommensten Maße antreffen? – Ja, meine lieben
Freunde, ist es euch denn nicht gleich bei dem Übergange in die geistige Sonne
vom Herrn Selbst erklärt worden, daß das Geistige ist ein Inwendigstes, ein
alles Durchdringendes und ein Allumfassendes? Wenn das Geistige also beschaffen
ist, so durchdringt es ja alle Planeten und die ganze Sphäre, so weit das Licht
der naturmäßigen Sonne dringt; und rein geistig genommen aber noch ums
Endlosfache weiter. Sonach befindet ihr euch nun nicht in der Sphäre der
eigentlichen Sonne, sondern in der sonderheitlichen Sphäre eures Planeten. Wie
aber von der eigentlichen Sonne aus alle Planeten ihr Licht und ihre Wärme
empfangen und ihre Wirkung alle diese Planeten durchdringet, so ist es auch der
Fall mit der geistigen Sonne, da wir auf den Schwingen ihrer geistigen Strahlen
auch das Geistige ihrer Planeten durchblicken. Da wir nun solches näher kennen,
so wird es euch hoffentlich doch auch klar sein, daß man auf diesem geistigen
Wege auch das geistige Wesen der Hölle, euren Planeten betreffend, ganz klar
durchschauen kann.
[GS.01_039,10]
Ihr müßt euch den Himmel und die Hölle nicht materiell räumlich voneinander
entfernt denken, sondern nur zuständlich. Räumlich können Himmel und Hölle sich
also nebeneinander befinden, wie da ein himmlisch guter Mensch neben einem
höllisch bösen einhergehen kann, und kann mit selbem sogar auf einer Bank
sitzen. Der eine hat in sich den vollkommenen Himmel und der andere die
vollkommene Hölle. Zum Beweise dessen könnte ich euch augenblicklich in meiner
eigenen Sphäre zeigen, daß sich hier ebensogut der Himmel wie die nun von euch
geschaute Hölle befinden kann; denn ihr schauet ja alles dieses ohnehin nur in
meiner Sphäre, und ihr brauchet nichts als nur einen Schritt aus dieser meiner
Sphäre zu tun, und ihr werdet euch wieder auf demselben Punkte befinden, von
dem ihr ursprünglich in meine Sphäre getreten seid. – Da ihr nun solches
wisset, so können wir uns schon wieder von diesem Gebirge weiterwenden und
dieses alles auch von einem anderen Lichte aus betrachten.
[GS.01_039,11]
Gebet nun acht, das Licht ist verändert. Wie sehet ihr jetzt diesen Berg? Ihr
verwundert euch, daß ihr nun statt des Berges auf einmal ganz frei
herumwandelnde Gruppen erschauet und sogar allerlei Wohnungen, teils wie
schmutzige Kneipen, teils wie alte, schwarze Ritterburgen; und sehet sogar
alles in einem rötlichen Zwielichte.
[GS.01_039,12]
Aber da sehet, unfern vor uns steht eine wie an einem Felsengebirge angebaute
alte ritterliche Burg; dahin wollen wir uns denn auch begeben. Sehet, wir sind
schon da; die Pforte ist offen. Wir sind hier unsichtbar, somit begeben wir uns
auch in diese Burg und wollen sehen, wie es da zugeht. Nun, da ist schon der
erste Saal. Seine Wände sind behangen mit allerlei Mord- und Marterwerkzeugen.
Und dort im Hintergrunde sitzt der vermeintliche Burgherr auf einem Throne und
berät sich mit seinen Spießgesellen, wie sie es anstellen sollen, um sich der
Güter und Schätze eines nachbarlichen ähnlichen Burgeigentümers zu bemächtigen.
Höret, wie er ihnen aufträgt, daß sie die aufs Korn genommene Burg in aller
Stille überfallen, dann schonungslos alles, was da lebt, niedermetzeln und
sodann nach den Schätzen greifen sollen. Sollte sich aber jemand ihnen wie
unbesiegbar widersetzen, so sollen sie ihn hierherbringen, wie sie es schon zu
öfteren Malen gemacht haben, wo sich ein solcher Gefangener wird die
allerpeinlichsten Martern gefallen lassen müssen. Nun, der Rat ist beschlossen
und beendet; alles ergreift die Waffen und rennt hinaus. – Da wir hier nichts
mehr zu machen haben, so rennen auch wir ihnen nach.
[GS.01_039,13]
Sehet, dort nicht ferne vor uns ist schon die besprochene Burg. Sie wird
umringt, und nun sehet: das fürchterliche Gemetzel beginnt, die argen Wesen
kämpfen wütend gegeneinander, und da werden die Bewohner dieser zweiten Burg in
Stücke zerhauen. Und sehet ferner: da bringen die Spießgesellen unseres vorigen
Burginhabers ja soeben geknebelt unser bekanntes Quartett daher. Schließen wir
uns an und behorchen wir jetzt ein wenig während des Zuges das Zwiegespräch.
Höret, der Mann spricht zum Weibe: O du elende Schlange, jetzt erkenne ich
dich; meine bittere Ahnung hat mir heimlich immer zugeflüstert, was für eines
elenden Geistes Kind du bist! Sieh, das ist jetzt die hohe Schule und dein
erbärmliches Licht, von dem du mir listigerweise als ein geistig erfahrenes
Wesen vorgeheuchelt und vorgelogen hast. Dieser nun mit uns geknebelte
Bösewicht von einem Professor dieser hohen Schule ist nun auch mit uns in
dieser schauerlichen Gefangenschaft, der sicher das schrecklichste Los
bevorsteht!
[GS.01_039,14]
Das Weib spricht: Wie kannst du denn so von mir denken? Wer kann für ein
unvorhergesehenes Unglück? Ich habe es mit dir ja doch nur gut gemeint. Der
Mann spricht: Schweige nun, du elende Schlange. Dir allein hab ich es zu
verdanken, daß ich mich jetzt offenbar in der Hölle befinde. Zwischen mir und
dir sei auf ewig jeglicher Bund gebrochen. Und Du, mein Jesus, auf Den ich mich
immer berufen habe, hilf mir aus dieser meiner schrecklichen Gefangenschaft;
ich will lieber nach Deinem allerheiligsten Willen viele tausend Jahre auf
jenem finsteren Orte umherwandeln und dort abbüßen alle meine Gebrechen, als
hier nur einen Augenblick länger noch an diesem Schreckensorte verbleiben, der
so ganz und gar von aller Deiner Gnade und Erbarmung für ewig ausgeschlossen zu
sein scheint! – O Jesus, hilf mir! O Jesus, rette mich!
[GS.01_039,15]
Nun sehet, diesem Zuge entgegen eilen soeben zwei Vermummte; sehet, jetzt sind
sie schon da. Sie enthüllten sich, und wie ihr sehet, sind es zwei strafende
Engel des Herrn. Ein jeder hat ein flammendes Schwert in der Hand; der eine
macht einen Zug über die besiegte Burg und die zerfleischten und zerhauenen
Wesen ergreifen sich wieder zu ganzen Gestalten und wehklagen über die
erlittene Unbill. Der andere Engel zieht sein Schwert über die frühere
berüchtigte Burg, und die ganze Burg steht, wie ihr sehet, in Flammen, und
brennende und heulende Gestalten stürzen sich allenthalben aus den Öffnungen,
Fenstern und Türen heraus und fluchen diesen rächenden zwei Engeln.
[GS.01_039,16]
Wieder sehet, ein Engel haut mit seinem flammenden Schwerte mitten in unser
Quartett hinein. Die Ketten sind gelöst; der Mann fällt vor diesen zweien auf
sein Angesicht nieder und bittet sie um gnädige Rettung. Und der eine Engel
ergreift ihn und zieht ihn mit sich. Das Weib aber ergreift ihn auch und
schreit um Gnade und Erbarmen zu ihrem Manne, daß er sie ja nicht verlassen
solle. Seht, wie lange sie sich samt dem Manne von dem Engelsgeiste
fortschleppen läßt! Jetzt seht, die beiden Engel erheben sich aufwärts, und der
eine trägt den Mann. Das Weib aber läßt sich mittragen und läßt den Mann nicht
aus. Jetzt erst, schon in großer Höhe, macht der andere Engel mit seinem
Schwerte einen Streifhieb, und löst damit mühevoll das Weib von dem Manne. Sie
stürzt nun heulend jählings in ihr Element zurück, und der Mann wird an die
Grenze des Kinderreiches geführt, wo es aber noch sehr mager und dunkel
aussieht.
[GS.01_039,17]
Nun habt ihr gesehen, und das zwar noch die beste Art einer solchen Löse. Es
gibt aber deren noch eine zahllose Menge von viel schrecklicherer und
hartnäckigerer Art, deren Anblick, selbst durch das Wort gegeben, ihr
schwerlich ertragen würdet. Daher wollen wir uns wieder in unsere vorige Gegend
zurück begeben und von dieser dann übergehen in die Gegend des Mittags. – Und
somit gut für heute!
40. Kapitel – Wo
sind drüben die Heiden?
[GS.01_040,01]
Daß es in der euch jetzt schon überaus gut bekannten abendlichen Nachtgegend
noch eine Menge, ja eine zahllose Menge von Szenen gibt, ähnlich denen, die wir
bis jetzt haben kennen gelernt, braucht kaum noch einmal erwähnt zu werden.
[GS.01_040,02]
So da jemand fragen möchte: Wo sind denn die Ankömmlinge aus dem Heidentume? so
sage ich euch, daß diese zwar auch in dieser Gegend zuallermeist anlangen;
dessen ungeachtet aber sind hier solche Anlandungsplätze voneinander schroff
geschieden, und es kann in diesem Zustande sich ein Heide nicht demjenigen Teile
nahen, in welchem von was immer für einer Sekte Christgläubige anlangen.
[GS.01_040,03]
Solche Unterscheidungen finden sogar in der Hölle statt, und es ist nirgends,
wie ihr glaubet, alles wie Kraut und Rüben untereinandergeworfen; denn solche
Unterscheidungen sind im höchsten Grade nötig. Würden solche Geister
zusammengelassen werden, so würden sie sich zufolge ihrer innersten Bosheit so
sehr verderben, daß ihnen auf keinem Wege, außer auf dem der gänzlichen
Vernichtung, beizukommen wäre.
[GS.01_040,04]
Ihr müßt euch die Sache so vorstellen, wie es auf der Erde verschiedenartige
Elemente gibt, die sich fortwährend zerstörend feindlich gegeneinander
verhalten, so gibt es auch in der geistigen Sphäre ebenfalls solche
Grundelemente, die sich nicht berühren dürfen. Würden sie miteinander in
Berührung kommen, so würden in der geistigen Sphäre ähnliche Effekte zum
Vorschein kommen, als wenn ihr auf der Welt Feuer und dürres Stroh
zusammentätet oder Feuer und euer Schießpulver, oder wenn ihr möchtet Wasser kommen
lassen über ein aus Ton aufgeführtes Gebäude. Darum sind in der Geisterwelt, wo
keinem Geiste mehr ein Hinterhalt möglich ist, solche Unterschiede
allerstrengst notwendig.
[GS.01_040,05]
So aber jemand fragen möchte: Wie sieht es dessen ungeachtet auf dem
Anlandungsplatze heidnischer Geister aus? so sei ihm darauf gesagt, daß es für
einen christlichen Geist nicht geheuer ist, solche Plätze zu besuchen mit was
immer für einem Geiste.
[GS.01_040,06]
Es müßte nur der Herr jemanden unmittelbar Selbst führen und leiten; sonst aber
würde es für jeden mehr gefährlich als ersprießlich sein, solche Plätze zu
besuchen.
[GS.01_040,07]
Wir aber wollen uns dafür, bevor wir uns in den Mittag begeben, noch zu unserem
geretteten Manne begeben und sehen, was er da tut und wie es mit seiner
gegenwärtigen Anstellung aussieht. Und sehet, unsere Wand steht schon wieder
offen, und so wollen wir sogleich diese Gelegenheit benutzen und uns durch die
Spalte an die äußerste Grenze des Kinderreiches verfügen. – Sehet, hier sind wir
schon; die Wand hat sich hinter uns wieder geschlossen, und wir wollen uns
jetzt in das sehr enge Tal, das neben der Wand gegen Mittag geht, verfügen. –
Also gehet nur recht hurtig mit mir!
[GS.01_040,08]
Sehet dort im tiefen Hintergrunde einen moorigen und feuchten Winkel und ganz
im Hintergrunde dieses Winkels eine gemeine Art hölzerner Hütte, um welche es
in diesem, von hohen Felsen eingeschlossenen Winkel ziemlich dunkel ist. Dahin
wollen wir uns verfügen; denn dort ist nun unser Mann placiert.
[GS.01_040,09]
Ihr fraget zwar: Warum denn in solch einer einschichtigen Einöde und dazu noch
in einem so moorigen und feuchten Winkel? – Meine lieben Freunde, mit solchen
mühevoll aus der Hölle geretteten Geistern kann es anfangs unmöglich besser
gehalten werden, weil solche Menschen in der Hölle doch stets mehr oder weniger
eben von der Hölle etwas in sich aufgenommen haben, welches da gleichlautend
ist dem Feuer der Hölle. Es spricht sich stets mehr oder weniger aus in einer
notgedrungenen selbstsüchtigen Begierlichkeit, denn solches hat ja bekanntlich
jede Not in sich eigentümlich, daß sie mehr oder weniger die Selbstsucht zur
steten Begleiterin hat. Wer in der Gefahr ist, der vergißt gewöhnlich alles und
ist nur auf seine eigene Rettung bedacht. Der Arme bettelt nur für sich, und
der Kranke sucht nur für sich ein heilendes Mittel. Wer ins Wasser fällt, der
sucht sich zu retten; und über dessen Haupte die Flammen schon
zusammenschlagen, der ergreift gewöhnlich nur sich selbst und sucht dem
verheerenden Elemente zu entfliehen. Erst wenn er selbst in Sicherheit ist,
gedenkt er anderer, die mit ihm ein gleiches Los hatten.
[GS.01_040,10]
So ist dieser Ort ja ganz zweckmäßig für unseren Mann. Der feuchte Boden wird
dazu taugen, um sein selbstsüchtiges Feuer zu dämpfen, und die ziemlich große
Dunkelheit wird seinen an die dichteste Finsternis gewöhnten Augen eben auch
sehr heilsam sein. Ein plötzliches starkes Licht würde ebenso verderblich auf
ihn einwirken, als wenn man die Augen eines jüngst geborenen Kindes alsbald den
grellen Sonnenstrahlen aussetzen würde. Überdies aber geht diese seine
Habseligkeit auch genau mit der Zinsrechnung zusammen, und zwar von dem
Kapitale, welches er als Christ aus Glauben und Liebe zum Herrn den
eigentlichen Armen hat zukommen lassen. – Ihr müsset darunter nicht etwa die
euch schon bekannten Legate verstehen, welche er bei seinem Übertritte aus der
Welt ins Geistige angeordnet hat, sondern diejenigen Spenden nur, welche er
ganz geheim für sich aus eigenem Mitleidsgefühle und als gläubiger Christ an
die Armen verabfolgt hat. Solches Kapital aber dürfte sich in summa summarum
kaum auf etwas über zweihundert Gulden Silbermünze belaufen haben. Wenn ihr
dieses Kapital, welches er eigentlich aus Liebe zum Herrn den Armen gegeben
hatte, vergleichet mit dem großen Kapitale, welches er den Seinigen hinterließ,
so werdet ihr auch den mathematisch richtigen Vergleich finden zwischen seiner
Eigenliebe und der Liebe zum Herrn.
[GS.01_040,11]
Auch solche verpflegliche Sorge für die Kinder ist Eigenliebe; denn wer den
Herrn mehr lieben würde, als sich selbst in seinen Kindern, der würde auch
gleichen Maßes den Herrn mehr bedacht haben als sich selbst in seinen Kindern.
Ihr fraget: Warum denn? – Weil ihm der Herr dadurch die innere Erkenntnis
verleihen würde, derzufolge er sonnenklar eingesehen hätte, daß der Herr für
seine Kinder ums Unendlichfache besser sorgen kann und sie auch besser
versorgen würde, als er sich in seinen Kindern eigenliebig selbst und seine
Kinder versorgt hat. Denn der Herr hat nicht gesagt: Was ihr euren
Leibeskindern tun werdet, das habt ihr Mir getan, sondern Er hat da der Armen,
Nackten, Hungrigen, Durstigen und Gefangenen nur gedacht und sagte dann: „Was ihr
diesen getan habt, das habt ihr Mir getan.“
[GS.01_040,12]
Er hat auch nicht gesagt: Wenn ihr eure eigenen Kinder in Meinem Namen
aufnehmet, so habt ihr Mich aufgenommen, sondern Er hat bei einer Gelegenheit
solches nur gesagt, da viele Arme ihre noch ärmeren Kinder zu Ihm gebracht
haben: „Wahrlich, wer ein solches armes Kind in Meinem Namen aufgenommen hat,
der hat Mich aufgenommen.“
[GS.01_040,13]
Und noch ferner spricht der Herr: „Wer da seinen Vater, seine Mutter, sein
Weib, seinen Bruder, seine Kinder mehr liebt denn Mich, der ist Meiner nicht
wert.“
[GS.01_040,14]
Es möchte hier wohl so mancher sagen: Solches alles hat ja nur einen tiefen,
geistigen Sinn; – o ja, sage ich, den allertiefsten, weil es ein allerreinstes
und unmittelbares Wort Gottes ist. Ich frage aber dabei: Warum sucht ihr das
Gold nicht auf der Oberfläche der Erde, sondern grabet tiefe Schachte und
weitlaufende Stollen? – Ihr saget: Wie ist solches zu verstehen? – Ich sage
euch: Nichts leichter als das; wer zum Golde gelangen will, muß die äußere Erde
nicht unbeachtet lassen, sondern muß dieselbe durchbrechen, und erst durch
diese äußere Erdkruste zu der innern Goldlagerung gelangen. Also muß auch des
göttlichen Wortes Buchstabensinn zuvor vollkommen beachtet werden, bevor man
den geistigen überkommen kann, freilich wohl im rechten und zweckmäßigen
Verstande.
[GS.01_040,15]
Wenn ihr aber nun unsern Mann betrachtet, so werdet ihr finden, daß er nahe
über eine Million Eigenliebe und nur um etwas über zweihundert Gulden Liebe zum
Herrn mitgebracht hat. Dies ist wohl ein sehr klägliches Verhältnis. Nun aber
hat er um die Zinsen dieses Kapitals genau ausgemessen, wie ihr sehet, seine
Behausung hier. Es wird sich demnach zeigen, wie er dieses Kapital verwenden
wird; es wird nicht fehlen, daß ihn von der entgegengesetzten Seite gar
armselige Wesen besuchen und um Unterstützung anflehen werden. Wird er nach
seinen Kräften alles aufbieten, um solche arme Brüder soviel, als es ihm nur
immer möglich ist, notdürftigst zu versorgen, so wird sein kleines Kapital sich
bald ums Zehnfache, ja ums Hundertfache vergrößern, und er wird dadurch auf
bessere Orte gestellt werden. Aber er wird nicht eher auf dem geordneten Wege
zum Herrn gelangen, als bis sein hier erworbenes Kapital ums Zehnfache größer
wird, als das er seinen Kindern oder seiner Eigenliebe hinterlassen hat. Dessen
ungeachtet sind auch hier außerordentliche Fälle möglich; diese müssen aber
also geartet sein, wie ihr gleich anfangs ein Beispiel gesehen habt; – d.h.
wenn einer alles hergibt, was er hat, und dabei noch mit all seiner Kraft sorgt
für die Unterstützung seiner Brüder, so ist bei einer solchen Gelegenheit auch
eine sehr baldige und gänzliche Erlösung aus diesem Orte möglich. Denn in
diesem Falle gleicht dann ein solcher Menschengeist demjenigen Weibe, welches
in dem Tempel opferte, während auch andere opferten. Das Weib gab zwar das
geringste Opfer im Vergleich mit den andern; der Herr aber fragte, wer da unter
all den Opfernden am meisten geopfert habe? Und man sagte: Siehe, dieser und jener.
Er aber entgegnete: Dieses Weib hat das größte Opfer dargebracht; denn es gab
alles, was es hatte.
[GS.01_040,16]
Sehet, also ist hier eine vollkommen gerechte und von der großen Liebe und
Erbarmung des Herrn abgeleitete Läuterungsschule zum ewigen Leben.
[GS.01_040,17]
Da wir nun solches alles haben kennengelernt, was von jedermann wohl zu
beachten ist, so können wir nun füglichermaßen diese Gegend verlassen und uns
gegen den Mittag begeben. – Ihr fraget zwar um den Weg; ich aber sage euch:
Sorget euch dessen nicht; wir wollen bei diesem Übergange nicht so viel Säumens
machen, als wir solches hieher getan haben, sondern wir werden uns wahrhaft
geistigen Weges aufmachen und daher auch auf eins dort sein, wo wir sein
wollen. Es wären zwar wohl auf dem Wege dahin noch so manche Abstufungen zu
berücksichtigen; da sie aber denen völlig gleichen, die wir schon passiert
haben, so dürft ihr euch nur alles dessen, was ihr bisher geschaut habt, recht
wohl erinnern, so werdet ihr alle diese Übergänge, die von dieser Gegend in den
Mittag führen, leicht beschaulich erraten können.
[GS.01_040,18]
Das große Gewässer bildet eine Hauptzwischenlinie, welche auf gewöhnlichem Wege
nicht überschritten werden kann; denn dieses große Gewässer bezeichnet den
großen Grad der Weisheit, welche dazu erforderlich ist, um in den Mittag zu
gelangen. Daher müssen die in den Mittag Übergehenden in dem Feuer der Liebe
überaus stark werden, damit ihnen ein ähnlicher Grad der Weisheit wird, wie
solches das große Gewässer bezeichnet. – Da wir nun auch dieses wissen, so
wollen wir uns fürs nächste Mal, wie schon gesagt, ohne weiteren Rückblick auf
eins in den glänzenden Mittag begeben. – Und somit gut für heute!
41. Kapitel –
Besuch im Mittag. Wirkung des Glaubenswahren und des Liebeguten.
[GS.01_041,01]
Nun sehet, wie ich gesagt habe und ehe ihr es euch versehen mochtet, sind wir
auch schon da, wo wir sein wollen. Wir sind also schon im Mittage. – Saget mir
vorerst, wie es euch gefällt und was ihr alles sehet.
[GS.01_041,02]
Ihr saget: Uns gefällt's hier überaus gut, doch müssen wir dir dabei gestehen,
daß wir hier noch mehr erwarteten, als sich nun unseren Blicken zur Beschauung
darstellt. Diese Gegend kommt uns vor wie eine reizende, schöne Landschaft auf
der Erde, wie es auf derselben sicher eine Menge gibt; aber so etwas
überirdisch erhaben Schönes können wir uns hier nicht herausschauen.
[GS.01_041,03]
Ja, meine lieben Freunde, ihr habt im Grunde wohl recht; es scheint hier, wie
ihr sehet, ebenfalls eine Sonne, und sie steht in dieser Gegend gerade im
Zenite. Ferner sieht auch der Himmel so lieblich blau aus wie bei euch auf der
Erde. Rings umher seht ihr die mannigfaltigsten Abwechslungen von fruchtbaren
Feldern, mit Obstbäumen bewachsenen Hügeln, selbst Weingärten nach eurer Art
mangeln nicht. Hier und da sehet ihr auch ganz ansehnliche Alpen über den
kleinen Hügeln hervorragen; ihr sehet auch hier und da bei den niedlich
angebrachten Häusern Menschen ein- und ausgehen, auch auf den Feldern erblickt
ihr hier und da etwelche mit der Sammlung und Bearbeitung der Früchte
beschäftigt.
[GS.01_041,04]
Es ist wahr, die Sache, so oberflächlich hin betrachtet, hat mit den schönen
Gegenden der Erde eine ganz frappante Ähnlichkeit. Aber ich sage euch, wir
dürfen uns nur einem dieser Wohnhäuser nahen, so wird euch die Einrichtung
eines solchen Wohnhauses sogleich eines andern belehren. Sehet, gerade an
dieser Straße, welche sich zwischen einer doppelten Obstbaumreihe hinzieht,
liegt, wie ihr sehet, ein recht niedliches Häuschen; diesem wollen wir uns
nähern und wollen sehen, welcher innern Beschaffenheit es ist.
[GS.01_041,05]
Nun, wir sind schon am Ziele. Sehet, der Inhaber dieses Hauses stehet gerade an
der Flur, kann uns aber nicht erschauen, denn für die Bewohner des Mittags sind
wir noch unsichtbar; aber dessen ungeachtet ahnt er, daß sich inwendigere Wesen
in seiner Nähe befinden. Aus dem Grunde behorcht er sich selbst, wie ihr sehet,
und gleicht darum zuständlich einem Menschen, der plötzlich in tiefere Gedanken
verfallen ist. So wollen wir uns denn auch sobald in seine Wohnung begeben.
[GS.01_041,06]
Sehet, wir sind schon im Inwendigen dieses Hauses; wie gefällt es euch? Ihr
schlaget ja die Hände über dem Kopfe zusammen und saget: Aber um des Herrn
willen, wie ist wohl solches möglich?! Wir erblicken das Inwendige des Hauses
überaus großartig prachtvoll ausgeschmückt, und die innere Größe des Hauses
scheint ja die äußere Umfassung ums Unvergleichliche zu übertreffen; und so wir
zu einem oder dem andern Fenster hinausblicken, erschauen wir von der früheren
Gegend nicht das Leiseste mehr, sondern alles ist unvergleichlich erhaben
anders. Allenthalben erblicken wir die wunderbarst großartigen Paläste und
Tempel; die fernen Gebirge glänzen, als wären sie mit der Lichtmaterie der
Sonne selbst übergossen, und eine weite Ebene dehnt sich aus. Über derselben
stehen zahllose Paläste von der unbegreiflich wunderbarst und großartig
schönsten Art. In der Mitte zieht sich ein Strom durch, dessen Wogen schimmern,
als würden die allerschönsten geschliffenen Diamanten durcheinander gerollt,
und die Ufer sind von riesenhaft großen Bäumen bewachsen. Wir haben ähnliche
Bäume wohl auf der naturmäßigen Sonne gesehen, aber diese sind noch ums
Tausendfache herrlicher; denn sie scheinen ganz durchsichtig zu sein, und ihr Laub
glänzt nach allen Seiten hin als ein lebendiger Teil eines Regenbogens. Und wie
herrlich ist doch das Innere dieses Gebäudes! Ähnliches haben wir nur im
Mittelgürtel der Sonne in naturmäßiger Hinsicht geschaut, aber es war alles nur
plump und ungeschickt dagegen; denn hier ist ja doch alles mit einer solchen,
ja man könnte sagen, ins Unendliche gehenden Reinheit und Bestimmtheit
dargestellt, daß man sich schon bei einer Kleinigkeit voll der größten
Verwunderung viele Jahre lang aufhalten könnte. Die unendliche Farbenpracht,
die allenthalben herrlich und passend verteilt ist, ist schon an und für sich
so himmlisch anziehend, daß wir uns füglich nicht mehr entschließen können,
dieses Wohnhaus zu verlassen.
[GS.01_041,07]
Ja, ja, meine lieben Freunde, so ist es; – das Inwendige bekommt hier schon
seinen Wert. Der Wert ist zwar noch bemeßbar, aber dessen ungeachtet schon über
alle eure Begriffe groß; denn er ist eine Wirkung des Lichtes aus der Weisheit,
welche da entspringt aus dem Glaubenswahren an den Herrn, und aus diesem
Glaubenswahren dann auch in einem entsprechenden Grade aus dem
Liebtätigkeitsguten, welches ist ein unterer Grad der eigentlichen Liebe zum
Herrn.
[GS.01_041,08]
Ihr fraget: Bewohnt denn so ein Haus hier nur ein einziger seliger Menschengeist?
O nein, begeben wir uns nur von diesem ersten Gemache in das diesem gegenüber
befindliche, und ihr werdet in selbem mehrere glückliche Menschengeister
erblicken, und zwar beiderlei Geschlechtes. Sehet, dort im Hintergrunde
befinden sich etliche dreißig Wesen. Diese sind samt und sämtlich Bewohner
dieses Hauses, und derjenige, den wir an der Flur erschauten, ist ein Diener
aller, die darinnen wohnen. Er ist auf das eifrigste bemüht, alle mit allem
möglichen zu versorgen. Daher ist er auch der Größte unter ihnen und dereinst
der völlige Eigentümer dieser Besitzung.
[GS.01_041,09]
Merket ihr nicht, wie diese dreißig Einwohner überaus herrlich gekleidet sind,
etliche tragen sogar leuchtende Kronen auf ihren Stirnen, sind überselig und
preisen in ihrem Wonnegefühle den Herrn!
[GS.01_041,10]
Aber nun seht unsern Mann an, der noch an der Türe steht, wie einfach er ist.
Ein weißes Kleid, mit einem einfachen Gürtel um die Lenden zusammengehalten,
ist alles, was er von dieser himmlischen Pracht an sich genommen hat. Er könnte
sich zwar überaus prachtvoll ausschmücken, allein solches vergnügt ihn nicht.
Seine Seligkeit besteht nur darin, daß er seine Brüder und Schwestern so selig
macht, als es nur immer in seinen Kräften steht. Was er gewinnt durch die Liebe
und Gnade des Herrn, das trägt er sogleich seinen Freunden zu, und so es ihnen
große Freude macht, so wird er selbst zu Tränen gerührt. Und wenn er alles
hergegeben hat, da ist er am seligsten!
[GS.01_041,11]
Aber ihr fraget: Warum ist er denn nicht bei der Gesellschaft? – Das könnt ihr
leicht aus seiner Physiognomie entnehmen. Er sinnt voll großer Gedanken nach,
was er seiner Gesellschaft wieder tun könnte, um ihr eine neue Seligkeit zu
bereiten. Sehet, er hat schon etwas gefunden. Ich habe euch ja im voraus gesagt,
er sieht uns zwar nicht, aber er ahnt uns. Darum geht er immer und immer tiefer
in sich, um unser ansichtig zu werden, und sucht schon im voraus von uns für
seine Gesellschaft etwas zu gewinnen. Auch spekuliert er in dieser Gegend
umher, ob nicht irgendein jüngster Ankömmling sich irgendwo bewege, der noch
kein Dach und Fach hätte, damit er ihm ja sobald entgegenkommen und ihn
aufnehmen möchte in seine Wohnung.
[GS.01_041,12]
Solange wir im Inwendigen des Hauses verweilen, wird er uns nicht erblicken,
wenn wir aber wieder heraustreten, so wird er uns erschauen. Sodann werdet ihr
auch seine namenlose Freude sehen und in ihm einen überaus liebreichen und
gastfreundlichen Mann erkennen. – Und so denn treten wir hinaus!
[GS.01_041,13]
Nun seht, er sieht uns und fällt sogleich auf sein Angesicht vor uns nieder und
spricht: O ihr mir noch unbekannten höheren Freunde des Herrn, ich habe euch
geahnt, vermochte euch aber nicht zu schauen. Da mir aber nun die Gnade ward,
euch zu sehen, so bitte ich euch um der unendlichen Liebe des allmächtigen
Herrn willen, wollet mich doch nicht so schnell verlassen, sondern begebet euch
noch einmal mit mir in diese meine Wohnung, damit ich mit euch meine kleine
Gesellschaft um gar vieles glücklicher mache; denn ihr werdet sicher vom Herrn,
dem liebevollsten Vater, etwas Näheres wissen. Tuet es uns kund; denn ein Wort
von Ihm zu hören, ist uns bei weitem mehr als alle Herrlichkeiten, die wir hier
in namenloser Fülle besitzen.
[GS.01_041,14]
Nun spreche ich mit ihm: Gemaniel! Erhebe dich, und wir wollen dir folgen in
dein Haus! – Sehet, er erhebt sich, öffnet seine Arme gegen uns und zeigt uns,
Freundschaft und Liebe lächelnd, demütigst, daß wir vor ihm einhergehen sollen.
Also gehet denn mit mir; denn nun soll auch die ganze Gesellschaft unser
ansichtig werden.
[GS.01_041,15]
Sehet, wie die ganze Gesellschaft sich liebefreundlich erhebt und uns
entgegeneilt! Nun aber höret auf den Gemaniel, wie er uns bei der Gesellschaft
einführen wird. Er spricht: Sehet, sehet, meine allerinnigst geliebten Brüder
und Schwestern, ich habe es euch ja gesagt: Der allgütigste Herr und Vater wird
uns sicher gar bald das große Glück zuteil werden lassen, einen oder den andern
Seiner hohen Freunde zu uns zu senden, damit wir von ihm ein Wort vom Vater vernehmen
möchten! Und sehet, der allgütige Vater ist unserem innersten Wunsche
zuvorgekommen; ehe wir es uns noch recht versahen, betraten schon solch hohe
Freunde unsere Wohnung.
[GS.01_041,16]
Anfangs konnten unsere ungeweihten Augen sie ihrer großen Herrlichkeit wegen
freilich nicht erschauen, aber die große Gnade des Herrn hat unsere Augen
geweiht, und wir erschauen sie nun zu unserer größten Seligkeit in unserer
Mitte. Wir wissen zwar nicht, wer sie sind und wie sie heißen; aber wir
erkennen, daß sie gar große innere Freunde des Herrn sind, und solches ist
schon unsere größte Seligkeit!
[GS.01_041,17]
Sehet, nun wendet er sich zu uns und bittet uns demütigst um ein Wort des
Vaters, indem er spricht: O ihr hohen Freunde des Herrn! Ich weiß wohl, daß ein
Wort des Vaters zu heilig ist, selbst von eurem Munde ausgesprochen, daß wir es
würdig vernehmen möchten; aber unsere Liebe zu Ihm, dem unendlich guten Vater,
läßt uns nicht ruhen, darum erbitten wir solches allerdemütigst von euch!
[GS.01_041,18]
Nun will ich ihnen denn auch ein Wort vom Vater geben. Und so höret: Höret,
mein lieber Gemaniel und ihr, seine Genossen, Freunde und Brüder! Also spricht
der Herr: „Lasset die Kleinen zu Mir kommen; denn ihrer ist das Himmelreich!“
Nun sehet, wie alle verklärt niedersinken, und der Gemaniel spricht
liebeseufzend: Ja, ja, das ist wahrhaftig das Wort und die Stimme des Vaters;
wer nicht klein ist und nicht gleich den Kindlein, der wird nicht in das
Himmelreich eingehen! O meine lieben Brüder und Freunde, lasset uns dieses
allerheiligste Wort zur höchsten Zierde und zum allergrößten Reichtum unseres
Hauses werden.
[GS.01_041,19]
Klein wollen wir daher sein allzeit und ewig, damit wir dadurch vielleicht auch
einmal der großen Gnade gewürdigt werden möchten, so der Herr durch unsere
Gegend zöge, wir an die Straße eileten, und wenn uns Seine großen Freunde
wehren möchten, uns Ihm zu nahen, – daß Er dann auch allergnädigst sage:
„Lasset diese Kleinen zu Mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist
das Himmelreich!“
[GS.01_041,20]
Nun habt ihr gesehen, wie es hier zugeht. Ihr fraget mich heimlich: Diese sind
doch offenbar schon im Himmel; wie mögen sie denn also sprechen, als hätte noch
keines von ihnen den Herrn gesehen? Ich aber sage euch: Diese sehen zwar
fortwährend den Herrn also, wie ihr auf der Erde die Sonne sehet; das heißt
soviel als: das Licht Gottes ist über ihren Häuptern und bezeichnet somit die
Sphäre der Weisheit.
[GS.01_041,21]
Da aber das Menschliche des Herrn die allerreinste Liebe darstellt, welche Liebe
noch ganz anders beschaffen sein muß, als sie sich hier artet, so vermögen sie
auch eben das Menschliche des Herrn nicht zu erschauen und sind daher einer
stets größeren Vervollkommnung fähig. Es geschieht auch, freilich wohl nur zu
seltenen Malen, daß der Herr entweder unmittelbar oder durch einen obersten
Engelsgeist diese Gegend besucht, da kommt es dann auch allezeit vor, daß die
Kleinsten dieser Gegend angenommen werden und werden geführt in den Morgen. –
[GS.01_041,22]
Nun aber wollen wir auch dieses Haus segnend verlassen und uns in dieser Gegend
fürbaß bewegen, und zwar über die höheren Alpen dort, die ihr in der Ferne
erblicket. Dort werden wir wieder einen anderen Teil des Mittags kennenlernen.
– Und somit gut für heute!
42. Kapitel –
Unterschiedlich schnelle Reisen im Jenseits.
[GS.01_042,01]
Ihr fraget mich zwar und saget: Aber, lieber Freund! Werden wir uns nicht zuvor
bei den lieben Einwohnern dieses Hauses beurlauben und ihnen unser Wohlgefallen
zu erkennen geben, darum sie uns gar so liebevoll aufgenommen haben? Meine
lieben Freunde, es tut mir recht leid, daß ihr mich dessen nicht früher
erinnert habt, denn nun befinden wir uns schon auf der Höhe einer dieser euch
früher sichtbaren Alpen, und unser Häuschen ist weit zurück! Das nimmt euch
wohl ein wenig wunder und ihr saget: Aber, lieber Freund, wie geht denn das zu,
daß wir hier gar so gedankenschnell wandern, während wir in der nördlichen und
abendlichen Gegend sichtbar nur von Schritt zu Schritt mit seltener Ausnahme
gewandert sind? Wir wissen zwar schon aus früheren Erfahrungen, daß man im
Geiste so schnell wandeln kann, wie schnell da ist der Gedanke. Solches ist
also nicht das Befremdende. Aber daß wir gerade in derjenigen Gegend, die in
sich selbst sehr mager war an allen Erscheinungen, die man zu den schönen und
herrlichen zählen kann, von Schritt zu Schritt gewandelt sind, dagegen in
dieser himmlischen Gegend, all das Herrliche nahe unbeachtend, so schnell
vorwärtsblitzen, das ist's, was uns befremdet!
[GS.01_042,02]
Meine lieben Freunde, ihr urteilt nach eurer Weise wohl ganz richtig, aber
nicht nach der geistigen. Wenn wir in diesem großen Reiche der Geister uns in
jenen Gegenden bewegen, welche vermöge ihrer Zuständlichkeit mehr und mehr dem
Naturmäßigen entsprechen, so ist eben in diesen Gegenden alles gehemmt und
unser langsamer Gang in solchen Gegenden bezeichnete daher auch ganz gründlich
und anschaulich die mühsamen Fortschritte des Geistes. Je tiefer wir uns in
solche Gegenden verloren hatten, desto mühsamer auch und viel langsamer ward
unser Gang. Hier aber, wo der Geist schon seine völlige Freiheit genießt, ist
er solcher Fesseln ledig; daher ist sein Vorwärtsschreiten um vieles
ungehinderter und daher auch schneller.
[GS.01_042,03]
Ihr saget zwar: Lieber Freund! Solches ist alles richtig, gut und wahr; aber
wir erinnern uns, daß wir pro primo in der nördlichen Gegend doch einmal einen
schnellen Gebirgsausflug gemacht haben, und dann waren wir aus der Hölle
ebenfalls überaus schnell im Kinderreiche zurück, und vom Kinderreiche hierher
dauerte unsere Reise auch nur einen Augenblick. Wie ist demnach solches zu
verstehen? – Meine lieben Freunde! Das sollte mich im Ernste wundernehmen, daß
ihr solches noch nicht verstehet, nachdem ihr ganz Ähnliches doch schon oft mit
der Bildung eures Geistes auf der Erde erfahren habet. Ich will euch nur durch
ein Beispiel darauf aufmerksam machen, und ihr werdet diese drei Erscheinungen
von euren beanstandeten Schnellreisen sogleich gründlich einsehen und völlig
begreifen.
[GS.01_042,04]
So ihr z.B. im Fache der Mathematik oder einer anderen Wissenschaft
unterrichtet waret und hattet bei solch einem Unterrichte irgendeinen schwer zu
fassenden Hauptsatz euch analytisch erweislich zu eigen zu machen, an dessen
völliger Auffassung beinahe das Ganze einer Wissenschaft gelegen war, da hat es
euch gewiß recht viel Mühe gekostet, bis ihr einen solchen Satz völlig
begriffen habt; ja ihr mußtet da von Punkt zu Punkt langsamen Schrittes
vorwärts schreiten. Was geschah aber, wenn ihr solch einen Hauptsatz völlig
begriffen hattet? Hat da nicht euer Geist eben dadurch einen schnellen Aufflug
getan und dann mit großer Schnelligkeit sich auf einen Standpunkt gesetzt, von
welchem aus er das früher mühsam Durchforschte und Durchwanderte auf einen
Blick übersah? Aber nicht nur das allein, sondern er erspähte auch in diesem
begriffenen Satze noch andere, ihm vorher ganz fremd gewesene Folgerungen und
ward somit zufolge solch eines schnellen Auffluges ein Selbstseher, ein
Forscher, ein Erfinder und sogar ein Schöpfer künftiger Wahrheiten! – Begreifet
ihr nun solch einen schnellen Aufflug?
[GS.01_042,05]
Sehet, also ist es durchaus im Geiste; denn was ihr auf der Erde eine geistige
Arbeit nanntet oder eine Arbeit der Gedanken, das ist hier im Reiche des
Geistes formell wirklich. Wir gingen dann wieder langsamen Schrittes gegen den
Abend hin, lernten bei diesem Gange allerlei Verhältnisse kennen, gelangten auf
diesem Lehrwege sogar in die unterste, für euren Geist ersteigbar mögliche
Tiefe. Alles mußte vor euch zergliedert werden bis zur untersten Löse; – was
hat euer Geist dadurch getan? Er hat einen zweiten wichtigen Satz erlernt.
Durch die Erlernung dieses wichtigen Satzes war dann wieder ein zweiter
schneller Aufflug möglich.
[GS.01_042,06]
Wir kamen an das Kinderreich, und zwar an dessen äußerste Grenze. Da mußten wir
noch einen dritten wichtigen Zwischensatz einstudieren, welcher aber eine gar
wichtige Verbindung hatte mit all dem Vorhergehenden und als ein tüchtiges
Prognostikon für das Folgende des Mittags diente. Da ihr solchen wichtigen
Zwischensatz bald und leicht begriffen habt, so war auch der darauf folgende
schnelle Aufflug des Geistes in diese Lichtgegend ebenfalls so gegründet wie
all die anderen.
[GS.01_042,07]
Wir sind nun in der Gegend des höheren Lichtes. Wie kann es euch wundern, wenn
allda unsere Fortschritte für den viel fertiger und geübter gewordenen Geist
schneller sind denn in den vorhergehenden zwei Gegenden? Ich sage euch aber:
Hier machen wir nur noch kurze, obschon schnelle Schritte; doch in der Gegend
nicht weitere, als wie weit das Auge unseres Geistes reicht.
[GS.01_042,08]
Wenn wir uns aber von dieser Gegend dem Morgen nähern werden, da werden wir
noch ums Unendlichfache größere und schnellere Bewegungen machen. Und sehet,
solches ist wieder geistig ganz natürlich. Solches ist ja ebenfalls schon bei
den geweckteren Geistern auf einem Weltkörper deutlich zu erschauen, allda ein
geübter Denker einen Gegenstand, den man ihm zur Beurteilung vorlegen wird, gar
schnell erfassen und in all seinen Teilen tüchtig und gründlich zergliedern
wird; nur muß er noch immer einen Gegenstand vor sich haben, denn ohne einen
solchen Gegenstand hört die Tätigkeit seines Geistes auf.
[GS.01_042,09]
So können auch wir die erschauten Räumlichkeiten hier schnell durchwandern.
Wenn aber der Geist in einen noch viel freieren und ungebundeneren Zustand
gerät, befaßt er sich nicht mehr mit der Zergliederung des gegebenen
Gegenständlichen, sondern da er zuvor aus dem Gegenständlichen allenthalben die
Potenzen des Unendlichen gefunden hat, so wird auch sein Blick ein endlos
tiefer und seine Schnelligkeit oder sein Fortschritt endlos fertiger. –
Begreifet ihr solches alles wohl? Ihr bejaht es, und ich sage: Es ist gut, und
wir können darum unsere Blicke von dieser schönen Höhe sogleich wieder vorwärts
in die vor uns liegende noch bei weitem schönere Gegend wenden.
[GS.01_042,10]
Ihr wundert euch wohl, daß wir von diesem schönen, hohen Gebirge, das wir
ehedem von unserem schon bekannten Wohnhäuschen in weiter Ferne erschauten, nun
nach vorwärts ganz eben hinsehen und schauen von keinem Gebirge in ein Land
hinab, sondern nur über die schönsten, weit gedehnten, allerfruchtbarsten
Fluren von unserem Standpunkte ganz eben hinweg. Noch mehr verwundert ihr euch
aber über den von euch schon früher erschauten Strom, wie dieser da in einer
überaus schönen Breite frei und offen über das Gebirge herauffließt.
[GS.01_042,11]
Ihr saget: Aber, lieber Freund, das geht ja offenbar unnatürlich zu! Ihr habet
recht, solange ihr solch eine Erscheinung mit weltlichem Auge betrachtet; aber
mit geistigem Auge betrachtet verhält sich die Sache ganz anders und ist dabei
dennoch gerade so natürlich, als wie natürlich es auf einem Weltkörper ist, daß
sich das Gewässer von der Höhe in die Tiefe hinabstürzt.
[GS.01_042,12]
Ihr fraget: Wie so denn? Solches mögen wir nicht recht begreifen. Das denke ich
wohl auch; aber dennoch solltet ihr schon so weit sein, daß ihr auch diese
Erscheinung von euch aus begreifet. Saget mir: Warum fließt denn auf den
Weltkörpern das Wasser in die Tiefe? Ihr saget: Vermöge der ihm innewohnenden
Schwere. Was bedingt denn die Schwere des Wassers? Ihr saget: Die anziehende
Kraft des Haupt- und Mittelschwerpunktes der Erde oder eines anderen
Weltkörpers. Gut geantwortet! Wenn der allgemeine Mittelschwerpunkt der Erde
die Schwere und somit auch das Hinabfließen des Wassers in die Tiefe bewirkt,
was erkennet ihr demnach in dieser geistigen Gegend für einen solchen
allgemeinen, alles an sich ziehenden Gravitationspunkt? Ist es nicht der Herr,
der da wohnt in der Höhe aller Höhen!? – Sehet, aus diesem Grunde ist hier auch
das Fließen des Wassers über die Höhen hinauf ja ebenso geistig natürlich, als
wie natürlich auf den Erdkörpern das Hinabfließen des Wassers ist. Solches
begreift ihr nun auch; so werdet ihr hoffentlich auch begreifen können, was
dieses Gebirge besagt und das von selbem nun eben ausgehende Land.
[GS.01_042,13]
Ihr saget zwar: Wir haben wohl so eine leise Ahnung; aber ganz bestimmt könnten
wir uns darüber noch nicht aussprechen. Ich aber sage euch, daß solches eben
von euch aus sehr wunderbarlich klingt; warum habt denn ihr bei einem mehrere
Stock hohen Hause Stufen angebracht, und wozu sollen diese dienen? Ihr lächelt
und saget: Das ist ja ganz natürlich; wie könnte man sonst von einem untern
Stockwerk in ein höheres gelangen? Man müßte sich nur mühsam durch einen Strick
aufwärtsziehen lassen. – Nun gut; wenn ihr schon eure Häuser auf der Welt so
natürlich bequem einrichtet, meint ihr wohl, der große Baumeister müßte euch etwa
in eurer guten Einsicht nachstehen?
[GS.01_042,14]
Habt ihr nie gehört, wie es einst dem alten Jakob geträumt hat von einer
Leiter, auf welcher Engelsgeister auf- und abstiegen und zuoberst derselben
Sich der Herr befand? Sehet, da haben wir schon eine Sprosse oder eine Staffel
von eben dieser Himmelsleiter. Da aber eine jede solche Stufe dieser
Himmelsleiter um sehr Bedeutendes mehr sagen will als eine Stufe eurer
Häusertreppen, so sehen wir auch auf dieser ersten Stufe des Wunderbaren und
Herrlichen eine endlose Anzahl, werden aber dasselbe erst bei der nächsten
Gelegenheit näher beschauen; und somit gut für heute!
43. Kapitel –
Sonderbare Gegend und Wohnung seliger Geister.
[GS.01_043,01]
Wenn ihr euch auf diesem herrlichen Platze ein wenig umsehet, was bemerket ihr
da wohl und was fällt euch am meisten auf? Ihr saget: Lieber Freund, es wäre
freilich wohl gut reden, wenn man nur Worte hätte, um all diese Gegenstände,
die sich hier unseren Augen zahllosfältig vorstellen, zu bezeichnen. Allein,
wenn man die Worte dazu nicht hat, so bleibt einem nichts anderes übrig, als
höchstens mit dem Finger hinzudeuten auf dasjenige, was einem am meisten
auffällt.
[GS.01_043,02]
Denn was sich da dem Auge darstellt, kann weder ein Gebäude, noch ein Baum,
noch ein Berg sein; es ist ein gewisserart zusammengeflossenes Ganzes, aber aus
den verschiedenartigsten, in sich eben auch vollkommenen Bestandteilen aller
Art. – Ja, ja, ihr könnet einesteils wohl recht haben; wenn ihr aber die Sache
ein wenig schärfer anblicket, so dürfte sich die Sache der Gegenstände wohl
auch deutlicher darstellen. –
[GS.01_043,03]
Wir wollen einen kleinen Versuch machen. Was seht ihr da gerade vor uns auf der
rechten Seite des Stromes? Ihr saget: Wir sehen einen sanft kegelförmigen
Hügel, welcher zuunterst mit einer Art Ringmauer umfangen ist. Diese Ringmauer
sieht mehr einem lebendigen Gartenspalier als einer eigentlichen Mauer ähnlich;
das Blätterwerk aber scheint dennoch wieder aus einer Art Mauer zu wachsen.
[GS.01_043,04]
Die Mauer an und für sich aber ist stellenweise gefärbt durchsichtig, fast nach
der Ordnung eines Regenbogens; ihre Höhe dürfte kaum eine Klafter betragen.
Über der Mauer sind Bögen angebracht wie von Glas. Über den Bogen läuft eine
Art Rinne wie aus Gold, und in dieser Rinne bewegen sich fortwährend allerlei
gefärbte, strahlende Kugeln, jede im Durchmesser von etwa zwei Spannen und eine
jede von der andern eine halbe Klafter abstehend. Die letzte Spitze dieses
sanft kegelförmigen Hügels ist mit einer Art Tempel geziert. Die Säulen sehen
aus wie schlanke Pappelbäume bei uns auf der Erde; das Dach aber sieht dennoch
aus, als wäre es von poliertem Golde und scheint über denselben mehr frei zu
schweben als mit selben in irgendeiner Verbindung zu sein. Am Dache zuoberst
aber befindet sich wieder eine durchsichtige strahlende Kugel.
[GS.01_043,05]
Siehe, lieber Freund, das ist nun dasjenige, was wir zunächst hier erblicken,
und zwar am rechten Ufer des herrlichen Stromes. Dieses alles aber scheint ein
Ganzes auszumachen. Unser Auge hat so etwas nie gesehen wie auch nicht
leichtlich je eines Menschen Sinn sich solches vorgestellt. Daher wissen wir
auch nicht, was es ist, wozu es ist und was für einen Namen es hat. Es gewährt
dem Auge zwar ein außerordentlich merkwürdiges, prachtvolles Schauspiel. Das
ist aber auch alles, was wir davon bis jetzt Reelles entnehmen können.
[GS.01_043,06]
Nun, meine lieben Freunde, ihr habt die Sache gut angesehen, und somit kann ich
euch schon sagen, daß solches hier eben auch eine Wohnung der seligeren Geister
ist. Ihr saget zwar: Solches mag wohl sein, aber wir können bis jetzt noch
nichts von der Bewohnerschaft eines solch sonderbaren Wohnhauses entnehmen. Ich
aber sage euch: Begeben wir uns nur näher an diese sonderbare Wohnung und ihr
werdet derselben sogleich gewahr werden. Nun sehet, wir sind schon knapp an der
Mauer, und hier ist auch eine Eingangstüre. Begeben wir uns durch diese Türe,
und wir werden sogleich zu den Bewohnern dieses Gebäudes kommen.
[GS.01_043,07]
Wir sind nun innerhalb des Gebäudes; sehet umher und saget mir, wie es euch nun
vorkommt. Ihr machet große Augen und saget: Ja, aber was ist denn das schon
wieder für eine Fopperei? Wir sind kaum durch die früher geschaute sonderbare
Ringmauer gekommen, und siehe, die Ringmauer ist nicht mehr, der Hügel nicht
mehr, also auch das sonderbare Tempelgebäude nicht mehr, und das ganze Land, so
weit nur unsere Augen reichen, sieht nun ganz anders aus als zuvor. Ehedem
erblickten wir über die Ebenen eine Menge solch sonderbarer Wohngebäude auf
ähnlichen größeren oder kleineren Hügeln; jetzt sehen wir dafür eine große
Menge der großartigsten Paläste von wunderbar schönster Bauart, und am Ufer des
Stromes, der allein uns noch geblieben ist, sogar bedeutend große Städte. –
Lieber Freund, was soll's denn da mit solch einer Metamorphose? – Hätten wir
denn nicht ebensogut die frühere, von außen her erschaute sonderbare Wohnung
auch von innen aus als solche erschauen können?
[GS.01_043,08]
Ja, meine lieben Freunde, nach irdischem Maßstabe wäre solches freilich wohl
naturmäßig richtig zu nehmen; aber nach dem geistigen Maßstabe geht solches
durchaus nicht an. Ihr saget zwar: Hat denn der Geist seine Augen nicht, die
Dinge zu schauen, wie sie sind? Warum muß er denn ein Ding nur von einer Seite
erschauen, wie es ist, und will er dasselbe Ding auch von der andern Seite
beschauen, so ist es für ihn verschwunden und so gut wie nicht mehr da?
[GS.01_043,09]
Ja, meine Lieben, wenn ihr auf der Erde mit den fleischlichen Augen einen
Gegenstand betrachtet, so wird derselbe Gegenstand wohl stetig bleiben und sich
nicht verändern, und ihr werdet ihn als solchen seiner äußeren Verfassung nach
immer erkennen. Ich setze aber den Fall, es genügte einem oder dem andern die
nur stets gleiche äußere Formbeschauung nicht, sondern er möchte die Wesenheit
des ganzen Gegenstandes kennenlernen, und zwar zuerst auf dem mechanischen
Teilungswege. Hat er den Gegenstand in hinreichend viele Teile geteilt und
dieselben einzeln besichtigt, so wird er fürs zweite noch zu der Chemie seine
Zuflucht nehmen und den geteilten Gegenstand in allerlei Ursubstanzen auflösen
und bekommt hernach anstatt des früheren formellen Gegenstandes lauter
Grundstoffe, aus denen der frühere Gegenstand in seiner Form bestanden hat.
[GS.01_043,10]
Könnte ich euch nun nicht auch fragen: Warum läßt sich denn bei solch einer
chemischen Untersuchung die frühere Form des untersuchten Gegenstandes nicht
mehr erschauen? Ihr saget: Lieber Freund, das ist ja ganz natürlich, denn durch
die Teilauflösung des Gegenstandes mußte doch notwendig die frühere grobe
Außenform verlorengehen. Gut, sage ich, was aber war die Veranlassung oder die
Ursache, daß die früheren, eine ganz bestimmte Form bildenden Teile also mußten
aufgelöst werden? Ihr zucket mit den Achseln und seid um eine gültige Antwort
verlegen. Nun gut, so will ich euch eine Antwort darauf geben. Die Ursache war
der Geist, der da tiefer eindringen wollte in das Inwendigere der Materie. Er
hat die Wege betreten, ist in das Inwendige der Materie gedrungen; dadurch aber
ist doch offenbar die erst angeschaute Form wie gänzlich aus dem Dasein
verschwunden.
[GS.01_043,11]
Nun sehet, was auf der Erde noch immer mehr mechanisch vorgenommen wird zum
sättigenden Bedürfnisse des Geistes, das stellt sich hier im Geiste in der
schönsten, harmonischen Wirklichkeit dar. Denn wenn ihr hier in irgendein Ding,
das ihr ehedem von außen geschaut habt, eingehet, so will das soviel sagen als:
ihr gehet in die innere Bedeutung und sonach auch in die gänzliche Zerlegung
und Auflösung desselben ein, oder ihr gehet dem geschauten Dinge auf seinen
Grund. Darum mag man denn auch hier von innen aus nicht mehr die von außen her
geschaute Form entdecken, sondern die der äußeren Form geistig noch tiefer
entsprechende innere Bedeutung.
[GS.01_043,12]
Damit ihr aber solches noch deutlicher erschauet, will ich euch die früher von
außen her erschaute Form mit dem nun inwendig Geschauten entsprechend erklären.
Der „Strom“ bedeutet hier durchgehends und somit allzeit sichtbar das geistige
Leben für sich genommen, wie dieses ist bestehend aus der Liebe und Weisheit
oder, was identisch ist, aus dem Glaubenswahren und Liebeguten. Der zuerst erschaute
„Hügel“ am rechten Ufer dieses Stromes bezeichnet an und für sich das
Emporstreben der Weisheit; die sanfte Erhöhung bezeichnet, daß die Weisheit der
Liebe entstammt. Die den Hügel einschließende „Ringmauer“ bezeichnet, daß sich
die Weisheit noch immer innerhalb einer gewissen Form bewegt. Weil aber die
Ringmauer vollkommen rund um den Hügel geht, so bezeichnet solches, daß die
Weisheitsform durch die Liebe gesänftet ist. So besagen auch die aus der Mauer
hervorwachsenden Blätter, daß der Weisheitskreis mit Leben durchweht ist,
welches ebenfalls die Liebe ist. Daß diese Mauer hier und da farbig
durchsichtig ist, solches bezeichnet die Einung der Liebe mit der Weisheit. Die
„Bogen“ über dieser Ringmauer bezeichnen die Ordnung der Weisheit, wenn sie mit
der Liebe vereinigt ist. Die fortlaufende Rinne über den Bogen bedeutet ein
offenes Aufnahmegefäß, welches ist ein Weg des Lichtes. Die in dieser Rinne
fortrollenden strahlenden Kugeln bezeichnen das wirkliche Leben, welches aus
der Weisheit hervorgeht, wenn diese mit der Liebe vereinigt ist.
[GS.01_043,13]
„Der Tempel“ auf dem Hügel, dessen Säulen gleich sind lebendigen Pappelbäumen,
über welchen ein goldenes Dach, zuoberst mit einer Strahlenkugel versehen, sich
schwebend befindet, bezeugt, daß solche Weisheit mit der Liebe zum Herrn belebt
ist; daher die lebendigen Säulen. Das schwebende „Dach aus Gold“ bezeichnet den
Reichtum der göttlichen Gnade aus solcher Liebe heraus; die „Strahlenkugel“
über dem Dache bezeichnet die lebendige hohe Weisheit in den göttlichen Dingen.
– Sehet, das ist einmal unser Bild.
[GS.01_043,14]
Wenn wir nun in dasselbe hineingehen, so hat es mit ihm auch ein Ende; aber an
dessen Stelle erschaut ihr dann die dargestellte erhabene Wirklichkeit, welche
in solcher Sphäre hervorgeht aus der mit Liebe zum Herrn verbundenen Weisheit.
Alle diese Paläste, Gebäude und Städte entsprechen dann ihrer Zweckdienlichkeit
nach – dem Liebeguten und die herrliche Form allerorts der strahlenden
Weisheit.
[GS.01_043,15]
Also hätten wir uns dieses Wichtige wieder zu eigen gemacht und können uns
daher auch in dieser Gegend fürbaß bewegen und die Herrlichkeiten mustern,
jedoch werden wir uns nirgends in ein solches Gebäude hineinbegeben. Im
Inwendigen eines solchen Gebäudes würdet ihr wieder ganz andere Dinge
erschauen, und es würde da dann wieder vieles zu erörtern und zu besprechen
geben, und wir würden schließlich zu keinem Ende gelangen. Werdet ihr aber
einmal selbst reiner geistig und im ganz geistigen Zustande sein, so werdet ihr
die endlosen Verschiedenheiten und Wundermannigfaltigkeiten ohnehin ewig zu
beschauen und zu betrachten bekommen. Unsere Sache aber ist nur, hier
durchzuschauen, wie alles Geistige sich artet. Und so denn könnet ihr nun euren
Augen den freien Lauf geben und nach allen Seiten die großen
Wunderherrlichkeiten zur Genüge betrachten, und wir wollen fürs nächste Mal
dann all das Geschaute resümieren und uns sodann wieder weiterbegeben. – Und
somit gut für heute!
44. Kapitel –
Schönheit und Pracht des Mittags. Belehrung über das Wesen der Liebe und der
Weisheit.
[GS.01_044,01]
Nun denn, ihr habt umhergeblickt nach allen Seiten und Herrlichkeiten aller
Art, ohne Zahl und ohne Maß geschaut; saget mir nun aus dem vielen, das ihr
geschaut habt, was euch wohl am meisten angesprochen hat. Ihr saget: Lieber
Freund, auch dir ist es vergönnt, in unser Inneres zu blicken, daher habe du
vor uns die Güte und resümiere das Bessere und das Herrlichere, was wir
geschaut haben. Nun wohl denn. Ich will es ja tun, denn ich lese es aus euren
Augen und aus euren Gesichtszügen, was euch von all dem Geschauten am meisten
gefiel.
[GS.01_044,02]
Die endlos großen, überaus prachtvollen, glänzenden Paläste waren es nicht, die
euch zumeist gefallen haben, auch die Städte, die an dem Strome erbaut sind,
weckten nicht eure fernere Schaulust; aber dort, mehr im Hintergrunde, jenseits
des Stromes gegen den Morgen hin ersahet ihr niedliche Hügel, auf denen kleine
und mehr armselig erbaute Häuschen sich befanden. Dahin hattet ihr zumeist eure
Blicke gewendet.
[GS.01_044,03]
Ich sage euch, wenn man hier weltlich ästhetisch urteilen würde, da möchte man
sagen: meine lieben Freunde, ihr habt einen verdorbenen Geschmack. Wenn wir
aber geistig urteilen da muß ich zu euch sagen: meine lieben Freunde, ihr habt
eine feine Nase und wittert daher gar wohl, daß hinter diesem klein scheinenden
Niederlassungsplätzchen noch etwas viel Erhabeneres steckt, als es sich hier
dem Auge zu erkennen gibt.
[GS.01_044,04]
Darum saget ihr auch geheim in eurem Gemüte: Lieber Freund und Bruder, wenn wir
zu wählen hätten, so möchten wir wohl hundert der herrlichsten hier geschauten
Paläste gegen ein solches Häuschen vertauschen.
[GS.01_044,05]
Ihr habt sicher nicht Unrecht; dessen ungeachtet aber verdient doch auch solch
ein großartiger Palast in dieser Gegend hier seine Beachtung. Sehet nur einmal
einen recht an, wie er da erbaut ist aus glänzend weißem Gesteine und hat
vollkommen sieben Stockwerke, wovon ein jedes Stockwerk eine Höhe von dreißig
Ellen hat. Ein jeder Palast hat vier vollkommene Fronten, und eine jede Front
der Reihe nach besteht aus siebzig großen Fenstern, von denen jedes von dem
andern sieben Ellen absteht. Aus jeglichem Fenster dringt ein Licht wie das der
Sonne, und eine jede Front ist rings herum vor den leuchtenden Fenstern, und
zwar an allen Stockwerken, mit einem Säulengange verziert, welcher also
leuchtet, als wäre er vom reinsten, polierten, durchsichtigen Golde. Das Dach
eines solchen Palastes sieht aus, als wäre es eingedeckt mit großen
Diamanttafeln. Um diesen großen Palast ist dazu noch ein verhältnismäßig großer
Prachtgarten angelegt, in welchem ihr Tausende und Tausende der wunderbarst
herrlichen Blumen erschauet, und wieder Tausende und Tausende von aller Art der
herrlichsten Fruchtbäume. Zwischen den Blumen und Fruchtbäumen erblicket ihr in
allen Farben glänzende Pyramiden. Die Spitzen der Pyramiden sehet ihr mit
großen, stark leuchtenden Kugeln geziert. In der Höhe dieser Kugeln erblicket
ihr etwas wie eine Krone, aus deren Spitzen Quellen springen, und zwar, wie ihr
sehet, so hoch in die glanzvollen Lüfte empor als da euer Auge reicht. Die
kleinen Tropfen vergrößern sich in dieser Glanzluft und sinken dann in allen
Farben und in der schönsten Ordnung wieder majestätisch langsam in den Garten
herab und verflüchtigen sich in demselben, in die mannigfaltigsten himmlischen
Wohlgerüche sich auflösend.
[GS.01_044,06]
Wenn ihr ferner eure Augen noch mehr anstrenget, so erblicket ihr auch in einem
solchen Garten eine große Menge überschöner, herrlicher und seliger Menschen
beiderlei Geschlechtes wandeln. Sehet, da nahe am Eingange in den herrlichen
Garten steht ein Mann. Er ist angetan mit weißem Byssus und trägt auf dem
Haupte eine glänzende Krone; sein Gesicht ist weiß wie der Schnee, seine Haare
sind gefärbt, als beständen sie aus Gold. Sehet, wie herrlich sich dieses alles
ausnimmt!
[GS.01_044,07]
Gar sehr vorteilhaft ist der Abstich der Hautfarbe von der glänzend roten
Verbrämung seines Kleides, und der Gürtel um seine Lenden, spielt er nicht, als
bestände er aus vielen Sternen? Und nun sehet, da kommt eben ein weiblicher
Geist zum Eingange des Gartens her; wie gefällt euch dieser wohl?
[GS.01_044,08]
Ihr saget: Lieber Freund, beim Anblicke dieses Wesens vergehen einem ja alle
Sinne; wahrlich, so etwas Vollkommenes kann ein sterblicher Mensch nicht einmal
ohne plötzliche Lebensgefahr ansehen, geschweige erst, sich etwas Ähnliches
denken! Dieses weibliche Geistwesen ist wahrhaftig über alle menschlichen
Begriffe, man könnte sagen, beinahe mehr denn himmlisch schön! Welche endlos
erhaben süße Freundlichkeit im Gesichte, welche endlose Weichheit der Form und
herrlichste Färbung des Gesichtes! Das glänzend hellblonde, reichliche Haar,
auf dem übersinnlich schönen Haupte eine glänzende Krone wie aus den
herrlichsten Diamanten, das glänzende himmelblaue Kleid mit blaßroter
Verbrämung; ach, wie harmonisch herrlich ist dieses alles! – Wir sehen auch den
einen Arm, über welchem dieses herrliche Kleid mittels einer allerschönsten
Agraffe in Falten zusammengezogen ist. Welch eine Rundung und Harmonie in
diesem Arme! Er scheint so weich wie ein sanfter Hauch der schönsten
Frühlingsmorgenröte! Und, o lieber Freund, da erblicken wir ja auch,
entgegengesetzt dem Arme, den wir sehen, dieses Engelweibes Fuß bis über das
Knie. Wahrlich, solch ein Anblick ist zu viel, selbst für ein geistiges Auge;
denn die harmonische Weichheit und Vollkommenheit ist hier ja unaussprechlich.
Wahrlich, nur einem Gott kann es möglich sein, solch eine unaussprechliche
Harmonie darzustellen! Und, lieber Freund, wir ersehen noch eine große Menge
solcher himmlischer Herrlichkeiten im lichten Hintergrunde; wahrlich, in solch
einer Gesellschaft ein mitseliger Bruder zu sein, wäre der Seligkeit denn doch
etwas zu viel!
[GS.01_044,09]
Ja, meine lieben Freunde, solcher Herrlichkeiten gibt es hier in endlos großer
Menge; ich aber frage euch: Wie gefällt euch nun ein solcher Palast? Wie es mir
vorkommt, so scheint ihr euch etwas hinter den Ohren kratzen zu wollen und
wollt damit sagen: Lieber Freund, wenn es auf uns ankäme, so hätten wir bei
solcher Ansicht gegen den Palast im Vergleich mit jenen Hügelhäuschen dort über
dem Strome beinahe nichts mehr einzuwenden. Wir wären mit solch einer Seligkeit
unter dem sich von selbst verstehenden reingeistig sein sollenden Zustande in
alle Ewigkeit, wenn es nicht anders sein könnte, zufrieden, besonders wenn man
hier auch dann und wann der Gnade gewürdigt wäre, den Herrn zu Gesichte zu
bekommen. Wenn aber solches nicht der Fall sein dürfte, da freilich würden wir
wohl unser Wort ein wenig zurücknehmen.
[GS.01_044,10]
Ja, meine lieben Freunde, so wie es nun euch geht bei dem Anblicke dieser
Herrlichkeiten, also ist es schon gar vielen ergangen. Der Unterschied besteht
nur darin, daß ihr hier zollfrei durchkommet, wirklich hierhergekommene Geister
aber hier eine noch gar sehr starke Prüfung finden, in welcher sie sich, sich
selbst verleugnend, behaupten müssen, wenn sie allhier über den Strom in das
anderseitige Hügelland mit den niedlichen Häuschen gelangen wollen.
[GS.01_044,11]
Ihr fraget, was und woher wohl diese seligen Geister sind, die diesen Palast
bewohnen. Das sind Geister teils armer, teils auch reicher Familien der Erde,
welche teils vom euch schon bekannten Abende mit der Zeit hierhergelangt sind,
teils aber auch zufolge ihrer auf den Glauben an den Herrn streng gerichteten
und wohlbegründeten rechtlichen Lebensweise auf der Erde. Weiter gegen den
tieferen Mittag hinein würdet ihr auch auf selige heidnische Geister treffen,
welche auf der Welt ihrem Glauben getreu gelebt und in der Geisterwelt den
Glauben an den Herrn bereitwillig angenommen haben.
[GS.01_044,12]
In diesem vor uns stehenden Palaste aber wohnen schon ursprünglich
Christgläubige, und zwar aus der Sekte der Kalviner. Drei unter ihnen waren auf
der Welt reich; diese sind aber hier eben nicht die reichsten, sondern gehören
mehr zu der dienenden Klasse. Die ersten beiden aber, die ihr am Tore erblickt
habt und noch dort erschauet, waren gar armselig auf der Erde. Er war ein
Alpenhirte in der Schweiz, und sie war ebenfalls eine allerunansehnlichste
Kuhmagd. Mit der Zeit lernte dieser fromme Hirte die guten christlichen
Eigenschaften der Magd kennen und hat diese dann nach seiner Konfession zum
Weibe genommen. Dieses Paar lebte überaus züchtig miteinander bis zur letzten
Stunde. Sie hatten auch etliche Kinder. Diese erzogen sie streng nach ihrer
christlichen Konfession, und dieser Grund ward dann durch fünf Glieder treu
beobachtet. Und so seht ihr hier, was selten der Fall ist, eine selige
blutsverwandte Familie von Eltern, Kindern und Kindeskindern. Das vorige Paar
ist somit auch das Urgroßelternpaar der ganzen Familie. Die drei Geringeren in
dieser Gesellschaft sind zwar auch Verwandte dieser Familie; aber sie sind von
solcher Art, welche durch irdische Glücksumstände sich weltlich emporgehoben
haben und dadurch zu ansehnlichen und reichen Menschen geworden sind. Durch
solchen irdischen Reichtum und irdisches Ansehen haben sie auf der Welt auch
viele Vorteile und Lebensbequemlichkeiten genossen, welche den anderen arm
gebliebenen Familiengliedern fremd geblieben sind. Darum müssen sie hier eben
auch so manches entbehren, was nun die ärmeren Familienglieder im vollsten Maße
genießen können. Dessen ungeachtet sind sie hier dennoch auch für euch
unaussprechlich glücklich, weil sie ihr weltliches Ansehen und ihren Reichtum
zumeist zu guten Zwecken verwendet haben.
[GS.01_044,13]
Wir wollen aber, da wir schon einmal hier sind, den beiden ersten vor ihrem
Gartentor dennoch einen kleinen Besuch abstatten, und das zwar darum, damit ihr
ein wenig erkennet, welches Geistes Kinder sie sind. Und so denn begeben wir
uns auf eine kurze Zeit hin. Sehet, sie haben uns schon erblickt und eilen uns
entgegen; aber wie ihr sehet, so halten sie nun auch plötzlich inne. Was mag
wohl die Ursache sein? Sie wittern noch etwas Sinnliches in euch; daher wollen
sie lieber abwarten, daß wir zu ihnen kommen. Nun sehet, wir sind bei ihnen,
und der herrlich schöne Mann empfängt uns mit folgenden Worten: Seid mir
gegrüßt in der Reinheit des Wortes des Herrn! Darf ich, der unterste Knecht
dieser Wohnung, euch fragen, was für ein reiner und guter Sinn euch hierher
geführt hat?
[GS.01_044,14]
Da ihr hier nicht zu reden vermöget, so muß schon ich an eurer Statt das Wort
führen. – Lieber Freund! Deine Frage ist gerecht und billig, und der Ton deiner
Rede ist voll reiner Weisheit der Himmel, aber siehe, eines mangelt deinen
Worten, und dieses eine ist – die Liebe! Du bist zwar herrlich bestellt in
deiner Haushaltung, und deiner reinen Weisheit entstammt dein ganzes herrliches
Besitztum; aber siehe, ein Sandkörnchen im Reiche der Liebe des Herrn wiegt
schon unendlichfach alle diese Herrlichkeit auf! Siehe, diese da mit mir sind
Schüler der Liebe, und ich bin ihnen aus der allerhöchsten Liebe ein Führer im
Namen des Herrn; und von diesem Gesichtspunkte aus erkenne und erfasse uns!
Siehe, Reinheit der Sitten ist eine herrliche Tugend, und der Gerechte ist ein
Freund des Herrn; aber siehe, so einer da ist ein Sünder und tut Buße aus der
Liebe zum Herrn, der ist Ihm angenehmer denn neunundneunzig solche, wie du
einer bist in aller Reinheit deiner Sitten, der da nie bedurft hat der Buße.
[GS.01_044,15]
Und du, reines Weib dieses reinen Mannes! Wahrlich, wie ein allerreinster Stern
war dein Lebenswandel, und eine nie gebrochene Keuschheit war dein Weg in
dieses herrliche Reich! Aber sieh, im ewigen Morgen wohnen gar viele deines
Geschlechtes, welche gar oft wider ihr Fleisch gesündigt haben. Diese
Sünderinnen aber haben ihre Schuld erkannt, demütigten sich allerreuigst vor
dem Herrn, und erbrannten dann in großer Liebe zu Ihm also sehr, daß sie nichts
anderes suchten, als nur so viel Gnade von Ihm, daß Er Sich ihrer erbarmen und
sie nach dem Tode aufnehmen möchte zu den Allergeringsten unter denen, die sich
Seiner unendlichen Erbarmung zu erfreuen hätten! Und siehe, solche wohnen nun
allerseligst in der beständigen Gesellschaft des Herrn in dem ewigen Morgen!
Wahrlich, herrlich und überaus prachtvoll ist hier alles; aber eine
allergeringste Strohhütte im Reiche, da der Herr wohnt, steht unendlichmal
höher, denn alle diese Pracht!
[GS.01_044,16]
Nun sehet, wie dieses Paar sich auf die Brust schlägt, und er und sie sprechen
einstimmig: O mächtige Freunde des Herrn, ihr habt uns mit wenigen Worten
Unendliches gesagt. Wir haben es wohl gar lange schon geahnt, daß es noch etwas
Höheres und Erhabeneres geben müsse, als dieses da ist, aber wir wußten keinen
Ausweg, denn unsere Weisheit wußte sich hier das Erhabenste zu schaffen. Jetzt
aber wissen wir, daß solches alles nur eine Zulassung war, damit wir daraus
stets mehr und mehr die Liebe hätten erkennen sollen. Sage uns daher, was wir
tun sollen, um nur eines Tropfens der eigentlichen Grundliebe gewürdigt zu
werden.
[GS.01_044,17]
Nun sage ich zu ihnen: Lieber Freund und du, liebe Freundin! Habt ihr nie
gehört, was da der Herr gesprochen hat zum reichen Jüngling: „Gib alles hintan;
du aber komme und folge Mir nach!?“ – Ferner, habt ihr nicht gelesen die Stelle
im Buche, wo der Herr einen ewig gültigen Vergleich aufgestellt hat, als zu
gleicher Zeit vorne im Tempel ein gerechter Pharisäer dem Herrn seine Werke,
vollkommen nach dem Gesetze Mosis, vortrug, während im tiefen Hintergrunde ein
armer Sünder auf seine Brust schlug und sprach: „O Herr! Ich bin nicht würdig,
meine Augen zu erheben empor zu Deinem Heiligtume!“ Welchen hat hier der Herr
gerechtfertiget? Ihr saget, den demütigen Sünder. Nun sehet, aus diesem könnet
ihr nun gar leicht den eigentlichen Weg zum Herrn finden. Also tut auch ihr,
denn das Wort des Herrn hat auch seine volle Geltung in den Himmeln und das für
alle Ewigkeiten!
[GS.01_044,18]
Sehet ferner: Vor Ihm gibt es nichts Reines und nichts Gerechtes; denn Er
allein ist rein, gerecht, gut und barmherzig! Haltet euch nicht für vollkommen,
sondern tut, was der Sünder in dem Tempel tat, und was da tat ein euch
wohlbekannter Mitgekreuzigter des Herrn, und ihr werdet dann erst die wahre
Rechtfertigung, welches ist die alleinige Liebe zum Herrn, finden. Werdet arm,
ja werdet vollkommen arm, damit ihr reich werdet in der Liebe des Herrn!
[GS.01_044,19]
Nun sehet, das Paar steht auf und kehrt weinend zurück; und nun sehet, wie sich
alles vor dem Palaste versammelt und aufmerksamst diesem Großelternpaare
zuhört. Sehet, wie sie alle ihren Schmuck niederlegen und auch ihre herrlichen
Kleider vertauschen mit ganz dürftiger Leibesbedeckung, und wie das
Urgroßelternpaar den drei Ärmsten alle diese Herrlichkeit überantwortet, und
nun, wie ihr sehet, sich eine große Gesellschaft von mehreren hundert Köpfen
eiligst zu uns herausbegibt.
[GS.01_044,20] Ihr
fraget: Aber lieber Freund! Was werden wir wohl mit ihnen machen? Ich aber sage
euch: Seid dessen unbesorgt; ihr werdet hier bei dieser Gelegenheit eine
wahrhaft himmlische Szene erschauen, daß euch darüber, wie ihr zu sagen pflegt,
nahe alles Hören und Sehen vergehen wird! Doch solche Szene wollen wir erst im
nächsten Verfolge beschauen. – Und somit gut für heute!
45. Kapitel –
Essen und Trinken der himmlischen Geister in der Entsprechung. Die himmlische
Ehe.
[GS.01_045,01]
Nun sehet, die ziemlich große Gesellschaft ist uns schon nahe; betrachtet nun
die lieben Kinder, wie da eines himmlisch schöner ist als das andere! In eines
jeden Physiognomie stellt sich euch eine andere Schönheit dar. Die männlichen
Engel sind jugendlich kräftig, in ihrer Gesichtsbildung ist ein überaus weicher
Ernst zu schauen. Ihre Augen sind groß, besagend, daß in ihnen viel Lichtes
ist, ihre Nasen wohlgebildet und überaus zart gestellt. Diese besagen, daß sie
einen überaus zarten und sehr scharfen Gefühlstakt haben. Ihr Mund ist weich
und zumeist geschlossen, was besagt, daß die Weisheit verschwiegen ist. Ihr
Kinn ist ebenfalls sanft und ohne Bart. Solches besagt, daß die eigentliche
Weisheit offen ist und sich nicht umhüllt mit einem rauhbuschigen Mystizismus.
Glatt und rund ist ihr Hals; solches besagt, daß die Wahrheit, nach ihrem
Grundsatze betrachtet, etwas wohl Aufzunehmendes und in sich abgerundetes
Ganzes ist. Sehet ferner die Weichheit ihrer Hände! Solches besagt, daß die
Weisheit alles mit guter Vorordnung ergreift und nichts Unvollkommenes antasten
mag.
[GS.01_045,02]
Ihr saget hier: Es ist merkwürdig, daß sich hier das männliche Wesen nahe
ebenso wie das weibliche in der schönsten abgerundeten Form zeigt, so zwar, daß
man am Ende kaum weiß, woran man als selbst männlicher Geist ein größeres
Wohlgefallen finden könnte, ob an der überaus herrlichen männlichen Gestalt,
oder an der weiblichen? Solches hat seinen Grund, meine lieben Freunde, in der
wahrhaften himmlischen Ehe, und das zwar demzufolge, weil es in der Schrift
heißt, daß der Mann und das Weib ein Fleisch sein sollen. Darum unterscheiden
sie sich hier auch nur wenig und sind, wie es der Herr gesagt hat, alle gleich
den Engeln Gottes!
[GS.01_045,03]
Ihr fraget zwar, ob bei den Geistern hier nicht ein geschlechtlicher
Unterschied obwalte? Ich sage euch: Solches ist hier ebensogut der Fall wie auf
den Erdkörpern, und die Geister essen und trinken auch hier und verrichten
daher auch ihre Notdurft. Ferner genießen diese himmlischen Eheleute auch also
wie auf der Welt die „ehelichen Freuden“; aber solches alles gestaltet sich
hier, vom Gesichtspunkte der Bedeutung aus betrachtet, ganz anders denn auf den
Erdkörpern.
[GS.01_045,04]
So besagt das Essen und Trinken die Aufnahme des Göttlichguten und
Göttlichwahren; und derjenige Akt, den ihr sinnlichermaßen als den
Begattungsakt kennet, besagt die Vereinigung des Liebeguten und Glaubenswahren
zu einem liebtätigen Ersprießen. Die ganze Sache verhält sich hier so wie
Ursache, Wirkung und Zweck. Wer alsdann wirken will, der muß ja zuvor das
wirkende Prinzip als eine Grundursache in sich aufnehmen; und solches wird hier
verstanden unter dem Insichnehmen der Nahrung.
[GS.01_045,05]
Das Verdauen dieser Nahrung bewirkt und unterstützt das fortwährende Leben der
Geister. Das Leben aber will nicht und kann nicht als ein isoliertes für sich
allein dastehen, sondern es ergreift das ihm zusagende und entsprechende Objekt
und teilt sich demselben also mit, daß dadurch aus gewisserart zwei Leben vollkommen
eines wird. Dieses kann man unter dem Gesichtspunkte des Zweckes betrachten.
Der Zweck aber wird dann zum Ersprießen, indem ein vereintes Leben ein in allem
mächtiger wirkendes ist als ein für sich allein geeinzeltes, welches nicht als
ein vollkommenes Leben betrachtet werden kann, weil sich in ihm unmöglich ein
Zweck und sonach auch kein Ersprießen ausspricht. – Versteht ihr solches?
[GS.01_045,06]
Ihr saget: Lieber Freund, einesteiles wohl; aber ganz klar will uns die Sache
noch nicht werden. Nun gut; ich will euch die Sache noch ein wenig näher
beleuchten. Ihr habt auch auf der Erde schon einen entsprechenden Akt, der da
ähnlich ist dem Begattungsakte der Geister.
[GS.01_045,07]
Was geschieht wohl, wenn ein lebensstarker Mann irgendein weibliches Wesen, von
euch so genannt, magnetisch behandelt? Hier geschieht nichts anderes, als daß
der Mann mit seinem kräftigen Geiste in den schwächeren Geist des Weibes
eindringt, ihn dadurch aufweckt und mit seiner Kraft unterstützt, indem er sich
mit demselben auf eine Zeitlang rapportierlich und zum Teil „fluidal“ vereinigt
oder vielmehr mit demselben einen „geistigen Ehebund“ eingeht.
[GS.01_045,08]
Was ist die Wirkung dieses Bundes? Wenn ihr nur einigermaßen die vielfachen
Erscheinungen auf diesem Gebiete betrachtet, so könnet ihr unmöglich etwas
anderes sagen als: Der schwache weibliche Geist ist durch die mit ihm
vereinigte Kraft des männlichen Geistes in einem sehr erhöhten Zustande kräftig
geworden und kann in solchem Zustande Dinge leisten, die ein isolierter Geist
im naturmäßigen Zustande wohl höchst selten und dann nur sehr schwer zu
bewirken vermag. Das Hellsehen, das sich und andere durchschauende Erkennen
und, kurz gesagt, das kräftig helle geistige Durchdringen in sonst
unerforschliche Schöpfungstiefen ist der Erfolg solcher Vereinigung.
[GS.01_045,09]
Nun sehet, gerade also artet hier geistig der sogenannte Akt der Begattung.
Diese ist ein Sichergreifen zweier sich innig verwandter geistiger Potenzen,
und der Erfolg solches Ergreifens ist eben auch ein dem euch bekannten Akte
entsprechender, den wir soeben besprochen haben. Nun saget ihr wohl, daß euch
dieses klar ist; aber ihr fraget noch, auf welche Weise dieser Akt hier
vollzogen wird der erscheinlichen Form nach. Ich sage euch, solch ein Akt wird
der Erscheinlichkeit nach auf dieselbe Weise vollzogen, wie er bei den
Ehegatten vollzogen wird; aber es ist dabei von irgendeiner Sinnlichkeit nie
die allerleiseste Spur.
[GS.01_045,10]
In der ersten Kirche, welche die adamitische war, wurde ein solcher Zeugungsakt
von jenen Menschen, die damals mit den Himmeln in beständigem Verkehr gestanden
sind, ebenfalls viel mehr auf eine geistige Weise denn auf eine sinnliche
begangen. Bei Gelegenheit eines solchen Aktes wurden die beiden Ehegatten mehr
denn sonst vom göttlichen Geiste durchdrungen, gerieten dadurch in einen
leiblichen Schlaf, erweckten sich bald aus diesem naturmäßigen Schlafe und
wurden dann im Geiste eins und sonach auch völlig in den Himmel entrückt. Allda
erst verrichteten sie den Akt der Zeugung und wurden nach demselben wieder
sobald wie geschieden in die naturmäßige Welt leiblich versetzt.
[GS.01_045,11]
Aus dieser Ursache wurde damals dieser Akt auch der Einschlaf, Mitschlaf, auch
Beischlaf benamset. Da aber mit der Zeit die Menschen durch allerlei
Weltgenüsse naturmäßiger und sinnlicher geworden sind, so fingen sie auch an,
ohne geistige Vorbereitung in ihrer naturmäßigen Sphäre den Weibern rein
tiermäßig beizuwohnen, gerieten dabei in keinen geistigen Schlaf mehr oder
vielmehr in einen natürlichen Schlaf, damit der Geist frei würde. Darum wurden
aber auch die Früchte als Zwecke der Ursache und Wirkung, wie eben die Ursache
und Wirkung selbst bestellt war. Ihr saget ja selbst: Ex trunco non fit
Mercurius. Wie ist es demnach wohl möglich, auf dem rein tierischen,
naturmäßigen Wege Früchte des Geistes zu zeugen? Ich meine, wenn ihr diese
wichtige, althistorische, vollkommen wahre Darstellung nur ein wenig beachtet,
so werdet ihr euch nun auch den rein himmlischen Begattungsakt richtiger und
würdiger vorstellen können, als ihr solches sonst vermocht hättet, indem ihr
diesen Akt zufolge seiner gegenwärtig rein sinnlischen Erscheinung, und zufolge
des eben aus diesem sinnlichen Grunde erfolgten mosaischen Gesetzes,
hinsichtlich der Unkeuschheit, notwendig als einen unlauteren und somit auch
unheiligen betrachten müsset.
[GS.01_045,12]
Dieses wüßtet ihr nun. Was aber besagt denn die der naturmäßigen ähnliche
geistige „Notdurftverrichtung“ der Geister? Was besagt denn die naturmäßige?
Sie besagt nichts anderes, als die Hinwegschaffung der formellen Äußerlichkeit,
wenn diese als Trägerin lebenhaltender Substanzen eben diese Substanzen
abgegeben hat. Nun sehet, das Leben kann sich unmöglich anders manifestieren
und kundgeben als nur unter einer ihm entsprechenden Form. Diese Form
entspricht aller äußeren häutigen Umfassung der Dinge. Sind auch diese Früchte,
die ihr hier sehet, nichts als lauter lebendige Entsprechungen ursprünglich der
Liebe und Weisheit des Herrn, – und dann aber, wie hier erscheinlich, auch
Entsprechungen vom Glaubenswahren und Liebtätigkeitsguten, so können sie
dennoch nicht ohne die erscheinliche Form dargestellt werden, so wenig als ein
Gedanke ohne Wort darstellbar ist.
[GS.01_045,13]
Wenn ihr demnach Worte höret, so esset ihr geistige Früchte; die Worte als
Formen werden von euch gar bald wieder geistig hinweggeschafft, aber der Sinn
der Worte bleibt in euch. Sehet, solches entspricht völlig dieser geistigen
Notdurftverrichtung.
[GS.01_045,14]
Die Formen sind die Träger des Lebendigen. Da aber das Lebendige pur Göttliches
ist und somit das Allerinwendigste und sonach allerreinst Geistige, daher kann
es auch von keinem äußeren Geiste ganz rein für sich aufgenommen werden. Darum
erschafft der Herr dann entsprechende Liebformen, welche da Träger sind Seines
Lebens. Wollen wir demnach dieses Leben in uns aufnehmen, so müssen wir es samt
der Form aufnehmen. In uns erst wird die Form als der Lebensträger zerstört;
das Leben wird dadurch frei und vereinigt sich sobald mit dem ebenfalls göttlichen
Leben in uns, dasselbe lebendig stärkend und erhaltend. Die Form selbst, als
zerstörte Hülse, aber wird dann nach der Ordnung des Schöpfers aus unserer ganz
lebendigen Wesenheit hinausgeschafft.
[GS.01_045,15]
Bei euch auf der Erde nennt man solches den „Unrat“; hier aber wird solches die
Scheidung genannt. Bei euch ist die Form grobmateriell, bei uns ebenfalls
geistig, daher alsogleich flüchtig und gänzlich verschwindend. – Da ihr nun
solches alles wisset, so wollen wir uns denn nun wieder zu unserer zahlreichen
überschönen Gesellschaft wenden.
[GS.01_045,16]
Sehet, unser früheres Urgroßelternpaar steht schon bei uns, und er naht sich
mir und spricht: Mächtiger Bewohner des ewigen Morgens, der du sicher ein gar
lieblicher Freund des Herrn bist, siehe, wir haben nun alles verlassen und alle
unsere Habe und unsere Kostbarkeiten hintangegeben nach deinem Rate. Du siehst,
daß wir unser viele sind, und dennoch ist nicht eines darunter, das da hätte
einen andern Sinn denn ich. Hier stehen wir nun demütigst vor dir, der du hier
bist im Namen des Herrn; sage, was du willst, das da ist der Wille des Herrn,
und wir wollen es tun!
[GS.01_045,17]
Nun spreche ich zu ihnen: Liebe Brüder und liebe Schwestern! Lasset euch nicht
gereuen euern Vorsatz in der Liebe zum Herrn und folget uns in Seinem Namen! –
Sehet dorthin, jenseits dieses Stromes, allda ihr auf mehr unwirtbar
scheinenden Hügeln in gerechten Entfernungen unansehnlich kleine Häuschen
erschauet; dahin will ich euch führen und jeglichem geben seine Wohnung. Ihr werdet
dort freilich wohl nicht so angenehm und herrlich wohnen, als ihr da gewohnt
habt in diesem herrlichen Palaste. Aber sehet, ihr müßt euch solches
angewöhnen, denn im ewigen Morgen in der beständigen Gegenwart des Herrn wohnt
man nicht in solchen Palästen, sondern in gar einfachen, kleinen Hütten. Auch
ist man nicht so herrlich gekleidet wie hier, sondern die wahren Kinder des
Herrn gehen beinahe ganz nackt einher. Dort darf niemand müßig sein, sondern
der Herr weiß Seine Kinder fortwährend vollauf zu beschäftigen.
[GS.01_045,18]
Hier hattet ihr „selige Ruhe“ und den herrlich friedlichen Genuß alles dessen,
was euch in so reichlicher Fülle ward; – dort aber wird man nicht also
gehalten, sondern man muß sich förmlich gar eifrig und tätig das tägliche Brot
verdienen.
[GS.01_045,19]
Hier durftet ihr um nichts bitten und für nichts danken, denn frei aus Sich gab
euch der Herr alles in der größten Überfülle, dort aber werdet ihr allzeit den
Herrn und den Vater bitten und Ihm danken müssen.
[GS.01_045,20]
Hier hatte ein jeder wie ein Herr für sich seinen eigenen Tisch und konnte da
essen und trinken nach seinem Wohlgefallen. Dort aber hat niemand einen eigenen
Tisch, sondern alle müssen zum Tische des Vaters kommen.
[GS.01_045,21]
Hier könnt ihr essen, was ihr wollt, dort aber wird es heißen: Esset, was euch
aufgesetzt wird auf den Tisch.
[GS.01_045,22]
Seid ihr mit diesem Austausche zufrieden, so folget mir! Jedoch sei dadurch
eurem Willen nicht der allergeringste Zwang angetan.
[GS.01_045,23]
Nun höret, die ganze Gesellschaft spricht: O großer, lieber Freund des Herrn,
besäßen wir hier tausend solcher Paläste, so würden wir sie verlassen, wenn wir
nahe der Wohnung dieses großen, heiligen Vaters nur als die allerletzten und
allergeringsten Diener sein dürften! Alle Bedingungen, die du uns gesetzt hast,
sind ja zu groß und zu erhaben für uns. Wenn wir nur der Brosamen vom Tische
des Herrn gewürdigt werden, so wären wir dadurch ja schon namenlos glücklicher
denn hier, da wir bei all dieser großen Herrlichkeit gerade dessen entbehren
müssen, was allein die allerhöchste Seligkeit aller Engel ausmacht, und dieses
ist die Anschauung des Herrn, der da ist ein heiliger Vater derjenigen gar
vorzüglich, die bei Ihm im Morgen wohnen.
[GS.01_045,24]
Wir sind zwar auch hier des Herrn ansichtig in der heiligen Gnadensonne über
uns; aber den Vater unter Seinen Kindern können wir nicht erschauen! –
[GS.01_045,25]
Also führe uns nur, wohin du willst, und bestelle uns nach deiner himmlischen
Ansicht; wir wollen dir folgen!
[GS.01_045,26]
Nun spreche ich: Also folget mir über diesen Strom in jenes Hügelland. Scheuet
nicht die Wogen, die sonst euch nicht zu tragen vermochten; weil eure Grundlage
nicht der eigentliche „Grund des Lebens“ war, nämlich die Liebe zum Herrn. Nun
aber ist diese eure Grundlage geworden, und so wird euch das Gewässer des
Stromes tragen; denn es besagt ja eben solchen Grund. Nun sehet, wie sie uns
alle folgen, und wie das Gewässer des Stromes sie trägt als ein fester Grund!
[GS.01_045,27]
Und so denn wollen wir gemeinschaftlich uns auf jenes Hügelland begeben und
allda unsere Gesellschaft placieren, und dann ein wenig zusehen, was da alles
vor sich gehen und wie sich die Gesellschaft alldort zufrieden finden wird.
46. Kapitel – Im
ewigen Morgen-Hügelland. Kleines Liebe-Examen – Wie stellt ihr euch den Herrn
vor?
[GS.01_046,01]
Nun sehet, nach unserer bereits schon gewohnten Schnellreise-Weise sind wir
auch schon an Ort und Stelle. Da eben vor uns steht schon ein solches Häuschen.
Sieht es nicht beinahe so aus, wie etwa bei euch auf der Erde ein recht
niedliches Alpenhaus in der Schweiz? Ihr saget: Ja, fürwahr, es sieht wirklich
so aus; es ist zwar ein großer Unterschied zwischen solch einem Häuschen und
einem Palaste oder gar einer großen Stadt dort mehr unten in der früheren
Ebene, aber dessen ungeachtet möchten wir es lieber bewohnen als einen solchen
Palast.
[GS.01_046,02]
Nun gut, wir wollen nun in das Innere eines solchen Hauses gehen und seine
Einrichtung betrachten und auch dessen allfällige Bewohner. Sehet, wir sind
schon im Innern des Hauses. Ihr fraget nun: Aber, lieber Freund, wie kommt denn
das, daß dieses Haus sich inwendig nicht verändert nach der gewöhnlichen
geistigen Art, sondern ein unveränderliches Haus ist, wo das Inwendige genau
dem Äußeren entspricht?
[GS.01_046,03]
Liebe Freunde, solches werdet ihr im Verfolge und im Verkehr mit den Bewohnern
dieser Gegend genau kennenlernen, und zwar im Verfolge, wie sich unsere
Anschauung nach und nach gestalten wird, und im Verkehr mit den Einwohnern, wie
sich diese vor uns zeigen werden.
[GS.01_046,04]
Bemerket ihr hier nicht auch allerlei landwirtschaftliche Gerätschaften? – Es
gibt Sicheln, Hauen, Rechen, Krampen und Pickel; sogar der Pflug mangelt nicht
und die Egge, und wenn ihr euch einmal rechts umsehet, hinter diesem Hause
befinden sich sogar ein kleines Wirtschaftsgebäude und eine Stallung für ein
oder zwei Paar Ochsen. Und da seht ihr wieder eine Küche, hier ein Zimmer für
Dienstleute und da vorne ein recht geschmackvolles Zimmer für die Eigentümer
dieses Hauses. Was sagt ihr zu dem allem?
[GS.01_046,05]
Es nimmt euch wohl ein wenig wunder, wie ich sehe, denn ihr sagt es in euch:
Wahrlich, die Sache kommt uns ganz heimelig vor, und wir möchten wirklich ohne
vieles Bedenken hier verbleiben; dessen ungeachtet aber nimmt diese ganze
irdische Einrichtung sich in dem offenbaren Himmel ein wenig sonderbar aus.
[GS.01_046,06]
Meine lieben Freunde, ich habe es mir wohl gedacht, daß euch solches ein wenig
befremden wird. Noch mehr aber dürfte solches so manche pikfesten Erzpapisten
befremden, welche sich den Himmel unter einem ewigen Müßiggange vorstellen. Wie
es jedoch solchen hier ergeht, werden wir im Verlaufe der weiteren
Durchwanderung unserer mittägigen Gegend schon noch hinreichend kennenlernen.
[GS.01_046,07]
Damit ihr aber wisset, warum ihr hier alles landwirtschaftliche Gerät also
angetroffen habt wie auf der Erde, so sage ich euch vor der Hand nur so viel,
daß auf der Erde solcher Art Gerätschaften unmöglich je wären erfunden worden,
wenn sie nicht zuvor in der vollkommen entsprechenden Weise und Form in allen
den Himmeln wären vorhanden gewesen.
[GS.01_046,08]
Alsdann kann es euch nicht wundernehmen, wenn ihr hier im geistigen Reich des
Himmels Ureigentümliches findet, denn alle diese Gerätschaften bezeichnen die
Liebtätigkeit und stehen hier als Mittel zur Erzeugung des Guten und
Ersprießlichen da. – Mehr brauchen wir vor der Hand nicht zu wissen.
[GS.01_046,09]
Nun sehet aber, von einem Acker kommt soeben der Besitzer dieses Hauses daher;
wir wollen ihm entgegengehen und ihm unsern Gruß und unser Anliegen darbringen.
Er hat uns schon erschaut und eilt uns mit offenen Armen entgegen. Wie gefällt
euch sein Anzug? Ihr saget: Lieber Freund, fürwahr gar nicht übel; denn solche
Anzüge sind wir zu sehen gewohnt. Er sieht ja aus wie so ein recht
gottesfürchtiger, emsiger Landmann auf unserer Erde. Wir sehen an ihm ein
gewöhnliches, eben nicht gar zu feines Hemd und dann auch Beinkleider,
ebenfalls aus derselben Leinwand verfertigt. Das ist aber auch alles, was wir
an diesem guten Manne entdecken. Wenn er nicht um die Mitte einen roten Gürtel
hätte, so würde er sich eben nicht zu viel von einem Pantalone unterscheiden.
[GS.01_046,10]
Ja, meine lieben Freunde, hier geht es schon nicht mehr so glänzend zu als wie
dort in den Palästen. Ihr fraget hier freilich und saget: Lieber Freund, soll
denn das wohl ein höherer Seligkeitsgrad sein denn derjenige da unten in der
endlos großen Ebene, die von zahllosen Herrlichkeiten und von einer
unaussprechlichen Pracht strotzet? Ich sage euch: Der Seligkeitsgrad hier ist
um ebensoviel erhabener, um wieviel er derjenigen Herrlichkeit und Pracht dem
Außen nach nachsteht. Wie aber solches, das wird sich euch bald klar dartun. –
Sehet, unser Mann ist schon hier, und so wollen wir ihn denn auch sogleich
empfangen.
[GS.01_046,11]
Höret, er spricht: Seid mir tausendmal willkommen, meine geliebten Brüder! Ich
sehe, ihr habt eine bedeutende Gesellschaft noch mit euch gebracht; ich weiß es
schon, was diese hier sucht. Ich sage es euch aber auch zugleich, es wird diese
liebe, gute Gesellschaft noch so manche Anstrengung und Selbstverleugnung
kosten, bis sie sich in dieses höhere Leben eingewöhnen wird, und selbst dann
wird es sie wieder eine noch weitere Mühe und bedeutende Anstrengung kosten,
bis sie sich dieses höhere Leben völlig zu eigen machen wird. Aber du, mein
lieber Bruder, weißt es ja, daß durch die Liebe und Geduld alle Schwierigkeiten
besiegt werden können.
[GS.01_046,12]
Und so soll von mir auch nichts verabsäumt werden, was da erforderlich ist zur
wahren, ewigen, lebendigen Versorgung dieser lieben Brüder und Schwestern.
[GS.01_046,13]
Nun, meine lieben Freunde, wollen wir uns ein wenig in meine Wohnung begeben
und wollen auch sogleich das Hauptpaar dieser Gesellschaft mitnehmen und mit
ihnen übereinkommende Anstalten treffen, damit sie alsobald nach der ewigen
Liebeordnung untergebracht werden. Und so lasset uns gehen!
[GS.01_046,14]
Sehet, unser Gastfreund winkt auch schon dem Hauptpaare der Gesellschaft, und
dieses begibt sich, gar freudig dem Winke unseres lieben Gastfreundes folgend,
mit uns in dessen Wohnung. – Wir sind nun schon im Inwendigen des Zimmers, und
so denn habet acht auf alles, was da vor sich gehen wird.
[GS.01_046,15]
Unser Gastfreund spricht zu dem Paare: Meine lieben Freunde, seid mir in der
ganzen Tiefe meiner Liebe willkommen und saget mir frei und offen, was euch
bewogen hat, eure große Herrlichkeit zu verlassen und hier auf den Hügeln, auf
denen keine Pracht, kein Reichtum und keine Üppigkeit zu Hause sind, euer
ferneres Fortkommen zu suchen.
[GS.01_046,16]
Der befragte Mann spricht: Himmlischer Freund! Ich kenne dich noch nicht, wer
du bist deinem Wesen nach, da du mich aber aus deinem innersten Lebensgrunde um
den Beweggrund unserer Unternehmung fragst, so sage ich dir, daß der Herr der
alleinige Beweggrund zu dieser meiner und somit unser aller Unternehmung ist.
[GS.01_046,17]
Der Gastfreund spricht: Solches von euch zu vernehmen, ist die einzige Wonne
meines Herzens, aber der Herr hat euch ja ohnedies einen unermeßlich großen
Lohn beschieden, wollt ihr denn mehr? Denn ich meine, es sollte ja doch genug
sein, so der Herr euch alles gegeben hat, was nur immer euer Herz in aller
seiner denkenden Tiefe ersinnen mag; und ich meine, daß demnach eine solche
Unternehmung von euch beinahe so aussieht wie Undank.
[GS.01_046,18]
Der Mann spricht: Lieber Freund, dem Außen nach möchte es wohl also aussehen,
aber nicht unserem Inwendigen nach. Denn siehe, was würdest wohl du tun an
meiner Stelle, wenn du noch tausendfach größere Herrlichkeiten der
Beschaulichkeit nach besäßest denn ich, so du aber bei all solcher
unaussprechlichen Herrlichkeit dennoch nicht solltest je den heiligen Geber
wesenhaft zu Gesichte bekommen? Siehe, du würdest sicher bei deiner großen
Liebe zum Herrn lieber alles verlassen, um dadurch möglicherweise dem Herrn
näher und näher zu kommen.
[GS.01_046,19]
Der Gastfreund spricht: Liebe Freunde, solches sehe ich wohl gar gut ein und
weiß auch, warum du solches zu mir gesprochen hast. Weißt du aber auch ganz
gewiß, daß du hier den Herrn wirst zu Gesichte bekommen und wann? Oder weißt
du, ob diese Gegend unter diejenigen zu zählen ist, in denen der Herr wesenhaft
persönlich erscheint?
[GS.01_046,20]
Der Mann spricht: Lieber Freund! Solches weiß ich freilich nicht; aber so viel
weiß ich, daß dem Herrn das Kleine lieber ist denn das Große, indem Er Selbst
gesagt hat: „Lasset die Kleinen zu Mir kommen!“ Und so glaube ich, auf keinem
Irrwege zu sein, wenn ich mich nun hier vor dir befinde, indem ich aus Liebe
zum Herrn alle meine Pracht verlassen habe und habe gesucht die Einfachheit und
die Niedrigkeit dieser Hügel.
[GS.01_046,21]
Unser Gastfreund spricht: Mein lieber Freund, du hast mir recht geantwortet,
nur meine ich, daß deine Antwort hier nicht am rechten Platze ist; denn siehe,
der Herr spricht ja solches nur vor der Welt, indem Er doch offenkundig
dargibt, daß alle weltliche Größe vor Ihm ein Greuel ist; und wieder spricht
Er: „Wer auf der Welt der Geringste ist, der ist vor Ihm oder in den Himmeln
der Größte.“ Du bist aber nun nicht mehr auf der Welt, sondern du bist im
Himmel. Auf der Welt warst du klein, ja du warst ein unbeachteter Hirte auf den
Alpen, der Herr aber hat dich darum in dem Himmel groß gemacht. Frage dich
demnach selbst, was du suchest?
[GS.01_046,22]
Der Mann spricht: Lieber Freund, ich erkenne wohl, daß du mich in der Weisheit
aus dem Herrn ums Unendliche übertriffst; aber solches weiß ich auch, daß ich
im Verlaufe meiner schon lange andauernden großen Seligkeit den Herrn dennoch
nie anderartig denn allein nur in Seiner heiligen Gnadensonne geschaut habe.
[GS.01_046,23]
Der Gastfreund spricht: Was willst du denn mehr? Hast du denn nie gelesen: „Der
Herr Gott Jehova wohnt im unzugänglichen Lichte?“ Wie magst du dich denn
hernach Ihm mehr, als es dir möglich ist, nahen?
[GS.01_046,24]
Der Mann spricht: Lieber Freund, solches ist wahr; aber der Herr Gott Jehova
war auch ein Mensch auf der Erde, und hat sonach unsere Natur angenommen und
als Mensch den Seinigen die Verheißung gemacht, daß sie bei Ihm wohnen werden
ewiglich. Er hat ja sogar dem mitgekreuzigten Missetäter gesagt: „Heute noch
wirst du bei Mir im Paradiese sein!“ Und Paulus, der Apostel, freute sich, zum
Herrn zu kommen Also glaube auch ich, daß es in den Himmeln Gottes auch irgend
möglich sein sollte, dem Vater in Christo menschlich zu begegnen, und Ihn mit
dem allerliebeerfülltesten Herzen und allerseligst wonnigsten Auge zu
erschauen!
[GS.01_046,25]
Der Gastfreund spricht: Nun gut, weil du also glaubst, so magst du hier
verweilen, denn was der Herr gesprochen hat auf der Erde, das ist wahrlich auch
im gleichen Maße gesprochen für alle Himmel; und das darum, weil eben alle
Himmel aus dem Worte gemacht sind, welches der Herr gesprochen hat auf der
Erde. Aber nun, mein lieber Freund, kommt etwas anderes.
[GS.01_046,26]
Siehe, da unten warst du ein Herr in deinem erhabenen, großen Besitztume, und
deine ganze Gesellschaft war es gleicher Weise mit dir. Hier aber werdet ihr
dienen müssen und werdet müssen euch das Brot und die Nahrung mit eurer Hände
Arbeit verdienen. Denn siehe, ich selbst muß auch arbeiten und hier das
Erdreich bebauen, damit ich eine Ernte mache und mir somit den Unterhalt
verschaffe.
[GS.01_046,27]
Das Erdreich ist zwar sehr gesegnet vom Herrn und trägt mehr denn
hundertfältige Frucht; aber dessen ungeachtet will es dennoch fleißig
bearbeitet sein, sonst läßt der Herr Seinen Segen über selbem nicht gedeihen.
Somit werdet ihr hier ackern und das Feld bebauen müssen mit allerlei
landwirtschaftlichen Werkzeugen, werdet müssen mit den Sicheln auf das Feld
gehen, das Getreide schneiden, es in Garben binden, in die Scheuern bringen und
dann den Kern aus der Ähre lösen. Und das werdet ihr alles als Diener und nicht
als Selbstbesitzer irgendeines Grundes tun müssen. Ja, sogar einen großen Fleiß
werdet ihr dabei anwenden müssen, denn man wird es nicht dulden, so da von euch
jemand seine Hände möchte müßig im Sacke herumtragen.
[GS.01_046,28]
Alles dieses überdenket euch nun wohl, und habt ihr solches für euch als
rätlich gefunden, dann bleibet hier; denn an Arbeit gibt es hier keinen Mangel,
wohl aber häufig an Arbeitern. Sagen euch aber diese unabänderlichen
Bedingungen nicht zu, da möget ihr gar wohl wieder in eure Herrlichkeit
zurückkehren.
[GS.01_046,29]
Der Mann spricht: O lieber Freund! Sorge dich dessen nicht, wir sind zwar seit
lange schon an die Weichlichkeit gewöhnt, aber darum doch nicht der gesegneten
Arbeit entwöhnt. Denn was wir samt und sämtlich auf der Erde taten und alldort
zwar aus Eigenliebe, das werden wir hier sicher nur noch ums Tausendfache
lieber aus Liebe zum Herrn tun und aus dieser Liebe heraus auch aus Liebe zu
dir, du sicher nicht unbedeutender Freund des Herrn!
[GS.01_046,30]
Der Gastfreund spricht: Nun, wenn es denn also ist, so bleibet hier! Der Mann
spricht: O lieber Freund, wir sind aber unser etliche hundert Köpfe; wie wirst
du wohl in diesem deinem bescheidenen Häuschen uns alle unterbringen? Der
Gastfreund spricht: Mein lieber Freund, sorge dich dessen nicht! Hast du denn
nie gehört, was der Herr als Mensch auf der Erde gesprochen hat, hat Er nicht
gesagt: „In Meines Vaters Reiche sind viele Wohnungen!?“ Nun, da sehet an die
Hügel, so weit gegen Morgen hin euer Auge reicht, und sehet, wie viele gleiche
Wohnhäuser es über denselben gibt; allda werdet ihr wohl alle Platz finden. –
Ihr fraget, wem wohl alle diese Wohnungen zu eigen sind? Ich sage euch: Diese
Wohnungen gehören samt und sämtlich nur einem Besitzer, und ich will euch daher
unterbringen in dieselben und euch allenthalben die Arbeit anweisen. Ihr
fraget, ob ich ein befugter Sachwalter des Inhabers aller dieser Wohnungen bin?
Meine lieben Freunde, wenn ich es nicht wäre, wie könnte ich hier solches zu
euch sprechen? Und wie könnte ich es mir herausnehmen, euch mit dem Willen
anderer zur Last zu fallen, so mir das Recht nicht zustände, damit zu verfügen
nach meinem rechtlichen und liebewilligen Wohlgefallen?
[GS.01_046,31]
Dich und dein Weib will ich allhier in meiner Wohnung behalten; deine liebe
Gesellschaft aber will ich verteilen in meiner nächsten Nachbarschaft. Und so
denn gehet hinaus und gebet ihnen solches kund!
[GS.01_046,32]
Das Ehepaar geht hinaus und gibt liebefreundlichen Angesichtes solches der
ängstlich harrenden Gesellschaft kund. Und nun sehet, wie die ganze
Gesellschaft dankbarst niederfällt und dem Herrn dankt, daß Er ihr also
liebegnädig war und sie allesamt hier hat die erfreuliche dienende Unterkunft
finden lassen.
[GS.01_046,33]
Nun geht unser Gastfreund hinaus und legt ihnen allen seine Hände auf, und
zeigt ihnen die Wohnungen an, dahin sie sich zu verfügen haben.
[GS.01_046,34]
Beachtet aber nun auch, wie sich die früheren Formen unserer Gesellschaft nach
der Händeauflegung verändert haben. – Ihre früher weiße Farbe ging in eine
natürlich gerötete Farbe über, und ihr überaus subtil zartes Wesen hat eine
reelle Festigkeit angenommen. Und sehet, wie heiter, munter und vergnügt sie
nun aussehen, während sie früher in ihrem Ausdrucke einen geheimnisvollen
Weisheitsernst zeigten.
[GS.01_046,35]
Sie gehen auseinander, und bei jeder der ihnen angewiesenen Wohnungen harren
ihrer schon die Einwohner mit offenen Armen.
[GS.01_046,36]
Nun aber kommt unser Gastfreund mit dem Stammelternpaar dieser Gesellschaft
wieder herein und fragt dasselbe soeben: Meine lieben Freunde! Wie stellt ihr
euch denn so den Herrn vor, damit, wenn Er einmal vor euch käme, ihr Ihn auch
erkennen würdet?
[GS.01_046,37]
Der Mann spricht: O lieber Freund, der du uns im Namen des Herrn so liebreich
aufgenommen hast, siehe, das ist eine überaus hart zu beantwortende Frage! Denn
in unserer Religion auf der Erde hatten wir uns nie mit einer menschlich
bildlichen Form des Herrn beschäftigt, sondern lediglich nur mit Seinem Worte
und dachten uns dabei: in dieser Welt wird sich der Herr uns ohnehin sogleich
zu erkennen geben, und wir werden Ihn an Seiner Stimme und aus Seinem Worte
erkennen. Nun erst sehe ich ein, daß die wahre Liebe zum Herrn nebst Seinem
Worte auch Seine gestaltliche Wesenheit ergreifen will; sie hat es aber nicht
in sich, weil sie solches nie beachtet, und somit auch nicht in sich
aufgenommen hat. – Also wirst wohl du, lieber Freund, auch da die liebevolle
Güte haben und uns die Gestalt des Herrn beschreiben.
[GS.01_046,38]
Der Gastfreund spricht: Nun wohl denn, da ihr solches in eurem Grunde lebendig
wünschet, so sage Ich euch: Sehet Mich an; denn gerade also, wie Ich aussehe,
sieht auch der Herr menschlich gestaltlich aus.
[GS.01_046,39]
Der Mann spricht: Ach, lieber Freund, solches dient mir wohl zu einem großen
Troste und zu einer großen Freude, und ich bin schon überselig, ein so
vollkommenes Ebenmaß des Herrn vor mir zu erblicken. Welch eine Seligkeit aber
wird mir dann erst werden, wenn ich den Herrn Selbst erschauen werde!
[GS.01_046,40]
Der Gastfreund spricht: Wahrlich, deine Liebe zum Herrn ist groß geworden;
darum freue dich in deinem Vollmaße, denn siehe, Ich bin der Herr! – und du
sollst nun bei Mir wohnen ewiglich!
[GS.01_046,41]
Sehet, wie sich alles plötzlich verändert hat, sehet, wie nun von der
Mittagsgegend nichts mehr zu erschauen ist. Aber die frühere Einfachheit dieser
Gegend ist geblieben; und sie ist der allein wahre, ewige, allerhöchste Morgen
des Herrn! – Für uns ist es aber noch nicht Zeit, hier zu verweilen, sondern
uns nach dem Willen des Herrn noch weiter in den Mittag zu begeben. Also gehen
wir wieder weiter!
47. Kapitel –
Der „römisch-katholische“ Himmel. Im äußersten Mittag.
[GS.01_047,01]
Wie ihr sehet, hat sich unsere Gegend vor unseren Augen schon wieder verloren;
von den Hügeln und den Gebäuden auf den Hügeln ist nichts mehr zu sehen: wir
sind im reinen Mittage. Solches könnet ihr aus der uns im Zenite stehenden
Sonne und aus der großen Pracht dieser Gegend wie auch aus dem uns schon
bekannten, von hier aus dort gegen Morgen fließenden Strome entnehmen. Ihr fraget und saget: Aber, lieber Freund, wie ist
denn solches möglich, daß diese endlos allerseligste Morgengegend jetzt
gänzlich vor unseren Augen verschwunden ist?
[GS.01_047,02] Liebe Freunde, verstehet ihr
solches denn noch nicht, daß der „Morgen“ die tätige Liebe, der „Mittag“ aber
die forschende Weisheit bezeichnet? – Wir aber sind nun wieder „im Forschen“
also auf dem Wege der Weisheit und somit im Mittage, und dieser ist außerhalb
der Liebe.
[GS.01_047,03] Ihr saget hier freilich: Wir
befanden uns ja ehedem auch im Mittage und konnten von selbem aus dennoch die
Morgengegend erschauen; warum geht solches denn jetzt nicht? Waren wir damals
nicht außer der tätigen Liebe?
[GS.01_047,04] Meine lieben Freunde, wir
waren damals wohl auch im Mittage; aber wir befanden uns am Ufer des Stromes,
und dieser zeigt an, wie sich Liebe und Weisheit ergreifen und ins ewige Leben
übergehen. Also waren wir damals im Zentrum zwischen Liebe und Weisheit; somit
auch konnten wir beide Gegenden auf einmal ganz gut übersehen. Da wir dann
wirklich in den Morgen übergegangen sind, so konnten wir auch von selbem die
mittägige Gegend endlos weit umher überschauen; warum denn? Weil die Weisheit
aus der Liebe hervorgeht. Es verhält sich da gerade also wie bei jemandem, der
von irgendetwas die Grundursache kennt und darum auch sicher die Wirkung dieser
Ursache erschauen und erkennen wird. Wer aber nur die Wirkung allein sieht, der
kann von dieser aus nicht leichtlich die Ursache erschauen, außer er kann sich
auf den Punkt stellen, wo die Ursache in die Wirkung übergeht. – Da ihr nun
solches sicher einsehet, so wollen wir uns denn auch ungehindert hinaus in den
äußersten Mittag begeben, wo ihr euch sehr nahe angehende Dinge erschauen
sollet.
[GS.01_047,05] Nun sehet, wir sind schon am
Orte und an der rechten Stelle; aber ihr saget: Lieber Freund, da sehen wir vor
uns ja schon wieder ein endlos weit ausgedehntes Meer und am äußersten
Horizonte erblicken wir zum ersten Male in dieser geistigen Welt Wolken, wie
wir sie auf der Erde an schönen reinen Tagen über dem Himmel haben
heraufsteigen sehen. Es kommt uns auch vor, daß hier die Sonne nicht mehr
gerade im Zenite steht, sondern sich mehr hinter uns befindet, so daß wir schon
einen Schatten vor uns erblicken. Werden wir etwa hier auch müssen über die
Meeresfläche wandeln?
[GS.01_047,06] Meine lieben Freunde, was
dieses Meer betrifft, so ist es in Verbindung mit demjenigen Meere, auf das wir
schon in der abendlichen Gegend gestoßen sind, und dehnt sich auch in der
Richtung vom Abend zwischen Mittag und Morgen endlos weit aus. Aber gerade
gegenüber, wo ihr das Gewölk erblicket, ist es uferbegrenzt, und jenseits gibt
es dann wieder eine für eure Begriffe endlose große Landschaft. Diese wird der
„äußerste Mittag“ genannt, – und dahin wollen wir uns denn auch begeben.
[GS.01_047,07] Ihr fraget zwar schon wieder,
wie wir hier über das Meer kommen werden? Hier werden wir unsere gewöhnliche
Schnellreise machen, werden sagen: Hier und dort, und wir werden dort sein, wo
wir sein wollen! Seht euch um, wir sind schon dort, wo wir sein wollen! Die
ganze Meeresfläche ist hinter uns, und seht in die Höhe, wir sind schon unter
dem weißen Gewölk. Ihr saget hier freilich: Lieber Freund, das Gewölk leuchtet
hier recht herrlich, aber die Sonne ist nicht mehr zu entdecken; wo ist denn
diese hingekommen?
[GS.01_047,08] Meine lieben Freunde, die
Sonne scheint hier wohl auch aber ihre Wesenheit wird von den Wolken stets also
bedeckt, daß man ihr Licht nur im gebrochenen Zustande, die Sonne selbst aber
nur zu seltenen Malen durch das Gewölk erblickt. Ihr fraget: Was ist denn das
für eine Gegend; was besagt denn diese?
[GS.01_047,09] Sehet, das ist der sogenannte
römisch-katholische Himmel, in welchen die meisten frommen Römisch-Katholischen
kommen, wenn sie ihrem Glauben liebtätig und gewissenstreu gelebt haben. Also
ist dieser Himmel vielmehr „ein Probehimmel“ als ein an und für sich
bleibender. – Wie aber solches alles sich näher verhält, werden wir im Verfolge
der näheren Anschauung des Himmels noch klar erkennen.
[GS.01_047,10] Sendet nur eure Blicke etwas
landeinwärts, und ihr werdet sobald die euch wohlbekannten römischen Kirchen
und Klöster in großer Menge erschauen. Da nicht fern von uns steht in einer
ebenen Gegend schon eine recht stattliche Kirche; wir wollen sehen, was in
derselben vorgeht. Hört ihr das Glockengeläute? Ihr saget: Fürwahr, lieber
Freund, das klingt ja gerade also, wie wir es zu öfteren Malen auf der Erde vernommen
haben. Nun horchet aber genauer, ihr werdet sogar auch Orgeltöne vernehmen. Ihr
fraget, was wohl etwa jetzt in der Kirche gehalten wird?
[GS.01_047,11] Ich sage euch: Wir werden
gerade recht zum ersten Segen kommen. Da sind wir schon am Eingange der Kirche
und sehen den Hochaltar, darauf eine Menge Kerzen brennen. Nun sehet auch, wie
der Geistliche die Monstranz angreift und auf dieselbe Art wie auf der Erde den
vielen Anwesenden den Segen gibt. – Da wir somit den Segen empfangen haben, so
wollen wir auch der Messe beiwohnen.
[GS.01_047,12] Nun seht, es geht die ganze
Zeremonie gerade so vor sich wie bei euch auf der Erde, und wie ihr seht, geht
die ganze Meßzeremonie unter der Begleitung der gewöhnlichen Orgelgesänge auch
ihrem Ende zu und soeben beginnt der zweite Segen. – Ihr fraget: Lieber Freund,
was für ein Heiliger wird denn da auf dem Hochaltare verehrt? Wir können nicht
ausnehmen, was die Tafel darstellt.
[GS.01_047,13] Gehen wir nur etwas näher;
sehet, es ist, recht deutlich und zugleich recht schön gemalt, „die heilige
Dreifaltigkeit“. Darin auch besteht der einzige Unterschied, daß hier in diesem
Probehimmel am Hochaltare kein anderes Bild vorkommen darf. Die beiden
Seitenaltäre aber stellen dar, der zur rechten Hand den gekreuzigten Heiland
und der zur linken Hand den hl. Geist in der Gestalt einer Taube. Auch auf
diesen Seitenaltären darf nichts anderes vorkommen. Solches geschieht aus dem
Grunde, damit die Hierhergekommenen nicht zu irgendeiner Abgötterei dadurch
geleitet werden möchten, daß sie einem „sogenannten Heiligen eine gleiche Ehre
gäben, wie sie nach ihren Begriffen nur Gott gebührt.
[GS.01_047,14] Aus dem Grunde auch werden die
sogenannten Heiligen samt den Päpsten von dieser Gegend allzeit ferne gehalten;
und wenn Päpste schon hier ankommen, so dürfen sie jedoch nicht als solche
angesehen werden, sondern als ganz einfache Priester. – Aber ihr saget: Lieber
Freund, wie sieht es denn hernach mit dem sogenannten „Himmel“ aus, in dem die
„drei göttlichen Personen“ auf einer lichten Wolke beisammensitzen, und alle
die Seligen samt den Engeln ebenfalls auf lichten Wolken um diese Dreieinigkeit
herumknieen und sonach Gott von Angesicht zu Angesicht anschauen und anbeten?
[GS.01_047,15] Wartet nur ein wenig, bis
dieser „Gottesdienst“ aus ist; sodann werden wir sogleich die förmliche
Himmelsbesteigung von seiten dieser Geister, welche jetzt diesem Gottesdienste
beiwohnen, in den Augenschein nehmen. Wie ihr vernehmet, verkündigt der
Priester nun soeben seinen Kirchkindern die nach dem Gottesdienste alsogleich
bevorstehende „Himmelfahrt“. – Somit machen wir uns auch nur sogleich aus
dieser Kirche und warten draußen die Geschichte ab. –
48. Kapitel – Eine Prozession bei einer
erscheinlichen Himmelsbesteigung.
[GS.01_048,01] Sehet, wir sind schon heraus,
und nun strömen auch die zur Himmelfahrt gehörig vorbereiteten und mit
Palmzweigen versehenen Geister aus der Kirche. Ihnen folgt der Priester in
seinem vollen geistlichen Ornate und mit der Monstranz in der Hand. Über ihm
erblickt ihr, getragen von vier weißgekleideten männlichen Geistern, ebenfalls
einen sogenannten „Himmel“, und vor ihm reihen sich alle die Geister, einer
euch bekannten Prozessionsfahne folgend. Und nun beginnt die Prozession mit den
gewöhnlichen Prozessions-Zeremonieformen. Ihr vermisset sogar die Glöcklein
nicht; ein Kruzifix wird vor dem Himmel getragen und von der ganzen Prozessionsgesellschaft
wird das euch wohlbekannte: „Heilig, heilig, heilig ist unser Herr Gott
Zebaoth“ gesungen und gebetet.
[GS.01_048,02] Nun sehet, der Prozessionszug
bewegt sich eine kleine Anhöhe hinauf; dorthin wollen auch wir dem Zuge folgen.
Diese Anhöhe ist sehr verführerisch, denn sie ist nicht sobald erstiegen, als
man auf den ersten Augenblick meinen könnte.
[GS.01_048,03] Dieser Weg, der da
hinaufführt, ist der eigentliche „katholische Himmelsweg“. Wenn man auf ihm auf
die erste, uns sichtbare Anhöhe gelangt ist, dann erst erblickt man eine
zweite, die wieder höher führt. Ist man auf dieser zweiten Anhöhe angelangt, so
entdeckt man erst wieder eine dritte, und das geht so fort, je nach dem
Gemütszustande der „Himmelauffahrenden“, da sie manchesmal über mehr denn
tausend solche verborgene Anhöhen steigen müssen, bis sie zur sogenannten
„himmlischen Wolkenregion“ gelangen.
[GS.01_048,04] Nicht selten geschieht es dann
auch bei einer solchen Himmelsbesteigung, daß manche des zu langen Weges
überdrüssig werden. Sie wenden sich bei solcher Gelegenheit an den Geistlichen
und fragen ihn, wie lange die Reise wohl noch dauern möchte. Der Geistliche
gibt ihnen dann allezeit den Schrifttext zur Antwort, welcher also lautet: „Wer
da verharret bis ans Ende, der wird selig!“ Nach solcher Antwort geht dann der
Zug wieder weiter.
[GS.01_048,05] Haben sie wieder einige
fünfzig Anhöhen bewältigt, so wird bei dem Geistlichen angefragt, ob man nach
einer so langen Reise nicht ein wenig ausruhen dürfte. Da gibt ihnen dann der
Geistliche folgende Antwort: „Betet ohne Unterlaß!“ Solches besage in der
geistigen Welt, daß man allda nimmer ruhen solle, wenn man einmal auf dem Wege
zum Himmel ist. Denn solches wisse er ganz bestimmt, daß die Saumseligen und
Lauen aus dem Munde Gottes ausgespieen und nicht eingelassen werden in das
Himmelreich. Daher sollen sie nur alle ihre Kräfte zusammennehmen und
weiterziehen, bis sie glückselig das Tor in den Himmel erreicht haben werden.
Auf solch eine Mahnrede geht der Zug wieder weiter.
[GS.01_048,06] Wenn etwa über die nächsten
fünfzig Aufstiege der Geistliche selbst müde wird und auch seine ganze
Gesellschaft kaum mehr zu steigen vermag, so spricht dann der Geistliche:
Höret, ihr Schafe meiner Herde! Hier ist der halbe Weg; hier wollen wir Gott
die Ehre geben und Ihm danken, daß Er uns diesen Punkt hat erreichen lassen.
[GS.01_048,07] Auf solch einer Stelle macht
dann alles halt, man kniet nieder und dankt nach der Meinung des Geistlichen
Gott, und zwar zuerst Gott dem Vater, dann Gott dem Sohne und zuletzt Gott dem
Heiligen Geiste.
[GS.01_048,08] Wenn sich die ganze
Gesellschaft auf diese Weise etwas erholt hat, so geht der Zug dann wieder
weiter. Da aber der Geistliche es in den eigenen Füßen verspürt, daß er bei
allfälligen weiteren Erhöhungen nicht leichtlich mehr einen rastlosen Marsch
wird fortsetzen können, so kündigt er gleich hier an, daß bei der Übersteigung
einer jeden künftigen Anhöhe eine „Passionsstation“ gebetet wird. Bei solchen
Gelegenheiten rastet er dann selbst aus. Wenn aber die zwölf oder im
ungünstigen Falle vierzehn Stationen zu Ende sind und die nacheinander
folgenden, stets etwas steiler werdenden Anhöhen noch kein Ende nehmen, so wird
nach der letzten Station der Rosenkranz angeordnet und ebenfalls absatzweise
auf die allfällig noch folgenden Anhöhen verteilt. Ist der Rosenkranz auf diese
Weise auch zu Ende gebetet und unsere stets gewaltig steiler werdenden Anhöhen
nehmen noch kein Ende, so wendet sich alles an den Priester und fragt ihn, was
denn solches doch bedeute, daß diese Anhöhen bei all seinen Anordnungen dennoch
kein Ende nehmen wollen?
[GS.01_048,09] Da sagt der Geistliche: Ja,
meine lieben Schafe meiner Herde, hier fängt es erst an, wo das Himmelreich
Gewalt braucht; welche es mit Gewalt an sich reißen, die werden es besitzen.
Zugleich aber ordnet der Geistliche auch an, daß man von da an auf einer jeden
neu erstiegenen Anhöhe solle einen Psalm Davids beten. Und so geht dann der Zug
ganz mühselig wieder vorwärts.
[GS.01_048,10] Da aber unser Zug eben alle diese
Schicksale mitmacht und an sich erfährt, so wollen wir ihn von dieser letzten
Rosenkranzabsatzstation von Schritt zu Schritt verfolgen bis ans Ende.
[GS.01_048,11] Sehet, die nächste Anhöhe ist
schon sehr steil und braucht gewaltige Anstrengungen, um sie zu ersteigen. Nach
langem, mühevollem Steigen hat unsere Gesellschaft die Höhe erreicht. Sehet,
wie sich auf der kleinen, ebenen Fläche alle sogleich niederlegen, und der
Geistliche selbst, ein Psalmbüchlein hervorziehend und die Monstranz
unterdessen zur Seite setzend, beginnt den ersten Psalm so langsam als nur
immer möglich zu lesen, damit er und die ganze Gesellschaft dadurch mehr
Ruhezeit gewinnen sollen.
[GS.01_048,12] Nun ist der erste Psalm
gelesen, und unser Geistlicher nimmt wieder die Monstranz, sagt jedoch den vier
Himmelsträgern, da sie hier dem wahren Himmel ohnehin schon sehr nahe sind, so
könnten sie wohl füglichermaßen diesen kleinen Ehrenhimmel an Ort und Stelle
lassen.
[GS.01_048,13] Nach solcher Bestimmung
erheben sich alle wieder und beginnen auch sogleich die mühsame Besteigung der
nächsten Anhöhe. Wie ihr sehet, geschieht diese Besteigung beinahe mehr auf
allen Vieren denn auf zwei Füßen, und unserem Geistlichen, dem Fahnenträger und
dem Kruzifixträger fängt es an, recht übel zu ergehen. Daher läßt sich der
Geistliche auch von mehreren Vorkraxlern, so gut es nur immer sein kann,
hinaufziehen, die Fahnen- und Kruzifixträger aber gebrauchen ihre himmlischen
Insignien statt eines Bergstockes.
[GS.01_048,14] Mit großer Mühe und Anstrengung
wäre wieder ein Absatz erstiegen. Die Fläche dieses Absatzes aber ist knapp so
groß, daß unsere Gesellschaft nur mit genauer Not einen Rastplatz findet. Sie
hat sich wieder gelagert, und der Priester beginnt nun den zweiten Psalm zu
lesen. Wie ihr aber sehet, wird es ihm selbst schon ganz gewaltig bange; denn
er erblickt vor sich wieder eine noch steilere Anhöhe, und wenn er hinabblickt,
so fängt es ihn ganz gewaltig zu schwindeln an.
[GS.01_048,15] Was soll er nun machen? Er
wird in dieser Hinsicht von seinen Himmelbesteigungsgenossen auch mit Fragen
bestürmt, zugleich wird er auch gefragt, wo denn die Staffeln in den Himmel
sind? – Und er (Priester) spricht: Ich meine, diese gewaltigen Gebirgsabsätze
sind die Staffeln; daher erfahret ihr hier selbst, wie rein von jeglicher Sünde
man sein muß, damit sie einen nicht belaste auf diesen ganz gewaltigen
Himmelsstufen. Ferner spricht er noch: Wir werden uns hier teilen müssen; denn
es könnte ja leicht sein, daß wir auf der nächsten Stufe, weil sich der Raum immer
mehr und mehr zu beengen scheint, nicht mehr alle Platz finden dürften, um dort
unter dem Lobe des Herrn und der göttlichen Dreieinigkeit auszuruhen. Daher
gehet ihr, die Beherztesten, voraus und rastet oben so lange aus, bis ihr sehen
werdet, daß wir uns hier erheben, und besteiget dann sobald die nächste Stufe,
falls sich noch eine vorfinden sollte.
[GS.01_048,16] Und wie ihr mit euren
Gemütsaugen selbst sehet, so erhebt sich auch die Hälfte der Gesellschaft und
steigt abermals auf allen Vieren die schon sehr steile Anhöhe hinauf. Einige
kommen hinauf, die andern, welche weniger kräftig sind, gleiten wieder zurück.
Der Geistliche fragt die schon oben Befindlichen, ob es noch eine fernere
Anhöhe gibt. Die rufen zurück: Sieg! Es ist keine Anhöhe mehr; wir stehen am
Anfange einer großen Ebene. In weiter Ferne vor uns erschauen wir auch schon
das himmlische Gewölk und in der Mitte ein starkes Licht; nur können wir noch
nicht ausnehmen, was es ist.
[GS.01_048,17] Nun sehet, alles erhebt sich
auf dieser unteren Stufe, strengt alle seine Kräfte an, und der Geistliche
bindet sich die Monstranz auf dem Rücken an und steigt, ebenfalls auf allen
Vieren, so gut es nur sein kann hinauf.
[GS.01_048,18] Endlich, nach vieler Mühe und
Anstrengung, haben alle glücklich diese letzte Anhöhe erklommen, loben nun den
Geistlichen und sagen: Das ist doch ein sicherer Beweis, daß niemand ohne einen
solchen geistlichen Führer in den Himmel gelangen kann. Der Geistliche aber
spricht: Meine lieben Kinder! Ja, also ist es wahr, weil es Gott Selbst so
angeordnet hat; aber nicht mir, sondern Gott allein gebührt die Ehre! Denn wenn
ich auf mich selbst zurücksehe, so habe ich euch gleichsam mehr durch einen
frommen Betrug, als durch meine Erkenntnis hierhergebracht. Da aber der Herr
Seinen Aposteln selbst die Schlauheit anempfohlen hat, so bin ich dadurch vor
euch gerechtfertigt; und das Gelingen meiner Führung zeigt euch nun, daß ich
euch nach der Lehre unserer alleinseligmachenden Kirche vollkommen redlich und
getreu geführt habe. Lasset uns denn hier wieder in die vorige Ordnung treten
und hinziehen zum ewigen Ziel!
[GS.01_048,19] Der Zug beginnt, von neuem
gestärkt, über diese weite Hochebene, und sehet, wie sich unser Zug hier
ausnehmend schnell bewegt. Das himmlische Gewölk kommt uns näher und näher, und
schon befinden wir uns unter dem himmlischen Gewölk. Ihr sehet da eine große
Mauer, durch welche eine goldene Türe führt, welche aber verschlossen ist. Der
Geistliche tritt hinzu und spricht: Meine lieben Kinder, wir haben gebeten, und
es ward uns gegeben; wir haben gesucht und haben gefunden. Nun aber kommt es
aufs Anklopfen an. Also soll der Träger des Kruzifixes mit dem Kruzifixe zuerst
anklopfen, und zwar dreimal im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen
Geistes, und die Pforte wird sicher aufgetan werden.
[GS.01_048,20] Es geschieht nach den Worten
des Geistlichen. Und wirklich, beim dritten Klopfen öffnet sich die Türe, und
Petrus und der Erzengel Michael erscheinen, prüfen noch unsere Gesellschaft und
lassen sie dann auch samt und sämtlich in den Himmel ein. Nur werden die
gewissen Petrus- und Erzengel-Michael-Attribute hinweggelassen, damit von den
in den Himmel Eintretenden wenigstens der erste, gar zu materielle Funke
ausgelöscht wird.
[GS.01_048,21] Ihr möchtet wohl wissen, ob
das wirklich der Petrus und der Erzengel Michael sei? – Ich sage euch: Solches
alles ist nur eine Erscheinlichkeit und wird im Namen des Herrn bewerkstelligt
von den Engelsgeistern. So ist auch dieser ganze Himmel gestaltet, und es muß
solches alles also sein; denn sonst wäre es nicht möglich, jenen Geistern
beizukommen, welche sich in einem oder dem andern irrtümlich begründet haben.
[GS.01_048,22] Darum findet denn auch ein
jeder die geistige Welt und den Himmel also, wie er sich alles dieses durch seinen
Glauben im Geiste begründlich geschaffen hat, mit Ausnahme des alleinigen
Fegefeuers, welches der Herr aus dem Grunde nicht zuläßt, da dadurch den
Geistern der größte Schaden zugefügt werden könnte, so sie sich in solch einem
kläglichen Befunde dann anstatt an den Herrn nur desto energischer an die
Heiligen wenden möchten und auch an die Hilfe der weltlichen Meßopfer. Dies
alles aber müßte mit der Zeit den Geist gänzlich töten, weil der Geist in
dieser Hinsicht auf die eigene Tätigkeit ganz verzichten würde und würde nur in
einem vermittelten oder unvermittelten Erbarmen Gottes seine Seligkeit suchen,
was mit andern Worten gesagt nichts anderes hieße, als an sich selbst einen
geistigen Mord begehen!
[GS.01_048,23] Ihr fraget hier: Wieso denn? –
Solches ist doch leicht einzusehen. Das Leben des Geistes besteht ja einzig und
allein in der Liebe desselben und dann in der eben dieser Liebe entsprechenden
Tätigkeit.
[GS.01_048,24] Was geschieht wohl mit
jemandem, der sich auf der Welt von aller Tätigkeit losgesagt hat? Er wird am
Ende ganz entkräftet und so schwach, daß er kaum noch einer Fliege zu
widerstehen vermag. Und wenn er dann zufolge solch einer gänzlichen Untätigkeit
notwendig in das größte Elend gelangt, so lehrt die Erfahrung auf der Welt nur
zu vielfach, daß solche Zustände des Menschen zumeist der Grund von
Selbstentleibungen sind. In der geistigen Welt aber würde dadurch ebenfalls ein
geistiger Selbstmord geschehen, weil sich dergleichen Leidende durch die
Anrufung der Heiligen nicht erlöst erschauen und dadurch dann in den völligen
Unglauben und in die gänzliche Verzweiflung übergehen würden, welche aber ist
ein wahrhaftiger Geistestod!
[GS.01_048,25] Warum denn? Weil eine
Verzweiflung im Geiste so viel besagt als eine vollkommene gewaltsame Lostrennung
vom Herrn. Aus diesem Grunde wird ein solcher Zustand sogar in der Hölle nicht
zugelassen. Wenn allda das Böse zu sehr tätig wird, so läßt der Herr die
Bosheit auch strafen, und das auf das Empfindlichste. Ist aber dadurch die
Bosheit wieder eingestellt, so hören auch die Strafe und der Schmerz auf.
[GS.01_048,26] Was jedoch diesen
(katholischen) Himmel betrifft, so ist er dem Leben des Geistes nicht
hinderlich und kann hier als eine gute, lebendige Schule angesehen werden, in
welcher die Geister erst den wahren Himmel zu erkennen anfangen. Auf welche Art
aber solches in diesem unserem Himmel vor sich geht, wollen wir bei der
nächsten Gelegenheit so gründlich als möglich im Geiste beschauen; und somit
gut für heute!
49. Kapitel – An Abrahams Tisch in Anschauung
der hl. Dreifaltigkeit.
[GS.01_049,01] Da unsere Gesellschaft schon
samt und sämtlich eingelassen wurde, so suchen auch wir bei dieser goldenen
Pforte durchzukommen. Der „Petrus“ und der „Michael“ haben aus dem Grunde die
Pforte auch offen gelassen; denn sie wissen schon, was wir hier zu tun haben.
[GS.01_049,02] Ihr kennet die mannigfaltigen
Vorstellungen vom Himmel, welche besonders in der katholischen Kirche gang und
gäbe sind. Solltet ihr nicht völlig in die Vorstellungen eingeweiht sein, so
werdet ihr hier tatsächlich eingeweiht werden. Und so sehet denn vorwärts; wir
nähern uns hinter unserer zahlreichen Gesellschaft soeben der ersten Szene.
[GS.01_049,03] Was sehet ihr da nicht ferne
vor uns? Ihr saget: Wir sehen im weiten Hintergrunde einen überaus prachtvollen
Palast und über dem Palaste ist eine aus lichten Wolken gruppierte Schrift zu
lesen. So wir richtig sehen, steht geschrieben: „Abrahams Wohnung“.
[GS.01_049,04] Gut, sage ich euch; was seht
ihr ferner noch? Ihr saget: Wir erblicken um dieses große Gebäude einen überaus
großen und weitgedehnten Garten, der schon gleich wenige Schritte vor uns
seinen Anfang zu nehmen scheint.
[GS.01_049,05] Es ist wahrhaft wunderbar; wir
erblicken einen beinahe endlos weit gedehnten Tisch, welcher mit den
köstlichsten Speisen gedeckt zu sein scheint, und wenn wir richtig sehen, so
sitzen an beiden Seiten schon eine Menge Gäste und greifen recht tüchtig zu.
Auch sehen wir eine Menge geschäftiger Wesen, welche diese Gäste auf das
Eifrigste bedienen. Auch sehen wir noch, wie sich so manche Gäste recht angelegentlich
mit diesen dienenden Geistern über irgendetwas besprechen.
[GS.01_049,06] Ich sage euch: Ihr sehet ganz
richtig; wir wollen uns daher sogleich samt unserer Gesellschaft, welche soeben
sich gegen den Tisch hinzieht, in diesen Garten begeben und längs dem Tische
unsere Betrachtungen machen.
[GS.01_049,07] Sehet, der Petrus und der
Michael weisen nun unserer Gesellschaft Sitze an und sagen zu ihr: Also setzet
euch denn im Himmelreiche zum Tische Abrahams, Isaaks und Jakobs und genießet
da in überirdischer Fülle die Früchte eurer irdischen Werke, die ihr allezeit
unverdrossen aus großer Liebe zum Himmel zur Ehre Gottes vollbracht habt. –
Unsere Gesellschaft setzt sich überseligen Antlitzes zum Tische und beginnt
auch sogleich recht wacker nach den Speisen und Getränken zu greifen. – Lassen
wir aber jetzt unsere Gesellschaft ganz ungestört und wohlgemut sich sättigen
und gehen wir ein wenig fürbaß.
[GS.01_049,08] Sehet, dort am kaum
erschaubaren Ende dieses langen Tisches sitzen mit starker Glorie umflossen
Abraham, Isaak und Jakob; – und da eben vor uns bespricht sich ein Gast mit
einem der himmlischen Tafeldiener. Was mögen sie etwa miteinander verhandeln? –
Nur ein wenig näher getreten und wir werden es sogleich vernehmen.
[GS.01_049,09] Hört ihr es, soeben fragt ein
schon übersättigter Gast, der nach eurer Zeitrechnung sich schon ungefähr vier
Wochen am Tische sitzend und essend befindet, den Tafeldiener und sagt zu ihm:
Lieber Freund, wie lange wird denn diese herrliche Mahlzeit noch dauern? Und der
Tafeldiener fragt den Gast: Herzensallerliebster Freund, warum fragst du mich
darum? Der Gast spricht etwas verlegen: Lieber Freund, ich würde dich nicht
fragen – ja, wenn ich auf der Erde wäre, so wäre ich fest der Meinung, durch
eine solche Frage eine Sünde begangen zu haben; da ich aber nun im Himmel bin,
allda niemand mehr einer Sünde fähig ist, so weiß ich auch, daß solch eine
Frage keine Sünde ist.
[GS.01_049,10] Der eigentliche Grund meiner
Frage aber ist dieser: Siehe, Gott ewig alles Lob und alle Ehre! Es ist hier
zwar unbeschreiblich herrlich zu sein, und die Speisen und die Getränke sind
wahrhaft himmlisch gut; aber dessen ungeachtet muß ich es dir offen gestehen,
daß mich dieses beständige Einerlei etwas zu langweilen anfängt. Darum habe ich
dich gefragt, wie lange diese Tafel noch währen wird.
[GS.01_049,11] Der Tafeldiener spricht: O
lieber Freund, hast du denn auf der Erde nie gehört, daß die himmlischen
Freuden von ewiger, unveränderlicher Dauer sind; wie kannst du mich demnach
fragen, wie lange noch diese Tafel währen wird? – Siehe, solche Tafel dauert ja
ewig! –
[GS.01_049,12] Sehet, hier erschrickt unser
Gast und fragt den Tafeldiener: Lieber Freund, solches sehe ich wohl ein; aber
ich habe auf der Erde ja auch von einer ewigen Anschauung Gottes gehört. Ich
sehe wohl dort im weitesten Vordergrunde Abraham, Isaak und Jakob; aber von
Gott-Vater, Gott-Sohn und Gott-Hl. Geist ist darunter nirgends etwas zu
erschauen.
[GS.01_049,13] Der Tafeldiener spricht: O
mein lieber Freund, meinst du denn, die göttliche Dreieinigkeit solle dir auf
der Nase sitzen? Da sieh einmal aufwärts dort über Abraham, Isaak und Jakob,
und du wirst sobald Gott in seiner Dreifaltigkeit im unzugänglichen Lichte
erblicken. Solches wirst du auf der Erde doch öfter gehört haben, daß Gott zwar
im Himmel wohne, und alle die Seligen können Ihn von Angesicht zu Angesicht
schauen, d.h. vom Angesichte des Vaters bis zum Angesichte des hl. Geistes,
aber an und für sich wohnt die göttliche Dreieinigkeit ja im unzugänglichen
Lichte! Nun, lieber Freund, willst du etwa einen noch vollkommeneren Himmel?
[GS.01_049,14] Unser Gast spricht: O lieber
Freund! Ich sage dir, mitnichten; ich bin vollkommen zufrieden, wenn ich nur
wenigstens, dir gleich, einen Bedienten machen könnte, um auf diese Weise doch
eine kleine Bewegung zu haben, oder wenn es erlaubt wäre, daß man wenigstens in
diesem großen, schönen Garten nur dann und wann ein bißchen herumgehen dürfte,
so bin ich der Meinung, würde das diese himmlische Seligkeit um ein sehr
Bedeutendes erhöhen!
[GS.01_049,15] Der Tafeldiener spricht:
Lieber Freund, was muß ich vernehmen aus deinem Munde? Dein Begehren klingt ja
wie eine Unzufriedenheit mit dem, was dir Gott im Himmel beschert hat. Du
redest von Bewegung machen und vom Lustwandeln in diesem Garten; hast du denn
nicht selbst allzeit gebetet: Gott, gebe ihnen die ewige Ruhe und den ewigen
Frieden!? Hast du hier nicht eine ewige Ruhe und einen ewigen Frieden? Was
willst du demnach hier für eine Bewegung?
[GS.01_049,16] Der Gast wird ganz verlegen
und spricht endlich zum Tafeldiener: Lieber Freund, ich erkenne, daß solches
alles richtig ist, und daß sich das Himmelreich hier wahrhaft im buchstäblichen
Sinne ausspricht, und ich sehe es auch ein, daß es zufolge der für ewig
ausgesprochenen Wahrheit nicht anders sein kann. Wenn ich aber dagegen bedenke,
daß ich hier auf diesem Flecke ewig werde sitzen müssen, wahrhaftig wahr,
lieber Freund, läuft mir's eiskalt über den Rücken, und ich muß dir dazu noch
offen gestehen, bei solcher Aussicht bezüglich der himmlischen Seligkeit und
bezüglich der himmlischen Freude kommt es mir vor, daß ich als ein armseliger
Landmann auf der Erde um sehr Bedeutendes glücklicher war als jetzt bei dieser
ewigen Aussicht im Himmel! Da ich aber schon einmal im Himmel bin, so sei es
Gott aufgeopfert; das Beste ist hier nur, daß man sich nicht versündigen kann.
[GS.01_049,17] Der Tafeldiener spricht: Ich
sehe schon, daß du mit dem Himmel unzufrieden bist; was soll ich aber mit dir
machen? Deinetwegen kann doch die himmlische Ordnung nicht gestört werden.
[GS.01_049,18] Der Gast spricht: Lieber
Freund, ich habe einmal auf der Erde gehört und auch also gemalte Bilder
gesehen, daß die Seligen auf Wolken knieen und allda unverrückt Gott anschauen,
hier aber ist es ja nur ein Garten; wo sind denn die Wolken? Der Tafeldiener
spricht: Mein lieber Freund, betrachte den Boden nur ein wenig genauer, und du
wirst der lockeren Unterlage gar bald gewahr werden; meinst du denn etwa, das
ist ein Erdreich? Da sieh nur her; ich werde mit meiner Hand den Boden ein
wenig aufrühren, und du wirst dich gleich überzeugen, daß wir uns alle auf den
„himmlischen Wolken“ befinden.
[GS.01_049,19] Sehet, der Tafeldiener schiebt
ein wenig das Gras auf die Seite, und unser Gast erblickt zu seinem nicht
geringen Erstaunen, daß die Unterlage wirklich nur ein leichtes Gewölk ist. Er
wendet sich nach solcher Überzeugung sogleich wieder mit folgender Frage an den
Tafeldiener: Lieber Freund, wenn hier der Boden also gewaltig locker ist, wäre
es denn nicht auch möglich, daß jemand bei einer etwas eigenmächtig
ungeschickten Bewegung gar hindurchfallen könnte? Und wenn solches möglich
wäre, wohin würde er fallen? Es wird etwa doch nicht unter uns das Fegfeuer
sich befinden?
[GS.01_049,20] Der Tafeldiener spricht:
Lieber Freund, solches hast du mitnichten zu befürchten; denn du bist ja nun
ein überaus leichter Geist und dieser Boden ist für dich so fest, als es
dereinst das Erdreich war für deinen Leib.
[GS.01_049,21] Der Gast spricht ferner:
Lieber Freund, erlaube mir noch eine Frage: Ist dieser Boden nur hier in der
Gegend dieses Tisches so fest, oder ist er allenthalben von gleicher
Festigkeit? Der Tafeldiener spricht: Lieber Freund, warum fragst du um solches,
das dich nicht angeht? Hier, wo du deine Seligkeit genießest, siehst du ja
wohl, daß der Boden für Ewigkeiten fest genug ist. Den weiten Garten aber hast
du ja ohnehin nicht zu betreten; was kümmert dich seine Festigkeit? Da du mich
aber schon gefragt hast, so will ich dir gleichwohl darauf sagen, daß der
Garten überall von gleicher Festigkeit ist; sonst würde er uns ja nicht tragen,
so wir fortwährend von allen Seiten her die reichlichen Früchte für diese ewige
Tafel sammeln und hierherbringen.
[GS.01_049,22] Der Gast gibt sich nun endlich
einmal zufrieden, und der Tafeldiener will sich entfernen. Aber unserem Gaste
fällt soeben etwas ein, daher bittet er den Tafeldiener noch um ein Wort und
spricht: Lieber Freund, da wir schon einmal über so manches miteinander Worte
getauscht haben, so möchte ich dich denn doch noch um eines fragen, aber so
ganz unter uns gesagt. Was könnte hier einem denn geschehen, wenn man
allenfalls doch einmal, des zu langen Sitzens überdrüssig, aufstünde und eine
kleine Bewegung machen möchte da über diese herrlichen Fluren hin?
[GS.01_049,23] Der Tafeldiener spricht:
Geschehen würde dir gerade nichts; aber du weißt ja, daß es Gott nicht gerne
sehen würde, wenn ein seliger Geist mit Seiner Anordnung unzufrieden wäre. Was
dir demnach geschehen könnte, wüßte ich dir nicht wohl auseinanderzusetzen; aber
so viel ist gewiß, daß dein leerer Platz sobald besetzt würde und du dich dann
weiter unten hinsetzen müßtest. Überhaupt aber, mein lieber Freund, sehe ich,
daß du während unseres ganzen Gespräches kaum einmal zur Dreieinigkeit
hingeblickt hast; und es heißt, ihr sollet unverwandt Gott anschauen!
[GS.01_049,24] Der Gast spricht: Lieber
Freund, solches ist alles richtig und wahr; aber siehe, mein ganzes Wesen sehnt
sich nun ganz gewaltig nach mehr Freiheit und womöglich auch nach irgendeiner
Tätigkeit; denn bei Gott, ich muß dir sagen: Also, wie es jetzt ist, halte ich
es keinen Augenblick mehr aus, geschweige erst eine Ewigkeit!
[GS.01_049,25] Nun sehet, unser Gast erhebt
sich und läuft davon, was er nur kann; und wie ihr auch leichtlich sehet, sein
Beispiel findet Nachahmer. Die Tafeldiener setzen ihnen nach, und wenn sie sie
werden eingeholt haben, wollen auch wir sie einholen und da unsere ferneren
Betrachtungen machen und sehen, welchen Ausgang diese Geschichte nehmen wird.
Und somit gut für heute!
50. Kapitel – Unhaltbarkeit dieser
materiellen Himmels-Idee.
[GS.01_050,01] Nun seht, wir sind schon
beisammen; sehet ferner, die entlaufene Gesellschaft ist an die Grenze des
großen Gartens gekommen. Dieser ist da mit einer durchsichtigen Mauer umfangen,
welche, wie ihr euch in eurem Gemüte überzeugen könnt, zwar der
Erscheinlichkeit nach als eine sehr schöne Zierde für diesen Garten dasteht;
aber sie hat eben durch ihre Durchsichtigkeit das Fatale an sich, daß man durch
sie jenseits des Gartens in einen ganz entsetzlichen Abgrund hinabsieht. Unsere
Gäste würden mit dem Reißaus gleichwohl noch einen weiteren Versuch machen, und
mit der Überklimmung nicht zu schwer fertig werden; aber dieser fatale, uns nun
schon bekannte Umstand hindert sie an solch einem Unternehmen. Wir erblicken
unsere ganze Gesellschaft daher auch ganz verblüfft an der Mauer stehen, und
keiner aus den Gästen weiß nun, was er ferner tun soll. Wie ihr aber zugleich
sehet, so nähern sich ihnen auch schon mehrere Tafeldiener, und ein Anführer
der Tafeldiener nähert sich der etwas schüchternen Gesellschaft und redet sie
folgendermaßen an: Liebe Freunde und Brüder: Was habt ihr denn getan? Die
Gesellschaft erwidert: Vergebet uns, liebe Freunde, wir taten nichts anderes,
als was wir für ein notwendiges Lebensbedürfnis in uns fühlten. Wir können dich
aus diesem unserem innersten Lebensbedürfnisse heraus versichern, daß es mit
diesem Himmel – zufolge der uns nur zu wohlbekannten Bewandtnisse – unmöglich
seine völlige Richtigkeit haben kann; und darum haben wir auch diesen uns
bewegenden Versuch gemacht.
[GS.01_050,02] Der erste Tafeldiener spricht:
Das sehe ich wohl ein, daß euch das lange Sitzen und das beständige Essen, wie
auch die immerwährend einförmige Anschauung eurer göttlichen Dreifaltigkeit hat
müssen zu langweilen anfangen. Aber wenn ihr euch wieder an euer Leben
zurückerinnert, so habt ihr ja doch wahrlich bis zu eurer letzten Stunde um
nichts anderes gebeten, als um „die ewige Ruhe“, und um ein „ewig leuchtendes
Licht“, und daß ihr auch am „Tische Abrahams, Isaaks und Jakobs im
Himmelreiche“ möget „gesättiget“ werden und allda „Gott von Angesicht zu
Angesicht anschauen, welcher da wohnt im ewig unzugänglichen Lichte“. Wenn euch
nun solches alles buchstäblich und getreu geworden ist, wie mag es euch denn
unrecht sein?
[GS.01_050,03] Der redeführende Gast spricht
darauf: Lieber Freund! Ich will im Namen der ganzen Gesellschaft zu dir reden,
und so wolle uns denn gütigst vernehmen! Wir glaubten auf der Erde alles fest
und ungezweifelt, was uns unsere Kirche zu glauben vorstellte, und dachten uns
dabei: Wenn wir redlichen Sinnes streng nach der Lehre dieser Kirche wandeln,
tätig im Glauben nach der den Glauben lebendig machenden Liebe, da kann es mit
uns auf keine Weise gefehlt sein; denn es ward uns ja immer gepredigt, daß
„diese Kirche nicht irren und fehlen kann, da sie im beständigen Vollbesitze
des hl. Geistes wäre!“ Nun siehe, wir haben zwar richtig alles das erreicht,
wie uns die Kirche gelehrt hat, und wie wir es auch immer fest geglaubt haben.
[GS.01_050,04] Aber leider ging uns erst bei
der Erreichung alles des Geglaubten ein anderes Licht auf, und zufolge dieses
Lichtes sind wir nun auf die Vermutung gekommen, es müsse irgendwo einen anders
gearteten Himmel geben. Denn dieser Himmel, in dem wir uns jetzt befinden, ist
ja im buchstäblichen Sinne des Wortes und der Bedeutung nichts anderes als eine
allerbarste Gefangenschaft. Was nützt die ewige wohlbesetzte Tafel, was die
ewige Anschauung der drei göttlichen Personen, wenn alles dieses ewighin keinem
angenehmen Wechsel unterworfen ist? Und dann erlaube, guter Freund, das ewige
Sitzen! Dieser Gedanke müßte mit der Zeit ja doch einen jeden noch so
befangenen Geist zur Verzweiflung treiben!
[GS.01_050,05] Wir müssen freilich
eingestehen, daß einem das Sitzen keinen Schmerz bereitet, wie solches auf der
Erde der Fall war. Auch ist es eben nicht unangenehm, sich fortwährend in einer
überaus schönen und frommen Gesellschaft zu befinden; auch das Auge wird
allzeit beim Anblicke der göttlichen Dreieinigkeit alleranmutigst angeregt. Die
Speisen und Getränke sind so wohlschmeckend, daß sie dem Gaumen und dem Magen
nicht zuwider werden; dann und wann hört man von der großen Tafelgesellschaft
auch gar lieblich angenehme Gesänge, welche das Ohr alleranmutigst berühren.
[GS.01_050,06] Siehe, solches alles wäre in der
Ordnung. Aber zu allem diesem denke dir, lieber Freund, die entsetzliche
Ewigkeit hinzu, so muß es dich, wenn du übrigens ein menschlich lebendiges
Gefühl in dir trägst, selbst bis in den innersten Grund schaudern. Denn solches
ist ja doch, wie man auf der Welt zu sagen pflegte, logisch richtig, daß das
Leben eine freie bewegende Kraft ist. Siehe, diese Kraft empfinden wir in uns
und sollen aber dennoch trotz dieser lebendigen Empfindung ewig an der Tafel
sitzen! Wäre das nicht ein kaum auszusprechender Widerspruch mit dem Begriffe
des Lebens?
[GS.01_050,07] Dazu muß ich dir auch noch aus
meiner Erfahrung, die ich auf der Welt gemacht hatte, eine Bemerkung
hinzufügen, und ich glaube, du wirst das Unnatürliche dieses Himmels
hinsichtlich des menschlichen Gefühles gar leichtlich ersehen. Als ich auf der
Welt als ein junger, lebenskräftiger Mann von etwa dreißig Jahren ledig
einherging, da kam mir einst wie durch einen Zufall ein Mädchen unter. Dieses
kam mir so himmlisch schön vor, daß ich mir in meinem Herzen sagte: Mein Gott
und mein Herr! Wenn du mir dieses Mädchen zum Weibe werden ließest, so wäre ich
damit mehr beglückt, als wenn du mir alsogleich den Himmel zum freien Eingange
eröffnen möchtest! Ich habe es mir auch in meinem Herzen selbst gleich geschworen
und sagte, dieser himmlische Engel muß mir zum Weibe werden! Nach solch einem
Schwure bot ich auch alles Mögliche auf, um mich in ihren Besitz zu setzen. Es
kostete mich gar viele Mühe und Anstrengung. Aber je mehr ich um diesen
irdischen Engel kämpfen mußte, desto seliger dachte ich mir dabei in meinem
Gefühle dessen Besitz, ja, meine Gefühlsphantasie ging so weit, daß ich mir im
Ernste vorstellte, wenn dieser weibliche Engel ewig vor mir stände und ich ihn
nur stets vom Fuß bis zum Kopf betrachten könnte, so könnte ich mich unmöglich
ewig daran satt sehen!
[GS.01_050,08] Und siehe, nach vielen
bitteren, bei zwei Jahre lang andauernden Kämpfen ward dieser weibliche Engel
mir wirklich zum Weibe. Fürwahr, in der ersten Zeit glaubte ich es selbst kaum,
daß ich im Ernste der Glückliche sei, der nun mit vollstem Rechte zu diesem
Engel sagen könne: Mein geliebtes Weib! Ich war zu glücklich. Aber siehe, nach
ungefähr zwei Jahren war mir dieser Engel so etwas Gewöhnliches, daß es mir
nicht selten eine bedeutende Selbstverleugnung kostete, wenigstens anstands-
und ehrenhalber bei ihm zu Hause zu bleiben. Ich war anfangs in meinem Herzen
auch so eifersüchtig, daß ich mit einem wirklichen Engel des Himmels aufbegehrt
hätte, wenn sich dieser wagte, meinem überhimmlischen Ideale sich zu nähern.
Aber nach zwei Jahren, muß ich dir zu meiner eigenen Schande aufrichtig
gestehen, war ich nicht selten recht froh, wenn dann und wann mein Ideal des
Himmels einige Besuche erhielt, damit ich dabei die Zeit gewann, ein wenig in
die freie göttliche Natur hinauszuwandeln.
[GS.01_050,09] Und siehe, damals schon dachte
ich mir: Mein Gott und mein Herr! Wenn es dereinst mit dem Himmel auch eine
solche Bewandtnis haben sollte, so wird er eben nicht dem Bedürfnisse des
Menschen entsprechen. Dennoch aber dachte ich mir dabei: Wenn der Himmel auch
ein ewiges Einerlei sein sollte, so wird aber doch Gott die Gefühle des
unsterblichen Geistes so modulieren, daß ihm dann das ewige Einerlei dennoch
eine ewige unaussprechliche Wonne bereiten wird. Und jetzt habe ich auch den
wirklichen Himmel verkostet, und ich sage dir, es geht mir um kein Haar besser;
im Gegenteile, noch ums sehr Bedeutende schlechter, als es mir mit meinem
irdischen Himmel ergangen ist. Wenn mir der Herr das fatale Gefühl der
Langeweile, besonders bei dieser ewigen Aussicht des Einerlei, nicht aus meinem
Leibe schafft, so wäre es mir wirklich viel lieber, wenn Er mich wieder auf der
Erde zu einem ewigen Holzhacker möchte werden lassen. Denn, lieber Freund, noch
einmal gesagt, das Gefühl bezüglich der ewigen Dauer alles dessen, was man hier
genießt, und nicht die allerleiseste Abwechslung dabei, ist etwas
Entsetzliches!
[GS.01_050,10] Nun urteile du nach dieser
meiner Notrede und tue mit uns, was du willst. Zu der Tafel aber lasse ich mich
nicht mehr bringen, da kannst du schon machen, was du willst. Eher noch will
ich ewig in diesem Garten herumschwärmen, und wenn es mich hungert, mir dann
von den Bäumen selbst eine Sättigung herunterlocken; aber, wie gesagt, nur zu
der Tafel nicht mehr!
[GS.01_050,11] Ich muß dir auch sagen, daß
mir die Rückerinnerungen an das tätige Leben auf der Erde fürwahr hier noch ein
größeres Vergnügen schaffen, als die ganze himmlische Tafel, mit Ausnahme,
versteht sich von selbst, der Anschauung der göttlichen Dreieinigkeit, worüber
sich zwar freilich auch etwas sagen ließe. Aber der Gegenstand ist zu heilig,
und wir sind nicht würdig, uns über denselben näher auszusprechen. Daher
beurteile nur dieses und handle darnach!
51. Kapitel – Die wahre Dreieinigkeit. Die
Sünde wider den heiligen Geist.
[GS.01_051,01] Der Tafeldiener spricht: Mein
lieber Freund! Ich verstehe dich gar wohl, was du mir sagen willst, nur
begreife ich nicht, warum du dir bei deinem Leibesleben von dem Himmel keine
andere Vorstellung machtest und hast doch nicht selten die Briefe des Paulus
gelesen. Sage mir, was dachtest denn du dir dabei, als du lasest: „Wie der Baum
fällt, so auch bleibt er liegen“? – Du zuckst nun mit den Achseln und weißt
nicht, was du mir antworten sollest. Ich aber sage dir, daß der Baum gerade
eben deinen Glauben bezeichnet und besagt mit anderen Worten nichts anderes
als: Wie du glaubst, so wird es dir werden! – Denn wie der Glaube ist, also ist
auch die Erkenntnis; wie die Erkenntnis, also auch die Anregung zur Tätigkeit
aus derselben; wie aber die Anregung zur Tätigkeit, also auch die Liebe, welche
aber ist das eigentlichste Leben des Geistes.
[GS.01_051,02] Siehe, also habt ihr alle an
einen Himmel geglaubt, wie er nun vor euch ist, und handeltet auch redlich
darnach, um diesen Himmel zu erlangen. Und wie also der Baum nach der Fällung
aus dem irdischen Leben ins geistige eurem Innewerden zufolge gefallen ist,
also liegt er auch. Ich kann euch unmöglich einen anderen Himmel geben, als den
ihr euch selbst gegeben habt; denn es steht ja in der Schrift: „Das Reich
Gottes kommt nicht mit äußerem Schaugepränge, sondern es ist innen in euch.“ So
ist auch dieser gegenwärtige Himmel eine Ausgeburt eures in eurem Inwendigsten
begründeten Glaubens. Was wollet ihr demnach nun machen? Könnt ihr euren
Glauben aus euch bringen? Könnt ihr etwa gar Lutheraner werden, oder gar reine
Evangelische?
[GS.01_051,03] Der Gast spricht: Lieber
Freund! Davor solle uns die hl. Dreieinigkeit bewahren; denn solches könnte uns
am Ende gar noch in die Hölle bringen!
[GS.01_051,04] Der Tafeldiener spricht: Ja
nun, was wollt ihr denn hernach? Es bleibt für euch demnach nichts anderes
übrig, als euch für alle ewigen Zeiten der Zeiten hier in der vollkommensten
Ruhe zu verhalten.
[GS.01_051,05] Der Gast spricht: Lieber
Freund, wie wäre es denn, wenn wir wieder dort hinab zurückkehren dürften, wo
wir nach unserem Tode alsogleich angelangt sind? Dort wäre es mir viel
angenehmer, und ich wollte daselbst ja alles tun, was mir nur immer möchte
anbefohlen werden. Kurz und gut, gegen eine nur mäßige Kost möchte ich alle
Arbeiten zum Frommen anderer verrichten. Solches wäre mir, wie ich empfinde,
ums Unbegreifliche angenehmer als das ewige Sitzen hier.
[GS.01_051,06] Der Tafeldiener spricht: Ja,
ja, mein lieber Freund, solches alles begreife ich ebensogut wie du, aber nur
begreife ich nicht, wie ich dir schon früher erwähnt habe, warum du auf der
Welt zu keiner bessern Vorstellung des Himmels gelangen mochtest, und das zudem
noch, da du dich doch nicht selten in einer ziemlich lang gedehnten Messe in
dir selbst ganz entsetzlich gelangweilt hast und paßtest nicht selten mit
großer Sehnsucht auf das „Ite missa est“
[GS.01_051,07] Der Gast spricht: O lieber
Freund, ich gestehe es dir, du hast es auf ein Haar erraten; also ist es mir
gar oft ergangen. Ich habe solchen Fehler auch allzeit treulich gebeichtet und
konnte ihn aber dennoch nicht aus mir hinausbeichten. Der Geistliche hat mir
solches als eine boshafte Wirkung des Teufels erklärt, und ich bemühte mich mit
großer Selbstverleugnung, das hl. Meßopfer mir so angenehm als möglich
vorzustellen; aber leider war alle meine Mühe vergeblich. Ich betete zwar alle
Gebete aus einem guten Meßbuche und unterhielt mich daher während der Messe so
gut und so andächtig, als es mir nur immer möglich war. Aber ich konnte es
nicht dahin bringen, daß es mir am Ende leid gewesen wäre, wenn das Meßopfer zu
Ende war, sondern allzeit war ich so ganz heimlich froh, wenn ich wieder aus
der Kirche kam. In Sommertagen, wenn es eben nicht zu heiß war und zugleich
auch noch eine gute Chormusik das Meßopfer begleitete, da ging es noch an;
aber, lieber Freund, im Winter, da hab' ich es, ich muß dich aufrichtig
versichern, nicht selten für eine Art sündenreinigendes Fegfeuer betrachtet; also
am allerwenigsten für einen himmlischen Grad. Daß ich mir aber auf der Erde
dergleichen Einerlei erträglich vorstellte, und so auch die Monotonie des
Himmels, wie ich sie mir dachte und wie sie uns gelehrt wurde, dürfte wohl
darin seinen Grund gehabt haben, daß ich mich mit dergleichen monotonen
Vorstellungen dennoch in der durch allerlei Erscheinlichkeiten und eigene
Tätigkeiten stets abwechselnden Welt befand.
[GS.01_051,08] Allein hier, wo aller dieser
Wechsel wie mit einem Schlage vernichtet ist; hier, wo es keine Nacht gibt,
nichts zu tun, ein ewiger Müßiggang, ein fortwährend gleichartiger Anblick,
siehe, da fällt einem erst das eigentliche Schale auf. Daher bitte ich dich,
rede du für uns mit Abraham, Isaak und Jakob, sie sollen uns entweder etwas zu
tun geben, oder uns wieder, wie schon früher bemerkt, hinablassen in die untere
Gegend, wo wir doch vielleicht möchten etwas zu tun bekommen; denn also halten
wir es auf keinen Fall aus.
[GS.01_051,09] Der Tafeldiener spricht: Aber
was verlangst du! Was willst denn du hier tun? Was unten? Habt ihr nicht auf
der Erde schon geglaubt und gesagt: Der Herr Gott Zebaoth ist ein allmächtiger
Gott und bedarf des Dienstes der Menschen nicht. Nur auf der Welt lasse Er sie
aus Seiner Erbarmung heraus arbeiten, damit sie sich den Himmel verdienen
möchten? Hier in Seinem Reiche aber habe es dann mit jeder Arbeit ein Ende!
Siehe, das war ebenfalls euer Glaube; was willst du aber hier neben der
göttlichen Allmacht tun? Wird diese wohl deines Dienstes bedürfen?
[GS.01_051,10] Der Gast spricht: O lieber
Freund, glaube es mir, ich erkenne nun meinen gewaltigen Irrtum und gestehe es
dir offen, daß wir uns samt und sämtlich hier in einem förmlichen Strafhimmel
befinden; denn aus dieser deiner Frage bin ich es nun vollkommen inne geworden.
Wenn der Herr uns auf der Erde aus purer Erbarmung hat arbeiten lassen, um uns
einen Himmel zu verdienen, so sehe ich es wahrhaftig nicht ein, warum Seine
Barmherzigkeit, Seine unendliche Liebe und Güte gerade im Himmel ein Ende
nehmen soll.
[GS.01_051,11] Lieber Freund, ich kenne es
dir an der Stirne an, daß du etwas anderes im Hintergrunde hast. Wir bitten
dich darum alle inständigst, halte uns nicht länger an und tue uns den
wahrhaftigen Willen Gottes kund! Wir wollen ja alles tun und uns in alles
fügen; aber nur zu diesem im buchstäblichen Sinne des Wortes überaus langen und
somit auch überaus langweiligen Tische bringe uns nicht mehr; denn fürwahr, ich
für meine Person möchte lieber sterben, wenn es möglich wäre, und somit auch zu
sein aufhören, als zu sein gleich einem gefräßigen Polypen auf dem Grunde
dieses unermeßlichen Lichtmeeres!
[GS.01_051,12] Der Tafeldiener spricht:
Lieber Freund und Bruder! Siehe, jetzt erst bist du reif, und ich kann dir und
euch allen die Wahrheit kund tun, – und so höret es denn:
[GS.01_051,13] Dieser Himmel, den ihr hier
sehet, ist lediglich nichts anderes als eine Erscheinlichkeit eures
irrtümlichen Glaubens; die Dreieinigkeit, die ihr sehet, stellt den
Kulminationspunkt eures Irrtums dar.
[GS.01_051,14] Wie habt ihr es je denken
können, daß drei Götter am Ende doch ein Gott sein sollen?! Daß ein jeder
dieser drei Götter etwas anderes verrichte, und dennoch sollen die Drei ganz
vollkommen einer Wesenheit und Natur sein? Ferner, wie habt ihr euch können
einen müßigen Gott vorstellen, der doch das allertätigste Wesen von Ewigkeit
her war? Sehet, aus dem Grunde habt ihr euch dann auch ein müßiges ewiges Leben
vorgestellt, ohne zu bedenken, daß das Leben eine Tatkraft ist, welche Gott aus
Seiner ewigen Tatkraft heraus allen Seinen lebendigen Geschöpfen eingehaucht
hat.
[GS.01_051,15] Hat der Herr auf der Erde
nicht gelehrt, daß Er und der Vater vollkommen Eins sind? Hat Er nicht gesagt:
„Wer Mich sieht, der sieht auch den Vater“? Hat Er nicht auch gesagt: „Glaubet
ihr, daß Ich im Vater und der Vater in Mir ist?“ Sehet, solches alles hätte
euch ja doch gar leicht auf den Gedanken bringen können, daß der Herr nur Einer
ist und also auch nur eine Person; aber nicht ein Dreigott, wie ihr Ihn euch
vorgestellt habt.
[GS.01_051,16] Ihr sagt mir hier freilich
wohl: Lieber Freund, du weißt ja, wie da unserem Glauben die Fesseln angelegt
waren. Wir vermochten ja unmöglich etwas anderes zu erkennen, als das nur, was
uns die Kirche unter allerlei Androhungen von ewigen Strafen in der Hölle und
im Gegenteil auch wieder unter einer stets unbestimmten Anpreisung des Himmels
gelehrt hat, und daß sie allzeit hinzugesetzt hat: „Kein Auge hat es gesehen,
kein Ohr gehört, und in keines Menschen Sinn ist es gekommen, was Gott denen bereitet
hat, die Ihn lieben!“
[GS.01_051,17] O Freunde und Brüder! Solches
alles weiß ich gar wohl, daß ihr betrogen und in eine große Irre geführt waret.
Darum auch ist der gegenwärtige, euch erlösende Augenblick gekommen, in welchem
ihr erst den wahren Gott und den wahren Himmel sollet erkennen lernen.
[GS.01_051,18] Ihr habt in dem Worte des
Herrn gelesen, unter welchen Formen Er das Himmelreich dargestellt hat! Wenn
ihr welch immer für eine Form nur einigermaßen genau betrachten wollet, so muß
es euch ja wie ein Blitz in die Augen springen, daß der Herr niemals ein
müßiges, sondern ein unter allerlei Formen nur überaus tätiges Himmelreich
verkündiget hat.
[GS.01_051,19] Also wendet euch denn nun auch
an den alleinigen Herrn Jesum Christum, denn Er ist der alleinige Gott und Herr
Himmels und der Erde. Wendet euch aber in eurer Liebe zu Ihm, und ihr werdet
alsobald in Ihm und aus Ihm in euch die wahre Bestimmung des ewigen Lebens
finden und dann allerklarst erschauen.
[GS.01_051,20] Diese (irrige) Dreieinigkeit
aber muß in euch völlig untergehen, auf daß ihr die wahre Dreieinigkeit, welche
da ist die Liebe, Weisheit und daraus hervorgehende ewige Tatkraft in dem
alleinigen Herrn Jesus, erkennet!
[GS.01_051,21] Denket nicht, daß bei der
Taufe Christi eine göttliche Dreipersönlichkeit geoffenbart ward; denn solches
alles war ja nur eine Erscheinlichkeit, vom Herrn zugelassen, damit die
Menschen dadurch sollten in dem Einen Herrn die volle Allmacht und die volle
Göttlichkeit erkennen. Denn damals hat wirklich die Weisheit Gottes, als Sein
ewiges Wort aus der ewigen Liebe hervorgehend, das Fleisch angenommen und hieß
Gottes Sohn, welches ebensoviel besagt als: Die Weisheit ist die Frucht der
Liebe und geht aus derselben hervor wie das Licht aus der Wärme. Und die ersichtliche
Gestalt des Geistes Gottes über dem Sohne bezeichnete erscheinlich nur, daß die
ewige unendliche Kraft Gottes zwar also wie die Weisheit aus der Liebe gehend,
aber dennoch durch die Weisheit wirket, also wie die Wärme der Sonne im
fortgepflanzten Lichte die Wirkungen hervorbringt.
[GS.01_051,22] Wenn ihr nun dieses alles
einsehet, so werdet ihr es ja auch leichtlich begreifen, daß in dem Herrn, weil
in ihm das gesamte unendliche Licht der Weisheit vorhanden war, also auch die
gesamte unendliche Liebe, wie aus den Beiden die gesamte unendliche göttliche
Tatkraft vorhanden sein mußten.
[GS.01_051,23] Denn also spricht ja auch
Johannes: „In Christo wohnt die Fülle der Gottheit“, und spricht eben auch: „Im
Anfange war Gott; Gott war das Wort, und das Wort war bei Gott; das Wort ist
Fleisch geworden, und hat unter uns gewohnt.“ – Ihr saget zwar, es hieße also:
„Im Anfange war das Wort, Gott war das Wort; denn das Wort war bei Gott, und
Gott war im Worte.“ Solches ist einerlei! denn Gott und Wort ist eines und
dasselbe wie Sohn und Vater. Oder wenn ihr saget: Wort und Gott, welches
ebenfalls eines ist wie Sohn und Vater, da ist nicht eines früher denn das
andere, denn Vater und Sohn oder Gott und das Wort oder Liebe und Weisheit sind
von Ewigkeit her vollkommen Eins. Daher möget ihr auch den Text aus Johannes
drehen, wie ihr wollet, so hat sein Zeugnis immer einen und denselben Sinn,
nämlich, daß der Herr Einer ist, sowohl als Vater, als Sohn und als Geist!
[GS.01_051,24] Ihr saget, wie demnach solches
zu verstehen wäre, da der Herr die Sünde wider den Vater und den Sohn als
nachläßlich darstellte, aber die „Sünde wider den hl. Geist“ nicht? Solches ist
ja doch leicht begreiflich; wer da kämpfet gegen die göttliche Liebe, den wird
die göttliche Liebe ergreifen und wird ihn zurechtbringen, und wer da kämpfet
wider die göttliche Weisheit, dem wird die göttliche Weisheit das gleiche tun.
Sage mir aber, so es einen Toren gäbe, der da möchte gegen die unendliche
göttliche Macht und Kraft sich im Ernste auflehnen, was kann wohl dessen Los
sein, als daß ihn die göttliche unendliche Kraft ebenfalls ergreife und ihn
verwehe hinaus in die Unendlichkeit, aus welcher er einen gar verzweifelt
langen Rückweg haben wird, um sich wieder möglicherweise der Liebe und Erbarmung
Gottes zu nähern.
[GS.01_051,25] Siehe, also tut ja alles
dieses nur immer einer und derselbe Herr und erweiset sich jedem Menschen wie
der Mensch will. Wer es demnach mit Seiner Kraft aufnehmen will, dem wird es
der Herr auch zu verkosten geben, wie da schmecket Seine Allmacht gegen die
Ohnmacht eines Geschöpfes! Denke dir aber ja nicht, daß der Herr solch einen
törichten Kämpfer verdamme und vernichte; denn solches alles tut der Herr aus
Seiner unendlichen Liebe, damit niemand verloren gehe. – Solches nun erwäget in
euch, und ich will dann wiederkommen und euch führen, dahin, wie ihr es in euch
werdet erkannt und gefunden haben!
52. Kapitel – Die wahre Armut im Geiste.
Gefahr des blinden Skeptizismus.
[GS.01_052,01] Nun sehet auch ihr! Die
Tafeldiener entfernen sich, und unsere Gesellschaft steckt die Köpfe zusammen.
Solches besagt im Geistigen, eines Sinnes werden. Was verhandeln sie wohl
jetzt? Nur eine kleine Geduld, wir werden es alsbald vernehmen. Derjenige, der
früher mit dem Tafeldiener zumeist gesprochen hat und einst auf der Welt ein
Landmann war, dieser wird sich auch jetzt bald hervortun und wird diese ganze
Gesellschaft seinen Vorschlag vernehmen lassen. Ihr möchtet ihn wohl schon
vernehmen. Ich aber sage euch: Solches kann im Geiste nicht so plötzlich
geschehen. Das Innewerden des Geistes in seinem reinsten und vollkommensten
Zustande ist zwar für eure Begriffe unglaublich schnell; aber das Innewerden
eines unvollkommeneren Geistes ist dafür um desto mühevoller und langsamer. Ihr
fraget: Warum denn so? Solches ist doch sehr leicht zu begreifen; weil der
Geist nichts hat, nach dem er greifen könnte, sondern all sein Eigentum ist nur
sein Inneres.
[GS.01_052,02] Der vollkommene Geist hat das
vollkommene Gute und Wahre in einer endlos großen Überfülle in sich; daher ist
auch sein Innewerden in all dem geistig reell Wahren und Guten ein unglaublich
schnelles. Der unvollkommenere Geist aber hat nichts in sich denn Irriges. Wenn
er nun im Guten und völlig Wahren einen Fortschritt machen soll, so muß er
zuerst nach seinem Irrtümlichen greifen, es in sich als Irrtümliches erkennen,
dann das Irrtümliche aus sich hinausschaffen und dadurch in eine große Armut
versinken, damit er ein wahrhaftiger Armer im Geiste wird. Durch diese Armut
oder völlige geistige Begriffsleere erst wird dann der göttliche Funke, welcher
da ist das Liebetätigkeitsgute, frei, fängt an, sich stets mehr und mehr
auszudehnen und sonach die früher geistige Leere mit einem neuen Lichte
auszufüllen. Erst in diesem Lichte kommt der Geist zu einem stets vollkommener
werdenden Innewerden. – Und so sehet denn, daß es unserer Gesellschaft eine
ziemliche Mühe kostet, dieses geschauten Himmelsbildes flottzuwerden.
[GS.01_052,03] Sie sehen noch immer alles
das, was sie im Anfange geschaut haben. Solches aber beurkundet, daß sie ihr
Innewerden von rein Wahrem und Gutem noch nicht um vieles geändert haben. Ihr
möchtet nun wohl wissen, was davon der Grund sein dürfte, indem der
Tafeldiener, wie ihr zu sagen pflegt, dieser ganzen Gesellschaft die Wahrheit
doch ganz tüchtig unter die Nase gerieben hat?
[GS.01_052,04] Ich sage euch, da kommt es oft
auf einen kleinen Punkt an; denn alle diese katholischen Himmelshelden sind im
Grunde nichts als blinde Skeptiker. Der Skeptizismus aber ist bei dem Menschen
das, was der Sportenkäfer den Bäumen ist; es bedarf nicht mehr als eines
einzigen nicht völlig stichhaltigen Punktes. Dieser Punkt wird dann zu einem
sich reichlich reproduzierenden schädlichen Wahrheitsinsekt, das am Ende große
Wälder von Lebens- und Erkenntnisbäumen verdirbt.
[GS.01_052,05] Ihr fraget hier und saget:
Lieber Freund, worin besteht denn der gefährliche Punkt bei dieser
Gesellschaft? Ich sage euch, dieser Punkt ist an und für sich kaum
beachtenswert. Aber der Skeptiker, der alle Fasern des Lebens- und
Erkenntnisbaumes benagt, setzt diesen unbedeutenden Punkt unter ein überaus
vergrößerndes Mikroskop und entdeckt dann in diesem unscheinbaren Punkte ganze
Berge von Unebenheiten, welche sich dann mit der natürlich geschauten
Oberfläche des lebendigen Holzes freilich wohl nicht vereinbaren lassen.
[GS.01_052,06] Die Ursache aber liegt darin,
daß diese Skeptiker mit ihrem Verstandesmikroskope nun beständig auf diesem
unbedeutenden Punkte herumreiten; aber keinem fällt es bei, das Mikroskop ihres
Verstandes über die Grenzen dieses Punktes hinauszurichten, auf daß sie dadurch
erschauten, wie sich dieser ihnen gar so uneben vorkommende Punkt mit dem
andern Lebensholze verbinde.
[GS.01_052,07] Damit ihr aber nun sehet,
worin dieser Punkt besteht, so mache ich euch darauf aufmerksam, daß nämlich
der Tafeldiener die angeführten Schrifttexte dem außen nach etwas durcheinander
geworfen hat. Eine Korrektur habt ihr gleich während der Unterredung vernommen.
Der Tafeldiener hat scheinbarer Weise einen Text aus dem Paulus genommen und
ihn vom Johannes ausgesagt. Da aber der Redner dieser Gesellschaft und noch
einige in der Schrift ziemlich bewandert sind, so ist ihnen solches
aufgefallen, und das ist auch zuallermeist der Grund, warum sie ihre Köpfe
zusammengesteckt haben.
[GS.01_052,08] Und unser Redner hat ihnen
alsogleich heimlich bemerkt und gesagt: Meine lieben seligen Freunde! Wenn
dieser Tafeldiener in der göttlichen Wahrheit so recht zu Hause wäre, da hätte
er doch wohl nicht leichtlich den Paulus mit dem Johannes verwechselt. So aber
hat er offenbar etwas von Johannes ausgesagt, was nur der Paulus gesprochen
hat, – und dieser Punkt ist mir genug, zu glauben, daß unser Tafeldiener in der
eigentlichen göttlichen Wahrheit nicht zu Hause ist; und so dürfte es wohl mit
allem, was er gesprochen hat, einen sehr bedeutenden Anstand haben.
[GS.01_052,09] Ich bin daher der Meinung, daß
dieser Himmel zwar vollkommen ein wahrer Himmel ist. Nur was es da mit der
Tafelgefangenschaft nach der Erzählung und Unterweisung eben dieses
Tafeldieners für eine Bewandtnis hat, da meine ich, solches sei ebenfalls auch
nur eine uns stark einen blauen Dunst vormachende Mutmaßung desselben. Wir sind
frei und können zur Tafel gehen, wann wir wollen, können uns aber auch in
diesem großen Garten bewegen wie wir wollen. Und ich bin der Meinung, jener
große und herrliche Palast dort hinter der großen und langen Tafel wird uns
wohl auch zur Besichtigung und vielleicht gar zur Bewohnung freistehen; denn
der Herr hat ja gesagt: „In Meines Vaters Reiche sind viele Wohnungen!“ Also
kann es ja in diesem überaus großen Palaste eine Unzahl von Wohnungen geben;
oder es kann gar wohl eine Unzahl von solchen Palästen weiterhin noch vorhanden
sein. Daher meine ich, wir sollten unseren in der Heiligen Schrift schwach
bewanderten Tafeldiener nicht mehr abwarten, sondern uns nach unserem freien
Gutdünken und Wohlbehagen sogleich gegen den großen Palast hinbewegen. Denn
hier sind wir ja nicht mehr imstande, zu sündigen, sonach können wir auch tun,
was wir wollen.
[GS.01_052,10] Es ist doch sicher besser, mit
klarem Bewußtsein im Himmel zu sein, als nach der etwas stark gesuchten Meinung
unseres Tafeldieners in einen wahrhaften Bauernhimmel zu kommen. Sollte das
nicht der richtige Himmel sein, was könnten wir wohl dafür, wenn uns auf der
Welt nie ein anderer gezeigt worden ist. Und wenn es, wie wir es auf der Welt
gelernt haben, hier überaus gerecht zugehen soll, was auch ungezweifelt sicher
der Fall ist, so möchte ich doch wohl einsehen, aus welchem Grunde wir eine
Zeitlang mit einem falschen Himmel gefoppt werden sollten. Wir haben ja doch
allzeit an einen rechten und wahrhaftigen, nicht aber an einen Fopp- und
Scheinhimmel geglaubt. Solches wäre auch, wahrhaftig, sogar infam von uns, so
wir es Gott zumuten sollten, daß Er uns mit diesem Himmel nur foppe und zum
besten habe. Und so denn ziehen wir nur ganz mutig vorwärts!
[GS.01_052,11] Sehet ihr nun, wie dieser
Punkt von einem Sportenkäfer den ganzen früheren Wald von guten Erkenntnissen
angegriffen hat; und unsere Skeptiker sind wieder ganz in ihren früheren Irrtum
übergegangen. Ihr fraget hier freilich und saget: Ja, warum hat denn der
Tafeldiener solches getan? Ich sage euch: Der Tafeldiener hat im geistigen
Sinne richtig gesprochen; aber unsere in Irrtümern befangenen Skeptiker haben
ihr Verstandesmikroskop nicht über den Zweifelspunkt weggerückt, damit sie die
guten Nebenverbindungen hätten zu erkennen vermocht.
[GS.01_052,12] Ihr werdet bemerkt haben, daß
der Tafeldiener den Text des Apostels Paulus nicht völlig ausgesprochen und den
Begriff „wesenhaft“ oder auch „leiblich“ oder „körperlich“ weggelassen hat.
Sehet, das ist ein gar wichtiger Verbindungspunkt. Dieser Verbindungspunkt ist
es ja eben, der dieser ganzen Gesellschaft mangelt; und solcher Verbindungspunkt
besagt eben die tätige Liebe aus dem reinen Glauben an den alleinigen Herrn.
[GS.01_052,13] Nun sehet weiter, der ganze
Johannes, welcher besagt das innere lebendige Wort oder die Liebe zum Herrn,
faßt sich im himmlischen Sinne in dem vom Tafeldiener ausgesprochenen Texte
zusammen und gibt hinsichtlich des Herrn allein das richtige Licht.
[GS.01_052,14] Paulus aber faßt dieses Licht
lebendig in sich auf, welches ist die Liebe des Herrn im Johannes. Aus dem
Grunde spricht dann auch Paulus: „Nun lebe nicht mehr ich, sondern Christus
lebt in mir!“ Also ist der vom Tafeldiener angeführte Text vollkommen aus dem
ganzen Johannes und kann nicht von Paulus sein, weil dieser ganzen Gesellschaft
noch das Wesenhafte der Liebe zum Herrn mangelt. – Was den ferneren Verfolg
dieser wichtigen Abhandlung betrifft, wollen wir an der Seite der Gesellschaft
nächstens betrachten.
53. Kapitel – Überraschungen im Scheinhimmel.
[GS.01_053,01] Nun sehet, die ganze
Gesellschaft setzt ihren Entschluß ins Werk und bewegt sich längs der Mauer
gegen den Palast hin. Aber nun gebet acht, es wird sich sobald eine Hauptszene
erheben, denn diese Gesellschaft wird bald auf eine Kluft stoßen, welche sich
gegen die Tafel hinzieht. Über diese Kluft seine Füße zu setzen, wird niemand
imstande sein; wenn aber jemand in die Kluft hinabsehen wird, so wird ihm ein
ganz entsetzlich tiefer und finsterer Abgrund entgegenstarren.
[GS.01_053,02] Seht, die Gesellschaft nähert
sich diesem besagten Punkte. Der beredte Anführer ist der erste. Noch wenige
Schritte, und schon prallt er zurück und schreit: Aber um Gottes willen, was
ist denn das? Da seht nur einmal her; das ist ja ein Abgrund wie schnurgerade
hinab in die Hölle! Nein, wenn ich mit unserem Tafeldiener wieder
zusammenkomme, dem will ich's aber doch auf eine allerverständigste Weise
bekanntmachen, wie gründlich er in dieser himmlischen Geographie bewandert ist.
Hat er nicht früher erklärt, als er noch an der Tafel hinter mir den
Wolkenboden etwas aufgerührt hatte, daß dieser große Gartenboden allenthalben
gleich fest ist? Und nun sehen wir hier zu unserem größten Erstaunen diese ganz
entsetzliche Kluft!
[GS.01_053,03] Ein anderer aus der
Gesellschaft tritt zum Redner hin und sagt mit weise tuender Miene: Bruder,
werde nicht so laut, denn sonst könnte dir der Tafeldiener auch sagen, daß du
ganz schwach in der Heiligen Schrift bewandert bist. Siehe, da weiß ich mir
besser wieder Rat zu schaffen. Das ist sicher die Kluft, durch welche einst der
reiche Prasser in der Hölle mit Abraham im Himmel gesprochen und ihn um einen
Tropfen Wasser gebeten hat und noch um anderes mehr. Diese Kluft ist demnach
sicher zu einem ewigen Gedenkzeichen belassen worden. Und da wir über diese
Kluft nicht hinüberkönnen, was für uns „selige Geister“ freilich etwas
sonderbar klingt, so gehen wir wieder unseren Weg zurück und schleichen uns
ganz unvermerkt wieder zur Tafel hin.
[GS.01_053,04] Der frühere Redner spricht:
Bruder, du hast nicht unrecht; es wird sicher also sein, und so bin auch ich
wie wir alle entschlossen, deinem Rate zu folgen. – Nun, die Gesellschaft
wendet sich wieder um und zieht sich zurück. Aber sehet hier einen abermaligen,
sehr fatalen Umstand. Es hat sich auch hinter ihnen eine Kluft gebildet, und so
steht nun unsere arme Gesellschaft wie zwischen zwei Feuern und hat kaum eine
einige Klafter breite Landzunge, auf welcher sie sich zur Tafel hin bewegen
kann.
[GS.01_053,05] Aber nun höret unseren
Hauptredner, was er beim Erblicken der zweiten Kluft spricht. Seine Worte
lauten: Oho, um des Herrn willen! Was ist denn das für eine himmlische
Spitzbüberei? So geht's im Himmel zu? Das ist nichts anderes als eine geheime
Bosheit von unserem löblichen Tafeldiener. Der wird von irgendeinem heimlichen
Versteck aus unsere Unterredung belauscht haben, hat dann durch ihm zu Gebote
stehende was immer für geistige Zaubermittel diese Abgründe gebildet, und wir
stehen jetzt da, wie ein Sprichwort auf der Erde sagt, gleich den dummen Ochsen
am Berge. Er läßt sich aber auch gar nicht blicken; ich meine, er muß den
Braten von unserer Seite schon von ferne riechen. Wahrhaftig wahr, wenn der
Schlingel jetzt daherkäme, ich könnte mich sogar mit meinen himmlischen Armen
an ihm vergreifen! Diese zwei Abgründe hier, es ist ja etwas Entsetzliches!
Wenn wir nicht so vorsichtig wären, so läge sicher schon einer oder der andere,
Gott weiß wo, da unten! Meine lieben Freunde, spricht er weiter, und nun
himmlische Brüder und Schwestern! Ich habe es zuerst ausgesprochen und bleibe
auch fest dabei, daß dieser ganze Himmel nichts anderes ist als eine Fopperei.
Der Tafeldiener hat uns alle gefoppt, mit unserer Spazierreise sind wir
gefoppt, und somit sind auch alle unsere irdischen himmlischen Hoffnungen
gefoppt. Es ginge jetzt nichts ab, als noch so ein kleiner Abgrund über die
Quere, und wir alle säßen im allerschönsten himmlischen Pfeffer!
[GS.01_053,06] Ein anderer spricht zu ihm:
Bruder, Bruder, rede nicht so laut! Hast du auf der Erde das alte Sprichwort
nicht gehört: Wenn man den Wolf nennt, so kommt er gerennt! Hat sich unser
Tafeldiener schon diesen Doppelspaß mit uns erlaubt, so könnte es ihm auch sehr
leicht beifallen, noch einen Strich über unsere Tafelrechnung zu machen. Daher
ist meine Meinung, wir sollten uns ganz ruhig und demütig auf dieser Landzunge
hin zur Tafel ziehen, sonst könnte es geschehen, daß uns allen hier ein kleiner
himmlischer Hungerarrest gegeben würde. Denn ich bin der Meinung: wenn man im
Himmel so ganz eigentlich auch nicht sündigen kann, so aber dürfte
eigenmächtiges Handeln vielleicht auch nicht ganz recht sein. Und so wäre es ja
leicht möglich, daß es im Himmel für ungehorsame himmlische Geister auch eine
Art himmlischer Strafen gibt, von denen freilich wohl kein Sterblicher etwas
weiß, weil, wie du und ihr alle wisset, wir auf der Erde vom Himmel durchaus
nichts Bestimmtes je haben erfahren können und müssen daher erst hier mit den
Einrichtungen desselben näher vertraut werden. Ich bin der Meinung, wir sollten
hier im Angesichte der allerheiligsten Dreieinigkeit eine kleine Reue erwecken,
damit uns solch unser Vergehen möchte verziehen werden.
[GS.01_053,07] Der Hauptredner spricht:
Lieber Bruder! Du hast eben nicht unrecht; aber mir kommt es hier vor, wie da
einmal die alten Römer von einer sogenannten Szylla und Charybdis fabelten, und
so bin ich der Meinung, bei dieser Gestaltung des Himmels wird auf keiner Seite
gar viel zu gewinnen sein. Müssen wir hier verbleiben, so steht uns offenbar
ein ewiger Hunger bevor, und gelangen wir zum Tische, so heißt es da wieder
ewig sitzenbleiben und ewig essen und trinken. Daher meine ich, wer von euch
Lust hat, wieder zur Tafel zurückzukehren, der versuche immerhin sein Glück,
vorausgesetzt, daß er auf keine Querkluft stößt, ich aber bleibe hier und gehe
eher um keinen Schritt weiter, bis der Tafeldiener, wie er es versprochen hat,
hierherkommt und mir eine genügende Auskunft über diese unsere Verkluftung
gibt.
[GS.01_053,08] Nun seht, ein Teil fängt an,
längs der Zunge sich fortzubewegen und geht auch ohne Anstand weiter. Jetzt
aber kommt auch unserem Hauptredner ein nachträglicher Appetit, der anderen
Gesellschaft nachzuziehen. Er fängt nun auch an, sich mit der bei ihm
verbliebenen Gesellschaft vorwärtszubewegen. Aber sehet, er findet richtig den
zum voraus vermuteten Querstrich, über den er nicht zu springen vermag. Nun
höret, wie dieser Himmelsbewohner aus allen Kräften über diese himmlische
Einrichtung loszuziehen anfängt und spricht: Nun, da haben wir's! Wie ich mir's
gedacht habe, das ist ja ein Himmel, wie man sich ihn nicht besser wünschen
kann. Meine lieben Brüder und Freunde, das sind die sogenannten himmlischen
Freuden! Ich muß es aufrichtig gestehen, ich kann mich nicht erinnern, solange
ich auf der Erde gelebt habe, mich je in einer größeren und allerfatalsten
Verlegenheit befunden zu haben wie jetzt im Orte der Seligkeit.
[GS.01_053,09] Wenn ich nun allerklarst
zurückdenke, was ich alles auf der Erde getan habe, um mir diesen Himmel zu
verdienen, wie oft ich gefastet habe, wieviel hundert, ja tausend Rosenkränze
gebetet, wieviele Messen gezahlt und bei wievielen selbst allerandächtigst
zugegen gewesen, wieviele Arme ich, als selbst ein armer Bauer, durch mein
ganzes Leben hindurch gespeist habe! Ja, ich muß es aufrichtig gestehen, daß
ich mir auf der Erde für diesen Himmel förmlich die Haut vom Leibe habe ziehen
lassen. Und nun genieße ich und ihr alle den vielversprechenden Lohn, nämlich
auf diesem von drei Abgründen begrenzten Quadratfleck, von welchem aus wir zwar
wohl bis zum Augenvergehen die hl. Dreieinigkeit anschauen können, aber dabei
dürfen wir uns nicht einmal rühren, sonst liegen wir bald drunten, Gott weiß
wo! Es ginge jetzt nichts ab, als daß noch dies bißchen himmlisches
Landquadratel nach und nach sich in den Abgrund hinunterzusenken beginnen
möchte. Da bliebe uns doch bei Gott nichts anderes übrig, als entweder auf
gerad oder ungerad mit hinabzusinken, Gott weiß, wohin; oder wir müßten uns
nolens volens auf die Mauer hinaufbegeben und auf derselben zwischen zwei
Abgründen reiten, vorausgesetzt, daß die Mauer nicht etwa auch einen
Mitrutscher machte. Nein, liebe Freunde! Wenn ich jetzt zurückdenke, welchen
wahrhaftigen Millionenweg uns der Priester, mir schon immer etwas verdächtiger Weise,
geführt, als wir in der geistigen Welt angekommen sind, und welche Anstrengung
es uns gekostet hat, bis wir die goldene Himmelspforte erreicht haben, da
möchte ich gerade vor lauter Ärger zerspringen; denn dort unten ist es uns ja
doch um eine ganze Million besser ergangen denn hier! –
[GS.01_053,10] Sehet, soeben zupft ein
anderer unseren Redner, zeigt mit dem Finger hin auf die Querkluft und macht
ihn darauf aufmerksam, wie sich eben ein bedeutendes Stück herabgesenkt habe.
Unser Hauptredner zieht sich etwas zurück und spricht in einem sehr verlegenen
Tone: Nun, was hab ich denn gesagt, es wird noch sicher zur Mauerreiterei
kommen! Fürwahr, wenn ich nicht mit Bestimmtheit wüßte, und das zufolge meines
eisenfesten Glaubens, daß man vom Himmel doch sicher nicht mehr etwa gar in die
Hölle hinabgeworfen werden kann, so müßte ich bei diesem meinem armseligen
himmlischen Leben behaupten, es ist hier alles zu einer solch löblichen Fahrt
auf das zweckmäßigste vorbereitet. Ich meine, wir sollten uns lieber sogleich
über die Mauer hermachen, denn man kann denn doch nicht wissen, wieviel
Flächenraum eine allfällige zweite Einbruchsstelle haben könnte. Sind wir aber
auf der Mauer, da rutschen wir längs derselben nach rückwärts fort, bis wir aus
diesem fatalen Quadrat draußen sind, und suchen bis zur Ausgangspforte des
Himmels zu gelangen, durch welche wir dann den uns schon bekannten Millionsweg
wieder zurücklegen werden. Gott gebe uns nur so viel Erbarmung und Glück, daß
uns die Mauer keine Fatalitäten spielt. Und so bin ich der Meinung, wir werden
uns wohl noch mit heiler Haut aus dieser Verlegenheit zu ziehen imstande sein.
[GS.01_053,11] Sehet, auf diese Rede zieht
sich alles eilig zu der Mauer. Die Mauer wäre erreicht, aber sie ist
unglücklicherweise etwas zu hoch, als daß sie erstiegen werden könnte. Daher
legt unsere Gesellschaft nun ganz natürliche Leitern an und nimmt gewisserart
die Mauer im Sturm ein.
[GS.01_053,12] Sie hätten sich glücklich
hinaufgebracht; wie aber der letzte Mann hinaufgezogen ward, da fing die Mauer
an, sich einzubiegen und unser Hauptredner spricht: Liebe Freunde, den Mut
nicht verloren! Gott dem Herrn alle Ehre! Nun soll's gehen, wo es hingehen
will; jetzt ist mir schon alles eins! Denn es ist jetzt ganz klar zu ersehen,
daß mit der alleinigen Ausnahme der göttlichen Dreieinigkeit, die wir noch
immer sehen, dieser ganze Himmel eine reine Lumperei ist. Unser ehrsamer
Tafeldiener läßt sich gar nicht mehr blicken, obschon er uns solches treu
versprochen hat, und läßt uns in dieser allergrößten himmlischen Not sitzen.
Und da seht nun, unser halb hängendes Stück Mauer hat sich nun auch
losgerissen, und wir fahren damit hinab, Gott weiß, wohin!
[GS.01_053,13] Nun fahren aber auch wir mit
und belauschen unseren Redner noch während der Fahrt. Seine Gesellschaft macht
eine ganz verzweifelte Miene; nur unseren Redner will sein guter Humor noch
nicht verlassen. Er tröstet daher seine mitfahrende Gesellschaft, so gut er nur
immer kann, und spricht: Machet euch nichts daraus, liebe Brüder; der Herr will
ja immer des Menschen Allerbestes. Wir können nicht wissen, für was diese Fahrt
gut ist. Vielleicht werden wir jetzt bei dieser Gelegenheit eine wahrhafte,
geistig überaus interessante Himmelsreise machen, werden vielleicht bei dieser
Gelegenheit mit dem sicher viel tiefer unten liegenden gestirnten Himmel eine
nähere Bekanntschaft machen und vielleicht trifft sich's, daß wir gar auf eine
fremde schöne Welt stoßen. Ich sage dabei: Des Herrn Wille geschehe!
Totschlagen können wir uns nicht; es wird uns vielleicht besser gehen als in
dem Himmel da oben. Es wäre freilich sehr fatal, wenn wir so etwa gar die ganze
Ewigkeit hindurch fallen müßten, aber solches ist doch wohl kaum anzunehmen;
denn da müßte selbst die von uns allen noch immer sichtbare Dreieinigkeit bloß
eine geistig meteorische Erscheinung sein. Wir müssen aber schon schön tief
unten sein; denn das ganze Bild der Dreieinigkeit wird ganz verzweifelt klein.
Nein, liebe Freunde, fürwahr, es sei denn, wie es wolle, aber ich bin doch ganz
entsetzlich neugierig, wohin wir mit der Gelegenheit dieser geistigen Luftreise
kommen werden.
[GS.01_053,14] Sehet, einer aus der
Gesellschaft bemerkt dem Redner soeben, daß er zuunterst in großer Tiefe ein
unermeßliches Gewässer entdecke. Der Redner bemerkt solches auch und spricht:
Bei solcher Unterlage wird uns unser Stück Mauer sicherlich keinen bedeutenden
Schutz gewähren; aber ich mache mir einmal gar nichts daraus, denn unter
solchen Bedingungen bin ich wahrlich alles Lebens satt! Und so geschehe denn,
was wolle; Wasser oder kein Wasser, das ist mir gleich! – Und nun sehet, die
ganze Gesellschaft erreicht nun die Oberfläche des Wassers, ihr Stückchen Mauer
verwandelt sich in einen Nachen, und die ganze Gesellschaft befindet sich nun
unbeschädigt in diesem Nachen. Ein Wind fängt an zu wehen; der Nachen bewegt
sich über die Wogen.
[GS.01_053,15] In der Richtung zwischen
Morgen und Mittag taucht soeben, wie aus den Fluten emporsteigend, ein
herrliches und weit gedehntes Land auf; und unser Redner spricht zu seiner Gesellschaft:
Ich habe es euch ja gesagt, daß wir an dem obigen Himmel nicht viel verloren
haben. Gott dem Herrn alles Lob und allen Dank für diese wunderbare Rettung!
Auch unserem sauberen Tafeldiener sei's verziehen. Wenn ich aber einmal wieder
mit ihm zusammenkommen sollte, so will ich ihm denn doch eine kleine Lektion in
dem jüdischen Levitendienste geben! – Nun seht, der Nachen naht sich dem Lande.
Aber sehet noch genauer, dort am Ufer erwartet soeben unser wohlbekannter
Tafeldiener unsere schnellsegelnde Gesellschaft. Auch unserem Redner muß er
bekannt zu werden anfangen, denn er sendet ganz erstaunte Blicke ans Ufer. Was
da weiter folgen wird, werden wir das nächste Mal in Augenschein nehmen!
54. Kapitel – Befreiung von dem Scheinhimmel.
[GS.01_054,01] Nun sehet, nachdem sich das
Fahrzeug stets mehr und mehr dem Ufer nähert, erkennt auch unser Hauptredner
seinen Tafeldiener, den er sich wohl gemerkt hat, immer besser. Er wendet sich
darum an seine Gesellschaft und spricht zu ihr: Da seht einmal hin, wenn das
nicht unser sauberer Tafeldiener ist, so ist unsere feuchte Unterlage kein
Wasser. Oh, er ist es; sein ganzes Benehmen, sein Gesicht, seine langen blonden
Haare; kurz und gut, je näher wir ihm kommen, desto ungezweifelter erscheint er
meinem Auge als solcher! Wenn ich doch jetzt nur eine kleine Allmacht hätte,
ich wollte ihm so recht nach meiner Herzenslust ein kleines Donnerwetter auf
den Hals schicken. Kann ich aber schon solches nicht, so sollen ihn doch
wenigstens, wenn wir völlig beisammen sein werden, einige ausgesuchte
Zungenblitze aus meinem Munde treffen. Das glaube ich denn doch nicht, daß in
diesem Geisterreiche, das heißt dort oben in dem verdächtigen Himmel und da
unten auf diesem Lande, zwei auf ein Haar sich gleichsehende Geister sich vorfinden
sollten. Wir wollen daher auch nicht dergleichen tun, als wenn wir ihn schon
einmal gesehen hätten, sondern nur abwarten, was er selbst vielleicht bei
unserer völligen Annäherung ans Ufer reden wird. Sollte er etwa nichts
dergleichen tun, so werde dann schon ich mich mit ihm in ein Gespräch einlassen
und sicher herausbringen, ob er der Tafeldiener ist oder nicht. Ein anderer aus
der Gesellschaft aber spricht zum Hauptredner: Höre, Freund, ich setze den
Fall, es ist dieser offenbar auf uns harrende Geist der uns bekannte
Tafeldiener, da bin ich einer ganz anderen Meinung, wie wir mit ihm verfahren
sollen, als du, mein lieber Freund und Bruder. Siehe, es war ja ohnehin dein
und unser aller Wille, aus dem obigen Sitz-, Freß- und Gaff- Himmel zu kommen;
der Tafeldiener hat dir meines Wissens solches auch zugesichert. Daß er gerade
oben nicht mehr zu uns gekommen ist, das wundert mich gar nicht, denn erlaube
mir: erstens hast du gleich nach seinem Weggehen von uns hinsichtlich des
fälschlichen Textes über ihn loszuziehen angefangen, zweitens hat keiner von
uns – aus eben dem Grunde – seinen Vorschlag, wie wir uns hätten verhalten
sollen, berücksichtigt. Daß er uns darob ein wenig hat zappeln lassen und in
eine freilich wohl überaus starke Verlegenheit gesetzt, das finde ich
hinsichtlich unserer wahrhaften Brutalität gegen ihn für nichts mehr und nichts
weniger als vollkommen billig. Da wir aber höchst wunderbar und überaus
wohlbehalten gerettet worden sind, und das sicher durch niemanden als durch
ihn, so bin ich der Meinung, wir sollten mit unserem Donnerwetter, unserer
Zungenblitzerei und der Erkundigungsschlauheit so hübsch fein zu Hause bleiben.
Sonst könnte es ihm etwa einfallen, unser noch einmal zu vergessen, und dieses
uns nun sehr nahe Land ebenfalls so locker zu machen als wie das dort oben im
Himmel.
[GS.01_054,02] Der Hauptredner spricht: Mein
schätzbarster Freund und Bruder! Du hast im Ernste nicht unrecht; ich war ein
wenig hitzig, aber deine Rede hat mich jetzt vollkommen nüchtern gemacht. Es könnte
dieser Tafeldiener ja ein verkappter Engel sein, obschon ich bei ihm noch keine
Flügel gesehen habe, welche er wohl sehr leicht unter dem Kleide verborgen
haben kann. Und wenn er so etwas wäre – die heilige Dreieinigkeit stehe einem
bei! – da müßten wir doch schön den Kürzeren ziehen, denn solch ein Engel soll
ganz entsetzlich stark sein. Ich habe mir's einmal von einem recht frommen
Geistlichen erzählen lassen, daß so ein Engel, mit seiner überaus großen
Stärke, die ganze Erde gar leicht mit einem großen Flammenschwerte auf einen
Hieb entzwei hauen könnte. Wenn wir ihm daher hier etwas grob entgegen kämen,
wie leicht möglich wäre es wohl da, daß er unter seinem Rocke nebst seinem
Flügelpaare auch so ein wohlgenährtes flammendes Schwert besäße. Ich will nicht
weiterreden, was er damit gegen unsere entsetzliche Schwachheit alles
auszuführen imstande wäre.
[GS.01_054,03] Der andere spricht: Ja, ja,
lieber Freund und Bruder, in diesem Punkte hast du wieder ganz recht. Wenn er
auch in der Heiligen Schrift nicht eben sehr bewandert zu sein scheint, so kann
er aber deswegen doch ein wirklicher Engel sein; und so denn wollen wir uns ihm
ja demütigst nahen.
[GS.01_054,04] Ein dritter aus der
Gesellschaft bemerkt und sagt: Höret Brüder! Drei Köpfe und sechs Augen sehen
mehr als einer und zwei Augen. Ich bin der Meinung, wir sollten auch
hinsichtlich der Heiligen Schrift und der Textverwechslung, oder vielmehr der
Namensverwechslung bei der Kundgabe eines Textes, durchaus kein Aufhebens
machen. Denn was wissen denn wir, wie die himmlischen Geister, und ganz
besonders die Engel, das göttliche Wort innehaben, wie sie es lesen und wie sie
es verstehen. Es könnte ja auch sehr leicht sein, daß der Johannes solches von
Christo aussagte, hat es aber entweder selbst nicht aufgezeichnet oder es ist
durch die vielen Überlieferungen so wie meines Wissens ein ganzer Brief des
Paulus für die Welt verloren gegangen. Im Himmel aber wird dergleichen sicher
nicht verlorengehen. Also meine ich, wie schon gesagt, wir sollen in dieser Hinsicht
mit unserer Unwissenheit eben nicht zu viel Rühmens machen. Ich war auf der
Welt, wie ihr wißt, selbst ein Geistlicher und sogar ein Doktor der Theologie
und habe als solcher in dem hl. Buche wohl manche Lücken gefunden, habe mich
aber damit getröstet: wären dergleichen abgängige Stellen für das Heil der
Menschen unumgänglich notwendig, so hätte es der Herr auch nie zugelassen, daß
sie wären verlorengegangen. Und ferner dachte ich dabei, daß sich dergleichen
Stellen einst im Himmel zu einem höheren geistigen Zwecke allerreinst vorfinden
lassen werden. – Sehet, der Hauptredner und auch alle andern sind mit diesem
Vorschlage völlig zufrieden.
[GS.01_054,05] Nun aber ist auch unser
Fahrzeug ans Ufer gestoßen und die ganze Gesellschaft, über hundert Köpfe
stark, begibt sich an Land, und der ihrer harrende Tafeldiener geht der ganzen
Gesellschaft mit offenen Armen entgegen. Unser Hauptredner geht ehrerbietigst
zu ihm hin und sagt: Bist du es, oder bist du es nicht? Der Tafeldiener
spricht: Ja, ich bin es! Und wir sind hier wieder zusammengekommen, wie ich es
dir schon oben habe zu erkennen gegeben. Du hast mit deiner Gesellschaft die
von mir vorgeschlagenen Bedingungen nicht gehalten, also konnte auch ich die
meinigen nicht halten nach dem Maße, wie ich es dir habe zu erkennen gegeben,
und zwar aus dem Grunde, weil du dein Maß verrückt hast. Dennoch aber wollte
ich dich freimachen von deinem Irrhimmel; also mußte ich denn nach deinem
verrückten Maße auch einen verrückten Weg einschlagen, um dich und diese ganze
Gesellschaft aus dem Scheinhimmel zu bringen.
[GS.01_054,06] Du fragst mich nun, was denn
ein solch sonderbarer Weg in seiner höchst wunderbaren Weise bezeichne, und
fragst noch ferner, was der offenbare Widerspruch zwischen der dir von mir an
der Tafel gezeigten Festigkeit und dem dann aber doch bald erfolgten örtlichen
förmlichen Einsturze des Himmels bezeichne? Denn im naturgemäßen Sinne wäre
solches eine offenbare Prellerei. Ich sage dir, solches alles hat einen mit
eurem Inwendigen ganz vollkommen übereinstimmenden Sinn; denn als ich dir noch
an der Tafel deines Himmels Festigkeit zeigte, da zeigte ich dir nichts anderes
als deine noch feste Begründung in der Irrtümlichkeit deines Himmels.
[GS.01_054,07] Da du aber in meiner Nähe das
Unzulängliche und allerwiderlichst Törichte deines Himmels zu verspüren
anfingst, da hobest du dich vom Zentrum deines Irrtums und flohst mit vielen,
die, heimlich auch von mir angeregt, deiner Ansicht waren. An weiter Grenzmarke
deines Irrtums zeigte ich dir alles, was dich noch an deinen törichten Himmel
fesselte. Solches hättest du beachten sollen, du aber bliebst selbst noch an
der Grenze deines Irrtums fest an selbem hängen und mochtest nicht begreifen,
was ich zu dir gesagt habe. Darum wolltest du denn auch in deinem Irrtume
vorwärtsschreiten. Nicht ich, sondern das Wort, das ich zu dir geredet habe,
hat aber, trotz deines Fortschreitenwollens, deinen Irrtum gelockert und zerriß
ihn an mancher Stelle, durch welche du gar leicht den völligen Ungrund deines
Scheinhimmels zu erschauen vermochtest. Ja, am Ende hat dich mein Wort ganz
gefangengenommen. Die noch zu Schwachen trennte es von dir durch eine neue
Kluft und du warst somit, wie gesagt, vollends ein Gefangener.
[GS.01_054,08] Da dadurch dein Irrtum stets
mehr und mehr einzusinken begann, so flohst du mit deiner Gesellschaft auf die
Mauer. Diese Mauer war das in dir zwar haftende, aber in allen Teilen gänzlich
unverstandene göttliche Wort. Daher hatte sie für dich und deine Gesellschaft
auch keine Tragfestigkeit. Sie trennte sich scheinbar und fiel mit euch herab
in die Tiefe, das heißt, das Wort, welches bis jetzt nur euern Verstand
beschäftigte, fiel zu einem kleinen Teile in die lebendige Tiefe eures Herzens.
Ihr ersahet da gar bald ein großes Gewässer unter euch, welches euch zu
verschlingen drohte. Aber dieses Gewässer war nichts anderes als die
erschauliche Erkenntnisweisheit, welche in diesem geringen Teile des Wortes,
das in deine Tiefe fiel, verborgen ist. Mit dieser Wortmauer in deinem Herzen
erreichtest du bald das große, lichte Erkenntnismeer, und das Wort ward dir,
wie euch allen, zu einem sicheren Träger über die unendlichen Fluten der
göttlichen Weisheit, welche da verborgen ist auch in diesem nur kleinen
Wortteile. Als du das Wort in dir heimlich stets mehr und mehr aufnahmst, trug
dich dasselbe nach dem Grade deiner Aufnahme einem festen Lebensufer näher und
näher. Und nicht eher hättest du dasselbe erreicht, als bis dieses Wort über
den Eigendünkel deines Herzens völlig gesiegt hätte. – Das Wort aber hat
gesiegt, und so bist du mit demselben auch ans feste Ufer gestoßen.
[GS.01_054,09] Denke nur zurück an alle die
lächerlichen Faseleien, welche zwar samt und sämtlich deiner gutmütigen
Außenhaut entsprossen sind, und du wirst das Unhaltbare und Leere aller deiner
Begriffe über Gott und Himmel gar leicht erschauen. Nun aber bist du auf dem
ersten wahren Grunde des Wortes; daher forsche auch auf diesem Grunde, und du
wirst samt deiner Gesellschaft Gott und den Himmel von einem ganz anderen
Gesichtspunkte zu erkennen anfangen.
[GS.01_054,10] Siehe dorthin, zwischen Morgen
und Mittag steht ein großer Palast. Dahin sollet ihr euch begeben. Ihr werdet
dort alles antreffen, dessen ihr bedürfet.
[GS.01_054,11] Und unser Hauptredner spricht:
O lieber, himmlisch hochgeschätzter Freund! Möchtest du denn nicht so gut sein
und uns dahin begleiten? Der vermeintliche Tafeldiener spricht: Solches ist
nicht vonnöten; denn ihr werdet bis dahin den Weg nicht verfehlen, ich aber
will vorausziehen, so schnell wie ein Gedanke, und will euch dort empfangen und
einführen! Dort erst werden wir einige Worte über Johannes und Paulus näher
beleuchten, und es wird sich zeigen, wer aus uns allen der Wortkundigste ist.
Also befolget meinen Rat und ziehet dahin. Amen! – Sehet, der vermeintliche
Tafeldiener ist plötzlich entschwunden und unsere Gesellschaft fängt an, den
vorbezeichneten Weg, freilich noch ziemlich verblüfft, zu gehen. Wir aber
wollen ihr auch folgen und Zeugen sein, was alles Denkwürdiges sich noch
zutragen wird.
55. Kapitel – Erster solider Wohnort nach dem
Scheinhimmel. Unbegreifliche Dreieinigkeit. Der evangelische Christus.
[GS.01_055,01] Unser Hauptredner spricht zu
seiner Gesellschaft: Nein, aber das ist doch sonderbar! Bis jetzt habe ich
geglaubt, die Geister können nur den Menschen auf der Erde so plötzlich
unsichtbar werden; aber daß Geister den Geistern eben also könnten unsichtbar
werden, das ist mir etwas ganz Funkelnagelneues. Frage jetzt nun, wer da fragen
kann, wie dieser sicher unfehlbar nichts anderes als ein Engel seiende Geist so
schnell sich unseren Blicken entwand, und ein anderer gebe ihm auf diese Frage
Bescheid. Bei meinem armen Leben, ich bin der Meinung, man könnte auf der Erde
eher einen Biß in den Mond machen, als auf diese Frage eine Antwort finden. –
Ein anderer entgegnet ihm und spricht: Lieber Freund, sieh, das finde ich
wieder nicht so sonderbar, denn ich habe auf der Erde zu öfteren Malen gehört,
daß die Engelsgeister mit Blitzesschnelle reisen können. Wenn demnach dieser
sichere Engelsgeist sich nun unseren Blicken so schnell entwand, so ist solches
ja nichts anderes als eine sichtbare Bestätigung dessen, was wir auf der Erde
schon zu öfteren Malen gehört haben.
[GS.01_055,02] Ein dritter spricht: Liebe
Freunde, es ist alles recht, was da die Engelschaft unseres vorigen
Tafeldieners betrifft; aber zu einem so schnellen Fortfluge hätte er ja doch
zuerst müssen seine Flügel flottmachen. Solange ich bei einem Engel keine
Flügel sehe, glaube ich es noch nicht, daß er ein Engel ist. Denn es sollen ja
von allen frommen Menschen auf der Erde die Engel allzeit mit Flügeln versehen
erschaut worden sein, und niemand konnte dies außer im Zustande einer
sogenannten geistigen Verzückung, also allzeit nur mit geistigen Augen. Wenn
aber die frommen Menschen die Engel Gottes allzeit beflügelt erschauten, warum
sollen denn wir solches nicht, da wir nun doch selbst sicher völlig Geister
sind?
[GS.01_055,03] Der erste Hauptredner spricht:
Mein lieber Freund, da muß ich dir offenbar sagen, dieses Begehren beruht wohl
auf einer sehr bedeutenden Geistesschwäche. Denn was die Flügel betrifft, so
weiß solches ja jeder Mensch, daß diese nichts anderes als nur die große
Schnelligkeit bezeichnen und sind somit bloß ein sinnbildliches Zeichen, und es
kann demnach ein solcher Geist gar wohl ein Engel sein, ohne ein sichtbares
Flügelpaar zu haben. Das Auffallende, wie ich gesagt habe, ist nur das, daß ein
Geist dem andern unsichtbar werden kann. Mich beirrt sogar das nicht, daß wir
als Geister nicht so schnell vorwärts zu kommen imstande sind wie unser
Tafeldiener, denn dazu wird wohl auch eine gewisse Übung notwendig sein. Und
mit der Übung wird man in allem ein Meister. Aber, wie ich sage, das
Unsichtbarwerden geht mir nicht aus dem Sinn. Lassen wir aber das. Wenn wir
etwa noch einmal, wie er gesagt hat, mit ihm zusammenkommen dürften, da wird er
uns wohl aufklären.
[GS.01_055,04] Beschauet aber dafür lieber
diese gar wunderschöne Gegend; fürwahr, diese ist mir schon ums Tausendfache
lieber als unser früherer hoher Himmel. Da möchte ich mich schon ansiedeln und
irgend dort auf den Bergen einen recht behaglichen Landmann machen. Sehet nur
einmal den herrlichen Graswuchs. diese wunderschönen Blumen, die schönen
Baumalleen, wie es scheint, von edelster Fruchtgattung, und die kleinen
Bächlein. Und da sehet nur vorwärts, wie diese große herrliche Ebene mit den
herrlichsten Gebirgsgruppen umlagert ist, und wie diese Berge ausnahmslos mit
den wunderschönsten palastähnlichen Gebäuden geziert sind. Wenn mich mein Auge
nicht täuscht, so entdecke ich auf den uns nächstliegenden Bergen auch
lebendige Wesen in weißen Kleidern, die vor den Palästen lustwandeln. Das laß
ich mir gefallen! Diese Gegend schaut doch bei weitem eher einem Himmel gleich
als derjenige, in dem wir uns als ewige Freßpolypen hätten befinden sollen.
[GS.01_055,05] Ja, es ist eine helle Pracht.
Zwar sieht man hier von der Dreieinigkeit nichts, dafür aber erleuchtet eine
herrliche Sonne diese Gegend. Und ich muß es euch gestehen, was da den Anblick
der Dreieinigkeit betrifft, wenn ich so recht aufrichtig spreche, so kann ich
denselben beim Anblicke dieser Herrlichkeiten ebensoleicht entbehren, als wie
ich denselben auf der Welt habe entbehren müssen; – aber dafür kommt mir eine
andere Idee:
[GS.01_055,06] Wenn man hier irgendwo mit
Christo dem Herrn zusammenkommen könnte, und zwar sogestalt, wie Er einst auf
der Erde gelebt und Seine Apostel gelehrt hat, das wäre, für mich genommen, zu
alledem wohl der allerhöchste Genuß. Denn ich muß euch noch eins offen
gestehen: der Anblick der göttlichen Dreieinigkeit ist wohl an und für sich
sehr erhaben, aber ich müßte wirklich vom Grunde meines Herzens aus ein infamer
Lügner sein, wenn ich von mir nur ein Haar groß behaupten wollte, daß mich
dieser Anblick irgend liebewarm gemacht hätte. Ich habe mich wohl gezwungen,
soviel es nur immer möglich war, aber ich konnte es nicht dahin bringen, die drei
Personen alle gleichmäßig mit Liebe zu umfassen. Denn liebte ich den Vater, so
konnte ich nicht auch zugleich den Sohn lieben, und wenn ich dessen in mir
gewahr wurde, so kam mir der Gedanke, als könnte solches sowohl der Vater als
der Sohn nicht günstig aufnehmen; wollte ich den Sohn allein lieben, so dachte
ich, ob solches wohl dem Vater recht sei?
[GS.01_055,07] Den hl. Geist als eine Taube
zu lieben, muß ich aufrichtig gestehen, da kämpfte ich mit meinem Herzen
vergeblich! Denn in diesem Falle hätte ich ein Stück Holz ebensogut lieben
mögen als diese dritte göttliche höchst unpersönliche Person. Der hl. Geist
also wurde mit meiner Liebe am wenigsten bedacht, und das darum, weil ich es
nie so weit habe bringen können, Seinen Grund einzusehen und aus Ihm etwas zu
machen! Vater und Sohn waren meinem Herzen stets näher, und wenn es nur nicht
zwei gewesen wären, sondern entweder der Eine oder der Andere für sich allein,
so hätte ich entweder den Einen oder den Anderen ganz entsetzlich zu lieben
vermocht.
[GS.01_055,08] Ich habe mir öfter gedacht,
freilich wohl so ganz heimlich, wenn sich nur Christus einmal von Seinem hohen
Throne irgendwohin begeben hätte, wo ich Ihn so allein erwischt hätte; da hätte
ich mich so recht zu Tode geliebt an Ihm. Aber mit der Liebe zu diesem
unzugänglichen Lichte, ich will damit sagen, mit meiner viel zu kurzen Liebe
habe ich mich, wie gesagt, weder dem Vater noch dem Sohne in Ihrem
unzugänglichen Lichte nähern können. Überhaupt finde ich es für die Natur ganz
widernatürlich, ob es jetzt eine geistige oder eine leibliche ist, sich mit
seiner Liebe so irgendwohin in die Unendlichkeit hinein zu verlieben, denn die
Liebe fordert einen erreichbaren Gegenstand; etwas Unerreichbares zu lieben
aber möchte ich als eine allerbarste Tollheit erklären.
[GS.01_055,09] Als ich noch auf der Erde war,
habe ich mir einmal vorgenommen, ob ich mich nicht in einen recht schönen Stern
verlieben könnte. Ich betrachtete diesen Stern zu dem Behufe längere Zeit
hindurch und preßte dabei mein Herz so gut es nur immer ging, aber meint ihr,
ich wäre imstande gewesen, eine wirkliche Liebe zu diesem Sterne in mir zu
erwecken, welche etwa der Liebe zu einem guten Freunde oder zu einer
liebenswürdigen Freundin gliche? Oh, solches war ich nimmer imstande!
[GS.01_055,10] So ging es mir auch mit der
Liebe zu der Dreieinigkeit und, um nicht viel besser, mit der Liebe zum
heiligsten Altarsakrament; denn so oft ich immer zu der Kommunion gegangen bin
und darauf mein Herz erforschte, ob es mehr am Sakramente oder mehr an meinem
Weibe und meinen Kindern hinge, da muß ich es zu meiner Schande bekennen, daß
meine Liebe zu meinem Weibe und zu meinen Kindern ums Unvergleichliche stärker
war als die zum hl. Sakramente. Und so konnte ich die Dreieinigkeit wie das
heiligste Altarsakrament niemals recht mit meinem Herzen ergreifen, sondern ich
näherte mich allem dem nur stets mit einer gewissen geheimnisvollen
Heiligscheu, ja, ich brachte es am Ende gar so weit in dieser geheimnisvollen
Heiligscheu, daß ich die natürliche Liebe des Herzens gegen Gott als eine
förmliche Sünde ansah.
[GS.01_055,11] Nur mit Christus war es eine
Ausnahme. Wenn ich Seine heiligen Evangelien las, da stellte ich Ihn mir immer
wie gegenwärtig vor und habe mir dabei bei meinem armen Leben auch allzeit gedacht:
Wenn ich die Gnade hätte, welche den Aposteln zuteil geworden ist, fürwahr, da
wäre ich selbst ein Apostel geworden und hätte mit der geringsten Mühe von der
Welt, aus bei weitem überwiegender Liebe zu Ihm, Weib und Kinder verlassen! Ja,
ich muß euch auch sagen, daß ich im Grunde, wenn ich so recht nachdenke, alles
nur aus Liebe zu dem evangelischen Christus getan habe, wozu mich freilich wohl
am meisten einige glückliche Träume von Ihm lieblichst genötigt haben.
[GS.01_055,12] Aber was dann wieder die hl.
Dreieinigkeit betrifft und das hl. Altarsakrament, da blieb ich unwillkürlich
ein immerwährender Andachtsmärtyrer meines Herzens. Denn für diese zu
geheimnisvollen, unbegreiflichen göttlichen Erhabenheiten war mein Herz wie von
einem ewigen Nordpoleise umlagert. – Liebe Freunde, ich will aber dieses
Bekenntnis etwa niemandem aufdrängen, sondern ich habe nur einmal in dieser
freien Gegend auch meinem Herzen eine rechte Luft verschafft. Ihr könnet
dasselbe tun; denn bis wir den angezeigten Palast erreicht haben werden, wird
noch eine kleine Zeit verstreichen.
[GS.01_055,13] Mehrere aus der Gesellschaft
melden sich und sagen: Lieber Freund und Bruder, wir geben dir die getreueste
Versicherung, daß es uns in dieser Hinsicht nie um ein Haar besser ging. Wir glaubten
wohl alles pflichtmäßig und waren nicht selten bei diesen außerordentlichen
göttlichen Dingen von einer geheimnisvollsten Heiligscheu völlig dumm und
fanden dann auch im evangelischen Christus unsere völlige Beruhigung. Aus dem
Grunde waren wir nicht selten für die allerseligste Mutter Gottes und auch für
manch andere Heilige in unserem Herzen mehr entzündet als für die allerhöchste
göttliche Erhabenheit, welche wir wohl fürchteten, und das nicht selten bis zu
einem Verzweiflungsgrade. Aber mit der Liebe zu dem, was man gar so erbärmlich
fürchtet, hat es wohl seine geweisten Wege.
[GS.01_055,14] Ob wir in dieser Gegend wohl
auch die seligste Jungfrau Maria und irgendeinen anderen Heiligen werden zu
sehen bekommen, solches ließe sich auch fragen, denn im Himmel oben, in dem wir
uns befanden, war bei der allergrößten Aufmerksamkeit nicht die leiseste Spur
davon zu entdecken. Du, lieber Freund, der du sonst immer die besten Einfälle
hast, kannst uns in dieser Hinsicht wohl auch etwas zum Besten geben.
[GS.01_055,15] Der Hauptredner spricht: Meine
lieben Freunde, in diesem Punkte, glaube ich, sollten wir hier nicht viel
Fragen tun, sondern uns lediglich bestreben: erstens, sobald als möglich unsern
angezeigten Palast zu erreichen, um dort die versprochene Aufklärung über das
von mir und uns allen nicht verstandene Wort Gottes, besonders was den Paulus
und Johannes betrifft, zu erhalten. Zweitens dürfen wir uns alle zum Grundsatze
machen: weil die göttliche Dreieinigkeit für uns unsichtbar geworden ist, uns
wieder an unseren evangelischen Christus zu halten. Denn dieser Ort hat nach
Seinem Ausspruche: „In Meines Vaters Reiche sind viele Wohnungen“ – eine bei
weitem größere Ähnlichkeit mit dem Himmel als der obige, da wir doch nur eine
einzige Wohnung sahen. Aber nun nichts mehr weiter, denn sehet, unser
vermeintlicher Tafeldiener kommt uns ja schon wieder entgegen. Also gehen auch
wir ihm nur ganz still und ruhig entgegen.
56. Kapitel – Auf dem Weg zu Christus.
[GS.01_056,01] Sehet, sie sind beisammen und
unser vermeintlicher „Tafeldiener“ fragt auch schon unseren Hauptredner, wie
ihnen diese Reise hierher behagt hat, und was alles für Bemerkungen sie wohl
untereinander gemacht haben dürften? Unser Hauptredner spricht: Lieber Freund
und Bruder von sicher ganz besonders hoher Art! Ich sage dir, ein altes
Sprichwort sagt: Viel Lärm und wenig Wolle! Also war es auch mit uns. Wir haben
viel eitles Zeug miteinander geschwätzt, welches aber zusammengenommen, auf die
Waage der Wahrheit gelegt, sicher ein ganz erbärmlich geringes Gewicht haben
dürfte. Daher wird es auch meines Erachtens nicht vonnöten sein, dir, der du
unsere Torheit von unseren Stirnen ablesen kannst, unser läppisches Zeug zu
wiederholen, bis auf eines, welches zwar ich ausgesprochen habe, aber damit
nicht sagen will, daß es darum etwas Gewichtiges sein solle, sondern es soll
bloß seiner selbst willen gewichtig sein.
[GS.01_056,02] Der vermeintliche Tafeldiener
fragt den Hauptredner und spricht: Worin sollte denn dies seiner selbst wegen
Gewichtige bestehen? Siehe, wir haben noch ein Stück Weges bis zum Palaste hin;
also kannst du mir solches ja wohl kundgeben. Unser Hauptredner spricht: Lieber
Freund und Bruder, wenn du mich geduldig anhören möchtest, da hätte ich fürwahr
eine große Lust, so recht von meinem innersten Gefühlsgrunde kundzugeben, worin
eigentlich dieses sowohl für mich wie auch für die ganze Gesellschaft am
meisten Gewichtige besteht. Du winkst mir zu und sprichst, daß ich reden solle;
also will ich denn auch ohne Zurückhalt auspacken, was ich nur immer in mir
finde. Solche Ideen hatte ich wohl ganz heimlich auch schon auf der Erde;
eigentlich aber waren sie nichts anderes als eine flüchtig vorüberziehende
Phantasie und mußten allezeit meinem katholischen Glauben wieder den
geziemenden Platz machen. Also aber waren und sind, jetzt noch mehr als damals,
diese meine Phantasien beschaffen: Nr. 1 war mir die unbegreifliche
Dreieinigkeit stets endlos hoch gestellt, daß ich machen konnte, was ich nur
immer wollte, ich konnte dennoch nie die Liebe meines Herzens zu eben dieser
unbegreiflichen Dreieinigkeit völlig erheben. Ich hatte wohl eine erbärmliche
Furcht, verbunden mit einer unglaublichen Heiligenscheu. Das war aber auch
alles, was ich gegen dieses allerhöchste dreieinige Wesen empfand; mehr war
meinem Herzen unmöglich abzugewinnen.
[GS.01_056,03] Wenn ich aber bedachte, daß
man Gott über alles lieben soll, und das aus allen Lebenskräften, und mich
dabei fragte: Ist solches wohl bei dir der Fall oder liebst du im Grunde dein
Weib, deine Kinder und so manche deiner Freunde in deinem Herzen nicht offenbar
mehr als die allerheiligste Dreieinigkeit? so bekam ich aus mir selbst allzeit
die unzweideutige Antwort, daß ich nämlich mein Weib, meine Kinder und so
manche Freunde ums überaus Bedeutende mehr liebte denn die allerheiligste
Dreieinigkeit. Ja, ich muß ganz offen noch hinzu bemerken, daß ich es
eigentlich nicht begreifen konnte, wie es einem Menschen möglich sein könnte,
eben diese Dreieinigkeit zu lieben. Denn je mehr ich meine Liebe ins Große
auszudehnen anfing, desto mehr wurde ich in mir gewahr, daß der Mensch für das
gar zu Große nicht einmal liebefähig ist. Ich habe solches auch durch allerlei
Gedankenbeispiele an mir versucht.
[GS.01_056,04] Einmal dachte ich mir:
Könntest du wohl ein allerschönstes Weib lieben, wenn sie etwa zweimal so groß
wäre als ein Kirchturm? Ich stellte mir auch in meiner Phantasie ein solches
Weib so lebhaft als nur immer möglich vor; und, weiß der Himmel, wie es
geschah, hat solches meine Einbildungskraft oder irgendein Geist getan, kurz
und gut, ich erblickte wirklich eine Erscheinung von einer solchen immens
großen Weibsgestalt. Soviel ich mich zu erinnern weiß, war diese Gestalt
wahrhaft schön zu nennen; aber anstatt daß sich in meinem Herzen irgendeine
Liebe geregt hätte, hat sich desselben nur ein wahrhaft höllischer Schreck
bemächtigt. Ich habe dadurch praktisch erfahren, daß des Menschen Herz gar zu
große Dinge nicht zu lieben vermag, sondern es entsetzt sich vor ihnen wie ein
schüchternes Kind, wenn es zum ersten Male einen gepanzerten Helden erblickt.
[GS.01_056,05] Also habe ich auch mein Herz
gefragt, ob ich wohl einen Berg oder die ganze Erde zu lieben vermöchte? Ich
versuchte auch dafür mein Herz zu erwecken; aber es erging mir dabei wie einem
eben nicht zu starken und kräftigen Menschen, so er eine unmäßig große Last
aufheben sollte. Ich stellte mir bei diesem Liebesversuche wohl so manche große
Helden vor und fragte mich: Diese müssen doch die ganze Erde heiß geliebt
haben, weil sie um ihren Besitz so wütend gekämpft haben? Aber da sagte mir
mein Herz: Diese Helden haben nicht die Erde geliebt, sondern allein nur sich
selbst; sie wollten nicht Väter, sondern nur Herren und Herrscher der Erde
sein. Als ich solches fand, da fand ich meinen Grundsatz noch mehr bekräftigt
und ersah daraus noch klarer, daß der Mensch das für sein Verhältnis zu Große
nimmer mit Liebe zu umfassen vermag. Also wollte ich mich auch einmal in einen
Stern verlieben. Auch dieses ging nicht; denn er war mir zu weit entfernt, und
ich kam mir bei dieser Liebe gerade so vor wie ein Fisch außer dem Wasser, der
wohl ständig nach dem Wasser schnappt, aber trotz alledem dennoch keinen
Tropfen in seinen Rachen bekommt. Mit dergleichen sonderbaren Liebesexempeln
habe ich mein Herz vielfach auf die Probe gestellt, aber ich ging allzeit leer
aus.
[GS.01_056,06] Also ging es mir denn auch,
wie gesagt, mit der Liebe zu der allerheiligsten Dreieinigkeit um kein Haar
besser, im Gegenteile noch um vieles schlechter. Denn vor den bisher erwähnten
Liebesproben hatte ich doch bis auf die riesenhafte Weibserscheinung keine
Furcht. Was aber die Dreieinigkeit betrifft, so fürchtete ich dieselbe stets
unaussprechlich, da ich durch meinen Glauben dieses allerhöchste Wesen nur als
einen unerbittlichen, gerechtstrengen Richter kannte, der den Menschen durch
das kurze Leben auf der Erde gewisserart nur zufolge eines fortwährenden
strengen Bußlebens gnädig ist. Ist aber der Mensch einmal gestorben, so hat
denn auch diese spärliche Gnade auf ewig aufgehört, und es harrt des Sünders
nichts als die ewige Verdammnis und, wenn es nur ein wenig besser geht, ein
ganz furchtbares, entsetzliches Fegefeuer. Vom Himmel ist vor dem Jüngsten
Gerichte aber ohnehin keine Rede. Wann aber dieses allenfalls eintreffen
sollte, darüber soll die Weisheit sogar alle Engel sitzenlassen. Es wird
freilich wohl hinterdrein eine lange Seligkeit verheißen, und zwar auf die
Weise, wie wir sie vor nicht langem verkostet haben.
[GS.01_056,07] Wenn du, lieber Freund, nun
dieses alles zusammenfassest, und zwar fürs erste die ganz eigentümliche,
allergeheimnisvollste, unbegreiflichste Wesenheit der Dreieinigkeit Gottes,
fürs zweite die unaussprechliche und unerbittlichste Richterstrenge dieses
Wesens, fürs dritte die Hölle, das Fegefeuer, das Jüngste Gericht und zu allem
dem viertens noch hinzufügst den ewigen Gaff- und Freßhimmel, vergesellschaftet
mit einer ewigen Ruhe, so möchte ich doch das Herz kennen, welches selbst bei
der größten Anstrengung und Notzüchtigung seines Gefühls solch ein Wesen Gottes
mit der heißesten Liebe umfassen könnte.
[GS.01_056,08] Mit Nr. 1, lieber Freund, wäre
ich fertig. Jetzt kommt ein nicht viel besseres Nr. 2, und das ist das nicht um
viel weniger geheimnisvolle allerheiligste Altarsakrament. Ich will dich bei
dieser Gelegenheit nur auf einen dummen Gedanken von meiner Seite aufmerksam
machen. Siehe, unsere Lehre zeigt uns in der Hostie unfehlbar und unwiderlegbar
die vollkommene Gottheit. Nun aber gibt es doch eine Menge Kirchen und in einer
jeden Kirche eine Menge Hostien. Wenn zum Beispiel mehrere Priester zu gleicher
Zeit die Messe gelesen haben und nicht selten fast alle zugleich aufwandelten,
– Freund, da kostete es mich nicht selten einen bedeutenden Kampf; denn ich
mußte mir doch unter einer jeden Hostie das eigentliche göttliche Wesen
vorstellen, und das vollkommen und nicht geteilt. Wie ging es mir aber bei
dieser Vorstellung? Fürwahr, ich konnte mich des Gedankens von mehreren Göttern
nicht erwehren, und besonders, wenn ich noch hinzudachte und auch zugleich mit meinen
Augen ansah, daß in dem ausgesetzten Hochwürdigsten ein vollkommener Gott sich
befand, dann ein gleich vollkommener auch bei der Wandlung von mehreren
Priestern gezeigt wurde, wozu ich mir noch ein volles Kommunion-Ziborium von
über hundert Göttern notwendig vorstellen mußte.
[GS.01_056,09] Nun denke dir, wie es mir da
gar oft ergangen ist, besonders wenn ich eben diese Hostie mit meiner Liebe
habe erfassen wollen. Beim Anblick der vielen konnte ich mir doch unmöglich
einen vorstellen; und somit war ich auch genötigt, fast gar keinen zu lieben.
Am besten ging es mir noch allzeit bei dem in der sogenannten Monstranz; denn
der hielt sich noch am längsten auf. – Solches aber wäre noch das weniger Dumme
von meiner Seite; aber ein anderer Umstand hat sich da allzeit meines Gemütes
bemächtigt, und den konnte ich unmöglich verdauen. Ich bitte dich aber, so ich
ihn dir kundgeben werde, daß du mich darüber nicht gar weidlich verlachst.
[GS.01_056,10] Siehe, dieser Umstand bestand
darin, wenn ich eine so vollkommene Gotthostie ansah, da kam mir nicht selten
dieser verzweifelte Gedanke, daß ich mich fragte: Wenn das der vollkommen wahre
Gott ist, wie mich der Glaube lehrt, wie sieht es hernach mit dem eigentlichen
Gott im Himmel aus? Muß Er da allzeit vollkommen herabsteigen, oder bleibt der
Vater derweil im Himmel und steigt bloß der Sohn herab oder verrichtet diesen
Dienst der hl. Geist?
[GS.01_056,11] Ich habe darüber sogar einige
Male nachgefragt, bekam aber nie eine andere Antwort, als daß alles solches ein
undurchdringliches göttliches Geheimnis sei, und daß darüber nachzudenken schon
beinahe eine der allergrößten Sünden ist, welche gar leichtlich zu einer Sünde
im hl. Geiste wird.
[GS.01_056,12] Auf eine solche Antwort habe
ich dann gleichwohl meine dummen Gedanken soviel als nur immer möglich
zurückziehen müssen; denn ich sah es nur zu gut ein, daß man darüber auf der
Welt nie ins klare kommen wird, darum ich mich denn auch allzeit mit der
geistigen Welt vertröstet habe. Ich habe freilich wohl dabei über die Worte
Christi nachgedacht, der da nur gesagt hat, solches sei Sein Leib, aber nicht
Seine Gottheit. Jedoch auch dieses nützte mir wenig. Am besten kam ich noch
daraus, wenn ich mir darunter ein lebendiges Brot aus den Himmeln vorstellte,
welches dem gläubigen Menschen eine Speise zum ewigen Leben abgeben kann, und
lebte mit diesem Glauben, so gut es nur immer ging, bis zu meinem irdischen
Ende.
[GS.01_056,13] Das wäre nun, lieber Freund,
meine Phantasie Nr. 2. – Nr. 3 hatte ich freilich wohl noch eine andere, und
diese war der evangelische Christus. Da muß ich dir wohl aufrichtig gestehen,
in Diesen war ich fortwährend gleich einer Magdalena förmlich verliebt. Und als
ich einige Träume von Ihm hatte und mir so manche Szenen aus Seinem Wandel
vorführte, da, muß ich dir sagen, ward mein Herz allzeit entflammt. Ich weiß
auch nicht, wie es kam, ich konnte tun, was ich nur immer wollte, und ich war nicht
imstande, Ihn trotz der katholischen Lehre für einen unerbittlichen Richter
anzusehen. Denn die Szene mit dem Schächer am Kreuze und die Art, wie Er noch
sterbend am Kreuze für Seine Beleidiger den Vater um Vergebung bat, ferner die
Geschichte vom verlornen Sohne, die Geschichte vom barmherzigen Samaritan, die
Geschichte vom Zöllner und Pharisäer im Tempel, die von der Ehebrecherin, und
dergleichen noch eine Menge waren allzeit wie eine starke Mauer, gegen welche
all mein katholischer Richterglaube nichts auszurichten vermochte. Und so
dachte ich mir denn auch nach meiner Art einen Himmel, und diesen zwar also:
[GS.01_056,14] Wenn der Himmel allenfalls wie
eine recht herrliche Gegend auf der Erde wäre, in welcher man aber das
unaussprechliche Glück hätte, mit Christo allein zusammenzukommen, von Ihm
belehrt zu werden und von Ihm auch gleich einem Jünger eine liebtätige und
liebersprießliche Beschäftigung zu bekommen, so wäre das doch ein Himmel, den
sich kein sterblicher Mensch schöner, seliger und erhabener zu denken
vermöchte.
[GS.01_056,15] Ich habe mir auch öfter
gedacht: Wenn es möglich wäre, daß ich Christum also haben könnte, wenn auch
nur zuweilen, so wäre mir die allereinfachste Hütte der allerhöchste Himmel!
Ja, ich habe mir auch nicht selten gedacht: Wenn ich nur Dich, mein
herzallerliebster Christus, hätte, so fragte ich weder nach einem Himmel noch
nach einer glückseligen Erde! – Siehe, lieber Freund und Bruder, das sind so
meine Phantasien. Gedanken sind ja zollfrei und deswegen kann noch alles sein,
wie es Gott will! Du magst nun darüber denken, was du willst; kannst du zu
unserer Belehrung daraus etwas brauchen, so ist solches wohl und gut, wo aber
nicht, da geschehe, wie allzeit, des allmächtigen dreieinigen Gottes Wille!
[GS.01_056,16] Der vermeintliche Tafeldiener
lächelt unsern Hauptredner an und sagt zu ihm: Höre, mein geliebter Freund!
Deine Phantasien sind besser, als du glaubst; besonders aber, was deine dritte
Phantasie betrifft, so ist sie unstreitig die beste. Siehe, es ist wahr, in der
Gottheit liegen wohl ewig unerforschliche Dinge und Verhältnisse, Wege und
Ratschlüsse, welche nie ein geschaffenes Wesen begreifen wird; aber was deine
Liebe zu Christo betrifft, so soll dir darüber gar bald ein helles Licht
werden. Soviel kann ich dir im voraus sagen, daß dir und deiner ganzen
Gesellschaft sicher ehestens dieser dein Phantasiehimmel zuteil wird! Da wir
aber nun schon vor der Türe dieses Palastes stehen, so gehen wir in denselben;
allda sollst du das Nähere erfahren. –
57. Kapitel – Der Lebenspalast der
Gesellschaft. Der Same zum Himmelreich – das Wort Gottes.
[GS.01_057,01] Nun sehet, unsere Gesellschaft
staunt schon vor dem Tore, denn dasselbe ist wie von blankem Golde, und die
Rahmen des Tores sind besetzt mit Diamanten und Rubinen. – Der Hauptredner
spricht sobald zu dem vermeintlichen Tafeldiener: Aber lieber Freund! Das ist
denn doch des Guten etwas zu viel; wenn ich mich recht auskenne, so möchte ich
beinahe behaupten, der Wert dieses Tores, nach irdischem Maßstabe berechnet, möchte
ja wahrhaftig alle Schätze und Reichtümer der gesamten Erde übertreffen. Denn
fürs erste ist das Tor selbst gering bemessen bei drei Klafter hoch und ist
dabei überaus massiv. Ich übergehe diesen Goldwert; aber die faustgroßen
Diamanten und Rubine, o du Heil der Welt!
[GS.01_057,02] Da könnte ja ein
allerreichster Kaiser sich nicht einen anschaffen; und da sitzen gleich mehrere
Hunderte! Wozu ist denn hier wohl eine solche Verschwendung? – Der
vermeintliche Tafeldiener spricht: Lieber Freund, laß das gut sein; bei Gott
findet keine Verschwendung statt. Hast du je gezählt die Sterne des Himmels,
die da alle glänzen mit eigenem Lichte, und von denen jeder um mehr denn das
Millionenfache größer ist als die Erde, die du bewohnt hast? Möchtest du da
nicht auch sagen: Wozu eine solche Verschwendung an Sonnen im unermeßlichen
Weltenall?
[GS.01_057,03] Siehe, der Herr ist reich
genug, und Seine Schätze sind unermeßlich; daher ist diese kleine Verzierung
hier auch nicht im geringsten als eine Verschwendung anzusehen, wohl aber ist
diese Verzierung des Eingangstores ganz zweckmäßig und bedeutungsvoll und zeigt
dir, wie viel Glaubenswahres und Liebegutes in dir ist. Das „goldene Tor“ aber
bezeichnet deinen Lebenswandel zufolge deines Glaubenswahren und Liebtätigkeitsguten;
und so laß uns denn durch das Tor eingehen in den Palast.
[GS.01_057,04] Sehet, nun gehen sie hinein.
Gehen auch wir mit, damit wir gleich bei der Hand sind, wenn sich nun sogleich
eine wichtige Szene darstellen wird. Sehet nun unseren Hauptredner an, wie er
ganz verblüfft um sich her schaut und mit ihm auch seine ganze Gesellschaft.
Warum denn solches? – Ihr könnt es leicht erraten: weil unser guter Hauptredner
nun vom ganzen Palaste nichts mehr ersieht, sondern sich an der Seite des
vermeintlichen Tafeldieners in einem großen, zehnsäuligen Tempel befindet. Die
Säulen bestehen aus lauter Diamanten, die Fußgestelle von Gold, die Kapitelle
von durchsichtigem Golde, das Dach von Rubinen und der Boden von lauter
Amethystplatten. Über den Tempel hinaus, nach allen Seiten hingeschaut, ist
allenthalben eine endlos weit ausgebreitete Ebene, welche hier und da durch mit
ähnlichen Tempeln verzierte Hügel unterbrochen ist. Die Ebene selbst aber ist
allenthalben bewachsen mit den herrlichsten Fruchtbäumen aller erdenklichen
Art; und alles ist so wohl geordnet, als hätte solches ein berühmtester
Kunstgärtner angelegt.
[GS.01_057,05] Hören wir aber nun unsern
Hauptredner, was er da spricht, und welche Antwort er dem vermeintlichen Diener
auf die Frage gibt, wie ihm das Innere des Palastes gefalle. Sie lautet: Aber
lieber Freund und Bruder, was ist denn das schon wieder für eine neue
himmlische Fopperei?! Ich habe mir in meiner Phantasie schon die herrlichen
Zimmer des Palastes ausgemalt, und kaum beim Tore desselben hineingetreten, war
der ganze Palast wie weggeblasen! An der Stelle des Palastes steht nun hier
dieser freilich wohl unaussprechlich herrliche Tempel, und um denselben nach
allen Richtungen endlos weit ist anstatt der von mir schon auf das Allerrarste
ausgemalten Palastzimmer diese Gegend von unnennbarer Herrlichkeit zu
erschauen. Nein, das kommt mir schon wieder nicht ganz richtig vor. Wer sich
solches erklären kann, der muß wenigstens zehntausend Jahre vor dem Adam
geboren worden sein! Denn von den Kindern Adams dürfte wohl keines dieser
Erscheinung gewachsen sein. Sage mir aber, mein lieber Freund und Bruder,
kennst du dich dabei aus?
[GS.01_057,06] Der vermeintliche Tafeldiener
spricht: Sei dessen unbesorgt; ich will dir nur ein Gleichnis geben, und du wirst
aus demselben gar bald ins klare kommen und so habe denn acht! Wenn du, noch
auf der Erde wandelnd, je ein Samenkorn betrachtet hast, so wirst du dasselbe
allzeit in seiner einfachen Gestaltung erschaut haben. Du nahmst aber das
Samenkorn und legtest es in das Erdreich. Gar bald verfaulte das Samenkorn in
der Erde, aber an dessen Stelle entwuchs dem Boden eine herrliche Pflanze,
welche beinahe alle deine Sinne zu gleicher Zeit in Anspruch nahm. Da sagtest
du: Mein Gott, wie ist doch solches möglich? War das denn schon alles in dem
früheren Samenkorne vorhanden? Also fragtest du, und dein Gefühl und dein
Verstand sagten dir: Wie hätte es sich wohl also gestalten können, wenn nicht
im Samenkorne ein solcher Grund schon vorhanden gewesen wäre? Und du fandest
demnach die innere Pracht eines Samenkornes bei weitem größer denn die frühere
äußere, nackte des Samenkorns.
[GS.01_057,07] Nun, mein lieber Freund, hat
der große Lehrer der Menschheit nicht auch einmal das Himmelreich mit einem
Senfkorne verglichen? Du sprichst: O ja, das weiß ich sehr gut. Nun siehe, das
Senfkörnlein ist das Wort in seiner Außen- oder Buchstabenform. Wenn aber
dieses Wort in das Erdreich des Herzens gelegt wird, so geht es auf und wird zu
einem förmlichen Baume, unter dessen Ästen die Vögel des Himmels wohnen. Was
ist wohl der Baum? Der Baum ist die innere geistige Erkenntnis des äußeren
Wortes, und die Vögel bezeichnen das Himmlische, somit den Urstand, woher das
Wort gekommen ist.
[GS.01_057,08] Also besagt das ganze Wesen
des Baumes die Weisheit, welche aus der Liebe hervorgeht, und daß solche
Weisheit allein nur imstande ist, Himmlisches zu erkennen. Wenn der Baum zu
seiner Reife kommt, wird er da nicht einen tausendfachen Samenreichtum abgeben?
Wenn du aber nun solchen Samenreichtum abermals in dein Erdreich streuest, wird
da für dich nicht schon eine große Ernte erwachsen, da du statt einem tausend
solche Bäume deinem Boden wirst entwachsen sehen? – Du sprichst: Jawohl,
solches wird ganz sicher sein. Hast du aber solche unberechenbare Fülle im
ersten einfachen Samenkorne bemerkt? – Siehe, also verhält es sich ja eben auch
mit dem Himmel.
[GS.01_057,09] Du kannst nicht irgendwohin in
einen Himmel kommen, sondern du mußt dir deinen Himmel selbst bereiten. Der
Same zum Himmelreich ist das Wort Gottes; wer dasselbe in sich aufnimmt und
darnach tätig wird, der hat dieses himmlische Samenkorn in sein Erdreich
gelegt, und der Himmel wird aus ihm gleich einem Baume erwachsen.
[GS.01_057,10] Nun höre weiter! Als wir an
das Tor des Palastes kamen, da sahst du dasselbe geziert, mit Diamanten, weil
du das Wort in dir aufgenommen hast, und mit Rubinen, weil du nach dem Worte
tätig geworden bist. Das waren somit noch lauter äußere Samenkörner. Der ganze
Palast aber stellte dein gesamtes Leben dar und sonach das Tor mit den
Diamanten und Rubinen, daß du dir den Eingang in dich selbst mittels des Wortes
Gottes verschafft hast.
[GS.01_057,11] Wir gingen durch das Tor; was
will das sagen? Siehe nichts anderes als: wir sind eingegangen in dein und euer
aller Inneres, oder wir sind eingegangen in des Wortes inwendigen Sinn. Das
Wort aber ist nicht etwa ein leeres Wort und ist nicht nur also wahr, als so
jemand sagte: eins und eins sind zwei, sondern das Wort ist wesenhaft wahr! Und
solches alles, was du hier erblickst, und noch unendlichfach Mehreres und
Tieferes ist schon also in dem göttlichen Worte geschaffen vorhanden, wie da in
einem einzigen Samenkorne eine zahllose Menge von Pflanzen oder Bäumen nebst
ihren Früchten schon geschaffen vorhanden ist, nur mit dem Unterschiede, daß
ein Samenkorn immerwährend dasselbe von sich gibt, was es in sich trägt, ohne
eine besondere Formveränderung, während das Wort Gottes, als Same des Himmels,
sich in einer unaussprechlichen Mannigfaltigkeit ausspricht. Warum? Weil das
Wort Gottes ein vollkommener Same ist. – Ich meine nun, mein lieber Freund,
wenn du dieses recht beachtest, so wirst du wohl mit der leichtesten Mühe diese
gegenwärtige Erscheinung begreifen.
[GS.01_057,12] Unser Hauptredner spricht: O
lieber Freund! Mir und sicher uns allen fängt nun ein ganz gewaltiges und
völlig neues Licht an aufzugehen. Wenn ich aber nun zurückdenke an meine
früheren Himmelsbegriffe, so kommen mir dieselben gerade so vor, als wenn ich
auf der Erde manchmal am hellen Mittag zurückdachte an das Traumgebilde der
Nacht. Welch eine Fülle muß im ganzen Worte des Herrn sein, wenn solches schon
der erste Trieb aus dem Senfkörnlein weiset! Ja, jetzt begreife ich auch den
Text, der da lautet:
[GS.01_057,13] „Das Reich Gottes kommt nicht
mit äußerem Schaugepränge, sondern es ist inwendig in euch.“ Ja, es wird mir
jetzt gar manches klar. Ich fange auch an, zu begreifen, aus welchem Grunde du
im obigen Scheinhimmel scheinbar einen Text des Apostels Paulus in den Johannes
übertrugst. Der Paulus ist wohl auch eine Pforte, an welcher die Samenkörner
des Wortes Gottes in der größten Prachtfülle angebracht sind, aber im Johannes,
ja im ganzen Johannes leuchtet nun die Fülle der Gottheit in Christo wesenhaft
hervor! Ich meine, Paulus spricht solches wohl in einem Texte aus. Das kommt
mir vor wie ein Same. Johannes aber spricht solches in der Fülle aus, und das
ist schon eine Pflanze. – Habe ich recht?
[GS.01_057,14] Der vermeintliche Tafeldiener
spricht: Ja, du hast recht, und siehe, was du siehst, ist wohl der erste Trieb.
Willst du das völligere Gedeihen dieses ersten Triebes erschauen, so gehe immer
tiefer in deine dritte Phantasie ein, und du wirst bald die Früchte dieser
herrlichen Anpflanzung in voller Reife ernten!
[GS.01_057,15] Unser Hauptredner spricht: Ja,
lieber Freund, ja, du hast vollkommen recht; es geht mir hier wahrlich nichts
mehr ab als mein alleiniger, von mir über alles geliebter Christus! Wenn ich
nur Den einmal in meine Hand bekäme, da möchte ich meinem Herzen Luft machen,
wie es sich nicht leichtlich jemand zu denken vermöchte.
[GS.01_057,16] Der vermeintliche Tafeldiener
spricht: Bleibe nur in deiner Verfassung, denn ich sage es dir: Du bist dieser
Luftmachung näher als du glaubst! – Wahrlich, wenn du Christum recht ergreifen
wirst, so wird Er auch bei dir sein!
58. Kapitel – Die Sehnsucht nach dem Herrn.
Ein Liebes-Examen. Das heilige Ziel.
[GS.01_058,01] Unser Hauptredner spricht:
Lieber Freund und Bruder! Diese deine letzten Worte klingen wohl überaus
tröstend; nur möchte ich dagegen bemerken, daß es mit dem rechten Ergreifen
Christi sicher so lange einen etwas verdächtigen Umstand haben wird, bis Er vor
mir stehen wird. Denn was da mein Herz betrifft, so habe ich Ihn mit demselben
schon gar lange, wie auch diese ganze Gesellschaft, ergriffen; aber trotzdem
wollte sich der liebe Christus von uns nicht wesenhaft ergreifen lassen. Und so
brennen wir jetzt auch alle für Ihn und möchten Ihn ergreifen und Ihn dann vor
lauter übermäßiger Liebe ewig nimmer lassen, nur fehlt zu dieser für uns
allerseligsten Unternehmung nichts mehr und nichts weniger als eben der zu
ergreifende Hauptgegenstand Selbst!
[GS.01_058,02] Gut wäre es, lieber Freund, ja
übergut, Christum aus allen Kräften zu ergreifen, ja mein ganzes Wesen und
meine Hände sind seligst lüstern darnach; aber nur da soll Er sein, oder Sich
wenigstens in dieser Gegend irgendwo auffinden lassen! Fürwahr, wenn es auf
mich ankäme, so würde ich mir nichts daraus machen, aus Liebe zu Christo noch
aus tausend solchen Himmeln hinausgeworfen zu werden; und mit dem obern Himmel
hätte es wohl gar schon seine geweisten Wege. Wenn ich demnach nur versichert
wäre, bei der tausendmaligen Hinauswerfung aus den Himmeln gerade zu den Füßen
Christi geworfen zu werden. Aber wenn man dessen nicht vollends sicher ist, so
gleicht meine Liebe zu Christo noch immer mehr oder weniger einem vergeblichen
Umsichherschnappen nach dieser allerseligsten Lebensluft, wie wenn man sich in
einer Sphäre befinden möchte, da entweder keine oder nur sehr wenig Lebensluft vorhanden
ist.
[GS.01_058,03] Der vermeintliche Tafeldiener
spricht: Hast du denn hierzu wenig Luft zum Atmen, weil du also sprichst, als
müßtest du nach der Lebensluft schnappen?
[GS.01_058,04] Unser Hauptredner entgegnet:
Mein lieber Freund und Bruder, ich will doch nicht meinen, daß du mich unrecht
verstehen solltest, denn es gibt eine zweifache Lebensluft, das heißt, lieber
Freund und Bruder, nach meinem Verstande gesprochen. Eine Lebensluft, die hier
in reichlicher Fülle vorhanden ist, ist die für den Lebensbedarf der Lunge;
diese meine ich aber nicht. Das Herz aber ist auch ein höher atmendes Wesen,
das heißt, wie ich es denn verstehe, es atmet nämlich Liebe aus und will daher
auch wieder Liebe einatmen.
[GS.01_058,05] Siehe, als ich noch als ein
Mensch auf der Erde lebte, da ward ich, wie schon einmal bemerkt, in ein
weibliches Wesen stark verliebt. Für meine Lunge hatte ich in diesem Zustande
wohl überall genug Luft zum Einatmen. Wenn ich aber nicht in der Nähe dieses
meines geliebten Gegenstandes mich befand, da war es mir dennoch trotz der
Fülle der Lungenluft zum Ersticken. Befand ich mich aber wieder in der vollen
Nähe meines geliebten Gegenstandes (du mußt es mir nicht verargen, wenn ich
mich hier vielleicht eines unpassenden Ausdruckes bediene), da wäre mir die
Luft, wenn es nicht anders hätte sein können, sogar eines Abtrittes zu einem
wohlduftenden Äther geworden.
[GS.01_058,06] Siehe, gerade so geht es mir
auch hier und dieser ganzen Gesellschaft sicher nicht um ein Haar besser denn
mir. Ich sage dir, räume alle diese himmlischen Herrlichkeiten hinweg und setze
an diese Stelle, wo sich nun dieser Prachttempel befindet, eine ganz gemeine
Bauernhütte. Gebe mir statt dieser weichen Prachtkleider eine ganz ordinäre
Bauernjacke und schaffe für all diese üppigen Fruchtbaumalleen ganz dürftige
Bäume und etwa ein mäßiges Korn- und Weizenfeld hinzu; aber stelle Christum zu
allem dem, so wirst du mich glücklicher machen, als wenn du mir noch tausend
endlos herrlichere Gebiete hier zu dieser Aussicht hinzufügen möchtest.
[GS.01_058,07] Ja, ich will dir noch mehr
sagen, was da mein Herz betrifft. Wenn ein solches Verhältnis möglich wäre, so
wäre ich mit Christo auf dem armseligsten Erdwinkel, wenn dieser schon aussehen
möchte wie eine Vorhölle oder gar die eigentliche Hölle selbst, noch ums
Unaussprechliche glücklicher und seliger, als ohne Seine sichtbare, menschlich
wesenhafte Gegenwart in dem allererhabensten und allerwundervollsten Himmel!
Ich meine, lieber Freund und Bruder, das wird etwa doch klar genug gesagt sein.
[GS.01_058,08] Unser vermeintlicher
Tafeldiener spricht: Mein geliebter Freund, ich habe dich ganz gut verstanden,
nur kommt es mir vor, daß du deine Liebe zu Christo deiner sinnlichen Weltliebe
gleichzustellen scheinst. Da meine ich, es muß die Liebe zum Herrn doch ganz
anders gestaltet sein als wie die zu einer angehenden Braut. Und da meine ich
denn, solange du solche Liebe in deinem Herzen nicht scheiden wirst, wirst du
auch Christum nicht recht lieben; solange du Ihn aber nicht recht lieben wirst,
da meine ich, wird Sich Christus auch bedenken, dir zu erscheinen oder völlig
zu dir zu kommen.
[GS.01_058,09] Unser Hauptredner spricht:
Mein lieber Freund, das ist viel leichter gesprochen als getan. Gebe in mein
Herz noch eine zweite Liebe hinein, die des Herrn sicher würdiger sein wird,
als diese da ist, in der ich jetzt lebe, und ich will diese alsogleich fahren lassen.
Ich meine aber, wenn ich nun alle meine Liebe in mir vereinigt habe, auch
diejenige, die ich einst zu meinem Weibe hatte, und habe diese vereinigte Liebe
heimlich schon gar lange allein dem Herrn zugewandt, so, daß ich nun aus dem
innersten Grunde meines Lebens sagen kann: Ich habe für Christus alles, was ich
nur immer hatte, hergegeben; da kann ich ja vor der Hand doch nicht mehr tun.
Wenn aber all diese Liebe des Herrn unwürdig ist, so habe ich dir ja eben
gesagt: mir ist sie in jedem Augenblicke für eine des Herrn würdigere feil. Das
aber kann ich beinahe unmöglich glauben, daß der Herr mit einer andern Liebe
von unserer Seite will geliebt sein als gerade mit derjenigen nur, die Er
Selbst in unser Herz gelegt hat.
[GS.01_058,10] Wenn ich aber zurückdenke an
alle die Lieblinge des Herrn bei Seinen irdischen Lebzeiten, so hat Er allda
dennoch diejenigen am liebsten gehabt, welche sich Ihm mit der ganz
gewöhnlichen kindlichen Herzensliebe genähert hatten. Also war der Johannes,
der den Herrn sicher gar oft kreuz und quer abgeküßt und selbst noch beim
letzten Abendmahl sich förmlich verliebtermaßen an Seine Brust hingelegt hatte,
Sein Liebling. Dasselbe war auch der Fall mit Maria, einer Schwester der
Martha, und nicht weniger mit der Magdalena, die in Ihn doch förmlich verliebt
war; welch letztere eben zufolge dieser großen Liebe Ihn nach der Auferstehung
zuerst ersah.
[GS.01_058,11] Und das alleranschaulichste
und handgreiflichste Beispiel hat der liebe Herr Christus ja bei der
Gelegenheit gegeben, als man die kleinen Kindlein zu Ihm brachte, da er gesagt:
„Lasset die Kleinen, und wehret ihnen nicht, zu Mir zu kommen, denn solcher ist
das Himmelreich!“ Siehe, die Kindlein wußten sicher nichts von einer höheren,
des Herrn würdigeren Liebe, sondern mit der ganz kindlich natürlichen Liebe
umfaßten sie den allmächtigen Herrn Himmels und der Erde. Und dennoch sagte der
Herr darauf zu Seinen Aposteln und Jüngern: „Wenn ihr nicht werdet wie diese
Kindlein hier, so werdet ihr nicht in das Reich der Himmel kommen!“
[GS.01_058,12] Siehe, lieber Freund, solches
gibt mir nun den vollen Mut, den Herrn mit meiner natürlich-kindlichen oder
kindischen Liebe zu lieben, und wer weiß, ob Ihm diese meine zwar an und für
sich höchst einfache Liebe dennoch nicht, von meiner Seite aus betrachtet,
angenehmer sein möchte, als vermöchte ich Ihn mit der allerreinsten
Seraphsliebe zu lieben. Ich möchte Ihn ja wohl auch mit der Seraphsliebe
lieben, wenn ich sie hätte! – Wahrlich, ich würde sicher in dieser Hinsicht
mein Herz zu keiner Liebesparkammer machen; so aber muß ich auch mit dem lieben
Apostel Petrus ausrufen: „Mein lieber Christus! Siehe, Gold und Silber habe ich
freilich in meinem Herzen nicht; aber was ich habe, das möchte ich Dir wohl
alles geben, wenn ich Dich nur hätte!“
[GS.01_058,13] Unser vermeintlicher
Tafeldiener öffnet Seine Arme, breitet sie weit aus und spricht zu unserem
Hauptredner, wie durch ihn auch zur ganzen Gesellschaft: Mein geliebtester
Freund und Bruder! Ich habe dir ja gesagt: Erfasse du nur Christum recht, so
wird Er auch da sein! – Du hast Ihn erfaßt, und so ist auch das eingetroffen,
was Ich dir gesagt habe; denn Christus hat sich dir genaht, und du sollst
fürder ewig nicht mehr aus Seiner Gesellschaft kommen, – und so denn magst du
deinen Christus nach deiner Herzenslust umfassen!
[GS.01_058,14] Unser Hauptredner fragt den
noch immer vermeintlichen Tafeldiener, in seinem Gemüte höchst liebeaufgeregt:
O lieber Freund, wo, wo ist Er denn, auf daß ich und meine ganze Gesellschaft
hinfallen möchten zu Seinen Füßen?
[GS.01_058,15] Und der vermeintliche
Tafeldiener spricht: Freunde, Brüder! Hier steht Er vor euch; Ich bin es, den
ihr in euren Herzen gesucht habet! Aber Ich war schon lange eher bei euch und
habe euch gesucht und hierher gebracht. Also kommet denn her, und Ich will euch
führen dahin, da Ich wohne unter denen, die Mich also lieben, wie ihr Mich
liebet; denn wahrlich, Ich frage nicht nach Gold und Silber; aber nach der
kindlichen Liebe zu Mir frage Ich! – Will Ich Pracht und Glanz, solches, Meine lieben
Freunde und Brüder, steht wohl ewig in Meiner Macht, die ganze Unendlichkeit
damit wunderprachtvollst auszuschmücken.
[GS.01_058,16] Ich bin aber ein wahrer Vater
zu euch, Meine lieben Kindlein, und daher sind Mir eure Herzen auch mehr, in
all ihrer kindlichen Einfachheit, denn alle Pracht der Himmel! Und so denn
folget Mir! –
[GS.01_058,17] Nun sehet, wie sich jetzt
plötzlich alles verändert hat. Unsere Gesellschaft umfaßt den Herrn, liebt Ihn
und drückt ihre Herzen hin an den Vater, wie es die Kinder tun, wenn sie lange
ihre guten Eltern nicht gesehen haben. Und der Herr führt sie wie ein guter
Vater und lehrt sie unterwegs Selbst Seine Wunder kennen. Sehet, welche
Seligkeit nun auf unserer Gesellschaft Angesichtern strahlet! Und unser
Hauptredner macht noch einen Ausruf: O welche Reise ist das, wo der heilige
Vater Seine Kinder hinführt, da Er wohnet! –
59. Kapitel – Ankunft im ewigen Morgen.
Beschränktheit der göttlichen Allmacht bei Erziehung des menschlichen Gemüts.
[GS.01_059,01] Ihr fraget hier wohl, ob wir
uns diesem Zuge noch weiter anschließen sollen. Ich sage euch, auch dieses ist
notwendig. Ihr müsset dieses ebenfalls vom Anfange an bis zum Ende sehen. Denn
jetzt ist unsere Gesellschaft überaus selig überrascht und ist von der Liebe
des Herrn zu sehr gefangengenommen. Erst am rechten Orte und an rechter Stelle
wird diese erste Aufwallung des Liebegefühls geordnet werden, und da auch wird
sich unser Hauptredner bei der besten Quelle noch um so manches erkundigen.
[GS.01_059,02] Denn solches ist namentlich
allen besseren römischen Katholiken eigen, daß sie aus dem Grunde überaus
lichtdurstig im Reiche der Geister und somit auch jetzt in dem wahren Himmel
anlangen; daher sie auch tausend Fragen für eine haben, um sich in all ihren
Winkeln Licht zu verschaffen, welche bei ihrem Leibesleben stets in großer
Finsternis gehalten worden sind.
[GS.01_059,03] Sehet, wir sind dem rechten
Platze schon ziemlich nahe. Unser wohlbekanntes Kleinhügelland lächelt uns
schon wieder entgegen, und die Sonne des Himmels steht hier gar nieder und
leuchtet ein wunderherrliches rötliches Licht, auch unsere Gesellschaft bemerkt
solches und verwundert sich über die Einfachheit dieser vor ihnen liegenden
Gegend.
[GS.01_059,04] Nun, da ist ja das uns
bekannte Häuschen, und auch seine Bewohner sind uns schon bekannt. Sehet, wie
sie liebefreundlichst und voll der höchsten Wonne dem Vater und der ganzen Ihm
folgenden Gesellschaft entgegeneilen.
[GS.01_059,05] Der Vater empfängt sie
ebenfalls mit offenen Armen und spricht zu ihnen: Sehet her, um wie vieles Ich
schon wieder reicher geworden bin! Jeder Arbeiter ist seines Lohnes wert;
sehet, also habe auch Ich gearbeitet und bringe Meinen Lohn mit Mir. Neue
Brüder und neue Schwestern bringe Ich hierher, und sie sollen so wie ihr um
Mich sein, damit Mein Wort erfüllt werde ewig, welches lautet: „Wo Ich bin, da
sollen auch Meine Diener sein; und die Mich lieben, sollen bei Mir wohnen!“
[GS.01_059,06] Hier wendet Sich der Herr zu
unserem früheren Hauptredner und sagt zu ihm: Nun, Mein geliebter Freund,
Bruder und Sohn! Siehe, dahier ist so Mein Plätzchen; wie gefällt es dir? –
Unser Hauptredner faßt sich und spricht: O Herr! Wie kannst Du mich um so etwas
fragen? Da könnte ich wohl eher fragen, wie es Dir hier gefällt? Denn was mich
betrifft, so wird es mir dort wohl ewig am allerbesten gefallen, wo Du bist und
wohnst, und wo es Dir am allerbesten gefällt.
[GS.01_059,07] Wahrlich, hier sieht es ja
nahe also aus, wie es bei uns armen Landleuten auf der Erde ausgesehen hat. Und
was für eine herrliche Aussicht man da genießt! Da unten diese endlos weit
gedehnte Ebene, mit welcher unaussprechlichen Pracht ist sie geziert! Städte
und ungeheuer prachtvolle Paläste gibt es ja in einer ganz unfaßbaren Unzahl;
und dieses herrliche Hügelland mit den niedlichen kleinen Wohnhäusern scheint
dort nach vorwärts hin auch ewig kein Ende nehmen zu wollen.
[GS.01_059,08] Wie kommt es aber, daß die
Ebene da unten dennoch so unaussprechlich prachtvoller erscheint als dieses
Hügelland? – Aber ich bin noch ein armseliger Tropf; ich merke erst jetzt, daß
ich mich schon wieder in tausend Fragen verloren habe, daher vergib mir!
[GS.01_059,09] Der Vater nimmt unseren
Hauptredner bei der Hand und spricht zu ihm: Siehe, in dieser Gegend da unten
wohnen gewöhnlich Menschen, welche durch den alleinigen Glauben an Mich ein
vollkommen gerechtes Leben geführt haben. Darunter sind zuallermeist die
sogenannten Protestanten und noch andere christliche Sekten. In dem weiteren
Hintergrunde aber wohnen Heiden, die auf der Welt ihrem Glauben zufolge ein
gerechtes Leben geführt und erst hier den Glauben an Mich angenommen haben.
Dort, mehr in jenem Hintergrundsteile, der sich zwischen Mittag und Abend
hinzieht, ist die Wohnung derjenigen katholischen Christgläubigen, welche sich teils
römische, teils aber griechische Katholiken nennen, sich aber hier ohne
Beschädigung ihres Lebens und ihrer Freiheit nicht völlig haben von ihren
Irrtümern zu reinigen vermocht. Diese sind darum nicht etwa unselig, sondern
sie genießen auch eine große Seligkeit, auch sind sie nicht etwa an ihre Gegend
gebannt, sondern können nach einer tieferen Innewerdung des eigentlichen
Grundwahren auch weiter vorwärts gelangen.
[GS.01_059,10] Du möchtest wohl wissen, worin
solch ein Irrtum besteht? Siehe, ein solcher Irrtum besteht darin: Wenn jemand
aus Gottesfurcht den Glauben wie genötigt annimmt und dann diesem Glauben
getreu lebt, kann er Gott nimmer so recht liebend erfassen, weil er Ihn zu sehr
fürchtet. Diese übertriebene Gottesfurcht ist sonach der kleine Irrtum, und
dieser ist, ohne Beschädigung des Lebens und der Freiheit, nicht so leicht
hinauszubringen. Du denkst dir freilich: Wie kann der Allmächtige solches
sprechen? Siehe, wo es sich um die völlige Freiheit eines Wesens handelt, da
muß Ich Selbst mit Meiner Allmacht hübsch daheim bleiben. Denn würde Ich diese
gebrauchen, so wäre es mit einem solchen augenblicklich gar, und Ich würde dann
statt frei lebender, denkender, wirkender und handelnder Kinder lauter
gerichtete Maschinen haben, die sich stets unerbittlich gezwungen, aber nimmer
freiwillig nach Meinem Willen bewegen würden. Ich kann daher nur da von Meiner
Allmacht Gebrauch machen, wo sie fürs erste im höchsten Grade notwendig ist und
dabei aber fürs zweite dennoch nie den freien Geist in seinem Erkennen und
Wollen beschränkt.
[GS.01_059,11] So will Ich dir gleich ein
Beispiel geben, auf welche Weise Ich von Meiner Allmacht Gebrauch mache.
[GS.01_059,12] Was die naturmäßige Welt
betrifft und was überhaupt die Gestaltung aller Geschöpfe anbelangt, so sind
sie Werke Meiner Allmacht. Wenn dann die freien Geister zufolge Meines Wortes
und des darnach geführten Lebenswandels das Leben aus Mir in sich aufgenommen
haben, so wirket Meine Allmacht, daß alles das, was die frei gewordenen
lebendigen Geister als nutzwirkend Gutes und Wahres in sich erkennen, sie
alsogleich reell zu ihrem freiwilligen Gebrauche im reichlichsten Maße
erschauen und davon eben sogleich den freien Gebrauch machen können.
[GS.01_059,13] Diese untere Gegend ist
zumeist ein solches Werk Meiner Allmacht und entspricht in allem dem
Glaubenswahren und daraus hervorgehenden Nutzwirkenden, wie solches sich im
Inwendigsten dieser seligen Geister vorfindet. Und also ist es der Fall
allenthalben, wo du deine Augen nur immer hinwenden willst, entweder über den
ganzen endlosen Mittag hin oder über den ganzen Abend hin, wie auch über den
ganzen Norden hin.
[GS.01_059,14] Du fragst hier in deinem
Gedanken: Ist denn solches nicht auch der Fall mit diesem ewigen Morgen? Nein,
dieser steht unter einem ganz anderen Verhältnisse und ist in all seinen Teilen
vollkommen unveränderlich fest also, wie eine jede naturmäßige Welt fest ist.
Und die unerschütterliche Festigkeit des Morgens steht als inwendige ewige
Grundfeste gegenüber der äußeren naturmäßigen Festigkeit. Der Grund davon aber
liegt darin, weil fürs erste Ich Selbst in Meinem Wollen ewig unveränderlich
bin; und was Ich einmal bestimmt gestaltet habe, das bleibt auch ewig also
unveränderlich und bestimmt, wie unveränderlich und bestimmt Ich Selbst in Meinem
ewigen Wollen bin.
[GS.01_059,15] Fürs zweite aber ist diese
Gegend darum eine unveränderlich feste, weil Meine Kinder, die hierher zu Mir
kommen, zufolge ihrer großen Liebe zu Mir in ihrem Wollen und in ihrem Erkennen
vollkommen eins sind mit Mir, oder, mit andern Worten gesagt, weil sie sich
völlig bis auf den letzten Tropfen gedemütigt und zufolge ihrer Liebe zu Mir
ihren Willen völlig hintangegeben und an dessen Stelle Meinen ewig lebendigen
in sich aufgenommen haben.
[GS.01_059,16] Daher auch wollen sie hier
nichts anderes, als was Ich will. Mein Wille aber ist eine allerklarste, ewig
festbestimmte Darstellung des Guten und Wahren. Daher ist denn auch diese
Gegend, in der Ich mit den Meinen wohne, eine vollkommen unveränderlich feste
und ist in ihr nirgends eine Täuschung. Was du hier ansiehst, das ist auch
vollkommen so von innen, wie von außen. Alle die Pflanzen, die Bäume, die
Früchte, die Getreidefelder sind hier nicht bloß erscheinliche Entsprechungen,
sondern sie sind vollkommene bestimmte Realitäten. Wenn du hier von einem Orte
zum andern gehst, so kannst du deine Schritte zählen, und du wirst hin und her
dieselbe Entfernung finden.
[GS.01_059,17] Du fragst mich wohl, ob diese
Festigkeit mit der Festigkeit der Welt etwas gemein hat? Die Festigkeit dieser
Himmelswelt hat mit der Festigkeit der materiellen Welt durchaus nichts gemein,
denn die Festigkeit der Welt ist ebenfalls nur eine scheinbare, und dauert für
einen betreffenden Geist nur so lange, als er ein Bewohner der Materie ist, hat
er aber die Materie verlassen, dann vergeht für ihn auch deren Festigkeit. Aber
nicht also ist es hier; denn diese Festigkeit ist eine wahre Festigkeit und ist
unveränderlich und unzerstörbar für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten, weil sie
ist ein vollkommener Ausdruck Meiner ewigen Vaterliebe!
[GS.01_059,18] Du fragst, wie weit diese
Gegend wohl geht? Mein lieber Freund, Bruder und Sohn! Diese Gegend, wie du sie
gegen den Morgen hin erschaust, hat fürder ewig nimmer ein Ende und ist sonach
so groß, daß, wenn auf allen unendlich vielen Weltkörpern ewighin Menschen
geboren werden und alle kommen möchten in diese Gegend, so würden sie nach dem
Verlaufe von tausend Ewigkeiten im Verhältnisse zu der Größe dieser Gegend noch
nicht mehr betragen, als ein Sandkörnchen beträgt im Verhältnisse zu der
Unendlichkeit des ewigen Raumes.
[GS.01_059,19] Du fragst Mich nun wohl, wie
Ich solches alles übersehen kann, und ob diejenigen, so von hier endlos weit
gegen den tieferen Morgen hin wohnen, Mich wohl je zu sehen bekommen? – Mein
lieber Freund, Bruder und Sohn! Auch solches will Ich dir sagen; denn Meinen
Kindern soll nichts vorenthalten sein! –
60. Kapitel – Die ureigentümliche Gott-Sonne.
Erklärung der persönlich wesenhaften Allgegenwart des Herrn. Vorbereitung zum
Vatertisch.
[GS.01_060,01] Da sieh einmal empor und
betrachte diese von hier aus gar nieder stehende Sonne. In dieser Sonne bin Ich
ureigentümlich vollkommen zu Hause. Diese Sonne befindet sich im ewigen
unverrückten Zentrum Meines göttlichen Seins. Die Strahlen, die aus dieser
Sonne ausgehen, erfüllen in ihrer Art die ganze Unendlichkeit und sind in sich
selbst nichts anderes als Mein Liebewille und die aus demselben ewig gleichfort
ausgehende Weisheit. Diese Strahlen sind demnach allenthalben vollkommen
lebendig und sind allenthalben vollkommen gleich Meiner Wesenheit.
[GS.01_060,02] Wo immer demnach ein solcher
Strahl hinfällt, da bin Ich Selbst also wie in der Sonne ganz vollkommen
gegenwärtig, nicht nur allein wirkend, sondern auch persönlich; und diese
Persönlichkeit ist demnach auch allenthalben eine und dieselbe. Wo du hier nur
immer hingehen willst, da wirst du Mich auch allenthalben vollkommen zu Hause
antreffen. Gehe in welches dieser dir sichtbaren kleinen Wohnhäuser du nur immer
willst, und du kannst versichert sein, daß du Mich in einem jeden als einen
vollkommenen Hausherrn antreffen wirst.
[GS.01_060,03] Du sagst zwar jetzt, auf diese
Weise sei Ich denn doch nicht der eigentliche Grund-Christus, der da auf der
Erde gewandelt und gelehrt hatte, sondern nur ein lebendiges und vollkommenes
Abbild desselben und wohne an und für sich dennoch im unzugänglichen Lichte. Du
sagst noch ferner: Wenn es sich mit der Sache also verhält, so kommt da ja
offenbar eine Vielgötterei heraus.
[GS.01_060,04] Höre, mein lieber Freund,
Bruder und Sohn! Du denkst in dieser Hinsicht noch naturmäßig; wenn du aber
erst vollends inwendig geistig denken wirst, so wird dir diese Sache ganz
anders vorkommen. Damit du aber aus deinem naturmäßigen Denken desto leichter
in das geistige eingehst, so will Ich dich durch naturmäßige Beispiele dahin
leiten. –
[GS.01_060,05] Siehe, auf der Welt sahst du
nur eine Sonne, wenn du aber gegen die Sonne einen Spiegel hieltest, so war
dieselbe Sonne auch im Spiegel, und du kannst unmöglich behaupten, daß die im
Spiegel vorhandene Sonne eine andere war als diejenige, die am Himmel leuchtet.
Wenn du aber mehrere tausend solcher Spiegel aufgestellt hättest, hättest du da
nicht in einem jeden Spiegel eine vollkommene Sonne erblickt, welche ein ebenso
starkes Licht und eine ganz gleiche Wärme dich verspüren ließe?
[GS.01_060,06] Du sagst, solches müsse
allerdings der Fall sein. – Ich will dir aber ein noch stärkeres Beispiel
geben.
[GS.01_060,07] Du wirst auf der Erde öfter
von der Wirkung der sogenannten großen Hohlspiegel gehört haben. Du sprichst: O
ja, ich war selbst einmal im Besitze eines solchen. – Wenn du die Strahlen der
Sonne mit einem solchen Spiegel auffängst, so werden sie in ihrer
Widerstrahlung aus dem Spiegel oft ums mehr als das Tausendfache heftiger
wirkend denn die eigentlichen Strahlen aus der wirklichen Natursonne.
[GS.01_060,08] Wenn du von solchen Spiegeln
auch mehrere Tausende der Sonne gegenüber aufstellst, so wirst du bei dieser
Gelegenheit von einem jeden einzelnen dieselbe heftige Wirkung wahrnehmen.
Solches ist sicher und vollkommen wahr.
[GS.01_060,09] Was wirkt denn aber aus all
diesen Spiegeln? Siehe, nichts anderes als stets eine und dieselbe Sonne,
welche du durch diese bedeutende Spiegelanzahl vervielfältigt hast.
[GS.01_060,10] Nun aber frage Ich dich: Ist
durch diese Vervielfältigung wohl im Ernste die Sonne vervielfältigt worden
oder nur deren Wirkung? Du sagst nun: Allerdings nur die Wirkung. Gut, sage Ich
dir. Wieviel Sonnen aber hattest du demnach in deinen Spiegeln? Du sprichst:
Dem Spiegel nach genommen so viele, als da Spiegel waren; aber der Sonne nach
genommen hatte ich immer nur eine und dieselbe. –
[GS.01_060,11] Nun siehe, was da dieses
naturmäßige Beispiel zeigt, das stellt sich hier in der größten lebendigen
Wirklichkeit und Fülle dar.
[GS.01_060,12] Du sagst zwar in dir: Solches
sehe ich jetzt wohl ein; wenn man aber dessenungeachtet jede Spiegelsonne
untersuchen und ihr näherkommen wollte, um eben die Sonne in ihrem
eigentümlichen Wesen kennenzulernen, so werden einem aber dabei all die
Spiegelsonnen nichts nützen, und der Sonne eigentliche Wesenheit bleibt dem
forschenden Auge dennoch völlig fremd.
[GS.01_060,13] Solches ist richtig; was
hättest aber du samt der Erde dabei gewonnen, wenn sich die eigentliche Sonne
der Erde und dir also genähert hätte, wie du sie dir mittels des Spiegels
genähert hast? Siehe, da wäre wohl die ganze Erde samt dir augenblicklich wie
ein kleiner Wassertropfen auf einem weißglühenden Eisen aufgelöst worden. Was
hätte dir dann die Annäherung der wirklichen Sonne genützt?
[GS.01_060,14] Siehe, bei weitem mehr ist
solches mit dieser Meiner Sonne der Fall. Sie muß ewig in einem unzugänglichen
Zentrum stehen, dem sich kein Wesen über die bestimmte Ordnung nahen kann; denn
jede Annäherung über das bestimmte Maß würde jedem Wesen die völlige
Vernichtung bringen. Solches wurde auch dem Moses gesagt, als er Gottes
Angesicht schauen wollte; denn unter „Schauen“ mußt du hier nicht das
Wahrnehmen mit den Augen verstehen, sondern das sich völlige Nahen dem
Grundwesen der Gottheit.
[GS.01_060,15] Siehe nun, wenn Ich aber Einer
und Derselbe bin, wie Ich bin in der Sonne, und bin aber vor dir also, daß du
dich Mir vollkommen nahen kannst, wie ein Bruder dem andern, – ist solches
nicht mehr wert? Und ist das nicht mehr Liebe und Erbarmung, als so du dich
dieser Sonne wirklich nahen könntest, von ihr aber dann bei deiner Annäherung
völlig vernichtet würdest?
[GS.01_060,16] Ferner, wie unvollkommen
glücklich wärest du und Ich, wenn es Mir nicht möglich wäre, Mich Selbst als
Vater überall hin in Meiner ganzen Fülle persönlich wesenhaft zu versetzen, wo
immer nur Meine Kinder sind.
[GS.01_060,17] Siehe, der Himmel ist
unendlich! Wäre Mir eine solche wesenhafte, Meiner Einheit völlig unbeschadete
endlose Vervielfachung nicht möglich, wie verwaist wären da Meine Kinder und
wie allein dastehend wäre Ich Selbst mitten unter ihnen?
[GS.01_060,18] Daß Ich aber vollkommen
Derselbe bin und habe dasselbe lebendige göttliche Bewußtsein und alle die
göttliche Liebe, Weisheit und Machtfülle, solches kannst du ja daraus
entnehmen, daß Ich dich persönlich wesenhaft hierher geführt und habe dir
gezeigt auf diesem Wege die Macht Meiner Liebe, Meiner Weisheit und Meines
vollkommenen göttlichen Wollens. Wenn dir dieses alles noch nicht genügen
sollte, so denke dir, was du willst, und Ich will es, daß es sogleich als
erschaffen vor dir erscheine.
[GS.01_060,19] Siehe, du wolltest eine dir
bekannte Erdgegend. Da sieh hin vor dich; Ich habe sie schon, dir sichtbar und
fühlbar, geschaffen!
[GS.01_060,20] Du sprichst jetzt: Wahrlich,
solches kann nur der alleinige Gott tun! – Gut, sage Ich dir; also wirst du
aber auch einsehen, daß Ich, der Ich hier vor dir stehe und dir die Wunder
Meines Seins enthülle, vollkommen Derselbe bin, der Ich dort urwesentlich ewig
bin in jener Sonne!
[GS.01_060,21] Du sprichst: Ja, solches
glaube ich nun völlig. Aber wenn ich nun zu einem andern Hause ginge, Du aber
hier bliebest, und ich träfe dort offenbar ein zweites Wesen, mit Dir eines und
desselben Ursprunges, wird dasselbe wohl vollkommen mit Dir eins sein und wird
es Dir gleichen in allem?
[GS.01_060,22] Ich sage dir: Das kommt von
deiner Seite nur auf einen Versuch an. Ich will denn machen, daß du
gedankenschnell dort in tiefer Ferne von hier dich bei einem Hause, wie das da
ist, befindest. Ich aber werde hier verweilen, und deine Gesellschaft soll dir
davon Zeugnis geben bei deiner Rückkunft; und du magst es Mir dann kundgeben,
ob du Mich dort vollkommen wiedergefunden hast oder nicht. – Und so denn – sei
dort ! – – –
[GS.01_060,23] Nun siehe, Mein lieber Freund,
Bruder und Sohn! Du bist nun hier, wie du siehst, im tiefen Morgen; das kannst
du erkennen, wenn du dich nach allen Seiten umsiehst und nichts anderes mehr
erblickst, auch deine Gesellschaft nicht, als nur den endlos weit gedehnten
Morgen mit seinen Wohnungen. – Sage Mir nun, bin Ich hier nicht ganz Derselbe?
[GS.01_060,24] Siehe, also muß es ja sein;
und wäre es nicht also, da wäre sogar nie etwas erschaffen worden, und kein
Mensch wäre als solcher denkbar! Denn das Leben eines jeden Menschen ist ja
eben auch nur ein Mir vollkommen ebenbildliches. Und wenn ein Mensch nach
Meinem Worte gelebt hat, oder wenn Millionen also gelebt haben, kann da nur
einer aus ihnen sagen: Christus lebt in mir, oder können das nicht alle
zahllosen Gerechten sagen? Wenn aber alle solches sagen können, bin Ich darum
ein geteilter Christus in ihnen oder ein ewig ungeteilter?
[GS.01_060,25] Ich bin ewig immer Einer und
Derselbe in eines jeden Menschen Herzen. Und wenn Millionen und Millionen ihre
Herzen mit Mir erfüllt haben, und zwar ein jeder für sich vollkommen, so hat
deswegen nicht ein jeder für sich einen eigentümlichen, anderen Christus,
sondern in eines jeden Herzen wohnt ein und derselbe Christus vollkommen! –
Nun, was sagst du jetzt? Bin Ich hier nicht vollkommen derjenige, als den du
Mich dort bei deiner Gesellschaft verließest?
[GS.01_060,26] Du sprichst: Ja Herr! Du bist
vollkommen Ein und Derselbe und ist da kein Unterschied weder in der Gestalt
noch im Worte noch in deinem göttlichen Wollen; und ich kann mir nichts anderes
denken, als Du wärest in gleicher Schnelligkeit mit mir hierher gezogen! – Ja,
so erscheint es dir wohl; aber wie Ich dir gesagt habe, daß dir bei deiner
Zurückkunft deine Gesellschaft über Meine dortige beständige Gegenwart Zeugnis
geben wird, also wirst du es auch sogleich erfahren. Ich sage dir daher: Sei
wieder dort! – Nun siehe, du bist ja schon wieder hier; nun sage Mir, wie du
Mich denn dort gefunden?
[GS.01_060,27] Du sprichst: Du warst ja
selbst dort, wie Du hier bist, und war nicht der leiseste Unterschied. Ich sage
dir: Das ist richtig; aber nun frage auch deine Gesellschaft, ob Ich Mich
unterdessen von hier entfernt habe? Siehe, die Gesellschaft spricht: Nicht im
geringsten, im Gegenteil hat der Herr zu uns gesprochen, wie es dir nun dort
ergeht. Nun siehe, du machst jetzt große Augen und verwunderst dich darüber.
Ich sage dir aber, daß solches nichts weniger als wunderbar ist, sondern es ist
vollkommen geordnet.
[GS.01_060,28] Wärest du auf der Welt ein
Optiker gewesen, so wäre dir solches noch anschaulicher begreiflich. – Wie
kommt es denn, daß mehrere Menschen für sich einen und denselben Gegenstand nur
als einen erschauen, und dennoch sieht ein jeder einzelne nur den seinigen?
Siehe, das liegt im Auge des Menschen. Von dem Gegenstand gehen nach allen
Richtungen Strahlen aus, und ein jeder nimmt das Strahlenbild in sein Auge auf.
Ein jeder beschaut dann in sich nur dieses aufgenommene Strahlenbild, welches
in allem dem beschauten Gegenstande vollkommen ähnlich ist.
[GS.01_060,29] Ist deswegen der Gegenstand
vervielfacht oder zerrissen worden, wenn ihn jeder als denselben in sich
erschaut? Du sprichst: Mitnichten. – Siehe, also ist es auch hier der Fall
lebendig, was auf der Welt nur naturmäßig und somit auch tot erscheinlich ist.
[GS.01_060,30] Du sollst aber dieses Wunder
noch tiefer beschauen. Zuvor jedoch mußt du dieses dir bis jetzt Kundgegebene
als ein wahres Himmelsbrot ein wenig verdauen.
[GS.01_060,31] Ich aber will unterdessen in
diese Meine Wohnung gehen, allda durch Meine Diener Meinen Tisch bestellen
lassen, damit du samt deiner ganzen Gesellschaft zum ersten Male vollkommen mit
Mir zu Tische sitzen sollest und genießen allda das Brot deines wahren
himmlischen Vaters! – Und so verharre du denn ein wenig hier, bis Ich
wiederkomme und dich führe in Mein Haus!
61. Kapitel – Das Mahl am Vatertische – Lamm,
Brot und Wein.
[GS.01_061,01] Ihr fraget nun: Sollen wir
auch diese Einladung abwarten? – Das ist doch ganz in der Ordnung, denn solches
alles geschieht hier ja zu eurer Unterweisung. Daher müsset ihr dieser Sache
bis zum völligen Ausgange beiwohnen. Unter „völligem Ausgange“ müßt ihr hier
einen vollkommenen Eintritt in die göttliche Ordnung verstehen. – Aber nun
sehet, der Herr kommt schon aus der Wohnung und winkt unserer Gesellschaft zu
kommen.
[GS.01_061,02] Ihr fraget hier: Werden wohl
alle Platz haben in dieser Wohnung? – Ich sage euch: Sorget euch dessen nicht;
denn da kommt euer Sprichwort: Friedliche Schafe haben viele Platz in einem
Stalle – in eine buchstäbliche Anwendung. Also haben auch gut geordnete Dinge
in einem engen Raume viel Platz. – Die Gesellschaft bewegt sich schon in die
Wohnung; also folgen wir ihr nach.
[GS.01_061,03] Sehet nun, wie sie alle recht
bequem untergebracht sind, und zwar in einem Zimmer. Und der Herr, wie ihr
sehet, hat Sich Selbst mit einer Schürze umgürtet und macht einen Tafeldiener!
Was wird denn auf den Tisch getragen?
[GS.01_061,04] Wir haben ja das Abendmahl vor
uns; es ist ein gebratenes Lamm und Brot und Wein. Und nun sehet, wie auch hier
der Herr ihnen das Brot bricht und einem jeden ein gutes Stück vorlegt, und ihr
seht auch den Wein in einem Kelche, und sie alle trinken aus dem einen Kelche.
[GS.01_061,05] Sehet aber nun auch, wie
lebenskräftig unsere Gesellschaft auszusehen anfängt, und welch eine
liebedankbare Freude aus dem Angesichte eines jeden Gastes dem Herrn
entgegenlächelt! – Wie ihr aber zu sagen pflegt: Die kurzen Haare sind bald
gebürstet, also wird auch hier keine ewige Tafelsitzung gehalten. Und der Herr
spricht: Nun, Meine lieben Freunde, Brüder und Kinder, ihr habt euch nun zum ersten
Male in Meinem Reiche gestärkt; ihr wisset nun auch, wie Ich allhier
fortwährend, wie auch allenthalben wesenhaft kräftig zu Hause bin! So wollet
denn nun mit Mir wieder hinaustreten, und Ich will euch völlig erwecken für
eure wahre, ewige Bestimmung.
[GS.01_061,06] Nun denn, wir sind hier vor
dem Hause versammelt; also wollet denn vernehmen Meinen Willen:
[GS.01_061,07] Ihr habt schon auf der Erde
vernommen, daß Meine Ernte groß ist; aber es gibt noch wenig Arbeiter auf
Meinem großen Erntefelde. Hier ist somit der Ort, wo ihr Meine wahrhaftigen
Arbeiter und Mitarbeiter für die Einbringung Meiner Ernte werden sollet, und
zwar auf die Weisung, wie es schon gar viele eurer Brüder geworden sind. Ihr
werdet gar bald all die Gerätschaften, die zu einer guten Haushaltung gehören,
erkennen: einen Pflug, eine Egge, Haue und Pickel, dahier Sicheln und
Weingartenmesser. – Und da sehet auch hin nach allen Seiten die großen Äcker
und dort die Weingärten. Da sehet mehr gegen den Morgen hin einen förmlichen
Wald von lauter edlen Fruchtbäumen.
[GS.01_061,08] Das ist das von euch zu
bearbeitende Feld; aber nicht etwa auf die Art, wie ihr solches getan habt auf
der Erde, sondern hier im inwendigsten und somit allerlebendigsten Sinne. Ihr
werdet hier weder pflügen, noch eggen, noch werdet ihr das Getreide schneiden,
noch den Weingarten bearbeiten und die Früchte einsammeln, sondern solches
alles ist hier nur eine wahrhafte inwendige Entsprechung für das Liebewirken,
das ihr von hier aus an den Brüdern auf der Erde verüben sollet.
[GS.01_061,09] Aber nicht nur allein an den
Brüdern der Erde, denn hier will Ich mit euch im weitergedehnten Sinne sprechen
und sage daher: Ich habe noch gar viele Herden, die nicht im Schafstalle der
Erde wohnen, sondern die da leben nach ihrer Art auf zahllos vielen anderen
Erd- und Weltkörpern. Diese alle müssen in diesen Schafstall des ewigen Lebens
geführt werden.
[GS.01_061,10] Darum gebe Ich euch nun Meine
Kraft in der Fülle, damit ihr durch diese allenthalben, dahin Ich euch
beschicken werde, vollkommen also wirken könnet, als wirkte Ich Selbst. Ich
könnte wohl alles dieses Selbst wirken; aber Ich teile euch alle solche Wirkung
darum zu, damit sich dadurch eure Seligkeit an Meiner Seite fortwährend von
Ewigkeit zu Ewigkeit mehren soll!
[GS.01_061,11] Daher sollet ihr, wenn Ich
einen oder den anderen von euch zu solch einem großen Zwecke dahin oder dorthin
senden werde, auch Mir gleich vom innersten Grunde aus schauen können alle noch
so auswendige naturmäßige Welt; und sollet sie beschauen können vom innersten
Grunde aus bis zur äußersten Rinde, und also auch umgekehrt bis zum innersten
Grunde vollkommen. Was ihr bei solch einer Sendung zu wirken habt, dessen
werdet ihr allzeit vollkommen innewerden.
[GS.01_061,12] Also habe Ich euch nun eure große
Bestimmung angezeigt, in welcher ihr im vollsten Maße nach Meiner Liebe,
Weisheit und Ordnung tätig sein könnet. Und somit berufe Ich euch auch und
mache euch zu den wahrhaftigen Engeln Meines Reiches, und somit zu den
wahrhaftigen Einwohnern Meiner heiligen Stadt, welche ist das ewige Jerusalem!
Und so seien euch denn eure innersten Augen aufgetan, damit ihr sehet, wie groß
und wie herrlich Der ist, der nun mit euch redet und Der bei euch bleiben wird
ewig! – Sehet nun hin gegen Morgen und saget Mir, was ihr dort erschauet.
[GS.01_061,13] Der Hauptredner spricht: O
Herr! Du mein allergeliebtester Jesus Christus! Du wahrhaftiger, endlos
liebevollster Vater, der du heilig bist, überheilig! Was erschauen da meine
Augen?! Welche unendliche Glorie! Und in dieser Glorie eine unendliche Stadt!
Und die Stadt scheint nimmer ein Ende zu haben; – und die Sonne, die herrliche
Sonne, sie leuchtet mitten über der Stadt stehend, und die Stadt leuchtet
selbst gleich wie die Sonne! Und nun sehe ich auch wieder meinen alten
gestirnten Himmel und schaue, o mein Gott und mein Herr, in die endlosen Tiefen
Deiner Schöpfungen. Ja, das will ich einen Himmel heißen! Dahier ist es wohl
buchstäblich wahr:
[GS.01_061,14] „Solches ist nie in eines
Menschen Sinn gekommen, was Du, o heiliger Vater, denen bereitet hast, die Dich
lieben!“ Ja, in welche endlosen Seligkeiten der Seligkeiten schaut nun mein
unsterbliches Auge! O Du liebevollster, heiliger Vater! Darf ich Dich umarmen
und Dich lieben nach aller möglichen Macht meines Herzens?
[GS.01_061,15] Der Herr spricht: Mein lieber
Freund, Bruder und Sohn! Siehe, hier bin Ich ja vor dir; liebe Mich, wie du
Mich nur immer lieben kannst; denn darum habe Ich dich ja erschaffen, daß du
Mich allerseligst lieben sollest, und damit du Mir seiest ein liebes,
allerteuerstes Kind, das Ich nun auch in aller Meiner göttlichen Vaterfülle
lieben kann! –
[GS.01_061,16] Nun aber lasset uns hinziehen
in Meine Stadt und fraget nicht, was mit diesen Wohnungen hier geschehen soll,
denn diese Wohnungen sind Entsprechungen der wahren Demut, welche hervorgeht
aus der reinen Liebe zu Mir. Diese Wohnungen werden bleiben, und wir werden sie
gar oft besuchen. Aber da Ich Meine große „Amtskanzlei“ in der Stadt habe, so
müssen auch Meine Engel alldort sein, wo ihre große
Haupt-Liebetätigkeits-Bestimmung ihrer harret.
[GS.01_061,17] Ihr fraget Mich zwar noch, wer
nun diese Hütten so ganz eigentlich bewohnen wird? Seht, Meine lieben Freunde,
Brüder und Kinder, haben ja doch auch schon auf der Erde die Stadtbewohner
zumeist eine oder mehrere Landwohnungen, welche ihnen zur Erholung gar wohl
dienlich sind. Warum sollten denn wir solches nicht haben? Daher sage Ich euch:
Wir werden hier allzeit, wenn wir große Taten vollzogen haben, uns eine
gehörige Erholung gönnen. Und so denn ziehen wir zur Stadt! –
[GS.01_061,18] Nun seht, der Herr Selbst
führt unsere Gesellschaft in die heilige Stadt. Und wie man hier gewöhnlich
unversehens sehr geschwind vorwärtskommt, so nähern auch wir uns schon dieser
Stadt aller Städte in der ganzen Unendlichkeit.
[GS.01_061,19] Sehet, wie aus dem Tore der
heiligen Stadt Gottes eine zahllose Menge dem in die Stadt ziehenden Herrn
entgegeneilt! – Sehet vorne die euch wohlbekannten Freunde des Herrn, nämlich
Seine Apostel, und sehet auch vom Abraham abwärts alle Väter und Propheten!
Höret den großen Jubel, welcher aus dieser seligen Schar dem Herrn
entgegentönt, und seht, wie alle überselig ihre Arme ausbreiten, um den Herrn
mit der heißesten Liebe zu empfangen, und welche Freude sich aus jedem Gesicht über
die neu gewonnene Schar ausspricht!
[GS.01_061,20] Die Scharen haben sich
erreicht und werden nun allesamt von einer großen Glorie umflossen. Diese
Glorie geht vom Herrn aus und teilt sich allen mit. –
[GS.01_061,21] Was saget ihr wohl nun zu
dieser Szene? Gehen wir aber jetzt nur weiter vorwärts. Sehet, der Herr läßt
nun alle vor Sich in die Stadt eingehen, und Er folgt Seinen Kindern wie ein
ganz einfacher Hirte seinen Lämmern! – Nun sind auch wir in der Stadt. Sehet
nur die unendliche, durch kein menschliches Wort beschreibbare Majestät und
Herrlichkeit, welche wir hier, diese Gasse entlang, links und rechts erschauen.
Alles ist von der Glorie des Herrn umflossen. Heilige Lüfte wehen durch die
Straßen und Gassen, und diese Lüfte sind das Leben, welches hier in der
unendlichen Fülle ausgeht vom Herrn!
[GS.01_061,22] Aber nun bleibt der Herr vor
einer großen Wohnung stehen und spricht zu unserer Gesellschaft: Hierher, Meine
Geliebten! Das ist die Wohnung und unser großes Amtshaus, hier wollen wir
einziehen!
[GS.01_061,23] Sie ziehen hier, wieder dem
Herrn folgend, ein. Sehet die vielen großen und herrlichen Gemächer, sie sind
vollkommen bereitet zum Empfange unserer neugewordenen Fürsten des Himmels!
[GS.01_061,24] Und sehet nun, wie ihnen der
Herr eine lichte Tafel zeigt und spricht: Auf dieser Tafel werdet ihr allzeit
Meinen Willen erschauen! Und nun legt der Herr ihnen Seine Hände auf und
erfüllt sie vollkommen mit dem allmächtigen Geiste Seiner Liebe. Sehet, wie sie
nun miteinander über die unendlichen göttlichen Verhältnisse der Dinge sprechen
wie die allerreinst vertrautesten Freunde und Brüder! –
[GS.01_061,25] Nun habt ihr die wahre
Bestimmung des Menschen geschaut in dem allereigentlichen, wahren, vollkommenen
Himmel, und habt auch gesehen, welch ein Ende es mit unserer Gesellschaft nahm.
–
[GS.01_061,26] Doch müßt ihr euch nicht etwa
denken, solches sei fortwährend der Fall mit jenen, welche sich in dem
Scheinhimmel befinden, sondern nur mit jenen wenigen, welche den Herrn schon
bei ihrem Leibesleben ihrem Inwendigen nach trotz aller irrigen Begriffe, die
sie gelehrt wurden, einzig und allein über alles geliebt haben. –
[GS.01_061,27] Wie es aber mit so manchen
anderen ergeht, das wollen wir nach dem Willen des Herrn mit eigenen Augen
betrachten, und daher verlassen wir nun diese heilige Stadt und begeben uns
schnellreisend wieder in den römisch-katholischen geistigen Kirchenstaat. –
[GS.01_061,28] Sehet, ich habe es kaum
ausgesprochen, und wir stehen schon einem Kloster sehr nahe. Ihr fraget und
saget: Lieber Freund, obschon es uns unendlich leid ist, daß wir so plötzlich
die endlos herrliche Stadt Gottes haben verlassen müssen, so möchten wir aber
dennoch, weil wir uns schon wieder hier befinden, erfahren, welch ein Orden in
diesem Kloster zu Hause ist. Meine lieben Freunde und Brüder! Hier werden wir
zuerst ein weibliches Kloster kennenlernen, und zwar eines der Karmeliterinnen.
Ihr werdet dadurch so manches in die lebendige Erfahrung bringen, welch eine
Bewandtnis es hier mit einem Kloster hat. Doch denket zuvor selbst über so
manches dieses Ordens nach, damit ihr dann desto leichter erschauet, inwieweit
dieser Orden dem Herrn angenehm und inwieweit unangenehm ist. – Und somit
lassen wir es auch für heute gut sein!
62. Kapitel – Besuch bei den Karmeliterinnen.
[GS.01_062,01] Ihr fraget und saget: Werden
wir aber wohl vorgelassen werden? Denn wenn es mit diesem Orden hier so zugeht
wie auf der Erde, wird daraus für unsere Erfahrungen eben nicht viel Ersprießliches
hervorgehen. – Meine lieben Freunde und Brüder! Es geht hier noch ebenso zu wie
auf der Erde. Solches wird uns aber wenig beirren; denn in dieser Hinsicht sind
wir über alle Schmarotzerfliegen und nichts kann uns hindern, uns den tiefen Geheimnissen
allenthalben geradewegs auf die Nase zu setzen. Und so werden wir's denn auch
hier machen, uns in dieses Kloster ganz verborgen hineinschleichen und dann
alles Mögliche beschnüffeln. Und so denn gehet nun mit mir und sorget euch um
nichts.
[GS.01_062,02] Diesen Wesen werden wir noch
lange völlig unsichtbar bleiben. Denn solches müsset ihr wissen, daß die
Engelsgeister entweder aus dem dritten Himmel selbst oder im Wollen des dritten
Himmels für die Geister der untern Himmel so lange völlig unsichtbar bleiben,
bis die Geister der untern Himmel ihrem Inwendigen nach nicht selbst das
Wesenhafte der Liebe zum Herrn aufgenommen haben, und zwar zuerst der Einsicht
und dann der Liebetätigkeit nach. – Darum können auch wir ohne weitere
Besorgnis in dieses Kloster treten, und es wird uns niemand erschauen. Mich
nicht, weil ich ein Bürger der heiligen Stadt bin, und euch nicht, weil ihr in
meiner Sphäre seid, und in dieser nach dem Wollen des obersten Himmels seid,
welcher ist das Wollen des Herrn!
[GS.01_062,03] Sehet, wir sind schon im
sogenannten Refektorium, oder verständlicher, wir sind im Speisesaal. Soeben
werden einige Schüsseln mit sogenannten Erzfastenspeisen aufgetragen. Die
Speisen stehen auf dem Tische und nun kommen unsere Klosterdamen. Sind sie nicht
noch ebenso gekleidet wie auf der Erde? Ihr saget: Wir haben zwar noch nicht
die Gelegenheit gehabt, eine solche Klosternonne in völliger Nähe zu
betrachten. Aber sie sind vollkommen so gekleidet, wie wir sie uns nach guten
bildlichen Darstellungen auf der Erde vorgestellt haben.
[GS.01_062,04] Nun sehet aber, sie begeben
sich zum Tischgebet. Worin besteht aber dieses? Wie ihr es selbst gar leicht
hören könnt, besteht es in einem wohlgenährten Rosenkranze, und zudem in
einigen nachfolgenden lateinischen Pronuntiationen aus den Psalmen und aus den
Kirchenvätern, welche aber von keiner dieser Klosterdamen verstanden werden. –
Sehet, die Oberin setzt sich zu Tische. Die andern machen vor ihr eine
bodentiefe Verbeugung und stehen dann wieder neben ihren Stühlen auf. Die
Oberin gibt das Zeichen zum Niedersitzen. Seht, die Oberin hat ein Glöckchen an
der Seite, sie läutet soeben, und das ist das Zeichen, daß die Damen nun in die
Schüssel greifen dürfen.
[GS.01_062,05] Aber dort vorn seht ihr eine
stehen. Diese darf jetzt nicht essen, sondern muß den Essenden die
Leidensgeschichte des Herrn vorlesen. Nun haben unsere Damen ihr leibliches
Mahl beendet, und die Oberin läutet wieder. Damit will sie sagen, daß sie alle
nun wieder aufstehen sollen. Sie stehen auf, verbeugen sich abermals bodentief
vor der Oberin, dann aber knieen sie nieder. Es wird das Dankgebet verrichtet,
abermals bestehend aus einem wohlgenährten Rosenkranze. Diesem folgen stille
hundert Ave-Maria. Sind auch diese im Verlaufe von etwa dreiviertel Stunden
herabgebetet, so werden wieder die lateinischen Gebete nachgebetet. Sind sie
nun fertig, so gehen sie hin vor das Kruzifix, legen sich vor demselben auf den
Boden nieder. Dann gehen sie hin zum Bildnisse der Maria, tun dasselbe, dann
zum Bildnisse des Joseph, wieder dasselbe tuend, hierauf zum Bildnis ihrer
Ordensstifterin, der Theresia, tun abermals dasselbe, und nun erst gehen sie zu
der Oberin als zur Theresia in corpore und tun abermals dasselbe.
[GS.01_062,06] Nun heißt die Oberin sie alle
aufstehen und kündigt ihnen an, daß sie sich zum Chorgebete in einer Stunde
bereithalten sollen. Unterdessen aber sollen sie in ihren Zellen die ihnen
vorbestimmten Chorgebete überlesen, damit sie dann im Chore ohne Störung vor
sich gehen, welche leichtlich ein kleines Ärgernis und somit auch eine läßliche
Sünde erzeugen könnte. Denn, setzt die Oberin noch hinzu, sieben Male am Tage
sündigt ohnehin der Allergerechteste vor Gott, wie sehr muß er sich da wohl
hüten, um nicht acht oder noch mehr Male zu sündigen.
[GS.01_062,07] Aber eine der Klosterfrauen
bittet die Oberin nun um die Erlaubnis, mit ihr ein Wort sprechen zu dürfen;
und weil gerade jetzt nicht das strenge Silentium vorgeschrieben ist, so
gestattet die Oberin solches der fragenden Dame. (Fragen aber heißt in diesem
Kloster soviel als etwas freimütiger bitten.) Was etwa wird wohl diese Dame
fragen? Wir wollen die Sache anhören. Höret, sie spricht: Allerehrwürdigste
Braut Christi! Solange wir leiblich gelebt haben auf der Erde, solange auch war
uns, des nach dem Tode zu gewinnenden Himmels wegen, das strenge Klosterleben
genehm. Da wir aber nun schon eine geraume Zeit das Irdische mit dem Ewigen
vertauscht haben, und wir auch in diesem „ewigen Leben“ noch immer das
überstrenge Klosterleben fortführen und von dem Himmel wirklich noch gar nichts
verspüren, so fragt es sich, ob dieses Klosterleben hier ewig nimmer ein Ende
nehmen wird? Denn müßten wir immer in dieser strengen Klausur verbleiben, so
wäre das doch etwas Entsetzliches!
[GS.01_062,08] Die Oberin spricht: O du
ungehorsames Kind! Wie hast du dein Herz so sehr vom Teufel einnehmen lassen
können, daß du dich darob einer solch entsetzlichen Frage hast ermächtigen
können? Weißt du denn nicht, daß vor dem Jüngsten Tage niemand in den Himmel
kommen kann, und daß durch die Fürbitte der heiligsten Jungfrau Maria, der hl.
Theresia und in der Mitte dieser beiden des hl. Joseph – Christus, der Herr,
darum unserem Orden, weil er der allerstrengste ist, das Fegfeuer nachgelassen
und uns dafür zur völligen Reinigung die Gnade verliehen hat, selbst nach
unserem Leibesleben für die im selben begangenen läßlichen Sünden und
Todsündflecken Seiner allerhöchsten Gerechtigkeit genugzutun und uns völlig zu
reinigen? Daher muß hier die Ordensregel unserer erhabenen Stifterin auf das
Allerstrengste beobachtet werden. Sonst dürfte es geschehen, daß ein solch
ungehorsames Kind, wie du bist, am Jüngsten Tage vor dem unerbittlichst
allerstrengsten und gerechtesten Richter das Urteil vernehmen möchte: Weiche
von Mir, du Verfluchte, denn Ich habe dich nie als Meine Schwester erkannt!
[GS.01_062,09] Nun sehet, diese Worte der
Oberin haben unsere arme Fragestellerin wie tausend Blitze auf einmal
getroffen. Sie fällt vor ihr nieder und bittet sie um eine wohlgemessene
Züchtigung. Und die Oberin spricht: Ja, eine wohlgemessene Züchtigung hast du
verdient; aber ich will dich diesmal nur mit einem Backenstreiche und dann mit
einem eintägigen Fasten zurechtweisen. Doch sollst du keinen Augenblick säumen,
den Beichtvater rufen zu lassen und ihm deine teuflische und vor Gott höchst
verdammliche Rede an mich genau und allerreumütigst kundgeben, und dann die
Bußwerke, die er dir aufgeben wird, zu Ehren der hl. Dreieinigkeit, zu Ehren
der fünf Wunden Jesu Christi, zu Ehren Seines bitteren Leidens und Sterbens, zu
Ehren Seiner allerheiligsten Jungfrau Mutter Maria, zu Ehren des hl. Joseph und
zu Ehren der hl. Theresia zehnfach verrichten. Und nun erhebe dich und empfange
meinen Backenstreich.
[GS.01_062,10] Sehet, unsere Dame erhebt
sich, hält sobald der Oberin demütigst die Backe hin, und diese gibt ihr zur
Vertreibung des Teufels, wie ihr sehet, durchaus keine spaßhafte, sondern eine
wohlgenährte, beinahe schwindelerregende Ohrfeige. Unsere Dame weint darauf
bitterlich, dankt der Oberin für diese Züchtigung und begibt sich mit den
andern Schwestern aus dem Refektorium in ihre Zelle. – Was da weiter geschehen
wird, darüber wollen wir nächstens unsere Beobachtungen anstellen!
63. Kapitel – Die beichtende Nonne und der
wahre Beichtvater.
[GS.01_063,01] Als sie (die Klosterfrau) in
ihrer Zelle anlangt, gibt sie mit einem Glöcklein alsbald das Zeichen, daß die
Klosterwärterin zu ihr in die Zelle kommen solle. Was wird sie ihr etwa wohl zu
sagen haben? Es handelt sich hier um nichts anderes als um die Bestellung des
Beichtvaters, damit sie noch vor dem Chorgebete sich reinige von der Sünde,
welche sie vor der Oberin begangen hat. Die Klosterwärterin besorgt sogleich
dies Geschäft und unsere Dame begibt sich hinab in das Beichtkabinett, kniet
sich zum Beichtgitter hin und erwartet da den Beichtvater. – Nun gehen wir hin
und wollen da einmal eine Beichte belauschen. Was sie beichten wird, das wissen
wir; aber was der Beichtvater ihr darauf sagen wird, das wissen wir noch nicht,
wollen es daher erfahren.
[GS.01_063,02] Der Beichtvater kommt nun ans
Gitter und legt sein Ohr an dasselbe. Nun hat sie gebeichtet, und er spricht zu
ihr: Höre du, mein liebes Beichtkind, wenn du deine Ordensregel, wie sie auf
der Erde bestand, vor dein Gemüt stellst, so hast du mit deiner Äußerung dich
offenbar versündigt, aber nicht gegen die Ordnung Gottes, denn diese gab dir ja
solches zu denken, sondern gegen die Ordnung des Klosters, welche dir solches
zu denken verbietet. Für den Fehler gegen die Ordnung des Klosters hast du auch
von deiner Vorsteherin die wohlzugemessene Züchtigung erhalten und hast dich
nach derselben der weiteren Anordnung bis hierher gefügt. Hier handelt es sich
um Vergebung deiner Sünde von der göttlichen Seite. Gott aber hat in Seinem
Worte niemals eine solche Klosterordnung zu einem Gesetz gemacht.
Menschensatzungen, und wären sie mehrere tausend Jahre gang und gäbe, hat Gott
nie als die Seinigen sanktioniert und siehet es nicht an, ob jemand sich
gewisserart notgedrungen gegen die Satzungen der Welt vergeht; und somit habe
ich dir hier von der göttlichen Seite auch nichts zu vergeben.
[GS.01_063,03] Unsere Dame spricht zum
Beichtvater: Hochwürdiger Priester! Der du hier vor mir am Richterstuhle der
göttlichen Gerechtigkeit sitzest, wie magst du sagen, daß unser Klosterorden
und dessen Regel keine göttliche, sondern eine Menschensatzung ist! – Sieh,
wenn ich solches unserer Oberin kundgebe, so laufen wir beide Gefahr, auf das
empfindlichste gestraft zu werden. Mich wird man als eine vom Teufel Besessene
behandeln, dich aber als einen offenbaren Ketzer entweder exkommunizieren oder
gar in den vollkommenen Kirchenbann legen; daher erkläre dich deutlicher, was
du damit sagen willst.
[GS.01_063,04] Der Beichtvater spricht: Höre
du, meine liebe Schwester, wer Christum, den Herrn, als den alleinig wahren
Gott Himmels und der Erde über alles liebt, der fürchtet weder die
Exkommunikation noch den Kirchenbann. Siehe, auf der Erde lachen gegenwärtig
die Menschen, welche am Weltlichen hängen und noch von Christo wenig oder gar
nichts wissen, über solche kirchliche Eigenmächtigkeit. Warum lachen sie denn?
Weil sie in dieser Eigenmächtigkeit keinen Schaden für ihr Gewerbsleben
erschauen. Warum sollen denn diejenigen nicht lachen, welche Christum wahrhaft
lieben? – Denn diese werden doch wohl noch einen bei weitem geringeren Schaden
von seiten dieser Eigenmächtigkeit zu befürchten haben.
[GS.01_063,05] Hast du nie gehört, was
Christus einmal im Tempel zu der Ehebrecherin gesagt hat, als sie Ihm die
Pharisäer und Schriftgelehrten als nach dem mosaischen Gesetze der Steinigung
würdig vorgeführt haben?
[GS.01_063,06] Unser Beichtkind spricht:
Solches weiß ich wohl; aber was willst du damit sagen?
[GS.01_063,07] Ich will dir damit nichts
anderes sagen, spricht der Beichtvater, als daß Christus in Seinem Urteile bei
weitem gelinder ist denn Seine Priester und Schriftgelehrten. Diese haben
unsere Ehebrecherin ohne die geringste Gnade und Erbarmung der öffentlichen
Steinigung als vollkommen würdig erkannt; Christus aber sagte zu ihnen: „Wer
von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie!“
[GS.01_063,08] Siehe, solche Rede hat unsere
Pharisäer und Schriftgelehrten wie ein Blitz getroffen, denn es war auch ein
anderes Gesetz, welches die oberste Priesterschaft sündenfrei haben wollte. Und
um dieses Gesetz wußten die Pharisäer und Schriftgelehrten ebenso gut wie um
das Gesetz gegen die ehebrecherischen Weiber. Zugleich aber wußten unsere Pharisäer
und Schriftgelehrten, daß sie selbst die Sünde des Ehebruchs in jeder Hinsicht,
sowohl in geistiger wie in leiblicher, begangen haben. Darum auch erschreckte
sie diese überaus eindringliche Antwort so sehr, daß sie sich samt und
sämtlich, unserer Ehebrecherin ganz vergessend, behende davongemacht haben. Sie
wollten für diesmal Christum nicht mehr reizen, weil sie befürchteten, er
möchte ihre Schmach den vielen gläubigen Juden kundtun, welche sie dann
ergriffen und auch also behandelt hätten, wie das Gesetz Mosis für diesen Fall
die scharfe Bestimmung hatte. Was geschah aber mit unserer Ehebrecherin? Sie
stand nun allein da. Hat sie der Herr etwa verdammt? O nein; er fragte sie und
sagte: Haben dich denn diejenigen, die dich hierhergebracht, nicht verdammt?
Und unsere Ehebrecherin spricht: Nein, o Herr!, es hat mich niemand verdammt.
Und Er spricht zu ihr: „Also verdamme auch Ich dich nicht; gehe aber hin und
sündige hinfort nicht mehr!“ – Nun, was sagst du zu dieser Handlungsweise des
Herrn?
[GS.01_063,09] Unsere Dame spricht: Ich kann
hier unmöglich etwas anderes sagen, als daß der Herr sicher barmherziger und
gnädiger ist, als alle besten Menschen der Erde zusammengenommen. Der
Beichtvater spricht: Nun gut, meine liebe Schwester, wenn du den Herrn also erkennst,
da wirst du doch wohl auch erkennen, daß meine Belehrung eine vollkommen
gültige ist! – Wenn des Herrn Güte sich bei der Ehebrecherin schon nicht an das
mosaische Gesetz hielt, welches doch von Ihm ausging, um wie viel weniger wird
Er Sich an eine Klosterregel binden? Denn siehe, der Herr ist vollkommen frei
und kann tun, was Er will. Und so Ihn jemand fragen wird: Herr, was tust du?,
so wird Er ihm keine Antwort geben. – Ich aber bin hier als ein Beichtvater zu
dir gesandt vollkommen in Seinem Namen und trage daher auch Seinen Namen. Wenn
ich tue nach und in diesem Namen, sage mir, wen habe ich da wohl zu fürchten?
[GS.01_063,10] Du sprichst: Den Herrn sicher
nicht, so du vollkommen in Seinem Namen handelst! – Nun, wenn ich Den nicht zu
fürchten habe, sollte ich da etwa dein Kloster oder die kirchliche
Eigenmächtigkeit fürchten? O siehe, solches ist bei mir mitnichten der Fall;
und so denn sage ich dir: Wenn du eine wahre Liebe zum Herrn hast, so sollst du
auch aus dieser Liebe heraus etwas wagen, nämlich daß du nun hingehst und sagst
deiner Oberin, was ich dir gesagt habe; – und sage ihr dann auch, daß sie sich
mit dir nach meinem Willen sogleich hierher begeben solle.
[GS.01_063,11] Unsere Dame fragt, was sie
denn für eine Buße als Genugtuung verrichten solle.
[GS.01_063,12] Der Beichtvater spricht:
Nichts anderes als das, was ich dir soeben gesagt habe.
[GS.01_063,13] Unsere Dame steht nun auf, und
da unsere Oberin zufolge des längeren Ausbleibens einige Bedenklichkeiten in
sich zu nähren anfing, so kommt sie selbst unserer Dame schon an der Schwelle
des Beichtkämmerleins entgegen, und unsere Dame erzählt ihr da, was ihr der
Beichtvater gesagt hat. Die Oberin schlägt darüber die Hände über dem Kopfe
zusammen und spricht zu unserer Dame: Siehst du, welch eine Sünde du begangen
hast! Die Gnade Gottes ist gänzlich von dir gewichen, und ein Teufel hat die
Gestalt eines Lichtengels angenommen und sich als Beichtvater in den
Beichtstuhl gemacht und gab dir solche verdammliche Lehre. Er verlangt, daß
sogar ich mich mit ihm in eine Unterredung einlassen soll, damit durch mich,
die ich die Seele des Klosters bin, das ganze Kloster hinabgezogen würde in die
ewige Verdammnis. Ja, ich habe mir's wohl gar oft gedacht, daß du solch ein
Unglück über dieses heilige Haus Gottes bringen wirst. Nun ist kein anderes
Rettungsmittel da, als daß wir uns allerkräftigst vereinigen und unsere große
Not der allerseligsten Jungfrau Maria, dem hl. Joseph und der hl. Theresia
vortragen. Erhören uns diese nicht, so sind wir verloren; denn hier ist bei
Gott keine Gnade und Erbarmung mehr!
[GS.01_063,14] Unsere Klosterdame spricht zur
würdigen Frau: Sagen hochwürdige Mutter, was Sie wollen, so aber glaube ich
nach der Belehrung des allerehrwürdigsten Beichtvaters nun keinem Ihrer Worte
mehr und bin bereit, wenn es hier möglich wäre, eher noch einmal zu sterben,
als über die Belehrung dieses würdigen Beichtvaters nur die allergeringste
schiefe Meinung in mir zu hegen.
[GS.01_063,15] Hier will die würdige Frau
Oberin unserer Dame aus lauter klösterlichem Eifer einen Schlag auf den Mund
versetzen. Aber unser Beichtvater ist so keck, reißt das Beichtgitter auf, wozu
er auch hinreichende Kraft besitzt, und entreißt unsere Dame solcher
Mißhandlung. Was da ferner geschieht, wollen wir das nächste Mal vernehmen.
64. Kapitel – Erlösung der armen Gefangenen.
Gericht und Jüngster Tag.
[GS.01_064,01] Da aber die Priorin solches
geschehen sieht, macht sie sobald ein Kreuz um das andere, nimmt ihre Zuflucht
zu einem Weihbrunnkessel und sprengt das Weihwasser tätig nach unserem
Beichtvater und nach unserer Dame; auch ruft sie mit aller Kraft die Schwestern
zur tätigen Mithilfe. Diese kommen auch sobald herbei, starren unseren
Beichtvater an und können durchaus nichts Teuflisches an ihm entdecken. Nun macht
die Vorsteherin ein großes Kreuz vor sich hin, nähert sich dem Beichtvater und
der Dame, will sich mit Gewalt ihrer bemächtigen und spricht mit gellend lauter
Stimme: Du abscheulicher höllischer Teufel, der du die verfluchte Keckheit
hattest, durch Lug und Betrug dich in der Gestalt eines Lichtengels in unser
Heiligtum hereinzuschwärzen, ich befehle dir im Namen der heiligen
Dreieinigkeit, der allerheiligsten Jungfrau Maria, des hl. Joseph und der hl.
Theresia, daß du auf der Stelle entweichest von diesem heiligen Orte und
alsbald zurückkehrest in deine ewige Verdammnis und in dein höllisches Feuer
und brennest dort ewig und ewig!
[GS.01_064,02] Nun sehet, unser Beichtvater
läßt sich durch diesen schrecklichen, exorzistischen Bannfluch nicht im
geringsten irremachen und spricht: Höre, du blinde Vorsteherin dieser armen
Herde, du nanntest mich einen Teufel und hast mich auch darob ganz gehörig
verdammt; sage mir, ob ich als dein vermeintlicher Teufel mit dir und mit
dieser Schwester hier etwas Ähnliches getan habe?
[GS.01_064,03] Ich habe dieser Schwester nur
das gesagt, was hier im Reiche der Geister die volle Wahrheit ist, und dich
durch sie rufen lassen, damit auch du als Vorsteherin in der göttlichen
Wahrheit näher unterrichtet würdest. Anstatt aber mich anhören zu wollen, hast
du gleich das glühendste Richterschwert ergriffen und wolltest diese arme
Schwester entweder, so es dir möglich wäre, mit einem Streiche totschlagen oder
sie wohl gar sogleich der Hölle überliefern.
[GS.01_064,04] Ich, als dein Teufel, erbarmte
mich der armen Schwester und rettete sie durch meine Macht von deiner Wut;
dafür aber hast du mich exorzistisch in den höllischen Bannfluch getan.
[GS.01_064,05] Wenn wir nun unsere Herzen
einander gegenüberhalten, so wäre da eine gar große und wichtige Frage zu
beantworten: in welchem sich wohl mehr der wahren Nächstenliebe vorfinden
möchte, ob in deinem himmlisch sein wollenden oder ob in meinem teuflisch sein
sollenden?
[GS.01_064,06] Ich sage dir aber: Mit deiner
Herrschaft über diese arme blinde Herde hat es nun ein Ende! Die Theresia hatte
auf der Erde diesen Orden wohl gestiftet. Aber zu ihrer Zeit und in ihrer Regel
war eine wahre Nächstenliebe der Grund und Liebtätigkeit die Hauptordensregel
sowie die notwendige Reinheit des Herzens, welche Regel die Theresia in den
gestifteten Orden einführte. Und also war dieser Orden unter solchen
Bedingungen dem Herrn auch genehm; aber deine Regel, verbunden mit der
allerstrengsten Klausur und dem vielfältigen, für euch alle zumeist
unverständigen Lippengebete ist dem Herrn ein Greuel und durchaus in keinem
Teile genehm, besonders aber, wenn sich, wie es eben bei dir der Fall ist, eine
wahre tyrannisch despotische Herrschsucht, vermählt mit dem blindesten Wahne,
in den Orden eingeschlichen hat!
[GS.01_064,07] Habt ihr auf der Welt wohl je
gehört, daß es in der geistigen Welt auch nach dem Leibestode Klöster und
solche klösterliche Klausuren gibt? So viel ich weiß, habt ihr nur geglaubt,
nach dem Tode des Leibes entweder bis zum Jüngsten Gerichte in einen süßen
Seelenschlaf überzugehen oder in das Paradies zu kommen, wohl auch alsogleich
in den Himmel. Wenn ihr aber unwidersprechbar solches geglaubt habt, wie ist
denn sonach dieses Kloster entstanden?
[GS.01_064,08] Sehet, ihr stehet auf diese
meine Frage stumm da und wisset mir kein Wort zu erwidern. Diese nämliche Frage
hatte zuvor auch diese arme Schwester an dich, Vorsteherin, gerichtet. Da du
ihr so wenig wie mir eine Antwort zu geben vermochtest, entbranntest du darob
in heftigstem Zorne und gabst der Fragenden eine betäubende Maulschelle.
[GS.01_064,09] Nun aber sage ich dir, woher
dieses Kloster rührt. Es rührt von deiner herrschsüchtigen Begründung her, und
so hast nur du, zufolge deines blinden Wahnes, durch Lug und Trug für dich und
diese armen Schwestern auch hier in der geistigen Welt solche Klausur
errichtet. Daher ist diese Klausur auch nur eine Trug-Klausur und Gott, dem
Herrn, sicher in keinem Teile angenehm; und ich habe die Macht, obgleich ich
als ein wahrer Beelzebub vor dir erscheinen muß, diese Klausur für alle diese
armen Schwestern aufzuheben und sie allesamt frei hinauszuführen, dich aber in
dieser deiner Klausur allein zu belassen, so lange, bis du in dir selbst reuig
inne wirst, daß solch eine Klausur eine irrige Begründung des Geistes und in
ihr weder irgendeine Wahrheit noch irgend etwas Gutes ist.
[GS.01_064,10] Damit aber du und alle die
armen Schwestern erkennen möchten, daß ich vollkommene Macht habe, solches zu
tun, und das nicht vom Beelzebub, den du, Oberin, besprengt hast mit deinem
Weihwasser, sondern unmittelbar von Gott aus, so zeige ich euch allen fürs
erste an, daß diese von mir gerettete Schwester eben die Theresia selbst ist,
welche von mir aus zu euch gesandt ward, um euch von eurem Wahne zu befreien.
Fürs zweite aber zeige Ich euch an, daß Ich Selbst der nämliche bin, den die
Theresia so sehr liebte! – Wollet ihr solches nicht glauben, so leget gleich
einem Thomas eure Hände in Meine Wundmale!
[GS.01_064,11] Und nun siehe, du Oberin
dieses Klosters, du hast Mich verdammt in deiner großen Blindheit. Siehe, auch
Ich hätte Macht, dich zu verdammen, aber damit du siehst, daß Ich besser bin
als dein Orden, so verdamme Ich dich nicht, sondern belehre dich und zeige dir
den Weg zu Mir. Doch jetzt kannst du Mir nicht folgen, sondern erst dann, wenn
du dein trügliches Kloster vom Grunde aus wirst niedergerissen haben. –
[GS.01_064,12] Nun sehet, alle die Schwestern
fallen vor dem Herrn nieder und loben und preisen Ihn ob Seiner großen Liebe
und Erbarmung und flehen zu Ihm um Gnade für die Oberin. Und der Herr spricht:
Es sei, um was ihr gebeten habt! Aber die Oberin hat noch ihren freien Willen
und wird ihn ewig behalten. Will sie das Kloster niederreißen, so mag sie mit
euch ziehen; will sie es aber behalten, so werde Ich es ihr auch nicht um eine
Sekunde eher abnehmen, als bis sie es Mir freiwillig abtreten wird.
[GS.01_064,13] Sehet, die Oberin steht wie
versteinert vor der Gesellschaft der Schwestern und weiß nicht, was sie nun tun
soll, denn sie hält bei sich diese Szene noch immer für einen außerordentlichen
Teufelsspuk. Und der Herr spricht zu ihr: Wie denkst du denn in dir? War es bei
euch denn nicht ein Glaubenssatz, daß der Satan vor dem Namen Jesu Christi
fliehen müsse, und daß sich vor diesem Namen alle Knie beugen müssen im Himmel,
auf Erden und unter der Erde? Wenn aber schon der Satan eine solche gewaltige
Furcht vor dem Namen Jesu hat, wird er Ihn wohl selbst aussprechen, oder sich
gar in Seine Gestalt umwandeln? Siehe, wie groß deine Torheit ist! Du aber bist
für ein reineres Licht noch nicht reif und wirst so lange nicht reif sein, bis
du nicht den letzten Stein dieses Klosters in dir vernichten wirst.
[GS.01_064,14] Ich sage dir aber noch hinzu,
daß du dich allein an Mich zu wenden hast, so du je aus deiner Klausur möchtest
befreit werden.
[GS.01_064,15] Auf deinen „Jüngsten Tag“
wirst du vergeblich warten; denn dieser ist und dauert für alle Menschen
fortwährend. Er ist für die Liebegerechten ein Tag der Auferstehung zum ewigen
Leben, welches ist die vollkommene Wiedergeburt des Geistes. Er ist aber auch
ein Tag des Gerichtes für alle jene, die Mich nicht im Geiste und nicht in der
Wahrheit und somit in aller Liebe in sich aufnehmen wollten.
[GS.01_064,16] Nun weißt du, wie du daran
bist; kehre dich darnach, so wirst du deinen jüngsten Tag zum ewigen Leben
erreicht haben, sonst aber wird dir diese Sonne, welche diesen Tag erleuchtet,
wohl Ewigkeiten hindurch nicht mehr aufgehen!
[GS.01_064,17] Hier wendet Sich der Herr zu
den Schwestern und heißt sie alle Ihm folgen. Wie ihr aber im Geist sehen
könnet, so wirft sich endlich auch die Oberin wie verzweifelnd vor Ihm nieder
und bittet Ihn, daß Er sie, nachdem sie Ihn nun erkannt habe, nicht so allein
zurücklassen solle. Und der Herr spricht zu ihr: Siehe hier Meine liebe
Schwester, die Theresia, Ich will, daß sie bei dir verbleibe und dir helfe dein
Kloster zerstören. Und sehet, die Theresia hebt sobald mit aller Liebe die
Oberin auf, führt sie zurück und zeigt ihr die wahren Wege des Herrn.
[GS.01_064,18] Der Herr aber zieht mit Seinen
unschuldigen Lämmern dem ewigen Morgen zu! – Es wird nicht lange dauern, daß
unsere liebe Jüngerin des Herrn ihre noch blinde Schwester von ihrer Klausur
befreien wird. Jedoch wird diese nicht sobald in den Morgen, sondern in den Mittag
oder in den zweiten Himmel gebracht werden.
[GS.01_064,19] Und so habt ihr wieder eine
andere Art und Weise der Befreiung aus einem irrtümlichen geistigen
Seligkeitsorte gesehen, welcher freilich einer von der besseren Art war. Es
gibt aber deren in dieser Art noch eine große Menge, mit denen es um vieles
schwerer geht. – Nächstens wollen wir ein männliches Kloster der Art in
Augenschein nehmen. Es soll ebenfalls eines der strengsten sein und ihr werdet
sehen, mit welchen Schwierigkeiten das Leben da zu kämpfen hat, wo die Flut
falscher Begründungen desselben Saat völlig erstickt hat.
[GS.01_064,20] Daher soll sich ja niemand in
etwas begründen, sondern soll allein die Liebe zum Herrn und zu seinem Nächsten
als die alleinige Richtschnur des Lebens nehmen. Denn die Liebe ist ein gutes
Erdreich, auf dem der Same des Lebens bestens fortkommt; wird aber dieses
Erdreich zuvor mit Unkraut besät, so wird dann auf demselben der gute Same nur
mühsam fortkommen. – Solches werden wir beim nächsten Beispiel klar ersehen.
Und somit gut für heute!
65. Kapitel – Ein Mönchskloster. – Augustiner
und deren Begründung.
[GS.01_065,01] Zu dem Behufe wollen wir denn
dieses weibliche Kloster verlassen und uns etwas vorwärts bewegen. Sehet, dort
mehr zwischen Mittag und Abend befindet sich schon ein Kloster, das auf den
ersten Augenblick als ein solches zu erkennen ist. Sehet die pomphafte Kirche
mit zwei gewaltigen Glockentürmen und zu beiden Seiten der Kirche das
Klostergebäude mit etwas kleinen Fenstern. Und wie ihr noch sehet, so ist das
ganze Klostergebäude samt der Kirche mit einer ansehnlichen Mauer umfangen. Ihr
möchtet wohl wissen, was für ein Orden sich da befindet? Ich sage euch, einer
der strengsten, nämlich der Orden der sogenannten barfüßigen Augustiner.
[GS.01_065,02] Dieser Orden war einmal ein
recht angesehener Büßerorden, und zwar nach der Ordnung des Kirchenlehrers
Augustinus, welcher bekanntermaßen sich sehr angelegen sein ließ, das Wesen der
Dreieinigkeit unter einem konfirmierten Begriffe darzustellen. Dieser
einesteils sehr emsige Christ ist im Ernste sogar vom Herrn Selbst gewarnt
worden, seiner Dreieinigkeitsforschung weiter nachzuhängen. Aber dessen
ungeachtet verband er sich fest mit dem römischen Bischofe und stimmte mit der
zu Nizäa ausgeheckten dreipersönlichen Dreieinigkeit vollkommen überein. Er suchte
dann eben dieses Dreieinigkeitsbild durch seine sonst tüchtige Weltweisheit
soviel als möglich kirchlich rechtskräftig zu machen und wurde daher auch zu
der Ehre eines Kirchenvaters und eines Kirchenlehrers erhoben.
[GS.01_065,03] Es war freilich wohl etwas
sonderbar, daß sich solche Kirchenlehrer auch Kirchenväter nennen ließen, wo
sie doch das Evangelium hatten, in welchem von Christo der alleinige rechte und
wahre Vater aller Menschen und somit auch, um so mehr, Seiner Kirche bestimmt
ward. Allein, da der Augustinus seine Forschungen nicht aus Eigennutz, sondern
redlichen Sinnes tat, so ward ihm solches auch nicht angerechnet. Er erkannte
in der geistigen Welt, zum Teil aber auch für sich schon in der naturmäßigen,
seinen Irrtum und wurde daher vom Herrn auch alsbald aufgenommen und besseren
Weges geleitet. Zufolge seiner irdischen besseren Erkenntnis aber hat er schon
bei Lebzeiten eine kleine Schule ganz im geheimen um sich gehalten, welche sich
einer besseren und daher auch lebendigeren Erkenntnis des dreieinigen Gottes
zuwandte. Augustinus hatte zu dem Behufe auch die Bekanntschaft mit dem innern
lebendigen Worte gemacht und den Weg kennengelernt, auf welchem man sich diesem
nahen kann.
[GS.01_065,04] Dieser Weg war die
entschiedenste Demut, die völlige Hintansetzung der Welt und dafür die
Ergreifung des Herrn in der Liebe. Solche Schule hatte sehr bedeutenden
Zuspruch bekommen, obgleich sie so geheim als möglich gehalten ward. Sogar der
römische Bischof selbst erhielt davon Kenntnis, war öffentlich nicht dawider
und schloß sich selbst dieser Schule an. Er sah bald ein, daß die öffentliche
Lehre nicht mit dieser übereinstimmt, konnte nun aber auch nicht wider den
Strom schwimmen. Damit aber solche Schule, welche für jene Zeit ein gar
wichtiger Fund war, nicht zugrunde ginge, so gestattete er dieser Schule aber
dennoch eine freiere Ausübung und nannte sie die Schule der wahren Priester,
welche mit der Zeit den Namen Scholastiker bekamen. Freilich waren diese
Scholastiker nicht identisch mit jenen altägyptischen Scholastikern, welche
sich mit dem zauberhaften Mystizismus befaßten, sondern sie waren vielmehr
Scholastiker nach dem inneren Sinne des Wortes.
[GS.01_065,05] Sie machten sich daher auch
ein anderes Bild von der Dreieinigkeit, und dieses bestand aus einem Auge in
einem Dreiecke, welches sich in einem sonnenartigen Strahlenkranze befand.
Wennschon diese Darstellung auch nicht vollkommen entsprechend richtig war, so
wurde aber dadurch Gott dennoch in einer Einheit dargestellt.
[GS.01_065,06] Das Auge stellte die Sonne des
Herrn dar, in welcher Er Sich befinde in Seiner ewigen Liebe und Weisheit.
Solches darum, weil auch das menschliche Auge beides in sich begreife; denn aus
dem Auge schaue die Liebe und aus dem Auge geht auch das Licht hervor. Die drei
Ecken der Figur, in deren Mitte sich das Auge befand, stellten die drei Grade
vor, innerhalb welcher sich das Göttliche als Inwendigstes ausspricht. Diese
drei Grade waren entsprechend den drei Ecken also eingeteilt, daß die zwei
unteren Naturmäßiges zur Linken und entsprechend Geistiges zur Rechten
bezeichneten, die obere Ecke aber bezeichnete Himmlisches. Was dann die
Ausstrahlung des Auges in diese 3 Ecken betrifft, so ward dadurch das
Einfließen des Herrn durch und in allen diesen drei Graden angedeutet. Das
Überströmen der Strahlen über diese Figur hinaus bezeichnete die unendliche
Macht und Unerforschlichkeit des göttlichen Wesens. Und sonach war diese
Darstellung als eine ziemlich gelungene Hieroglyphe des dreieinigen Gottwesens
zu betrachten. Nach solcher Regel war denn auch der Orden der barfüßigen
Augustiner gestellt.
[GS.01_065,07] Ihr fraget zwar, warum denn
diese sogenannten Neu-Scholastiker das Wesen des dreieinigen Gottes sich nicht
noch vollkommener darstellten und warum ihnen solches der Herr nicht angezeigt
hat? Solches rührt daher, weil alle diese daneben dennoch in etwas Falschem
zufolge der früheren dreipersönlichen göttlichen Dreieinigkeit waren. Ein Teil
dieser Scholastiker ging dann ohnehin in eine bessere Erkenntnis über und hat sich
darum unter den Schutz der griechischen Kirche begeben, wo er sich dann als
eine förmliche Sekte unter dem Namen der „Unitarier“ ausbildete. Aber unter dem
römischen Bischofe blieb es immer bei der ersten Regel, und das zwar unter der
strengen Klausurverschwiegenheit, welche Verschwiegenheit mit der Zeit so weit
ging, daß selbst die Eingeweihten miteinander nur sehr wenig Worte wechseln
durften. Ein jeder für sich durfte wohl mit dem innern Worte sprechen; aber
dasselbe einem andern mitzuteilen, war nicht gestattet. Und so verkümmerte mit
der Zeit auch dieser gute Orden und stand bei so manchen nachfolgenden
Hierarchen in keinem bedeutenden Ansehen.
[GS.01_065,08] Es entstanden zufolge dieses
Ordens dann auch noch andere ähnliche Orden, die sich aus solchem guten Grunde
von der Welt streng absperrten. Sie konnten aber alle zusammen nichts
ausrichten, fürs erste, weil sie dabei dennoch von der äußerlichen kirchlichen
Ordnung befangen waren, und fürs zweite, weil sie solches wohl unter sich
hinter der strengen Klausur treiben, aber in der ihnen zugewiesenen pfarrlichen
Seelsorge dennoch keinen nützlichen Gebrauch davon machen durften.
[GS.01_065,09] So bildeten sich noch viele
Orden und alle waren anfänglich im guten Grunde und nahe samt und sämtlich mehr
oder weniger Anhänger des inneren Scholastizismus. Aber mit der Zeit ging
dieser fast gänzlich verloren, und es blieb nichts übrig als nur die äußere
Form. Und da mit der Zeit auch einige Orden sehr zugunsten des römischen
Episkopats zu handeln anfingen, wurde ihnen vonseite desselben auch manche sehr
bedeutende äußere Begünstigung zuteil. Daraus entstanden dann bald
„Herrnstifte“ und „Herrnorden“. Und da sich alle diese Orden besser befanden
als diejenigen, welche mehr bei ihrer Grundregel verblieben sind, so machte das
die kleinen Orden stutzen. Sie begannen dann ebenfalls, mehr zugunsten Roms zu
handeln und wurden dann auch mehr und mehr begünstigt. Auf diese Weise verlor
sich bis auf diese Zeit alles Innere aus den Orden, und an dessen Stelle trat
eine fälschliche Begründung.
[GS.01_065,10] In einer eben solchen
Begründung erschauen wir hier dieses Kloster, welches nichts als allein noch
den Namen seines ursprünglichen Gründers führt. Ihr erkennet dies gar leicht
aus dem, daß gleich über dem Hauptkirchenportale sich die dreipersönliche
Dreieinigkeit befindet. Unter dieser erscheint, wie von den Wolken gedrückt,
das sogenannte „Auge Gottes“, was soviel besagt als, daß das Irrtümliche über
das Wahre gesiegt hat.
[GS.01_065,11] Diese (Geist-)Mönche gehen
wohl noch barfuß einher und sind noch mit derselben Kleidung bedeckt. Wenn ihr
aber die innere Scholastik sehen wollet, so besteht diese in nichts anderem,
als nur in dem, daß die Mönche sich dem Außen nach so tragen und gebärden, wie
sich dereinst die wirklichen Augustiner getragen und gebärdet haben. Fraget ihr
aber einen, warum er solches tue, so werdet ihr keine Antwort bekommen. Oder
wenn ihr schon eine Antwort bekommet, so wird diese also lauten: Solches tun
wir als beständige Büßer des Himmels willen; denn das Himmelreich leidet
allzeit Gewalt, und die es nicht mit Gewalt an sich reißen, werden es nicht
bekommen. Aus diesem aber könnet ihr gar leicht erkennen, was das eigentliche
Motiv des strengen Lebens ist. Sie tun alles des Himmels willen; sie lieben auch
und fürchten den Herrn, aber nicht Seiner Selbst, sondern nur des Himmels und
der Hölle wegen. Würde der Herr ihnen die Hölle wegnehmen und ihren geträumten
Müßigkeits-, Wohllebens- und Gaffhimmel in einen Arbeitshimmel verwandeln, so
würden sie über ihr strenges Büßerleben gar bald ein gutes Kreuz machen.
[GS.01_065,12] Also geht es, wie gesagt,
allen besser gesinnten Klosterinsassen. Aber bei gar vielen ist die strenge
Ordenshaltung nichts als ein politischer Weg, um auf demselben sich bedeutender
zeitlicher Vorteile zu versichern und derselben gar wohl habhaft zu werden. Und
das ist sogar eine Handlungsweise höllischer Art und dem Herrn ein Greuel.
Diese Art werden wir hier nicht antreffen, denn diese sind entweder im tiefen
Abende, oder, wenn es schlecht geht, gar in der Hölle zu Hause.
[GS.01_065,13] Hier werden wir demnach nur
die Himmelsbewerber antreffen, welche sich den Himmel durch die strenge
Beobachtung ihrer Ordensregel wie Tagwerker verdienen wollen. Daß das Kloster
auch hier als solches erscheint, das bringt ebenfalls der materielle Glaube an
das Jüngste Gericht zuwege. Ihr werdet zufolge solchem Glauben auch alle
Abarten in diesem Kloster antreffen, welche aus der Begründung herrühren, daß
die Seele nach dem Tode, zufolge einiger unverstandener
altscholastischmystischer Begriffe, entweder in der sogenannten Psychepanichia,
d.i. allgemeiner Seelenschlaf, oder in einem untätigen Paradiesleben, mitunter
wohl auch in einem sobald dem Tode folgenden Himmel fortlebe. Wie sich solches
alles artet, werden wir nächstens zur Beschauung bekommen. Und somit gut für
heute!
66. Kapitel – Erklärung der Einrichtungen des
besuchten Augustinerklosters.
[GS.01_066,01] Ihr saget jetzt und fraget
mich: Lieber Freund und Bruder! Siehe, das Kloster ist allenthalben
verschlossen; werden wir durch die verschlossenen Türen gehen oder werden wir
uns die Türen öffnen lassen?
[GS.01_066,02] Liebe Freunde und Brüder, wir
werden hier weder das eine noch das andere tun. Das Kloster erscheint nur von
einiger Ferne verschlossen und besagt dadurch, daß die darin Wohnenden schwer
zugänglich sind, weil eben dieses verschlossene Kloster eine in sich
verschlossene Begründung solcher Geister nach außen erscheinlich darstellt.
[GS.01_066,03] Wenn wir uns diesem Kloster
aber nähern, in seine Sphäre treten und somit auch erscheinlich eingehen werden
in die Begründung seiner Bewohner, so werden wir es alsobald eröffnet
erschauen. Und so denn treten wir näher, damit ihr euch von allem selbst
überzeuget. Nun sehet, wir befinden uns schon in der Sphäre des Klosters, und
die Pforten desselben sind uns aufgetan.
[GS.01_066,04] Ihr saget zwar: Lieber Freund
und Bruder, wir können noch nicht recht einsehen, wie solches vor sich geht.
Geschieht das durch den Willen der innewohnenden Geister oder geschieht das
durch deinen Willen oder ist zu diesem Zwecke irgendeine geisterhafte Maschine
angebracht, vermöge welcher durch einen einfachen Druck alle Türen plötzlich
geöffnet werden?
[GS.01_066,05] Liebe Freunde und Brüder,
solches ist hier mitnichten der Fall. Damit ihr aber den eigentlichen Grund
einsehet, so will ich euch in solche Erkenntnis durch ein leichtes Beispiel
führen. Es befindet sich in einer Gesellschaft ein sogenannter „Weltweiser“,
den ihr mit dem Ausdrucke „Philosoph“ bezeichnet. Dieser Mensch ist höchst
einsilbig, oder er redet gar nichts; warum denn? Weil er fürs erste seine
Perlen nicht den Säuen vorwerfen will, und fürs zweite, weil er so manche
seiner Ideen selbst für schlüpfrig erkennt und sich daher mit denselben nicht
an das Tageslicht getraut. Und das darum, um einerseits nicht etwa von seinem
Gelehrtenruhme leichtsinnigerweise etwas zu vergeben, andererseits aber auch
aus Furcht vor irgendeinem ihm noch unbekannten polizeilich und politisch
lauschenden Ohre, durch welches er sich leichtlich so manchen
Unannehmlichkeiten aussetzen könnte. Damit also der Mann weder im einen noch im
andern gefährdet wird, so verschließt er sich, begibt sich in seinen förmlichen
Seelenschlaf oder in sein geistiges Weisheitsparadies oder in seinen stoischen
Himmel, lauscht aber in diesem Zustande überaus sorgfältig, ob sich in der
Gesellschaft nicht etwa ein ihm verwandter Geist hören läßt. Hat er einen
solchen gefunden, da wird er bald vertraulich und fängt an, ein Pförtchen ums
andere seines Klosters aufzusperren. Findet er aber einen oder mehrere, die
völlig in seine Ideen eingeweiht und somit auch eingegangen sind, da werden
sobald alle Pforten seines Klosters auf einmal aufgetan, und unser Mann wird es
nicht ermangeln lassen, der ihm entsprechenden und von seinen Ideen
begeisterten Gesellschaft den gebührenden Beifallstribut zu zollen. Wir sind
hier zwar nicht im Ernste in die Ideen und falschen Begründungen dieses
Klosters eingegangen; dessen ungeachtet aber werden wir zufolge unserer
Annäherung geistig als solche betrachtet, und das zwar von seiten des Klosters.
[GS.01_066,06] Ihr fraget, ob uns diese
Klostergeister wohl sehen? Ich sage euch: Im Grunde wäre solches nicht nötig,
weil es sich hier lediglich darum handelt, euch über diese Verhältnisse eine
Kunde zu verschaffen und wir zu dem Behufe überall ungehindert eintreten
können, wo wir wollen, und können da im Verborgenen alles mögliche belauschen.
Da es sich aber hier um eine fühlbarere Innewerdung für euch handelt, so ist es
auch notwendig, daß wir uns den Einwohnern dieses Klosters sichtbar machen. Aus
diesem Grunde hat denn auch das Kloster uns ihm nähern gesehen. Die Pforten
stehen für uns offen, und wir können somit ungehindert eintreten. Wir wollen
zuerst in die Kirche gehen und uns in derselben ein wenig umsehen, was alles
Merkwürdiges sich dort unseren Blicken darstellen möchte. Sehet, wir sind schon
in der Kirche; was erblicket ihr?
[GS.01_066,07] Ihr saget: Merkwürdig, das ist
ja eine Kirche, die man überaus prachtvoll nennen kann! Die herrliche Bauart,
die Höhe und die wirklich meisterhaften Gemälde, mit denen die Wände bemalt
sind, sind im Ernste staunenerregend. Der Hochaltar ist ein vollendetes
Meisterwerk der Skulptur. Auch das Hauptgemälde der Dreieinigkeit zeichnet sich
durch den erhaben sanft gehaltenen Charakter wahrhaft großmeisterlich aus.
Fürwahr, das freilich wohl irrige Bild der Dreieinigkeit haben wir noch nie
meisterlicher gemalt gesehen wie hier. Merkwürdig ist die bildliche Darstellung
dadurch, daß der Vater und der Sohn die Köpfe beinahe ganz aneinander halten,
darum die Köpfe denn auch in dem licht gehaltenen Dreiecke sich befinden. Über
den zwei Köpfen auf der obersten Ecke ist die Taubengestalt des hl. Geistes so
angebracht, daß die Taube in diesem obersten Dreieck zu sitzen scheint und
ihren Kopf hinabneigt zwischen die beiden Köpfe.
[GS.01_066,08] Dann ist noch bemerkenswert,
daß unter der Dreieinigkeit Scharen und Scharen, auf Wolken knieend und betend,
abgebildet sind. Wir erblicken unter diesen Seligen beinahe niemanden als die
alten Propheten, die Apostel des Herrn, Maria und Joseph gleich unter der
Dreieinigkeit, dann eine Menge uns wohlbekannter Märtyrer, nach denen aber
lauter Päpste, Kardinäle, Bischöfe und Prälaten, einige berühmte Mönche,
Kaiser, Könige, Fürsten, Grafen und Ritter, desgleichen auch weibliche Selige.
Aber nicht ein seliger Landmann ist unter diesen zu erblicken.
[GS.01_066,09] Ihr sehet gut, aber doch habt
ihr noch nicht alles gesehen. Da sehet nur hinab ganz ans unterste Ende der
Tafel, da werdet ihr den Erdboden gemalt erblicken und eine Menge elender
Landleute, welche ihre Hände zu diesen Seligen um Hilfe flehend emporhalten.
Und noch etwas tiefer, da zeigt sich sogar das Fegefeuer, und eine zahllose
Menge armer Landseelen streckt ihre Hände über den leckenden Flammen empor, um
Hilfe zu den Heiligen im Himmel flehend. Dort, zur linken Seite des Bildes, ist
gleich über der Erde eine ziemlich dunkel gehaltene Wolke gemalt und von der
Erde ist eine Leiter an dieselbe angelehnt. Zu Ende dieser Leiter erschauet ihr
ein doppelflügeliges Tor nach der Form der Mosistafeln, hinter dem Tore unsern
Petrus und den Erzengel Michael, und auf der Leiter könnt ihr auch einige
wenige im Aufsteigen begriffen erschauen, einige aber auch häuptlings von
dieser Wolke vom Ende der Leiter herabstürzen sehen. Im Hintergrunde dieser
dunkelgehaltenen Wolke erblicket ihr wohl auch einige knieende Selige; das sind
die sogenannten Alleheiligen.
[GS.01_066,10] Sehet, sonach geht unserem
Bilde nichts ab als bloß die Hölle. Da aber diese außer aller Gemeinschaft und
somit auch außer allem Gedächtnisse aller dieser Seligen steht, so kann sie
auch nicht einen Teil dieses Bildes ausmachen. Also hätten wir das
Hauptaltarbild von oben bis unten genau besehen. Was fällt euch denn sonst noch
auf? Ihr saget: Das schöne Tabernakulum, welches eine Gruppe künstlich
zusammengestellter Seraphköpfe bildet. Dann das Tabernakel-Portalchen, den
auferstandenen Christus darstellend, und wenn wir recht sehen, so ist dieser
Christus halb durchsichtig, und man erschaut auf Seiner Herzensseite statt des
Herzens eine recht prachtvolle Monstranze mit dem Sanktissimum durchschimmern.
– Ja, so ist es auch, wie bildlich also auch werktätig. Die Liebe Christi
stellt nun die Liebe zum Golde, Silber und Edelsteinen dar, und das Brot des
Lebens hat sich mit diesen Hauptinsignien der Welt umkleidet.
[GS.01_066,11] Wenn du nun, guter Freund und
Bruder, uns die Sache nur noch ein wenig deutlicher erklären möchtest, so
könnte uns das durchaus nicht schaden.
[GS.01_066,12] O ja, solches kann ich ja tun.
Fraget euch: Durch was müßte man denn hier gehen, wollte man zum Brote des
Lebens gelangen? Zuerst durch den edelsteinernen Christus. Dieser bezeichnet
aber nichts anderes als das tote Mauerwerk der Kirche oder die gemauerte
Kirche. Wer nicht in diese eingetauft und eingefirmt ist, der kann nicht zu dem
kirchlichen lebendigen Gnadenschatze gelangen, wer sich aber einmal in der
gemauerten Kirche also befindet, der vergesse dann ja des Goldes und des
Silbers nicht. Denn aus Silber und Gold sind die Schlüssel Petri. Bringt jemand
Silber und Gold, so wird er auch zum Brote des Lebens zugelassen.
[GS.01_066,13] Ihr müsset zwar nicht denken,
als müßte man für die Kommunion zahlen; denn die kleine Hostie bekommt ein jeder
Kommunizierende, sooft er nur immer beichten will, umsonst. Aber will jemand
die vollkommene Wirkung auch der großen Hostie für sich gewinnen, da muß er
zahlen, und das eine Segenmesse noch obendrauf, und muß zur Abhaltung mehrerer
Segenmessen, wenn diese nach seinem Tode regelmäßig sollen gehalten werden,
eine glänzende Stiftung machen. Will er die abgehaltenen Segenämter noch
kräftiger wirkend haben, so müssen sie noch dazu bei den privilegierten Altären
abgelesen werden. Ich meine, aus diesem wenigen werdet ihr ohne viele Mühe
ersehen können, wie man zu unserem erschauten Sanktissimum nur durch Silber,
Gold und Edelsteine gelangen kann. Auf der Welt bezeichnet zwar dieses, nämlich
Gold, Silber und Edelsteine, eine Ehrung Gottes und heißt: Omnia ad majorem Dei
gloriam! Hier aber wird dieses anders verstanden und also übersetzt: Alles zu
unserem größeren Ansehen, zu unserer Verherrlichung und zu unserem stets
wachsenden priesterlichen, reicher werdenden Vorteil; oder noch verständlicher:
Lasset uns Herren sein auf der Welt, und ein jeder Kaiser neige sein Haupt
unter unsere Fußsohlen.
[GS.01_066,14] Es ließe sich hier wohl sehr
fragen, wo denn so ganz eigentlich unter dem Golde, Silber und Edelsteinen die
wahre christliche Demut und Verachtung der Welt ruht, wo die Nächstenliebe, wo
die Selbstverleugnung und wo: „Nehmet euer Kreuz und folget mir nach?“ Denn
unter diesen goldenen, silbernen und edelsteinernen Aspekten hätte der Herr ja
sagen müssen: Nimm dein Gold, Silber und Edelsteine und folge also glänzend
reichbeladen Mir nach. Auch Petrus hätte nicht sagen sollen: „Gold und Silber
habe ich nicht“. Und wieder hätte der Herr zum reichen Jünglinge nicht also
spärlich reden sollen und am Ende noch gar dazusagen, daß ein Kamel leichter
durch ein Nadelöhr ginge als ein Reicher in den Himmel. So ist denn alles
verkehrt und zerstört; und die Kirche, welche sich die alleinseligmachende
nennt, hat vom Christentume kaum noch den Namen.
[GS.01_066,15] Wer sich im Zeugnisse oder in
einer anderen Urkunde nur „katholisch“ bezeichnet, braucht das Wort
„christlich“ gar nicht hinzuzusetzen; setzt aber jemand das „christlich“
allein, so wird er für eine Art Kleinketzer gehalten und kann sich sogar
kleinen Unannehmlichkeiten aussetzen. Jedoch lassen wir nun alles dieses beiseite,
denn die Folge solcher großen Irrtümlichkeiten liegt ja nun klar und offen vor
euren Augen. Und da ihr den wahren Himmel kennet, so wird es euch hier sicher
nicht schwer fallen, den großen Abstand zwischen hier und dort auf den ersten
Blick zu erkennen.
[GS.01_066,16] Ihr fraget zwar, warum denn
der Herr solcher Irrtümlichkeit nicht ein baldiges und völliges Ende mache und
warum Er solches schon ursprünglich zugelassen habe? – Ich aber sage euch, daß
des Herrn Wege allzeit unergründlich und Seine Ratschlüsse ewig unerforschlich
sind, und es genüge euch, daß ihr wisset, wie unendlich gut der Herr ist, von
welch großer Geduld und Erbarmung, und wie Er als die allerhöchste Liebe und
Weisheit gar wohl und untrüglichst versteht, alle Gewächse zu ihrer Reife zu
führen. Und wenn sie reif geworden sind, so weiß Er es, sie für Seine ewig
liebevollsten und weisesten Zwecke allertauglichst und allerbest zu benutzen.
[GS.01_066,17] Ihr könntet ebensogut fragen,
warum der Herr auch so viel Unkraut und reißende und giftige Tiere auf die Erde
gesetzt hat, wovon ihr nirgends einen Nutzen erschauet. Ich aber sage euch: In
allem diesem geht der Herr Seine unergründlichen Wege und folget allzeit Seinem
Ratschlusse; und uns genügt es, lebendigst zu wissen, daß Er ein unendlich
guter Vater ist. Und wissen wir das, da wissen wir auch, daß Er nichts eines
argen Zweckes wegen geschaffen hat, sondern daß Er alles zu dem unaussprechlich
besten Ziele lenket und ewig lenken wird! Ihr fraget, ob wir nun auch die
übrigen Kirchenteile besuchen und besichtigen sollen? Solches ist nicht
vonnöten, daher begeben wir uns in das eigentliche Kloster und machen da unsere
Betrachtungen. Sehet, da kommt soeben ein freundlicher Augustiner aus der
sogenannten Sakristei. Er grüßt und winkt uns, zu ihm zu kommen; also folgen
wir auch seinem Winke! –
67. Kapitel – Hat Petrus die römische Kirche
gestiftet?
[GS.01_067,01] Was der (Augustiner) uns etwa
doch sagen wird und was alles zeigen? – Nichts anderes, als was uns zu sehen
notwendig ist. Wir sind bei ihm; und so höret denn, was er zu uns spricht und
wie er uns empfängt. Also aber lauten seine Worte:
[GS.01_067,02] Seid mir tausendmal
willkommen, liebe Freunde und Brüder, im Namen der geheimnisvollen
Dreieinigkeit, im Namen der seligsten Jungfrau Maria, des hl. Joseph und
unseres hl. Kirchenpatrons Augustinus, der da war ein wahrer Apostel und
Nachfolger des Herrn Jesu Christi! Darf meine knechtliche Geringfügigkeit an
euch nicht die Frage tun, welche fromme Absicht euch in diesen Gott allein
wohlgefälligen Tempel geführt hat? Seid ihr etwa auch aus meinem Orden hier
Neuangekommene, oder habt ihr euch etwa als fromme geistige Büßer zur
Nachlassung der läßlichen Sünden hierher verfügt, um dadurch dem Fegefeuer zu
entgehen? Suchet ihr etwa hier die ewige Ruhe und das ewige Licht oder das
wahrhaft geistig lebendige Brot der Engel? Oder wünschet ihr etwa gar in die
höheren Geheimnisse der Dreieinigkeit eingeweiht zu werden? Kurz, wenn eines
oder das andere euch hieher geführt hat, so könnet ihr für eines wie für das
andere die allergenügendste Befriedigung finden. Denn solches werdet ihr sicher
wissen, daß außerhalb dieser Kirche kein Heil und nirgends eine Seligkeit zu
erlangen ist.
[GS.01_067,03] Christus, der Herr, hat Seine
Kirche also gegründet, daß Er allein dem Petrus die Schlüssel zum Himmelreiche
übergab. Unsere Kirche ist auf dem Felsen Petri erbaut, also von Petro
gegründet, und ihr von ihm für alle Zeiten der Zeiten die Macht gegeben, selig
zu machen oder zu verdammen. Denn daß der Kirche auch das Verdammungsrecht von
Christo eingeräumt ist, erhellt klar aus jenen Texten, wo es einmal heißt: „Ihr
werdet auf den Richterstühlen sitzen und mit Mir richten die zwölf Stämme
Israels“; – und wieder heißt es: „Was ihr lösen werdet auf der Erde, das soll auch
im Himmel gelöset werden, und was ihr binden werdet auf Erden, das soll auch im
Himmel gebunden sein“, – und wieder heißt es: „Nehmet hin den Heiligen Geist,
denen ihr die Sünden vergeben werdet, denen sollen sie vergeben sein auch in
dem Himmel, und denen ihr die Sünden vorenthalten werdet, denen sollen sie auch
im Himmel vorenthalten sein.“ – Und so stehen noch einige solche Texte, wo der
Herr dem Petrus auf Erden alle Gewalt über das menschliche Geschlecht gegeben
hat. Es ist demnach nicht dem geringsten Zweifel unterworfen, daß nur die
römisch-katholische, von Petro selbst gegründete Kirche nach dem unwandelbaren
Ratschlusse Gottes die alleinseligmachende ist.
[GS.01_067,04] Wenn ihr zweifelsohne auch aus
dieser Kirche seid, so könnet ihr auch hier nur einzig und allein die Pforte
des Himmels finden. Seid ihr aber nicht aus dieser Kirche, so werdet ihr gar
leichtlich schließen, welch ein Los hier eurer harret. Denn es lautet ebenfalls
in der Schrift: „Wer nämlich nicht an diese Kirche glaubt und nicht in ihr
getauft wird, der soll verdammt werden.“ –
[GS.01_067,05] Nun aber spreche ich mit ihm:
Höre, lieber Freund, du hast uns jetzt um Verschiedenes gefragt und uns auch
die gewichtigsten, auf eure Kirche bezug habenden Texte aus der Schrift
kundgetan. Dessen ungeachtet aber muß ich dir schon zum voraus die Versicherung
geben, daß wir fürs erste in keiner der zufolge deiner Fragen bestehenden
Absicht hierhergekommen sind, und fürs zweite, daß die von dir ausgesprochenen
Texte uns nicht im allergeringsten angehen.
[GS.01_067,06] Du machst jetzt wohl ein etwas
verblüfftes Gesicht und denkst bei dir, was wir denn hier machen, so wir in
keiner von dir ausgesprochenen Absicht hierhergekommen sind und sogar
hinsichtlich unseres Vorhabens die von dir ausgesprochenen und die römische
Kirche als die alleinseligmachende manifestierenden Texte negieren. Aber siehe,
es ist denn einmal also und nicht anders.
[GS.01_067,07] Wie wäre es denn, wenn wir
bloß in rein wissenschaftlicher Hinsicht hierher gekommen wären, um von euch so
manches zu erfahren und bei euch so manches zu sehen? Sollten wir in dieser
Absicht dir nicht auch willkommen sein?
[GS.01_067,08] Der Mönch spricht: Meine
schätzbaren Freunde, habt ihr denn auf der Erde nie gehört, daß in der
geistigen Welt die Wissenschaft keine Früchte mehr trägt, sondern allein nur
der römisch-katholische Glaube, wenn er lebendig war durch die guten Werke?
Spreche ich: O ja, solches haben wir zu öfteren Malen gehört. Wir haben aber
auch gehört, daß in der geistigen Welt einem über alle die irdische Zweifel
Licht werden solle. Und ein solches Licht kann man ja dann wohl auch eine
geistige Wissenschaft nennen, welche ist ein helles Innewerden in den
göttlichen Geheimnissen. Und wenn ferner es in der geistigen Welt, wie ehedem
in der naturmäßigen, gemauerte Klöster und Kirchen gibt, die mit allerlei
Kunstgegenständen verziert sind, warum sollte es denn in der geistigen Welt
keine Wissenschaft geben, die an und für sich doch schon auf der Welt offenbar
geistiger war als das Mauerwerk eines Klosters, einer Kirche und als das
Schnitz- und Bilderwerk in ihr?
[GS.01_067,09] Der Mönch spricht: Höret ihr!
Wie ich aus euren Worten vernehme, so scheint ihr mit ketzerischen und
verdammlichen Gesinnungen angefüllt zu sein. Denn wer alles das, was zum
allerhöchsten Dienste Gottes gehört, nicht für rein geistig, sondern für
materiell betrachtet, der legt es ja schon offen an den Tag, daß er in Wort und
Tat ein allzeit in die Grundhölle verdammlicher Ketzer ist. Wenn bei euch das
völlig der Ernst ist, was ihr hier ausgesprochen habt, da wird es wohl
notwendig sein, euch für alle Ewigkeiten aus diesem reinsten Tempel Gottes in
die ewige Grundverdammnis hinauszustoßen. Denn es heißt: „Einen ketzerischen
Menschen sollst du fliehen“, und wieder heißt es: „Einen solchen Ketzer sollet
ihr aus der Gemeinde stoßen und ihn nach Paulus dem Teufel übergeben.“ Wißt ihr
denn nicht, daß derjenige, der über die Einrichtungen der alleinseligmachenden
Kirche loszieht, die allerderbste Sünde gegen den hl. Geist begeht, welche
Sünde ewig nimmer nachgelassen werden kann? Daher erkläre dich deutlicher an
diesem heiligen Orte, damit dich nicht die ewige Verdammnis treffe. Denn
wahrlich, uns, den reinen Dienern Gottes, ist es angenehmer, daß die ganze Welt
verdammt würde, als daß die Heiligkeit des Himmels nur durch den kleinsten
Sünder solle befleckt werden. Hier hat alle Gnade und Erbarmung ein Ende. Wer
nicht in dem wahren Sinne der Kirche rein ist wie die Sonne am Himmel, der soll
auch ewig nimmer in das Reich Gottes eingelassen werden.
[GS.01_067,10] Nun spreche ich zu ihm: Lieber
Freund, du hast das Wort Gottes sicherlich nicht von der gelindesten Seite
aufgefaßt, sondern wohl von der allerrichterlich schärfsten. Ich möchte aber
nun dir eine Frage stellen, und du kannst mir dann auf dieselbe eine Antwort
geben, nur mußt du mir im voraus versichern, daß du mir die Antwort nicht
schuldig bleibst. – Der Mönch spricht: Wenn sie nicht von rein teuflischer Art
ist, so will ich dir wohl antworten. Solches weißt du aber, daß man dem Teufel
keine Antwort schuldig ist. Spreche ich zu ihm: Nun wohl denn, ich werde dir
eine Frage setzen. Kannst du mir erweisen, daß diese vom Teufel ist, so magst
du mit deiner Antwort wohl zu Hause bleiben; kannst du mir aber solches nicht
gründlich erweisen, so kommst du nicht eher von dieser Stelle, als bis du mir
wirst geantwortet haben. Hüte dich aber vor jeder Lüge, denn diese könnte dir
teuer zu stehen kommen. – Also aber lautet meine Frage:
[GS.01_067,11] Wie kannst du mir aus der
Heiligen Schrift erweisen, daß die römisch-katholische Kirche im Ernste der
Apostel Petrus gestiftet hat? Meines Wissens steht davon in der ganzen
gegenwärtigen Heiligen Schrift nicht die leiseste Erwähnung. Daß ein Paulus in
Rom gelehrt hat und gepredigt das Evangelium des Herrn, solches ist allbekannt;
daß aber Petrus im Ernste in Rom das Papsttum gegründet habe, kann ich mich
durch die ganze Heilige Schrift nicht mit einer Silbe erinnern. – Willst du mir
dein kirchliches Verdammungsrecht anbinden, so mußt du es mir zuvor beweisen,
ob die römische Kirche im Ernste von Petrus gegründet ist, dem der Herr ein
solches Recht übergeben hatte. Kannst du mir aber solches nicht beweisen, und
zwar aus der Heiligen Schrift, so sollst du mit mir einen harten Kampf zu
bestehen haben.
[GS.01_067,12] Seht, unser Mönch macht ein
ganz erbärmliches Gesicht und sinnt von einem Winkel in den andern nach
irgendeiner gültigen Antwort. Daher denkt er nun an eine pfiffige Ausrede; aber
sie wird ihm wenig nützen. Er bedeutet uns, daß wir ihn hören sollen, und so
wollen wir ihn denn auch hören. Er (der Mönch) spricht: O ihr abscheulichen
Teufel, das ist ja die allerhöllischeste Frage und ist so ungeheuer ketzerisch
und so sehr wider den hl. Geist, daß für solch einen Ketzer tausend der
allerabscheulichsten Grundhöllen mit der tausendfachen ewigen Verdammnis noch
viel zu gut wären! Auf eine solche Frage soll ich antworten, auf daß mich dann
alle Teufel auf einmal holen möchten? Das werde ich wohl fein bleiben lassen.
[GS.01_067,13] Die römische Kirche sollte
nicht von Petro gegründet sein, der doch in Rom selbst drei volle Jahre
gelehrt, seinen Stuhl aufgerichtet und dort auch den Märtyrertod auf einem
umgekehrten Kreuze genommen hat?! Zudem befindet sich sein unverweslicher
Leichnam noch heutigen Tages in der hl. Gruft seiner Kirche in Rom, und sein
Stuhl ist noch heutigen Tages des Papstes mächtiger Thron! Und du höllischer
Teufel kannst mir eine solche Frage geben und getraust dich, mir, einem reinen
Diener Gottes, einem gesalbten Priester, so ganz keck vors Gesicht zu treten?
Ich beschwöre dich im Namen des dreieinigen Gottes, der seligsten Jungfrau
Maria, des hl. Joseph und im Namen aller heiligen Apostel, Jünger, Märtyrer, im
Namen aller anderen Heiligen und im Namen der gesamten römisch-katholischen
alleinseligmachenden Kirche, daß du abscheulicher Teufel mit deiner höllischen,
verdammten Gesellschaft diesen heiligen Ort fliehest! Sonst rufe ich alle meine
Brüder herbei, welche dahier ruhen im Paradiese und im Himmel sind, daß sie
dich und deine verdammlichen Gesellen mit drei hochgeweihten Kruzifixen und mit
anderen hochgeweihten kirchlichen Insignien so lange herumhetzen und vexieren
sollen, bis dir dieser Ort martervoller wird als die allerunterste Hölle
selbst. O du verdammter Teufel du, du abscheulicher Teufel, du unchristlicher
Teufel, du Betrüger aller Menschen, du Auswurf des siebenten Tages der
Schöpfung, du ewig verdammte Kreatur Gottes, weiche, weiche, weiche von hier! –
68. Kapitel – Im Streitgespräch mit einem
Augustiner. Petrus und Paulus.
[GS.01_068,01] Nun spreche ich: Höre, mein
lieber Freund, dein außerordentlich unbarmherziger Exorzismus hat sicher keine
kirchliche Gewalt; denn wie du siehst, so stehen wir alle, deine drei
untersthöllischen Teufel, noch unversehrt und vollkommen schußfest vor dir. Du
kannst im voraus versichert sein, daß wir auch vor deinem ganzen Konvente, vor
tausend Kruzifixen und vor hundert Eimern geweihten Wassers nicht fliehen
werden. Denn solange wir von deiner Seite aus nicht den wahren Grund erfahren,
aus der Schrift belegt, daß deine alleinseligmachende Kirche von Petro
gestiftet ist, so lange weichen wir auch nicht um ein Haar von hier. Im
Gegenteil sind wir nun sehr geneigt, noch tiefer in dein Kloster vorzudringen
und uns durch keine exorzistische Gewalt davon abhalten zu lassen. Zu diesem
Behufe fordere ich dich sogar auf, uns Dienst zu erweisen und uns in die
Gemächer deiner ebenso unsinnigen Brüder, wie du selbst einer aus ihrer Mitte
bist, zu führen.
[GS.01_068,02] Der Mönch spricht, indem er
zuvor drei Kreuze über sich macht: Gott steh mir bei! Ich habe oft gehört, daß
die Anfechtungen des Teufels in der geistigen Welt noch ums Tausendfache ärger
sind denn in der natürlichen, und daß man in der geistigen Welt wirklich erst
von der großen Gewalttätigkeit des Teufels einen wahren Begriff bekommt. Was
ich darüber in den heiligen Büchern, welche fromme und gottesfürchtige Menschen
geschrieben, gelesen habe, das steht nun buchstäblich vor mir! Ich sage dir
aber, du ewig abscheulicher Teufel, du fortwährender Betrüger Gottes und alles
menschlichen Geschlechtes, meinst du, Gott läßt sich betrügen? Da irrst du
dich! So wenig sich aber Gott betrügen läßt, so wenig lasse ich mich als ein
allzeit getreuer Diener Gottes von dir betrügen, und eher als ich dir nachgeben
werde, will ich mit der Hilfe Gottes und mit der Hilfe der allerseligsten
Jungfrau Maria dir so lange Widerstand leisten, bis dich alle Geduld, mit mir
noch länger zu kämpfen, verlassen wird. Daher kannst du tun, was du willst;
mich wirst du meiner Kirche nicht abtrünnig machen!
[GS.01_068,03] Hast du denn nicht gehört, was
die Kirche zufolge der ihr von Christo erteilten Gewalt verlangt, nämlich daß
man ihr unbedingt alles glauben müsse, was sie zu glauben vorstellt, ohne zu
fragen, ob solches irgend geschrieben oder nicht geschrieben steht, welches
auch eine allerbilligste Forderung der Kirche ist? Denn wenn die Kirche im
Besitze des hl. Geistes ist und dieser aus der Kirche spricht, wer wollte dem
nicht glauben, wenn er ein aufrichtiger und wahrer Christ ist? Wenn man aber
bei jeglichem Ausspruche der Kirche so fragen wollte, wie du fragst, da müßte
man ja auch fragen: Wo stand denn das ehedem geschrieben, was Moses und die
Propheten von Gott ausgesagt haben? Siehe, du schmutziger Teufel, was diese
ausgesagt haben, ging aus vom hl. Geiste, und darum blieb und bleibt es eine
ewige Wahrheit. –
[GS.01_068,04] Also hat ja auch die Kirche
den Heiligen Geist. Dieser aber ist nicht beschränkt auf das, was schon vorher
geschrieben ist; sondern Er kann allzeit frei reden und lehren, und die Kinder
der Kirche haben solches als eine allzeit unwiderlegbare Wahrheit anzuerkennen.
[GS.01_068,05] Wenn demnach die Kirche
geschichtlich kundtut, daß Petrus wirklich in Rom gelehrt, daselbst seinen
Stuhl aufgerichtet hat und dort auch den Kreuztod gestorben ist, so ist solches
ja eine verbürgte Wahrheit, weil es die Kirche im Vollbesitze des hl. Geistes
kundgibt. – Da hast du nun deinen verlangten Beweis. Und nun entferne dich,
deinem eigenen Ausspruche nach! Ich wäre zwar nicht schuldig gewesen, dir diese
Belehrung zu erteilen, ich habe es aber dennoch getan, um dir dadurch eine
größere Verdammnis zu bereiten.
[GS.01_068,06] Nun spreche ich: Gut, mein
Freund, und im Ernste trübseligst finsterer Bruder! Ich frage dich, da du mir
den kirchlichen hl. Geist so evident darstelltest, wie es möglich ist, daß sich
der hl. Geist hinsichtlich dieser petrinischen Angabe bei den verschiedenen
kirchlichen Geschichtspropheten, die doch sicher samt und sämtlich deiner
Aussage zufolge „aus dem hl. Geist“ gesprochen und geschrieben haben, in eben
dieser geschichtlichen Aussage über das Dasein Petri in Rom so gewaltig hat
irren können? Denn du hast zuvor Petri Anwesenheit in Rom auf drei Jahre lang
festgesetzt. Ich kann dich aber versichern, daß mir in dieser Hinsicht kein
geschichtlicher Buchstabe, der über Petrus geschrieben wurde, unbekannt ist. –
[GS.01_068,07] Wenn du übrigens in dieser
Kirchengeschichte nur einigermaßen bewandert bist, so wirst du die Varianten
von vierundzwanzig Jahren bis hinab zu deinen drei Jahren doch sicher entdeckt
haben. Also wird auch das Sterbejahr dieses Apostels zu Rom höchst verschieden
angegeben, und man muß von Glück sprechen, wenn man in dieser Angabe nur eine
Variante von einem Jahre entdeckt. Daß diese meine Aussage richtig ist, kannst
du aus den verschiedenen Geschichtsschreibern ersehen, denn eure Bibliothek ist
zum größten Glück im Besitz aller dieser Aussagen. Nun aber sage mir, welcher
schenkst du denn vollkommen deinen Glauben?
[GS.01_068,08] Der Mönch spricht: Das ist
schon wieder eine verteufelt fanglustige Frage. Was soll ich dir darauf für
eine Antwort geben? Ich sage dir: Der wahre, gehorsame Christ glaubt alles und
fragt nicht nach den geschichtlich unrichtigen Daten. Der Grübler aber, der ein
Ketzer ist, der grübelt über alles. Finden sich doch auch in der Heiligen
Schrift ähnliche Widersprüche vor! Sollten wir sie darum nicht glauben? Wenn du
aber schon nicht weißt, wie der hl. Geist spricht, so sage ich dir, daß dieser
allezeit nach der innern Weisheit spricht und solche Aussagen einen ganz
anderen Sinn haben, welchen freilich kein Teufel versteht; aber wir
Gottesgelehrte kennen diesen Sinn und wissen, was wir glauben. Also habe ich
dir auch diese Frage beantwortet, damit dir auch darob desto mehr Verdammnis
werde!
[GS.01_068,09] Nun spreche ich: Gut, mein
Freund, wenn solches richtig ist, so sehe ich aber durchaus nicht ein, aus welchem
Grunde es dem hl. Geiste gefallen hat, vom Apostel Paulus Kunde in der
Apostelgeschichte als getreu geschrieben zu geben, vom hl. Petro, wie du ihn
nennst, aber in dieser Hinsicht nichts zu erwähnen, da er doch zur Gründung der
Kirche von Christo aus persönlich berufen ward.
[GS.01_068,10] Paulus nur ward berufen als
ein Apostel für die Heiden; von Petro steht nirgends etwas geschrieben, daß ihn
der Herr ebenfalls für die Heiden berufen habe. Zudem wußte Petrus die
Vortrefflichkeit des Apostels Paulus und sah es nirgends für notwendig an, da
einen Nachapostel zu machen, wo der Paulus eine christliche Gemeinde gestiftet
hat. Man weiß wohl aus der Schrift, und zwar von Paulus selbst, daß er den
Petrus einmal zurechtgewiesen habe; aber einen umgekehrten Fall kennt man
nicht.
[GS.01_068,11] Da aber Petrus, als das erste
sichtbare Oberhaupt der Kirche, schon von Paulus eines Irrtums überwiesen und
darob zur Rede gestellt ward, daß ihm der hl. Geist nicht den erforderlichen
Dienst geleistet habe, besser gesagt, daß er sich wider den hl. Geist ein wenig
vergessen hatte, – so könnte man denn ja doch auch annehmen, daß dergleichen
gar gewaltig abweichende geschichtliche Daten entweder ganz eigenmächtig aus
der Luft gegriffen worden sind, oder man müßte auch hier den hl. Geist einer
Untreue beschuldigen.
[GS.01_068,12] Ich weiß aber, daß Christus,
der Herr, allen Aposteln eine gleiche Macht gegeben hat, ja selbst, als Er nach
Seiner Auferstehung, nach Angabe Johannis, Petrus Ihm folgen hieß, da folgte
Ihm auch der Jünger Johannes. Und als sich Petrus darüber aufhielt, da verwies
es ihm der Herr und sprach: „Was geht das dich an, so Ich will, daß er bleibe?“
– Welches ebensoviel sagen will als: daß er Mir, dir gleich, folge. Warum denn?
Weil dadurch der Herr bestimmt hat anzeigen wollen, daß dieser Jünger in der
Verfassung dem Herrn gleich dem Petro unwandelbar und beständig folgen solle.
Also sollte er bleiben fortwährend trotz der Einwendung Petri in solcher dem
Herrn folgenden Verfassung.
[GS.01_068,13] Ferner weiß ich auch, daß der
Herr einmal zufolge der angebrachten Beschwerde Seiner Apostel einen gewissen
unberufenen Ketzer Johannes verteidigt hat, und brachte dadurch die Gemüter
Seiner eifersüchtigen Apostel wieder zur Ruhe. Ferner wissen wir mit keiner
Silbe etwas davon, daß Christus noch ein Apostel irgendeine Tempelerbauung
anbefohlen hat, und von einer nachträglichen Verordnung von seiten des hl.
Geistes wissen wir auch nichts.
[GS.01_068,14] Christus hat wohl gesagt:
„Prediget dieses Mein Evangelium allerorts“; aber daß Er auch gesagt hätte:
Errichtet Mir Bethäuser, davon ist nirgends auch nur die allerleiseste
Erwähnung getan. Wohl aber wissen wir, daß Er zu dem Weibe am Jakobsbrunnen
gesprochen hat:
[GS.01_068,15] „Es kommt eine Zeit, und sie
ist schon da, wo die wahren Anbeter Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten
werden und wird dazu nicht benötiget sein der Tempel zu Jerusalem noch der Berg
Garizim, sondern solches wird man allerorts tun können, im Geiste und in der
Wahrheit.“ (Johs.4.)
[GS.01_068,16] Wir wissen auch, daß der Herr
den Betenden anbefohlen hat, sich ganz allein in ihr Kämmerlein zu begeben; den
Aposteln aber sagte Er nicht: Sperret euch in die Klöster ein, sondern: „Gehet
hinaus in alle Welt und prediget das Evangelium aller Kreatur!“
[GS.01_068,17] Wenn du aber deine kirchliche
Gewaltmanifestation durch den hl. Geist autorisieren willst, so strafst du
Christum einen offenbaren Lügner oder einen unvollkommenen Lehrer, der während
Seines Lehramtes nicht wußte, was alles für Seine Lehre notwendig ist, und hat
es somit gewisserart, verdächtiger Weise zufolge lauter sich widersprechender
historischer Daten, erst nachträglich ausbessern müssen. Er hat nicht
eingesehen, daß zur Ausbreitung Seiner Lehre Klöster und Kirchen notwendig sein
werden; Er hat nicht eingesehen, daß Petrus in Rom Seine Kirche wird gründen
müssen, und da mit der Zeit ein ungeheures Bethaus und ein noch ungeheureres
Wohnhaus für Seine Nachfolger erbauen lassen wird.
[GS.01_068,18] So kann auch Christus nicht
eingesehen haben, daß mit der Zeit große Rangordnungen unter der Priesterschaft
Seiner Kirche zur Ausbreitung Seiner Lehre notwendig sein werden, denn: hätte
Er solches während Seines Lehramtes eingesehen, wie hätte Er da wohl den
Aposteln, als sie Ihn um die Primität fragten, eine der gegenwärtigen
kirchlichen Ordnung gerade zuwiderlaufende Antwort geben können, da Er sagte:
„Nur Einer unter euch ist der Meister. Dieser bin Ich; ihr aber seid alle
Brüder untereinander!“
[GS.01_068,19] Seine Unwissenheit geht aber
demnach noch weiter. Wer weiß solches nicht, da Er sagte: „Niemand ist gut,
denn Gott allein. Ihr sollet niemanden Vater nennen; denn nur Einer im Himmel
ist euer Vater. Also ist auch niemand heilig, denn Gott allein.“ – Nun aber ist
jeder Apostel heilig, und der Nachfolger Petri ist sogar ein „heiliger Vater“!
[GS.01_068,20] Wenn du, mein lieber Freund,
solches recht bedenkst, so mußt du bei der allgemeinen Billigung deiner
kirchlichen Ordnung Christum ja doch notwendig solcher dir kundgegebenen
Schwächen beschuldigen und, wenn du an Seine Gottheit glaubst, auch sagen: Gott
sieht auch, wie ein schwacher Mensch, erst nach und nach ein, was das bessere
ist, und ist auch genötigt, Seinen Geschöpfen nachzugeben, auf die Gefahr
Seiner ewigen Wahrheit und unendlichen Weisheit.
[GS.01_068,21] Wir wissen wohl, daß der Herr
die jüdische Kirche durch Moses und durch die Propheten als eine vorbildende
und in allen Teilen auf den Herrn Bezug habende gegründet hat. Solches aber tat
Er buchstäblich durch Moses kund. Daß aber der Herr bei Seinem Erscheinen in
der allerhöchsten Person Christi abermals eine zeremonielle und bildliche
Kirche gegründet habe, davon tat Er nie eine allerleiseste Erwähnung, sondern
stellte als die Grundfeste Seiner Lehre nichts als die alleinige Nächstenliebe
auf, und dieser als unentbehrlichen Vorgrund die Liebe zu Gott, indem Er
ausdrücklich sagte: „Liebet euch untereinander, wie Ich euch geliebt habe und
noch liebe, so wird man daraus erkennen, daß ihr wahrhaftig Meine Jünger seid.“
[GS.01_068,22] Also sagte Er auch, daß Seine
Apostel und Jünger niemanden verdammen sollten und niemanden richten, auf daß
sie nicht verdammt und gerichtet würden. Ja, der Herr sagte sogar von Sich
Selbst aus, daß Er nicht gekommen sei, um die Welt zu richten, sondern selig zu
machen und zu suchen, das da verloren ist.
[GS.01_068,23] Wie habt ihr euch demnach
entgegen dieser ausdrücklichen Lehre Christi zu Richtern aufwerfen können, und
habt euch sogar das zeitliche und ewige Verdammungs- und Todesurteil
zugeeignet?
[GS.01_068,24] Könnte in dieser Hinsicht auf
euch etwa nicht derjenige Text Christi in Anwendung gebracht werden, wo Er, in
Sich erregt, zu denjenigen spricht, die zu Ihm sagen möchten: Wir haben in
Deinem Namen gepredigt, geweissagt und Teufel ausgetrieben:
[GS.01_068,25] „Weichet von Mir, ihr Täter
des Übels, Ich habe euch nie gekannt; denn ihr seid es, die da allzeit
widerstrebten dem Heiligen Geiste!“
[GS.01_068,26] Ich sage dir demnach,
beurteile diese meine Worte genau in dir und gebe mir darüber Antwort. Siehe
aber zu, daß du mir mit keiner exorzistischen Ausflucht mehr kommst, sonst
werde ich dir die Macht eines anderen Exorzismus zeigen, welche dir deine
blinden Augen öffnen wird und du den Abgrund erschauen wirst, der deiner harrt,
wenn du in deiner Torheit noch fernerhin hartnäckig verbleibst.
[GS.01_068,27] Siehe, der Herr hat Sich euer
erbarmt und mich zu eurer Rettung hierhergesandt. Wollet ihr mich hören, so
sollet ihr gerettet sein; wo aber nicht, so habe ich auch die Macht, euch
jählings dahin zu werfen, wo für euch der rechte Platz vom Herrn aus bestimmt
ist.
[GS.01_068,28] Sehet, der Mönch fängt an,
gewaltig zu stutzen und weiß sich nun nicht mehr zu raten und zu helfen. Daher
kehrt er um und zieht sich erschrocken zu seiner Gesellschaft zurück. Ziehen
daher auch wir ihm nach, auf daß ihr dort selbst sehet, wie sich dergleichen
Irrtümer in der geistigen Welt arten.
69. Kapitel – Die Augustinermönche in
Beratung.
[GS.01_069,01] Sehet, er geht dort in eine
bedeutend große Halle und wie ihr bemerket, so kommt ihm auch schon eine Menge
Mönchsbrüder entgegen. Mehrere fragen ihn, unser ansichtig, wer wir seien und
was wir wollten? Und er (der Mönch) erwidert ihnen ganz verstohlen: Fraget
nicht, denn das sind schreckliche Wesen, welche durch eine sonderbare Zulassung
uns in unserer seligsten Ruhe gewaltigst stören wollen. Ob der Mittlere der
Luzifer selbst ist oder sein erster Helfershelfer, das weiß ich nicht. Aber so
viel ist gewiß, daß er allen meinen allerkräftigsten kirchlich exorzistischen
Mitteln Hohn sprach und mir noch obendrauf etwas umschriebenermaßen mit der
offenbaren Hölle drohte, so ich ihm nicht vermöchte buchstäblich aus der
Heiligen Schrift zu erweisen, daß Petrus die römische Kirche gegründet habe.
[GS.01_069,02] Ja, ich sage euch, ich habe
alle meine Weisheit zusammengesucht und ihm die kräftigsten Beweise dafür
geliefert. Allein sie waren gegen seine Schlauheit gerade so wenig stichhaltig
und wirkend, als da wirksam wäre ein Tropfen Wasser bei Löschung eines
Hausbrandes. Was kann man da noch sagen, wenn man einem aus der Schrift beinahe
auf ein Haar beweist, daß, wenn die römische Kirche in ihrer bestehenden
Ordnung vom hl. Geiste geleitet und erhalten wird, Christus entweder ein Lügner
oder ein Wesen war, wennschon der Gottheit entstammend, so aber doch in einer
solchen Unvollkommenheit, daß eben dieser Seiner Unvollkommenheit zufolge nun
die Gottheit für notwendig erschaut, allgewaltige Verbesserungen in der von
Christo gegründeten Lehre nachträglich durch den hl. Geist anzuordnen?
[GS.01_069,03] Kurz und gut, er beweist auf
ein Haar, daß bei der gegenwärtig bestehenden kirchlichen Ordnung entweder die
Lehre Christi vollkommen göttlichen Ursprungs ist, und unsere Kirche daneben
nichts sei als ein eigenmächtiges allerfinsterstes Heidentum; ist aber unsere
Kirche rechter Dinge, so ist Christus soviel wie nichts, und ist Christus
nichts, so fällt dieses Nichts auch auf unsere Kirche. – Da habt ihr das
Entsetzliche!
[GS.01_069,04] Wenn wir hier in diesem Reiche
nur die heilige Inquisition hätten und könnten solch ketzerische Geister wie
die leiblichen Menschen auf der Erde peinigen, wir wollten ihnen schon ihre
Ketzerei so heiß machen, daß sich die unterste Hölle dagegen schämen müßte. Was
ist aber hier zu tun, wo man keine Gewalt mehr hat? Man muß hier im
buchstäblichen Sinne solch ein entsetzliches Kreuz auf den Rücken nehmen und
Christo ganz geduldig nachfolgen.
[GS.01_069,05] Sehet, er bewegt sich mit
seinen Helfershelfern schon in den Saal herein. Ich kann euch keinen andern Rat
geben als bei jeglichem seiner Worte ein heimliches Kreuz zu machen, nichts zu
reden und ihm ja auf keine Frage die allerleiseste Antwort zu geben. Fliehen
wir daher hinter unser Refektorialkruzifix und verhalten wir uns dort ganz
ruhig! Einer stelle sich hinter das Kreuz und mache, daß dem Gekreuzigten
Blutstropfen aus den Wunden träufeln, und dieser höllische Gast wird uns sicher
nichts anhaben können.
[GS.01_069,06] Sehet, das ganze Gremium, etwa
fünfhundert Köpfe stark, zieht sich hinter das Kruzifix und soeben fängt auch
das Blut aus den Wunden des gekreuzigten Christusbildnisses förmlich zu fließen
an. Die Mönche verhalten sich, als schliefen sie, und unser
Haupturteilssprecher befindet sich am meisten im Hintergrunde.
[GS.01_069,07] Ihr fraget mich wohl und
saget: Lieber Freund, wie es uns vorkommt, so wird da wohl jede Mühe und Arbeit
vergeblich sein, ja wir sind sehr stark der Meinung, daß diese sogar der
bemooste Sandboden im äußersten stockfinsteren Abende nicht zurechtbringen
wird. Es ist geradezu entsetzlich, wie diese Wesen die allertriftigsten Worte
des Herrn als Worte des Satans betrachten. Ja, da mag der Herr persönlich erscheinen
und gegen ihren Unsinn ihnen predigen, so werden sie Ihn für nichts anderes
halten, als für was sie dich halten. Und wird Er ihnen durch Wunderwerke die
Wahrheit Seines Wesens bezeugen, so werden sie ebensogut wie die Pharisäer
sagen: Er wirkt alles dieses durch der Teufel Obersten.
[GS.01_069,08] Ja, meine lieben Freunde, eure
Anmerkung ist ganz richtig, und es verhält sich im Ernste mit diesen Wesen
also, wie ihr ausgesagt habt. Aber solches ist auch wahr, daß dem Herrn gar
unendlich vieles möglich ist, wovon sich all unsere Weisheit nichts einfallen
lassen kann. Und so werden wir denn auch hier einige Experimente machen, und es
wird sich darauf bald zeigen, was sie bei diesen Wesen für Wirkungen
hervorbringen werden. Dieses Trugkruzifix ist ein Hauptstützpunkt und eine
Hauptschutzwehr für ihren Unsinn. Dieses wollen wir zuerst angreifen, es
niederreißen und unter unseren Füßen vernichten.
[GS.01_069,09] Und so denn nähern wir uns
demselben. Sehet, der Blutmaschinist weicht schon bei unserer Annäherung zurück
und ich sage: Du Trugbild, das da hervorgegangen ist aus der lange anhaltenden
falschen Begründung dieser Wesen, werde zunichte! Denn einen größeren Greuel
gibt es vor den Augen des Herrn nicht, als ein solches auf Ihn Bezug habende
Trugbild, durch welches tausend und tausend Menschenherzen mit dem
allerfinstersten Wahne und mit dem scheußlichsten Unrate des Todes erfüllt
werden.
[GS.01_069,10] Sehet, das Kruzifix liegt
schon völlig vernichtet wie eine schmutzige Spreu auf dem Boden, und die stummen
Mönche fangen einer nach dem andern an, sich zu erheben. Aus jedem Antlitze
sprühen uns Wut und Grimm entgegen, aber dennoch getraut sich keiner, seine
Hand an uns zu legen. Es will auch niemand ein Wort sprechen; dafür aber will
ich ein Wort an den im Hintergrunde befindlichen, uns schon bekannten Mönch
richten. Und ich spreche nun zu ihm:
[GS.01_069,11] Höre, du finsterer Geist im
Hintergrunde! Trete hervor und gebe mir auf meine dir im Tempel gegebene Frage
Antwort! Der Mönch tritt, von großer Furcht gepeitscht, hervor und will statt
der Antwort mit einem Fluche ob der Vernichtung des Kruzifixes entgegenkommen.
Aber nun sehet, gerade vor ihm macht der Boden eine klafterweite Spalte, und er
sieht hinab zur Hölle. Ich spreche zu ihm: Siehe, du finsterer Geist, das ist
dein Christentum; was du hier siehst, dessen ist dein Herz voll.
[GS.01_069,12] Anstelle der über alles
sanften Liebe Christi, die noch am Kreuze blutend für die Täter des Übels den
Vater in Sich um Vergebung bat, habt ihr nichts als Haß, Sektenwut, Verdammnis,
Gericht und Feuer in euch und seid dadurch der Grundlehre Christi als die
entschiedensten Antichristen schnurstraks entgegen. Ihr nehmet allen euren
Bekennern des Lebens letzten Tropfen und erfüllet ihre Herzen dafür mit dem
Tode.
[GS.01_069,13] Statt des lebendigen Brotes,
welches ist das wahrhaftige lebendige Wort Gottes, gebet ihr ihnen glühende
Steine zu verzehren, damit alle, gleich euch, voll Rache, Zorn, Wut, Gericht
und Verdammnis werden gegen alle jene, die der Vater Selbst hat ziehen und
lehren wollen. Ja, ihr machet euch kein Gewissen daraus, um euren herrsch- und
gewinnsüchtigen Völkerdruck zu bekräftigen, das Wort Gottes soviel als nur
immer möglich aus der Gemeinde zu verbannen und einen allfälligen Besitzer
desselben sogar mit dem Ketzerfluche zu belegen und ihn zu verdammen. Anstatt
des Wortes Gottes aber speiset ihr das Volk mit eurem Eigennutze, mit eurer
Herrschsucht, und euer Wahlspruch ist, jeden Funken besseren Lichtes dem Volke
fernzuhalten, während doch Christus, der Herr, ausdrücklich gesagt hat: „Seid
vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist!“
[GS.01_069,14] Was soll ich mit euch machen?
– Ihr, die ihr die Herde des Herrn hättet weiden sollen, habt euch, den Wolf
scheuend, in eine siebenfache Mauer verkrochen und machtet am Ende statt
getreuer Hirten selbst Wölfe aus dieser eurer Schlucht. Und draußen stehen
viele Tausende und tausendmal Tausende, die die Härte eurer Wolfszähne
geschmeckt haben und euch laut schreiend anklagen vor dem Richterstuhle Christi.
[GS.01_069,15] Was soll ich mit euch machen,
die ihr allzeit das Wort Gottes mit Füßen getreten habt, weil es nicht taugte
für eure unersättliche Herrsch- und Gewinnsucht? Was soll ich mit euch machen,
die ihr, dreist genug, vor dem Volke zu behaupten wagtet und sagtet: Die Erde
liegt zu unseren Füßen und Gott tragen wir in unseren Händen?! Ich sage euch:
Ein nachteiligeres Zeugnis und zugleich ein treffenderes hättet ihr nimmer
erfinden können als eben dieses. Denn fürwahr, ihr habt die Völker samt den
gesalbten Kaisern und Königen, wo es sich nur immer hat tun lassen, noch
allzeit mit euren herrschsüchtigen und gewinnlustigen Füßen getreten, und mit
Gott in euren Händen triebet ihr Handel wie mit einer schlechten Ware. Aber
dafür waren eure Herzen allezeit ledig dessen, was Gottes ist, und waren dafür
allzeit mit dem erfüllt, was du, finsterer Geist, nun durch die gähnende Kluft
zu deinen Füßen erschauest.
[GS.01_069,16] Was soll ich nun mit euch
machen? Fraget mich, wer ich bin, und ich werde euch antworten und sagen: Ich
bin ein rechter Apostel des Herrn und bin hierhergesandt, daß ich euch erwecken
möchte in Seinem Namen. Wie aber soll ich euch erwecken, da ihr voll seid des
ewigen Gerichtes? Also frage ich euch noch einmal: Was wollt ihr tun? – Redet,
oder dieser Abgrund verschlinge euch!
[GS.01_069,17] Höret nun, unser Mönch spricht
und sagt: Im Namen aller dieser meiner Brüder bitte ich dich, wer du auch immer
sein magst, daß du uns verschonen möchtest mit dieser deiner harten Prüfung.
Sind wir nach der Lehre Christi unseres Herrn wahrhaftige Betrüger geworden, so
waren wir es ja doch nicht eigenmächtig, sondern wir mußten sein, wie wir sind,
und niemand aus uns durfte anders reden und handeln, als wie es ihm zu reden
und zu handeln gestattet war von der Kirche. Waren wir Wölfe, so mußten wir es
sein; und so, wenn du im Ernste ein höherer Bote sein solltest, wirst du es ja
auch wohl wissen, wie es mit uns stand und noch steht. Wir sind hier noch
ebenso gefangen wie auf der Welt. Daher, wenn es dir möglich ist, mache uns
frei, und wir wollen ja auch das reine Wort Christi ergreifen! Aber nur
verdecke diesen entsetzlichen Abgrund vor uns.
[GS.01_069,18] Spreche ich zu ihnen: Willst
du über diese Kluft, so mußt du im Geiste und in der Wahrheit das in dir ersticken,
was du da vor dir siehst in dem Abgrunde, denn solches ist eine Erscheinung
gleich dem, was du selbst im eigenen Herzen birgst. Daher erforsche dich, und
ihr alle, die ihr hier seid, tut dasselbe. Erwachet aus eurem Todesschlafe,
damit ich, wenn ich wiederkomme, euch gereinigt finde und lebendig, um euch zu
führen aus diesem eurem Gefängnisse des Todes! – Es gibt aber in diesem Kloster
noch mehrere, diese muß ich auch noch zuvor ermahnen; und wenn sie sich werden
gefunden haben, dann erst will ich wiederkommen und euch vorzeichnen einen
neuen Weg im Namen des Herrn. – Sehet, wie sie nun zu jammern und zu heulen
anfangen. Wir aber wollen solches nicht anhören, sondern uns sogleich zu den
„Paradiesmönchen“ begeben.
70. Kapitel – Bei den paradiesischen
Augustinern.
[GS.01_070,01] Sehet, da gegenüber, diesem
großen Klosterhof entlang führt eine offenstehende Pforte in einen ziemlich
großen Garten. Dahin wollen wir gehen und beschauen, was sich in dem Garten
alles vorfindet. Nun, der Garten liegt schon vor unseren Augen ausgebreitet.
Wie gefällt er euch? Ihr saget: Lieber Freund, fürwahr, man müßte ein Feind
aller höheren Ästhetik sein, wenn man an diesem Garten kein Wohlgefallen fände.
Diese herrlichen Arkaden längs den hohen Gartenmauern, die Wasserkünste, die
herrlichen Säulentempel und dann die vielen prachtvollsten Blumen, und ebenso
auch die Obstbäume in der schönsten Ordnung angebracht, – man muß wirklich
sagen, da sind Kunst und höherer Geschmack vereinigt. Die Natur steht
allenthalben wohlberechnet im schönsten harmonischen Einklange mit der Kunst.
Dort erhebt sich über die Gartenmauer ein überaus herrlicher Palast, welcher,
was seine Pracht betrifft, im Ernste nichts zu wünschen übrig läßt. Wir sind
der Meinung, wenn die irgend in diesem Garten wohnenden Geister nur
einigermaßen dieser prachtvollen Ausstattung entsprechen, so müssen sie an und
für sich noch immer einen noch nicht ganz verdorbenen Sinn haben. Ja, ich sage
euch, meine lieben Freunde und Brüder, also sieht es wohl aus; aber nur müßt
ihr folgende Regel nie dabei vergessen:
[GS.01_070,02] Wo unter Menschen viel Pracht
ist, da ist auch viel Verschwendung, wo viel Verschwendung ist, da ist viel
Herrschsucht darunter, wo viel Herrschsucht, da ist viel Eigenliebe, wo viel
Eigenliebe, da ist viel Eigennutz; und daher ist die äußere Pracht nie ein
günstiges Zeichen für den, der ihr zugetan ist. – Sehet nur einmal auf eure
Erde zurück. Wer wohnt in den großen, prachtvollen Palästen? – Selten ein
anderer als ein Reicher und Mächtiger. Wem nützt diese Pracht? Niemandem außer
nur dem Inhaber selbst. Wie nützt sie ihm denn? Sie nützt ihm mehrfach. Fürs
erste ist sie ein Aushängeschild entweder von seiner Wohlhabenheit oder von
seiner staatlichen Macht, stimmt die andere vorüberziehende Menschheit zu
Ehrfurcht und macht sie schüchtern, daß sie sich nicht leichtlich getraut, sich
solch einer großartigen Prachtwohnung in was immer für einer Angelegenheit zu
nahen. Fürs zweite hält solche Pracht die arme Menschheit fortwährend ab, sich
dem Inhaber zu nahen und sich von ihm irgendeine milde Gabe zu erbitten. Und
fürs dritte ist solch eine Pracht eine unversiegbare Quelle zur beständigen
Ernährung des Hochmutes und dadurch auch der fortwährenden Verachtung der armen
Menschenklasse. So ist auch solche Pracht das beste Mittel, die arme Menschheit
fortwährend in der gehörigen Blindheit zu erhalten.
[GS.01_070,03] Ihr fraget, warum? – Weil der
einfache Landmensch die Inhaber einer so großen Pracht für Wesen höherer Art
hält. Er kann sich beim Anblicke einer solchen Prachtgröße dieses Gefühles
nicht erwehren. Ja, ich muß euch sagen: Wäre der Petersdom und der päpstliche
Vatikan nicht in einer beinahe die meisten menschlichen Begriffe übersteigenden
Pracht und Größe erbaut, so würden gar manche sich keine so große Gnade daraus
machen, zum Pantoffelkusse des Papstes allergnädigst zugelassen zu werden. Die
blinden Ablässe, aus einer Bauernhütte gereicht, hätten nie diese einträgliche
Wirkung zuwege gebracht, als aus der irdisch wundervollen Pracht des Vatikans.
– Ihr habt aber noch allzeit gesehen, daß was immer für eine Religion, wenn sie
ins äußere Materielle überging, sich durch die äußere Pracht aufzuhelfen
anfing, um noch eine Zeitlang die Blindheit der Menschen sich zum Nutzen machen
zu können. Es läßt sich aber daneben fragen, ob solche Blendung der Menschheit
je etwas genützt hat?
[GS.01_070,04] Selbst der Tempel Salomons war
im Grunde nichts anderes als ein stummer Prophet, der durch sein Dasein von
Salomons Zeiten her dem ganzen israelitischen Volke zeigte, wie es selbst vom
Geistigen ins Materielle übergegangen ist, und wie am Ende im ganzen Tempel
nichts Gutes und Wahres mehr anzutreffen war, und der Herr den Juden selbst vom
Tempel das Zeugnis gab, daß sie das Bethaus zu einer Mördergrube gemacht haben!
Ja, in diesem Tempel sind Greuel ohne Namen verübt worden. Und so weit wurden
die Menschen durch den Tempel geblendet, daß sie den Herrn der Herrlichkeit
nicht erkannt haben und haben sogar im Tempel Seine Kreuzigung beschlossen. –
Auch der Judas ist im Tempel mit dem Gelde ausbezahlt worden und warf am Ende
selbst dieses Blutgeld wieder in den Tempel zurück, zu einem großen Zeugnisse,
daß der Tempel schon von jeher eine Mördergrube des Geistes Gottes war.
[GS.01_070,05] Wenn ihr dieses Gesagte ein
wenig betrachtet, so wird euch diese Pracht eben nicht in einem zu günstigen
Lichte erscheinen; und wie es sich mit ihr verhält, davon werden wir bei der
Annäherung an den ersten Gartentempel sogleich eine kleine Kostprobe bekommen.
[GS.01_070,06] Da sehet nur einmal hin, es
kommen uns schon zwei weißgekleidete Mönche entgegen. Ihr fraget: Sind das etwa
gar Dominikaner oder Zisterzienser? O nein, meine lieben Freunde und Brüder,
das sind bloß paradiesische Augustiner, denn im Paradiese ziehen sie die
schwarzen Kutten aus und legen dafür weiße an. – Was seht ihr denn so
aufmerksam hin dort gegen den Palast? Ich weiß schon, was euch in die Augen
fällt: die dort herumspringenden Engel mit über den Schultern angebrachten
Flügelpaaren, aus weißen Federn verfertiget. Ihr fraget freilich, ob sie wohl
auch auffliegen können? O nein, das können sie durchaus nicht, denn die Flügel
sind ihnen nicht gewachsen, sondern nur, wie ihr zu sagen pfleget, theatralisch
künstlich angesetzt. Das Springen soll die Lebhaftigkeit dieser Engel darstellen,
und wie dieselben bereit sind, diesen Paradiesbewohnern auf den leisesten Wink
zu dienen. Sehet, es rennt auch schon ein halbes Dutzend den zwei auf uns
zugehenden Paradiesbewohnern nach; und ihr werdet bald sehen, daß dieses
Paradieses Engel sogar mit Knitteln und Säbeln versehen sind, um allfällige
ungebetene Gäste auf eine eben nicht sehr paradiesische Weise aus diesem
Paradiese zu treiben.
[GS.01_070,07] Ihr fraget, wer denn solche
Engel auf der Erde waren? Habt ihr noch nie etwas von den sogenannten
Laienbrüdern gehört, besser gesagt: klösterliche Hausknechte? Auch hier sind
sie dienstbare Geister des Klosters. Damit ihnen aber ihr Dienst besser
gefällt, so werden sie als Engel angezogen. Solches rührt alles von der
fälschlichen Begründung her, in welcher dergleichen Menschen das Zeitliche mit
dem Ewigen vertauscht haben. Die große Liebe und Erbarmung des Herrn aber
beläßt diese Wesen so lange in solcher Begründung, solange sie nicht leise in
sich angefangen haben, innezuwerden, daß es mit dergleichen Situationen sicher
irgendeinen fatalen Umstand haben muß, weil sie sich fürs erste mit all diesen
schönen Früchten nie vollkommen satt essen können. Es kommt ihnen das Essen und
Trinken beinahe so vor, als wenn sie im Traume äßen und tränken. Fürs zweite
sehen sie hier über ihnen wohl fortwährend weiße Wolken ziehen; woher aber
diese Wolken das Licht haben, können sie nicht erschauen. Und fürs dritte fällt
es ihnen mit der Zeit auf, daß sie, wohl wissend, in der geistigen Welt zu
sein, nirgends einen Heiligen, auch nicht die Mutter Gottes, Maria, also auch
keinen Petrus und keinen Erzengel Michael zu Gesichte bekommen. Ein vierter für
sie sehr fataler Umstand ist noch dieser, daß, so sie über diese Gartenmauer,
welche gewöhnlich mit Leitern erstiegen wird, hinwegschauen, sie nichts als
unfruchtbare Steppen erschauen, und allein nur ihr Garten fruchtbringend ist.
Fünftens ist auch dieser Umstand für sie nach und nach erwecklich wirkend, daß
ihre Klosterkirche außer von ihnen von niemand anderem besucht wird. – Und so
gibt es noch mehrere solcher Stupfmittel, durch welche der Geist aufmerksam
gemacht werden kann, daß es mit seinem Paradiese irgendein sogenanntes nisi
haben muß.
[GS.01_070,08] Diese Paradiesbewohner haben
wohl noch den Klosterhimmel vor sich, den wir erst später kennenlernen werden,
aber der Himmel hat noch bedeutende Bedenklichkeiten. Daher müssen diese
Himmelsbewohner auch sehr politisch sein und die Mißlichkeit des Himmels so
geheim als möglich halten, denn sonst würde es mit dem Paradiese, das auch für
den Himmel sorgen muß, bald gar kläglich aussehen, und unsere munteren Engel
würden den bedeutend großen Garten nicht mehr bearbeiten. Denn das müßt ihr
wissen, daß der Herr solches aus gutem Grunde zuläßt, daß diese Menschengeister
hier so gut wie auf der Erde mit dem Fleiße ihrer Hände und im Schweiße ihres
Angesichtes sich das Brot erwerben müssen. Sie müssen also arbeiten, wenn sie
etwas essen wollen.
[GS.01_070,09] Doch sehet, unsere
Paradiesbewohner nähern sich uns. Daher sind wir nun stille, und ihr habet acht
auf den Empfang! Sehet, soeben winkt ein Paradiesmann zweien mit Knitteln
versehenen Engeln, sich an seine Seite zu begeben, damit er sich uns unter
sicherem Geleite nahe. Der andere Paradiesmann macht mit vier besäbelten Engeln
den nachtrabenden Schutz für den Vortrab, sollte derselbe etwa zu schwach gegen
den Feind sein.
[GS.01_070,10] Nun, der erste Paradiesmann
öffnet schon seinen Mund und fragt uns: Wo kommt ihr her, von oben oder von
unten? Sage ich: von oben. Er fragt uns: Wo ist oben? Ich zeige ihm mit der
Hand auf die Brust und sage: Dahier im Herzen, in der alleinigen Liebe zum
Herrn, ist von oben! Er spricht: Was schwätzest du für ein albernes Zeug? Weißt
du nicht, wo der Himmel ist, und weißt du nicht, daß du dich hier im Paradiese
Gottes befindest? Sage ich zu ihm: Ich weiß, wo der Himmel ist und kenne sehr
wohl das Paradies. Aber dieses Paradies hier und deinen Himmel erkenne ich
nicht an als ein Paradies und als einen Himmel, sondern ich erkenne solches nur
nach der Wahrheit, und in dieser ist dieser Himmel und dieses Paradies nichts
als eine Ausgeburt deiner und eurer allerweltlichen Torheit. Er spricht: Was
ist das für eine Rede! So reden die, welche von oben kommen? Nein, warte du nur
ein wenig, wir werden dir ganz handgreiflich zeigen, wo es unten ist. Kommet
her, ihr Engel Gottes, und nehmet sogleich diese drei höllischen
Galgenschlingel in den sicheren Empfang und bringet sie dorthin, ihr wißt
schon, welchen Ort ich meine, nämlich in die Schule, wo sie das Oben und Unten
sollen unterscheiden lernen.
[GS.01_070,11] Sehet, „die Engel“ umfangen
uns, und wir wollen uns diesmal nicht wehren, sondern uns von ihnen einführen
lassen. Erst wenn sie über uns ein ganz menschenfreundliches Urteil werden
geschöpft haben, werden wir uns ein wenig zu rühren anfangen, denn solches
alles gehört zur Sache. Ihr würdet ohne dies keine vollkommene Kenntnis von
dieser geistigen Situation haben, und diesen Geistern könnten wir auf einem
andern Wege nicht leichtlich beikommen und sie dann, zu ihrem eigenen Besten,
ihres Wahnes überführen. Daher lassen wir uns, wie gesagt, unterdessen nur ganz
gutmütig einführen, damit ihr daraus auch ersehet, auf welch endlos
mannigfaltige Weise der Herr Seine Diener fortwährend liebersprießlich zu beschäftigen
weiß.
71. Kapitel – In scheinbarer Gefangenschaft
der paradiesischen Augustiner. Ihr Zweifel an der Richtigkeit ihrer Handlungen.
[GS.01_071,01] Die zwei himmlischen Mönche
(denn ihr müsset solches verstehen, daß „himmlisch“ hier soviel als „im
Paradiese seiend“ bezeichnet) gehen voraus, und die Engel gehen mit Knitteln
und Säbeln hinter uns einher. Ihr fraget, wohin sie uns etwa führen werden?
Sehet nur dort ziemlich gegen Norden hin, in der Ecke der großen Gartenmauer
ist ein schmutziger Turm, versehen mit einer schwarzen Türe. Dort werden sie
uns hineinpraktizieren. Was da ferner geschehen wird, wird die eigene Erfahrung
lehren. Höret aber unterwegs ein wenig zu, worüber sich die zwei Paradiesmönche
besprechen.
[GS.01_071,02] Der eine sagt soeben: Was
meinst du, wenn diese drei Vagabunden etwa doch Abgesandte wären von
irgendeinem besseren Orte als da dieser ist, in welchem wir uns nie satt essen
können, sollte man in diesem Falle sie nicht hören und sich näher erkundigen,
woher sie so ganz eigentlich sind? Denn unsere Frage, die wir an sie gerichtet
haben, ob sie gekommen sind von oben oder von unten, war zu vorschnell. Wir
sind, wie man zu sagen pflegt, mit der Tür ins Haus gefallen. Ich setze den
Fall, sie wären im Ernste von oben, und wir würden hier in diesem Paradiese
höchst unparadiesisch mit ihnen verfahren, so könnte uns so etwas sehr teuer zu
stehen kommen. Meine Meinung wäre demnach diese: anstatt sie in den Zwangsturm
zu treiben, sie lieber dort gegen Mittag hin in den Freiheitsturm zu bringen,
der nach außen überall offen steht und nur nach innen verschlossen ist.
[GS.01_071,03] Der andere spricht: Lieber
Freund und Bruder, ich meine doch, du wirst hier im Paradiese nicht gar ein
Ketzer werden wollen. Wir wissen wohl, daß der Herr auf der Erde ohne
Herrlichkeit gewandelt ist, auch war solches der Fall mit den ersten Verkündern
und Ausbreitern Seiner Lehre. Du weißt aber ja, daß in jener Zeit die Kirche
des Herrn eine dürftige und leidende war. Nach der großen Kirchenversammlung zu
Nizäa aber hat sie über alle Heiden im weiten Umkreise gesiegt. Daher hat sie
denn auch aufgehört, eine dürftige und leidende zu sein und ward dafür eine
triumphierende, eine reiche Kirche, ja eine Kirche voll Glanz, Herrlichkeit,
Ansehen, Macht und Gewalt.
[GS.01_071,04] Wenn der Herr auf der Erde
Seine Kirche und Seine Diener mit solcher Herrlichkeit ausstattet, um wieviel
mehr wird Er solches hier im Reiche der seligen Geister tun. Wenn Er demnach
höhere Boten zu uns senden wird, da kannst du ja doch mit der größten
Zuversicht erwarten, daß dergleichen Boten nicht in der Gestalt solcher
wahrhaftiger Gassenreißer erscheinen werden, sondern mit großer Pracht und
himmlischer Majestät. Denn es heißt ja in der Schrift, daß der Herr mit großer
Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels einherziehen wird. Wie
sollten demnach solche Gassenreißer Abgesandte Gottes sein? Verkappte Boten der
Hölle, ja, aber nicht höhere Boten des Himmels. Daher nur rechts hinüber in den
Zwangsturm mit ihnen, der da gebaut ist aus lauter hochgeweihten Steinen, und
es wird sich sogleich zeigen, wessen Geistes Kinder sie sind; denn solch ein
geweihter Stein soll den Teufel ums Tausendfache ärger brennen, denn die
unterste Hölle.
[GS.01_071,05] Der Erstere erwidert: Gut, tue
du, was du willst, ich aber bleibe bei meiner Idee. Wenn es am Ende schief
aussehen wird, da kannst du alles auf dich nehmen. Und so denn mache, was du willst,
ich will dir in deinem Plane nicht hinderlich sein. Siehe, der Turm befindet
sich schon in unserer Nähe. Hier übergebe ich dir den Schlüssel, denn an dieser
Expedition will ich durchaus keinen Teil haben. Ich aber habe bei mir es schon
einigemal erwogen, daß wir in unserer römischen Kirche mit dem Verdammen
allzeit eher fertig sind als mit dem Segnen. Und da denke ich so manchesmal bei
mir an den Text des Herrn, da Er Seine Apostel und Jünger vor dem Verdammen und
Richten auf das eindringlichste gewarnt hat.
[GS.01_071,06] Aus dem Grunde habe ich mir
denn auch heimlich vorgenommen, niemanden mehr zu verdammen und zu richten. Und
so will ich auch solche Vornahme an diesen dreien für mich vollkommen geltend
machen und sage dir daher nocheinmal: Tue du, was du willst; ich aber will
durchaus keinen Anteil an deiner Handlungsweise haben.
[GS.01_071,07] Der andere spricht: Also
übernehme ich den Schlüssel und will üben die göttliche Gerechtigkeit; denn
groß ist die Liebe des Herrn, aber Seine Gerechtigkeit steht über derselben und
fordert sogar das Blut des Sohnes Gottes. Daher laß mich die Gerechtigkeit
pflegen!
[GS.01_071,08] Der erstere erwidert dem
Gerechtigkeitspfleger kurz: Ich meines Teils weiß aus der Schrift, daß der Herr
den Aposteln und den Jüngern kein anderes Gebot denn das der Liebe gab. Auch
weiß ich, daß der Herr einmal einen ungerechten Haushalter zum
nachahmungswürdigen Beispiel anführte, auch spricht Er einmal, daß Er über
einen reumütigen Sünder mehr Freude hat denn über 99 Gerechte. Daneben aber
weiß ich mich durchaus keines so gewichtigen Textes zu entsinnen, in welchem
der Herr die strenge Gerechtigkeit so recht evident herausgestrichen hätte. Die
Szene entscheidet sich am Ende rechtfertigend für den Zöllner, und der
gesetzgerechte Pharisäer wird getadelt! Wenn ich solches bedenke, da hat die zu
schroffe Gerechtigkeit von unserer Seite sehr viel verloren in meinem Gemüte.
Übrigens, wie gesagt, tue, was du willst. Der Turm ist hier, die drei sind auch
hier. Den Schlüssel hast du in deiner Hand, somit trete ich zurück.
72. Kapitel – Heikle Fragen – Ehrliche
Antwort.
[GS.01_072,01] Sehet, der mit dem Schlüssel
versehene Mönchsgeist als Einwohner dieses himmlischen Paradieses öffnet die
Türe und weiset uns, hineinzugehen. Was meint ihr wohl, sollen wir dieser
Weisung folgen oder nicht? So mancher Katholik würde sagen, der Gehorsam
fordere solches. Allein, weil ein anderer Grundsatz so lautet, daß man Gott
mehr denn den Menschen gehorchen muß, so werden wir auch hier der Weisung nicht
folgen, sondern fein draußen bleiben. Und ich werde mir noch obendrauf die
Freiheit nehmen, diesen Turm durch eine leise Berührung mit meiner rechten Hand
augenblicklich in den nichtigsten Staub zu verwandeln. Aber da der
Schlüsselinhaber mit folgenden Worten uns droht: Wenn ihr euch nicht
augenblicklich hineinbegebet, da will ich sogleich gewaltsame Hand an euch
legen lassen, – so müssen wir uns schon dem Turme nahen, und zwar so weit, daß
ich ihn mit meinem Finger werde erreichen können. – Nun sind wir am Turme, und
seht, er befindet sich nicht mehr!
[GS.01_072,02] Aber nun sehet auch unseren
Einsperrer an, was für ein erbärmlich erstauntes Gesicht er schneidet. Und der
andere, Bessergesinnte, naht sich ihm und spricht: Nun, mein lieber Bruder, was
sagst du denn zu dieser Erscheinung? Konnte der Teufel wohl so etwas zuwege
bringen? Der andere spricht: Ja, mein lieber Bruder, die Sache kommt mir
außerordentlich rätselhaft vor. Bis jetzt hat diesem Turme kein Satan etwas
anhaben können, ja, er stand da als eine wahrhaftig unüberwindliche Burg Gottes
und alle Ketzer und Diener des Teufels als Widersacher der alleinseligmachenden
Kirche haben darin ihr verdammliches Asyl gefunden. Noch nie hat es ein Teufel
gewagt, sich diesem Turme zu nahen. Und siehe da, dieser Frevler oder was er
ist, hat den Turm nur mit einem Finger berührt, und im Augenblicke war keine
Spur mehr vom Turme. Ich sehe nun kein anderes Mittel, als diese drei, so gut
es nur immer gehen kann, aus diesem heiligen Paradiese hinauszubringen, denn
sonst rührt er uns noch etwas anderes an und vernichtet es ebenso wie diesen
Turm.
[GS.01_072,03] Ich muß es wahrhaftig
bekennen, Gott der Herr ist fürwahr ein rätselhaftes Wesen; und wenn man
glaubt, das Beste getan zu haben, so macht Er solches alles sobald zuschanden.
So hat Er eine Kirche um die andere gegründet, und wenn sich eine Kirche recht
ausgebildet hat, um so, wie man zu sagen pflegt, an dem Schnürl Gott zu dienen,
da kommt Er und schneidet gleich einer heidnischen Parze das Schnürl mitten
auseinander und der ganze kirchliche Plunder fällt über den Haufen und nichts
bleibt von ihm übrig als höchstens der Name, wie bei der Stadt Babylon, da man
nicht einmal den Ort ermitteln kann, wo einst diese große Weltstadt gestanden
ist. Ich, meiner Person nach will mit diesen drei Wesen nichts mehr zu schaffen
haben. Willst du dich noch ferner mit ihnen abgeben, so magst du es ja tun. Ob
du aber mit ihnen etwas ausrichten wirst, daran zweifle ich sehr. Meines
Erachtens wäre über diese Erscheinung wohl ein allgemeines Konzilium das beste
Mittel. Aber wie dasselbe zusammenberufen, solange diese drei da sind?
[GS.01_072,04] Der andere spricht: Ich meine,
solches wird nicht vonnöten sein, denn diese drei sind offenbar von oben, wozu
sollte da unser Konzilium gut sein? Sie werden unser Konzilium ebensogut
auseinanderstäuben wie den Turm. Das „von unten sein“ von seiten dieser drei
aber lassen wir für diesmal hübsch beiseite; denn es heißt, daß den Felsen oder
die Kirche Petri die höllischen Mächte nimmer überwinden sollen. Was käme aber
am Ende heraus, wenn wir in einem Konzilium das Urteil dahin leiten würden, daß
diese drei Abgesandte der Hölle sind und dennoch, trotz dem Zeugnisse Christi,
diesem Turme ein Ende gemacht haben? So würden wir dadurch nichts anderes
sagen, als daß unsere alleinig seligmachende Kirche durchaus nicht von Petro
und von Christo gegründet ist. Und dieses Zeugnis wäre doch sicher bei weitem
ärger als die ganze Zerstörung dieses Turmes. Bekennen wir aber im Gegenteile,
daß solches der Herr zufolge Seines unermeßlichen Ratschlusses an uns getan
hat, so schaden wir uns dadurch nicht im geringsten; denn dem Herrn steht es
frei, zu tun, was Er will, und alles, was Er tut, wird sicher wohlgetan sein.
[GS.01_072,05] Der Gegner spricht: Du hast
recht, und ich kann dir nichts dagegen einwenden. Aber was werden unsere
anderen seligen Brüder und die vielen dienstbaren Engel zu dieser Geschichte
sagen, wenn sie dieselbe erfahren werden? Daher dürfte es denn doch notwendig
sein, ihnen sobald die Nachricht davon zu erteilen, denn sonst werden wir in
einem sonderbaren Lichte vor ihnen erscheinen.
[GS.01_072,06] Der andere spricht: Da bin ich
wieder einer ganz anderen Meinung. Kümmern wir uns gar nicht um das, was unsere
Brüder sagen möchten, sondern lassen in Gottes Namen diese drei, solange sie
noch hier sind, machen, wie es ihnen gut dünkt, und wir waschen uns dabei die
Hände. Unsere Brüder aber sollen selbst einen Versuch machen, wie es sich tut,
gegen einen reißenden Gebirgsstrom zu schwimmen.
[GS.01_072,07] Nun rede ich zu dem bessern
Mönche und sage: Höre, lieber Freund, deine Rede ist mir nicht zuwider, und du
bist darum dem Reiche Gottes näher denn so mancher andere. Hast du auch wenig
Werke, die dir hierher gefolgt wären, so hast du aber dennoch um einen starken
Funken mehr Licht denn die anderen. Es soll dir darum hier Gelegenheit werden,
das Werktätige, das dir zum Reiche Gottes mangelt, einzuholen. Daher laß sobald
alle die Scheinseligen dieses Paradieses hier zusammenkommen.
[GS.01_072,08] Unser besserer Mönch spricht:
Liebe Freunde, solches kann hier alsogleich geschehen; denn durch einen Ruf und
Wink werden sobald alle sich hierherbegeben.
[GS.01_072,09] Spreche ich: Also mache den
Wink und laß den Ruf erschallen. Unser Mönch tut nun solches, und schon strömt
eine große Menge von allen Seiten herbei, und sehet, wie einige die Hände über
dem Kopf zusammenschlagen, da sie des Turmes nicht mehr ansichtig sind. Die
erste allgemeine Frage lautet: Um des dreieinigen Gottes willen, was ist denn
hier geschehen?! Welcher Frevler hat solches getan? Unser besserer Mönch
antwortet mit lauter Stimme und spricht: Höret, Brüder, ich sage euch, fraget
nicht darum, denn die drei Mächtigen stehen noch unter uns. Der Mittlere, den
wir verdammlichermaßen in den Turm sperren wollten, hat denselben kaum mit
einem Finger angerührt und schneller als da ist ein Augenblick, war der Turm
vernichtet. Wir wissen aber, daß die Macht des Satans solches nimmer verüben
kann; daher seid klug, damit uns nicht ein größeres Übel zuteil werde.
[GS.01_072,10] Sehet, ein oberster Vorsteher
dieses paradiesischen Mönchsgremiums nähert sich uns ganz furchtsam und stellt
die Frage an uns und spricht: Wir und alle guten Geister loben Gott den Herrn!
Wenn ihr ebenfalls gute Geister seid, so saget uns an euer Begehren.
[GS.01_072,11] Spreche ich: Siehe, mein
Begehren ist ein ganz einfaches und besteht in nichts anderem, als daß du mir
kundgeben sollest, bei welcher Gelegenheit Petrus die römische Kirche gestiftet
hat und bei welcher Gelegenheit das sämtliche Mönchswesen? Solches aber mußt du
mir aus der Schrift beweisen, denn ein jeder andere Beweis wird von mir
verworfen.
[GS.01_072,12] Nun sehet, wie dieser Prior
ein ganz erbärmliches Gesicht schneidet und sogleich heimlich ein Kreuz über
sein Gesicht macht und zu seinem Nachbarn heimlich spricht: Gott steh uns bei!
wir stehen im Angesichte der obersten höllischen Dreieinigkeit. Das ist der
Luzifer, der Satan und Leviathan! Solches ist sicher. Aber die Frage ist an uns
gestellt, was werden wir darauf antworten? Schweigen wir, so zerstört uns diese
Dreieinigkeit – Gott steh uns bei! – unser ganzes Kloster, unser Paradies und
unser Himmelreich und führt uns am Ende geradewegs in die Hölle! Antworten wir
ihm aber, so haben wir uns so gut als der Hölle verschrieben. Fürwahr, Gottes
Fügung nimmt in dieser Welt einen sonderbaren Zuschnitt, daß man nicht einmal
im Paradiese und im Himmel so recht weiß, wie man daran ist. Da ich aber aus
der Schrift der römischen Kirche apostolische Autorität durchaus nicht erweisen
kann, so wird es am besten sein, ich sage ihm, wie es auch wahr ist: Höre,
Freund, solches weiß ich nicht. Ich glaube wohl, daß die römische Kirche von
Petro gegründet ist, und ersah solches auch aus einer geschichtlichen
Tradition, derzufolge dieser Apostel etliche und zwanzig Jahre in Rom
zugebracht haben soll, ob aber solche Tradition authentisch ist oder nicht, das
wird der liebe Herrgott sicher besser wissen als ich.
[GS.01_072,13] Ich war einmal ein römischer
Katholik und glaubte, lehrte und handelte im Geiste dieser Kirche, und glaube
darum nicht gefehlt zu haben. Verhält sich aber die Sache anders, so magst du
uns selbst darüber berichten. Ich werde nicht abgeneigt sein, dich zu hören;
und so magst du reden. Bist du ein guter Geist, so wirst du nichts Böses
wollen, bist du aber ein böser Geist, da denke, daß Gott noch mächtiger ist als
du; und somit rede, was du zu reden hast. –
73. Kapitel – Eine Frage an den Prior des
Augustinerklosters.
[GS.01_073,01] Ich spreche zu ihm: Für diesen
Augenblick hast du dich vorteilhaft aus der Schlinge gezogen. Und da du selbst
eingestehst, auf meine Frage nichts antworten zu können, so will ich solche
Nichtantwort auch als Antwort ansehen. Nun aber habe acht, ich will dir eine
zweite Frage geben, vielleicht findest du auf diese eine Antwort in dir. Da du,
in der Schrift kundig, auch bei deinen Lebzeiten auf der Erde nicht hast
erfahren können, ob der Apostel Petrus je in Rom gelebt und die römische Kirche
gestiftet hat, so möchte ich aber dennoch von dir erfahren, aus welchem Grunde
dir bei deinen Lebzeiten eingefallen ist, dich emsigst um das klösterliche
Priorat zu bewerben? Und warum hast du dich, als du im Wege aller schlauen
Mittel dir das Priorat erschlichen hattest, sogar einige Male an das kirchliche
Oberhaupt gewendet, dich entweder zu einem Klostergeneral oder, wenn es möglich
wäre, zu einem Bischofe zu machen? – Siehe, das ist eine wichtige Frage, und du
wirst mir darauf eine Antwort geben können, da du solches alles an dir erfahren
hast und es dir auch noch ganz lebendig vor den Augen deiner Erinnerung
schwebt.
[GS.01_073,02] Nun sehet, unser
paradiesischer Primus macht ein ganz verdutztes Gesicht, sucht in allen seinen
Winkeln nach einer pfiffigen Antwort und findet, wie ihr leicht aus seiner
verlegenen Physiognomie entnehmen könnt, nichts dergleichen in sich, und er
fühlt sich sehr stark genötigt, nolens volens mit der Wahrheit hervorzutreten.
Wenn diese ihm auch allenfalls auf der Zunge solche Umstände machen sollte wie
eine allzuwarme Speise, so nützt solches dennoch nichts. Er entschließt sich
daher, die Wahrheit zu reden, folge darauf, was nur immer wolle.
[GS.01_073,03] Sehet, er öffnet den Mund; und
so höret denn, was er hervorbringen wird. Er (der Prior) spricht: Lieber
Freund, woher du auch immer sein magst, ich sage es dir offen, daß ich solches
alles im buchstäblichen Sinne meiner selbst willen getan habe. Und warum tat
ich solches? Weil ich bei der genauen Bekanntschaft mit den Grundsätzen der
römisch-katholischen Kirche gar zu gut erschaute, um was es sich in ihren
christlichen Theoremen so ganz eigentlich handle, nämlich um nichts anderes als
allein um die Weltherrschaft. Und um solche zu erlangen, muß man sich ein
Ansehen und durch das Ansehen Schätze und Reichtümer verschaffen können. Was
aber dabei das reine Christentum für ein Gesicht macht, um das, das wirst du
selber wissen, hat man sich in der römischen Kirche noch nie gekümmert.
[GS.01_073,04] Und wenn ich nicht irre,
dauert solch ein für das Christentum kümmerlicher Zustand in der römisch-katholischen
Kirche seit den Zeiten Karls des Großen, welcher meines Wissens den Bischof von
Rom mit einer Länderei beschenkte und aus ihm somit einen weltlichen Herrscher
machte.
[GS.01_073,05] Seit diesen Zeiten hat man das
Christentum in seiner reinen Sphäre, als zur kirchlichen Sache ganz unpassend,
nur im geheimen angesehen, weil es in seiner Echtheit dem weltlichen Ansehen
gerade entgegengesetzt ist, behielt darum bloß den Namen und modulierte dann
die Lehre also, daß sie sich mit dem weltlichen Ansehen notwendigerweise
vertragen mußte.
[GS.01_073,06] Ich muß dir noch dazu sagen,
daß ich mich nicht selten bei der heimlich näheren Betrachtung des Papsttums
ganz lebhaft des Daniel'schen Gottes „Mäusim“ erinnert habe, dem man Gold,
Silber und Edelsteine opfern, und in dem keine Frauenliebe sein wird. Aber was
nützte mir alle diese meine Betrachtung? Ich war einmal als ein dummer Ochse
ins Joch gespannt; wer hätte mich ausspannen sollen? Solches aber ist doch
sicher, daß die vorderen Ochsen am Wagen weniger zu ziehen haben, als die mehr
rückwärts am Wagen angespannt sind. Ich war froh, solches einzusehen. Darum
trachtete ich, in ein mehr vorderes Joch gesteckt zu werden und somit mehr ein
Parade- denn ein Zugochse zu sein. Hätte ich wohl anders handeln sollen?
[GS.01_073,07] Ich hätte wohl anders handeln
mögen, wenn mir nicht Gott eine so empfindsame Haut gegeben hätte. Aber zufolge
der außerordentlichen Empfindsamkeit meiner Haut und des stets aufgefrischten
Anblickes der vielen brennenden Scheiterhaufen machte ich den Klugen und tat im
Grunde garnichts. Ich dachte mir: Wahrhaft christlich Gutes zu tun im Sinne des
göttlichen Stifters ist bei solchen Umständen so gut wie rein unmöglich. Ich
tue daher lieber nichts, mache die äußere Dummheit, so gut es geht, mit, und
ich suchte dieselbe wo es sein konnte, wenigstens zu einem zeitlichen Vorteile
auszunützen. Ich wußte wohl, daß es gefehlt ist, wenn an der Lehre Christi
etwas Authentisches sein sollte, aber ich dachte wieder:
[GS.01_073,08] Wenn der Herr diese Lehre, wie
sie in den Evangelien steht, gegründet hat, so wird Er wohl auch Seine Gründe
haben, warum Er diese Seine einfache und höchst reine Lehre also hat ausarten
lassen! Dazu dachte ich noch öfter an Paulus, der seine Gemeinden aufgefordert
hatte, der weltlichen Macht untertan zu sein, ob sie gut oder böse ist; denn es
besteht nirgends eine Macht, sie sei denn von Gott. Ist es demnach unrecht, was
diese Kirchenoberhäupter tun, so mögen sie es einst verantworten. Ich aber
werde tun, was einst Pontius Pilatus getan hat, da er die Kreuzigung Christi
nicht hintertreiben konnte, und der Herr, als das allervollkommenste Wesen,
wird es sicher auch einsehen, daß unsereiner mit der allerbeschränktesten Macht
nicht gegen den allgemeinen Weltstrom zu schwimmen vermag.
[GS.01_073,09] Siehe nun, lieber Freund,
woher du auch immer sein magst, das ist die Antwort auf deine Frage; und du
kannst mir jetzt auf der Stelle die Haut abziehen, so wirst du keine andere aus
mir bekommen können.
[GS.01_073,10] Nun spreche ich: Gut, mein
lieber Freund, du hast nichts zurückbehalten, sondern mir im Ernste alles
kundgegeben, was du deiner Erinnerung zufolge in dir gefunden hast. Aber ich
möchte von dir noch erfahren, aus welchem Grunde du hernach in dieses Paradies
gekommen bist? Denn wenn du in dir von der totalen Fehlbarkeit der römischen
Kirche, nach deiner Äußerung, überzeugt warst, so mußtest du ja doch auch
überzeugt sein, daß ihre Lehre über das Fortleben der Seele nach dem Tode
ebenso falsch sein muß wie alles andere. Dazu muß ich dir noch sagen, daß aus
eben der katholischen Kirche gar viele hier angelangt sind, die dennoch alsbald
in das wahre Reich Gottes gelangten, – und noch muß ich dir bemerken: wenn sich
die katholische Kirche auch in einem völligen Widerchristentume befand, so weiß
ich mich aber doch nicht zu entsinnen, ob sie die Nächstenliebe und die Demut
je untersagt hat. Daher möchte ich von dir noch erfahren, wie es demnach kam,
daß du, wie schon vorhin bemerkt, in dieses Paradies gekommen bist?
[GS.01_073,11] Unser Primus spricht: Lieber
Freund, woher du auch immer sein magst, diese Frage zu beantworten wird von
meiner Seite wohl etwas schwer halten, denn, im Ernste gesprochen, den Grund,
der mich hierhergebracht hat, kenne ich so wenig wie den Mittelpunkt der Erde.
Denn wenn ich dir ganz aufrichtig gestehe, so habe ich bei meinem Leibesleben
auf die Unsterblichkeit der Seele nach dem Tode mit vielen anderen gänzlich
Verzicht geleistet. Wenn man aber auf das geistige Leben nach dem Tode Verzicht
leistet, so bleibt einem auf der Welt ja doch nichts anderes übrig, als nach
dem alten römischen Spruche zu leben: Ede, bibe, lude; post mortem nulla
voluptas! Also habe ich auch auf der Welt gelebt, um zu essen und zu trinken,
und um eben des Essens und Trinkens willen alle die Weltspielereien
mitzumachen.
[GS.01_073,12] Als aber der immerhin fatale
Leibestod über mich gekommen ist, über den ich mir bei meinen Lebzeiten so
viele nutzlose Gedanken gemacht habe, da erst erfuhr ich, daß dieser Leibestod
durchaus keine ultima linea rerum ist, sondern daß ich nach der mir noch bis
auf den gegenwärtigen Zeitpunkt unbekannten Ablegung meiner irdischen Hülle
geradeso fortlebe, wie ich ehedem auf der Erde gelebt habe; nur mit dem
alleinigen Unterschiede, daß ich hier statt in den schmutzigen Klosterzellen in
diesen hübschen Gartensalons meine Zeit zubringe und statt einer schwarzen eine
weiße Kutte trage, nicht mehr Messe lese, sondern mich hier befinde wie eine mit
Vernunft begabte Blattlaus und bin im buchstäblichen Sinne ein fructus
consumere natus.
[GS.01_073,13] Daß hier noch diese weltlich
klösterlichen Regeln beobachtet werden, ist an und für sich ebenso unerklärlich
wie alles andere. Wir stellen uns hier vor, glücklich zu sein; fürwahr, wir
sind es bloß durch unsere wiedergefundene und angewohnte, ein wenig kultivierte
Klosterregel. Nimmst du uns dieses weg, so sind die Feldmäuse glücklicher als
wir. Ich muß dir daher zu allem dem noch hinzugestehen, daß wir samt und
sämtlich hier mehr oder weniger durchaus nicht wissen, warum wir hier sind.
[GS.01_073,14] Weißt du etwas besseres, so
gebe es uns kund, und wir wollen auch das mißliche Gewisse recht gerne mit
diesem ungewissen Scheine vertauschen. Tue mit mir und mit uns allen, was du
willst, nur mit der Hölle und mit noch mehr Fragen verschone uns. Denn jetzt
habe ich dir alles gesagt, und du könntest mir jetzt Fragen geben, wieviel du
wolltest, so werde ich auf jede gleich einem Steine zu antworten wissen; denn
wo nichts ist, da kann der Tod nichts nehmen!
74. Kapitel – Frage nach der Liebe zu
Christo.
[GS.01_074,01] Nun spreche ich: Höre, lieber
Freund, ich meine, so stumm wie ein Stein bist du nicht, und daher wirst du mir
schon noch eine Frage zu beantworten imstande sein. Ich will diese Frage auch
so einfach als nur immer möglich geben, und so höre denn:
[GS.01_074,02] Hast du während deiner ganzen
geistlichen Amtsführung nie über Christum nachgedacht, und ist es dir nie
vorgekommen, als könntest du Ihn so recht aus allen Kräften lieben? Siehe, das
ist eine einfache Frage, welche du beinahe mit Ja oder Nein beantworten kannst;
nur muß dabei die lebendige Wahrheit zugrunde liegen.
[GS.01_074,03] Der Primus spricht: Lieber
Freund, woher du auch immer sein magst, auf dergleichen Fragen kann ich dir
schon noch antworten, und wenn du deren auch noch mehrere stellen würdest. Aber
über die römische Kirche sollst du mich nicht mehr fragen; denn ich bin über
die Maßen froh, gleich einem verabschiedeten gemeinen Soldaten, daß ich hier
mit ihr nichts mehr zu schaffen habe. Aber was Christum betrifft, da will ich
mit dir reden, so lange du es nur immer willst. Und so sage ich dir als Antwort
auf deine Frage, daß ich bei mir selbst gar oft über Christum nachgedacht habe und
empfand auch nicht selten in mir, daß ich eben kein schlechter Apostel sein
dürfte, wenn ich das Glück hätte, mit Christo also umzugehen, wie der Apostel
Petrus mit Ihm umgegangen ist. Ja, ich muß dir sagen, Christus wäre die einzige
göttliche Person, die ich aus allen meinen Kräften lieben könnte, so Sie im
Ernste irgendwo vorhanden sein sollte.
[GS.01_074,04] Daß ich während meiner ganzen
geistlichen Amtsführung eben amtlichermaßen mich am allerwenigsten mit Christo
habe abgeben können, solches wird dir ohnedies bekannt sein, wie gestaltet und
warum. Denn bin ich als Klosterchef zu irgendeiner höheren geistlichen Behörde
berufen worden, oder gar zu einem Bischofe, wie einmal sogar nach Rom, so war
bei solch einer Zusammenkunft von Christo nie die Rede, sondern lediglich nur,
was in dem Kloster eingeht, wie das Vermögen der Kirche verwaltet wird, und wie
ich es anstellen müßte, falls das Kloster zu wenig eingetragen hat, um die
kirchlichen Renten zu erhöhen! Und als ich einmal sogar nach Rom beordert ward
und mir dachte, ich werde dort über Christum ein höheres Licht empfangen, so
war aber davon dennoch keine Spur! Ich wurde nur haarklein ausgefragt, wie es
mit den kirchlichen Renten stehe und ob noch keine bedeutende Stiftungen
erloschen sind und, falls einige erloschen sein sollten, was da mit den
Stiftungskapitalien geschieht.
[GS.01_074,05] Als ich darauf zur Antwort
gab, mit dem Erlöschen der Stiftungen hat es bei uns seine geweisten Wege; was
da die ganz alten Stiftungen sind, so sind diese schon lange dem allgemeinen
klösterlichen Kirchenvermögen einverleibt worden, und von neueren Stiftungen
ist in dieser zu sehr aufgeklärten Zeit keine bedeutende Rede mehr. Man muß
sich mit einfachen Legaten begnügen und mit einigen bezahlten Seelenmessen;
aber von den sogenannten ewigen Stiftungen ist, wie gesagt, jetzt keine Rede
mehr. Auf solche Äußerung von meiner Seite wurde zuerst von einem Kardinal ein
derber Fluch allen Ketzern und Protestanten gedonnert, und mir ward nichts
anderes gesagt, als daß ich durch scharfe Predigten und Beichtstuhl-Ermahnungen
die Menschen dahin stimmen soll, daß sie sich fürs erste von den sogenannten
Protestanten nicht irgend aufklären lassen, und fürs zweite zur Gewinnung des
Himmels sich durch reiche Stiftungen der alleinseligmachenden Kirche auf immer
einverleiben sollen. Nach solcher Ermahnung ward mir eine ganze Sammlung von
einigen hundert vollkommener Ablässe überreicht, welche ich samt und sämtlich
ehestmöglich an den Mann bringen sollte, und zwar einen Ablaß im Betrage von
wenigstens zehn Talern.
[GS.01_074,06] Mir ward gratis ein
vollkommener Ablaß miterteilt, aber mit der Bedingung, daß dieser für mich erst
dann in die Wirksamkeit tritt, wenn ich den Betrag für die anderen Ablässe nach
Rom eingesandt haben werde.
[GS.01_074,07] Ich wollte mich bei dieser
Gelegenheit noch um manches Religiöse erkundigen, allein man bedeutete mir, zu
schweigen, und einer aus dem Gremium sagte mir so im Vorbeigehen: Bedanke dich
allerdemütigst für solche hohe Gnade von seiten des obersten Statthalters
Christi und gehe dann deine Wege, verlasse Rom sobald als möglich, damit du
desto eher nach Hause kommst, um alldort den Willen des hl. Vaters zu erfüllen.
Ich befolgte seinen Rat. Mir ward darauf sogar die Gnade zuteil, zum
Pantoffelkuß zugelassen zu werden, mit dieser Gnade aber auch der Bescheid,
mich ja nicht mehr länger wie 24 Stunden in Rom aufzuhalten.
[GS.01_074,08] Aus dieser Darstellung kannst
du sehr leicht entnehmen, um welch ein Christentum es sich da gehandelt hat.
Fürwahr, hätte ein Kardinal nicht das Wort „Statthalter Christi“ ausgesprochen,
so wäre ich in Rom gewesen, ohne bei dieser obersten Behörde den Namen Christi,
außer auf dem Wege der kirchlichen Zeremonie, vernommen zu haben.
[GS.01_074,09] Der Besuch Roms hat mir
zugleich auch den letzten Tropfen meines Unsterblichkeitsglaubens und somit
auch meines Christussinnes ausgesogen.
[GS.01_074,10] Als ich mit meinen Ablässen
wieder in meinem Kloster ankam, übergab ich sie meinen Klosterbrüdern zur
Disposition. Sie haben auch, meines Wissens, glücklich alle angebracht. Nur
haben sie, soviel ich weiß, ziemlich handeln lassen, und da ich mich darüber
auswies, daß ich hinsichtlich der moralischen Veräußerung der Ablässe eine
gewisse Not hatte, so ließ auch Rom handeln und begnügte sich mit einer
geringeren Summe. Und siehe, das ist nun alles, was ich dir auf deine Frage zu
antworten vermag.
[GS.01_074,11] Was aber meine Liebe zu
Christo betrifft, so wirst du aus dieser meiner Äußerung selbst entnehmen
können, daß, wenn auf dergleichen kirchliche Manipulationen Christus bis auf
den letzten Tropfen hinausgearbeitet wird und der Mensch, besonders im
Priesterstande, am Ende allen Glauben verliert, es dann auch mit der Liebe zu
Christo seine geweisten Wege hat. Ich will freilich damit nicht sagen, als
möchte ich Christum nicht lieben, wenn Er irgendwo wäre. Ja, ich könnte Ihn
sogar über alles lieben, indem Seine Lehre wirklich das Allerreinste und Beste
ist, was sich ein sterblicher Mensch je denken kann.
[GS.01_074,12] Aber das „Wenn“ ist das
Allerfatalste dabei. Ich kam hierher und lebe nun hier, wie ich schon ehedem
bemerkt habe, ohne zu wissen, warum, wo und wie, indem ich doch auf der Welt
die Unsterblichkeit der menschlichen Seele gänzlich habe fahrenlassen. Hier
habe ich bis jetzt von Christo auch nicht mehr erfahren, als was ich auf der
Erde von ihm erfahren hatte; und somit stellt sich zwischen mich und Christo
immerwährend das fatale „Wenn“. Dieses bringe aus mir und du sollst an mir
einen Jünger Johannes oder die Magdalena haben.
[GS.01_074,13] Nun spreche ich: Gut, mein
Freund, du hast mir auf meine kurze Frage eine sehr gedehnte Antwort gegeben.
So will ich denn nun dir und euch allen etwas sagen. Werdet ihr solches
beachten, so könnet ihr den Weg zum wahren ewigen Leben betreten, wo nicht, da
steht euch eben an der Stelle, wo der Turm verschwunden ist, bereits der Weg
zum ewigen Tode offen!
[GS.01_074,14] Und so höret denn: Jesus
Christus ist der alleinige Gott und Herr aller Himmel und aller Welten! Er ist
in Sich allein Seiner ewigen unendlichen Liebe zufolge der Vater, und Seiner
unendlichen Weisheit zufolge der Sohn, und Seiner ewig allmächtigen
unantastbaren Heiligkeit zufolge der Heilige Geist selbst; wie Er es auch
Selbst von Sich ausgesagt hat, daß Er und der Vater Eines sind, und wer lhn
sieht, auch den Vater sehe; und daß der Heilige Geist von Ihm ausgehe, wie Er
es gezeigt hat, da Er Seine Apostel anhauchte und zu ihnen sprach: Nehmet hin
den Heiligen Geist!
[GS.01_074,15] Das ist für euch der erste
Glaubensartikel, ohne welchen niemand ins ewige Leben gelangen kann, denn es
heißt in der Schrift: Wer nicht glaubt, daß Christus ist der Sohn des
lebendigen Gottes, welcher ist die Liebe des Vaters, der wird nicht selig. –
[GS.01_074,16] Ich aber sage euch: Werdet ihr
nicht den Vater wie den Geist im Sohne Christus ergreifen, so werdet ihr nicht
zum Leben eingehen!
[GS.01_074,17] Stoßet euch nicht an dem
Texte, da es heißt: „Der Vater ist mehr denn der Sohn“, – denn solches besagt,
daß die Liebe, als der Vater in Sich das Grundwesen Gottes ist, und aus Ihr
gehet ewig hervor das Licht und der ewig mächtige Geist. – Solches sei für euch
der zweite Glaubensartikel.
[GS.01_074,18] Der dritte Glaubensartikel
aber lautet also: Seid von ganzem Herzen demütig, und liebet Gott im alleinigen
Christo über alles, euch untereinander aber also, wie jeder sich selbst; und
ein jeder von euch sei der andern willen da und trachte, wie möglich als der
Geringste allen zu dienen!
[GS.01_074,19] Wenn ihr werdet diese drei
Glaubensartikel in euch vollkommen aufgenommen haben, erst dann wird euch der
Weg zum ewigen Leben gezeigt werden. Von der Erde habt ihr keine andern als nur
arge Trugwerke mit hiehergebracht. Sie sind hier allenthalben vor euch
erscheinlich. Sie hatten keinen Grund, daher werden sie auch gar bald vor euren
Augen zunichte werden und wie eine Ephemeride vergehen, sobald eure eigene
innere Nacht über euch hereinbrechen wird. Darum aber habe ich euch nun im
Namen des Herrn einen neuen Samen gegeben; pflanzet ihn in euer Herz, auf daß
er zu einer fruchtbringenden Pflanze wird. Erst diese Frucht wird euch eine
lebendige Stärkung werden. Ihr Geist wird eure Liebe entflammen, und diese
Flamme wird euch den neuen Weg erleuchten, der da zum ewigen Leben führt!
[GS.01_074,20] Nun sehet, sämtliche
Paradiesmönche fangen an, sich auf die Brust zu schlagen, und schreien: Welch
ein Abgrund unter uns, welch eine Tiefe über uns! – Herr, sei uns großen
Sündern barmherzig! Schließe zu den Abgrund und verdecke die Tiefe über uns,
denn wir sind nicht würdig auch nur eines Funkens deiner Gnade! Vernichte uns,
denn der Vernichtung sind wir wert; aber nur laß uns nicht leben, auf daß wir
nicht von Dir möchten verdammt werden! Sehet, also gehen diese etwas leichter
in sich als die früheren. Belassen wir sie aber nun in dieser Stimmung und
begeben uns in den klösterlichen Himmel, da werdet ihr dann im buchstäblichen
Sinne erfahren, daß das „medium tenere beati“ hier seine Realität hat; denn der
Himmel hier wird schlechter sein als der Seelenschlaf.
75. Kapitel – Gang in den Klosterhimmel.
[GS.01_075,01] Ihr fraget hier wohl und
saget: Lieber Bruder und Freund! Wo ist wohl hier dieser Himmel? Ich sage euch:
Wir werden gar nicht weit zu gehen brauchen, um seiner ansichtig zu werden. Da
sehet nur einmal vor uns den ansehnlichen Palast und dort in der Mitte über
einer Stiege ein kleines Pförtchen, gerade in der Mitte des Palastes
angebracht. Das ist der Eingang zum Himmel; denn solches müßt ihr ja wissen,
daß der Himmel und das Paradies nicht weit voneinander entfernt sind. Ihr
fraget nach Petrus und Michael, ob sich auch diese hier einfinden. Sie werden
nicht mangeln, aber sie sind nicht vor, sondern hinter der Türe. Wir wollen
hier nicht gewaltsam in den Himmel dringen, und so werdet ihr bei unserm
Anklopfen sogleich des Petrus und des Michael gewahr werden. Gehen wir denn an
das Pförtlein und klopfen dort an, damit uns in den Himmel der Einlaß werde.
[GS.01_075,02] Wir sind an Ort und Stelle. So
gebet denn acht, welch eine Frage wir durch das verschlossene Pförtlein
vernehmen, wenn ich anklopfen werde. Und so denn klopfe ich an; und höret, der
„Petrus“ ist schon gegenwärtig und fragt: Woher? – Von oben oder von unten? –
Ich spreche: Von oben. – Der „Petrus“ spricht: Wie der Name? – Ich spreche:
Bote des Herrn! – Der Petrus fragt weiter: Was für eines Herrn? – Ich spreche:
Ich kenne nur einen Herrn, nämlich Jesum Christum!
[GS.01_075,03] Der Petrus spricht: Du bist
ein Lügner; wie kann dich Christus von außen her gesandt haben, nachdem Er doch
nur hier im Himmel wohnt und sitzet zur rechten Hand des Vaters? Wärest du also
von Ihm ausgesandt, so müßtest du hier vom Himmel ausgesandt sein. Du aber
kommst mit fremder Stimme von außen her, somit bist du ein Lügner und Betrüger
und ein allerderbster Sünder wider den hl. Geist; daher, marsch, mit dir hinab
in die Hölle und mit jedem, der mit dir ist!
[GS.01_075,04] Spreche ich: Höre, du blinder
Himmelswächter, du trügst dich gar gewaltig. Weil du mich aber fragtest, woher
und wessen Namens ich bin, so frage ich auch dich, wer du bist, darum du dir
sogleich das Verdammungsurteil anmaßest, während solches der Herr doch allen
Seinen Aposteln auf das eindringlichste widerraten hat.
[GS.01_075,05] Der Petrus spricht: Ich bin
Petrus, ein Fels, auf welchen Christus Seine Kirche gebaut hat, und diese
Kirche werden solche Boten von unten, wie du bist, nicht überwältigen; daher
harrest du umsonst auf den Einlaß.
[GS.01_075,06] Ich spreche zu ihm: Für was
würdest du mich dann halten, wenn ich trotz deiner himmlisch petrischen Gewalt
diese Türe einbrechen und mich deines Himmels vollends bemächtigen würde?
[GS.01_075,07] Der Petrus spricht: O du
abscheulicher Teufel aller Teufel! Versuche nur, einmal an die Schnalle zu
greifen, du wirst es bald verspüren, wie heiß diese ist. Ich kann dich aber
schon im voraus versichern, daß dir diese Schnalle in einem Augenblick eine
bedeutend größere Qual verursachen wird als tausend Jahre in der untersten
Hölle.
[GS.01_075,08] Spreche ich zu ihm: Höre, das
kommt nur auf einen Versuch an. Und so denn greife ich deine gefährliche
Schnalle an und siehe, die Türe ist geöffnet. Ich kann dich versichern, daß ich
fürs erste keinen Schmerz empfand, und fürs zweite habe ich dein Pförtlein
überwältigt und frage dich darum nun von Angesicht zu Angesicht, für wen du
mich hältst, da ich deine Felsenpforte mit meiner Pforte überwältigt habe? Nun
rede!
[GS.01_075,09] Der Petrus spricht: Was soll
ich angesichts eines solchen Frevlers reden, der die heilige Wohnung Gottes und
Seiner Heiligen mit seinen allerabscheulichsten Füßen höhnend tritt?
[GS.01_075,10] Spreche ich: So redest du als
Petrus zu mir? Weißt du nicht, daß Christus Seinen Aposteln befohlen hat, daß
sie sanft gleich den Tauben sein sollen? Und du bist hier so derb wie ein
Kettenhund! Wenn du wirklich der Petrus bist, so wirst du wohl wissen, daß der
Herr Seinen Aposteln und Jüngern nichts so sehr anbefohlen hat wie die wahre
Demut des Herzens, die größte Sanftmut des Gemütes und die vollkommene Liebe
des Nächsten. Wenn nun ich, als ein vermeintlicher Teufel, dich dessen
erinnere, bin ich demnach als solcher der göttlichen Wahrheit nicht näher denn
du, der du dich doch für den Petrus hältst und wähnst, ein Taglöhner des
Himmels zu sein? Aber das Wort des Herrn in seiner Werktätigkeit ist dir
fremder als der Mittelpunkt der Erde; daher fordere ich dich noch einmal auf,
mir bei dem lebendigsten Namen des Herrn die vollkommene Wahrheit zu gestehen
und mir kundzugeben, wer du seist?
[GS.01_075,11] Der Pseudo-Petrus spricht:
Höre du, abscheulicher Teufel, du bist keiner Antwort wert; und verläßt du
nicht augenblicklich diese Stelle, so rufe ich sogleich alle himmlischen Mächte
zusammen, und zwar zuerst alle Heiligen. Wirst du vor denen noch nicht fliehen,
so rufe ich alle Engel, und wirst du dich auch denen widersetzen, so rufe ich
die allerseligste Jungfrau Maria und den hl. Joseph, und solltest du vor denen
etwa auch noch nicht fliehen wollen, so rufe ich die Dreieinigkeit selbst. Dann
wird sich wohl zeigen, wer da mächtiger ist, du oder die heilige Dreieinigkeit!
Daher mache nicht Säumens und fahre lieber gutmütig hinab zu deiner verfluchten
Hölle. Denn wenn du es darauf ankommen läßt, daß alle die himmlischen Mächte
über dich kommen werden, so wirst du, mit glühenden Ketten geknebelt, samt
deinen Spießgesellen mit vertausendfachter Qual hinabgeworfen werden in die
unterste aller Höllen, allda du in solcher vertausendfachter größerer Qual ewig
brennen, sieden und braten wirst.
[GS.01_075,12] Spreche ich zu ihm: Höre, wenn
du mir auf meine Frage, die von der wahren Liebe des Herrn begleitet ist,
solche Antworten gibst und mir sogar mit allen deinen himmlischen Mächten
drohst, da muß ich mir schon die Freiheit nehmen, ohne deine Erlaubnis mit
meinen Spießgesellen in deinen Himmel einzudringen und mich davon zu
überzeugen, ob da all deine himmlischen Mächte ernstlich imstande sein werden,
deine Drohung mir angedeihen zu lassen.
[GS.01_075,13] Nun höret, auf diese meine
Äußerung erhebt der Petrus ein jämmerliches Geschrei und stellt uns den Michael
entgegen. Er aber rennt zurück und ruft alle die himmlischen Mächte auf einmal
zu Hilfe. Wir aber geben dem Michael einen kleinen Stupfer, und sehet, auch er
rennt dem Petro nach, und die Treppe ist frei. Gehen wir daher nur geradewegs
hinauf. Ihr werdet euch sogar überzeugen, daß Petrus und Michael samt den
anderen himmlischen Mächten sich aus lauter himmlisch bescheidener Politik
hübsch in den Hintergrund des Himmels begeben werden.
[GS.01_075,14] Nun sehet, da sind wir ja
schon, und der Himmel in einem eben nicht sehr ausgedehnten Maßstabe steht
offen vor unseren Augen, wie er in der irrigen Begründung dieser
Himmelsbewohner vorhanden ist. Was sagt ihr zu diesem Himmel? Wie ich sehe,
zucket ihr mit den Achseln und saget: „Nein, soll das auch ein Himmel sein? –
Da hätten wir uns aus dem früheren Paradiesgarten bei weitem eher einen Himmel
herausgeschaut, als aus diesem höchst patzig-theatralischen
Kulissentandelmarkt. Fürwahr, so dumm hätten wir uns diese Himmelsbewohner denn
doch nicht vorgestellt. Wenn sie allenfalls noch eine Peterskirche zu Rom zu
einem Himmel maskiert hätten, so wäre solches für einen gewissen Grad von
Blindheit noch verzeihlich. Aber diese höchst plumpe und gemeine Darstellung
würde auf der Erde kaum die Ehre haben, daß sie den allerdümmsten Bauernkindern
einen Beifall abnötigen möchte und würde daher von einem nur etwas besseren
Menschenteile über Hals und Kopf ausgepfiffen.
[GS.01_075,15] Wie es sich hier zeigt, so
stellen die höchst gemeinen, zusammengesteckten Tische, gewisserart im Parterre
des Himmels, den Tisch Abrahams, Isaaks und Jakobs dar; und vorne befindet sich
statt einer Plastik nur ein schlecht gemaltes Bild, Abraham, Isaak und Jakob darstellend.
Was auf dem mit Wolken-Kulissen bestellten Podium dieses Himmelstheaters die
„Dreieinigkeit“ betrifft, so ist diese ebenfalls wie aus grobem Pappendeckel
geschnitten und dann, grob und höchst unkünstlerisch bemalt, mit einem
sichtbaren plumpen Nagel an den Hintergrund befestigt. Und diese Patzerei von
den die hl. Dreieinigkeit tragenden Cherubimen und Seraphimen! Das Beste ist
noch das große, runde, mit gelbem Glase versehene Fenster hinter der
Dreieinigkeit.“ – Ja, meine lieben Freunde, ihr habt recht gesehen und möchtet
aber nun auch wissen, warum es hier mit dem Himmel gar so kläglich aussieht?
[GS.01_075,16] Ich sage euch: Solches hat
alles seinen guten Grund; und ihr habt schon im Garten vernommen, wie dort die
Mißlichkeit des Himmels gehörig verdeckt werden muß, damit die
Paradieseinwohnerschaft nicht zu einem allfälligen Aufstande gereizt werde, und
zwar besonders von seiten der diensttuenden Engel. Solches ist jedoch hier
weniger zu berücksichtigen; denn ein Trug zieht immer den andern nach sich. Wir
werden bei der nachfolgenden Betrachtung aber ganz klar dahinterkommen, warum
sich dieser Himmel so höchst plump und materiell gestaltet. Daher wollen wir
auch solches mit der Gelegenheit uns zu eigen machen. Denn das könnt ihr schon
im voraus annehmen, daß die Klausur auch einen sehr klausierten Himmel hat.
[GS.01_075,17] Da aber in einem solchen
Kloster gewöhnlich zwei Parteien wohnen, nämlich die wirklichen Mönche und die
Hausknechtsarbeit verrichtenden Laienbrüder, so wird auch dieser Himmel, nach
welchem die Mönche durchaus keinen Appetit haben, zumeist von den Fratries
bewohnt, welche mit ihm, wenn sie nur gehörig zu essen haben, auch völlig
zufrieden sind, weil sie sich, zufolge ihrer außerordentlichen Laienhaftigkeit,
nie einen besseren haben vorzustellen vermocht. Sie gehören zu jener höchst
finsteren katholischen Klasse, welche ein ganz schlecht geschnitztes und
gemaltes Bild für viel wunderwirkender hält als ein ästhetisch meisterhaftes.
Daher werdet ihr auch schon beobachtet haben, daß die sogenannten wundertätigen
Gnadenbilder zumeist allerbarste Karrikaturen sind. Also wäre für diese
Himmelsbewohner ein solcher Himmel, wie wir jüngst einen geschaut haben, viel
zu schön, daher auch bei weitem nicht so wahrhaft und allmächtig wirksam.
[GS.01_075,18] Kurz, wir wollen uns hier
vorderhand in keine weitere Zergliederung dieses Himmels einlassen, denn er
wird uns mit der nachträglichen, sukzessiven Enthüllung dieser Himmelsbewohner
ohnedies noch ganz klar und ausführlich auseinandergesetzt werden. Ihr werdet
hier im buchstäblichen Sinne eine sogenannte himmlische Komödie noch aufführen
sehen. Solches werden diese Bewohner bald beginnen, um uns aus ihrem Himmel zu
treiben, und wir werden bei der nächsten Gelegenheit einer solchen Komödie beiwohnen.
76. Kapitel – Das Aufblähen des trügerischen
Himmels.
[GS.01_076,01] Ihr seht diesen Himmel noch in
seiner vorigen Eingeschrumpftheit; aber da die Bewohner dieses Himmels nebst
ihrer falschen Begründung sogar auch etwas böse geartet sind, so fangen sie nun
nach einiger Überlegung an, sich über uns aufzublähen. Solches Aufblähen werden
wir bald an diesem ganzen Himmel erschauen. Ihr fraget zwar, wie solches
möglich ist, nachdem zuvor die Bewohner dieses Himmels sich aus lauter
erbärmlicher Furcht vor uns verkrochen haben? Solches liegt ja schon in der
Natur eines jeden noch stark naturmäßig gesinnten Menschen, daß da die Furcht,
wie nicht selten auch so manche Traurigkeit, nichts anderes ist als ein Same
für einen bald daraus erwachsenden Zorn und endlich auch sogar von einer
verzweifelten Zornwut-Tollkühnheit. Denn solches könnt ihr am leichtesten bei
den Kriegern, die gegen den Feind ins Feld ziehen, gewahren, da sie ebenfalls
mit großem Zittern und Zagen dem Feinde entgegenziehen. Sind sie aber an den
Feind gestoßen und haben da einige wohlgenährte Salven bekommen, so geht ihre
Furcht sobald in einen Glühzorn über, und werden sie mit dem Feinde gar
handgemein, da verdrängt die Zornglut ein flammender Grimm, bei welcher
Gelegenheit sich ein solcher ehedem furchtsame Krieger wütend in die größten
Gefahren stürzt.
[GS.01_076,02] Der gleiche Fall ist es auch
bei manchen Trauernden. So sie die effektive Ursache ihres leidenden Zustandes
ergreifen könnten und hätten dazu eine hinreichende Macht, da dürfte es dem
Gegenstande, der da der Grund einer solchen Trauer war, fürwahr nicht am besten
ergehen. Ich könnte euch sogar viele Tausende und aber Tausende zeigen, die in
ihrer eitlen Trauer sogar dem Herrn auf das greuelhafteste geflucht haben.
Darum hat auch der Herr auf der Welt die Trauer nie gutgeheißen, außer einer
Trauer über den eigenen Zustand, wenn er nicht also ist, wie es die Ordnung des
Herrn erheischt. Das heißt, es muß in diesem Falle die Trauer gleich sein einer
wahrhaftigen Reue des Herzens und muß eine natürliche große Liebe zum Herrn zum
Grunde haben, oder der Trauernde muß trauern in aller Sanftmut seines Herzens.
[GS.01_076,03] Solches dagegen aber ist auch
wieder sicher, daß derjenige, der den Herrn wahrhaft liebt, gar wenig Grund zum
Trauern haben wird; denn die Trauer ist im Grunde nur ein Schmerz über den
Verlust einer Person oder eines Gegenstandes. So aber jemand den Herrn hat, was
kann der wohl verlieren, was ihm einen Schmerz bereiten sollte? Ihr wisset aus
der Schrift, daß da viele Weiber bei der Kreuzigung des Herrn dem schwer
mißhandelten Heilande der Welt gefolgt sind und haben Ihn beweint und
betrauert. Er aber hat ihre Traurigkeit nicht gutgeheißen, sondern verwies sie
ihnen und gab ihnen zu verstehen, daß sie lieber über sich, also über ihre
Sünden, und über ihre Kinder weinen sollten.
[GS.01_076,04] Wie es sich aber mit der
Trauer verhält, also verhält es sich auch mit der Furcht, welche nichts ist als
ein klägliches Bewußtsein der eigenen Ohnmacht und Schwäche. Wenn aber jemand
den Herrn hat in seiner Liebe und somit auch sicher in seinem Vollvertrauen,
wie sollte der sich wohl vor etwas fürchten? Also ist die Furcht immer eine
Folge eines nicht reinen Gewissens und dann, wie gesagt, des Bewußtseins der
eigenen Ohnmacht und Schwäche.
[GS.01_076,05] Wenn wir nun von dieser
Definition auf diese unsere Himmelsbewohner übergehen, wo werden wir sie also
finden, daß sie ganz genau in diese unsere Definition passen werden. Aus dieser
Erwägung heraus seht euch nun diesen Himmel an, und ihr werdet gar leichtlich
entdecken, daß sich alle diese himmlischen Gegenstände nach und nach zu
vergrößern anfangen, damit wir von dieser Erscheinlichkeit einen Respekt
bekommen sollen. Solches Vergrößern liegt dem Anschwellen der Gemüter dieser
Himmelsbewohner zugrunde. Und so sehet nur hin, wie das ganze himmlische
Theaterpodium sich nach allen Seiten auszudehnen anfängt.
[GS.01_076,06] Die früher kaum faustgroßen
Köpfe der Cherubime und Seraphime haben bereits einen Durchmesser von einem
Klafter. Die Dreieinigkeit ist schon so groß, daß ihr sie auf der Erde auf zehn
Meilen noch recht gut ausnehmen könntet. Der früher ganz seichte Hintergrund
dieses Podiums scheint schon beinahe eine Tiefe von zwanzig Meilen zu haben,
und die früheren Wolken-Kulissen erscheinen jetzt, wie ihr sehet, wie ungeheuer
schwere Gewitterwolken auf der Erde, so ihr solche dann und wann geschaut habt,
wie sie sich auf der Erde vom Morgen und Abend gegeneinander aufzutürmen
anfingen. Aber nun seht auch auf unser Parterre, wie sich auch dieses in
gleichem Maße außerordentlich erweitert hat und wir nun dastehen wie drei
Punkte, die man in einem so großen Raume kaum bemerkt. Wie gefällt euch diese
Geschichte?
[GS.01_076,07] Ihr saget: Fürwahr, diese
Metamorphose oder vielmehr diese echt theatralische Phantasmagorie ist noch das
Beste und Sehenswürdigste dieses ganzen Himmels, obschon man dabei so ganz
nüchtern sagen muß, daß einem bei dieser außerordentlichen Vergrößerung der
Gegenstände ein wenig unheimlich zu Mute wird oder, wie man auf der Erde zu
sagen pflegt, die Sache hört auf, ein Scherz zu sein.
[GS.01_076,08] Gut gesagt; ich habe es euch
ja gesagt, daß euch die Komödie etwas überraschen dürfte. Aber die eigentliche
Komödie hat noch nicht angefangen. Diese Erscheinlichkeit ist bis jetzt gewisserart
nichts anderes als das Aufziehen des Vorhanges auf den zuallermeist Ärgernis
erregenden Theatern auf der Erde. Wenn ihr auf diesem Himmelstheater erst die
handelnden Personen erschauen werdet, da werdet ihr noch größere Augen machen.
Aber, wie gesagt, ihr müßt euch aus allem dem, das da noch kommen wird, eben
nichts machen. Denn alles solches geht aus den gänzlich leeren Trugkünsten
dieser Geister hervor.
[GS.01_076,09] Sehet jetzt wieder auf das
Podium hin, welch eine außerordentliche Ausdehnung in die Breite und in die
Höhe es bekommen hat, ja es hat gegenwärtig eine scheinbare Höhe wie etwa von
eurer Erde bis zum Monde hin, das heißt der Erscheinlichkeit nach. Jetzt ist es
aber auch schon in seiner völligen Aufgeblähtheit da, und es wird sich daher im
Hintergrunde auch sobald ein Komödiant zeigen. Sehet nur hin, er kommt mit
einem Fuß schon hinter der Kulisse hervor. Seht, nun ist er schon ganz zu
sehen; aber ich bemerke, daß ihr euch sogar ein wenig zu entsetzen anfanget.
Was ist es denn?
[GS.01_076,10] Ihr saget: Höre, Freund, das
ist ja eine unmenschliche Menschengestalt. Fürwahr, wenn solch ein Riese auf
der Erde stünde, so ginge es sogar dem Monde schlecht. Wir können ja nicht
einmal seine entsetzliche Größe, trotz seiner großen Entfernung im
Hintergrunde, auf einmal überschauen, und nur das unsinnig große Schwert, das
er in der Hand hat! Fürwahr, mit diesem könnte er doch mit der geringsten Mühe
von der Welt die ganze Erde wie einen Apfel entzwei hauen. Freund und Bruder,
wenn der sich etwa uns nahen sollte, da wären wir fast der Meinung, daß es
vielleicht besser sein dürfte, sich eher noch aus diesem etwas zu großartigen
Staube zu machen, als bis uns dieser wahrhaftige Siriuskomödiant mit seinem
Ehrfurcht einflößenden Schwerte erreichen möchte.
[GS.01_076,11] O meine lieben Freunde und
Brüder, das muß euch durchaus nicht furchtsam machen, denn hier im Reiche der
Geister haben wir Diener des Herrn nicht selten noch ganz andere Gefechte zu
bestehen als dieses da ist, wovon ihr selbst nur erst kaum den ersten Anfang
erschauet. Wartet nur erst, bis diese Helden sich mehr gegen den Vordergrund,
mit allerlei Waffen versehen, ziehen werden; dann erst werdet ihr das
Riesenhafte dieser Theaterhelden erschauen. Ihr seht nun auch unseren vormals
kleinen Abrahams-Tisch in ähnlicher Weise ausgedehnt. So werdet ihr auch sehen,
wie sich gar bald, unbekümmert um uns, einige riesenhafte Tafeldiener zeigen
und diesen Tisch mit verhältnismäßig riesenhaften Früchten bestellen werden,
worauf dann bald ähnliche Riesengäste sich zum Tische setzen werden, und ihr
werdet da Meisterstücke in der Fresserei sehen, indem ihr da im buchstäblichen
Sinne des Wortes und der Bedeutung nach wahre Weltenfresser vor euch erschauen
werdet. – Für heute aber begnüget euch mit dem bisher Geschauten; nächstens
soll erst die Hauptkomödie folgen, und somit gut für heute!
77. Kapitel – Komödienspiel im Klosterhimmel.
Die Riesentafel und Weltenverspeisung.
[GS.01_077,01] Sehet, die Tafeldecker sind
schon hier, und zwar ein jeder für sich in einer gleichen Ausdehnung wie unser
erster Kulissenheld. Sehet, wie vier Tafeldecker den eben nicht gar zu
zierlichen Tisch Abrahams mit einem Tischtuche überdecken, welches der
Erscheinlichkeit nach groß genug wäre, um euer ganzes Planetensystem samt der
Sonne gleich einigen unbedeutenden Äpfeln einzubinden und zu Markte zu tragen.
Nun werden aber Früchte auf den Tisch gelegt, bestehend aus euch der Form nach
bekannten Erd-Obstarten als: Birnen, Äpfel, Pflaumen u. dgl. m.; auch wird eine
Art Brot hinzugelegt, und bei jedem Teile, welcher bestimmt ist für eine
Person, auch ein Becher, welcher der Erscheinlichkeit nach ungefähr die
dreifache Portion des Erdmeeres fassen dürfte. Ihr fraget, wie solches doch
wohl um des Herrn willen möglich ist.
[GS.01_077,02] Ich aber sage euch: Den
Geistern unter sich ist solches gar leicht möglich; denn das werdet ihr schon
oft bei euch erfahren haben, so ihr eure Phantasie nur ein wenig gebrauchen
wolltet, daß es euch ein Leichtes war und noch ist, sich z.B. die Gestalt irgendeines
euch wohlbekannten Tieres oder eines anderen Dinges in einem so ungeheuer
vergrößerten Maßstabe vorzustellen, daß ihr euch darob am Ende beinahe selbst
entsetzen mußtet. Nun sehet, was euch auf der Erde bloß in der Phantasie eures
Geistes möglich war und jedem Menschen möglich ist in seiner Art, das ist hier
im Reiche der Geister auch jedem Geiste der Erscheinlichkeit nach möglich.
Solche Erscheinungen aber werden hier „Trugkünste“ genannt, deren sich
vorzugsweise die bösen Geister bedienen, wenn sie irgendeine geheime Tücke
ausführen wollen. Da aber auch diese Geister in Falschem und daraus in so
manchem Argen sind, so können sie sich freilich wohl auch einer mehr
unschädlichen Trugkunst bedienen, um damit uns als vermeintliche Feinde zu
erschrecken. Allein, so sie sich bald überzeugen werden, daß wir uns vor ihrem
Truge nicht entsetzen, da wird auch ihre Kunst gar schnell wieder in ihren
vorigen Stand zusammenschrumpfen, und sie werden dann zu keiner zweiten mehr
ihre Zuflucht nehmen.
[GS.01_077,03] Und nun sehet hin; die Gäste
kommen von allen Seiten her an den Tisch, greifen mit ihren übermäßigen
Riesenhänden nach den kolossalen Früchten und führen dieselben zu dem
schaudererregenden Munde, welcher der Erscheinlichkeit nach groß genug ist, um beinahe
eine Erde gleich einer Erdbeere aufzunehmen. Ihr wundert euch aber nun, wie für
euer Auge solches möglich ist, diese phantastische Trugerscheinung bei ihrer
entsetzlichen Größe mit der größten Leichtigkeit zu überschauen? Solches kommt
daher, weil diese erscheinliche Größe fürs erste durchaus keine Größe ist,
sondern nur ein Trug. Wir aber sind vom Herrn aus im hellsten Lichte, daher
auch kann sich vor uns in seiner Trüglichkeit nichts so groß darstellen, daß
wir es nicht sogleich in all seinen falschen Teilen mit einem Blicke zu
überschauen vermöchten. Zudem hat fürs zweite solches auch noch einen andern
Grund, und dieser ist, daß diesen Geistern gegenüber auch unsere erscheinliche
Gestalt in der Fülle der Wahrheit sich eben in dem Maße vergrößert, als sich da
vergrößert dieser Geister Trugsinn. Solches ist somit also zu verstehen.
[GS.01_077,04] Nun aber habet acht auf das
uns schon bekannte theatralische Trughimmels-Podium. Sehet, wie nun eine Menge
geharnischter Riesenkrieger hinter den Wolken hervortritt und wie der Anführer
mit einem Kruzifixe vorausgeht, welches in eben dem Maße kolossal ist, als der
es tragende Anführer selbst. Aber nun habet auf eine noch andere Erscheinung
acht, denn sehet, soeben wird der Riesen-Christus vom Kreuze herab zu uns zu
reden anfangen. Höret, er redet schon und spricht zu uns: Hinaus aus dem Himmel
mit euch Verfluchten, denn ihr habt allzeit dem hl. Geiste meiner
alleinseligmachenden römisch-katholischen Kirche widerstrebt und waret allzeit
mir über alles verhaßte Ketzer. Daher hinaus mit euch in die äußerste
Finsternis, denn für euch ist hier in dem Himmel kein Platz, und ich habe euch
noch nie erkannt. Zwinget mich nicht, Gewalt zu brauchen; denn werde ich
solches tun müssen, da wird die unterste Hölle euer Anteil sein. Wenn ihr
ehedem meinem Apostel Petrus nicht geglaubt habt, so werdet ihr doch mir
glauben, so ich vom Kreuze zu euch rede!
[GS.01_077,05] Ihr staunet hier wohl ein
wenig; ich aber sage euch: Lasset euch von dieser Erscheinung nicht bestechen.
Denn sehet, das Kreuz und die Figur auf demselben sind hohl. Der Träger aber,
wie ihr leicht bemerken könnt, hält das Kreuz auf seinen Mund und redet in
dasselbe durch eine Öffnung, welche im Munde der Christusfigur am Kreuze
ausmündet. Darum auch kommt die Stimme wie aus dem Munde des Heilandes am
Kreuze hervor und ist somit ebenfalls ein eitel bösartiger Trug, weil dadurch
das Menschliche des Herrn gestaltlich zu einem Trugmittel gebraucht wird. Aber
dessen ungeachtet ist dieser Trug nicht völlig grundböse, da dem handelnden
Anführer ein grundböser Wille mangelt.
[GS.01_077,06] Ihr sehet auch, daß er sich
eben nicht zu weit mit seinem redenden Kruzifix vorwärts getraut und das ist
schon ein Zeichen, daß ihm diese Kunst keinen großen Segen bringen wird. Daher
kehrt er sich nun zu den Kriegern und gibt ihnen einen Wink, uns durch ein
gewaltiges Geschrei zu schrecken zu versuchen. So denn fangen sie auch an,
große Bewegungen zu machen und mit ihren Schwertern gewaltig aneinander zu
schlagen und machen Miene, als wenn sie gegen uns ziehen wollten. Allein sie
bemerken, daß wir uns durchaus nicht erschrecken wollen, und so ziehen sie samt
dem Anführer wieder hinter die Kulissen zurück. Auch unsere Tafelgäste sehen,
daß wir uns vor ihrer großartigen Mahlzeit nicht zu sehr entsetzen, daher fängt
einer nach dem andern an, sich von der Tafel zu verlieren. Aber noch ist die
Komödie nicht aus. Sogleich wird ein zweiter Akt beginnen, und wer da von euch
ein Zoologe ist, der wird an diesem Akte viel Interesse finden, denn ich sage
euch voraus, unsere Himmelsbewohner werden jetzt das Äußerste wagen und sich
als allerlei riesige Tiere vorstellen. Wir aber wissen solches, daher werden
wir uns vor ihnen auch in solchem Zustande nicht erschrecken.
78. Kapitel – Zweiter Akt der klosterhimmlischen
Komödie.
[GS.01_078,01] Da sehet hinauf, soeben kommt
ein wohlgenährtes Krokodil zum Vorschein, und zwar in proportionaler Größe mit
den übrigen Gegenständen. Es sperrt den Rachen weit auf, als wollte es eine
halbe Schöpfung verschlingen. Aber da ihm nichts in den Rachen fliegt, so macht
es denselben wieder ganz bescheiden zu. – Seht, dort weiter im Hintergrunde
treten mehrere Tiger, Hyänen, Löwen, Leoparden und Bären hervor, noch weiter im
Hintergrunde seht ihr allergewaltigste Riesenschlangen hervorkriechen. Nun
sehet, wie alle diese Tiere mit den furchtbarsten Sätzen und grimmigsten
Windungen gegeneinander fahren, als wollten sie sich jählings in Stücke
zerreißen. Dort, ganz in einem Winkel, guckt ein großer Affenkopf hervor und
beobachtet uns, ob wir uns noch nicht geschreckt haben. Allein, wir erschrecken
uns nicht, und so fängt auch dieses Tiergefecht an, sich zurückzuziehen.
[GS.01_078,02] Ihr fraget wohl, wie eine
solche Metamorphose möglich ist? Ich sage: Eine solche Metamorphose ist einem
guten Geiste bei sich selbst zwar unmöglich, dessen ungeachtet aber kann er
durch die Kraft des Herrn in ihm durch seinen Willen solche Bilder außer sich
also hervorrufen, daß sie dann in die Erscheinlichkeit treten, als wären sie
wirklich vorhanden. Solche Darstellungen werden im Reiche der Geister
„Täuschungen des Gesichts“ genannt; jedoch ist solches bei diesen vor uns
gegenwärtigen Erscheinungen nicht der Fall. Denn Geister, welche irgendetwas
Bösartiges in sich haben, können außer sich keine zweckmäßige Gesichtstäuschung
hervorrufen, wohl aber können sie das Bösartige im äußersten Falle aus sich
also hervortreten lassen, daß dann dieses Bösartige gestaltlich ihr Äußeres
wird. Und so ist's denn auch bei diesen Geistern hier der Fall. So habet ihr
die Gelegenheit gehabt, das Rohe und Bösartige dieser Geister gestaltlich zu
schauen. Sehet, also verhalten sich hier die Sachen.
[GS.01_078,03] Hier ist zwar einerseits alles
Trug und eitel Falsches. Aber nach eurem eigenen alten biblischen Spruche: „Dem
Reinen ist alles rein“ ist auch in all diesen Trugerscheinungen für uns nichts
Trügendes. Denn eben durch diese Erscheinungen zeigen die Geister ihr ganzes
Innere, und da ist keinem möglich, etwas anderes hervorzubringen, als gerade
nur das, was seinem inneren Lebensgrunde vollkommen entspricht.
[GS.01_078,04] Zuerst habt ihr den falschen
Petrus kennengelernt. Das besagt, daß die ganze Apostolität eurer Kirche auf
einem ganz falschen Petrus basiert ist. Daher werdet ihr auch in mehreren
Tausenden solcher Klöster allzeit einen solchen falschen Petrus antreffen. Wie
es aber mit dem Petrus geht, so geht es mit all dem andern. Ihr habt diesen
Himmel nach eurem eigenen Geständnisse, zuerst in der äußersten, schmutzigsten
Lächerlichkeit gefunden. Betrachtet dagegen den echt heidnischen Tandelmarkt
eurer Bethäuser, und ihr müsset dabei noch gestehen, daß dieser Himmel in
seiner Entsprechung viel zu gut ist für dergleichen Torheiten.
[GS.01_078,05] Was da betrifft den höchst
schmutzigen Abrahamstisch, so ist er ja ein getreues Bild des Tisches des Herrn
in euren Bethäusern, allda nicht selten, nota bene fürs Geld noch dazu, für
kranke Hunde, Ochsen, Kühe, Pferde, Schafe, Schweine und noch allerlei andere
Tiere wie auch nicht selten fürs Gelingen von allerlei schändlichen Handlungen
dem Herrn ein wohlgefälliges Opfer dargebracht wird. An diesem Tisch wird das
Brot des Herrn ausgeteilt. Welch ein nur einigermaßen erleuchteter Geist kann
sich einen noch größeren Unsinn denken?! Gleicht ein solcher Tisch des Herrn
nicht einem wahrsten Schweinetrog, in welchem ebenfalls nur den Schweinen ein
Futter gereicht wird? Und gleicht der, so er eben aus diesem Troge ißt, nicht
eben auch einem Schweine? – Ja fürwahr, der eine ist ein Schwein, und der
andere mengt sich unter das Futter der Schweine und ist selbst schuld daran, so
er von den Schweinen gefressen wird.
[GS.01_078,06] Der Herr aber hat Sein Wort
mit den Perlen verglichen, die man nicht den Schweinen vorwerfen soll. Also
meine ich denn auch, es wird aus einem solchen Schweinetrog nicht zu viel des
lebendigen Brotes zu erschnappen sein. Und so werdet ihr es auch mit
Leichtigkeit einsehen, daß dieser „Abrahamstisch“, wie wir ihn zuerst gesehen
haben, noch viel zu gut ist, um die volle Schändlichkeit so manches Tisches des
Herrn in eurer Kirche darzustellen. Der Grund aber liegt darin, daß diese
Laienmönche in ihrem Innern sich unter dem weltlichen Tische des Herrn
notgedrungen etwas Besseres vorstellen, als er an und für sich wirklich ist:
denn sie hatten davon ja keine Ahnung, daß der „Tisch Abrahams, Isaaks und
Jakobs“ nichts anderes als die reinste Liebe zum Herrn bezeichnet, und aus
dieser heraus alle ersprießliche Werktätigkeit in Beziehung auf das geistige
Wohl der Brüder. Wie aber demnach der Tisch, so auch der Himmel; denn da sich
der eigentliche Himmel ums Geld nicht erkaufen läßt, während ihn eure Kirche
doch fortwährend fest taxiert verkauft, so ist demnach auch dieser Batzenhimmel
ja ganz wohl entsprechend und muß also aussehen wie das Mittel, durch das man
ihn an sich gebracht hat.
79. Kapitel – Blick auf den wahren Weg zum
eigentlichen Himmel.
[GS.01_079,01] Wenn ihr nur ein wenig
nachdenket, so kann es euch unmöglich entgehen, daß das eigentliche Himmelreich
des Herrn als das Grundleben des Geistes in sich unmöglich anders erreicht
werden kann als so nur, wenn der Mensch in sich, das heißt in seinem Geiste,
die vom Herrn vorgezeichneten Bedingungen zur Erlangung eben dieses Lebens
werktätig erfüllt. Das heißt, er muß dieses Leben zuvor in sich finden, und hat
er es gefunden, dann erst muß er es stärken und kräftigen nach der
vorgeschriebenen Ordnung des Herrn, der allein nur es wissen kann, was zur
Erreichung des reell bestimmten geistigen Lebens vonnöten ist.
[GS.01_079,02] Wenn nun aber jemand durch
törichte, weltlich eigennützige, dazu noch allerschmutzigste und vollkommen
tote Mittel sich das Himmelreich erkaufen will, welches, wie schon bemerkt, das
eigentliche, vollkommen ausgebildete bestimmte Leben des Geistes ist, so ist
solch eine Handlung ja doch bei weitem törichter und unsinniger, als so da
jemand einen Acker, der überaus steinig ist, mit Weizenkorn besät hätte; da
aber das Weizenkorn nicht aufgehen möchte, er dann noch mehr Steine auf den
Acker führen würde, um dadurch das Weizenkorn aufgehen zu machen. Muß aber
nicht der vernünftige Ackersmann seinen Acker vorher in ein gutes Erdreich
verwandeln, dann dasselbe düngen und sodann erst das edle Weizenkorn in die
Furchen legen, auf daß es dann bald erkeime und aufgehe und bringe viel Frucht?
Solches muß doch ein jeder nur einigermaßen in der Landwirtschaft bewanderte
Landmann zugestehen.
[GS.01_079,03] Wenn aber schon das Weizenkorn
nur unter dieser allein wahren Bedingung fruchtbringend wird und auf keine
andere Weise demselben der Segen abgewonnen werden kann, wie soll demnach der
viel edlere Lebenssame des Geistes auf einem allerwidersinnigsten Acker zur
lebendigen Frucht des ewigen Lebens erwachsen?
[GS.01_079,04] Ich will euch ein noch
anschaulicheres Beispiel geben, aus welchem ihr diesen überaus wichtigen Punkt
noch heller erschauen sollet. Um aber dieses Beispiel in der Fülle der Klarheit
zu verstehen, wollen wir einige Punkte demselben vorsetzen, durch welche die
Richtigkeit des bevorstehenden Beispiels wahrhaft mathematisch richtig
dargestellt werden soll; und so höret denn!
[GS.01_079,05] Ihr wisset, daß sich
ungleichartige und ungleichnamige Größen nicht zusammenzählen und vermehren
lassen. Wer da einen Säckel Geld hat von etwa tausend Groschen, wird der
dadurch das Geld wohl vermehren, wenn er zu diesem Gelde tausend Steine
hinzulegt? So jemand ein Haus besitzt, wird er dadurch zum Besitze eines
zweiten und größeren Hauses gelangen, so er in der Absicht sich eine Menge
Möbel bei einem Schreiner anschafft? So jemand zehn Schafe in einem Stalle hat,
wird er dadurch mehr Schafe bekommen, so er sich noch einen leeren Stall
hinzubaut? Also ist es doch erschaulich, daß zur Vermehrung eines und desselben
Dinges oder Gegenstandes mehrere gleichartige Dinge und Gegenstände vonnöten
sind.
[GS.01_079,06] Da wir nun dieses wissen, so
stelle ich euch nun das Beispiel auf: Es sei irgendein törichter Mann, der aber
den sehnlichen Wunsch hat, Kinder seiner Zeugung zu haben, um sich dadurch in
seinen Kindern fortleben zu sehen; da er aber dabei ein törichter Mann ist, der
nicht weiß, woher und wie die Kinder gezeugt werden, so wendet er sich an einen
falschen Freund und fragt ihn um Rat, wie solches anzustellen sei. Da aber der
habsüchtige, falsche Freund die Torheit unseres Mannes, der ein vermöglicher
Kauz ist, merkt, da gedenkt der falsche Freund und spricht zu sich selbst: Im
Trüben ist gut fischen, die Torheit dieses Mannes will ich mir auf die
lustigste Weise zu Nutzen machen. Und da er solches beschließt, spricht er zum
törichten Manne: Höre, guter Freund, was du erreichen willst, ist sehr
schwierig und mit vielem Kostenaufwande verbunden. Jedoch, wenn es dir
vollkommen ernst ist, so will ich dir eine solche Gelegenheit wohl verschaffen
und dich dann unterweisen, wie du es anzustellen hast. Aber das setze ich zur
Hauptbedingung, daß du mir in allem ungezweifelt folgst. Wirst du mir folgen,
so wird dir dein beabsichtigtes Werk wohl gelingen; wo aber nicht, so bist du
für Zeiten der Zeiten verloren!
[GS.01_079,07] Nach solcher Voräußerung des
falschen Freundes beteuert ihm der törichte Mann und spricht: Da ich weiß, daß
du allein ein so kenntnisreicher Mann bist, so will ich mich dir auch ganz
anvertrauen; gebe mir nur das Mittel an die Hand und mir soll es nicht zu teuer
werden. Was tut aber nun unser falscher Freund? Höret! Anstatt dem törichten
Manne ein lebendiges Weib zu geben, verkauft er ihm um teures Geld eine tote,
hölzerne Bildsäule und spricht zu ihm: Lege diese in ein Bett und hauche sie
fleißig an; so du dich ebenfalls zu ihr in das Bett legst, da wirst du mit der
Zeit unfehlbar zu einer reichen Nachkommenschaft kommen. Unser Mann nimmt nun
solche Bildsäule und trägt sie nach Hause, legt sie sogleich in sein Bett und
legt auch sich sobald zu der Bildsäule und fängt an, diese anzuhauchen. Solches
tut er ein Jahr lang, aber noch will sich kein Nachkomme zeigen: Darum geht er
zum falschen Freunde und fragt ihn um die Ursache. Dieser aber spricht: Was
fällt dir Törichtes ein? Wer wird in einem Jahre schon lebendige Früchte haben
wollen, nachdem doch ein Baum, in die Erde gesetzt, selbst erst nach mehreren
Jahren anfängt, Früchte zu tragen? Er aber preiset ihm zur Erreichung solches
Zweckes noch allerlei andere Mittel an, welche bei ihm, dem falschen Freunde,
käuflich zu haben sind. –
[GS.01_079,08] Der törichte Mann kauft sie
ihm auch nach den bestimmten Preisen ab und gebraucht sie nach der falschen
Vorschrift. Aber es kommt dessen ungeachtet keine lebendige Frucht zum
Vorschein, und wieder erkundigt sich der törichte Betrogene beim falschen
Freunde um die Ursache des Nichtgelingens. Der falsche Freund schiebt die
Ursache des Nichtgelingens gar pfiffig, geheimnisvoll weise tuend, auf allerlei
arglistig ersonnene Umstände und beschwichtigt ihn so lange, bis den törichten
Mann sogar zufolge des herangerückten Alters alle wirkliche Zeugungskraft
verlassen hat. Unser falscher Freund vertröstet den törichten Mann nun damit,
daß eine lebendige Nachkommenschaft ihm sicher dann folgen werde, wenn er das
zeitliche Leben verlassen wird und gibt ihm dazu noch Schutzmittel an, was er
mit der Bildsäule am Ende seines Lebens tun solle, damit ihm aus dieser ganz
sicher eine lebendige Nachkommenschaft werde. Und sehet, der Tor stellt sich am
Ende sogar mit dieser Verheißung zufrieden! Also hätten wir nun das Beispiel.
[GS.01_079,09] Es fragt sich aber, wie haben
wir es zu betrachten, damit uns aus ihm das bedungene Licht wird? Ich sage
euch: Solches wird nun überaus leicht folgen. Nr. 1 ist es doch ersichtlich,
daß sich das Leben nur wieder im Leben und nicht in einer toten Materie zeugen
läßt; also muß der Mann ein lebendiges Weib haben, aber nicht eine tote
Bildsäule aus Holz.
[GS.01_079,10] Jetzt aber kommt Nr. 2.
Betrachtet ihr euch nun als Menschen, in denen das wahre Himmelreich sollte
gezeugt werden, und zwar mit der heiligen Braut des Lebens, welche da ist das
Wort Gottes, lebendig und heißet die Kirche des Herrn.
[GS.01_079,11] So aber die Kirche eine
hölzerne und tote Bildsäule ist, in der kein Leben ist, aber von den
habsüchtigen, falschen Freunden, welche sich Priester Gottes nennen, dennoch
ums Geld trüglicherweise als lebendig und zur Zeugung des Lebens einzig und
allein tauglich verkauft wird, während das Leben doch nur durch das Leben kann
gezeugt werden, da ist ja doch solch eine Kirche ein allerschnödester Betrug,
daß man sich keinen größeren denken kann. Und daß die Anhänger solch einer
Kirche doch sicher nicht minder allerblödsinnigste Toren sind als unser Mann im
Beispiele, muß doch einem jeden nur einigermaßen helleren Denker auf den ersten
Blick sonnenklar in die Augen springen.
[GS.01_079,12] Hat nicht Paulus mit großer
Erregtheit seines Gemütes gepredigt, daß ein jeder verflucht sein soll, der da
ein anderes Evangelium predigen möchte als allein das nur, was der Herr
gepredigt hat, nämlich den Herrn Selbst, der da gekreuzigt worden ist, also
Jesum Christum im Geiste und in der Wahrheit werktätig, der da spricht: „Wer
nicht wiedergeboren wird, der wird nicht in das Reich der Himmel eingehen!?“
[GS.01_079,13] Nun betrachtet aber eine
Kirche, die aus Steinen erbaut ist, eine Kirche, deren Hauptmotto Gold und
Silber ist, eine Kirche, die einen Himmel verspricht, den sie selbst nicht im
geringsten kennt, eine Kirche, die ihre törichten Gläubigen zur Erlangung eines
noch törichteren Himmels mit allerlei geheimnisvollen Mitteln, ums Geld noch dazu,
plagt, treibt, richtet und noch obendrauf fleißig verdammt, und ihr müsset bei
der Betrachtung solch einer Kirche die hölzerne Bildsäule im Bette unseres
törichten Mannes ja ebenfalls auf den ersten Blick unwiderlegbar erkennen, da
dem Manne am Ende nichts übrig bleibt als der lebendige Wunsch, lebendige
Nachkommen zu haben, ohne jedoch sich solcher je erfreuen zu können.
[GS.01_079,14] Sehet, also stehen die Aktien
des Lebens auf der Welt, nicht nur allein in eurer katholischen, sondern auch
in jeder anderen sich ebenfalls für katholisch haltenden Sektenkirche.
[GS.01_079,15] Wenn ihr nun nach diesem
Beispiele unseren vorliegenden Himmel betrachtet, so werdet ihr ihn ebenfalls
sicher auf den ersten Augenblick als vollkommen entsprechend erschauen. Denn da
er eine Frucht ist aus einer Kirche, die da einer toten Bildsäule gleich ist,
so ist auch dasjenige, was das eigentliche Leben in sich selbst sein soll,
ebenfalls nur eine plumpe, tote Plastik und nichts als eine Ausgeburt eines
törichten, betrüglichen und somit auch unmöglich lebendig erfüllten Wunsches.
Daß aber ein solcher Himmel von keinem Bestande sein kann, das kann ja daraus
sehr leicht ersehen werden, so ihr bedenket, daß er nichts anderes ist als eine
Trugplastik des Geistes, der wohl das Leben hätte zeugen mögen, aber dasselbe
nicht zeugen konnte, weil ihm dazu das lebendige Mittel mangelte. Da wir aber
nun solches wissen und diesen Himmel entsprechend kennen, so können wir uns nun
auch schon über die nähere Entwicklung und Enthüllung desselben hermachen, bei
welcher Enthüllung euch noch so manches Trugrätsel klar werden wird.
80. Kapitel – Weitere Erklärung der
Trugkomödie. Die unendlich verschiedene Führung des geistigen Lebens.
[GS.01_080,01] Ihr saget: Solches sehen wir
jetzt wohl ein, wie sich die Menschen dieses Himmels haben vergrößern und
verwandeln können, aber daneben ist es uns dennoch nicht ganz klar, wie sie mit
sich selbst auch ihren Himmel vergrößert haben, da er doch, der
Erscheinlichkeit nach, sich ganz außer ihnen befindet, und sie auf demselben
und in demselben herumgehen wie auf einer natürlichen Unterlage.
[GS.01_080,02] Höret, liebe Freunde und
Brüder, dieses ist ebensoleicht zu verstehen und zu fassen wie das andere, denn
der ganze Himmel ist nichts als eine irrige Vorstellungsweise dieser Geister,
und wächst dann, in derselben Form mit ihnen selbst, zu solch einer Ausdehnung,
wann immer sie sich selbst aufblähen. Damit ihr aber auch solches ganz
gründlich verstehet, so will ich euch ein begreifliches irdisches Beispiel geben.
[GS.01_080,03] Es befindet sich ein Mensch in
einer Gesellschaft, in der ein bestimmter Gegenstand erörtert wird. Dieser
Mensch hat zwar von diesem Gegenstand nicht die leiseste Idee, damit er aber
dennoch nicht wie ein Ignorant dastehe, so kombiniert er sich einen
grundfalschen Satz, der auf alles eher paßt, als auf den zu erörternden
Gegenstand. Es kommt an ihn die Reihe, sich darüber auszusprechen. Er spricht
sich wirklich aus; aber für seinen Ausspruch wird er mit einer allgemeinen
Lache seines Irrtums überwiesen. Was geschieht aber dadurch?
[GS.01_080,04] Ehedem hat dieser Mann selbst
seinem Satze kein großes Zutrauen geschenkt, denn er sagte heimlich bei sich
selbst: Der zu erörternde Gegenstand ist mir zwar so fremd wie der Mittelpunkt
der Erde, und was die andern darüber gesagt haben, scheint ebenso
unverständlich zu sein wie meine Unwissenheit selbst; demnach kann ich ja auch
irgendeinen Satz aufstellen, nur darum, damit ich doch auch etwas gesagt habe.
[GS.01_080,05] Sehet, bis jetzt ist unser
Mann ganz bescheiden und gar wohl erträglich; aber das Lachen der andern hat
sein Ehrgefühl beleidigt, und nun erst fängt er an, über seinen aufgestellten
Satz nachzudenken, findet ihn in seinem Selbstgefühl immer richtiger,
vielbedeutender und treffender. Bei solchem Bemerken der in dem Satze zugrunde
liegenden Vortrefflichkeit, die er zwar freilich wohl im Ernste nicht verbürgen
kann, wird er erbost, fängt an, seine Idee immer höher und höher zu stellen und
sucht am Ende, an der ganzen ihn vorher belachenden Gesellschaft sich zu
rächen. Er fängt an, ihnen zu beweisen, daß solche Hohlköpfe ihn gar nicht
verstanden haben, ja, er stellt es ihnen pomphaft kräftig dar, daß sie kaum in
hundert Jahren dahin gelangen werden, nur einen kleinen Teil von dem gründlich aufzufassen,
was er nun nur so ganz leicht hingeworfen habe.
[GS.01_080,06] Es nähert sich ihm aber einer
und spricht zu ihm: Höre Freund, dein Termin von hundert Jahren ist viel zu
kurz; denn ich habe nach einigem tieferen Nachdenken die außerordentliche Tiefe
deines Satzes, freilich wohl nur wie durch einen Schleier, ahnend erschaut, und
daher meine ich, dergleichen Tiefsinn wird erst in tausend Jahren ans Licht
treten können.
[GS.01_080,07] Eine ähnliche Eloge macht ihm
insgeheim noch ein zweiter. Nun aber ist es auch aus, denn unser Mann fängt
jetzt erst an, über seine unendliche Weisheit zu staunen, bläht sich nun ganz
entsetzlich auf und sieht die anderen Gäste und deren Sätze als pure Mücklein
gegen den seinigen an. Er erhebt sich am Ende so hoch, daß er zu ihnen spricht:
Mit Köpfen, die noch wenigstens um tausend Jahre zurück sind, kann sich
unsereiner über einen Gegenstand doch unmöglich mehr in eine weitere Erörterung
einlassen, indem er nun gar wohl voraussetzen kann, daß dieser eine von ihm
aufgestellte Satz von ihnen in tausend Jahren nicht begriffen wird.
[GS.01_080,08] Sehet, dieses Beispiel ist
ganz klar und ist sozusagen aus eurem tagtäglichen Leben gegriffen. Es zeigt
ganz unverkennbar, wie ein Unsinn samt dem Unsinnsinhaber sich aufblähen und vergrößern
kann, und wenn die Sache von seiten der Gegenpartei, freilich wohl etwas
arglistiger Weise, gut gehandhabt wird, so wird solch ein Unsinn am Ende zu
einer fixen Idee und sonach zu einer wirklichen geistig begründeten falschen
Ausgeburt. Wie aber solches also auf der Erde der Fall ist, so ist das noch
ersichtlicher und lebendiger hier im Reiche der Geister. Diese Himmelsbewohner
hier haben vor unserer Erscheinung auf ihren Himmel eben keinen gar zu großen
Wert gelegt. Wären sie nicht von seiten des Paradieses gefüttert worden, so
hätten sie diesen Himmel schon lange über den Haufen geworfen. Da wir aber
gekommen sind und haben sie samt ihrem Himmel zu verdächtigen angefangen, da
sind sie zwar anfangs zurückgeschreckt, weil sie gesehen haben, daß wir uns mit
ihrer Dummheit nicht sogleich haben abspeisen lassen wollen. Weil sie aber
dadurch sich in sich selbst haben als beschämt empfunden, so fing dann auch gar
bald in einem jeden gleichermaßen der Ehrgeizkitzel zu wachsen an und ihre
himmlische Vorstellung oder dieser ihr Himmel wuchs dann mit ihnen.
[GS.01_080,09] Nun erst erfahren sie selbst
das Außerordentliche ihrer Vorstellung, und daher haben sie auch schon zwei
Podien- und ein Freß-Manöver gegen uns aufgeführt, um uns dadurch die
Großartigkeit ihres Himmels zu zeigen. Da wir uns aber bis jetzt gewisserart
gutmütig nicht haben erschrecken lassen und behaupten noch fortwährend unsern
Platz, so sinnen diese Himmelsbewohner nun auf eine wirkliche, tatsächliche
Rache. Auch dieses Manöver müssen wir sie ausführen lassen, dann erst werden
sie für ein Wort von mir aufnahmefähig werden.
[GS.01_080,10] Ihr aber werdet daraus das gar
überaus Wichtige ersehen, wie die Schule für allerlei falschbegründete Geister
beschaffen sein muß, um sie nach und nach auf den rechten Weg des Lebens zu
bringen. Der Grundsatz lautet also: Kein Geist kann zufolge seiner Freiheit
eher gefangen werden, als bis er sich selbst gefangen hat. Darum müssen aber
auch diesen Geistern hier alle jene Gelegenheiten zugelassen werden, durch
welche sie, unbeschadet ihrer Freiheit, dennoch, gewisserart aus sich selbst,
genötigt werden, in ihr eigenes Garn zu rennen. Wenn sie da allzeit sicherer
Maßen keinen Ausweg mehr sehen, so müssen sie sich ergeben, was gerade so viel
heißt als: So auf der Erde einem Gelehrten ein irriger Grundsatz von allen
Seiten mathematisch richtig widerlegt wird, so muß er endlich seine Waffen
strecken und seines Geistes Kind einer besseren Erziehung anvertrauen.
[GS.01_080,11] Wie aber solches im
buchstäblichen Sinne vor sich geht, und das hier im absoluten Reiche der
Geister, werdet ihr nach dem bevorstehenden Rachemanöver so gut wie sonnenhell
erschauen. Ja, meine lieben Freunde und Brüder, in dem endlos großen Reiche
gibt es Szenen, von denen sich keine menschliche Vorstellung nur den
allerleisesten Begriff machen kann. Wenn ihr, so es dem Herrn genehm wäre, erst
zu einer Totalanschauung gelangen könntet und da sehen, wie die vielerlei
Menschen von der Erde, und dann erst die Menschen von den zahllosen anderen Weltkörpern,
auf den Weg der Wahrheit geleitet werden und somit alle die milliardenmal
Milliarden Szenen erschauen, – ihr würdet darob das Leben verlieren, denn ich
sage euch:
[GS.01_080,12] Großartiger, weiser und
wunderbarer zeigt sich der Herr nirgends wie in dieser unendlich höchst
verschiedenen Führung des geistigen Lebens, und dennoch hat Seine Weisheit
allenthalben die untrüglichsten Wege, alle diese endlosen Verschiedenheiten,
wie ihr zu sagen pflegt, unter ein Dach zu bringen. – Doch harren wir auf unsere
Szene, da werden wir noch so manches kennenlernen. –
81. Kapitel – Dritter Akt auf dem
tragikomischen Podium.
[GS.01_081,01] Nun sehet aber auch hin auf
unser himmlisches Podium! Das Gewölk verfinstert sich und die lichte, große
runde Öffnung im Hintergrunde der nun sich ebenfalls verfinsternden
„Dreieinigkeit“ verengt sich mehr und mehr, und wie ihr bald sehen werdet, so
wird von dieser ganzen Lichtöffnung kaum ein kleinwinzigstes Löchelchen
übrigbleiben. Achtet nur recht wohl auf alles, was da zum Vorschein kommen
wird.
[GS.01_081,02] Sehet, nun herrscht schon eine
völlige Finsternis in diesem ganzen Himmelsraume, und die Ränder der Wolken
werden wie glühend. Auch könnt ihr schon ein fernes dumpfes Rollen eines
mächtig scheinenden Donners vernehmen. Nun wird auch schon im fernen
Hintergrunde die kolossale Dreieinigkeit wie „zornglühend“, und aus dem Munde
der Cherube fängt es an zu blitzen. Das Ungewitter zieht sich näher, hinter den
Wolken brechen Flammen hervor und fliegen kreuzweis gleich mächtigen Blitzen
den weiten Raum entlang.
[GS.01_081,03] Immer feuriger und donnernder
wird die Szene. Wie ihr sehen und bemerken könnt, so stürzen auch schon
mächtige Flammenbündel unter lautem Gekrach gleich einem Hagel hervor in dieses
himmlische Parterre. Wo ein solches Flammenbündel hinfällt, entzündet es die
berührte Materie, und ein wütendes Feuer greift stets mehr vorwärts. Was saget
ihr zu dieser Szene?
[GS.01_081,04] Ich habe es mir wohl gedacht,
daß es euch in eine kleine Beklemmung stürzen wird, da ihr es für rätlich
findet, diesen dritten Akt solch eines ganz verzweifelten himmlischen
Schauspieles nicht bis zum Ende abzuwarten. Ich aber sage euch: Es liegt in
unserer Macht, diesem Feuer sobald Einhalt zu tun, als wir es nur immer wollen.
Daher haben wir uns vor diesem Feuer auch nicht im geringsten zu fürchten. Was
wir aber dabei tun können, tun werden und sogar tun müssen, das wird darin
bestehen, daß wir diesem Feuer mit einem Gegenfeuer begegnen und dieses
Gegenfeuer wird unsere Gegner ganz empfindlich zu brennen anfangen. Da aber die
Gegner solches verspüren werden, so werden sie hervorbrechen und dem Feuer zu
entfliehen suchen. Unser Feuer aber wird sie gefangennehmen und in ihnen ihre
Bosheit verzehren. Sodann erst werden sie fähig werden, Worte von uns zu ihrem
Heile anzunehmen.
[GS.01_081,05] Und so sehet, ich winke nun
mit meiner Hand, und sobald stürzen eine zahllose Menge weißer Flammenbündel
durch die dunkelroten hin auf das himmlische Theaterpodium. Alles gerät in
einen dampfenden Brand, und nun – hört ihr das Geheul unserer Himmelsbewohner?
Sehet, wie sie schon scharenweise durch die Flammen hervorstürzen und um Hilfe
rufen, aber ein jeder Fliehende wird von einer Flammensäule umfaßt und kann
derselben nicht entrinnen. Jetzt ist schon das ganze Podium voll und die ganze,
sehr zahlreiche brennende Truppe stürzt sich herab ins Parterre. Und hier
könnet ihr auch bemerken, daß zwischen den noch forthin gischenden Blitzen
wolkenbruchähnliche Wasserströme sich herabergießen und unseren vom Brande
ergriffenen Himmelsbewohnern eine bedeutende Linderung verschaffen.
[GS.01_081,06] Ihr saget hier wohl: Lieber
Freund und Bruder, das ist ja eine ganz entsetzliche Heilart. Ich aber sage
euch: Sie muß eben also sein, wenn diese stark Kranken geheilt werden sollen,
denn dergleichen Wesen gehören in geistiger Beziehung zu den „Gichtbrüchigen“,
und dieses Übel kann nur durch ein tüchtiges geistiges „Feuerdampfbad“ geheilt
werden. Habt ja doch auch ihr auf der Erde Dampfbäder, die besonders für
gichtische Krankheiten heilsam sind; warum sollte es denn im Reiche der Geister
in solchen Fällen nicht auch entsprechend ähnliche geistige Dampfbäder geben?
[GS.01_081,07] Ich sage euch: Auf der Erde
gibt es nicht eine Erscheinung, welche nicht auch entsprechend im Reiche der
Geister anzutreffen wäre. Also ist auch diese Erscheinung bei weitem nicht so
fremdartig, als ihr es euch anfangs möget gedacht haben. Nur müsset ihr dieses
Feuer nicht eurem irdischen Feuer gleichsetzen, denn hier bezeigt das Feuer,
wenn es zur Erscheinlichkeit kommt, nichts als einen großen „Eifer“. Wie ihr
gesehen habt, so wollten dieses Himmels Bewohner uns durch ihren großen Eifer,
der eine Ausgeburt ihres Falschen und daraus hervorgehenden Argen war,
gleichsam an uns Rache nehmend, in die Flucht treiben.
[GS.01_081,08] Da aber des Himmels Art zu
wirken nicht ist, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, sondern nur Gutes zu tun
denjenigen, die uns zu verderben suchen, und zu segnen diejenigen, die uns
fluchen, so kamen wir ihnen auch nicht mit einem ähnlichen Gegenfeuer entgegen,
sondern mit einem in dem Maße erhöhten „Liebefeuer“, als in welchem Maße sich
ihr „Zornfeuer“ gegen uns ergossen hat. Und das heißt dann wahrhaftige
Brandkohlen über dem Haupte unserer Gegner sammeln. Solches werden sie auch
bald einsehen, indem sie das „lebendige Wasser“, sich von unserer Seite über
sie ergießend, hinreichend überführen wird.
[GS.01_081,09] Nun sehet aber, die ganze
Menge dieser Himmelsbewohner, über tausend Köpfe, schrumpft nun in ihre vorige
Gestalt zusammen, was bezeugt, daß sie in ihrem Eifer nun eine gerechte
Demütigung überkommen haben. Auch der ganze, ehedem noch sehr stark aufgeblähte
Himmel schrumpft nun gleichermaßen zu seiner vorigen Gestalt zusammen. Das
Feuer erlischt, und unsere Himmelsbewohner stehen nun wie völlig nackt vor uns.
Und wie ihr bemerken könnet, so fängt sie auch eine wohltätige Scham an zu
ergreifen, welche allzeit ein sicheres Zeichen ist, daß der Besiegte in sich
anfängt, seine Torheit und das mit derselben verbundene Unrecht einzusehen. –
[GS.01_081,10] Nun aber sind sie auch reif,
williger ein Wort von mir anzuhören, als solches zuvor der Fall war. Und so
will ich denn auch sogleich folgende Frage an den am meisten im Vordergrunde
stehenden ehemaligen „falschen Petrus“ richten und spreche somit: Siehe, du
angeblicher Petrus, wir sind noch hier, denn alle deine himmlischen Mächte und
Kräfte vermochten nichts gegen uns auszurichten. Da solches von dir wie vor
deiner Gesellschaft doch augenscheinlich der Fall ist, so sage mir nun, für was
du mich nun hältst? Bin ich von unten oder bin ich sehr wohl „von oben“ her?
[GS.01_081,11] Der Pseudo-Petrus spricht:
Höre mich nun an! Ich und diese ganze Gesellschaft waren und sind noch von
einer großen Irre befangen. Wir sehen es aber nun klar ein, daß es mit diesem
höchst verzweifelten Himmel, in welchem wir nun alle sehr bitter hergenommen
worden sind, seine überaus stark geweisten Wege haben müsse. Und wir sehen es
auch ein, daß, wenn sich dergleichen Szenen in diesem sehr bedenklichen Himmel
zu öfteren Malen wiederholen sollten, er ebensogut als eine Hölle primo loco
angesehen werden kann, – und wenn allenfalls schon dieses nicht, so doch
wenigstens für ein wohlgenährtes „Fegfeuer“. Daher aber bitte ich dich nun im
Namen aller meiner Brüder, befreie uns, so es dir möglich ist, aus diesem
überaus fatalen Himmel! Ich lege mit dieser Bitte auch, wohl erkennend meine
falsche Petrusschaft, dieselbe zu deinen Füßen nieder und bekenne dabei aus dem
Grunde meines Herzens, daß ich nicht nur nicht für einen Petrus tauge noch
getaugt habe, sondern daß ich noch viel zu schlecht und auch zu dumm bin, um
nur den letzten Sauhalter auf irgendeiner nur ums Kennen besseren geistigen
Trift abzugeben, vorausgesetzt, daß es auch irgendwo in dieser Gegend eine
ähnliche Beschäftigung gibt.
[GS.01_081,12] Ich bitte dich um nichts als
bloß um die Befreiung aus diesem echten „Pappendeckelhimmel“! Wo du mich und
uns alle dafür nur immer hinstellen willst, wollen wir von ganzem Herzen gern
auch für die magerste Kost dem Herrn dienen. Nur mit dem „Fegefeuer“ und mit
der Hölle verschone uns! Denn wie sehr dieses Feuer brennt, haben wir
entsetzlicherweise, wenn auch überaus kurz andauernd, aber doch für ewige
Zeiten eindrucksvoll empfunden.
[GS.01_081,13] Nun spreche ich: Nun gut,
diese Sprache gefällt mir besser denn die frühere. Werdet daher bekleidet und
folget uns ins „Paradies“, wo schon mehrere eurer Brüder auf eine ähnliche
„Erlösung“ harren! Nun sehet, die Nackten sind plötzlich mit lichtgrauen
leinenen Röcken bekleidet worden. Und da wir jetzt diesen Platz verlassen, so
ziehen sie uns, das erstemal ernstlich Gott lobend und preisend, nach. Ihr
saget: Diese leinenen Röcke sehen ja aus wie barste militärische Zwilchkittel,
und die ganze Geschichte hat das Aussehen wie ein armseliger militärischer
Transport.
[GS.01_081,14] Ja, meine lieben Freunde, die
Kleidung richtet sich hier nach der Erkenntnis des Wahren und des daraus
gehenden Guten. Wieviel Wahres und Gutes aber bei diesen Geistern zu Hause war,
habt ihr ja aus ihrem Himmel und aus ihrer Handlungsweise klarst entnehmen
können, daher sind diese Kleider auch vollkommen ihrem Zustande angemessen. Was
aber da nun ferner geschehen wird, werden wir bei der nächsten Gelegenheit gar
leichtlich erschauen.
82. Kapitel – Ankunft der Neugewonnenen „im
Paradiesgarten“. Erkenntnis ihrer Schuld.
[GS.01_082,01] Sehet, wir befinden uns schon
wieder im sogenannten „Paradiese“. Wie ihr euch leicht überzeugen könnt, so ist
es noch das alte, wie wir es vorher gesehen und verlassen haben. Und sehet
dorthin in die Mitte des Paradieses, dort harren unser die früheren
Paradies-Einwohner, und zwar in einer viel demütigeren und nachdenkenderen
Stellung als da die erste war, als wir aus dem Kloster zu ihnen kamen. Unsere
„Himmelsbewohner“ folgen uns ebenfalls demütig; und so gehen wir mit diesem
neuen Fange geradewegs auf die früheren Paradieseinwohner zu.
[GS.01_082,02] Sehet, unser früherer
Vorsteher dieses Paradieses und die zwei ersten Redner machen schon von weitem
sehr große Augen, da sie uns die ganze himmlische Gemeinde folgen sehen. Denn
auf eine Eroberung des Himmels waren sie eben nicht zu sehr gefaßt und haben
dieselbe bei sich für einen heimlichen Probierstein gehalten, nach welchem sich
die vollgültige Wahrheit unserer allfälligen Sendung erweisen sollte.
[GS.01_082,03] Da aber nun der ganze Himmel
gedemütigt und besiegt hinter uns einherzieht, so sagt soeben der Prior zu
seiner Gesellschaft: Höret, Freunde, bei solchem Umstande bekommt die Sache
freilich wohl ein ganz anderes Gesicht. Diese drei sind bestimmt von einer uns
noch unbekannten göttlichen Macht hierhergesandt; das ist nun so klar wie die
Sonne um die Mittagszeit auf der Erde. Aber was wir nun bei dieser ganz
entsetzlichen Gewißheit anfangen sollen, das ist eine ganz andere Frage. Wie
ist unser Gewissen bestellt? Wie verhält sich unser früheres Benehmen gegen
diese hohen Boten? Das ist wieder eine ganz andere Frage. Kommen wir nach ihrem
allfälligen, sicher richterlichen Ausspruche entweder, wenn es gut geht, ins
Fegfeuer, oder, der Herr stehe uns bei! – etwa gar in die Hölle? Höret,
Freunde, das ist eine noch ganz andere, entsetzlich verzweifelte Frage!
[GS.01_082,04] Sie nahen sich uns auch mit
ganz entsetzlich ernsthaften Gesichtern, aus denen für uns wahrlich nicht viel
Tröstendes herausschaut. Wenn ich aber auch nur zurückdenke, wie unser
priesterliches Leben auf der Welt beschaffen war, und bedenke, wie wir, das
Evangelium des Herrn wohl kennend, aber auch nicht mit einer Silbe dasselbe im
wahren christlichen Sinne werktätig unter uns haben walten lassen, und wie wir
im buchstäblichen Sinne des Wortes und der Bedeutung allzeit dem reinen
göttlichen Geiste entgegen gearbeitet haben, o Brüder, da möchte ich nichts so
sicher je getroffen haben, als nun diese Behauptung, daß uns samt und sämtlich,
bei den höchst traurig waltenden Umständen, nichts als die pure, nackte,
allerheißeste Hölle erwartet! Ich möchte beinahe auszurufen anfangen, daß die
Berge über uns herfallen sollen, damit wir nicht länger das Angesicht solch
erschrecklicher Richter ansehen müssen!
[GS.01_082,05] Der andere bessere Redner
wendet sich an den Prior und spricht: Höre, Freund und Bruder, ich meine, wir
sollten hier nicht vorzeitig zu verzweifeln anfangen, denn dazu wird es noch
immer Zeit genug sein, wenn wir einmal im Ernste verdammt sind. Es ist uns aber
ja ein altes Sprichwort bekannt, welches also lautet: „Ein gutes Wort findet
auch einen guten Ort.“ Also verlassen wir uns auf unsere Bitte und auf unsere
möglichst größte Demütigung und verzweifeln nicht zu vorschnell an der großen
Erbarmung des Herrn. Wer weiß, ob diese drei Boten uns nach der
allerentsetzlichsten und unerbittlichsten Strenge richten werden; denn wenn sie
von Gott ausgesandt sind, so werden sie sicher besser und sanfter in ihrem
Urteile sein als wir es je waren gegen die vermeintlichen Sünder wider unsere
alleinseligmachend sein wollende Kirche.
[GS.01_082,06] Der Prior spricht: O lieber
Freund und Bruder, deine Tröstungen schmecken freilich so süß wie Honigseim und
die allerbeste Milch. Aber wenn ich mich dabei an die Worte Christi im
Evangelium erinnere, welche Christus, der Herr, also ausspricht, und zwar gegen
die „falschen Propheten“ und somit Namenchristen und Namenpriester: „Gehet und
weichet von Mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, welches dem Teufel und
seinen Engeln bereitet ist; denn Ich kenne euch nicht, ihr Täter des Übels, ihr
habet allzeit dem hl. Geiste widerstrebt!“ – Freund, was sagst du zu diesem
Texte?
[GS.01_082,07] Der andere spricht: Ja,
Brüder, der Text ist über alle Maßen schrecklich und für uns auch vollkommen
passend wahr. Ich muß dir dagegen auch noch bekennen, daß ich mich nun für die
Hölle nicht im geringsten für zu gut fühle. Wenn der Herr im Ernste nicht
barmherziger sein wird als wir es auf der Welt zuallermeist waren, da dürfte
dieser Text allerschrecklichster Maßen wohl seine gerechteste Anwendung finden.
Denn es heißt: „Seid barmherzig, so werdet ihr Barmherzigkeit finden!“ Da aber
liegt eben der Hund begraben, denn mit der Barmherzigkeit hat es bei uns auf
der Welt seine ganz entsetzlich geweisten Wege gehabt. Wenn ich nur bedenke,
mit welcher Leichtigkeit, mit welcher Siegesfreude wir so oft von den Kanzeln
ganze Völker zur Hölle verdammt haben, da fängt es mir selbst an, ganz gewaltig
zu bangen, und mit meiner früheren, an dich gerichteten Tröstung fängt es nun
an, bei mir selbst hohl zu werden.
[GS.01_082,08] Ein dritter spricht: Freunde
und Brüder, ich verstehe euch ganz; wir sind verloren! Daher meine ich, wir
sollten uns vereinen und gerade zu dem Hauptboten hingehen, der da in der Mitte
ist, sollten ihn um nichts als nur um einen nicht zu allerheißesten Grad der
Hölle bitten und ihm dadurch den entsetzlichen richterlichen Ausspruch
ersparen, und zwar in der alleinigen Rücksicht dessen, daß wir auf der Erde
doch zuallermeist durch die kirchliche Gewalt so und nicht anders zu handeln
genötigt waren. Wir haben demnach auch die kirchlichen Vorschriften erfüllt, ob
sie recht oder nicht recht waren. Daher meine ich, wenn wir solches auch mit
dem Bewußtsein, daß es nicht dem Worte Gottes gemäß war, auf der Welt geleistet
haben und haben dadurch nicht Gott, sondern dem Mammon gedient, so haben wir
doch auch nicht leichtlich anders handeln können.
[GS.01_082,09] Freilich hätten wir lieber den
Märtyrertod erleiden sollen, als wider Christum handeln! Aber dazu war ja unser
Glaube eben durch unsere Kirche zu schwach, als daß wir so etwas hätten an uns
sollen bewerkstelligen lassen. Also meine ich denn auch, daß wir uns darum
nicht der allerschärfsten Hölle schuldig gemacht haben. Gott sei alle Ehre und
Sein Name werde allezeit über alles hoch gepriesen! Ich meine, Er wird mit uns
ja doch nicht das Allerschlimmste vorhaben, und so erwarten wir denn mit der
allerdemütigsten Ruhe, was der Herr über uns beschließen wird!
[GS.01_082,10] Sehet nun, die ganze
Gesellschaft ist mit ihm demütigst einverstanden. Und da dadurch alle sich
gehörig erniedrigt und gedemütigt und so auch unter sich ihre Schuld erkannt
haben, so wollen wir uns ihnen denn auch völlig nahen und mit ihnen eine
gerechte Bestimmung treffen. Seid aber an meiner Seite nun auch vollkommen
ernst, denn es klebt noch so manches an dieser Gesellschaft, was von ihr ganz
ernstlich zuvor entfernt werden muß, ehe sie für eine höhere Bestimmung
tauglich wird.
83. Kapitel – Das ewige Wort Gottes als der
Richterstuhl Christi.
[GS.01_083,01] Wir wären nun schon auf gute
Redeweite bei der Mönchsgesellschaft; und so will ich denn auch sogleich meine
Fragen an diese Gesellschaft erneuern, damit wir daraus ersehen, inwieweit sich
eben diese Gesellschaft zufolge unserer früheren Besprechung mit ihr gefunden
hat. Ihr fraget zwar: Muß solches in dieser geistigen Welt auch allzeit
wörtlich abgemacht werden? Steht es Geistern von deiner Vollkommenheit nicht
zu, solche trügliche Geister ohne Wortwechsel auf den ersten Augenblick zu
erkennen, wie sie inwendig beschaffen sind?
[GS.01_083,02] Ich sage euch: Solches steht
jedem Geiste des obersten Himmels zu, und er kann somit auch jeden
unvollkommenen Geist auf den ersten Blick durch und durch schauen. Aber dadurch
ist dem unvollkommenen Geiste nicht viel geholfen, und es ist nahe derselbe
Fall, als so auf der Erde irgendein Verbrecher eingefangen würde. Das Gericht
ist zwar durch Zeugen beim ersten Verhöre völlig überzeugt, daß das
eingefangene Individuum sich eines gewissen Verbrechens schuldig gemacht hat.
Dessen ungeachtet aber kann es den Verbrecher dennoch nicht zur gesetzlichen
Strafe verurteilen, und das so lange nicht, als bis sich der Verbrecher selbst
seines Verbrechens entäußert hat. Das Wort aber ist das alleinige Mittel der
inneren Entäußerung, oder, der Mensch wie der Geist gibt sich durch das Wort
der äußerlichen Beschaulichkeit preis, also wie er beschaffen ist in seinem
Inwendigen.
[GS.01_083,03] Daher nützt auch hier die
alleinige Erkenntnis von meiner Seite hinsichtlich der innern Beschaffenheit
dieser Geister, allein für sich genommen, so gut wie nichts. Aber ich kann
zufolge dieser Erkenntnis die Geister so zur eigenen Äußerung leiten, daß sie
mir, wie notgedrungen, nicht ausweichen können, und müssen daher ihr
Inwendigstes eben durch ihr Wort nach außen kehren und es der allgemeinen
Beschaulichkeit preisgeben.
[GS.01_083,04] Dadurch wird denn auch die
Stelle in der Fülle der Wahrheit ersichtlich, da es heißt: „Von den Dächern
wird man es euch laut verkündigen!“ Und wieder heißt es, wie Paulus spricht:
„Wir müssen alle vor dem Richterstuhle Christi offenbar werden!“, welches alles
soviel besagt als: Alles muß durch das Wort offenbar oder entäußert werden,
denn das Wort ist der eigentliche Richterstuhl Christi. Und „vom Dache laut
verkündigen“ besagt, daß sich ein jeder durch sein eigenes Wort wird richten
oder, besser gesagt, sein Inneres völlig entäußern müssen. Denn wie das Dach
sonst ein Schutzmittel des Hauses ist, so ist auch, geistig genommen, das Wort
dasjenige eigenliebige und eigenschützende Mittel, durch welches der Mensch bei
seinem Leibesleben sich so gut als möglich vor allen von außen her auf ihn
einwirkenden Ungewittern beschützt. Da aber in diesem Sinne das Eigenwort in
geistiger Beziehung gleich ist einem Hausdache, hier aber in der geistigen Welt
durchaus keinen Schutz mehr gewähren kann, so heißt „vom Dache laut
verkündigen“: durch das eigene Wort sich aller inwendigen Schalkheit entäußern.
Ihr habt schon dergleichen Entäußerungen eine Menge gehört; dessen ungeachtet
aber wird euch das Fernere nicht überflüssig sein.
[GS.01_083,05] Ich will daher meine schon
vorbestimmte Frage aus dem euch nun bekanntgegebenen Grunde an diese
Mönchsgesellschaft richten, und ihr werdet daraus ersehen, welch ein arger
finsterer Kern noch in ihr verborgen liegt. Und so habet denn acht! Ich will
nun meine Frage stellen und spreche:
[GS.01_083,06] Nun, wie ihr sehet, bin ich
nach der Überwindung eures Himmels wieder hierhergekommen; wie sieht es nun mit
eurer innern Erkenntnis aus und mit eurer Demütigung darnach? Haltet ihr euch
noch für wirkliche Diener des Herrn? Oder haltet ihr euch vielmehr für
eigenwillige betrogene Betrüger des Volkes?
[GS.01_083,07] Der Prior spricht: Wir haben
uns geprüft und uns vollkommen der höllischen Strafe würdig befunden, da wir
bei guter Betrachtung völlig erkannt haben, daß du ein wahrer Bote der
göttlichen Gerechtigkeit und dazu mit einer Macht ausgerüstet bist, von welcher
alle unsere Mauern und Türme wie nichtige Spreu zerfallen. Wir sind und bleiben
dem Herrn ewige Schuldner, und ein jeder von uns trägt so viel von dieser
Schuld auf seinem eigenen Nacken, daß sie ihm zufolge der göttlichen
Gerechtigkeit ewig nimmer vergeben werden kann. Wir haben daher mit dir nichts
Weiteres mehr zu reden, sondern bitten dich, wenn es dir möglich ist, nur um so
viel göttliche Gnade und Erbarmung, daß du uns ob unserer Schuld nicht in den
allerbittersten und allerschmerzlichsten Grad der Hölle verdammest.
[GS.01_083,08] Wäre hier zu beichten möglich,
so wollten wir hundert Jahre lang beichten, um dadurch die Lossprechung von
unserer Schuld nach dem Grade der mit der Beichte verbundenen Buße zu erlangen.
Aber da hier solches nicht mehr möglich ist und wir nach Paulus liegen, wie wir
gefallen sind, so bleibt uns ja nichts anderes übrig, als traurigst das
Verdammungsurteil von dir zu erwarten.
[GS.01_083,09] Nun spreche ich: Also mit der
Beichte, meint ihr, wäre es wohl möglich, sich von den Sünden loszumachen? Wenn
euer Glaube dahin geht, da saget mir doch, bei welcher Gelegenheit denn der
Herr auf der Erde die Beichte als ein sündenvergebendes Mittel eingesetzt hat?
[GS.01_083,10] Der Prior spricht: Lieber
Freund! Solches wirst du doch wissen, wie der Herr Seinen Aposteln die Macht zu
lösen und zu binden eingeräumt hat. Da ist ja doch sonnenklar erwiesen, daß der
Herr die Beichte eingesetzt hat, auch spricht ausdrücklich der Apostel Jakobus:
„Bekennet einander eure Sünden.“ Wenn man dieses alles wie noch so manches
andere betrachtet, so ist es ja doch unmöglich in eine Abrede zu bringen, als
hätte der Herr die Beichte nicht offenkundigst als ein sündenvergebendes Mittel
eingesetzt.
[GS.01_083,11] Nun spreche ich: Höre, Freund
und Bruder, wenn du das Wort Gottes so verstehst, da ist es kein Wunder, daß du
dich hier im Grade der Verzweiflung befindest. Sage mir, welche Torheit könnte
wohl größer sein als diese, so da wären zwei sich gegenseitig feindselige
Menschen, also zwei gegenseitige Sünder oder Schuldner, einen jeden aber würde
mit der Zeit dieser sündige Zustand im Gewissen zu drücken anfangen. Damit sich
aber ein jeder dieses lästigen Zustandes entledige, da ginge er zu einem andern
Menschen hin und möchte sich seines lästigen Zustandes dadurch entledigen, daß
ihm dieser ganz fremde Mensch, den die gegenseitige Feindseligkeit der beiden
nicht im geringsten angeht, die Schuld tilgte. Sage mir, wenn nun ein solcher
fremde Mensch, den die ganze Schuld nicht im geringsten angeht, eine solche
Schuldentilgung auf sich nimmt, was ist er da wohl? Ist er nicht ein
allergröbster Betrüger? Du bejahst mir solches in deinem Gemüte. Gut, es soll
dir aber die Sache noch klarer werden.
[GS.01_083,12] Nehmen wir an, der A wäre dem
B tausend Pfund schuldig. Der A aber, anstatt dem B die tausend Pfund
getreulich zurückzuzahlen, läßt sich von einem betrügerischen C verleiten, an
diesen, dem der A nie einen Heller geschuldet hatte, die Schuldforderung des B
anstatt mit tausend Pfund bloß mit hundert Pfund völlig zu tilgen. Was wird
wohl der B zu dieser Schuldtilgung sagen, und wird dadurch wohl der A aufhören,
dem B schuldig zu sein? Ich meine, solches können sogar die höllischen Geister
nicht behaupten. Also können wir vom Herrn um so weniger solches behaupten, da
Er doch in Sich die allerhöchste Liebe und Weisheit ist.
[GS.01_083,13] Daher werden deine angeführten
Texte über die sündenvergebende Gewalt schon einer anderen Erklärung
unterworfen werden müssen; denn mit deiner früheren kommst du auf keinen Fall
durch. Ich will dir aber darum eine kurze Frist gönnen, damit du dich darüber
gehörig erforschen und mir dann kundgeben sollst, wie du diese Sache nun
gefunden hast, aber über sieben Minuten sollst du nicht darüber nachdenken. Und
so denn erforsche dich im Geiste und in der Wahrheit. Amen.
84. Kapitel – Von der Sünde wider den
Heiligen Geist.
[GS.01_084,01] Sehet, unser Prior hat seine
Erforschung schon gemacht und beginnt soeben, sich darüber vor uns zu
entäußern. Also höret denn, er spricht: Lieber Freund, ich habe deine Beispiele
und deine Frage in aller meiner Tiefe wohl erwogen und kann dir darüber nichts
anderes sagen, als daß du vollkommen recht hast. Denn ich sehe jetzt zum
erstenmal in meinem zweifachen Leben, daß die Beichte ein allergrößter Mißgriff
sowohl in die göttlichen wie in die gegenseitig brüderlichen Rechte ist.
[GS.01_084,02] Man kann sich im Ernste nichts
Tolleres denken, wie ich es jetzt einsehe, als daß sich zwei gegenseitige
Schuldner dadurch zufriedenstellen müssen und ein jeder gegenseitig schuldlos
wird, so ein dritter, den weder des einen noch des andern Schuld im geringsten
angeht, einem oder dem anderen die Schuld nachläßt; oder wenn gar ein dritter
zufolge der Annahme eines geringen Betrages, natürlich auf die ungerechteste
Weise von der Welt, einen Schuldner dahin überzeugend bestimmen will, daß er
dadurch dem Gläubiger die bedeutend größere Schuld vollkommen abgetragen hat. O
Freund, das ist mir nun so klar wie diese überaus durchsichtige Luft hier. Aber
nun kommt eine andere Frage:
[GS.01_084,03] Wenn es überzeugend und
ungezweifelt also ist, welches Los erwartet da am Ende alle die törichten
Beichtväter und welches die Beichtkinder? Wenn ich bedenke, daß das in meiner
Kirche gerade die hauptsächlichste „Conditio sine qua non“ ist, da fährt's mir
nun eiskalt und wieder höllisch heiß durch mein ganzes Wesen.
[GS.01_084,04] Wie aber war es denn um
Gottes, unseres Herrn, willen möglich, daß dieser entsetzliche Unsinn so tiefe
und unausrottbare Wurzeln hat schlagen können? O Freund, ich will ja für meine
Torheit gerne in der Hölle büßen, aber laß mich zuvor nur auf drei Jahre lang
mit einem unsterblichen Leibe zur Erde gelangen. Ich will da der Kirche ein
Licht anzünden, das für ihren Unsinn bei weitem gefährlicher werden soll als
ein weißglühendes Stück Eisen einem Wassertropfen. Denn ich weiß nur zu gut,
mit welcher entsetzlichen Hartnäckigkeit die Hohepriesterschaft dieser Kirche
auf diesem allerunsinnigsten Betruge reitet und sehe es auch ein, wie sie nie
auf dem gewöhnlichen, natürlichen Wege diesen Unsinn fahren lassen wird. Daher
möchte ich, wie gesagt, mit einem unsterblichen und unzerstörbaren Leibe hinab,
um diesem und noch so manchem andern nicht minder zu beachtenden Unsinne dieser
Kirche ein Ende zu machen.
[GS.01_084,05] Nun spreche ich: Lieber Freund
und Bruder, dessen hat der Herr nicht vonnöten. Erfasse aber die
Sündenvergebung hier aus dem wahren Gesichtspunkte, und es werden sich dir millionenfach
Gelegenheiten bieten, dieselbe hier ums Unaussprechliche besser und dienlicher
in eine ersprießliche Anwendung zu bringen, als wenn es dir gestattet wäre,
tausend Jahre auf der Erde mit aller Wundertätigkeit dagegen zu wirken.
[GS.01_084,06] Denn die Erde ist nicht ein
Ort der Reinigung, sondern nur ein Ort der Prüfung des freien Willens, und da
ist denn auch alles frei. Guter Sinn und Unsinn, Satan und Engel können
nebeneinander einhergehen.
[GS.01_084,07] Damit aber der Wille des
Geistes in seiner Freiheit sich üben kann, so müssen auf einem Weltkörper auch
allerlei Reizungen vorhanden sein, welche unablässig dahin wirken, den Menschen
von der Wahrheit abzuziehen und ihn ins Falsche zu leiten, wodurch dann ein
jeder Mensch, wie ganze Gesellschaften, einen beständigen Kampf zu bestehen
haben, durch welchen die Lebenskraft geübt und die Freiheit des Willens
irgendeine bestimmte Richtung annehmen muß.
[GS.01_084,08] Wolltest du demnach deine
Absicht auf einem Weltkörper, wie in einer kirchlichen Gesellschaft, in eine
helleuchtend wirkende Werktätigkeit bringen, so müßtest du fürs erste alle
Reizungen des Fleisches aufheben, und zwar den Geschlechtsreiz, dann das
lebendige Gefühl und daneben auch alle Bedürfnisse des leiblichen Menschen rein
vernichten. Wenn du aber solches tätest oder tun könntest, was wird wohl der
Mensch auf einem Weltkörper dann sein?
[GS.01_084,09] Siehe, aus diesen lebendigen
Reizungen aber geht ja das menschliche Geschlecht selbst hervor und sonach auch
aller Tätigkeitstrieb des hervorgegangenen Menschengeschlechtes. Wenn es dir
nun sicher klar sein wird, daß die Ausrottung des Falschen und damit
verbundenen Argen bei den Menschen auf den Weltkörpern, im Vollmaße genommen,
auf keine andere Weise denkbar möglich ist, als durch die Ausrottung des
menschlichen Geschlechtes selbst, so wirst du doch auch einsehen, daß dein
vermeintliches dreijähriges wundertätiges Sein auf einem Weltkörper noch bei
weitem weniger fruchten wird für die Gegenwart wie für die Zukunft, als da zur
völligen Umkehrung all des Falschen und Argen gefruchtet hat das Erdendasein
des Herrn und das Leben vieler mit Seinem Geiste erfüllter Apostel und Jünger.
[GS.01_084,10] Ich will dir aber sagen, warum
du eigentlich auf die Erde möchtest. Siehe, es sind zwei Gründe; der Hauptgrund
heißt Rache und der andere Grund, um dadurch ganz irriger Weise durch ein
falsches und schlechtes Mittel dem Herrn für deine eigene Torheit eine noch bei
weitem törichtere Genugtuung zu leisten! Daher stehe du von deinem Vorhaben nur
ganz lebendig ab und lasse statt der Rache in deinem Herzen die wahre Nächsten-
und Bruderliebe aufkeimen, und du wirst dann bald in dir klarst erschauen, auf
welch eine viel zweckmäßigere Weise man hier im Orte der eigentlichsten
Reinigung (Purgatorium) nach dem allerhöchst weisen Liebeplane des Herrn den
Torheiten der Welt begegnen kann.
[GS.01_084,11] Da du, wie ich es ersehe,
solches auch samt deiner ganzen Gesellschaft begreifst und einsiehst, so muß
ich dich nun darauf aufmerksam machen, daß du mir die eigentliche Antwort über
die sündenvergebenden Texte in der Schrift noch schuldig bist. Wir können eher
keinen weiteren Schritt vorwärts tun, als bis diese Sache völlig lebendig
erörtert ward. Und so denn mache dich nur an die Beantwortung, und zwar zuerst an
die in der Schrift vorkommende Lösungs- und Bindungsstelle im 18. Verse des 18.
Kapitels Matthäus wie gleichlautend auch im 23. Verse des 20. Kapitels
Johannis. Wirst du solches beantwortet haben, dann erst gehen wir auf Jakobum
über. Und so denn rede!
[GS.01_084,12] Der Prior spricht: O lieber,
erhabener Freund! In diesem Punkte wird es mir unaussprechlich schwer gehen,
und du wirst es mir nicht verargen, so ich dich allerdemütigst darum bitte,
denn von mir wirst du in dieser Hinsicht wohl schwerlich je eine genügende
Antwort bekommen können, indem ja selbst der Tod nichts nehmen kann, wo nichts
ist.
[GS.01_084,13] Nun spreche ich: Siehe, ich
habe es ja gewußt, daß es auf das hinausgehen wird. Du wolltest auf die Erde
gehen, deine Kirche zu bessern; sage mir, auf welche Art hättest du das wohl
angestellt, so dir zu einer solchen Unternehmung das Allernötigste und
Allerwesentlichste mangelt?
[GS.01_084,14] Der Prior spricht: O erhabener
Freund, wahrlich, meine Torheit wächst wie ein wucherndes Unkraut auf einem
gedüngten Boden. Ich sehe jetzt, auf diese deine Frage und Erörterung, daß ich
nicht einmal für einen Sauhalter tauge, geschweige erst zu einem wundertätigen
Kirchenverbesserer. O sage mir doch, wieviel des allergrößten Unsinns steckt
noch in mir?
[GS.01_084,15] Spreche ich: Ich sage dir, es
ist noch eine tüchtige Portion, aber die Beantwortung meiner Frage wird in dir
Wunder tun. Daher habe acht, wie ich sie dir nun beantworten werde; und so höre
denn.
[GS.01_084,16] Ich will dir den Johannes
darlegen, da dieser die Erleuchtung des hl. Geistes voraussetzt: „Nehmet hin
den Heiligen Geist; denen ihr die Sünden vergeben werdet, denen sollen sie auch
im Himmel vergeben sein; denen ihr sie aber vorenthalten werdet, denen sollen
sie auch im Himmel vorenthalten sein.“ – Also lautet der Text; wie aber ist
sein Verständnis?
[GS.01_084,17] „Nehmet hin den hl. Geist“ –
heißt so viel als: Werdet erleuchtet mit Meiner Wahrheit! – und heißt tiefer
noch: Folget Mir in allem nach! – und am allertiefsten heißt es: „Liebet euch
untereinander, wie Ich euch geliebet habe! Denn daraus wird man erkennen, daß
ihr Meine wahrhaftigen Jünger seid, so ihr euch untereinander liebet.“ –
[GS.01_084,18] Siehe, das heißt: Nehmet hin
den hl. Geist! Denn der Herr hat kein Gebot als das der Liebe gegeben, also
kann Er auch unmöglich einen andern Geist als nur den der Liebe bieten und
geben. Verstehst du diesen Text? Du bejahst es mir in deinem Herzen; gut, so
gehen wir weiter.
[GS.01_084,19] „Denen ihr die Sünden vergeben
werdet, denen sollen sie auch vergeben sein im Himmel“ – das heißt soviel als:
Wenn wer immer aus euch nach Meinem Geiste der Liebe und Weisheit seinem Bruder
die Schuld, welche dieser Bruder gegen ihn hat, erlassen wird, dann will auch
Ich eben diese Schuld nicht nur dem schuldigen Bruder, sondern auch dem
Erlasser der Schuld jegliche Schuld von Mir nachlassen. Wenn aber jemand im
Gegenteile, was der zweite Teil des Textes besagt, seinem Bruder die Schuld
nicht erlassen wird, dann will ich dafür auch dem Gläubiger seine Schuld
vorenthalten. Wenn aber der Gläubiger sich dem, der gegen ihn gesündigt hat,
versöhnen will, der Schuldner aber will die Versöhnung nicht annehmen, da werde
auch Ich gegen den Schuldner unversöhnlich bleiben, solange er sich mit seinem
Gegner nicht versöhnen wird.
[GS.01_084,20] Siehe, das ist die im Himmel
alleingültige Erklärung dieser Texte. Was aber diejenigen Sünden betrifft,
welche ein Mensch wider Gott und dann wider seinen eigenen Geist begeht, so
kann diese Sünden ja doch niemand vergeben als derjenige nur, gegen dessen
heilige Ordnung sie begangen wurden. Und die Sünde gegen den eigenen Geist kann
doch auch sicher niemand anderer vergeben oder nachlassen, als eben der eigene
Geist selbst, das heißt durch den vollernstlichen Willen, aus Liebe zum Herrn
sich selbst zu verleugnen und solche Sünde fürder nimmer begehen zu wollen.
[GS.01_084,21] Was aber eine Sünde wider den
göttlichen Geist betrifft, der an und für sich die auswirkende Liebe des Herrn
ist, da wird es etwa doch klar sein, wenn jemand sich dem allerhöchst wirkenden
Gnadenmittel eigenmächtig entgegenstellt, daß sich dann sehr bedeutungsvoll
fragen läßt: durch welches Mittel solle der wohl rettbar sein, so er gegen das
allerhöchste, über das keines mehr ist, allerfreventlichst ankämpft?
[GS.01_084,22] Siehe, das ist demnach die
völlige bedeutungsvolle Erläuterung der sündenvergebenden Texte, welche
gleichbedeutend in aller Kürze in dem erhabensten Gebete des Herrn allerklarst
dargelegt ist, da es unwiderruflich heißt: „Vergib uns unsere Schuld, so wie
wir vergeben unseren Schuldigern.“ Und es heißt nicht etwa: Vergib uns unsere
Schuld nach dem Grade unserer Bußwerke, also wie wir gebeichtet, genug getan,
dann kommuniziert haben, und wie uns der Beichtvater von unseren Sünden
losgesprochen hat. Noch an einer andern Stelle wird dadurch von einer
allgemeinen Sündenvergebung gesprochen, daß es heißt: „Seid barmherzig, so
werdet ihr Barmherzigkeit erlangen.“ – Was wieder nicht heißt: Beichtet, so
werden euch die Sünden erlassen.
[GS.01_084,23] Und im Gleichnis vom
verlorenen Sohne zeigt der Herr doch mit dem Finger, welches das allergültigste
Mittel ist, um zur Vergebung seiner Sünden zu gelangen, nämlich die wahre
liebtätige, demütige und liebeerfüllte Umkehr zu Gott, dem allerbesten und
allerliebevollsten Vater aller Menschen! – Verstehst du solches? Du bejahst es;
also wollen wir uns an den Jakobus wenden.
85. Kapitel – Das Wort des Herrn! Der eigentliche
Richter.
[GS.01_085,01] Was den Jakobus betrifft, so
sagt er mitnichten, daß die Gemeinde ihre allfälligen Sünden einem Ältesten der
Gemeinde „beichten“ soll, sondern er will dadurch nur das sagen, daß kein
Bruder in der Gemeinde vor dem andern etwas geheim haben soll und von der
ganzen Gemeinde nicht wollen für besser gehalten werden, als er im Grunde
wirklich ist. Und das ist der Grund, warum der Jakobus anempfiehlt, aber
durchaus nicht bestimmt gebietet, daß man sich gegenseitig die Sünden oder
Fehler bekennen soll.
[GS.01_085,02] Wenn aber alles dieses
unwiderlegbar der Fall ist, was ist demnach die Ohrenbeichte in der
katholischen Kirche? Ich sage dir, sie ist nichts anderes als eine zinstragende
Sünden-Bank, wo die Menschen ihre Lebensobligationen und Schuldscheine
versetzen. Durch dieses Versetzen machen sie sie durch den kirchlichen Wucher
doppelt zinserträglich, einmal ein jeder für sich, zum andern, da er durch die
Beichte sich zwar den Augen seiner Brüder und Nebenmenschen entzieht, auf daß
sie ja nicht wissen sollen, wer er so ganz eigentlich seinem Inwendigen nach
ist und ihn somit wenigstens nach der Beichte sogleich wieder für einen
grundehrlichen Menschen ansehen sollen, während er doch nach der Beichte auf
ein Haar derselbe Mensch bleibt, der er vor der Beichte war.
[GS.01_085,03] Also werden alle gebeichteten
Sünden auf diese Art nur aufbewahrt, und jeglicher Eigentümer bekommt sie hier
insoweit gut verzinst zurück, als er auf diese Weise erstens sich selbst und
dann alle seine Nebenmenschen betrog! Sich selbst, weil er sich nun nach einer
jeden Beichte für einen vollkommen der göttlichen Gnade würdigen Menschen ansah
und zu dem Behufe auch allzeit ein gewissenerleichterndes Wohlgefallen an sich
selbst hatte. Seine Nebenmenschen aber betrog er dadurch, daß diese nie wußten,
wie sie so ganz eigentlich mit ihm daran sind und ihn daher auch notgedrungen
für viel besser ansehen mußten, als er es von jeher war.
[GS.01_085,04] Das sind also die Zinsen, und
sie heißen: doppelter Betrug! Und dieser Betrug wird noch zu einem
Hauptbetruge, welcher darin besteht, daß der also Beichtende in den Wahn gerät,
sich auch vor dem Herrn vollkommen gerechtfertigt zu haben.
[GS.01_085,05] Ich kann dich versichern, wenn
Judas, der Verräter, eine christliche Gemeinde gestiftet hätte, sie wäre sicher
besser ausgefallen als diese, welche nicht aus dem Christentume, sondern aus
dem Heidentume dadurch hervorgegangen ist, daß man das Heidentum mit dem
Christentume nur ein wenig gesalzen hat. Denn wie bei einer Speise das Salz den
kleinsten Teil ausmacht, so macht auch in diesem Heidentume das Christentum den
allerkleinsten Teil aus. Das wäre zwar noch erträglich, wenn es nur gut wäre.
Aber ist das Salz selbst schal, wie soll es dann das reine Heidentum zu einem
Christentume würzen?
[GS.01_085,06] Das Heidentum hatte viele
Götter, darum mochte es auch mit der neuen Würze nicht bei dem einen Gott
verbleiben, sondern machte drei aus Ihm. Und nach diesem dreigeteilten Gotte
vergöttlichte es dann auch die Menschen, welche auf der Erde gelebt haben, um
dadurch einen Ersatz für seine abgenützten „Halbgötter“ und „Hauslaren“ zu
bekommen. Das alte Heidentum war den Priestern überaus einträglich, das reine
Christentum aber war solcher Gewinnsucht gerade entgegen, nachdem es ausdrücklich
heißt: „Umsonst habt ihr's empfangen, umsonst sollt ihr's auch wieder
weitergeben.“
[GS.01_085,07] Solches konnte das Heidentum
nicht brauchen, daher machte es lieber ein „Sündenregister“. Und weil nach dem
Mosaischen Gesetze zu wenig gesündigt ward, so gab es noch eigenmächtige,
schwer zu haltende Gesetze hinzu, konstruierte dann zu dem Sündenregister und
dem sehr zahlreichen Gesetzbuche die sündenvergebende „Beichte“ und leitete
durch diese Beichte die Menschheit auf allerlei einträgliche Bußwerke hin.
Durch diese hat sich dann das alleinseligmachende Pontifikat mit Hilfe noch
anderer einträglicher gottesdienstlicher Zeremonien zu einem Weltglanze
emporgearbeitet, vor welchem alle Könige bebten!
[GS.01_085,08] Damit aber dieses
alleinseligmachende Pontifikat sich noch unabhängiger und also auch
unumschränkter wirkend aufstellen konnte, wußte es durch ein vortreffliches
Mittel sich ein mächtiges stehendes Heer, über eine Million stark, zu bilden,
welches allerorts die Burgen, Festungen, Städte und Länder der Kaiser, Könige
und Fürsten unüberwindlich besetzte und somit alle Reiche sich botmäßig und
zinspflichtig machte. Das Heer sind die „Priester“ und „Mönche“, und das Mittel
ist der „Zölibat“. Auf diese Weise war die (neu) heidnische Kirchenmacht unüberwindbar
begründet. Da aber jeder Herrscher, so er wissen will, wie es mit seinen
Untertanen stehe, geheime Kundschafter haben muß, so waren solche geheime
Kundschafter auch dem Pontifikate überaus notwendig. Wer sind aber diese
Kundschafter? Siehe, das gesamte Priestertum.
[GS.01_085,09] Und wie heißt das Mittel,
durch welches die geheimen Gesinnungen ausgekundschaftet wurden und noch
werden? Es ist kein anderes als die „Beichte“. Und siehe, das auch ist der
zweite Gewinn, und das für die Beichtiger, also für das gesamte finstere
Priestervolk.
[GS.01_085,10] Und worin besteht dieser
Gewinn? Ich sage dir, er besteht in nichts anderem, als daß für die Kirche alle
die gebeichteten Sünden ganz als eigentümlich zugute geschrieben werden,
zugleich aber auch noch in dem damit notwendig verbundenen eigennützigen
Menschenbetruge, durch welchen sie in den Wahn gebracht werden, so oft vor Gott
gerechtfertigt zu sein, als wie oft sie nur immer gebeichtet haben.
[GS.01_085,11] Und mit eben solchem „Gewinne“
ausgerüstet stehet nun ihr dahier, und es läßt sich nun abermals eine neue
Frage setzen, welche also lauten soll: Was werdet ihr nun zur Verringerung oder
wohl gar zur gänzlichen Tilgung solch eines allerbarsten Höllengewinnes
vorbringen? Denn das muß ich euch sogleich hinzubemerken, daß durch ein pures
unvermitteltes Erbarmen von seiten des Herrn ewig niemand zum Leben eingehen
kann; denn wer nicht hat, dem wird noch genommen werden, was er hat.
[GS.01_085,12] Sehet, das ist die wichtige
Frage, welche ihr noch zu erörtern habt. Ich gebe euch dazu ebenfalls eine
Frist. Könnt ihr etwas hervorbringen, das hier im Reiche der nackten Wahrheit
und völligen Untrüglichkeit angenommen werden kann, so ist es wohl und gut,
könnt ihr aber solches nicht, so habt ihr schon in euch, was euch richten wird.
Glaubet es mir, nicht der Herr und nicht ich werden euch richten, sondern das
Wort, das der Herr geredet hat, das wird euch in euch selbst richten, da ihr,
wie ihr nun aus dieser meiner Erklärung gar deutlich habt entnehmen können,
demselben allzeit gerade entgegen gehandelt habt, daher denn auch dasselbe in
keinem Punkte für euch, sondern nur eben gerade wider euch sein muß.
[GS.01_085,13] Der Prior spricht: Ja, also
ist es. Nun ist das Urteil für die Hölle schon so gut wie fertig; denn was
sollte ich für meinen Vorteil nun hervorbringen? Ich kann nichts anderes sagen
als: Herr, sei uns armen, blinden Toren und allergröbsten Sündern gnädig und
barmherzig! Ich sehe nichts als nur die überschwengliche Fülle meiner Schuld
vor mir, und dazu bedarf es wirklich keiner Frist. Es kommt am Ende auf nichts
anderes als auf das nur hinaus, daß wir länger in der peinlichen Lage
verbleiben müssen, zu erwarten das schreckliche Urteil, welche Erwartung mir
und sicher uns allen schon jetzt peinlicher vorkommt, als da das Feuer der
Hölle selbst sein muß. Daher bitte ich dich auch, halte uns nicht länger mehr
hin, sondern gib uns dahin den Stoß, wohin wir gehören.
[GS.01_085,14] Spreche ich: Hier waltet nicht
meine Willkür, sondern die göttliche Ordnung! Daher hast du dich auch derselben
zu fügen, willst du nicht eigenmächtig für ewig zugrunde gehen. Darum sage ich
dir noch einmal, daß du reden sollest in dem dir gegebenen Punkte. Denn ich
sehe in dir noch eine Befürwortung für die Beichte, und solange diese nicht aus
dir ist, kannst du diese Stelle nicht verlassen; daher beachte die Frist und
rede dann! Amen. –
86. Kapitel – Der Herr ist auch in der Hölle
pur Liebe.
[GS.01_086,01] Unser Prior hat bereits in
dieser neuen kurzen Frist alle Winkel seines Wesens durchsucht und hat, wie ihr
bald aus seinem Munde vernehmen werdet, glücklicherweise eine Entschuldigung
für seine Sache gefunden. Wir wollen ihm daher auch sogleich die Gelegenheit
bieten, in welcher er sich seiner vorgefundenen Befürwortung entäußern soll,
und somit spreche ich zu ihm: Lieber Freund und Bruder! Ich sehe, daß du einen
Fund gemacht hast und hast somit deine Frist weise benützt. Laß daher deinen
günstigen Fund offenkundig werden.
[GS.01_086,02] Der Prior spricht: Ich habe im
Ernste einen Fund gemacht, der im günstigsten Falle wohl ein allerredlichstes
Beichtwesen entschuldigen kann; ob aber dieser Fund auch mir zu Gunsten
gerechnet werden kann, das ist eine himmelhoch andere Frage. Ich muß zwar hier
auch ebenso aufrichtig wie in allem anderen über diesen Punkt für meine Person
gestehen, daß er besonders hinsichtlich der Beichte mir auf der Welt
zuallermeist tröstend war. Ob aber diese Tröstung von mir aus rechtlich oder
widerrechtlich angenommen war, das ist wieder eine andere Frage.
[GS.01_086,03] Der Punkt selbst aber ist das
„Gleichnis vom ungerechten Haushalter“, der sich in seiner Stellung, wenn man
es recht genau betrachtet, fast gerade so verhält, wie ein Beichtvater zu
seinen Beichtkindern. Der Herr lobte den ungerechten Haushalter und sagte sogar
zu Seinen Jüngern, daß auch sie sich auf gleiche Weise Freunde machen sollten
am ungerechten Gute, damit diese dann, wenn der Herr von seinem Haushalter
Rechenschaft fordern wird, ihn in ihre himmlischen Wohnungen aufnehmen möchten.
[GS.01_086,04] Siehe, das ist aber auch
alles, was ich zu meinen Gunsten habe finden können. Ich denke auch, daß viele
von meinen Beichtkindern vom Herrn aufgenommen worden sind und sich in den
himmlischen Wohnungen befinden werden. Ich war freilich ein ungerechter
Haushalter: am ungerechten Gute des göttlichen Wortes habe ich mich versündigt,
zum Nachteile des großen Hausherrn habe ich mit diesem unschätzbaren Gute
gewirtschaftet, welches für mich im höchsten Grade als ein ungerechtes Gut
betrachtet werden kann, da ich es im buchstäblichen Sinne des Wortes in den
schändlichsten Mammon verwandelt habe.
[GS.01_086,05] Wie oft habe ich den
allerbarsten Schuldnern gegen den Herrn ihre Schuld auf der Beichttafel
ausgelöscht, ließ ihnen das Hauptkapital völlig nach und nur das läßliche
kleine Kapital ließ ich den Schuldnern noch übrig, als welches bloß die
läßlichen Sünden als zurückgebliebene Makel von den großen betrachtet werden.
Diese allein wurden einer eigenen Bußläuterung überlassen, nebstbei aber
dennoch auch an läuternde Mittel angewiesen, durch welche der läßliche
Schuldner gar leicht ohne alle Mühe seiner läßlichen Schuld loswerden konnte.
[GS.01_086,06] Daß die Kirche eigenmächtig
solche Mittel angeordnet hat, welche nicht nur ich, sondern ein jeder Priester
in ähnlichen läßlichen Schuldfällen zu gebrauchen streng angewiesen ward, dafür
kann ich wohl so wenig als jeder andere meinesgleichen. – Hier hast du nun
alles, was ich dir geben kann: Deine Weisheit wird besser denn all mein
Verstand diese Sache beurteilen.
[GS.01_086,07] Nun spreche ich: Nun, lieber
Freund und Bruder, ich habe deine Entschuldigung vernommen und sage dir, daß
sie für die Sache der Ohrenbeichte wohl taugt, aber wie? Das ist eine ganz
andere Frage, und dieses will ich dir alsogleich kundgeben.
[GS.01_086,08] Wenn der Beichtiger im wahren
Sinne in seinem Herzen voll Liebe ist und benützt die Gelegenheit der Beichte
also, daß er dem Beichtenden zeigt, wann und auf welche Weise ihm allein vom
Herrn die Sünden nachgelassen werden, und zeigt ihm, daß die Beichte an und für
sich ohne die Beachtung der freundlichst angeratenen Mittel und deren völlige
Beobachtung gänzlich wirkungslos ist und im Gegenteile einen Sünder, wenn er in
der Beichte an die völlige Nachlassung seiner Sünden glaubt, nur noch
verstockter und unverbesserlicher macht. Und wenn der Beichtiger dem
Beichtenden noch dazu allerfreundlichst und liebevollst den Rat erteilt, daß er
allersorgfältigst und vollernstlichst dahin trachten solle, daß er durch
Vermeidung all seiner bekannt gegebenen Sünden sich auf den Wegen, welche das
Evangelium vorzeichnet, unabwendbar fortbewegen solle, auf welchen Wegen er
allein zur Wiedergeburt des Geistes gelangen kann, – und der Beichtende dem
Beichtiger darauf die aufrichtigste Versicherung gibt, daß er alles Mögliche
aufbieten wird, um dem Rate des Beichtigers vollkommen zu genügen, und der
Beichtiger dem Beichtenden auf solch eine ersichtlich lebendige Zusicherung im
Namen des Herrn die bekanntgegebenen Sünden nachläßt, – so ist er ein rechter
Beichtiger, und kann in dem Falle als ein ungerechter Haushalter angesehen
werden.
[GS.01_086,09] Du fragst hier freilich wohl
bei dir selbst, wie in diesem Falle ein Beichtiger noch ein ungerechter
Haushalter sein kann? Solches kannst du zum Teil aus dem schon von mir
kundgegebenen Verhältnisse ersehen, demzufolge niemand zwischen zwei
gegenseitigen Schuldnern das Recht hat, die Schuld zu tilgen, außer so ein
Dritter zwischen die Schuldner und Gläubiger tritt, sie mit der Lehre der Liebe
wieder vereint und für einen armen Schuldner an einen Gläubiger aus seiner
Kasse liebtätigst die Schuld bezahlt, aber wohlgemerkt mit dem Beisatze, wenn
mit solcher liebtätiger Schuldtilgung beide Teile völlig brüderlich freundlich
einverstanden sind.
[GS.01_086,10] Und im zweiten Falle ist die
ungerechte Haushalterschaft eines solchen redlichen Beichtvaters noch ganz
vorzüglich aus dem Texte der Schrift zu ersehen, wo der Herr zu Seinen Aposteln
und Jüngern spricht: „So ihr aber alles getan habt, da saget und bekennet: Wir
sind unnütze Knechte!“
[GS.01_086,11] Ich meine, daß es in dem Falle
nicht mehr nötig sein wird, dich noch tiefer belehren zu müssen; denn wenn du
an das Evangelium nur noch einen Funken lebendigen Glaubens hast, so muß dir
das bereits von mir Gesagte als eine ewig unumstößliche Wahrheit völlig
einleuchtend sein. Du sagst mir jetzt in deinem Gemüte: Mir ist dieses alles
nun nur zu klar; aber was soll jetzt mit mir und uns allen geschehen, da wir
samt und sämtlich nicht als ungerechte Haushalter angesehen werden können,
indem wir, wie wir hier sind, wohl nie in diesem reinsten Sinne im Beichtstuhle
gesessen sind? Ich sage dir aber: Der Weg ist schon geöffnet, und es soll dir
gar bald die Gelegenheit werden, hier im Reiche der Untrüglichkeit einen besser
gearteten ungerechten Haushalter zu machen, als du ihn auf der Erde gemacht
hast, allwo dir Licht und der lebendigste Glaube im vollkommensten Maße
fehlten.
[GS.01_086,12] Siehe hinter uns den ganzen
betrogenen Laientroß, siehe die große Menge der Laien in diesem Paradiese, dann
siehe ferner die bedeutende Menge der „Seelenschläfer“ in diesem Kloster eurer
falschen Begründung! Gehe hin und predige ihnen das wahre Evangelium, bringe
sie alle hierher, und du wirst dadurch den ersten Schritt tun, um ein
wahrhaftiger „ungerechter Haushalter“ im Reiche Gottes zu werden.
[GS.01_086,13] Der Prior spricht: O du
göttlicher Freund und Bruder! Wäre es denn wohl noch möglich, daß ich der Hölle
entrinnen könnte?!
[GS.01_086,14] Ich spreche: Wer hat dich denn
zur Hölle verdammt? Meinst du, die Boten der ewigen Liebe werden solches tun?
Wenn du dich selbst nicht verdammst durch deinen unbeugsamen Sinn, und wenn du,
wie ich es sehe, Liebe zum Herrn in dir empfindest, wo ist wohl da derjenige,
der über alles das die Macht hätte, dich zur Hölle zu verdammen? Meinst du, der
Herr sendet Seine Boten der Verdammnis wegen? O da bist du noch in einer großen
Irre!
[GS.01_086,15] Der Herr sendet Boten nur der
Erlösung, aber ewig nie der Verdammnis willen! Daher kümmere dich nicht mehr um
Törichtes, sondern mache deine Liebe zum Herrn hell auflodern und gehe hin in
solcher Liebe zu deinen Brüdern und führe sie alle aus ihren Gefängnissen
hierher, und du wirst dann erst erfahren, wie der Herr Seine Kinder richtet.
[GS.01_086,16] Glaube mir, der Herr ist auch
in der Hölle pur Liebe; und nicht ein arger Geist ist darinnen, der nicht, so
er nur will, berechtigt wäre, als ein verlorner Sohn zum Vater zurückzukehren!
– Wenn aber solches der allergewisseste und untrüglichste Fall ist, so wirst du
wohl auch aus deiner Liebe zum Herrn schließen können, daß dich Seine Allmacht
nicht für die Hölle erschaffen hat. Daher gehe nun und tue, was ich dir gesagt
habe, auf daß dir bald eine Löse werde! –
87. Kapitel – Vom Unterschied der rechten und
falschen Beichthandhabung.
[GS.01_087,01] Sehet, der Prior geht, um
diejenigen zu holen, die wir ehedem jenseits der flammenden Kluft verlassen
haben. Ihr fraget wohl, ob über diese Kluft schon irgendeine Brücke gemacht
ist, über welche sich die Seelenschläfer zu uns hierher begeben können? Ich
sage euch: In dieser Hinsicht ist zwar bis jetzt noch nichts geschehen, weil
nach unserer Entfernung unsere Seelenschläfer mit sich selbst ein Mitleid zu
empfinden angefangen haben, welches aber für den Menschen in Beziehung auf das
geistige Leben von einer äußerst schlechten Wirkung ist.
[GS.01_087,02] Im Eigenmitleide rechtfertigt
der Mensch sich selbst, schiebt alle Schuld woanders hin und stellt sich sonach
als ein schuldloser und zugleich aller Erbarmung würdiger Mensch dar. Da
solches eben bei unseren Seelenschläfern, wie schon bemerkt, der Fall ist, so
kann auch über die Kluft noch keine Brücke sein, über die sie zu uns
hierhergelangen könnten. Solches dient aber auch für unseren Prior zu einer
starken Probe, und es wird sich zeigen, was diese Seelenschläfer-Brüderschaft
bezüglich ihres mißlichen Zustandes auf ihn für eine Wirkung machen wird.
[GS.01_087,03] Ihr möchtet wohl Zeugen von
seiner Handlungsweise sein, ich aber sage euch, solches ist vorderhand durchaus
nicht notwendig, denn wir werden seiner noch früh genug wieder ansichtig
werden, da er sicher unverrichteter Dinge hierhergelangen wird.
[GS.01_087,04] Wir aber wollen uns dafür
unterdessen lieber an einen anderen Mönchsbruder wenden und da sehen, welche
Wirkung unsere Bearbeitung des Priors auf ihn gemacht hat. Wir brauchen nicht
zu sagen: Komme her und enthülle dich uns! Denn ihn selbst drückt der Schuh,
und so kommt er, wie ihr sehet, eben in der Absicht zu uns und stellt soeben
folgende Frage an mich, sagend (der Mönch): Guter Freund und Bruder! Ich habe
deiner Belehrung über die Beichte vom Anfange bis zum Ende mit der größten
Aufmerksamkeit und innern Würdigung zugehört und daraus entnommen, daß leider
diese Hauptfunktion in der katholischen Kirche zumeist ein allerverkehrtester
Mißbrauch des göttlichen Wortes ist. Man kann deiner ausgesprochenen reinen
Wahrheit füglichermaßen nichts einwenden. Aber dessen ungeachtet, daß wir hier
solches einsehen, besteht diese Funktion in eben dieser Kirche, wie sie seit
Jahrhunderten bestanden hat und auch fürder bestehen wird, dennoch fort.
[GS.01_087,05] Wenn aber eben diese Funktion
sowohl für den Beichtiger wie auch für den Beichtenden von einem so entschieden
großen Nachteile in Hinsicht auf das ewige Leben des Geistes ist, so läßt sich
da wohl mit dem besten Gewissen von der Welt die gewichtige Frage stellen,
warum der allgerechte, liebevollste, allerhöchst weise, allmächtige Herr und
Gott Himmels und der Erde so einen Greuel in Seinem Weingarten duldet?
[GS.01_087,06] Denn ich muß dir zudem noch
offen bekennen, daß eben durch diese Beichte gar manche Menschen auf der Erde
sichtbarermaßen große Lieblinge des Herrn waren und Er Sich ihnen auch zu
verschiedenen Malen leibhaftig geoffenbart hat. Und so viel ich mich entsinnen
kann, so hat Sich der Herr zu keinem dieser Seiner Lieblinge über diese
Funktion mißbilligend geäußert.
[GS.01_087,07] Im Gegenteile weiß ich mehrere
Fälle, wo eben auf diese Weise der Herr durch Seine Lieblinge den andern
Menschen kundgetan hat, daß sie für ihre begangenen Sünden, reumütigst
beichtend, wahre Buße zur Vergebung ihrer Sünden wirken sollten. Und ich weiß
auch mehrere Fälle, wo Menschen, welche diesen Rat vollkommen beherzigt haben,
nach einer solchen im vollsten Ernste vorgenommenen Beichtfunktion im Geiste
und in der Wahrheit völlig wiedergeboren worden und dann von dem Augenblicke an
wahre, hochachtbare Freunde des Herrn geblieben sind.
[GS.01_087,08] Wenn es aber dennoch mit
dieser Funktion auf diesem Fuße steht, wie du uns alle vorhin belehrt hast, da
muß ich dir offen bekennen, daß mir die Leitung des Menschengeschlechtes auf
der Erde von seiten des Herrn ein unauflösliches Rätsel ist. Soviel ich mich
recht wohl erinnern kann, ist die Beichte ja ohnehin so gestellt, daß der
Sünder durch diese Bußfunktion nur dann die Vergebung seiner Sünden überkommt,
wenn er dieselben mit dem ernstlichsten Vorsatze dem Priester kundgibt, daß er
sie als erkannte Fehltritte seines Lebens wahrhaftigst bereut und in der
Zukunft vorsätzlich ernstlich nimmer wieder begehen will.
[GS.01_087,09] Wenn diese Bedingung von
seiten des Beichtenden nicht erfüllt wird, so wird ja ohnehin möglichst oft von
den Kanzeln bekanntgegeben, und namentlich vor den allgemeinen Beichtzeiten,
daß da niemand, wie gesagt, ohne die völlig erfüllten Bedingungen die
Nachlassung seiner Sünden erhalten kann.
[GS.01_087,10] Also wird auch sowohl von den
Kanzeln wie in den Beichtstühlen sorgfältigst gepredigt und gelehrt, daß da
niemandem eine Sünde von seiten des Herrn nachgelassen werden kann, wenn der
Beichtende nicht zuvor sich mit allen seinen Schuldnern aus dem innersten
Grunde seines Herzens verglichen hat. Wenn irgend vielleicht ein größerer Unfug
mit dieser Funktion getrieben wird, obwohl es die allgemeine kirchliche Regel
haben will, daß eben diese Funktion in solch reinem Sinne gehandhabt werden
soll, so kann solch ein Unfug ja doch nicht der Allgemeinheit zur Last gelegt
werden.
[GS.01_087,11] Sieh, ich will in dieser Sache
durchaus nicht das berühren, ob von seiten der Kirche die Forderung des Herrn
laut der bekannten Texte richtig oder unrichtig aufgefaßt worden ist; aber das
ist denn doch sicher, daß es der Herr eben nicht für gar so unbillig,
wenigstens auf der Erde, ansehen muß, weil Er diese Funktion fürs erste hat
aufkeimen lassen und fürs zweite diesen aufgekeimten Baum noch immer in Seinem
Weingarten duldet und dieser Baum Ihm auch bekanntermaßen stets eine reichliche
Ernte abwirft.
[GS.01_087,12] Denn das ist einmal gewiß:
Wenn jemand krank ist, so soll er zu einem Arzte gehen, demselben sein Übel
anzeigen, auf daß es der Arzt dann in der Wurzel erkenne und dem Leidenden
dafür ein wirksames Heilmittel biete. Wenn aber solches leiblichermaßen wohl
niemand unbillig finden kann, indem man doch auch sagen könnte: Dem
allmächtigen Herrn allein steht es zu, alle Krankheiten zu heilen, was Er auch
sicher tut nach Seiner Ordnung, so der Leidende im lebendigen Vertrauen auf den
Herrn die Mittel von dem wohlerfahrnen Arzte als vom Herrn gesegnet gebraucht.
[GS.01_087,13] Wenn also, wie gesagt, solches
für den Leib gilt, da sehe ich wirklich nicht ein, warum es gleichermaßen nicht
auch für die kranke Seele des Menschen gelten sollte. Sind wirkliche leibliche
„Unterärzte“ an der Seite der göttlichen Liebe und Allmacht nicht als
überflüssig anzusehen, aus welchem Grunde sollen denn geistige Unterärzte an
der Seite der göttlichen Liebe und Erbarmung überflüssig sein? Zudem sind die
Menschen ja vom Herrn angewiesen, gegenseitig liebtätig zu sein.
[GS.01_087,14] Wenn es durchaus nie als
gefehlt betrachtet werden kann, wenn man die Nackten bekleidet, die Hungrigen
speiset, die Durstigen tränket, die Betrübten tröstet, die Gefangenen erlöset
u. dgl. m., und der Herr Selbst in dem Beispiele, wer der wahre Nächste ist,
dem Erschlagenen durch den barmherzigen Samaritaner Hilfe gesandt hat, – wie
sollen demnach geistige Werke der Erbarmung und Liebe des Herrn von seiten
Seiner geistigen Unterärzte in ihrer Art, wie sie bestehen, dem Herrn ein
Greuel sein? Sind sie schon nicht, wie sie sein sollten, vollkommen
entsprechend diesem reinsten Reiche der Wahrheit, so können wir spät
nachfolgenden Diener dieser kirchlichen Hauptregel aber dennoch nicht umhin, so
wir diese Regel, wie sie ist und besteht, zur Vergebung der Sünden und
Besserung der Menschen gebraucht haben.
[GS.01_087,15] Ich meine aber, einen
absoluten Greuel hätte der Herr auf der Erde schon lange ausgemerzt; da er aber
sicher dennoch in keinem schlechten Sinne besteht, so möchte ich, wie schon
anfangs erwähnt, in dieser Hinsicht von dir ein etwas helleres Licht
überkommen.
[GS.01_087,16] Nun spreche ich: Mein Freund
und Bruder, deine Frage ist wichtiger und bedeutender, als du dir selbst
denkst, und um sie gehörig zu beleuchten, gehört mehr Licht dazu, als du
gegenwärtig zu ertragen vermagst. Vorläufig will ich dir nur soviel sagen, daß
die Führung der Seelen von seiten des Herrn viel wunderbarer und
außerordentlicher ist, als du in Ewigkeiten nur den allerkleinsten Teil davon
wirst zu fassen imstande sein.
[GS.01_087,17] Siehe, in Anbetracht auf den
Herrn gibt es nirgends einen Irrweg; jeder ist dem Herrn wohlbekannt und jeder
geht von Ihm aus als ein Lebensband. Aber du wirst doch auch einen Unterschied
machen zwischen einem geraden und einem krummen Wege?
[GS.01_087,18] Daß Sich der Herr auch auf dem
krummen Wege zurechtfindet, das liegt außer allem Zweifel; daß aber der Mensch
auf einem krummen Wege nicht so bald ans Ziel gelangt wie auf einem geraden,
das wird wohl auch außer Zweifel liegen. Wenn ein Weg viele Seitenwege hat,
welche vom Ziele ablenken, und man nicht selten zufolge eines solchen Abweges
die ganze Erde vielfach umwanden kann, bis man an das gerechte Ziel kommt –
solches wird auch nicht so schwer zu begreifen sein –, so ist es doch klar, daß
es dem Herrn nicht einerlei sein kann, ob jemand auf solchen Seitenwegen sich
Ihm naht, oder ob er sich auf dem kürzesten Wege zu Ihm begibt.
[GS.01_087,19] Du sagst zwar in deinem
Innern: Solches alles ist richtig; aber dessen ungeachtet siehst du nicht ein,
wie die Beichte in dieses Beispiel hineinpaßt, indem du sie ebenfalls für einen
allerkürzesten Weg ansiehst. Ich sage dir: Es ist allerdings nicht in Abrede zu
stellen, daß diese Funktion nicht selten für manche Menschen ein kürzester Weg
war; wie aber? Weil der Herr solch einem Menschen, der es mit der Besserung
seines Lebens ernst nahm, entgegenkam und leitete Ihn dann Selbst auf den
geraden und kürzesten Weg. Das ist aber noch kein Grund, um dieser Funktion ein
billigendes Wort zu reden. Es gibt auch Tausende und Tausende aus den Heiden,
denen der Herr ebenfalls entgegenkommt und sie nach Seiner Art auf den geraden
Weg führt. Solches ist eine ledige Erbarmung des Herrn. Weil Sich aber der Herr
solcher Heiden erbarmt, sollte man darum dem Heidentume das Wort reden?
[GS.01_087,20] Ich aber habe ja ohnehin im
Verlaufe meiner Belehrung gezeigt, wie eine Beichte beschaffen sein soll, wenn
sie vom Herrn aus als billig und sogar anempfohlen betrachtet werden kann. Ich
habe den ungerechten Haushalter gezeigt, in welchem Gleichnis der Herr einzig
und allein vorgesehen die bestehende katholische Beichte billigt. Ist demnach
der Beichtiger gleich dem ungerechten Haushalter und tut seine Funktion in
diesem allein wahren und zu billigenden Sinne, so ist die Beichte auch
evangelisch, also ein Zweig an dem wahren Baume des Lebens. Ist sie aber nur
ein eigenmächtiges priesterliches Gericht, so ist sie ein getrennter Zweig vom
Baume des Lebens, der keine Früchte tragen kann.
[GS.01_087,21] Daß von seiten der
katholischen Gemeinde unter der Leitung des römischen Bischofs schon gar viele
dem Herrn wohlgefällige Früchte getragen worden sind, und daß diese Funktion
nicht selten eine gute Demütigung für die Menschen ist, das wissen wir viel
besser als du. Wäre solches nicht der Fall, da kannst du versichert sein, daß
der Herr einem reinen Unfuge allezeit gar wohl zu steuern versteht, wie Er es
auch zu Zeiten der verschiedenartigen kirchlichen Reformationen getan hat,
indem in dieser Zeit eben diese Funktion auf den Grad der unsinnigsten
Ausartung gediehen ist. Aber aus alldem geht für dieses Reich der reinen
Wahrheit noch keine vollkommene Billigung hervor.
[GS.01_087,22] Wenn der Beichtiger sagt, daß
nicht er, sondern allein der Herr die Sünden vergeben kann, und betrachtet sich
dabei nur als ein liebtätiges Werkzeug, das dem geistig Bedrängten eben in der
Beichte wie auch auf der Kanzel die reinen Wege zum Herrn zeigt, so ist er ein
rechter Beichtiger, das heißt, er ist als solcher ein liebeerfüllter,
wahrhaftiger Menschenfreund, dem das geistige Wohl seiner Brüder über alles am
Herzen liegt. Wenn er aber spricht: Ich habe die Gewalt, dir die Sünden zu
erlassen oder vorzuenthalten, und es hängt von mir ab, dich in die Hölle oder
in den Himmel zu bringen, so maßt er sich die göttliche Gewalt an.
[GS.01_087,23] Er macht seinem Bruder dadurch
Gott entbehrlich, zerreißt das Band zwischen Gott und dem Menschen und macht
aus dem Menschen entweder einen verzweifelten Verächter alles Göttlichen, oft
einen verzweifelten Bösewicht, der sich mit der Zeit, über alles hinaussetzend,
nicht mehr scheut, alle möglichen Greuel ohne den geringsten Gewissensdruck zu
verüben. Oder er macht aus dem Menschen entweder einen Gleißner oder einen
gewissensruhigen Nachbeichtschläfer, der sich nach der Beichte um kein Haar
anders befindet, als er sich vor der Beichte befunden hat, indem er glaubt, in
der Beichte seinen alten Sündensack ausgeleert zu haben und sich am Ende auch
noch allerunsinnigstermaßen vorstellt, daß er wegen der nächsten Beichte im
Ernste wieder etwas sündigen muß, damit er etwas zu beichten und der Priester
ihm gewohntermaßen wieder etwas nachzulassen hat.
[GS.01_087,24] Wenn es sich nun, wie gesagt,
mit dieser Funktion also verhält, sage mir, ist sie da wohl zu billigen? Du
verneinst solches in deinem Innern; also sage auch ich dir, daß deine Frage Nr.
1 als völlig überflüssig anzusehen ist, wenigstens für diesen gegenwärtigen
Standpunkt; fürs zweite ist sie eben dadurch beantwortet. Der Verfolg aber wird
euch allen erst in dieser Hinsicht ein mächtigeres Licht anzünden.
88. Kapitel – Der Prior in Not vor der Kluft.
Von der wahren Brücke der Erlösung. Vom Tode zum Leben.
[GS.01_088,01] Und da sehet ihr nun hin:
Unser Prior kommt mit einem ganz verzweifelten Gesichte unverrichteter Dinge soeben
wieder aus dem Kloster zurück und naht sich uns mit großer, zweifelvoller
Bangigkeit seines Gemütes. Er wird sich vor uns auch sogleich zu entäußern
anfangen, daher habet nur acht darauf, denn daraus werdet ihr wieder um einen
tüchtigen Schritt tiefer in die göttlichen Führungen eingeweiht werden.
[GS.01_088,02] Der Prior ist bereits
gegenwärtig und fängt an, seinen Mund zu öffnen. Also hören wir, denn er
spricht: O Freund und Bruder! Was für eine Bewandtnis es vorerst mit deiner und
dann auch mit dieser meiner Sendung hat, das wird wohl der Herr am besten
wissen; aber ich werde auf keinen Fall klug daraus. Denn siehe, ich kam nach
deiner Beheißung hinüber zu unseren seelenschlafenden Brüdern und wollte sie
eben auch nach deiner Beheißung hierherführen. Aber was für eine
Entsetzlichkeit mußte ich da gewahr werden?!
[GS.01_088,03] Siehe, zwischen mir und ihnen,
die da heulten und wehklagten, war eine breite Kluft, aus welcher helle Flammen
hervorschlugen. Hinter diesen Flammen waren meine Brüder fortwährend bemüht,
irgend darüberzukommen; aber es war umsonst. Ich suchte Gegenstände über die
Kluft zu legen, um ihnen dadurch eine Notbrücke zu machen. Allein, was immer
ich über die Kluft legte, ward alsbald von den Flammen ergriffen und jählings
verzehrt.
[GS.01_088,04] Da ich also bei aller
Anstrengung und bei meinem besten Willen deiner Beheißung nicht zu entsprechen
vermochte, dachte ich mir, da das Unmögliche doch selbst Gott von niemandem
verlangen kann, so kann solches auch umso weniger ein von ihm abgesandter Bote
verlangen. Denn über diese Kluft eine Brücke zu machen, die dem schauerlichen
Elemente Trotz bieten würde, war mir rein unmöglich.
[GS.01_088,05] Und so kehrte ich denn
notgedrungen unverrichteter Sache wieder also zurück, wie ich gesandt wurde und
dachte mir, entweder habe ich deine Sendung nicht verstanden, oder du hast mich
mit dieser Sendung einen handgreiflichen Beweis an mir selbst erfahren lassen,
demzufolge ich ersehen sollte, wie völlig untauglich und ungeschickt ich zum
Reiche Gottes bin. Und sei es denn, wie es wolle, dachte ich mir ferner, eine
nachträgliche Beleuchtung von deiner Seite wird hier wohl am
allereigentlichsten Platze sein. Also bin ich denn wieder hier und habe dir
kundgetan, wie es mit der Sache steht. Du aber magst tun, was du willst. Das
sehe ich klar ein, daß wir alle dir nicht zu widerstreben vermögen. Und wärest
du auch kein Bote von oben, so müßte sich unsere geringe Kraft dennoch von der
deinigen unterjochen lassen, weil sie ihr nirgends auch nur im allergeringsten
zu opponieren vermag.
[GS.01_088,06] Ich muß dir ferner noch
hinzubekennen, daß ich beim Anblicke des großen Jammers meiner Brüder an deiner
göttlichen Sendung nahe zu zweifeln angefangen habe; doch dachte ich mir
wieder, man müsse das Ende abwarten und dann erst urteilen. Daher warte ich nun
auch hier deine verheißene Lösung ab und will nach derselben erst ein Urteil in
mir selbst fällen, daraus mir klar wird, in was für Händen ich mich befinde.
[GS.01_088,07] Nun spreche ich: „Das kommt
mir, von deiner Seite aus betrachtet, wirklich etwas sonderbar vor, daß du über
deine feurige Kluft keine Brücke hast errichten können, nachdem sich doch das
Oberhaupt der Kirche den sehr bedeutungsvollen Titel „Pontifex maximus“
beilegt, wonach doch auch alle unter seinem Szepter stehenden Priester
pontifices minores sind. Und du als eben ein solcher pontifex minor, der du bei
deinem Leibesleben gar viele Seelenmessen gelesen hast und der Meinung warst,
dadurch den abgestorbenen Seelen Brücken vom Fegfeuer in das Paradies zu bauen,
bist nun nicht imstande, über die sehr schmale Kluft eine kleine Brücke zu
bauen?!
[GS.01_088,08] Der Prior spricht: Lieber
Freund und Bruder, mir geht schon ein kleines Licht auf! Wenn ich mich nicht
irre, so hast du mich mit dieser Beheißung ein wenig anrennen lassen, damit ich
daraus ersehen sollte, welch eine Bewandtnis es mit unseren „Seelenmessen“ hat,
wie auch mit allen andern allzeit zu bezahlenden Sterblichkeitsfunktionen.
[GS.01_088,09] Nun spreche ich: Ja, lieber
Freund und Bruder, diesmal hast du den Nagel auf den Kopf getroffen. Weißt du,
was das alleinige Erlösungsmittel und somit auch die alleinige Brücke vom Tode
zum Leben ist? Du bedeutest mir, solches nicht völlig zu erschauen; ich aber
sage dir: Blicke hin auf den Herrn! Was hat Ihn wohl bewogen, das gefallene
Menschengeschlecht der Erde zu erlösen und somit jeglichem Bewohner der Erde
eine ewig haltbare Brücke vom Tode zum Leben zu bauen? War es nicht Seine
ewige, göttliche, barmherzige Vaterliebe? Du bejahst mir solches; gut! Ich sage
dir aber noch etwas hinzu:
[GS.01_088,10] Wenn ein König auf der Erde
Gefangene hätte, jemand aber möchte diesen Gefangenen helfen; die Gefangenen
sind aber in einer starken Festung verwahrt, zu der niemand als nur der König
den Schlüssel hat. Dieser Mensch aber, dem es um die Gefangenen bange ist, hat
in die Erfahrung gebracht, daß der König durch nichts als nur durch eine große
Demütigung vor ihm und dann durch eine große, alles andere auf die Seite
setzende Liebe zugänglich ist.
[GS.01_088,11] Da wir nun solches wissen, so
frage ich dich: Wie wird es dieser Mensch anstellen müssen, um den Gefangenen
einen Ausgang aus ihrer Gefangenschaft zu bereiten? Siehe, ich will es dir
kundgeben. Er wird durch die Liebe zu den Gefangenen zuerst dahin bestimmt
werden, einen sehnlichsten Wunsch zu haben, sie frei zu wissen. Das ist der
erste Brückenkopf. Hat er diesen Brückenkopf errichtet, so wird er bedenken daß
ein König, der nur durch Demut und Liebe zugänglich ist ein überaus edler,
guter und gerechter Fürst sein müsse. Und hat er solches bedacht, so wird er
ebenfalls alle seine Demut und Liebe auf einen Punkt zusammenziehen und sie dem
Könige zum Opfer bringen. Wenn er dies getan hat, so hat er den zweiten
Brückenkopf vollendet.
[GS.01_088,12] Da aber dann der überaus edle,
gute und gerechte König ein solches Opfer sicher allerwohlgefälligst aufnehmen
und unserem Brückenbauer mit einer noch viel größeren Liebe entgegenkommen wird
als mit welcher möglicherweise dieser zu ihm kam, so wird da doch etwa klar sein,
daß sich die Liebe des Königs mit der Liebe des Brückenmachers zu einem Zwecke
vereinen wird, und die Brücke über den Festungsgraben wird erbaut sein. Der
König Selbst wird kommen, das verschlossene Tor der Festung öffnen, alle
Gefangenen freimachen und sie aus der großen Schmach herausführen in das Land
der Herrlichkeit!
[GS.01_088,13] Nun, da wir dieses Bild noch
hinzugefügt haben, so wird es dir etwa doch klar sein, aus welchem Stoffe und
wie eine Brücke erbaut werden muß, welche das Feuer des Eigennutzes, der
Eigenliebe, der Selbstsucht, des Neides und der Zwietracht nicht zu zerstören
vermag. Du sprichst nun: Ja, ich erkenne es, es ist die Liebe des Nächsten und
die Liebe zu Gott in eins vereinigt.
[GS.01_088,14] Gut, sage ich dir; also gehe
hin und baue aus diesem Stoffe eine Brücke, und du kannst versichert sein, daß
diese Brücke ein wahrer, unzerstörbarer Felsen wird, welcher jeder Höllenmacht
trotzt. Also wird er auch sein der wahre Schlüssel, mit welchem du wie jeder
aus euch alle Gefängnisse werdet öffnen und die wahren Pforten des Himmels
auftun können.
[GS.01_088,15] Du hast auf der Welt zwar
viele Messen gelesen und andere kirchliche Funktionen zur Wohlfahrt der
verstorbenen Menschen verrichtet. Aber du bautest überall auf Sand und dein
Baumaterial war selbst nichts als Sand, da du bei all diesen Funktionen nicht
die Liebe zum Grunde hattest, sondern nur den kirchlichen Erwerb.
[GS.01_088,16] Was Ersprießliches davon und
daraus für deine Brüder hervorgegangen ist, davon hast du dich eben selbst
überzeugt, denn deine materiellen Brückenversuche entsprachen deinen
kirchlichen Funktionen. Nun aber gehe hin und baue eine Brücke aus dem
lebendigen Felsen Petri, welcher ist die Liebe und ihr lebendiges Licht, und du
wirst sicher eines anderen Erfolges gewahr werden, als es zuvor der Fall war.
[GS.01_088,17] Glaube aber, daß nicht du,
sondern nur der König allein die Gefangenen freimachen kann, so wird es auch
geschehen, wie du aus deiner Liebe heraus lebendig glaubest. Und also gehe denn
wieder im Namen des Herrn. Amen!
89. Kapitel – Das lebendige Gebet des Prior
und seine Wirkung.
[GS.01_089,01] Sehet, unser Prior bewegt sich
bereits wieder zu den Seelenschläfern. Diesmal aber muß auch ich mein den
Seelenschläfern gemachtes Versprechen halten und zu ihnen kommen. Daher gehen
wir dem Prior nach, damit ihr sehet, was da geschehen wird. Sehet, wir sind
samt dem Prior auch schon an Ort und Stelle; daher geben wir hier etwas im
Verborgenen acht, was alles unser Prior mit den Seelenschläfern machen wird. Er
ist nahe an der Kluft und beginnt soeben seine Anrede.
[GS.01_089,02] Habet also acht; denn er
(Prior) spricht: Liebe Brüder! Ihr wisset, was uns in unserem Konvente stets
getrennt hat; es war nichts als eine Meinungsverschiedenheit über den Zustand
der Seele nach dem Tode des Leibes. Ihr behauptetet, die Seele muß bis zum
Jüngsten Gerichtstage in irgendeinem untätigen, sich kaum bewußten
Schlafzustande verweilen und beriefet euch zugunsten dieser eurer Meinung auf
verschiedene Kirchenlehrer. Wir aber, die wir draußen sind, waren eurer Meinung
gerade entgegen und zeigten euch, wenn es der Fall ist, daß die Seele nach dem
Tode des Leibes sich in irgendeinem tatlosen, sich kaum bewußten Schlafzustande
befindet, daß sogestalt alle unsere zum Wohle der Seele gerichteten kirchlichen
Funktionen so gut wie ein eitel leerer Trug sind, da sich bei solchem Zustande
der Seele nach dem Tode weder ein Fegfeuer noch irgendein Grad der Hölle denken
läßt.
[GS.01_089,03] Trotz dieses unseres
Gegenbeweises habt ihr aber dennoch mit großer Heftigkeit eure Meinung
behauptet. Und so war zwischen euch und uns fortwährend eine heimliche feurige
Kluft, aus welcher bei jedem Versuche, zu euch eine Brücke zu machen,
fortwährend zerstörende Flammen emporschlugen. Was sich in der Welt zwischen
uns nur als eine moralische Meinung beurkundete, das beurkundet sich hier in
erschaulicher Tatsächlichkeit.
[GS.01_089,04] Nun aber will ich euch etwas
anderes kundtun. Ihr wisset so gut wie ich von dem mächtigen Boten, der zu uns
gekommen ist, um uns alle aus unserem alten Irrwahne zu befreien. Dieser Bote
hat mir übersonnenklar gezeigt, wie irrig und töricht wir in allem daran sind
und zeigte mir einen neuen Weg zu gehen. Und dieser Weg ist kein anderer, als
die alleinige Liebe zum Herrn Jesus Christus, der der alleinige Gott ist aller
Himmel und aller Welten, und der in Seinem Worte von Sich Selbst gesagt hat,
daß Er und der Vater Eines sind, und wer Ihn sieht, auch den Vater sieht. Und
ferner noch hat Er gesagt: Wer Sein Wort hört und nach demselben lebt, der hat
das ewige Leben in sich, und wer ebenfalls an Ihn glaubt, daß Er ist der
eingeborene Sohn aus Gott, der wird ewig nimmer einen Tod schmecken!
[GS.01_089,05] Dies also ist der Weg, ja ein
ganz neuer Weg, den uns der Bote angegeben hat. Wenn wir diesen Weg befolgen,
diesen Weg wandeln und auf diesem Wege, also in dem alleinigen Herrn Jesu
Christo, als wahre Brüder uns vereinigen, so wird diese nichtige Kluft zwischen
euch und uns sobald eine gute Brücke bekommen, über welche wir samt und
sämtlich in das Reich der göttlichen Erbarmung des alleinigen Herrn Jesu
Christi wohlbehalten werden gelangen können.
[GS.01_089,06] Erkennet euch daher! Werfet
euer altes, trügerisches Schlafgewand von euch und wendet euch samt mir an den
alleinigen Herrn Jesum Christum, so wird Er, dem kein Verhältnis in der ganzen
Unendlichkeit und Ewigkeit unbekannt ist, sich nach Seiner unendlichen Liebe
eurer erbarmen und sobald eine Brücke haltbarer Art über diese Kluft errichten,
über welche ihr wohlbehalten werdet wandeln können! Die Flammen in der Tiefe
aber werden sicher auch erlöschen, sobald ihr mit mir und somit auch mit allen
unseren Brüdern im Glauben und in der Liebe an den alleinigen Herrn Jesum
Christum eins werdet.
[GS.01_089,07] Nun hat der Prior ausgeredet,
und jenseits der Kluft erwidert ihm einer: Guter Freund und Bruder! Deine Rede
ist zwar löblich und voll guten Sinnes; aber was kann uns solches alles nützen,
da du doch wissen mußt, daß kein Mensch nach dem Tode des Leibes etwas
Verdienstliches zum ewigen Leben mehr wirken kann und daher auch aller Glaube
und alle Liebe hier so gut wie vergebliche Gedanken des Geistes sind. Daher
können wir dir gegenüber schon im voraus versichern, daß deine an und für sich
zwar gute Meinung uns allen hier gar wenig mehr fruchten wird.
[GS.01_089,08] Nun spricht wieder der Prior:
O liebe Freunde und Brüder, in eurer vermeintlichen Verdienstlichkeit ums ewige
Leben liegt eben der für euer und unser Heil verderbliche Knoten begraben. Hat
nicht der Herr, wie es mir der Bote deutlich gezeigt hat, zu Seinen Aposteln
und Jüngern gesagt: „Wenn ihr aber alles getan habt, dann saget: Wir sind
unnütze Knechte gewesen.“
[GS.01_089,09] Abgesehen aber von diesem
Texte, saget mir, ihr lieben Brüder und Freunde, was Verdienstliches kann das
ohnmächtige Geschöpf wohl gegenüber dem allmächtigen Gotte tun? – Wer aus euch
hat je einen Grashalm oder auch nur eine Blattmilbe mit seiner Verdienste
wirken wollenden Kraft erschaffen? Wer von euch allen war bei der Erschaffung
aller Welten und Himmel dem Herrn auch nur als ein geringster Handlanger
dienend zugegen? – Was haben wir bei dem großen Werke der Erlösung mitgewirkt,
auf daß wir dann sagen könnten, wir haben Gott dem Allmächtigen zu Hilfe etwas
Verdienstliches geleistet? – Was haben wir denn zuvor getan, als wir das erste
Leben vom Herrn empfangen haben? – Was Verdienstliches kann wohl ein schwaches
Kind seinen Eltern tun, damit es dann zu ihnen sagen könnte: Gebet mir meinen
verdienten Teil?
[GS.01_089,10] Sehet, wir waren nicht nur
allzeit völlig unnütze Knechte vor dem Herrn, sondern wir wähnten noch, als
allerbarste irrwahnige Faulenzer, gegenüber dem Herrn etwas Verdienstliches
getan zu haben. O Freunde, o Menschen, o Brüder und Sitten! Wie weit haben wir
uns in solchem Irrwahne vom Ziele der ewigen Wahrheit entfernt! Hätten wir
lieber auf der Welt geglaubt und das für die Welt angenommen, was wir hier
angenommen haben, da stünde es nun besser für uns, als es bis auf den
gegenwärtigen Zustandspunkt noch steht.
[GS.01_089,11] Da wir uns aber nicht mehr ins
Zeitliche zurückversetzen können, so ist es in diesem unserem geistigen
Zustande aber nun fürwahr die allerhöchste Zeit, welche Ewigkeit heißt, diesen
großen Irrwahn einzusehen und in unserem Innersten vor dem Herrn diese unsere
allergrößte Schuld allerreumütigst zu bekennen, derzufolge wir so lange in dem
Wahne standen, je etwas Verdienstliches vor Gott zu unserem eigenen Seelenwohle
gewirkt zu haben.
[GS.01_089,12] Brüder! Schlagen wir uns auf
die Brust und sagen einmal lebendig: O Herr! Das alles ist unsere alleinige
größte Schuld, derzufolge wir nie aufhören werden, Dir, o heilige Liebe, ewige
Schuldner zu sein! – Brüder, ich bin überzeugt, wenn ihr solches lebendig in
euch empfinden werdet, wie ich es nun klarst in mir empfinde, so werdet ihr
sicher in einen andern Zustand übergehen, und zwar über eine Brücke, von welcher
wir alle bis jetzt noch keine Ahnung haben.
[GS.01_089,13] Sprechet aber nun auch in
euren Herzen mit mir und saget es laut: O du allmächtige, heilige Liebe, du
allerbarmherzigster Herr und Vater in Jesu Christo! Wir bekennen nun unsere
alte, große Schuld vor Dir; wir sagen hier, daß wir allzeit nicht nur unnütze,
sondern die allerschlechtesten Knechte vor Dir waren, und bekennen, daß all
unsere vermeintliche Verdienstlichkeit von unserer Seite Dir, o heiliger Vater,
gegenüber ein Greuel sein mußte, bitten Dich aber dennoch hier in unserer
äußersten und größten Not, daß Du uns gnädig und barmherzig sein möchtest! Laß
uns hier zu wahren Brüdern werden, die sich allzeit durch Deine Gnade und
Erbarmung lieben und Dir geben in jeglichem Zustande alle Ehre, alles Lob und
allen Preis! Und wir bitten Dich auch aus dem Grunde unseres Herzens, daß Du, o
heiliger Vater, uns nur diese allerhöchste Gnade verleihen möchtest, daß wir
allergrößten Sünder vor Dir – Dich, o ewige Liebe, aber dennoch aus allen
unseren Kräften lieben dürfen!
[GS.01_089,14] O Brüder, sprechet solches
lebendig in euch und saget am Schlusse hinzu: O Vater! Was wir erbeten haben,
haben wir zwar aus unserem Willen erbeten, darum wir dich bitten, daß Du Dich
ja nicht nach unserem Willen unser erbarmest; denn nur Dein Wille allein ist
heilig, und daher geschehe auch nur allein Dein allerheiligster Wille!
[GS.01_089,15] Sehet, diese Rede des Priors
hat unsere Seelenschläfer ganz umgestimmt; darum sie auch ihre Kleider
ausziehen und nun nackt vor uns stehen. Aber da sehet nun auch zum Tore des
Refektoriums; es kommt soeben ein ganz schlichter Mann herein. Wisset ihr, wer
der Mann ist? Ihr könnet es schon wissen; es ist Derjenige, an den sich der
Prior gewendet hat! – Jetzt aber wird auch erst die allgemeine Hauptszene vor
sich gehen; daher dürfet ihr hier mit Recht noch gar überaus Großes erwarten.
90. Kapitel – Der schlichte Mann.
Selbstbekenntnis des Priors.
[GS.01_090,01] Sehet, der schlichte Mann geht
auf unseren Prior zu. Dieser entdeckt Ihn soeben und geht, wie ihr sehet, Ihm
entgegen und richtet auch alsbald die Frage an Ihn: Lieber Freund und Bruder!
Sei mir tausendmal gegrüßt und willkommen! Du bist mir zwar noch wie ein
Fremdling, und ich kann mich nicht entsinnen, dich je unter meiner Gesellschaft
gesehen zu haben. Aber ich bin ein guter Menschenkenner schon auf der Erde
gewesen und habe davon auch einen freilich wohl nur sehr geringen Teil mit
herübergenommen, das heißt selbstredend nur durch die allerhöchst unverdiente
Gnade und Erbarmung des Herrn, daher erkenne ich, daß du ein Mann von sehr
edler Gesinnungsart sein mußt. Und so will ich dir auch sogleich mein Bedürfnis
kundgeben.
[GS.01_090,02] Siehe, wir waren alle
priesterlichen Standes auf der Erde. Wie es aber auf der Welt schon zugeht, so
waren wir im Angesichte des Herrn sicher alles eher als Priester. Wir taten
zwar maschinenmäßig unsere vorgeschriebenen, gottesdienstlich sein sollenden
Zeremonien, wieviel, das heißt wie wenig aber im Ernste „Gottesdienstliches“
daran war, davon sind wir durch einen Boten vom Herrn aus soeben auf das
sonnenklarste überwiesen worden. Kurz und gut, wir waren bis jetzt, und sind es
im allergrößten Teile noch, von uns selbst gefangene Irrtümlinge, die sich in
allem möglichen Falschen begründet haben, und wären aus uns selbst nie
desselben losgeworden, so sich des Herrn unendliche Liebe nicht unserer
grenzenlosen Armut erbarmt hätte.
[GS.01_090,03] Jenseits dieser Kluft siehst
du noch den gefährlichsten Teil meiner Brüderschaft. Der Bote des Herrn hat
mich zu dem Behufe hierher abgesandt, die armen Brüder aus dieser
Gefangenschaft hinauszuführen. Ich tat schon alles mögliche, um mit ihnen
diesen segensreichen Zweck zu erreichen, allein noch immer will sich über die
Kluft kein Übergang zeigen. Ich weiß aber, was mir der Bote des Herrn
aufgetragen hat und bin auch in meinem innersten Gefühle vollkommen überzeugt,
daß ich diesen armen Brüdern von ganzem Herzen gern helfen möchte, wenn es mir
anders nur möglich wäre.
[GS.01_090,04] Der Bote des Herrn hat mich freilich
bei diesem Geschäfte auf die alleinige Hilfe des Herrn verwiesen. O lieber
Freund und Bruder, ich bin wohl bis in meine innerste Lebensfiber überzeugt,
daß der Herr diesen Brüdern wie auch mir wie niemand sonst in der ganzen
Unendlichkeit helfen kann; aber solches weiß ich auch, daß ich solch einer
Hilfe von seiten des Herrn zu allerunwürdigst bin. Wenn du daher zur Rettung
dieser Armen mir auch etwas behilflich sein möchtest und könntest, da bin ich
überzeugt, daß du gewiß ein gutes Werk an den allerdürftigsten Brüdern getan
hast. Und ist es uns gelungen, im Namen des Herrn die Armen über die
schauerliche Kluft zu bringen, so will ich mich samt dir vor dem Herrn zum
ersten Male im Geiste und in voller Wahrheit in den Staub meiner Nichtigkeit
hinwerfen und sagen:
[GS.01_090,05] O Herr, du allergnädigster und
bester Vater! Ich danke Dir für diese unermeßliche Gnade, die Du mir dadurch
erwiesen hast, daß ich nun einsehe und aus dem Grunde meines Herzens sagen
kann: O Herr! Ich habe nichts sondern nur Du hast alles getan; ich aber bin
Dein allerschlechtester und nutzlosester Knecht.
[GS.01_090,06] Der schlichte Mann spricht:
Nun gut, Mein lieber Freund und Bruder, Ich habe dich aus dem Grunde
verstanden; was sollen wir aber hier machen? Sollen wir etwa Balken oder Läden
darüberlegen?
[GS.01_090,07] Der Prior spricht: O lieber
Freund und Bruder, einen solchen Versuch habe ich schon gemacht, aber das
grimmige Feuer da unten zerstört sobald alles, was man darüberlegt. Denn sieh
hinab, es ist gerade zum Verzweifeln schauderhaft anzusehen, welche ungeheure
Glut- und Flammenmasse da unten wütet. Ich meinesteils getraue mich gar nicht
mehr in die Nähe.
[GS.01_090,08] Der schlichte Mann spricht:
Nun gut, Mein lieber Freund und Bruder, so will denn Ich hinzugehen und sehen,
wie es da mit dem Feuer steht. Siehe, Ich bin bei der Kluft, und Ich muß dir
offen gestehen, bis auf einige Fünklein sehe Ich im Ernste nichts Feuriges
mehr.
[GS.01_090,09] Hier geht der Prior auch hinzu
und überzeugt sich davon. Als er aber in die Kluft hinabblickt, da hebt er
seine Hände hoch empor und schreit zu den andern Brüdern hinüber: O Brüder,
tretet näher dieser Kluft und überzeuget euch selbst, wie unendlich gnädig und
barmherzig der Herr ist! Kaum mehr einige Fünklein sind in der Tiefe. Werfet
euch nieder, danket es dem alleinigen Herrn! Er allein hat diese schauerliche
Glut erstickt. Ersticket aber auch ihr mit den Tränen eurer Reue und eures
größtmöglichen Dankes gegen Ihn, den heiligen, allmächtigen Helfer aus jeder
Not, diese Fünklein und seid vollkommen überzeugt und versichert, so uns der
gute, heilige, liebevollste Vater so weit geholfen hat, so wird Er uns auch
sicher noch weiter helfen!
[GS.01_090,10] Da sehet her, hier ist ein
guter, lieber Bruder zu uns gekommen. Noch weiß ich nicht, woher und wer er
ist; aber so viel ist gewiß, daß ihn der allbarmherzige Herr Jesus Christus
gesandt hat, damit er mir zu eurer Rettung behilflich sein möchte, denn solches
erkenne ich aus seiner großen Bereitwilligkeit.
[GS.01_090,11] Sehet, die bereits nackten
Brüder jenseits der nunmehr glutlosen Kluft werfen sich auf die Anrede des
Priors tief ergriffen abermals auf ihre Angesichter nieder und danken Gott für
so viel Gnade und Erbarmung. Und der Prior fragt nun den schlichten Mann, was
er meine, ob sich's mit Balken und Brettern nun wohl für eine Brücke täte?
[GS.01_090,12] Der schlichte Mann spricht:
Ich meine, wenn der Herr schon die Glut ohne dein Hinzutun gelöscht hat, so
dürfte es wohl auch geschehen, daß zur rechten Zeit, wenn du ein rechtes Vertrauen
hättest, diese Kluft sich ebenfalls so wieder verengen möchte, wie sie
allenfalls ehedem entstanden ist.
91. Kapitel – Die Erlösungsbedingung. –
Überbrückung der Kluft.
[GS.01_091,01] Der Prior spricht: O lieber
und allerschätzbarster Freund und Bruder! Dieser herrliche Gedanke ist auch der
völlige Meister meines Gefühles geworden. Ich sehe die sichere Vollendung im
Herrn nur gar zu gründlich ein; aber solches sehe ich auch daneben ein, wie
endlos unwürdig wir alle zusammen solch einer außerordentlichsten heiligen
Hilfe sind.
[GS.01_091,02] Der schlichte Mann spricht:
Lieber Freund und Bruder! Ich sage dir: Das ist aber an dir und deinen Brüdern
auch das Beste, so ihr das lebendig einsehet, denn solange jemand glaubt, daß
er etwas tun könne, oder daß er der göttlichen Gnade und Erbarmung würdig sei,
so lange auch darf er darauf rechnen, daß ihn der Herr wird harren lassen, bis
sich solcher törichte Wahn in ihm verzehren wird. So er aber zu deiner
gegenwärtigen inneren Ansicht kommt, daß er nichts ist und nichts vermag,
sondern daß der Herr ist alles in allem, der Erste und der Letzte, das Alpha
und das Omega, dann erst gibt er sich dem Herrn freiwillig ganz hin, und der Herr
ergreift ihn da und führt ihn den gerechten Weg.
[GS.01_091,03] Und so meine Ich denn nun auch
in dieser deiner Hinsicht: Lege du alle deine Liebe zu deinen Brüdern und alle
deine Sorge um sie vor die Füße des Herrn, umfasse dieselben mit deinem Herzen
über alles heißliebend und du wirst dich sicher überzeugen, daß der Herr gerade
da tätig zu werden beginnt, wo der Mensch aus seiner demütigen inneren
Erkenntnis alle seine nichtige Tatkraft und überschwache Willensmacht dem Herrn
liebend übertrug. Denn es ist solches ja schon unter den Menschen der Fall, die
da haben ein weltlich Oberhaupt unter sich.
[GS.01_091,04] Solange jemand sein Vermögen
selbst verwalten will, so lange wird sich das leitende Oberhaupt um ihn nicht
kümmern und nicht nachforschen, wie er sein Vermögen verwaltet. Hat aber jemand
seine Schwäche in der Verwaltung seines Vermögens eingesehen, nimmt dann sein
gesamtes Vermögen, geht damit zum redlichen Oberhaupte, zeigt ihm solches an
und bittet zugleich in aller aufrichtigen Liebe und gehorsamen Demut seines
Herzens, daß das Oberhaupt sein Vermögen übernehmen und sonach gänzlich für ihn
sorgen möchte, da wird dann das Oberhaupt auch das Vermögen übernehmen und es
geben in die Hofbank, und der redliche schwache Bittsteller wird pünktlich und
richtig seine Interessen erhalten. Solches ist, wie gesagt, auf der Welt schon
vielfach der Fall unter den Menschen, wennschon freilich in einem bei weitem
unreineren und liebloseren Sinne.
[GS.01_091,05] Wenn aber schon die törichten
Menschen auf der Welt ihr materielles Vermögen so gestaltet gut an den Mann zu
bringen verstehen und sich dadurch eine sorglose Lebensrente verschaffen, um
wieviel mehr soll da erst der bei weitem weisere Geistmensch einsehen, wer der
allervollkommenste Verwalter und Sorger für alle die Lebensbedürfnisse des
geistigen Menschen ist, so dieser Ihm zuvor alle seine Lebenskapitalien völlig
übergeben hat.
[GS.01_091,06] Zudem spricht sich ja auch der
Herr im Evangelium offenkundig aus, zu wem alle die Mühseligen und Beladenen
kommen sollen, um die rechte Erquickung zu finden, und auf wen sie alle ihre
Sorgen übertragen sollen. Wenn du dieses so recht überlegst, so wirst du auch
gar leicht und gar bald finden, daß deine Sorge für diese deine Brüder bei
aller deiner Liebredlichkeit ein wenig eitel ist.
[GS.01_091,07] Du möchtest es durch die
völlige Erlösung deiner Brüder wenigstens so weit bringen, daß du vor dem Herrn
sagen könntest, auch du seiest ein allernutzlosester Knecht gewesen. Siehe, so
gut zwar die Sache an und für sich klingt, so liegt aber in Anbetracht auf den
Herrn und auf deine Verdienstlichkeit dennoch etwas Eitles daran, denn du
willst dadurch eigentätig dem Herrn zwar einen guten Dienst erweisen, nach dem
erwiesenen Dienste aber dennoch tun, als hättest du keinen Dienst getan, um
dadurch dir bei dem Herrn ein Lob zu bereiten. Ich aber sage dir, daß es in
diesem Reiche noch gar viele gibt, die da sagen: Ich bin der Letzte und
Allergeringste vor Gott. Die aber solches von sich aussagen und bekennen,
möchten eben dadurch sich bei dem Herrn in eine besondere Gunst setzen, um
zufolge des Ausspruches des Herrn Selbst im Evangelium wohl gar die Ersten und
Größten im Reiche Gottes zu werden.
[GS.01_091,08] Der Herr aber spricht auch auf
einem anderen Orte: Wenn ihr nicht werdet wie diese Kindlein, so werdet ihr
nicht eingehen in das Reich Gottes. – Wie und warum denn? – Siehe, weil die
Kindlein wirklich die Geringsten und Kleinsten sind, indem sie alle ihre Sorgen
auf den alleinigen Vater übertragen. Wo ist wohl das Kind, das da sorglich zu
seinen reichen Eltern sagen möchte: Was werden wir essen und trinken, und womit
werden wir uns bekleiden? Siehe, solche Sorge ist den Kindlein fremd. Wenn es
sie hungert und dürstet, so laufen sie zum Vater und bitten ihn um Brot und um
einen Trank, und der Vater gibt es ihnen. Sie bitten ihn sogar nie um ein
Kleid. Wenn es ihnen aber kalt ist, merkt das der Vater gar wohl und gibt ihnen
nicht nur ein warmes, sondern auch ein schönes, stattliches Kleid, weil sie
seine lieben Kindlein sind.
[GS.01_091,09] Also siehe nun, Mein lieber
Freund und Bruder, gib auch du dich so ganz dem Herrn hin und sei versichert,
Er wird dich nicht weniger versorgen mit allem, was dir not tut, und das sicher
um vieles eher und ums Unaussprechliche besser, als da ein irdischer Vater
reichsten Standes seine Kinder versorgt und ihnen alles Nötige gibt.
[GS.01_091,10] Der Prior spricht: Höre,
lieber Freund und Bruder, so schlicht und einfach du sonst auch aussiehst, so
muß ich dir aber dennoch bekennen, daß diese deine Worte noch ums
Unvergleichliche erhabener und wesenhaft wahrer klingen, als die des von mir
dir früher erwähnten himmlischen Boten des Herrn. Ja, du hast mir jetzt nicht
nur die lebendigste Wahrheit aller Wahrheiten gezeigt, sondern ich muß dir
offenbar gestehen: diese deine Worte haben mich mit einem so lebendigen Troste
erfüllt, daß ich mir darob aus lauter demütigster Dankbarkeit und Liebe gegen
den unaussprechlich liebevollsten himmlischen Vater wie gänzlich vernichtet
vorkomme.
[GS.01_091,11] Die Worte des erhabenen Boten
des Herrn waren für mein Gefühl wie eine rauhe Feile, mit welcher er – ewig
Dank der göttlichen Erbarmung! – mir meine vielen und allergröbsten Irrtümer
abgefeilt hat; auch waren sie nicht selten wie ein scharfes Schwert, welches
einen durch und durch schmerzlichst verwundet, obgleich dadurch das Irrleben
erzeugende Blut hinausgelassen wird.
[GS.01_091,12] Deine Worte aber, o Freund und
Bruder, sind dagegen wie ein allerheilsamster lieblichster Balsam; o ich kann
es dir gar nicht beschreiben, wie unaussprechlich wohl mir bei jedem deiner
Worte geworden ist! Ich bin nun auch so weit gekommen, daß ich dich
aufrichtigst und allerlebendigst versichern kann, um aus meinem innersten
Gefühle heraus lebendigst zu sagen:
[GS.01_091,13] O Herr, du allmächtiger,
überheiliger, überguter Vater, nun geschehe für mich und für alle diese meine
armen Brüder Dein allein allerheiligster Wille! Alle meine Sorge und all meinen
Willen lege ich Dir zu Deinen allerheiligsten Füßen; und was Du mit mir machen,
was Du mir geben willst, in allem dem auch geschehe Dein allein heiliger Wille!
– O du himmlisch lieber Bruder du! Du mußt sicher noch ein größerer Freund des
Herrn sein, als da ist der frühere erhabene Bote. Du mußt mir aber vergeben;
denn diese deine Rede hat mich mit einer solchen Liebe auch zu dir erfüllt, daß
ich nicht umhin kann, dich zu umarmen und dir dadurch meine Dankbarkeit für
deine himmlische Lehre durch meine allerwärmste Bruderliebe abzustatten.
Fürwahr, sowenig ich den allerliebevollsten heiligen Vater ewig je werde zu
lieben aufhören, sowenig werde ich auch je in meinem Herzen deiner vergessen!
[GS.01_091,14] Der schlichte Mann spricht:
Ja, Mein lieber Bruder und Freund, komme her und liebe Mich, denn das ist ja
des Herrn Wille, daß sich alle Brüder im Herrn lieben sollen! – Sehet, wie nun
unser Prior auf den noch unbekannten schlichten Mann hinstürzt, Ihn umfaßt und
nach aller Kraft an sein Herz preßt, und der schlichte Mann denselben Akt dem
Prior ebenfalls noch lebendiger erwidert. Was meinet ihr wohl, ob solches ein
günstiges oder ein ungünstiges Zeichen für den Prior ist? Ich sage euch, solch
ein Zeichen ist von jeher günstiger Art; denn das liegt von Ewigkeit her so
ganz eigentümlich im Charakter des Herrn, daß Er samt uns und allen Seinen himmlischen
Boten an einem zurückgekehrten verlorenen Sohne die allergrößte Freude hat.
[GS.01_091,15] Nun hat sich aber auch, wie
ihr sehet, unser liebendes Paar wieder ausgelassen, und der schlichte Mann
spricht nun zum Prior: Mein lieber Freund und Bruder, da sieh nur einmal hin,
wie es Mir vorkommt, so hat sich während unseres Gespräches und während unserer
brüderlichen Liebesumarmung die ganze Kluft verloren, und Ich meine, es wird
nun nicht mehr schwer werden, die armen Brüder herüberzuholen. Daher gehen wir
nun hin und zeigen ihnen solches an.
[GS.01_091,16] Nun gehen die beiden hin zu
den nackten Seelenschläfern. Diese erheben sich und schauen mit erstaunten und
dankbarst freudigen Augen dahin, wo ehedem die schaurige Kluft war. Der
schlichte Mann spricht zu ihnen: Sehet, die Kluft ist nicht mehr, daher folget
uns unbesorgt. Die Nackten aber sagen: O lieber Freund und erhabener Bruder,
wir sind nackt und getrauen uns so kaum auf die hellere Seite dieses unseres
ehemaligen Refektoriums. Der schlichte Mann spricht zu ihnen: „Sorget euch
nicht um ein Gewand, denn Derjenige, der sich eurer erbarmt hat und zunichte
gemacht diese Kluft, der hat auch schon für gerechte Kleidung gesorgt. Sehet,
dort in der Mitte dieses Gemaches, am Tische, werdet ihr finden, was euch not
tut; daher gehet und folget uns!“
[GS.01_091,17] Nun gehen sie hervor, und der
Prior, von großer Liebe für diesen seinen lieben Bruder ergriffen, spricht zu
Ihm: Nein, lieber himmlischer Freund und Bruder, für diesen deinen Liebesdienst
kann ich dich nicht, uns gleich, einhergehen lassen, sondern ich bitte dich,
laß dich tragen von mir!
[GS.01_091,18] Der schlichte Mann spricht:
Mein lieber Bruder, laß das gut sein. Denn wenn es darauf ankäme, so könnte Ich
wohl eher dich samt allen deinen Brüdern tragen, so weit du nur wolltest, als
daß du Mich auch nur zu dem Tische hinüber trügest. Daß du Mich aber nun trägst
in deinem Herzen, o Bruder, das ist Mir ums Unaussprechliche lieber, als so du
Mich tragen möchtest und vielleicht auch getragen hast in deinen Händen. Du
fragst Mich wohl, wie Ich es mit dem „Vielleicht“ meine. Ich sage dir aber:
Kümmere dich nun nicht mehr darum, zu seiner Zeit wird dir schon alles klar
werden. Daher laß uns nun ziehen zum Tische hin, damit dort diese unsere Brüder
ihr gerechtes Gewand nehmen.
[GS.01_091,19] Der Prior spricht: Ja, ja,
lieber Bruder, wie es dir recht ist, so auch mir im vollkommensten Maße. Das
„Vielleicht“ geht mir freilich noch ein wenig in meinem Kopfe herum, aber es
sei auch dieses dem Herrn zu Seinen allerheiligsten Füßen gelegt, und somit
geschehe Sein und dein Wille.
[GS.01_091,20] Sehet, nun gehen sie allesamt
an den Tisch, und wie ihr bemerken könnt, so sind alle die armen Brüder auch
schon, ohne Kammerdiener, bekleidet. Ihr Kleid sieht freilich noch nicht ganz
himmlisch aus, aber es ist ein Kleid der Gerechtigkeit, und es entspricht der
Liebe zum Herrn in ihnen. – Was weiter, wird die Folge zeigen.
92. Kapitel – Der Liebes-Dienst-Streit und
die drei Proben.
[GS.01_092,01] Der schlichte Mann fragt unseren
Prior, was nun mit den also gekleideten und geretteten Brüdern zu geschehen
hat. Und der Prior spricht: Lieber Freund und Bruder! Die Aufgabe an mich von
seiten des erhabenen Boten des Herrn lautet, sie alle hinauszuführen in den
Garten, der ehedem unser fälschliches und klösterliches „Paradies“ bildete, wo
sie dann sicher von dem Boten eine fernere Anweisung bekommen werden, welchen
Weg sie von dort einzuschlagen haben. Das ist's, was ihnen noch bevorsteht und
wofür ich Sorge tragen sollte, daß sie nämlich zu dem Behufe in den Garten
kämen.
[GS.01_092,02] Der schlichte Mann spricht:
Nun, diese Aufgabe wird wohl leicht zu lösen sein, und du wirst Meiner dabei
nicht vonnöten haben. Der Prior aber spricht: O lieber Freund und Bruder, tue
alles, was du willst, aber darum bitte ich dich, daß du mich nicht verlässest.
Denn ich muß dir aufrichtig sagen, daß ich ein Gefühl habe, welches mir sagt,
wenn du mich verließest, so wäre es mir, als hätte mich mein eigenes Leben
verlassen! Daher wirst du mich nicht verlassen, und wäre die Aufgabe noch
einmal so leicht zu lösen, als sie es ist; denn du hast bis jetzt alles so
günstig geleitet und hast mir und diesen armen Brüdern im Namen des Herrn
sichtbar geholfen bis auf diesen Punkt, da wir jetzt noch stehen. Also, bitte,
hilf im Namen des Herrn mir und diesen armen Brüdern nun auch bis zum Schlusse!
Darum bitte ich dich, lieber Freund und Bruder, aus dem inneren lebendigen
Grunde meines Herzens.
[GS.01_092,03] Der schlichte Mann spricht:
Ja, mein lieber Freund und Bruder, es wäre in diesem Falle schon alles recht;
aber nur ein einziger Umstand ist dabei zu beachten, nämlich: der Himmelsbote
hat dir diese Aufgabe zu lösen aufgegeben. Wenn Ich aber nun mit dir zu ihm
hinauskomme und der Bote ersieht, daß nicht du, sondern Ich deine Aufgabe
gelöst habe, – sage mir, bist du im voraus versichert, daß er sich darum mit
dir zufrieden stellen wird? Kannst du Mir die Versicherung geben, daß Ich dir
nicht schade, so Ich mit dir hinausziehe, da will Ich es ja recht gerne tun, was
du verlangst; aber schaden möchte Ich dir in keinem Falle, ja dich nicht einmal
in eine große Verlegenheit setzen vor dem Angesichte des Himmelsboten. Was
meinst du nun wohl in dieser Hinsicht?
[GS.01_092,04] Der Prior spricht: O lieber
Freund und Bruder, wenn es nichts anderes als nur das ist, da gehe du kecklich
mit mir hinaus; denn so du auch nicht mit mir herausgegangen wärest, so hätte
ich es ohnehin augenblicklich dem erhabenen Boten selbst angezeigt, wie nur Du
allein diese mir gestellte Bedingung gelöst hast, und ich dabei nicht nur kaum
als ein fünftes, sondern gutweg zehntes Rad am Wagen zu betrachten bin. Also
wirst du solches wohl nicht als einen Widergrund annehmen, um deshalb nicht
weiter mit mir zu gehen. Was meinen Nutzen oder allfälligen Schaden anbelangt,
da hat es seine geweisten Wege. Denn wenn es auf mich ankommt, fürwahr, da gehe
ich, wenn es möglich wäre, für dich sogar in die Hölle, geschweige erst, daß
ich mir aus Liebe zu dir nicht sollte etwa ein paar scharfe Worte von seiten
des Himmelsboten gefallen lassen.
[GS.01_092,05] Der schlichte Mann spricht:
Gut, lieber Freund und Bruder, in dieser Hinsicht wären wir im reinen; aber
jetzt kommt ein anderer, noch viel wichtigerer Punkt. Ich kenne die scharfe
Genauigkeit deines Himmelsboten und weiß, daß er im Namen des Herrn nicht um
ein Atom mit sich handeln läßt, und aus diesem Grunde ist mir nun gerade etwas
Wichtiges eingefallen.
[GS.01_092,06] Siehe, es könnte sehr leicht
geschehen, daß der Himmelsbote alle diese nun freigemachten Brüder vermöge
seiner großen Macht alsbald wieder in ihren vorigen Zustand zurücktreiben
möchte, weil nicht du, sondern Ich an ihnen deine dir vom Himmelsboten gegebene
Bedingung gelöst habe. Soviel aber kann Ich schon machen, daß es der Bote nicht
erfahren soll, daß ich diesen deinen armen Brüdern geholfen habe. Bei solchen
Umständen kommst du dann vor den Boten als ein vollkommen gerechtfertigter Mann,
der seine Aufgabe nach seiner Weisung vollkommen gelöst hat.
[GS.01_092,07] Der Prior spricht: O lieber
Freund und Bruder! Eher als ich mir etwas zuschreiben sollte, dessen ich nicht
im allergeringsten teilhaftig sein kann, will ich ja doch ums vielfache eher
und lieber in die Hölle. Ich aber will ja selbst vor dem Boten offen gestehen,
daß nur dem Herrn und dir das Gelingen meiner Sendung allerdankbarst
zuzuschreiben ist. Und sollte sich der Bote damit nicht zufrieden stellen und
darum die armen Brüder von neuem wieder in ihrer nun erhaltenen Freiheit
beeinträchtigen, so will ich mich vor ihm sogleich in den Staub hinwerfen und
ihn allerdemütigst bitten, daß er anstatt dieser Brüder mich ganz allein im
Namen des Herrn züchtigen solle, wie er es nur immer will; ich will ja gern
alle Schuld auf mich nehmen!
[GS.01_092,08] Der schlichte Mann spricht:
Lieber Freund und Bruder, du gefällst Mir im Ernste überaus wohl; diesen
zweiten Punkt hätten wir auch gelöst, und er soll Mich nicht abhalten, mit dir
hinauszugehen.
[GS.01_092,09] Aber nun ist noch eine dritte
Klippe; kannst du auch über diese springen, dann soll Mich nichts mehr
abhalten, dir deinen Wunsch zu gewähren. Siehe, hier im Reiche der Geister ist
das schon allgemein unabänderliche Regel und Sitte, daß die vollkommeneren
Geister des oberen Himmels, zu denen auch Ich gehöre, im Augenblicke alles
lebendig erfahren, was nur immer irgend in Beziehung auf den Herrn wo immer
gesprochen und verhandelt wird. Und da habe Ich denn auch das gute Gleichnis
von seiten des Boten vernommen, in welchem er den Herrn als König darstellte,
der allein durch eine außerordentliche Liebe und Demut zugänglich ist.
[GS.01_092,10] In diesem Gleichnisse, sagte
der Bote, hat nur der Herr allein die Schlüssel zum Gefängnisse und sonach auch
nur Er allein das Gefängnis zu eröffnen oder die Brücke über die Kluft zu bauen
vermag und bauen kann, da niemand anderer dieses Recht hat. Du hast zwar wohl
in der Fülle deines Geistes, deines Lebens und der Wahrheit den Herrn
angerufen, daß Er dir und den armen Brüdern helfe. Während du aber im besten
Vertrauen die Hilfe vom Herrn erwartetest, kam Ich wie zufällig in das große
Gemach, und als Ich zu dir kam, fingst du sobald an, Mir deine Not zu klagen.
Du dauertest Mich, und da du Mich auch gar herzlich ersuchtest, dir zu helfen
und Ich dir darum auch nach Meiner Kraft geholfen habe, so fragt es sich hier,
ob solche Hilfe der Bote wohl annehmen wird zufolge seines dargestellten
Gleichnisses?
[GS.01_092,11] Denn es hätte ja offenbar,
verstehe wohl, der erhabene König selbst kommen und dir helfen sollen. Wie ist
die Sache nun zu betrachten? Wird dir der Bote nicht etwa sagen: Warum hast du
beim Anblicke dieses Freundes und Bruders das Vertrauen zum Herrn insoweit
fahren lassen, daß du diesen Freund und Bruder zur Hilfeleistung hast
auffordern mögen, indem du aus dem Gleichnisse wohl hättest erkennen und sehen
müssen, daß zu solch einer Erlösung aus dem Gefängnisse niemand außer dem Herrn
die gerechten Schlüssel besitzt?
[GS.01_092,12] Der Prior spricht: O lieber
Freund und Bruder, das ist freilich eine andere Frage, bei deren gerechter
Beantwortung mir sehr heiß zumute sein wird; aber weißt du was, ich bleibe
einmal bei der Wahrheit. Ich habe niemanden außer den Herrn angerufen; und in
meiner möglich vollkommensten Hingebung zum Herrn kamst du daher. Kann ich es
nun anders denken, anders machen und anders glauben, als daß der Herr, durch
Seine unendliche Erbarmung veranlaßt, dich in Seinem Namen mir zur Hilfe
gesandt hat, indem ich es doch zufolge meiner gar zu großen Unwürdigkeit wohl
ewig nie hätte verlangen können, daß der allerheiligste Herr Himmels und der
Erde Selbst hätte kommen und mir Allerunwürdigstem helfen sollen! Ihm sei aber
darum dennoch alles Lob, aller Preis und alle Ehre, indem doch nur Er durch
deine Sendung mir und diesen Brüdern geholfen hat! – Also will ich auch vor dem
Boten reden, und er soll dann im Namen des Herrn mit mir machen, was er will,
denn ich will alles auf mich nehmen.
[GS.01_092,13] Der schlichte Mann spricht:
Nun gut, ich sehe, daß du einen vollkommen getreu redlichen Liebewillen hast,
und so soll Mich denn auch nichts mehr abhalten, mit dir und diesen deinen
Brüdern hinaus in den Garten zu ziehen. Aber wenn dann der Bote allenfalls dich
darum irgendwohin hart verurteilen möchte, was werde dann wohl Ich tun an
meiner Stelle?
[GS.01_092,14] Der Prior spricht: Lieber
Freund und Bruder, in dieser Hinsicht ist mir gar nicht bange; ich werde dir
freilich wohl nicht helfen können, es wird aber auch dessen ganz sicher nicht
vonnöten haben. Denn du bist einer, der sicher keiner geschöpflichen Hilfe
vonnöten hat, indem du als ein Bewohner des obersten Himmels ohnehin mit der
Fülle der göttlichen Kraft ausgerüstet bist. Im Gegenteile aber bitte ich nur
im Namen des Herrn dich, wenn es mir etwa gar zu schlecht gehen sollte, daß du
mir dann hilfst, so wie jetzt im Namen des Herrn.
[GS.01_092,15] Der schlichte Mann spricht:
Nun gut, ich will auch dieser deiner Bitte vor dem Herrn gedenken; und so laß
uns denn hinausziehen.
93. Kapitel – Das Vermögen, gleichzeitig
mehrfach erscheinen zu können – Erklärung.
[GS.01_093,01] Nun aber gehen auch wir, damit
wir ebenfalls zur rechten Zeit an Ort und Stelle sind. Denn diese Gesellschaft
wird eben nicht zuviel Zeit brauchen, um zu den andern in den Garten zu
gelangen; daher müssen wir nun auch auf eins dort sein. – Sehet, wir sind auch
schon da, wo wir sein müssen. Der Herr weiß es wohl, daß wir auch darin Zeugen
waren, was sich alles mit den Seelenschläfern zugetragen hat, aber sonst weiß
es niemand. Ihr fraget zwar und saget: Diese da, die unterdessen im Garten
zurückgeblieben sind, werden es doch wohl wissen, daß wir abwesend waren.
[GS.01_093,02] Sehet, in dieser Hinsicht ist
es im Reiche der Geister ein bißchen anders als in der Welt. In der Welt ist
eure Erscheinlichkeit mit eurer Individualität engst verbunden und ihr könnet
euch niemandem anders zeigen, als so ihr persönlich ihm zu Angesichte stehet.
Aber, wie gesagt, hier ist das ein wenig anders. Es gibt zwar auch auf der Welt
seltene Fälle, die dieser Erscheinlichkeit ähnlich sind, aber nur in sehr
unvollkommenem Maße.
[GS.01_093,03] Die sogenannten Doppel-,
Drei-, Vier-, Fünf-, Sechs- und noch Mehrfach- Gänger sind etwas Ähnliches, da
nämlich ein und derselbe Mensch, wie er leibt und lebt, entweder sich selbst
noch einmal sieht, oder er von jemand anderem an einem ganz anderen Orte
gesehen wird, auch manchesmal sogar gleichzeitig an mehreren Orten, ohne sich
jedoch individuell an einem dieser Orte wirklich zu befinden. Dies ist somit ein
ähnlicher Fall, der jedoch nur selten vorkommt. Aber ein anderer Fall, der
dieser gegenwärtigen geistigen Erscheinlichkeit um vieles ähnlicher ist denn
der frühere, kommt um vieles häufiger vor, wird aber eben seiner Häufigkeit
wegen zu wenig beachtet, sonach auch zu wenig gründlich beurteilt und in der
Tiefe verstanden.
[GS.01_093,04] Dieser Fall ist folgender:
Wenn sich ein Mensch in seiner äußeren Erscheinlichkeit irgendwo befindet, so
kann es geschehen, daß an hundert, ja tausend verschiedenen entlegenen Punkten
seine Bekannten zu gleicher Zeit an ihn denken. Keiner aus allen, die an ihn
denken, stellt sich ihn anders vor, als er nach seiner Form, Gestalt und
Beschaffenheit wirklich ist. Nun fraget euch: Wie haben denn alle diese
Tausende also an ihn denken und ihn sonach in ihrem Geiste vervielfältigen
können, während er doch im Grunde nur einmal vorhanden ist?
[GS.01_093,05] Der Grund liegt darin, weil
dem Geiste nach ein jeder den andern bildlich nicht nur einfach, sondern
zahllosfach in sich trägt, gleichermaßen wie zwei sich gegenüber gestellte
Spiegel ebenfalls dem Bilde nach sich zahllosfach spiegeln können, das heißt,
sie können sich dem erscheinlichen Bilde nach zahllosfältig gegenseitig
aufnehmen. Die zwei ersten gegenseitigen Spiegelungen werden am lebhaftesten
und zugleich auch die größten sein, alle nachfolgenden werden sukzessive
kleiner und auch stets weniger lebhaft sein.
[GS.01_093,06] Wenn ihr nun dieses
Vorangeschickte ein wenig fasset, so wird es euch nicht schwer werden, die
Erscheinlichkeit hier im reinen Reiche der Geister zu verstehen, denn was ihr
bei euch ausgebildete Gedanken nennt, das sind hier wie vollkommen äußerlich
ausgeprägte Erscheinungen. Die erste Ausprägung ist die lebhafteste und am
wenigsten vergängliche. Spätere Ausbildungen oder die sogenannten Nachgedanken,
die ihr allenfalls als flüchtige Erinnerungen kennet, sind nicht mehr
stichhaltig und, außer einem festen Willen des sie in sich tragenden
Individuums, auch nicht in die Erscheinlichkeit tretend. Wir aber sind erst vor
diesen Gartenbewohnern gestanden und haben mit ihnen die allerwichtigsten Dinge
verhandelt. Sonach waren wir auch, und sind es noch, die Hauptgedanken oder die
Hauptreflexionen in ihnen. Aus diesem Grunde haben sie uns auch fortwährend
gesehen, ohne daß wir mit unserer Hauptindividualität vonnöten gehabt hätten,
beständig vor ihnen zu sein.
[GS.01_093,07] Eine Haupteigenschaft dieser
Erscheinung aber liegt darin, daß diese Erscheinlichkeit für denjenigen, der
sie aus seinen Hauptgedanken hervorgerufen hat, auch sprech- und somit jeder
Unterredung fähig ist. Ihr fraget, wie solches möglich? Auch für diesen Fall
gibt es schon Erscheinlichkeiten auf der Welt, die mit dieser eine Ähnlichkeit
haben. So kann z.B. jemand einen Traum haben, wo er mit seinem Bekannten dies
und jenes gesprochen und der Freund ihm gegenüber auch dies und jenes gesagt
hat. Kommt er hernach im wachen Zustande zu seinem Freunde, so weiß der Freund
sicher keine Silbe, was sein vollkommenes Ebenmaß im Traume seines Freundes
gesprochen hat. Und dennoch war die Sprache des Träumers und des im Traume
gesprochen habenden Freundes so gestaltet, daß der Träumer nicht wußte, was ihm
sein geträumter Freund sagen wird, bis der geträumte Freund wirklich den Mund
geöffnet hat. Das wäre somit eine ähnliche Erscheinlichkeit.
[GS.01_093,08] Eine zweite ähnliche
Erscheinlichkeit ist auch die der Doppel- und Mehrfach-Gänger, bei welcher
Gelegenheit ebenfalls nicht selten die erscheinenden Nachtypen der
Hauptindividualität mit denen Worte wechseln, denen sie erscheinen. Bei dieser
Gelegenheit aber tritt die Ähnlichkeit mit dieser reingeistigen Erscheinung
schon etwas bestimmter hervor, denn in dieser Sphäre weiß nicht selten das
Hauptindividuum, wenn schon in einer dunklen Ahnung, von dem, was es irgendwo
in seiner lediglich geistig nachplastischen Erscheinlichkeit gesprochen habe.
Ihr saget hier freilich: Diese Erscheinlichkeit hängt nicht vom Hauptgedanken
dessen ab, dem sie zu Gesichte kam. Das ist freilich wahr; daher sind aber
diese Erscheinungen auch nur als ähnliche, aber nicht als völlig identische
angeführt. Sie haben in der eigentlichen Tiefe wohl einen und denselben Grund;
aber die Ausbildung muß natürlich da um vieles verhüllter erscheinen als hier,
wo alles offen und klar reingeistig vor uns steht.
[GS.01_093,09] Solches aber könnet ihr zur
leichteren Verständlichkeit euch noch hinzumerken, daß die Erscheinlichkeiten,
als abgesondert von den Hauptindividuen, auf zweifache Art bewirkt werden
können: Nr. 1 auf die schon oben bekanntgegebene Art, Nr. 2 aber auch durch den
festen Willen dessen, der außer seiner Hauptindividualität irgend erscheinlich
auftreten will. Auf diese zweite Art läßt sich, die Sache tiefer fassend, auch
das Wesen der sogenannten Doppel- und Mehrgängerei näher bestimmen. Jedoch kann
solches auf der Welt nie genau ausgeprägt werden, indem das Geistige doch
unabänderlich, selbst bei den besten Verhältnissen, mit der Materie im
Konflikte steht.
[GS.01_093,10] So gäbe es auch noch eine
ähnliche dritte Art solcher Sprecherscheinlichkeit bei den sogenannten
Monologisten, die irgendein Individuum fixiert sprechend vor sich hinstellen
und dann mit demselben, wie ihr zu sagen pflegt, con amore Worte wechseln.
Dieser Fall paßt beinahe am meisten hierher; unterschiedlich ist darin nur das,
daß fürs erste die fixierte Person bei den Monologisten nicht in die wirkliche
Erscheinlichkeit tritt, und daß fürs zweite diese fixierte Person im Grunde
doch nur das spricht, was ihr der Monologist gewisserart, wie ihr zu sagen
pflegt, ins Maul streicht.
[GS.01_093,11] Hier aber redet die
Erscheinlichkeit ganz dem Hauptindividuum identisch. Der Grund liegt darin,
weil die Erscheinlichkeit keine phantastische ist, sondern sie ist der
hervorgerufene lebendige geistige Ausdruck des Hauptindividuums.
[GS.01_093,12] Im Grunde des Grundes aber ist
sie formell die Bruder- oder Nächstenliebe, welche nirgends außer im Herrn den
Grund hat. Nun aber steht, zufolge der Liebe des Herrn in einem jeden Geiste,
ein jeder Geist in unablässigem Rapporte mit dem Herrn Selbst, und somit auch
alles, was in jedem Geiste ist. Wenn wir nun vor einem andern Geiste, wie es
hier der Fall ist, alsonach nicht in der Hauptwirklichkeit, sondern bloß
erscheinlich sprechend auftreten, so ist dieses Auftreten lebendig im Herrn
konsigniert. Wie ich etwas denke, geht solches Denken alsobald durch den Herrn
in unser zweites oder auch hundertstes erscheinliches Ich über, und dieses
zweite erscheinliche Ich tut und spricht dann gerade so, als wenn wir selbst
hauptwesenhaft tätig und sprechend zugegen wären. Wir können demnach als
Hauptindividualitäten auch alles bis auf den letzten Tropfen wissen, was unsere
erscheinlichen Ebenmaße gehandelt und gesprochen haben.
[GS.01_093,13] Solches kommt euch freilich
wohl etwas stark wunderbar vor; aber es ist in dem vollkommenen Reiche des
Lebens, da eines jeden Geistes lebendige Tatkraft vielseitig in Anspruch
genommen wird, auch lebendig also. Sagen doch bei euch so manche sorglich
tätige Menschen: Wenn ich nur überall selber zugleich zugegen sein könnte, wenn
ich mich nur zerteilen könnte! Diese Sprache, dieser Wunsch und dieser oft sehr
starke Gedanke ist mehr als ein deutlicher Beweis, daß es im Reiche des Geistes
möglich sein muß, sich auf obbesagte Art wirkend zu zerteilen, ohne dadurch in
seiner Hauptindividualität als Einheit nur die geringste Teilung zu erleiden.
[GS.01_093,14] Denn was nur immer dem Geiste
möglich ist, zu denken, das ist im Reiche der Geister auch vollkommen reell
ausgebildet vorhanden, nur mit dem Unterschiede: bei den unvollkommenen
Geistern unvollkommen, bei den vollkommenen aber vollkommen als Ebenmaß zu dem
Allervollkommensten im Herrn. – Ich meine, es wird nicht mehr nötig sein, für
diesen Fall mehr Worte zu gebrauchen; der Verständige wird wissen, was damit
gesagt ist, für den Unverständigen aber würde auch noch tausendfach mehr nicht
genügen. – Nun aber kommt auch schon unsere Gesellschaft aus dem Kloster; daher
bereiten wir uns auf ihren Empfang vor!
94. Kapitel – „Seid klug wie die Schlangen
und einfältig wie Tauben“.
[GS.01_094,01] Sehet, soeben naht sich mir
aber auch der frühere Redner wieder und fragt mich, nachdem er einen fremden
Mann neben dem Prior erblickt, wer dieser Mann ist und was es mit ihm für eine
Bewandtnis hat. Ihr würdet diese Frage wohl auf den ersten Augenblick eben von
nicht so sehr großer Bedeutung ansehen, aber wenn ihr bedenket, um was es sich
hier handelt, nämlich um die Wahrheit, so wird euch die Frage sicher
inhaltsschwerer vorkommen, als sie bei ihrem ersten Lautwerden erscheint. Soll
man nun dem Fragesteller die Wahrheit ins Gesicht binden? Soll man ihm eine
ausflüchtige Antwort geben? Sollte man ihm gar keine Antwort oder nur eine
halbe geben? Oder soll man ihn auf die Wartbank hinweisen und ihm die Antwort
auf die Löse bescheiden? Sehet, das sind lauter sehr achtbare Punkte, von
welchen die Frage dieses Mönches umstellt ist.
[GS.01_094,02] Wir wollen aber sehen, wie
sich der Fragesteller abfertigen lassen wird; und so spreche ich denn zu ihm:
Höre, lieber Freund und Bruder, es ist hier nicht der Ort, dir zu sagen, ob du
mit dieser deiner Frage zu früh oder zu spät ans Licht getreten bist. Die Frage
selbst ist billig von dir gestellt, aber es wäre der göttlichen Ordnung zufolge
unbillig von mir, dir eher darüber eine Antwort zu geben, als bis du deinem
Innern nach fähig wirst, eine solche Antwort zu ertragen.
[GS.01_094,03] Denn siehe, gewisse Antworten
hier im Reiche der Geister sind von einer solchen Beschaffenheit, daß sie dem
Fragesteller das geistige Leben kosten würden, wenn sie vor der Zeit an ihn
gelangen möchten. Daher kann ich dir für diesmal auf deine Frage auch nichts
anderes sagen als: Gedulde dich in Demut und Liebe zum Herrn, und du wirst zur
rechten Zeit den rechten Aufschluß über den Fremden erhalten. Doch nun nichts
mehr weiter davon; denn wie du siehst, ist uns die ganze Gesellschaft unter der
Anführung dieses Fremden und des Priors nahe und ist schon so gut wie vollends
hier.
[GS.01_094,04] Der Mönch bemerkt: Ja, lieber
hoher Freund und Bruder! Dein Bescheid ist leuchtend klug für dich, aber was
mich betrifft, da muß ich mich freilich wohl mit meiner eigenen Dunkelheit
begnügen. Aber dessen ungeachtet hast du mir wider mein Erwarten viel gesagt;
denn ich habe – wie ich dir schon einmal, wenn schon etwas verhüllt, bemerkte,
daß ich in der Beurteilung so mancher Dinge ziemlich scharfen Geistes war – aus
deiner Antwort herausgefunden, daß hinter dem Fremden etwas ganz Besonderes
stecken müsse. Denn wäre solches nicht der Fall, da hätte ich wirklich keinen
Grund in dir zu suchen, demzufolge du mir eine ausweichende Antwort geben
müßtest. Wäre dieser Fremde, dir gleich, nur ein Bote aus den Himmeln, so würde
mir seine Bekanntschaft wohl sicher ebensowenig lebensgefährlich sein als die
deinige. Er muß darum sicher um sehr Bedeutendes mehr sein und höher stehen
denn du, weil du ihm schon ein solches Zeugnis gibst.
[GS.01_094,05] Zudem merke ich auch bei der
Annäherung dieses Fremden einen sonderbaren, bis jetzt noch nie empfundenen Zug
in mir, und dieser Zug sagt mir, wie in einer leisen Ahnung: dieser Fremde ist
dem Herrn überaus nahe, und keiner dürfte dem Herrn näher sein denn dieser!
Habe ich recht oder nicht?
[GS.01_094,06] Ich spreche zu ihm: Lieber
Freund und Bruder! Ich kann dir hier nichts anderes sagen als: Sei demütig und
halte dich ausschließlich an die Liebe des Herrn, so wirst du nicht verloren
gehen. Sei nicht vorlaut! Denn es braucht jede gute Sache ihre Zeit. Wer zu
früh die Früchte vom Baume des Lebens und noch früher die vom Baume der
Erkenntnis pflückt, der schadet sich zweifach. Fürs erste bekommt er eine
unreife Frucht, an welcher er sich nicht sättigen, wohl aber in seiner
Gesundheit nur benachteiligen kann, und fürs zweite verdirbt er dadurch auch
den Baum, da er ihm durch die zu frühe Beraubung der Früchte die Gelegenheit
nahm, den segensvollen Vorrat seiner Säfte in Früchte niederzulegen und dadurch
selbst sich für eine nächste Befruchtung tauglich zu erhalten. Solches wirst du
auch einsehen, indem du meines Wissens auf der Erde ein guter Baumgärtner
warst.
[GS.01_094,07] Der Mönch spricht: Ja, solches
sehe ich jetzt recht gut ein, daher will ich nun auch still sein wie eine Maus,
wenn sie die Katze wittert.
[GS.01_094,08] Nun sehet, unsern Mönch hätten
wir beruhigt, und das ist gut. Ihr möchtet aber vielleicht glauben, dieser
Mönch sei der einzige Pfiffikus dieser Gesellschaft. Dergleichen gibt es noch
mehrere. Das ist aber auch noch ein Überbleibsel des priesterlichen Weltsinns,
welcher nicht selten solchen römisch-katholischen Priestern eigen ist, und ganz
besonders so manchen Klostersekten. Aber dieser Weltsinn muß auch noch hinaus,
denn hierzulande kann man dieses alles nicht brauchen; die Liebe muß ganz rein
sein. Eine Liebe aber, an der noch ein gewisser Grad von Schlauheit haftet, ist
nicht rein. Solches könnt ihr schon auf der Welt erschauen.
[GS.01_094,09] Nehmet ihr z.B. an, ein sonst
wohlgesittetes und guterzogenes Mädchen wird von einem sie sehr
interessierenden schätzbaren jungen Manne geliebt. Sie aber, um vollends seiner
Liebe sich versichert zu wissen, wendet allerlei schlau ausgedachte
Auskundschaftsmittel an, durch welche sie sich heimlich überzeugen will, wie es
so ganz eigentlich mit der Innigkeit der Liebe ihres Geliebten stehe. Wenn ihr
dieses Beispiel natürlich betrachtet, so werdet ihr sagen: Das Mädchen handelt
redlich, denn ihre Handlung ist doch der sicherste Beweis, daß sie ihren jungen
Mann überaus liebt und ihr somit viel an ihm gelegen ist.
[GS.01_094,10] Gut, sage ich; wir wollen
diese Liebe ein wenig näher prüfen und daraus ersehen, ob sie wirklich
probefest ist. Nehmen wir an, der junge Mann erfährt die Schlauheit seiner Erwählten
und denkt bei sich: Wie ist denn deine Liebe beschaffen, daß du über mich
heimliche Kundschafter aufstellst? Ich habe solches noch nie getan, denn ich
vertraute völlig deinem Herzen. Aus welchem Grunde solltest du mich denn für
treubrüchiger halten als ich dich? Warte ein wenig, ich will deiner Liebe auf
den Zahn fühlen und machen, als hätte ich noch mit einer anderen ein Wesen; und
es wird sich da gleich zeigen, wie deine Liebe beschaffen ist. Liebst du mich
wie ich dich, so wirst du dich nicht stoßen an mir; liebst du mich aber nicht
so rein, wie ich dich liebe, so wirst du dich dann von mir abwenden und dein
Herz statt mit Liebe mit Zorn gegen mich erfüllen.
[GS.01_094,11] Nun sehet, dieser Mann tut
desgleichen, und was läßt sich wohl leichter denken, als daß die schlaue
Geliebte solches bald erfährt. Was ist aber nun der Erfolg? Hören wir sie ein
wenig an; denn wovon das Herz voll ist, davon geht auch der Mund über. Ihre
Worte möchten wohl also lauten: Da haben wir's! Oh, ich habe eine sehr gescheite
Nase, es ist, wie ich mir's gedacht habe. Dieser Betrüger meines Herzens,
dieser ehrlose Mensch hat mich für eine dumme Gans gehalten und glaubte, mit
einem so armseligen Wesen wird er wohl leicht fertig werden. Aber das arme
Wesen ist nicht so dumm, als sich der betrügliche, ehrlose Mensch denkt,
sondern es ist um eine ganze Million gescheiter und hat auf diese Weise das
ganze schändliche Wesen des klug und gerecht sein wollenden Mannes
herausgebracht. Nun aber komme mir nur, du untreues, ehrloses Bild eines
Mannes, und ich will dir eine Gegenliebe zeigen, an welche du gar lange
gedenken sollst.
[GS.01_094,12] Sehet, wozu war diesem Mädchen
ihre Schlauheit gut? Ich sage, zu nichts, als daß sie sich in der ehemaligen
Achtung ihres Bewerbers um sehr vieles herabgesetzt hat. Was wird wohl
geschehen, wenn der junge Mann wieder zu ihr kommt? Höret selbst zu; er soll zu
ihr kommen, und der Empfang von ihrer Seite soll auch sogleich folgen. Er kommt
soeben zu ihr und geht ihr mit der alleraufrichtigsten Liebe entgegen; wie aber
geht sie ihm entgegen? Sehet die große Kälte und daneben einen großen Kalkofen
voll glutbrennender Eifersucht. Er erstaunt sich außerordentlich über ihr
Benehmen und spricht zu ihr: Höre, dein Benehmen befremdet mich ungemein; worin
liegt wohl der Grund davon? Sie spricht: Eine ehrsame Jungfrau ist einem im
höchsten Grade unehrsamen Manne keine Antwort pflichtig und kann ihm nichts
anderes sagen, als daß es von seiner Seite um so infamer ist, daß er als ein
Liebetrüger und falscher Herzenbeschleicher es noch wagt, sich dahin zu
begeben, wo für ihn kein Ort mehr ist; dahin, wo er zufolge seines
allertreulosesten Betragens sich gänzlich unwürdig zu nahen gewagt hat.
[GS.01_094,13] Er spricht: Was muß ich hören?
War deine Liebe zu mir auf solchem Fuße? War sie Mißtrauen statt Liebe?
Wahrlich, hättest du mich je aufrichtig geliebt, so wie ich dich geliebt habe,
da hättest du mir wie ich dir getraut und hättest keine geheimen Kundschafter
über mich aufgestellt, da ich keine über dich aufgestellt habe. Ich aber habe
solches erfahren und darum deine Liebe zu mir auf eine Probe gestellt. Und
siehe, deine Liebe hat die Probe nicht bestanden. Du hast mich nie geliebt,
sondern wolltest eigenliebig nur von mir geliebt sein, nur dein Bild wolltest
du in mir verehren, während mein Bild in dir ein Gegenstand deiner Mißachtung
war. Siehe, mit solcher Liebe kann mir wahrlich ewig nie gedient sein! Ich aber
gebe dir nun eine Frist; erforsche in dieser dein Herz, ob du lieben kannst,
wie ich dich geliebt habe und noch liebe. Kannst du solches, so will ich dich
nicht aus meinem Herzen bannen, sondern dich behalten gleich wie ehedem. Kannst
du aber solches nicht, so sollst du mir aber auch nach der abgelaufenen Frist
zum letzten Male vor Angesicht stehen.
[GS.01_094,14] Was wird nach dieser sehr
bedeutungsvollen Anrede unsere Jungfrau tun? Hier sind zwei Wege offen. Ist ihr
beleidigter Hochmut durch die Weisheit des Mannes besiegt und die Jungfrau
erkennt ihre Schuld, so wird die Sache gut ablaufen, wächst aber der beleidigte
Hochmut, so wird die Sache sicher eine schlimme Wendung nehmen, welche bei
ähnlichen Fällen allzeit häufiger ist als die gute. Weil das mit eben nicht
viel Liebe erfüllte weibliche Herz sich nun durch die Weisheit des Mannes
geschlagen fühlt, so fängt es gewöhnlich an, seinen Wert immer höher und höher
anzuschlagen und anstatt auf Versöhnung auf Rache zu sinnen. Ich meine, dieses
Beispiel wird euch hinreichend überzeugen, daß eine gewisse Schlauheit durchaus
kein Teil der wahren reinen Liebe sein kann.
[GS.01_094,15] Ihr saget hier zwar und
fraget, wie aber hernach solches zu verstehen sei, da der Herr zu Seinen
Aposteln und Jüngern, denen Er das alleinige Gebot der Liebe gab, aber dennoch
hinzu sagte: „Seid klug oder schlau wie die Schlangen und einfältig wie die
Tauben?“
[GS.01_094,16] O meine lieben Freunde und
Brüder, diese Klug- oder Schlauheit ist eine ganz andere und hat darin ihren
Fuß, daß sich der Mensch von keiner Versuchung solle blenden lassen, als hätte
ihn die Liebe und Gnade des Herrn verlassen, sondern er soll sich über alles
dieses aus dem innersten Grunde seines Herzens hinwegsetzen und lebendig in
sich selbst sagen: O Herr! Laß Du hier über mich kommen, was Dein heiliger
Wille nur immer für gut findet; und möge mir dieses alles noch so sonderbar und
widersprechend vorkommen, so aber weiß ich dennoch, daß Du über alles das mein
allerliebevollster und allerbester Vater bist, und ich will Dich nur um so mehr
lieben, je mehr Du Dich vor mir versteckst. Denn ich weiß, daß Du mir allzeit
nur um desto näher bist, je entfernter Du mir zu sein scheinst. Darum auch will
ich Dich lieben stets mehr und mehr aus allen meinen Lebenskräften!
[GS.01_094,17] Sehet, in diesem Beispiele ist
die besprochene Klugheit und Einfalt der Liebe in einem beisammen; aber dieses
geht unseren Schlauen und Scharfsinnigen noch sehr stark ab und wird im
Verfolge unserer Unterhandlung noch ganz besonders herausgehoben werden müssen.
–
95. Kapitel – Weitere Proben. Des Lohnes
Anfang.
[GS.01_095,01] Nun aber ist auch unser Prior
mit seinem schlichten Manne hocherfreuten Angesichtes bei uns und macht den
schlichten Mann soeben auf mich aufmerksam. Er spricht zu Ihm: Siehe, lieber
Freund und Bruder, da zwischen den zwei unbedeutender scheinenden Geistern ist
eben der erhabene Bote. Der schlichte Mann spricht: Gut, mein Freund und
Bruder, so gehe hin und zeige ihm alles an. Der Prior spricht: Aber du, lieber
Freund, wirst doch auch mitgehen? Der schlichte Mann spricht: Gehe du nur
voran; und wenn es Not sein wird, da werde ich dir schon folgen.
[GS.01_095,02] Der Prior nimmt solches an,
kommt nun zu mir her und spricht: Lieber erhabener Bote des allerhöchsten
Gottes aus den Himmeln, siehe, da sind alle, die da gefangen waren; nicht einer
ist zurückgeblieben, im Gegenteil ist noch Einer mehr mitgekommen als da ihrer
gefangen waren. Aber dieser Eine ist kein Gefangener, sondern diesem Einen habe
ich nächst Gott, dem allmächtigen Herrn, die Rettung dieser gefangen gewesenen
armen Brüder zu verdanken.
[GS.01_095,03] Nun spreche ich: Ja, mein
lieber Freund und Bruder, wenn dieser Fremdling das dir anbefohlene Werk
vollbracht hat, wie steht es dann mit deinem Verdienste? Ich habe dir ja eine
Bedingung gemacht, derzufolge du allein mit der Hilfe des Herrn die Gefangenen
hättest freimachen sollen; wie hast du zu dem Behufe dich eines Fremdlings
bedienen können, ohne darauf bedacht zu sein, wie du hättest wirken sollen und
wer der fremde Mann ist, der dir geholfen hat? Wenn du also handelst, was wird
man dir dann wohl ferner anvertrauen können?
[GS.01_095,04] Weißt du denn nicht, daß der
Herr dir eine Kraft nicht darum verliehen, daß du damit faulenzen sollst,
sondern daß Er dir die Kraft des Lebens aus Seiner großen Erbarmung nur zur
gerechten Liebtätigkeit geschenkt hat? Frage dich nun selbst, in welchem Lichte
du also vor mir erscheinst? Ich aber sage dir, rechtfertige dich nun ordentlich
vor mir, sonst sehe ich deine Handlung als für unverrichtet an und setze dich
am Ende selbst hinter die dir wohlbekannte Kluft, da du für alle den Anblick
der Flammen ertragen sollst und dabei nachdenken, wie man auf den Wegen des
Herrn recht handeln soll.
[GS.01_095,05] Der Prior spricht: Mein lieber
Freund und Bruder, wenn es sonst nichts gibt als nur das, so stecke mich nur
geschwind hinter die flammende Kluft. Und sollte ich auch nach dem Erdmaße
volle tausend Jahre dahinter ganz allein schmachten, dabei aber meine armen
Brüder gerettet wissen, so will ich dennoch hinter den Flammen den Herrn loben
und preisen über alle Maßen, darum Er meinen armen gefangenen Brüdern durch
diesen liebevollen Fremdling so gnädig und barmherzig war!
[GS.01_095,06] Denn ich bin in mir überzeugt,
daß ich deinen Rat gar pünktlich, und das nicht gezwungen, sondern freimütig
von mir selbst aus befolgt habe. Ich habe mich gemeinschaftlich mit den armen
gefangenen Brüdern an den Herrn gewendet; und als unser Vertrauen in uns den
möglicherweise höchsten Grad der Liebe und Erbarmung des Herrn erklommen hatte,
da kam dieser Retter zu mir, und ich dachte mir, des bin ich wohl gewiß, daß
ich ewig allerunwürdigst bin, um etwa gar eine persönliche Hilfe vom Herrn zu
erwarten. Da aber der Herr dennoch endlos barmherzig ist, so hat Er mir sicher
in Seinem allerheiligsten Namen diesen Mann zum Retter gesandt; dem Herrn alles
Lob, alle Ehre, und allen Preis! Die Brüder sind gerettet ohne mein
allergeringstes Hinzutun; nun aber kann mit mir geschehen, was da will! Soll
ich hinter die Kluft, da gib mir nur gleich den Befehl dazu, und ich will,
jauchzend den Herrn lobend, dahin eilen und, wenn es möglich ist, für jeden
einzelnen zehnfach büßen!
[GS.01_095,07] Nun spreche ich: Gut, mein
Freund und Bruder; ist das aber auch dein vollkommener Ernst? Der Prior
spricht: O Freund und Bruder, es kommt dabei ja nur auf eine Probe an; gib mir
den Befehl und du sollst dich sobald überzeugen, daß ich so handeln will, wie
ich spreche und wie es der allerheiligste Wille des Herrn erheischt! Nun
spreche ich: Nun gut, also kannst du dich dazu sogleich auf den Weg machen, und
so gehe denn hin für deine Brüder!
[GS.01_095,08] Sehet, der Prior dankt mir für
diesen Befehl, kehrt sich um und geht geradewegs wieder zurück, um hinter der
Kluft seinen Posten einzunehmen. Im Vorübergehen aber spricht er noch zu seinem
schlichten Manne: Lieber Freund und Bruder, du hast ehedem doch recht gehabt.
Wie du siehst, muß ich nun im Ernste selbst für diese meine geretteten Brüder
hinter die heiße Kluft gehen und nachdenken, wie man auf den Wegen des Herrn
handeln soll. Aber ich gehe gern; denn wenn ich nur meine Brüder gerettet weiß,
an mir liegt wenig. Kann ich den Herrn wegen Seiner großen Liebe und Erbarmung
nur loben und preisen und Ihn lieben über alles nach meiner Kraft, da sollen
mich die Flammen sehr wenig beirren. Und so gehe ich denn im Namen des Herrn;
wenn du aber zum Herrn kommst, da gedenke meiner!
[GS.01_095,09] Der schlichte Mann spricht:
Ja, dessen kannst du versichert sein, daß Ich deiner nicht vergessen werde;
gehe aber nur hin und erfülle den Willen des Boten! Sehet, nun geht er im
Ernste jauchzend, den Namen des Herrn lobend, dahin. Ihr fraget nun wohl, wie
lange er dort wird verweilen müssen? Ich aber sage euch: Sorget euch nicht um
ihn, er wird gar bald wieder da sein; denn anstatt der Kluft wird er nur hohe
Gäste des Himmels antreffen, die ihm ein neues Kleid anziehen werden.
[GS.01_095,10] Da sehet nur hin, er kommt ja
schon wieder, und das gerade auf mich zu, mit einem weißen Gewande angetan und
mit einer leuchtenden Krone auf dem Haupte. Er ist hier, und ich frage ihn:
Lieber Freund und Bruder, ja was ist denn das? Ist das die Kluft? Du kommst,
anstatt hinter der Flammenkluft zu büßen, ja nun mit einem himmlischen
Liebegewande angetan?
[GS.01_095,11] Der Prior spricht: O lieber
Freund und Bruder, ich kann nicht im geringsten dafür. Siehe, wie ich gerade in
den traurigen Hintergrund unseres Refektoriums gehen wollte, da standen anstatt
der feurigen Kluft drei glänzende Jünglinge da und sprachen zu mir: Bruder im
Herrn, wir wissen, wohin Du willst; aber dahin ist nicht deine Bestimmung,
sondern es war nur eine letzte Probe für dein Herz, ziehe daher dein Gewand der
ehemaligen Irrtümlichkeit aus und ziehe dafür dieses neue aus der Liebe und
Wahrheit an. Ich sträubte mich und sprach: O Freunde Gottes, solcher Gnade bin
ich in Ewigkeit nicht würdig. Aber es half all mein Sträuben nichts, ich wollte
oder wollte nicht, das Kleid ward mir vom Leibe genommen und dieses Kleid dafür
in Blitzesschnelle angezogen. Und nun stecke ich darin und schäme mich darum,
weil ich so eines Kleides zu unwürdig bin! Aber was will ich machen? Das Kleid
ist einmal auf dem Leibe; und da ich kein anderes habe, so kann ich mich dessen
nicht entblößen und dadurch zu einem ärgerlichen Gelächter vor meinen Brüdern
stehen. – Ich denke aber, solches alles läßt der Herr an mir geschehen, damit ich
so recht durch und durch gedemütigt werden soll. Darum aber sei Ihm auch alles
Lob, alle Ehre und aller Preis ewig; denn nur Er allein, ja ganz allein ist
gut, auch in den Himmeln allein gut.
[GS.01_095,12] Nun spreche ich: Ja, lieber
Freund und Bruder, wenn es also ist, da muß ich mich denn freilich wohl auch
zufriedenstellen. Aber nun will ich dir eine Frage stellen, und diese mußt du
mir beantworten. Sage mir: Was würdest du wohl tun, wenn, setzen wir den Fall,
nun der Herr zu uns käme?
[GS.01_095,13] Der Prior spricht: O Freund
und Bruder, das wäre entsetzlich! Fürwahr, wenn solches möglich wäre, da wäre
es mir ja ums Millionfache lieber, entweder hinter der Flammenkluft in dem
schmutzigsten Winkel zu stecken, oder mich wenigstens hier in dem
allerdürftigsten Kleide zu befinden. Denn wenn der Herr mich in dieser Kleidung
anträfe und mich dann etwa gar fragen möchte: Wie kommst du, sicher
Allerunwürdigster, zu diesem Kleide himmlischer Ehre? – ja, Bruder, da wären
wohl hundert Berge zu wenig, die mich dann sogleich bedecken sollten, um nicht
länger solch eine allergrößte und wohlverdiente Schmach vor dem Angesichte des
Herrn zu ertragen. Wenn es dir aber möglich wäre, mir ein anderes Kleid zu verschaffen,
so würdest du mir sicher den größten Liebesdienst erweisen. Bekleide alle meine
Brüder, die sicher würdiger sind als ich, mit solchen himmlischen Gewändern;
aber nur mich stecke in rechte Lumpen und laß mich dann zuallermeist im
Hintergrunde sein, wenn der Herr erscheinen sollte. Ich will Ihn da unbelauscht
in der allergrößten Demut anbeten, aber nur im Vordergrunde laß mich nicht
sein, denn jetzt, in diesem Kleide, sehe ich es erst ganz klar ein, daß ich der
Allerletzte unter meinen Brüdern bin!
[GS.01_095,14] Nun spreche ich: Lieber Freund
und Bruder! Solches steht nicht bei mir, gehe aber hin zu deinem schlichten
Manne, der ist ein eigenmächtiger Helfer im Namen des Herrn vollkommen, der
wird dich sicher wieder erhören und dir geben nach deinem Verlangen.
[GS.01_095,15] Der Prior spricht: Ja, lieber
Bruder und Freund, der ist schon mein rechter Mann. Ich muß dir aufrichtig
sagen: Ich habe dich zwar sehr lieb, aber diesen Mann habe ich wenigstens um
hundert Prozent lieber als dich, denn er ist viel sanfter, und er erhört einen
auch lieber, daher will ich mich nach deinem Rate auch sogleich in seine Arme
werfen!
[GS.01_095,16] Seht, nun geht der Prior auch
schon hin zu seinem schlichten Manne, klagt ihm seine Not, und der schlichte
Mann spricht zu ihm: Lieber Freund und Bruder, dieses Begehren von dir ist Mir
über alles lieb, daher geschehe dir auch nach deinem wahren, demütigen
Verlangen. Gehe aber hin, dort in der nächsten Gartenlaube wirst du schon ein
anderes Gewand finden.
[GS.01_095,17] Der Prior geht springend
dahin, kommt aber sogleich wieder unverrichteter Dinge zurück und spricht zum
schlichten Manne: Aber lieber Freund und Bruder, das wäre ein sauberer Tausch!
Statt eines meiner würdigen allerlumpigsten Gewandes fand ich ein strahlend blaues
Kleid, welches an den Rändern mit helleuchtenden Sternen verbrämt und um die
Mitte mit einem hellroten Gürtel versehen und dazu so wohlduftend war, daß ich
bei dessen Anblicke und bei der Wahrnehmung seines Wohlgeruches mich wie auf
einmal in alle Himmel entrückt zu sein fühlte!
[GS.01_095,18] Ich bitte dich darum, tue mir
solches nicht mehr an, denn ich könnte es nicht ertragen. Laß mich aber eine
ordinärste lodene Bauernjacke finden, und wenn sie noch so zerlumpt und
zerflickt sein sollte, so werde ich darin aber dennoch ums Unbeschreibliche
glücklicher sein als in diesem mich nun schon über alles stark drückenden
Kleide.
[GS.01_095,19] Der schlichte Mann spricht:
Nun denn, so gehe in eine andere Laube dorthin, und du sollst das rechte Gewand
finden.
[GS.01_095,20] Sehet, unser Prior springt
schon wieder; diesmal kommt er aber nicht so schnell zurück, und so muß er
schon ein rechtes Kleid gefunden haben. Richtig, da seht nur hin, er kommt
schon in einem wie grobgrauzwilchenen Kittel heraus und ist voll Heiterkeit
über diesen Fund, geht nun wieder schnell hin zum schlichten Manne, dankt Gott
vor ihm für diese ihm groß vorkommende Erbarmung, und der schlichte Mann
spricht zu ihm: Du stehst jetzt freilich für dich behaglicher in diesem
Demutsgewande; aber wenn der Herr kommen möchte und dann sagen würde: Freund!
Wie kommst du hieher und hast kein hochzeitliches Gewand an?
[GS.01_095,21] Der Prior spricht: Lieber
Freund und Bruder, wenn ich dann in die äußerste Finsternis hinausgeworfen
werde, so wird mir nicht mehr geschehen als was da vollkommen recht und billig
ist. Nur in den allerdürftigsten Winkel mit mir hin; da ist mein Platz! Aber
mich für den Himmel würdig zu denken, auch nur für den Allergeringsten unter
denen, die allenfalls in einem alleruntersten Himmel sind, soll wohl ewig mein
letzter Gedanke sein.
[GS.01_095,22] Der schlichte Mann spricht:
Nun gut; Ich will dir jetzt etwas ganz geheim sagen. Siehe, der Bote bearbeitet
schon alle deine Brüder für die ganz nahe Erscheinung des Herrn, und Ich sage
dir auch: Er wird bald hier sein! Was wirst du nun tun?
[GS.01_095,23] Der Prior spricht: Lieber
Freund und Bruder, um des allmächtigen Herrn willen, führe mich doch nach
deiner besten Einsicht in irgendeinen allerletzten Winkel dieses Gartens, und
wenn es dir nicht zu viel ist, so verbleibe wenigstens nur so lange bei mir,
bis der allmächtige Herr mit diesen Brüdern Seine heilige Sache wird
geschlichtet haben. Und sollte Er mich etwa hernach zuallerletzt aufsuchen
wollen, so will ich mich so ganz allein auf mein Angesicht vor Ihm hinwerfen
und Ihn da um Seine göttliche Erbarmung anflehen.
[GS.01_095,24] Der schlichte Mann spricht:
Wie steht es denn hernach mit deiner Liebe zum Herrn, da du dich vor Ihm gar so
fürchtest?
[GS.01_095,25] Der Prior spricht: Was meine
Liebe zum Herrn betrifft, so ist sie wohl so mächtig, daß ich alles für Ihn tun
möchte, wenn ich nur etwas tun könnte! Ich bin aber schon zufrieden, wenn ich
Ihn nur, entfernt von Ihm, so ganz still in meinem Herzen lieben kann und darf!
In Seiner Nähe zu sein, bin ich aber ohnedies ja in alle Ewigkeiten nicht
würdig. Ich darf nur auf mein allerbarstes Philisterleben auf der Erde
zurückblicken, und was ich mir da nicht selten auf die Macht Gottes zugute tat,
so möchte ich vergehen vor Schande! Daher laß mich nur so geschwind als möglich
die für mich heilsame Flucht ergreifen.
[GS.01_095,26] Der schlichte Mann spricht:
Lieber Freund und Bruder, Ich will deiner gerechten Demut durchaus nicht im
Wege sein, daher folge mir schnell in jenen Winkel dorthin gegen Morgen. Dort
werden wir beide am wenigsten belauscht sein, weil dieser Winkel mit dichtem
Laubwerk verwachsen ist, durch welches man nicht so leicht und so geschwind
durchsieht. Des Herrn Auge ist zwar freilich allsehend, aber das tut vorderhand
nichts zur Sache. Gehen wir daher nur schnell hin, und wir wollen dort unsere
demütigen Betrachtungen halten, wie der Herr erscheinen wird. Wenn Er Sich nur
nicht etwa zu uns zuerst verliert! Der Prior spricht: Des sei versichert, zu
den Unwürdigsten geht der Herr nicht am ersten, daher werden wir völlig sicher
sein. Und so mögen wir denn gehen!
96. Kapitel – Es müssen alle vor dem
Richterstuhl Christi offenbar werden. Des Priors seligstes Erkennen.
[GS.01_096,01] Nun sehet, unser Prior und
sein fremder schlichter Mann erreichen soeben jene ziemlich dichte Laube,
welche aus Feigenbäumchen besteht, und treten hinter dieselbe.
[GS.01_096,02] Jetzt aber gebet acht; unser
früherer Mönch nähert sich mir schon wieder ganz bescheiden und fragt nun auch
sogleich: Lieber Freund und Bruder, wir alle erkennen dich nun ungezweifelt als
erhabenen Boten des Herrn, erkennen aber dabei nicht, wer jener fremde,
schlichte Mann ist. Sage uns daher, wer dieser Mann ist, denn ich habe ihn so
recht betrachtet, und ich muß dir offen gestehen, daß mir im Verlaufe meiner
Betrachtung von Augenblick zu Augenblick heißer geworden ist um mein Herz, und
gar viele von meinen Brüdern gaben mir von ihnen aus das gleiche zu verstehen.
Daher meine ich, daß hinter diesem Manne durchaus nichts Geringes stecken kann;
er ist entweder der Petrus oder Paulus oder etwa gar der Lieblingsjünger des
Herrn! – Wenn ich nicht zu weit vom Ziele geworfen habe, so wolle mir solches
brüderlich gütig zu verstehen geben. Ich weiß zwar noch nicht, was im fernen Verlaufe
mit uns allen geschehen wird; kommen wir in die Hölle oder doch zumindest ins
Fegfeuer? Aber das ist gewiß, diesen fremden, schlichten Mann werde ich lieben,
wo immer ich mich befinden werde in alle Ewigkeit, und das aus dem Grunde, weil
er gar so schlicht, einfach und liebevoll ist. Ich habe dies deutlich daraus
entnommen, als ich betrachtete, wie gar so herablassend und liebevollst
brüderlich er mit dem Prior umgegangen ist und seiner Schwachheit so weit
nachgab und nachging, daß er ihn am Ende sogar vor der allfälligen
schrecklichen Ankunft des Herrn in den Schutz nahm.
[GS.01_096,03] Ja, das will ich einen wahren
Menschenfreund nennen. Einem auf der Welt beizustehen, ist offen eine leichte
Sache, weil da ein jeder Mensch in seiner vollkommenen Freiheit ist. Aber hier,
im schauderhaften, unerbittlichen, aller Liebe, Gnade und Erbarmung nahe
gänzlich ledigen Geisterreiche, ist das ganz etwas anderes, einen so edlen
Freund zu finden, hinter dem man sich bei solch einer herannahenden
entsetzlichen Gefahr schützend verbergen kann. Daher bitte ich dich im Namen
aller dieser Brüder noch einmal, daß du mir kundgeben möchtest, wer dieser Mann
sei? Vielleicht würde er auch so gnädig und barmherzig gegen uns sein, uns dann
zu beschützen und zu decken, wenn der Herr allererschrecklichst mit zornigem
Richterantlitze erscheinen wird!
[GS.01_096,04] O Freund und Bruder, du kannst
es sicherlich nicht erfassen und begreifen, was das für einen armen Sünder ist,
vor dem unerbittlichen Richterstuhle Christi zu erscheinen! Ich möchte ja
lieber auf ewig mich in der größtmöglichen Tiefe dieses Bodens begraben lassen,
als nur einen Augenblick lang das Angesicht des ewig unerbittlichen, allgerecht
gestrengsten Richters anzusehen. Daher tue uns diesen letzten Liebesdienst, wenn
wir überhaupt eines solchen nur im geringsten Teile würdig sind, und wir wollen
uns dann ja für ewig mit dem ausgesprochenen göttlichen Urteile
zufriedenstellen; aber nur vor dem Angesichte des unerbittlichen Richters laß
uns verwahrt werden!
[GS.01_096,05] Nun spreche ich: Lieber Freund
und Bruder, du verlangst seltene Dinge von mir und bedenkst nicht, daß ich
nicht der Herr, sondern nur ein Diener des Herrn bin, als solcher nicht tun
kann, was ich will, sondern nur was da ist des Herrn Wille! Es ist aber dieser
fremde schlichte Mann weder der Petrus, noch der Paulus, noch der
Lieblingsjünger des Herrn, sondern Er ist Einer, der nicht ferne ist denen, die
du nanntest, und eben auch nicht ferne ist mir wie dir. – Soviel genüge dir
vorderhand.
[GS.01_096,06] Daß du dich aber, samt deinen
Brüdern, hinter Ihm vor dem Angesichte des Herrn verbergen möchtest, das ist
eine eitle Sache. Meinst du, des Herrn Antlitz wird dich nicht treffen, wo du
auch seist? Oh, da bist du noch in einer großen Irre! Wenn du aber der Meinung
bist, dich hinter dem Rücken jenes schlichten Mannes verbergen zu können, also,
daß du das Angesicht des Herrn nicht zu Gesichte bekämest, da ziehe mit all
deinen Brüdern dem Prior nach, und es wird sich an Ort und Stelle zeigen, ob du
vor dem Angesichte des Herrn sicher bist.
[GS.01_096,07] Meinst du denn, der Herr wird
auf diesen Platz hierherkommen, der da leer ist? Das wird Er nicht tun, sondern
Er wird Sich geradewegs dahin begeben, wo ihr seid, oder euch gar schon
erwarten hinter dem Laubwerke.
[GS.01_096,08] Nun spricht unser Mönch: O
erhabener Freund und Bruder, du hast mir jetzt entsetzliche Dinge ins Ohr
gesetzt. Wenn es also ist, da möchte ich doch wieder nicht zur Laube hin,
sondern mich lieber einsam oder höchstens mit noch einem Bruder in irgendeinen
allerschmutzigsten Winkel verbergen, dahin wegen der Schmutzigkeit der Herr
etwa nicht allzubald Sein Angesicht wenden würde.
[GS.01_096,09] Nun spreche wieder ich: Lieber
Freund und Bruder, auch das wird dir wenig nützen, denn der Herr wird dich
finden und wärest du auch in der Tiefe aller Tiefen begraben. Daher meine ich,
du solltest lieber hier bei deinen Brüdern verweilen und dich in den Willen des
Herrn fügen. Und der Herr wird dich in deinem Gehorsame sicher gnädiger
ansehen, als so du eigenmächtigerweise dich töricht vor dem Herrn verbirgst,
vor dem sich doch ewig niemand verbergen kann.
[GS.01_096,10] Unser Mönch spricht: Wenn es
also ist, so geschehe denn in dem allmächtigen Namen des Herrn Sein heiliger
Wille; denn wir sind nach deiner Rede nun auf alles gefaßt! – Spreche ich: Nun
gut, da solches bei euch der Fall ist, so lasset uns hinziehen, wohin der Prior
mit dem fremden schlichten Manne gezogen ist; dort wollen wir, als auf dem
tauglichsten Platze dieses Gartens, des Herrn harren!
[GS.01_096,11] Seht, die Mönche wie die
Laienbrüder begeben sich, uns folgend, demütigst, aber auch in aller Furcht
ihres Herzens hin zu dem uns bekannten Laubwerk. – Wir sind nun an Ort und
Stelle. Lassen wir diese Gesellschaft vor dem Laubwerk allein ein wenig harren;
wir aber begeben uns etwas hinter das Laubwerk und wollen da das Verhältnis
unsers Priors ins Auge fassen.
[GS.01_096,12] Sehet, er fragt schon mit
verlegener Stimme seinen schützenden Freund: Was um des Herrn willen hat denn
das zu bedeuten, daß nun, für mich entsetzlichermaßen, alle meine sonst lieben
Brüder zu unserem Bergwinkel hergewandelt sind? Am Ende wird es doch noch so
werden, wie du, lieber Freund, ehedem bemerkt hast, nämlich daß der Herr gerade
da, wo ich mich verbergen werde, gar zuallererst erscheinen wird. Lieber Freund
und Bruder, wäre es denn nicht tunlich, daß wir diesen Platz mit einem andern
vertauschten?
[GS.01_096,13] Der schlichte Mann spricht:
Was würde dir das auch nützen? Weißt du nicht, was der Apostel Paulus damit
angezeigt hat, da er sprach: „Wir müssen alle vor dem Richterstuhle Christi
offenbar werden!“? – Der Prior spricht: O lieber Freund und Bruder, diese
schauerlichen Worte kenne ich nur gar zu gut! Was ist aber da zu tun, da ich
dessen ungeachtet meine entsetzliche Furcht vor dem Herrn nicht loswerden kann?
[GS.01_096,14] Nun spricht der schlichte
Mann: Höre, mein lieber Freund und Bruder, da weiß Ich dir einen guten Rat zu
geben. Du hast ehedem bemerkt, daß du den Herrn über alles lieben könntest und
wärest schon für ewig zufrieden, so du Ihn nur einmal im fernen Vorbeigehen zu
Gesichte bekämest. Du weißt aber auch, daß der Herr ein gar großer Freund
derjenigen ist, die Ihn lieben, und kommt ihnen unbekanntermaßen wohl allzeit
schon mehr als auf dem halben Wege entgegen. Wie wär' es demnach, wenn du
anstatt deiner großen Furcht deine Liebe zum Herrn so recht ergreifen möchtest
und der Herr dir dann auch entgegenkäme? Ich meine, solches wäre füglich
besser, als sich gar so töricht zu fürchten vor dem, den man doch nur über
alles lieben soll!
[GS.01_096,15] Der Prior spricht: Ja, lieber
Freund und Bruder, wie allzeit und ehedem so hast du auch jetzt vollkommen
recht. Oh, wenn ich den Herrn nur lieben darf, so ich Ihm mit meiner Liebe
nicht zu schlecht bin, da will ich Ihn ja lieben über alle Maßen, aus allen
meinen Kräften, denn ich fühle es lebendigst in mir, daß ich nun nichts als nur
allein den Herrn unbeschreiblich und unaussprechlich zu lieben vermag!
[GS.01_096,16] Nun spricht der schlichte
Mann: Siehe, Mein lieber Freund und Bruder, diese Sprache gefällt mir ums
Unvergleichliche besser als die frühere, daher will Ich dir nun auch ein
kleines Geheimnis enthüllen. – Siehe, Der, den du gar so sehr gefürchtet hast
und noch immer fürchtest, ist nicht ferne von dir. Sage Mir, würdest du den
Herrn auch so sehr fürchten, wenn Er Mir ganz gleich schlicht, einfach und voll
Liebe vor dir erscheinen möchte?
[GS.01_096,17] Der Prior erwidert: O
allerliebster Freund und Bruder, in dieser Gestalt würde ich mich sicher nicht
fürchten vor Ihm. Aber was die Liebe betrifft, so glaube ich, daß mich diese
beinahe töten könnte, wenn ich den Herrn in deiner Schlichtheit vor mir
erschauen würde!
[GS.01_096,18] Der schlichte Mann spricht:
Siehe, deine Furcht rührt aus einer grundirrigen irdischen Vorstellung vom
Herrn, während der Herr deiner Vorstellung nicht im allergeringsten entspricht.
Deine Vorstellung war aber auch zugleich der Grund, daß du den Herrn nie so
ganz liebend erfassen konntest. Da aber aller Irre einmal ein Ende werden muß,
so siehe her! – Zuerst betrachte Meine Füße, an denen noch die Nägelmale sind,
dann betrachte Meine Hände und lege gleich dem Thomas deine Hand in Meine
durchbohrte Seite und du wirst daraus gar bald ersehen, daß man sich auch
hinter dem dichtesten Laubwerk vor dem Herrn nicht wohl verbergen mag!
[GS.01_096,19] Sehet, nun erkennt der Prior
in seinem schlichten Manne den Herrn und fällt, von der mächtigsten Liebe
ergriffen, zu Seinen Füßen hin und kann nichts reden, sondern er weint und
schluchzt. – Aber der Herr beugt Sich nieder, erhebt ihn und spricht zu ihm:
Nun sage Mir, noch immer Mein Freund und Bruder, bin Ich wohl so schauerlich
und fürchterlich, wie du Mich ehedem dir vorgestellt hast?
[GS.01_096,20] Der Prior spricht: O Du mein
allermächtigst geliebter Herr Jesus! Wer von uns hätte es sich je auch nur zu
denken getraut, daß Du auch im Reiche der Geister gar so unendlich, unaussprechlich
gut bist?! – O Herr, laß mich jetzt hinausgehen und rufen aus allen Kräften, so
daß es alle Enden Deiner unendlichen Schöpfung vernehmen sollen, daß Du der
allerunendlichst beste, liebevollste und heiligste Vater bist!
[GS.01_096,21] O Herr, wie unendlich selig
bin ich jetzt, da ich Dich also habe kennengelernt! Ja, Du bist der Himmel
aller Himmel und die höchste Seligkeit aller Seligkeiten! Wenn ich nur Dich
habe und Dich ewig mehr und mehr lieben darf, so frage ich weder nach einem
Himmel noch nach irgendeiner andern Seligkeit mehr! Laß mich hier eine Hütte
erbauen, die groß genug ist, mich, meine Brüder und Dich, o Herr, zu fassen,
und ich gehe da mit keiner Seligkeit mehr einen Tausch ein! Aber Du, o
allerliebevollster, heiliger Jesus, darfst uns ja nicht mehr verlassen, denn
ohne Dich wäre ich nun ewig das unglücklichste Wesen!
[GS.01_096,22] Der Herr spricht: Mein Freund
und Bruder, Ich kenne dein Herz, laß daher gut sein, was du wünschest, und gehe
dafür hinaus zu deinen Brüdern und verkündige Mich, wie Ich Mich dir verkündigt
habe. Ich aber werde dir sobald folgen, um dir gleich auch alle deine Brüder zu
erlösen und werde euch dann führen zu eurer wahren, ewigen Bestimmung! – Und so
denn gehe und tue nach Meiner Liebe. Amen!
97. Kapitel – Ein Predigerbekenntnis.
[GS.01_097,01] Der Prior geht, erfüllt mit
der höchsten Seligkeit, hinaus zu seinen Brüdern, wie ihm der Herr geboten hat.
Daher gehen wir ihm nach, um zu sehen, wie er sein Amt verwalten wird.
[GS.01_097,02] Seht, es geht ihm auch schon
unser bekannter redseliger Mönch entgegen und fragt ihn mit erschrockener
Miene: Höre, Bruder, wie ist es möglich, daß du in dieser schauderhaftesten
Zeit, in welcher wir allesamt den unerbittlichen Richter erwarten, mit einem
überheiteren Angesichte aus deinem guten Verstecke zu uns kommen kannst? Hat
solches dein schlichter Führer bei dir bewirkt, oder hast du dich selbst also
überredet? Sage mir und uns allen, wie du zu dieser Fröhlichkeit gelangt bist?
Dem Herrn sei alles Lob, alle Ehre und aller Dank, daß Er dir solche
Fröhlichkeit zugelassen hat. Aber wir armen Sünder hier stehen dafür eine desto
größere Angst und Bangigkeit aus. Wenn doch auch uns ein wenig geholfen werden
könnte, so wäre das wirklich etwas außerordentlich Ersprießliches für unser
geängstigtes Gemüt.
[GS.01_097,03] Fürwahr, gar oft habe ich auf
der Erde von der Kanzel dem Volke gepredigt, wie schrecklich es ist, vor dem
Angesichte des unerbittlichen Richters zu erscheinen, und wie schrecklich, in
die Hände des lebendigen, allmächtigen Gottes zu fallen! Es mögen auch viele
meiner Zuhörer auf meine Predigten bis ins Innerste erschüttert worden sein,
ich aber habe bestimmt am allerwenigsten meine Predigt beherzigt und ließ mir,
wie ihr wißt, darauf einen guten Bissen wie auch ein gutes Glas Wein recht wohl
schmecken. Hier aber kommt es genau auf das Sprichwort an: Wer einem andern
eine Grube gräbt, fällt am Ende selbst hinein. Und so denn auch stecke ich über
Hals und Kopf in dieser Grube und empfinde nun das stark und lebendig, was ich
bei meinen Lebzeiten die andern durch meine Predigten habe empfinden machen
wollen. Daher bitte ich dich nun auch um so mehr, daß du mir und uns allen eine
kleine tröstende Mitteilung machen möchtest, wie es dir möglich ist, in der
Lage, in der wir uns befinden, so heiter zu sein?
[GS.01_097,04] Der Prior spricht: So höre
denn, mein geliebter Bruder: Meine ehemalige und deine jetzige Furcht vor dem
Herrn hat darin ihren Grund, daß wir den Herrn nie so haben wollten, wie Er
ist; sondern wir machten Ihn Selbst zu dem schrecklichsten Wesen aller Wesen.
Wir haben somit den wahren Christus verloren, das heißt den Christus, der noch
am Kreuze blutend und sterbend Seine größten Feinde, Peiniger und Marterer
segnete und sie Selbst mit ihrer eigenen Unwissenheit entschuldigte. Ja den
Christus haben wir verloren, der den Missetäter, welcher sich zu Ihm gewendet
hatte, mit dem offensten Herzen aufnahm und selbst jenen nicht verdammt hat,
der Ihn am Kreuze schmähte. Wir haben uns statt dieses wahren Christus einen Tyrannen-Christus
gebildet, der fortwährend Rache brütet bis zum bestimmten, das heißt von uns
bestimmten irrwahnigen Vergeltungstage, während wir doch gar leicht hätten
bedenken können, daß der Herr, so Er an Seinen armseligen Geschöpfen hätte
Rache nehmen wollen, nicht einer so langen, unbestimmten Frist benötigen würde,
sondern mit ihnen es hätte machen können, wie Er es mit Sodom und Gomorra
gemacht hat.
[GS.01_097,05] Ferner stellten wir uns
Christum fortwährend in unzugänglicher Erhabenheit vor, durch welche Er Sich um
Seine Geschöpfe gar wenig kümmere, sondern sie bis zum Gerichtstage frei
belasse, da sie Sein Wort und Sein Gesetz haben. Wir gedachten dabei aber wenig
dessen, was der gute Hirte spricht. Und die Verheißung: „Ich bleibe bei euch
bis ans Ende aller Zeiten“, ging ebenfalls stumm an unseren Herzen vorüber. Wir
begnügten uns an Stelle der lebendigen Gegenwart Christi mit der toten
zeremoniellen allein, durch welche wir den wahren Christus nur stets mehr
einbüßten.
[GS.01_097,06] Wir versetzten alles in die
Materie, wir dünkten uns am Ende sogar tagtäglich Schöpfer Christi zu sein und
sündigten auf Grund dieser himmelschreienden Machtinhabung auf die göttliche
Liebe und Erbarmung, daß es eine barste Schande war! Da uns der liebevolle
Christus im Zeitlichen nicht so viel eingetragen hätte wie der strengst
gerechte und unerbittlichste, so unterstellten wir alles Seiner allerstrengsten
Gerechtigkeit anstatt, als schwache Wesen, Seiner ewigen Liebe und Erbarmung.
Und wie wir Ihn so zeitlich erträglich und wohlzinspflichtig machten, also ist
Er auch bis auf den gegenwärtigen Zeitpunkt für unser Gemüt geblieben.
[GS.01_097,07] Meinet ihr aber, der wahre
Christus habe Sich darum wirklich verändert und so gestaltet, wie wir Ihn
törichterweise in uns gestaltet haben? O nein, meine lieben Brüder! Er ist, wie
Er allzeit und ewig war, noch bis auf diese gegenwärtige Minute ganz derselbe
übergute heilige Vater geblieben und wird auch fürder ewiglich also verbleiben.
[GS.01_097,08] Er ist noch derselbe unendlich
liebevolle Freund, der zu allen spricht: „Kommet her zu Mir, die ihr mühselig
und schwer beladen seid, Ich will euch alle erquicken!“ Er ist noch derselbe
Christus, der am Kreuze in Sich Selbst Seine Beleidiger, Seine Feinde und
Peiniger entschuldigte und ihnen alles in der Fülle Seiner göttlichen Liebe
vergab.
[GS.01_097,09] O Freunde und Brüder! Ich
möchte wohl sagen: Wenn je ein Erdenbürger eine große und schwere Sünde begehen
kann, so ist wohl nicht leichtlich eine größere denn diese, als so jemand aus
schändlichem irdischem Eigennutze die unaussprechliche Güte und Liebe des Herrn
also verkennt, wie wir sie verkannt haben!
[GS.01_097,10] Sehet hin und betrachtet die
Geschichte des verlorenen Sohnes. Was tat wohl dieser Erhebliches, daß er sich
aussöhnen konnte mit seinem tiefgekränkten Vater? – Nichts, als daß er sich,
durch die höchste, schauderhafte Not getrieben und genötigt, wieder nach Hause
zu seinem Vater kehrte, um dort allenfalls der letzte Knecht zu sein. Was tat
aber der Vater? Er ging diesem zurückkehrenden Sohne schon auf dem halben Weg
entgegen. Und wie dieser, zu ihm kommend, niederfiel und ihm sein
notgedrungenes Begehren vortrug, da hob ihn der Vater sobald auf, drückte ihn
an seine heilige Brust, ließ ihm sogleich die herrlichsten Kleider anziehen und
bestellte ein großes Freudenmahl.
[GS.01_097,11] Saget mir, liebe Brüder, haben
wir Christum je von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet? Wir haben wohl auch
den verlorenen Sohn gepredigt, aber wie? – Der verlorene Sohn mußte sich
umkehren durch unsere Beichte, dann durch allerlei auferlegte Bußwerke, welche
nicht selten ärger waren, als das Schweinefutter des verlorenen Sohnes in der
Fremde. Kehrte ein solcher verlorener Sohn wirklich um, so fand er aber
dennoch, anstatt des allein wahren, guten Vaters, nichts als uns, die wir ihn
zur vermeintlichen Rückkehr bewogen haben und dabei nicht bedachten, wer der
Vater ist und wo Er ist und wohin sich der verlorene Sohn hätte wenden sollen!
[GS.01_097,12] Also haben wir getan. Aber
nichts desto weniger hat Sich der gute heilige Vater verändert. Ihr seid samt
mir nichts als solche verlorene Söhne, die schon frühzeitig das vom Vater
erlangte Gut auf der Erde vergeudet und verhurt haben. Wir haben unsere Armut
außerhalb des väterlichen Hauses schon eine geraume Zeit gar bitter empfunden.
Kehren wir daher zurück und werfen uns Ihm zu Füßen. Nicht daß Er uns etwa ein
köstliches Mahl bereiten und uns aufnehmen solle zu großen Ehren, sondern daß
wir die allerletzten sein dürften in Seinem Vaterhause und dürften Ihn da
lieben aus allen unseren lebendigen Kräften!
[GS.01_097,13] Der Mönch spricht: O Bruder!
Was für Worte hast du nun geredet, und welch einen himmlischen Balsam hast du
dadurch in unsere Herzen gegossen! Ja, du hast die ewige Wahrheit gesprochen.
Den wir mit der größten Freude und mit der größten Liebe unseres Herzens
erwarten sollten, den überguten heiligen Vater, konnten wir so fürchten! Ja,
mein lieber Bruder, ich kann dich versichern, daß du mir auch alle Furcht vor
dem Herrn so sehr benommen hast, daß ich mich vor dem allerstrengsten Gerichte
nicht mehr fürchte. Denn ich weiß nur das, daß ich Ihn, den so unendlich
liebevollsten Christus, lieben darf und kann. Weil Er in Sich Selbst so
unendlich gut und liebevollst ist, so fühle ich, überall glücklich sein zu
können, wo ich Ihn, den Liebevollsten, immer lieben kann.
[GS.01_097,14] Ich danke dir, lieber Bruder,
auch im Namen aller dieser unserer Brüder, daß du uns solche herrliche Kunde
überbracht hast, welche dir sicher jener liebevolle, schlichte Mann eingegossen
hat. Ich gebe dir auch die volle Versicherung, daß ich und wir alle den wahren
Christus zu lieben, ja über alles zu lieben ewig nie aufhören werden, weil Er
in sich und aus sich so unendlich gut und liebevoll ist! Ja, wer Ihn also nicht
lieben könnte, der müßte, fürwahr, ärger als der ärgste höllische Teufel sein.
Wie ich mich ehedem gefürchtet habe, vor Seinem Angesichte zu erscheinen, so
soll von nun an das ewig mein heißester Wunsch sein, in meiner großen
Unwürdigkeit den allerheiligsten Vater nur einmal wesenhaft zu Gesichte zu
bekommen!
[GS.01_097,15] O Du mein Christus, Du! Wie
sehr liebe ich Dich jetzt, da ich Dich besser denn auf der Erde erkannt habe!
Sei mir armem Sünder nur insoweit gnädig und barmherzig und nehme mir diese meine
Seligkeit nicht, die darin besteht, daß ich Dich lieben kann aus allen meinen
Kräften allerorts, wohin Deine Erbarmung und Dein heiliger Wille mich nur immer
bescheiden werden. O Herr! Ich verlange ewig nichts von Dir, denn ich bin ja
nicht der allergeringsten Gnade wert. Nur lieben laß Dich von mir, und wenn es
möglich ist, so laß mich in solcher Liebe zu Dir völlig vergehen!
[GS.01_097,16] Der Prior spricht: Mein lieber
Bruder, sage mir, nachdem du dich in deinem Gemüte geändert hast, wie dir mein
schlichter Mann, der soeben hinter dem Laubwerk hervorkommt, gefällt?
[GS.01_097,17] Der Mönch spricht: O liebster
Bruder, dieser Mann gefällt mir schon seit seiner ersten Erscheinung überaus
gut. Dem könnte ich folgen, wohin er nur immer wollte, und würde er mich dahin
oder dorthin stellen auf die Anwartschaft des Herrn, so könnte ich mich wie ein
Felsen auf einem Punkte eine halbe Ewigkeit lang festhalten, ohne meinen Platz
nur um ein Haar zu verrücken. Das wäre überhaupt ein Mann, dem ich um den Hals
fallen könnte und meine ganze Liebe über ihn schütten. – Der Prior spricht: Was
würdest du dann tun, wenn sich dir der Herr aller Himmel und aller Welten in
solcher Schlichtheit nähern würde?
[GS.01_097,18] Der Mönch spricht: Um solch
ein Gefühl auszudrücken, möchten wohl jedem noch so erhabenen, höchsten
himmlischen Geiste die Worte in der Brust steckenbleiben! Denn unerträglich
groß wäre das, wenn auch nur eine augenblickliche Seligkeit!
[GS.01_097,19] Der Prior spricht: Bespreche
dich darüber mit dem schlichten Manne selbst, der soeben sich uns naht. Dieser
wird dir da den besten Aufschluß zu geben imstande sein, wo mich, glaube es
mir, Bruder, bereits auch alle Sprache im Stiche läßt. Ich sage dir: Gehe du,
gehet ihr alle diesem schlichten Manne entgegen. Der wird euch wie mir den
wahren Weg zum Vater und auch den Vater Selbst zeigen! – Mehr vermag ich dir
nicht zu sagen.
[GS.01_097,20] Nun aber öffnet der schlichte
Mann Seine Arme und spricht: Kindlein! Kommet her in die Arme eures guten
Vaters, denn Ich bin Der, den ihr so sehr gefürchtet habt! –
[GS.01_097,21] Ein allgemeiner Schrei
geschieht, und alle fallen vor Ihm nieder und weinen vor zu großer Liebe zu
Ihm! Und alles, was man von ihnen vernimmt, ist: O du guter heiliger Vater! So
unendlich gut bist Du?! O daß wir Dich doch zu lieben vermöchten nur im
geringsten Maße, wie Du aller Liebe würdig bist!
[GS.01_097,22] Und sehet, der Herr beugt Sich
zu ihnen nieder, richtet sie alle auf und spricht zu ihnen: Kindlein, höret nun
und vernehmet Mein strenges, richterliches Urteil, welches also lautet: Folget
Mir! Denn Ich, euer allein wahrer, guter Vater, will euch Selbst führen an den
ersprießlichen Ort eurer stets wachsenden Bestimmung in Meinem Reiche! Aber
nicht hier auf diesem Platze, da noch so manches von eurem Sinnentrug
erschaulich ist, sondern auf einem lebendig reinen Platze erst will Ich euch
zeigen, was ihr ferner tun sollet, und wie ihr Mich vollkommen im Geiste und in
der Wahrheit lieben und in solcher Liebe als den alleinig ewig wahren Gott
anbeten sollet! Und so denn verlasset hier alles und folget Mir!
[GS.01_097,23] Seht nun, wie der liebe Vater
wieder ein Schöcklein verlorner Kinder heimführt und wie sie Ihm, Seinen
heiligen Namen lobpreisend, folgen! – Folgen auch wir ihnen, damit wir auch da
die völlige Löse erschauen.
98. Kapitel – Das Geheimnis des wahren
Fortschritts.
[GS.01_098,01] Sehet, wir sind am Ufer des
euch schon wohlbekannten großen Gewässers, wie werden wir diesmal
hinüberkommen? Ich sage euch: Bei solch einem Anführer darf uns darum nicht
bange werden; denn Er versteht das Wasser so plötzlich in festes Land zu
verwandeln, daß ihr etwas Ähnliches noch nie erfahren habt. Daher seht nur hin,
wie der Prior, Ihm am nächsten, fragt und sagt: O Du ewige Liebe! Mein
geliebter Jesus Christus! Was werden wir bei diesem endlos weiten Meere machen?
Der Herr spricht: Lieber Freund und Bruder in Meiner Liebe, wir werden
darüberwandeln.
[GS.01_098,02] Der Prior spricht: O Du meine
Liebe, wird uns das Wasser wohl auch tragen? – Der Herr spricht: Wie kannst du
an Meiner Seite darnach fragen? Weißt du denn nicht, daß Mir alle Dinge möglich
sind, und daß Ich auch ein Herr aller Gewässer bin? Siehe, Ich will, daß aus
diesem großen Gewässer alsbald festes Land werde, als solches so lange bleibe
und uns trage, bis wir alle darüberkommen werden. Sobald wir aber die bestimmte
Fläche des jenseitigen Festlandes erreicht haben werden, soll das feste Land
wieder auftauen in sein wogend Element. Also geschehe! Siehst du nun noch ein
Wasser?
[GS.01_098,03] Der Prior spricht: O Du meine
allmächtige, heilige Liebe! Du guter, heiliger Vater! Wie ist denn solches
möglich? Wie schnell hat sich doch alles verändert! Die schaurig wogende,
endlos weitgedehnte Fläche ist ein trockenes Land geworden, und wir können
darüberwandeln ohne Furcht und Zagen! Wie sollen wir Dir danken, darum Du Dich
so wunderbar allmächtig liebevoll vor uns gezeigt hast?
[GS.01_098,04] Der Herr spricht: Mein lieber
Freund und Bruder, der einzig und allein Mir teure und wertvoll angenehme Dank
ist ein Mich allzeit über alles liebendes Herz. Ich sage dir, kein Dankopfer,
kein Dankgebet, kein Dankgelübde, keine Dankprozession, kein Te Deum laudamus,
kein Jubelfest und keine große Dankzeremonie ist Mir angenehm, sondern Ich habe
davor einen Ekel wie vor einem stinkenden Aase oder wie vor dem Moderfleische
in den Gräbern welches ist voll Gestank und Pestilenz. Aber ein demütiges, Mich
allzeit liebendes Herz ist Mir ein unschätzbar köstlicher Edelstein in der
unendlichen Krone Meiner ewigen göttlichen Macht und Herrlichkeit und ist Mir
auch wie ein Balsamtropfen in Mein liebeheißes Vaterherz gegossen, der Mich
über die Maßen erquickt und die Freude Meiner ganzen unendlichen Gottheit ums für
dich und vor dir Unaussprechliche erhöht!
[GS.01_098,05] Daher bleibe du in deiner
Liebe zu Mir und suche ewig nichts anderes, so bist du Mir alles, was du sein
sollst, und Ich werde dir auch alles sein, was Ich dir nur immer als dein Gott,
Schöpfer, und ewig liebevollster Vater sein kann! Liebe ist das einzige Band
zwischen Mir und dir; sie ist die allein wunderbar allmächtige Brücke zwischen
Mir, dem ewig allmächtigen, unendlichen Schöpfer, und dir, Meinem endlichen
Geschöpfe. Auf dieser Brücke kann Ich zu dir und du zu Mir kommen, wie da kommt
ein lieber Vater zu seinen Kindern und die Kinder zu ihrem lieben Vater.
[GS.01_098,06] Die Liebe ist auch dein wahres
Auge, wie sie in Mir das ewig allein wahre Auge ist. Mit diesem Auge ist es dir
allein möglich, Mich, deinen Gott und Schöpfer, so zu schauen, wie da ein
Bruder den andern schaut. Für jedes andere Auge bin Ich in dieser Meiner
Wesenheit für ewig unschaubar. Die Liebe ist ferner der rechte Arm an deinem
Wesen, mit dem du Mich wie einen Bruder umfassen kannst. Also ist die Liebe
auch das rechte Ohr, welches allein Meine Vaterstimme gewinnt; kein anderes Ohr
wird solches ewig je vermögen.
[GS.01_098,07] Die Liebe ist ein unendlich
weitgestecktes Ziel, das nie ein Verstand und eine Weisheit erreichen können.
Aber die Liebe fängt an diesem Ziele an, wonach der Verständige und Weise
vergebens ihre Segel spannen. Ja, die Liebe ist des Geistes inwendigste und
schärfste Schauwaffe, mit dieser du in Meine göttlichen Wundertiefen allein
blicken kannst, während der Verstand und die Weisheit nicht einmal den Saum
Meines auswendigsten Kleides anzurühren imstande sind. Daher seid ihr auch
selig, du und deine Brüder, da ihr die Liebe in euch habt, und diese Liebe hat
Mich zu euch geführt, und sie hat nun dieses Gewässer zu einer festen Brücke
umgestaltet, über welche Ich euch nun führen will als der allein wahre Führer
und als euer allein wahrer Vater und Bruder in eurer Liebe zu Mir wie in Meiner
Liebe zu euch. Und so denke du ewig nimmer an eine andere Danksagung; denn
deine Liebe ist alles in allem, wie Ich in Meiner Liebe zu dir und euch allen
alles in allem bin! Und so denn wollen wir uns nun über diese Brücke bewegen;
folget Mir daher!
[GS.01_098,08] Nun sehet, der Zug geht hurtig
vorwärts. Und ich kann es euch versichern, obschon es euch vorkommt, als ginge
man Schritt zu Schritt, daß wir uns dennoch mit einer für euch
unbeschreiblichen Schnelligkeit vorwärtsbewegen. An der Seite des Herrn ist,
geistig und materiell genommen, ein Schritt ausgiebiger, als wenn ihr in
irdisch entsprechender Form Schritte von Sonne zu Sonne machen würdet.
[GS.01_098,09] Ihr müßt aber die Sache wohl
verstehen, was für ein Unterschied ist zwischen weltlichen und solchen rein
geistigen Fortschritten. Denn diese Bewegung hier deutet nicht nur auf ein
erschauliches Vorwärtskommen hin, sondern die Bedeutung ist vielmehr diese, daß
derjenige, der sich durch die Liebe des Herrn leiten läßt, in seiner innern
Erkenntnissphäre eben auch in einem Augenblicke, oder entsprechend in einem
Schritte, eine unaussprechlich größere Erfahrung und in der Wahrheit in einem
solchen Schritte eine endlos größere und weitgedehntere, allerhellste
Beschauung macht als ein Verstandes- und Weisheitsforscher in vielen tausend
Erdenjahren.
[GS.01_098,10] Noch verständlicher für euch
gesprochen: Ein Schritt unter der Leitung des Herrn ist mehr wert denn
Milliarden unter der Leitung eines noch so erleuchteten Geistes! Oder: Ein Wort
aus dem Munde des Herrn ist mehr wert als alle Worte, die auf allen Weltkörpern
eigenmündig von den Wesen sind vom Uranbeginn gesprochen und geschrieben worden
und noch gesprochen und geschrieben werden. – Mehr brauche ich euch in dieser
Hinsicht doch wohl nicht zu sagen.
[GS.01_098,11] Wir aber sind unterdessen über
unser Gewässer gekommen; denn sehet euch nur ein wenig um, so werdet ihr sobald
statt des festen Bodens wieder unser unübersehbares Meer erschauen. Und sehet,
der Herr macht die Ihm Nachfolgenden eben auch darauf aufmerksam und spricht
zum Prior: Da sieh dich einmal um! Siehe, wir haben unser Plätzchen schon
erreicht. Wie gefällt es dir hier?
[GS.01_098,12] Der Prior spricht: O Herr und
Vater! Du meine ewige Liebe; wo Du bist, da gefällt es mir überall
unaussprechlich wohl. Ohne Dich aber wäre es hier, wie sicher überall, ewig zum
Verzweifeln!
[GS.01_098,13] Der Herr spricht: Mein lieber
Sohn, Freund und Bruder! Du hast wohl gesprochen; also ist es und nicht anders.
Mit Mir vermöget ihr alles, ohne Mich aber nichts! Also ist es bei Mir auch
allzeit gut sein! Außer Mir aber gibt es nirgends ein Sein, das da wäre von
Bestand, denn Ich allein nur bin der Weg, die Wahrheit und das Leben! Wer in
Mir verbleibt durch die Liebe und Ich in ihm, der hat das Licht, die Wahrheit
und das Leben. Daher folget Mir weiter, und Ich will euch einen andern Platz
zeigen und sehen, wie es euch dort gefallen wird. Werdet ihr dort Behagen
finden, so könnet ihr euch dort eine Wohnstätte wählen. Und wird es euch dort
nicht gefallen, so wollen wir wieder einen andern suchen. Und so folget Mir!
[GS.01_098,14] Sehet, der Zug bewegt sich
zwischen Morgen und Mittag hin, und dort hinter jenem leuchtenden Gebirge
werden wir in einer unaussprechlich schönen Gegend wieder eine Station machen.
Allda werden unsere Gäste eine ziemlich starke Probe auszuhalten haben, denn es
ist noch ein verborgener Knoten in ihnen, nämlich die Weiberliebe, der zufolge
sie dem Zölibat entweder selbst feind waren oder es doch wenigstens
gezwungenermaßen sein mußten. Sie taten zwar als Zölibater ihre Pflicht und
Schuldigkeit, und nicht einer von ihnen hat sich auf der Erde je mit einem
Weibe in fleischlich liebender Hinsicht abgegeben.
[GS.01_098,15] Es liegt aber eben darin nicht
so viel Verdienstliches; denn der Ort auf der Erde, wo sie ihr Klosterleben
hatten, war hinsichtlich der weiblichen Schönheiten in mehrfacher Hinsicht sehr
stiefmütterlich bestellt. Zudem haben sich zu diesen Klöstern nur die alten
Weiber zur Beichte begeben, denn für das jüngere Weibervolk war dieser Orden
bekanntermaßen viel zu strenge. Also konnte bei solchen Aspekten eine
antizölibatische Reizung wohl nicht leichtlich stattfinden, und der Sieg über
dieselbe von seiten dieser Zölibater war dann auch nicht zu denjenigen zu
rechnen, von welchen noch spätere Generationen Sprache führen sollten. Daher
müssen sie auch im Angesichte des Herrn noch diese Probe bestehen.
[GS.01_098,16] Ich sage euch, in dieser
nächsten Station werden wir daher selige weibliche Geister zu sehen bekommen,
bei deren Betrachtung euch selbst zu schwindeln anfangen wird. Dazu aber wird
auch der Ort so himmlisch schön sein, wie ihr mit Ausnahme der heiligen Stadt
bis jetzt noch keinen gesehen habt, und es wird sich dann gar bald auf die
Waage stellen, wie die Liebe zum Herrn in diesen nun Geretteten bestellt ist.
Doch solches soll erst das nächstemal der Gegenstand unserer Betrachtung sein.
99. Kapitel – Noch eine starke Probe.
[GS.01_099,01] Wir befinden uns schon auf der
Höhe des Gebirges, das wir ehedem in großer Ferne vor uns leuchtend erblickten.
So sehet denn dieses unbeschreiblich schöne Land, welches, von diesem Gebirge
aus etwas niederer gelegen, wie in einer endlosen Ausdehnung in der größten
Pracht und wunderbaren Mannigfaltigkeit zu erschauen ist. Herrliche breite
Täler mit abwechselnden Hügelreihen durchkreuzen sich nach allen Richtungen,
und die schönsten Bäche durchfurchen die Täler. Diese Bäche haben ein Wasser
wie ein durchsichtiges, reinstes Gold. Das Wasser bewegt sich gegenseitig in
wohlgeordneter Lebhaftigkeit und bildet, da ein Bach in den andern strömt,
einen kleinen, wie ihr sehet allzeit runden See, welcher von seiner kleinen
wogenden Oberfläche ein herrliches Strahlenspiel entwickelt. Sehet an dem Ufer
eines solchen Sees die herrlichsten Paläste mit rötlich blanken Dächern, welche
Dächer nicht die Bestimmung haben, vor Regen zu schützen, sondern nur zufolge
ihrer Durchsichtigkeit das Licht in den verschiedenartigsten Färbungen in das
Innere eines solchen Palastes einfallen zu lassen.
[GS.01_099,02] Dann betrachtet den Bau eines
solchen Palastes, welche wunderbare, erhaben schöne Architektur einen jeglichen
sonderlich schmückt, und wie aus jeglichem der vielen Fenster eine andere
Lichtfarbe strömt. Dann sehet um diese Paläste die wunderbar schönen
Gartenanlagen, darin niedliche Bäumchen mit den herrlichsten Früchten in den
schönsten Reihen zu erschauen sind. Dann wieder leuchtende Blumen von nie
geahnter Pracht. Dazwischen allerlei Gartensalons, welche zum Teil aussehen wie
kleine hängende Gärten, zum Teil wie Türme mit herrlichen Kuppeln, zum Teil wie
Tempel mit allerlei strahlenden Säulen und bald gerundeten, bald in Pyramiden
zugespitzten Dächern sich auszeichnend. Und sehet ferner noch die herrlichen
Gartenumfassungen, welche aus den schönsten Arkaden und Laubgängen bestehen und
durch und durch und über und über belustwandelt werden können.
[GS.01_099,03] Ferner betrachtet noch die
allerniedlichsten Seefahrzeuge, und wie in denselben mehrere selige Geister
dieser Gegend auf der Oberfläche des herrlichen Gewässers herumschaukeln und
von einem Ufer zum andern hin schiffen. Behorchet aber auch die wunderbaren
Gesänge, welche von ferneher an unsere Ohren dringen. Und sehet, allenthalben
steht auf den Hügeln wie eine Kirche mit einem sehr hohen Turme versehen. Ein
jeder solche Turm besitzt ein herrliches Glockengeläute. So könnt ihr euch auch
soeben davon überzeugen, wie solche Glocken tönen, da gerade wegen unseres
Erscheinens mit allen Glocken geläutet wird.
[GS.01_099,04] Diese Glocken tönen nicht wie
irdische Glocken, sondern ihr Getön gleicht den sanften Tönen eurer sogenannten
Windleier, nur ist dieses Getön ums Unaussprechliche reiner und hallt bei all
seiner sonstigen Zartheit dennoch über weite Fernen hin. Ihr könnt die tiefsten
Töne in reinsten harmonischen Verhältnissen zu den höheren wie umgekehrt gar
wohl bemessen.
[GS.01_099,05] Nun aber sehet auf den geraden
Weg vor uns hin, welcher freilich nicht aussieht wie eine Landstraße auf eurer
Erde, sondern vielmehr wie ein mehrere Klafter breites, herrlichstes, mit Gold
und glatten Edelsteinen durchwirktes Samtband, zu beiden Seiten besetzt mit
Bäumen, die stets voll duftiger Blüten und zugleich auch der wohlschmeckendsten
reifen Früchte sind. Auf diesem Wege werdet ihr erschauen, wie eine Prozession,
freilich ohne Fahne und Kruzifix, aber dafür mit strahlenden Palmen in den
Händen, uns entgegenzieht. Die weiblichen Wesen sind mit Körbchen versehen, die
mit allerlei himmlischen Früchten gefüllt sind, um die ankommenden Gäste
sogleich allerliebevollst und gastfreundlich zu bewirten.
[GS.01_099,06] Sehet, die Prozession kommt
uns näher und näher, und die weiblichen Geisterengel eilen mit ihren Körbchen
nun voraus, um desto eher bei uns zu sein. Zwei sind schon hier. Betrachtet
einmal die unendliche Zartheit und die allerwundersamst herrlich schöne Form.
Alles ist in einer leuchtenden lichtätherischen Rundung an ihnen zu erschauen.
Aus ihren Angesichtern strahlt eine wahrhaftige himmlischselige, heitere Freundlichkeit.
Und ihre überaus zarte Kleidung beurkundet den großen Unschuldszustand dieser
Wesen. Aber sehet, immer mehr und mehr kommen heran, und stets herrlicher und
herrlicher beurkunden sich ihre Gestalten.
[GS.01_099,07] Höret auch ihre himmlisch
sanfte und allerwohlklingendste Sprache, und wie sie unsere Gesellschaft
begrüßen, indem sie sagen: O kommet, kommet, ihr überherrlichen Freunde unseres
allerheiligsten und liebevollsten Vaters, und erquicket euch an unseren
Früchten, welche wir euch mit dem liebepochendsten Herzen hierhergebracht
haben. O wie glücklich sind wir, da uns wieder einmal das unendliche,
allerseligste Glück zuteil geworden ist, an eurer Spitze unseren über alles
guten und liebevollsten Herrn, Gott und Vater zu erschauen.
[GS.01_099,08] Nun sehet aber auch unsere
Gesellschaft, wie diese anfängt, große Augen zu machen, und der Prior sich
soeben zum Herrn wendet und spricht: O Herr, Du allgütiger, allbarmherzigster
Schöpfer und Vater aller Wesen im Himmel und auf Erden! Was ist denn das um Deines
Willens willen?! Sind das auch Engelsgeister, die einmal auf der Erde gelebt
haben, oder sind das die allerpursten Engel des allerhöchsten Himmels? Denn so
etwas unendlich wunderbar herrlich Schönstes ist noch nie auch nur in meine
inwendigste Ahnung gekommen. Ich war auf der Erde ein fester Zölibatist; aber
wenn mir in meinem allerhöchsten Zölibatseifer so etwas nur entfernt Ähnliches
vorgekommen wäre, fürwahr, das hätte mich sogar in den schändlichsten
Mohammedanismus hineinversetzen können. Herr und Vater! Hier heißt es im
buchstäblichen Sinne: Stehe uns bei, sonst sind wir verloren, vorausgesetzt,
daß man hier auch noch verloren gehen kann.
[GS.01_099,09] Der Herr spricht: Nun, mein
lieber Freund und Bruder, haben wir einmal das rechte Platzel gefunden? Wie Ich
es merke, so scheinst du durchaus nicht abgeneigt zu sein, dir hier ein
Wohnplätzchen samt einer lieben himmlischen Braut auszusuchen; denn vom
Verlorensein ist hier wahrlich keine Rede mehr, und du und alle deine Brüder
könnet hier in Meiner Gegenwart nach Belieben wählen. Wenn du demnach hier
zufrieden bist, so kannst du dir hier sogleich eine himmlische Braut aussuchen
und damit aber auch so ein Palästchen, und Ich werde dich und jeden segnen und
werde dir wie jedem dazu noch sein himmlisches Amt kundgeben. Siehe, das ist in
aller Kürze Mein Antrag; jedoch unter der Bedingung deiner freien Wahl.
[GS.01_099,10] Der Prior wie seine Brüder
sehen bald die Gegend, bald den Herrn, bald und beinahe am meisten die schönen
himmlischen Bräute an. Und der Prior kann darum auch nicht sobald mit einer
Antwort fertigwerden und bespricht sich also bei sich: Hier wäre freilich gut
sein an der Seite einer so himmlischen Braut und in einem solchen
allerherrlichsten Besitztume, wo einem dazu noch mehr als im buchstäblichen
Sinne die gebratenen Vögel in den Mund fliegen! Fürwahr, himmlischer mir den
Himmel vorzustellen wäre doch die allerreinste Unmöglichkeit, die sich ein
unsterblicher Geist in alle Ewigkeit vorzustellen vermag. Fürwahr, und noch
dreimal fürwahr, wenn hier ein eigentlich guter Rat nicht teuer wird, so wird
er es in Ewigkeit nicht. Wenn ich mir denke, wie es einem ginge, wenn man so
eine himmlische Braut umarmen würde und sie drückte an seine unsterbliche
Brust, welche voll ist der himmlisch glühheißen Liebe, da wird's mir ganz
schwindlig und ich möchte überaus gern, ja ich möchte sogar unendlich gerne vor
dem Herrn mein kräftiges Ja aussprechen, vorausgesetzt, wenn es mit dieser
unendlichen Herrlichkeit von allen Seiten her auch seinen entschieden festen
Grund hat.
[GS.01_099,11] Wenn aber diese ganze
Geschichte etwa nur eine Prüfung wäre? Wenn man in diesen Apfel bisse gleich
der Eva im Paradiese und dem armen Adam hinzu, nach dem Bisse aber sobald aus
dieser Wundergegend sich vielleicht eine andere herausbildete, davor uns Gott
in alle Ewigkeit bewahren möchte, – da käme einem doch so ein himmlischer
Zauberbiß noch ums Bedeutende teurer zu stehen als der allerbeste Rat in der
Geschichte! Ja, wenn ich so bestimmt erfahren könnte, daß es damit wirklich
einen ewig bleibenden Bestand habe, da möchte ich, ich getraue es mir kaum zu
denken, dennoch so ganz heimlich das Ja für diesen himmlischen Antrag von
seiten des allerheiligsten, liebevollsten Vaters aussprechen.
[GS.01_099,12] Nun aber tritt der andere uns
schon bekannte Mönch zum Prior hin und spricht: Aber höre, Bruder, wie lange
wirst du den allerliebevollsten heiligen Vater auf eine Antwort warten lassen?
Wenn es auf mich ankäme, zu antworten, so wäre ich mit mehreren anderen damit
schon lange fertig. Ich sage dir nichts, als was mir mein innerstes Gefühl
kundgibt, und dieses lautet also: O Herr und Vater in aller Deiner unendlichen
Liebe und Erbarmung! Mit Dir und bei Dir ist überall, somit auch hier in dieser
himmlischen Wunderherrlichkeit überaus wohl und gut zu sein. Bleibst Du hier,
so werde ich mich hier allerseligst fühlen. Bleibst Du aber als die
allerheiligste Urquelle aller dieser Herrlichkeiten nicht hier und ist da noch
keine bleibende Wohnstätte für Dich, so will auch ich nicht hierbleiben,
sondern, wenn es Dein heiliger Wille ist, mit Dir weiter dahin ziehen da Du
sagen wirst: Hier bin Ich zu Hause! – Was meinst du, Bruder, wäre das nicht
eine richtige Antwort?
[GS.01_099,13] Der Prior spricht: Ja, Bruder,
du hast mich aus einem Traume geweckt; du hast recht. Also klingt es auch in
meinem Grunde, und also auch will ich reden vor dem Herrn; denn Er ist mehr
denn alle diese himmlischen Herrlichkeiten!
100. Kapitel – Die himmlische Bestimmung.
[GS.01_100,01] Nun wendet sich der Prior zum
Herrn und spricht: Höre mich allergnädigst an, o Du allmächtiger,
liebevollster, heiliger Vater! Obschon Du auf ein Haar siehst und weißt, wie es
in mir nun aussieht, so aber will ich dennoch reden vor Dir, weil Du es also
wünschest. Was da deinen früheren liebevollsten, heiligen Antrag betrifft, so
bin ich jetzt in keinem Zweifel mehr, als möchtest Du mir und meinen Brüdern
das nicht gewähren, so wir Deinen Antrag angenommen hätten, denn Du bist ja
überall die ewige Liebe, Treue, Wahrheit und Weisheit! Es ist wahr, wenn ich
diese rein himmlischen Engelswesen betrachte, da eines herrlicher und schöner
ist denn das andere, und ist jegliches in seiner Art unübertrefflich – und mein
Herz dazu frage, ob es wohl zufrieden wäre mit solch einer unendlichen Gnade von
Dir, so muß ich mir freilich auf die Brust schlagen und sagen: O Herr! Solch
einer unendlichen Gnade bin ich nicht im geringsten würdig, denn zu himmlisch
großherrlich wäre ein solcher Lohn für einen armseligen, zusammengeschrumpften,
zölibatistischen irdischen Faulenzer. Denn fürwahr, im von Dir aus gesegneten
Besitze einer solch rein himmlischen Ehehälfte oder ewigen Lebensgefährtin
müßten allenfalls die Erdjahre, wenn sie hier gang und gäbe wären, ja gerade so
vorüberhüpfen, wie muntere Heuschrecken an einem heißen Sommertage. Und von
einer Langweile für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten könnte bei solchen nahe
überhimmlischen Bewandtnissen wohl keine Rede sein.
[GS.01_100,02] Aber, o Herr und Vater, ich
sage ein großes Aber! Siehe, es ist schwer, vor Dir zu reden, besonders in
solch einem Falle, wo man sich von Dir aus in einer doppelten Klemme zu
befinden wähnt. Denn mit solch einem Lohne sich dadurch unzufrieden gegen Dich
stellend, daß man denselben etwa einer höheren Seligkeit wegen ablehnen würde, kommt
mir wenigstens vor, daß man sich gegen Deine unendliche Güte offenbar gröblich
versündigen müßte. Denselben begierlichst und bereitwilligst annehmen würde
ebensoviel heißen als sich desselben würdig fühlen, was bei unsereinem doch
ewig nie der Fall sein kann. Daneben aber drängt sich dann auch eine innere
geheime Frage auf, die da, wenigstens bei mir, also lautet:
[GS.01_100,03] Siehe, zwei Güter stehen hier
vor dir, ein himmlisch herrliches, nämlich dieser Himmel, und ein unendliches,
nämlich Du, o Herr, Selbst! Wenn es dir, du armer Sünder (so klingt es in mir)
zwischen diesen zwei Gütern zu wählen frei stünde, da muß ich offenbar
bekennen, sei es jetzt Eigennutz oder sei es, was es wolle, da muß ich sagen:
Herr, ich bleibe bei Dir und lasse aus Liebe zu Dir diesen überaus herrlichen
Himmel, und wenn es noch viel herrlichere gäbe, wie dieser da ist, samt diesem
allem fahren, freilich wohl vorausgesetzt, daß Dir, o Herr, so eine Wahl von
meiner sündigen Seite angenehm ist. Denn ich möchte dadurch vor Dir, o Herr und
Vater, nicht ans Licht gestellt haben, als wäre ich mit solch einem Himmel etwa
unzufrieden. Oh, das sicher nicht, sondern ich würde Dich dafür nach aller
meiner Kraft ewig loben, lieben und preisen als der Allerunwürdigste einer
solchen unendlichen Gnade!
[GS.01_100,04] Aber, o Herr, es ist schon
wieder das Aber hier. Ich will damit nur so viel sagen: Wenn Du, o
liebevollster Vater, etwa nicht also, wie Du jetzt hier bist, für immer hier
verbleiben möchtest; wenn man Dich vielleicht hier zu höchst seltenen Malen zu
sehen bekäme, da möchte ich mit Dir doch ums Endlosfache lieber in dem
abgelegensten Winkel des ganzen unendlichen Himmels alle Ewigkeit zubringen,
als hier nur eine Stunde ohne Dich, o Du heiliger, liebevollster Vater!
[GS.01_100,05] Nun spricht der Herr: Nun gut;
Ich habe aus dem Grunde deines Lebens vernommen und ersehen, daß deine Liebe zu
Mir gerichtet ist und du wie auch deine Brüder Mir diese große himmlische
Herrlichkeit zu einem angenehmen Opfer dargebracht haben und sage euch demnach,
daß ihr eben durch dieses Opfer euch dieses herrlichen Himmels würdig gemacht
habt. Für dich und deine Brüder ist hier die von Mir aus gesetzte Bestimmung;
und daher könnet ihr auch nun sorglos wählen nach eurer freien Herzenslust. Ein
jeder von euch hat einen solchen herrlichen Palast zu übernehmen, und zu nehmen
ein ihm vollkommen wohlgefälliges Himmelsweib und hat dann als Herr eines
solchen Gutes keine andere Verpflichtung über sich, als fürs erste Mich als den
Herrn und Vater ewig anzuerkennen und zu lieben und dann aber die nicht selten
hier anlangenden armen neuen Ankömmlinge aufzunehmen, zu bewirten, zu bekleiden
und sie durch liebevolle Unterweisung Mir, dem Vater, näherzubringen.
[GS.01_100,06] Frage nicht, ob Ich beständig
hier sichtbar so wie jetzt oder nicht sichtbar hier verbleiben werde; denn ob
ich sichtbar oder nicht sichtbar bin, so bin Ich aber dennoch allzeit
vollkommen gegenwärtig. Und wenn du diese Sonne hier ansehen wirst, dann denke,
darinnen wohnt dein Vater. Und diese Sonne, welche so sanft diese Gegend
erwärmt und alles so herrlich erleuchtet, geht hier nie unter, und du wirst sie
allzeit sehen und das Antlitz deiner Liebe nimmer abwenden von ihr.
[GS.01_100,07] Wann immer du Mich aber in der
höchsten Liebe zu Mir werktätig ergreifen wirst, da werde Ich auch alsbald so
wie jetzt bei dir wie bei deinen Brüdern persönlich wesenhaft sichtbar da sein.
[GS.01_100,08] In deinem neuen Hause in
diesem Himmel aber wirst du eine weiße Tafel finden. Diese beschaue von Zeit zu
Zeit nach Umstand deiner Liebetätigkeit, so wirst du darauf Meinen Willen
kundgetan erschauen.
[GS.01_100,09] Das Weib aber, das Ich dir
hier geben werde, liebe also wie dich selbst. Sei eins mit ihr, auf daß du mit
ihr darstellest einen vollkommenen Menschen, welcher ist in dem vollkommenen
himmlischen Wahren und Liebtätigkeitsguten. – In diesem Weibe wirst du fühlen
die Macht deiner Liebe zu Mir und das Weib die Macht Meiner Weisheit in Dir;
und so werdet ihr sein wie eins in Meiner ewigen Liebe und Weisheit. Der
höchste Grad eurer Wonne wird dann sein, wann immer ihr in der Liebe zu Mir
völlig eins werdet.
[GS.01_100,10] Du sollst hier nicht sorgen um
die Nahrung noch um was immer für ein anderes Bedürfnis, denn für alles das ist
hier von Mir schon für alle Ewigkeiten gesorgt. Denn es ist ein Reich, welches
Ich von Anbeginn denen bereitet habe, die Mich lieben, es ist das große,
heilige Erbe an alle Meine Kinder, welches Ich ihnen bereitet habe am Kreuze!
Daher nehmet es von Mir als dem alleinigen Geber aller guten Gaben an und
genießet dessen übergroße Herrlichkeiten und Schätze fürder und fürder
ewiglich.
[GS.01_100,11] Ihr sollet nicht altern in
diesem Reiche, sondern ihr sollet seliger und seliger werden und stets
kräftiger und jugendlicher und herrlicher! Solches also ist euer wohlgemessenes
seliges Los. Daher gehet hin, wählet euch die ewigen Lebensgefährtinnen, damit
Ich euch segne zur ewigen, endlosen Seligkeit! –
[GS.01_100,12] Sehet, unser Prior wird
beinahe schwindelig bei dieser wonnevollsten Seligkeit. Vor lauter
Schüchternheit getraut er sich samt seinen Brüdern kaum seinen Fuß von der
Stelle gegen die harrenden himmlischen Jungfrauen zu setzen. Aber der Herr gibt
den Jungfrauen einen Wink, und sie eilen hin, und eine jede reicht dem ihr
Bestimmten einen strahlenden Palmzweig hin. Mit der Annahme des Palmzweigs aber
verwandeln sich auch die früher noch etwas ordinären Kleider der Mönche in
entsprechende himmlische, und der Herr segnet sie nun, und sie alle fallen auf
ihre Angesichter nieder und loben und preisen Ihn für solche unermeßliche
Gnade.
[GS.01_100,13] Aber sehet, dort im
Hintergrunde der Mönche und Laienbrüder, welche hier den Mönchen ganz gleich
sind, steht noch ein Laienbruder ohne Weib und Palmzweig, etwas traurig
zusehend, wie da seine Brüder alle samt und sämtlich sind versorgt worden. Nur
für ihn ist eine Jungfrau zu wenig bedacht worden, auch seine Kleider haben
sich noch nicht verändert, daher er noch immer in seinem zwilchartigen Rocke
erscheint. Was wird denn mit diesem nun geschehen? Wir wollen die Sache
abwarten, denn der Herr wird seiner sicher nicht vergessen.
[GS.01_100,14] Sehet aber nun, der Herr
spricht zu den himmlisch Vermählten: Also lasset euch, Meine lieben Brüder,
nach Hause geleiten von euren himmlischen Ehegenossinnen, und ein jeder nehme
an Ort und Stelle den vollkommenen Besitz des von Mir ihm bereiteten ewigen
Gutes!
[GS.01_100,15] Unsere nun himmlischen
Eheleute erheben sich, und der Prior bemerkt leidweslich unseren armen
Laienbruder, wie dieser bei dieser Gelegenheit leer ausgegangen ist, wendet
sich darob sogleich an den Herrn und spricht: O Herr, Du allerliebevollster,
bester Vater! Ich kann Dich nicht genug loben und preisen für die Gnade, die Du
uns allen erwiesen hast. Aber sieh, es ist dort im Hintergrunde ein armer
Bruder noch ohne Weib und Gewand, mich dauert er überaus. O Herr, wenn es dir
angenehm wäre, so möchte ich ihm lieber mein Gewand und mein Weib abtreten, als
ihn so verwaist hier sehen müssen. Ich weiß zwar wohl, daß Deine unendliche
Vatergüte für ihn schon bestens gesorgt hat; aber da ich auch von Dir aus ein
liebendes und mitleidiges Herz habe, so muß ich dir offenbar gestehen: Wenn ich
diesen armen Bruder nicht mir gleich selig wüßte, so möchte ich in Deinem
allerheiligsten Namen lieber selbst mehrere tausend Jahre auf alle diese
Seligkeit Verzicht leisten, als ihn nur einige Tage weniger selig zu wissen
denn mich selbst.
[GS.01_100,16] Der Herr spricht: Möchtest du
wirklich dein Weib und dein Gewand und dein himmlisch Gut an diesen Bruder
abtreten?
[GS.01_100,17] Der Prior spricht: Ja, o Herr,
auf der Stelle, und wenn ich auch selbst allein zurück müßte in mein früheres
Blindkloster.
[GS.01_100,18] Der Herr beruft den armen
Laienbruder zu Sich und spricht zu ihm: Siehe, du bei dieser Gelegenheit etwas
zu kurz gekommener Bruder dieser Gesellschaft, dein Bruder hier hat dich
verwaist erblickt und sich deiner erbarmt also, daß er dir seinen Teil aus
Liebe zu Mir und dir abtreten will; bist du damit zufrieden?
[GS.01_100,19] Der arme Laienbruder spricht:
O Herr! Was mich betrifft, so bin ich schon überseligst zufrieden, wenn ich nur
hier auf diesem Punkte ewig darf sitzenbleiben und, Dich lobend und preisend,
anschauen diese himmlischen Herrlichkeiten. Ich bin in diesem Falle überseligst
zufrieden, wenn Du, o Herr, mir gestatten möchtest, in aller dieser meiner
Dürftigkeit als ein allergeringster Diener im Hause eines der geringsten meiner
Brüder zu sein, die Du, o Herr und Vater, zu Deinen himmlischen Bürgern für
ewig gesegnet hast. Denn ich war ja auch auf der Erde der allerletzte im
Kloster, der dem Kloster wenig genützt hat, sondern alle meine Tätigkeit war
nichts als ein Almosen von seiten Deiner höheren Diener dieses Klosters, damit
es doch nicht gänzlich das Ansehen hatte, als sollten sie mich als einen
allerbarsten Faulenzer in ihrem Kloster bekleiden und ernähren. Also hatte ich
ja durchaus nie etwas Verdienstliches auch nur um den geringsten Lohn gewirkt.
Wie sollte ich demnach hier einen dieser meiner viel besseren Brüdern gleichen
Lohn erwarten können?
[GS.01_100,20] Der Herr spricht zum Prior:
Nun, mein lieber Freund und Bruder! Was ist da zu machen? Siehe, dieser dein
Bruder nimmt deinen Antrag auf keinen Fall an; was willst du nun tun?
[GS.01_100,21] Der Prior spricht: O Herr und
Vater! Da laß mich an ihm meine erste Bruderpflicht üben im Himmel. Ich will
ihn aufnehmen in das von Dir mir geschenkte Haus, ihn dort mir gleich halten
und ihn setzen wie zu einem Herrn über alle die Güter, die mir nun Deine Liebe,
Gnade und Erbarmung beschert hat.
[GS.01_100,22] Der Herr spricht: Da habe Ich
wieder einen ganz anderen Plan. Weil du und dieser dein Bruder euch gegenseitig
aus Liebe zu Mir habt ganz und gänzlich gefangennehmen lassen, so nehme auch
Ich euch in Meiner Liebe gänzlich gefangen. Die Brüder hier, die sich schon mit
ihren himmlischen Gattinnen in ihre Wohnungen zu ziehen angefangen haben, diese
segnen wir. Du, dein Weib und dieser Bruder aber ziehet mit Mir dorthin, wo Ich
ewig in dem allerhöchsten Himmel unter Meinen Kindern zu wohnen pflege!
[GS.01_100,23] Sehet, der Prior, sein Weib
und der Bruder fallen vor zu unendlich großer Entzückung vor dem Herrn nieder.
Der Herr aber stärkt sie, erhebt sie und spricht: Nun, Meine Kindlein, folget
Mir in Mein Haus! Sehet, sie ziehen, unbemerkt von den anderen Brüdern, dem
ewigen, heiligen Morgen zu. Endlos weitgedehnte Reihen seliger Brüder begrüßen
von allen Seiten diesen kleinen Zug und preisen den Herrn ob Seiner unendlichen
Güte, Liebe und Erbarmung. Ziehen aber auch wir ihnen nach, damit wir auch die
Einwohnung dieser drei neuen Himmelsbürger ersehen mögen!
101. Kapitel – Führen, Ziehen und Tragen in
geistiger Bedeutung.
[GS.01_101,01] Ich merke, in euch steckt eine
geheime Frage, welche also lautet: Bezüglich der höchst erfreulichen Wendung
des Priors waltet eine kleine Dunkelheit ob, hinsichtlich deren es sich darum
handelt, die Sache des Priors vom eigentlichen, wohlerleuchteten Hauptzentrum
zu fassen und richtig zu begreifen. – Der Herr hat ehedem ohne irgendeine
vorbestimmende Bedingung dem Prior das Weib und himmlische Gut zugesagt und ihn
gleich den anderen zu dem Behufe auch vollkommen gesegnet, ihm dabei auch ohne
einen bedingenden Rückhalt seine Bestimmung und sein himmlisch amtliches Los
ganz bestimmt vorgezeichnet, also wie Er es all den Übrigen vorgezeichnet hat.
Er hat ihm wie den anderen die bestimmt göttlich himmlische Weisung gegeben,
wie sie mit ihren himmlischen Engelsweibern zu leben haben und zeigte es ihm
auch gleich den anderen an, daß Er allzeit persönlich wesenhaft jedem sobald
erscheinen wird, sobald Ihn einer oder der andere mit aller Macht und Stärke
seiner Liebe erfassen wird. In allen diesen himmlischen Verordnungen gibt der
Herr dem Prior auch nicht den leisesten Wink, als hätte Er irgendeine sobald
folgende höhere Absicht mit ihm.
[GS.01_101,02] Wie kommt es denn nun, daß es
auf einmal für den Prior mit der klar gesetzten Bestimmung ein Ende hat, und er
und sein Weib bekommen ihr vom Herrn in diesem Himmel bestimmtes Gut nicht
einmal zu sehen, sondern werden sogleich vom Herrn in den allerhöchsten Himmel
geführt?
[GS.01_101,03] Dieses ist etwas schwer zu
begreifen, weil der Herr vorher, zufolge der bereitwilligen Annahme des Lohnes,
sie alle samt dem Prior gesegnet und somit durch diesen Segen Seinen göttlich
festen Willen mit den Beseligten, das heißt mit dem freien Willen der
Beseligten vollkommen übereinstimmend ausgesprochen hat.
[GS.01_101,04] Wenn Menschen so schnell einen
Plan wechseln, so ist solches wohl gar leicht aus der Unvollkommenheit ihrer
Erkenntnis zu erklären. Aber von der göttlich allerweisesten Seite ist solches,
wie gesagt, etwas schwer zu begreifen, da der Herr doch sicher ganz bestimmt weiß,
was es ist, darüber Er Sich höchst willensbestimmt ausspricht.
[GS.01_101,05] Liebe Freunde und Brüder,
sehet, eure geheime Frage ist auf bedeutende Doppelschrauben gestellt, aber
dennoch läßt sich die Sache gar wohl vermitteln; denn darum ist auch eben diese
Begebenheit so geleitet, damit ihr an derselben einen kleinen fruchtbringenden
Anstoß nehmen sollet.
[GS.01_101,06] Wenn ihr zurückdenket an jene
Begebenheit im Kloster, als nach der Erlösung der seelenschlafenden Brüder
hinter der Kluft unser Prior, wie kein anderer neben ihm, seinen noch
unbekannten Mann aus übergroßer Liebe und Dankbarkeit umfassen und ihn zum
Tische hintragen wollte. Wenn ihr euch erinnert, wie der schlichte Mann solches
ablehnte und im Verlaufe der Ablehnungsrede ein gewisses geheimnisvolles
„Vielleicht“ ausgesprochen hat, durch welches Er dem Prior gewisserart zu
verstehen gab, als hätte dieser Ihn schon einmal in seinen Händen getragen, so
wird es bei einer gewissen näheren Betrachtung dieser Szene nicht gar zu schwer
werden, diese jetzige Begebenheit zu begreifen.
[GS.01_101,07] Die Sache mag euch wohl im
Anfang etwas stutzen machen, aber bei uns im himmlischen Geisterreiche ist
nicht immer da eins, zwei, drei, wo es bei euch auf der Erde so ist. Ihr
dürftet aber auf der Erde dann und wann siebzig, dreihundert, fünfzehn zählen,
und das wird bei uns dann eins, zwei, drei sein.
[GS.01_101,08] Noch mehr beleuchtet: Ein
Mensch lebt auf der Erde in einem südamerikanischen Länderteile, ein anderer in
einem Winkel von Sibirien. Diese zwei sind in naturmäßiger Hinsicht weit
auseinander, aber nicht so in geistiger. Denn da können sie füglich sein wie
eins und zwei, also fest nebeneinander.
[GS.01_101,09] Betrachten wir aber nun, was
der Herr dem Prior durch das ominöse „Vielleicht“ bezüglich seiner Tragung im
Grunde des Grundes hat sagen wollen, so wird uns unsere Sache sogleich
zusammenhängender und klarer erscheinen. Was also wollte der Herr dem Prior
damit gesagt haben? Höret! Der Herr wollte dem Prior dadurch gesagt haben:
[GS.01_101,10] Du meintest auf der Erde, Mich
in deiner Brotesgestalt in deinen Händen getragen zu haben. Da hast du Mich
aber nicht getragen. Aber du hast Mich mehrere Male ganz insgeheim in deinem
Herzen getragen und glaubtest aber nicht völlig, Mich da zu tragen. Ich aber
sage dir, daß du Mich eben da dennoch allein richtig getragen hast. – Nun
sehet, bei solchen Bewandtnissen setzte der Herr das noch unerklärte
„Vielleicht“, weil in dem Prior noch keine vollkommene Bestimmtheit bezüglich
der unendlichen Liebe, Erbarmung und Sanftmut des Herrn vorhanden war. Darum
gab Er ihm auch zu verstehen, daß, so es auf das Tragen ankäme, leichter und
eher Er den Prior, denn der Prior Ihn tragen würde.
[GS.01_101,11] Nun aber habet wohl acht! Es
liegt zwischen den drei Ausdrücken: „führen“, „ziehen“ und „tragen“ im Reiche
des Geistigen ein bedeutender Unterschied, welcher darin besteht: Wenn die
Menschen vom Herrn geführt werden, so überkommen sie dadurch das Licht des
Glaubens und gehen dadurch ein in den untersten Himmel.
[GS.01_101,12] Wenn die Menschen vom Herrn
gezogen werden, so heißt das soviel als: Die Liebe des Vaters hat sich über
diese Menschen ergossen, und sie werden in die Liebe des Vaters aufgenommen,
oder sie kommen in den zweiten Himmel, der da besteht aus dem Glaubenswahren
durch das Licht der tätigen Liebe zum Herrn und daraus zum Nächsten.
[GS.01_101,13] Wenn es aber heißt: Die
Menschen werden vom Herrn getragen, so drückt das schon einen vollkommenen,
kindlichen Zustand der Menschen aus, welche ganz und gar in die Liebe zum Herrn
übergegangen sind, so daß sie Ihm auch den allerletzten Tropfen ihrer wenn noch
so gedemütigten Eigenliebe in der allergrößten Selbstverleugnung zum Opfer
dargebracht haben. Dadurch sind sie dann auch die eigentlich allerwahrhaftigsten
Kinder Gottes und werden von Ihm als ihrem ewig allein wahren Vater in den
allerhöchsten reinen Liebehimmel aufgenommen.
[GS.01_101,14] Wenn ihr nun diese
Unterschiede ein wenig beachtet, so wird euch die von euch beanstandete
Erscheinung bezüglich der abgeänderten Bestimmung des Priors sicher nicht mehr
so unvorbereitet erscheinen, als sie euch auf den ersten Augenblick erschien.
Zudem aber hat der Herr in das vielsagende und vielumfassende „Vielleicht“ auch
schon diese Erscheinung mit hineingesetzt.
[GS.01_101,15] Er hat damit verhülltermaßen
nichts anderes sagen wollen als das: Ich werde dir eine Bestimmung geben
vollkommen nach deiner freien Wahl, werde aber dabei bedacht sein darauf, daß
du Mich dereinst getragen hast in deinem Herzen. Ich werde ganz unvorbereitetermaßen
unter deinem Gesichtspunkte dir am völligen Abschnitte deiner ewigen Bestimmung
eine kleine Gelegenheit verschaffen, durch welche es sich von dir freiheraus
zeigen soll, inwieweit du Mich getragen hast und noch trägst in deinem Herzen,
und inwieweit Ich dich dann dafür auch tragen werde. Ich aber will in solcher
Periode Mein Auge ein wenig vor dir schließen, damit du ganz vollkommen frei
aus dir handeln sollest. Nach der Handlung aber werde Ich dich erst ansehen und
dich entweder segnen für deine himmlische Bestimmung, oder Ich als dein
heiligster, liebevollster Vater werde dich auf Meine Hand nehmen und dich
tragen als ein vollkommenes Kind in Meine Wohnstadt! –
[GS.01_101,16] Sehet, nun hätten wir schon so
ziemlich alles beisammen und brauchen daher nichts anderes mehr als die ganze
Erklärung auf diese Begebenheit nur ganz oberflächlich anzupassen und eure
ganze Frage ist beantwortet.
[GS.01_101,17] Unser Prior hatte all seinen
Brüdern gleich die vollkommene Bestimmung erreicht, welche auch vom Herrn
vollkommen klar ausgesprochen ward. Warum denn? Damit der Prior in seiner
Liebtätigkeitssphäre einen desto freieren Spielraum bekommen sollte, indem er
durchaus auch nicht eine leiseste Ahnung hatte, welchen Plan der Herr noch mit
ihm vorhabe.
[GS.01_101,18] Darum mußte sich aber denn
auch wie zufällig ein armer, vom Herrn schon gar lange zu dem Behufe
auserlesener Laienbruder wie ganz stiefmütterlich behandelt im Hintergrunde
vorfinden, welcher zwar an und für sich schon ohnehin für den obersten Himmel
bestimmt war, aber hier sich noch unbewußtermaßen dennoch zu einem ganz
tüchtigen Probiersteine der wahren Liebe zum Herrn und daraus zum Nächsten für
den Prior hat müssen gebrauchen lassen. Der Herr wandte bei dieser Szene Sein
allwissend und allsehend Auge ab und überließ dem Prior die vollkommen freieste
eigene Liebtätigkeitshandlung. Der Prior, der einstens den Herrn im Herzen
getragen hat, ward in sich nun erst völlig daraus gestärkt, fand sich in der
vollkommenen Liebe zum Herrn und in der völligsten Verleugnung seiner selbst.
[GS.01_101,19] Da sieht ihn der Herr an,
ändert Seinen geheimen ewig allerweisesten Plan nach der freien Handlung des
menschlichen Geistes, und der Erfolg liegt vor unseren Augen. Näheres werden
wir am erhabensten Orte und an der heiligsten Stelle gemeinsam erfahren. –